{"id":2831,"date":"2020-06-04T05:05:44","date_gmt":"2020-06-04T09:05:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freefairandalive.org\/?page_id=2831"},"modified":"2020-06-08T11:33:56","modified_gmt":"2020-06-08T11:33:56","slug":"hineinlesen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/hineinlesen\/","title":{"rendered":"Hineinlesen"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p>[vc_row css=&#8220;.vc_custom_1564503587004{padding-top: 20px !important;}&#8220;][vc_column][vc_text_separator title=&#8220;Hineinlesen&#8220; title_align=&#8220;separator_align_left&#8220; align=&#8220;align_right&#8220; color=&#8220;black&#8220; el_class=&#8220;pagetitle&#8220;][vc_column_text el_class=&#8220;pagedescription&#8220;]<strong><em>Frei, Fair und Lebendig<\/em><\/strong> wurde im Fr\u00fchling 2019 vom transcript-Verlag ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Die Inhalte des Buches werden wir auch auf dieser Website im Laufe des Jahres 2019-2020 schrittweise serialisieren.[\/vc_column_text][vc_separator color=&#8220;black&#8220;][\/vc_column][\/vc_row][vc_row css=&#8220;.vc_custom_1562018165555{margin-bottom: 50px !important;}&#8220;][vc_column][vc_tta_tour shape=&#8220;square&#8220; spacing=&#8220;30&#8243; gap=&#8220;30&#8243; controls_size=&#8220;md&#8220; active_section=&#8220;1&#8243; el_class=&#8220;readit&#8220;][vc_tta_section title=&#8220;Vorwort &#8211; Einleitung&#8220; tab_id=&#8220;Vorwort&#8220;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Vorwort<\/h2>\n<p>Dieses Buch liest sich wie eine Befreiung. Ja, doch, es gibt Alternativen zum Kapitalismus und zum untergegangenen Staatssozialismus, zum \u00fcberm\u00e4chtigen Markt und Staat. Sie sind menschen- und naturfreundlich. Sie befriedigen Bed\u00fcrfnisse und produzieren Verbundenheit. Sie sind so alt wie die Menschheit und gleichzeitig so modern wie neueste Computertechnologien. Sie sind \u00fcberall auf dem Globus pr\u00e4sent, und doch kennen sie nur wenige. Es handelt sich um die Commons. Manche sagen dazu auch \u00bbGemeing\u00fcter\u00ab, doch das ist unzul\u00e4ssig verk\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Woran liegt die seltsame Unsichtbarkeit der Commons? Viele Wirtschaftswissenschaftler stecken noch in der \u00fcberholten Vorstellung von der \u00bbTrag\u00f6die der Gemeing\u00fcter\u00ab fest. Sie haben f\u00fcr Commoning keine Begriffe \u2013 und kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass es beim gemeinsamen Produzieren, Nutzen und Teilen nicht auf Geld- und Machtvermehrung ankommen k\u00f6nnte. Commons machen im Wortsinne sprachlos, weil sie mit den g\u00e4ngigen \u00f6konomischen und juristischen Begriffen nicht zu fassen sind.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Einwand gegen Commons lautet gew\u00f6hnlich, sie seien zu klein, um Klimakrise, Armut und andere Weltprobleme zu bek\u00e4mpfen. Die befreiende Botschaft dieses Buches: Es geht. Gerade die kleinteilige Selbstorganisation birgt die Rettung. Durch Commoning werden Lebensmittel angebaut und verteilt, W\u00e4lder gesch\u00fctzt, Wohnraum geschaffen, Menschen gepflegt, Traktoren entworfen, Schulb\u00fccher verfasst, gemeinwohlorientierte Kreditsysteme geschaffen und vieles mehr. Commoning ist ein lebendiger sozialer Prozess, in dem Menschen selbstorganisiert ihre Bed\u00fcrfnisse befriedigen.<\/p>\n<p>Drei Beispiele: Gemeinschaftlich genutztes Ackerland, Weiden, W\u00e4lder und Gew\u00e4sser geh\u00f6ren zu den \u00e4ltesten und gr\u00f6\u00dften Commons: Laut einem Bericht der International Land Rights Coalition sind bis zu 2,5 Milliarden Menschen auf Gemeinschafts- und indigenes Land angewiesen. Der niederl\u00e4ndische Pflegedienst Buurtzorg besteht aus lauter kleinen selbstverwalteten Teams. Diese pflegen Kranke schneller gesund als hierarchische Dienste \u2013 nicht obwohl, sondern weil dort niemand die Minuten pro Verbandswechsel abrechnen muss. \u00bbWiki-House\u00ab ist ein Internet-Designbaukasten f\u00fcr die Schaffung von einfachem, g\u00fcnstigem und energiesparendem Wohnraum. Er erm\u00f6glicht eine \u00bbkosmo-lokale Produktion\u00ab, bei der Menschen \u00bbleichte\u00ab Dinge wie Wissen und Design \u00fcber das Internet weitergeben, um vor Ort \u00bbschwere\u00ab Dinge wie H\u00e4user zu produzieren.