{"id":2226,"date":"2019-08-02T18:23:10","date_gmt":"2019-08-02T18:23:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freefairandalive.org\/?p=2226"},"modified":"2020-01-06T10:26:02","modified_gmt":"2020-01-06T10:26:02","slug":"okologie_politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/okologie_politik\/","title":{"rendered":"\u00d6kologie Politik interviewt Silke Helfrich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unsere Gesellschaft preist sich als demokratisch, frei und offen, doch in Wirklichkeit sind ihre Strukturen ziemlich erstarrt. Negative Entwicklungen zu korrigieren, f\u00e4llt ihr \u00e4u\u00dferst schwer. Dies beruht auf falschen Denkmustern, sagt eine Commons-Vordenkerin. Um diese zu \u00fcberwinden, m\u00fcssen wir vor allem die richtigen Fragen stellen: Fragen nach dem menschlichen Sein. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00d6kologiePolitik: Frau Helfrich, in Ihrem neuen Buch hei\u00dft ein Kapitel \u201eHaben &amp; Sein\u201c. Das erinnert an Erich Fromm. Ist er ein Vordenker der Commons-Bewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Silke Helfrich: In gewisser Weise schon. Sein \u201eHaben oder Sein\u201c hat vielen Menschen die Augen ge\u00f6ffnet und sie in ihrem Denken ma\u00dfgeblich beeinflusst. Mit dem Titel \u201eHaben &amp; Sein\u201c lehnen wir uns da nat\u00fcrlich bewusst an. Doch nat\u00fcrlich entwickeln wir Fromms Gedanken auch weiter.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Fromm arbeitete das Sein vor allem dadurch heraus, indem er die negativen Facetten des Habens genau beschreibt und das Sein dann als positiven Gegenpol aufscheinen l\u00e4sst. Wir jedoch sehen das Haben und das Sein nicht als unvereinbare Gegens\u00e4tze, zwischen denen man sich entscheiden muss, sondern fragen ganz pragmatisch, welche Formen des Habens dem Sein dienlich sind. Wir denken \u00fcber Formen des Habens nach, in denen sich das Sein entfalten kann, indem Beziehungen gest\u00e4rkt und wir nicht voneinander getrennt werden. Schauen Sie sich das Mietsh\u00e4usersyndikat \u00a0an. Das ist ein Verbund von \u00fcber 130 selbst verwalteten Hausprojekten in ganz Deutschland und dar\u00fcber hinaus. Dort wird dieser Gedanke \u00fcber kluge Rechtskonstruktionen umgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Wie ist das \u201eSein\u201c in der Commons-Bewegung definiert? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Wie der Name schon sagt: durch das Gemeinsame, das Verbindende, die Beziehungen \u2013 zu sich selbst, zu unseren Mitmenschen, zur Umwelt, auch zu k\u00fcnftigen Generationen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Je stabiler unsere Beziehungen sind, desto besser f\u00fcr uns, desto lebendiger, menschlicher und sicherer f\u00fchlen wir uns. Deshalb sollten wir das Verbindende betonen und st\u00e4rken. In unserer Gesellschaft geschieht jedoch genau das Gegenteil: Sie betont und st\u00e4rkt das Trennende, versucht alles auf ein bin\u00e4res Entweder-Oder zu reduzieren. Das wird aber der Vielfalt und Komplexit\u00e4t des menschlichen Lebens nicht gerecht.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir diese Fehlentwicklung \u00fcberwinden? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Indem wir immer wieder die Frage stellen: Was brauchen wir wirklich f\u00fcr ein gutes Leben? Aus den Antworten auf diese Frage ergibt sich alles Weitere. Sie muss zur Leitlinie aller Entscheidungen und Gestaltungen werden. Dar\u00fcber hinaus ist zu fragen, ob eine Entscheidung das Verbindende oder das Trennende st\u00e4rkt. Und ob sie zu Selbsterm\u00e4chtigung und zur Erfahrung von Daseinsm\u00e4chtigkeit f\u00fchrt. Deshalb sind Gestaltungsfreiheit und M\u00f6glichkeiten zur Selbstorganisation so wichtig.<\/p>\n<p><strong>Es geht also bei Commons vor allem darum, dass wir uns anders organisieren?