{"id":2228,"date":"2019-09-01T09:05:12","date_gmt":"2019-09-01T09:05:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freefairandalive.org\/?p=2228"},"modified":"2020-01-06T10:00:00","modified_gmt":"2020-01-06T10:00:00","slug":"mailab-an-der-spieltheorie-des-lebens-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/mailab-an-der-spieltheorie-des-lebens-gescheitert\/","title":{"rendered":"maiLab: An der Spieltheorie des Lebens GESCHEITERT"},"content":{"rendered":"<p>An manchen Tagen sinniere ich dar\u00fcber, mir<a href=\"https:\/\/saschalobo.com\/\"> einen Irokesen zu frisieren<\/a>oder die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4Y1lZQsyuSQ\">Haare blau zu f\u00e4rben<\/a>, mein Sprechtempo zu verdoppeln oder nur noch in Zebrastreifenoptik aufzutreten. Als ich mir gestern die Klickzahlen des<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IIpbgWyPsWQ&amp;t=7s\"> Mailab Videos <\/a>zur so genannten \u201eTragik* des Gemeinguts\u201c vergegenw\u00e4rtigt habe, war so ein Tag.<\/p>\n<p>Im Video erz\u00e4hlt der neue Star am Himmel des Wissenschaftsjournalismus\u2018, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mai_Thi_Nguyen-Kim\">Mai Thi Nguyen-Kim,\u00a0<\/a>von der \u201eSpieltheorie des Lebens\u201c. Selbst jenen, die das<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-12330 alignright\" src=\"https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=217&amp;h=122\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" srcset=\"https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=217&amp;h=122 217w, https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=434&amp;h=244 434w, https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=150&amp;h=84 150w, https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=300&amp;h=169 300w\" alt=\"Coverbild_16zu9\" width=\"217\" height=\"122\" data-attachment-id=\"12330\" data-permalink=\"https:\/\/commons.blog\/2019\/08\/26\/mailab-an-der-spieltheorie-des-lebens-gescheitert\/coverbild_16zu9\/#main\" data-orig-file=\"https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png\" data-orig-size=\"1920,1080\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Coverbild_16zu9\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=300\" data-large-file=\"https:\/\/commonsblog.files.wordpress.com\/2019\/08\/coverbild_16zu9.png?w=461\" \/>Video nicht abspielen, dr\u00e4ngt sich die Hauptaussage in maiLab-typischen Gro\u00dflettern auf: GEMEING\u00dcTER GESCHEITERT. Schon vor Anpfiff steht es also 1:0 f\u00fcr\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Garrett_Hardin\">Garrett Hardin<\/a>.<\/p>\n<p>Nach dem Anpfiff werden die Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer zun\u00e4chst in die Welt der Alltagsbeispiele geholt.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00d6ffentliche<\/em> Toiletten sind immer, immer ekelhaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bingo. Aufmerksamkeit. Dreckige Klos! Die ursympatische Mai vermutet mit Verve ein \u201ephysikalisches Gesetz\u201c dahinter. Ab jetzt hoffe ich, dass die Leute l\u00e4nger als 7 Minuten durchhalten. Andernfalls pr\u00e4gt sich eine einzige stark vereinfachte Botschaft ein: Das Scheitern des Gemeinguts ist NATURGESETZ!<\/p>\n<p>Im youtube-Sprech des maiLab:<\/p>\n<blockquote><p>Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Trag\u00f6die des Gemeinguts \u2019ne ziemlich sichere Kiste.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir befinden uns kurz nach der H\u00e4lfte der Spielzeit. 2:0 f\u00fcr Hardin. Mai braucht f\u00fcr ihre Spielz\u00fcge weder Iro oder Zebrastreifenoptik. Sie setzt den Text verbal und gestisch eindrucksvoll in Szene.<\/p>\n<blockquote><p>Niemand schmei\u00dft zu Hause M\u00fcll in den Garten \u2026 und trotzdem ist <i>praktisch unvermeidbar<\/i>, dass sich <em>\u00f6ffentliche<\/em>Gel\u00e4nde nach einem Festival in gro\u00dfe M\u00fcllhalden verwandeln. (eigene Herv.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Verm\u00fcllte Landschaften liefern die geeigneten Hintergrundbilder. Nat\u00fcrlich sind das keine Aufnahmen von \u201eGemeing\u00fctern\u201c (Commons, Allmenden), bei denen das Gemeinsame im Mittelpunkt steht, sondern von irgend etwas <em>\u00d6ffentliche<\/em><em>m<\/em>.