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Nicht nur. Es geht auch darum, dass wir anders wirtschaften. Aus Organisationsformen, die nicht darauf ausgelegt sind, Konkurrenzk\u00e4mpfe zu gewinnen, entwickeln sich auch neue Produktionsformen neue Nutzungsm\u00f6glichkeiten. Denken Sie an die Wikipedia im Vergleich zu klassischen Enzyklop\u00e4dien oder an OpenSource Autos.<\/p>\n<p><strong>Was sind die gr\u00f6\u00dften Hemmnisse? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Letztlich die aktuellen Denkmuster. Falsche Denkmuster, falsches Handeln und falsche Politik bedingen und st\u00e4rken sich gegenseitig. Ich versus Wir, Wir versus \u201edie anderen\u201c, Markt versus Staat \u2013 und so weiter. Diese Muster haben sich tief eingegraben in unser Denken und in unseren Alltag. Und sie n\u00e4hren und zementieren die Machtverh\u00e4ltnisse. Da bleiben nicht nur systemische Zusammenh\u00e4nge ausgeblendet, sondern auch viele Akteure und L\u00f6sungen. Es entstehen blinde Flecken. Das l\u00e4sst sich nicht von heute auf morgen \u00fcberwinden. Neue Denkmuster m\u00fcssen zun\u00e4chst kommuniziert, erfasst und einge\u00fcbt werden. Es braucht Zeit, \u201eden Schalter im Hirn umzulegen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Wof\u00fcr braucht es diese Zeit genau? <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcrs Experimentieren und Justieren. F\u00fcr Reflexion, Aufkl\u00e4rung und Vorbilder. In unserem Buch berichten wir zwar schon \u00fcber ziemlich viele Vorbilder, aber es m\u00fcssen noch sehr viel mehr werden.<\/p>\n<p><strong>Kann die Ver\u00e4nderung nur von unten kommen? Oder kann auch die Politik wichtige Impulse geben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Schon einzelne Politiker k\u00f6nnten viel ver\u00e4ndern, indem sie einfach immer wieder die vorhin genannte Frage stellen: \u201eWas brauchen wir wirklich f\u00fcr ein gutes Leben?\u201c Diese Frage ist ja aktuell geradezu ein Tabu. Es wird stattdessen einfach angenommen, dass unser Bruttoinlandsprodukt wachsen muss. Statt zu fragen \u201eWas st\u00e4rkt die Beziehungen?\u201c und \u201eWas st\u00e4rkt die Selbsterm\u00e4chtigung?\u201c, wird im politischen Raum gefragt: \u201eWas erh\u00f6ht unsere Wettbewerbsf\u00e4higkeit?\u201c Das ist Ausdruck eines falschen Paradigmas. Und dieses Paradigma f\u00fchrt zu den aktuellen sozialen und \u00f6kologischen Verwerfungen. Alles als Wettbewerb zu denken \u2013 auch die Parteipolitik selbst \u2013, bedeutet immer, andere als Konkurrenten zu sehen und uns in Gewinner und Verlierer aufzuspalten. Den Menschen immer als Homo oeconomicus \u2013 als individuellen Nutzenmaximierer \u2013 zu betrachten und politische Steuerungsinstrumente daran auszurichten, das n\u00e4hrt dann tats\u00e4chlich den Homo oeconomicus in uns. Dabei k\u00f6nnten wir auch andere Seiten in uns zum Klingen bringen. Es w\u00e4re mehr als w\u00fcnschenswert, wenn das Menschen- und Weltbild der Commons-Bewegung in der \u00d6ffentlichkeit mehr Gewicht und eine Stimme \u00a0erhalten w\u00fcrde. Eine Stimme, die sich nicht mit den falschen Fragestellungen zufrieden gibt und das groteske Spiel mitspielt, sondern konsequent Freiheit, Fairness und Lebendigkeit zusammendenkt und ins Zentrum politischen Handelns stellt.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt man dann vom richtigen Denken zum richtigen Handeln? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Nicht mit \u00fcberzogenen Heilserwartungen. Und auch nicht mit Belehrungen. Eher indem wir uns \u201eanstecken\u201c lassen von Ideen und Praktiken, die auf lebensdienlicheren Grundlagen beruhen. Wir beschreiben viele in unseren B\u00fcchern. Wir k\u00f6nnen sie nicht kopieren, aber ihre Handlungslogiken k\u00f6nnen auch andere Probleml\u00f6sungen inspirieren. Entscheidend ist, dass Fehler erkannt und korrigiert werden. Das ist ja heute kaum der Fall. Fehler werden zwar erkannt, aber nicht korrigiert \u2013 nicht nur weil Denken und Handeln zu eingeengt und festgefahren sind, sondern auch weil wir uns eine Welt gebaut haben, in der wir abh\u00e4ngig geworden sind: vom Wohl und Wehe des Marktes, von der Sojaproduktion, die anderswo die B\u00f6den zerst\u00f6rt, von einer \u00dcberversorgung mit Infrastruktur, die noch jede \u201eSpitze\u201c bedienen und noch jedes weitere Auto aufnehmen muss. Es sieht immer so aus, als sei das eine dynamische Entwicklung. Aber in Wirklichkeit sind unsere Strukturen erstarrt. Deswegen m\u00fcssen wir noch mal sehr grunds\u00e4tzlich herangehen und einen, wie wir im Buch sagen, \u201eontologischen Wandel\u201c vollziehen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Ontologie ist die Lehre vom Sein und beinhaltet auch die Frage: Was ist der Mensch? Ein ontologischer Wandel beinhaltet auch einen Wandel im g\u00e4ngigen Menschenbild \u2013 weg vom Homo oeconomicus und der Ich-AG, hin zu einem ganzheitlicheren und menschlicheren Menschenbild. Davon ausgehend k\u00f6nnen wir unser bin\u00e4res Rollenverst\u00e4ndnis \u00fcberwinden, nicht l\u00e4nger ausschlie\u00dflich Konsument oder Produzent sein, sondern beides \u2013 so wie die Mitglieder von Wohnbaugenossenschaften sowohl Mieter als auch Vermieter sind. Auch viele Entscheidungen sollten wir nach anderen Kriterien f\u00e4llen: nicht mehrheitlich, sondern \u201egemeinstimmig\u201c. Mehrheitlich bedeutet ja immer Sieg und Niederlage, Triumph und Schmerz. Das wirkt trennend statt verbindend. Besser w\u00e4re ein Verfahren, in dem viele L\u00f6sungen zur Auswahl stehen, und Systemisches Konsensieren, eine konkrete Methode f\u00fcr gemeinstimmiges Entscheiden.<\/p>\n<p><strong>In der Physik l\u00e4sst sich Tr\u00e4gheit nur durch die Zufuhr von Energie \u00fcberwinden. Was bringt Menschen dazu, die vorgegebenen Pfade zu verlassen und sich neuen Formen des Wirtschaftens zuzuwenden?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt vor allem drei Gr\u00fcnde, warum sich Menschen bewusst selbst organisieren: Erstens weil sie von einer Idee und der M\u00f6glichkeit, diese selbst zu gestalten, spontan angezogen werden. Zweitens weil sie sich in einer Notsituation befinden \u2013 etwa von Markt und Staat verlassen sind \u2013 und in Selbstorganisation den Ausweg erkennen. Und drittens weil sie eine konkrete Vorstellung eines besseren Lebens haben und Commoning als Weg dorthin sehen.<\/p>\n<p><strong>Diese Ideen wirken auf viele Menschen wahrscheinlich befremdlich.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Schon m\u00f6glich, aber viele Leute sagen auch: \u201eDas ist nun wirklich nichts Neues.\u201c Da haben sie recht! Commons sind so alt wie die Menschheit und so neu wie das Internet. Es hat sie schon immer gegeben, in allen Kulturen. Sie wurden nur verdr\u00e4ngt und unsichtbar gemacht. Allerdings sind sie nicht kopierbar, nicht hier wie dort gleich und nicht \u00fcbertragbar von gestern auf heute. Deshalb brauchen wir aktuelle Vorbilder, die sich heute bew\u00e4hren. Vorbilder sind wie Lachen. Sie wirken ansteckend und animieren zur Nachahmung. Eine andere Denk- und Lebensweise, andere Verhaltensmuster zu erlernen und zu \u00fcben, ist keine graue Theorie. Es gelingt nur, indem man es tut. In diesem Sinne: Sind Sie schon Mitglied in einer \u201eSolawi\u201c \u2013 einer \u201eSolidarischen Landwirtschaft\u201c?<\/p>\n<p><strong>Noch nicht, Frau Helfrich, aber herzlichen Dank f\u00fcr die Anregung und das interessante Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Crossposted from <a href=\"https:\/\/www.oekologiepolitik.de\/2019\/07\/27\/interview-was-brauchen-wir-wirklich-fuer-ein-gutes-leben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00d6kologie Politik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft preist sich als demokratisch, frei und offen, doch in Wirklichkeit sind ihre Strukturen ziemlich erstarrt. Negative Entwicklungen zu korrigieren, f\u00e4llt ihr \u00e4u\u00dferst schwer. Dies beruht auf falschen Denkmustern, sagt eine Commons-Vordenkerin. 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