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt ist klar: Hier werden nicht nur Tore geschossen, hier kommt auch die Hardinsche Strategie zum Zug. Ob bewusst oder unbewusst? Fakt ist, dass eine\u00a0<a href=\"https:\/\/keimform.de\/2011\/die-ideologie-der-tragik-der-gemeingueter\/\">so wirkm\u00e4chtige wie ideologische Metapher<\/a>aktiviert wird, die seit zweieinhalbtausend Jahren in unterschiedlichem Gewand durch die Kulturgeschichte der Menschheit wabert; eben jene der <i>Tragik der Allmende<\/i>. Die\u00a0 funktioniert pikanterweise nur dann, wenn Einiges durcheinander geworfen wird.<\/p>\n<p>Wer genau hinh\u00f6rt, wird das rasch merken. Das maiLab-Video besch\u00e4ftigt sich <em>nicht<\/em> mit Gemeing\u00fctern. Die Rede ist vom \u00d6ffentlichen! Oder von Situationen, in denen die Dinge nicht geregelt sind \u2013 wie ein frei zug\u00e4ngliches Schlaraffenland, in dem sich alle nach Gutd\u00fcnken bedienen ohne miteinander kommunizieren zu m\u00fcssen. So manch spieltheoretischer Laborversuch wird lebensfern konzipiert \u2013 darunter das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96ffentliche-G%C3%BCter-Spiel\">\u00d6ffentliche G\u00fcter Spiel<\/a>, mit dem auch hier die Beweiskette beginnt.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst steht es 3:0, 4:0, 5:0 f\u00fcr Hardin.<\/p>\n<p>Und ich begreife, dass <a href=\"https:\/\/commons-institut.org\/\">wir auch alle gemeinsam<\/a> nicht gegen diese\u00a0 grobschl\u00e4chtigen Argumentationsschneissen ankommen, die hier in die K\u00f6pfe von Hunderttausenden geschlagen werden. Egal wie oft wir sagen, schreiben und nachweisen: Dort, wo es Commons-Gemeingut-Allmende gibt, wo Dinge gemeinschaftlich hergestellt, genutzt und bewirtschaftet werden, geht es nicht zu wie auf \u00f6ffentlichen Toiletten und auch nicht wie im Schlaraffenland. Eher wie bei einem gemeinsames Picknick, f\u00fcr das alle Verantwortung \u00fcbernehmen und zu dem alle Beteiligten beitragen (was nicht hei\u00dft, dass ich unbedingt die gr\u00f6\u00dften Leckerbissen abbekomme).<\/p>\n<p>Menschen sind in der Lage, ihre eigenen Regeln zu bestimmen. Sie verabreden die gemeinsame und dauerhafte Nutzung. <strong>Es gibt kein Naturgesetz des Scheiterns des Gemeinguts!<\/strong> Das hat die bisher einzige weibliche <a href=\"https:\/\/keimform.de\/2009\/nobelpreis-fuer-die-commons\/\">Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4gerin<\/a> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elinor_Ostrom\">Elinor Ostrom<\/a> anhand unz\u00e4hliger Beispiele \u00fcberall auf der Welt <a href=\"http:\/\/www.keimform.de\/2009\/06\/29\/wann-klappt-selbstorganisation\/\">empirisch best\u00e4tigt<\/a>. In den Fu\u00dfnoten zum Video wird sie immerhin erw\u00e4hnt (im Duell Ostrom \u2013 Hardin, das ja real war, Briefwechsel und so, sitzt Ostrom quasi nur auf der Ersatzbank.)<\/p>\n<p>Hardins Tragik ist eine <a href=\"https:\/\/keimform.de\/2011\/die-ideologie-der-tragik-der-gemeingueter\/\">\u00bbTragik des Niemandslands\u00ab, <\/a><a href=\"https:\/\/keimform.de\/2011\/die-ideologie-der-tragik-der-gemeingueter\/\">also einer Sache, um die es <\/a><em><a href=\"https:\/\/keimform.de\/2011\/die-ideologie-der-tragik-der-gemeingueter\/\">keine<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/keimform.de\/2011\/die-ideologie-der-tragik-der-gemeingueter\/\"> Absprachen und Nutzungsregeln gibt<\/a> wie es Commons gerade auszeichnet. Hardin selbst hat zugeben m\u00fcssen, dass der Titel seines Essays mindestens irref\u00fchrend war. Ein paar Jahre sp\u00e4ter schob er: \u201e<i>The Tragedy of the Unmanaged Commons\u201c <\/i>hinterher. Aber das wiederum ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oxymoron\">Oxymoron<\/a>. <i>Unmanaged Commons<\/i> sind keine Commons. Punkt.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, dass <a href=\"https:\/\/pub.uni-bielefeld.de\/download\/1783025\/2314100\/OCT3444.pdf\">Hardin Malthusianer war<\/a>, wird M\u00fche haben, ihm nicht eine bewusste Diskreditierung der Commons <em>und<\/em> der <i>common people<\/i>, der einfachen Leute zu unterstellen. Tats\u00e4chlich vertritt er in seiner \u201e<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lifeboat_ethics\">Lifeboat Ethics<\/a>\u201c (die <i>d<\/i><i>as-Boot-Ist-Voll<\/i> Metapher ist hier zu Hause), allen Ernstes die These, dass es ethisch sei, die \u201eDritte Welt\u201c den Bach runtergehen zu lassen, damit wenigstens der entwickelte Teil der Menschheit \u00fcberlebe.<\/p>\n<p>Es ist eine unselige, geistesgeschichtliche Tradition, die hier fortgeschrieben wird. Deswegen ist Vorsicht geboten oder zumindest ein sch\u00e4rferer analytischer Blick n\u00f6tig, wenn man sich dieser Rhetorik bedient.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens scheitert auch die allf\u00e4llige Beschreibung, dass \u201eGemeingut etwas ist, das uns allen geh\u00f6rt bzw. f\u00fcr uns alle da ist\u201c, daran, dass sich konkretes Leben anders abspielt. Wir trinken nicht alle von derselben Quelle. Wir bearbeiten nicht alle dasselbe Land. Wir brauchen nicht alle dieselben B\u00fccher. <i>Alle<\/i> versus <i>niemand<\/i> geh\u00f6rt zu eben jenen Dichotomien, die uns die Sinne f\u00fcr das Potential vernebeln, was jenseits dieser Dichotomien liegt. Es geht nicht bei jedem Gemeingut um <i>alle<\/i>. Auch deswegen sind <i>\u00f6ff<\/i><i>entlich<\/i> und <i>gemein\/gemeinsam<\/i> nicht dasselbe. Nicht in der wirtschaftswissenschaftlichen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Commons#G%C3%BCtertheorie\">G\u00fctertheorie<\/a> und nicht in der Wirklichkeit. Und deswegen ist die vermeintlich \u201eunvermeidbare\u201c \u201eTrag\u00f6die des Gemeinguts\u201c nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Ein Mantra, das immer und immer wieder wiederholt wird, weil es <em>einer<\/em> Idee folgt, statt die Realit\u00e4t abzubilden.<\/p>\n<p>Stellen wir uns f\u00fcr einen kurzem Moment vor, wir nutzten eine andere Spielstrategien und einen anderen Fokus. Es w\u00fcrde nicht die \u201eWissenschaft des Scheiterns\u201c in den Mittelpunkt gestellt (dies immer und immer wieder zu tun, scheint mir die tats\u00e4chliche Tragik des Gemeinsamen,), sondern die unz\u00e4hligen <strong>Praktiken des Gelingens<\/strong>. Stellen wir uns vor, wir h\u00f6rten von der Comedy of the Commons, die uns vor dem Marktversagen rettet (Klimanotstand, war da was?). Das Publikum w\u00fcrde dann jedenfalls nicht aufgefordert (sic!), die jeweils<\/p>\n<blockquote><p>\u201epers\u00f6nlichen Trag\u00f6dien des Gemeinguts in die Kommentare zu schreiben\u201c (Min. 12\u201857).<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielmehr w\u00fcrden wir alle gebeten zu beschreiben, wo Regeln selbstbestimmt gestaltet sind, Entscheidungsprozesse gemeinstimmig stattfinden und Konflikt beziehungswahrend bearbeitet werden. Und dann entst\u00fcnde ein maiLab Video \u2013 ganze 15 Minuten lang.<\/p>\n<p>5:1, 5:2, 5:3, 5:4 Ausgleich!<\/p>\n<p>Das Coole an diese Thema sei, sagt Mai, wer sich einmal damit besch\u00e4ftigt habe, s\u00e4he die \u201eTrag\u00f6die des Gemeinguts\u201c \u00fcberall. Ich sage etwas \u00c4hnliches nur mit anderem Vorzeichen: Das Coole an den Commons ist, dass, wer die Commons-Brille einmal aufhat, sie nicht mehr absetzen kann und \u00fcberall Wege sieht, diese sogenannte \u201eTragik\u201c zu verhindern.<br \/>\nIch freue mich auf das n\u00e4chste Video, liebe Mai.<\/p>\n<div class=\"rg_ilmbg\"><\/div>\n<p>* Trag\u00f6die ist das literarische Genre, Tragik die <em>tragedy<\/em>, von der hier die Rede ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Crossposted from <a href=\"https:\/\/commons.blog\/2019\/08\/26\/mailab-an-der-spieltheorie-des-lebens-gescheitert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Commons.blog<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An manchen Tagen sinniere ich dar\u00fcber, mir einen Irokesen zu frisierenoder die Haare blau zu f\u00e4rben, mein Sprechtempo zu verdoppeln oder nur noch in Zebrastreifenoptik aufzutreten. 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