<\/p>\n<p>Mit einem gro\u00dfen theoretischen und empirischen Aufwand haben Silke Helfrich und David Bollier die Ergebnisse der Commons-Forscherin und Nobelpreistr\u00e4gerin Ellinor Ostrom in vielf\u00e4ltiger Weise vertieft und erweitert. Sie beschreiben die Muster des Commoning, die sich quer durch ganz unterschiedliche Handlungsfelder erkennen lassen. Die \u00bbTriade der Commons\u00ab entsteht im allt\u00e4glichen Miteinander (soziale Sph\u00e4re), in der bewussten Selbstorganisation der Gleichrangigen (politische Sph\u00e4re) und in der gemeinsamen Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen (wirtschaftliche Sph\u00e4re).<\/p>\n<p>Aber die Muster des Commoning k\u00f6nnen nur wahrgenommen und erkannt werden, wenn wir die Wirklichkeit aus einer neuen Perspektive betrachten, so Helfrich und Bollier. Die Beiden entwickeln eine Philosophie der Bezogenheit \u2013 mit vielen neuen Begriffen, die etwas in uns zum Klingen bringen. Denn jeder Mensch kann nur ein \u00bbIch\u00ab werden, indem er in ein \u00bbWir\u00ab hineinw\u00e4chst und von ihm lernt. Schon Goethe wusste: \u00bbMein Werk ist ein Kollektivwesen, das den Namen Goethe tr\u00e4gt\u00ab. Und Nelson Mandela machte das s\u00fcdafrikanische \u00bbUbuntu\u00ab-Denken ber\u00fchmt: \u00bbIch bin, weil wir sind.\u00ab Unsere Identit\u00e4ten sind vielf\u00e4ltig und aufeinander bezogen. Daraus resultiert eine andere Form von Eigentum: das \u00bbbeziehungshafte Eigentum\u00ab. Hierf\u00fcr grub das Autorenduo tief in der Menschheitsgeschichte und fand jenseits von Privat- und Gemeinschaftseigentum eine alte r\u00f6mische Rechtsform, das \u00bbres nullius in bonis\u00ab, das wachgek\u00fcsst werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>So wie in der R\u00f6merzeit, braucht es auch heutzutage staatlicher Regelungen zugunsten des Commoning. Es wird schwer wachsen k\u00f6nnen, wenn es vom Staat nicht anerkannt und gef\u00f6rdert wird. Der Politik ist deshalb aufgetragen, institutionelle Formen zu entwickeln, die den Commons eine Chance geben, sich zu entfalten. Statt immer mehr \u00d6ffentlich-Private Partnerschaften (\u00d6PP) brauchen wir Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften \u2013 Vereinbarungen \u00fcber langfristige Zusammenarbeit zwischen Commoners und staatlichen Institutionen zur L\u00f6sung von bestimmten Problemen. Ein Beispiel sind die freiwilligen Feuerwehren, aber auch gemeinschaftsbasierte WLAN-Systeme. Der Schl\u00fcssel ist, den Menschen echte Befugnisse zu \u00fcbertragen, damit sie ihre Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Wunsch nach einer gerechteren Welt ist kein utopischer Traum. Das zeigt dieses Buch anschaulich anhand vieler Beispiele und in vielen Details. Es zu lesen ist der erste Schritt, die Welt mit einer neuen Offenheit und mit neuen Ideen anzuschauen. Die Suche nach neuen Perspektiven war auch unser Ansinnen, als wir uns dazu entschlossen, dieses Buchprojekt zu unterst\u00fctzen. Wenn es Kontroversen ausl\u00f6st und neue Debatten anst\u00f6\u00dft, hat es sich schon gelohnt.<\/p>\n<p><em>Berlin, im Fr\u00fchjahr 2019<\/em><\/p>\n<p><em>Barbara Unm\u00fc\u00dfig<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>Wie ein viraler Infekt machen sich zurzeit Angst und Des\u00adorientierung breit. Sie erfassen unser Denken und unser F\u00fchlen. Vernunft, Argumente und Fakten scheinen ungeeignet, diesem Ph\u00e4nomen zu trotzen. Das gilt im Alltag wie in politischen Diskussionen. Die etablierten Parteien wirken ratlos, verfallen angesichts schlech\u00adter Umfragewerte in eine Art Schockstarre oder reagieren mit Aktionismus, der auch nichts besser macht. Diesem Trend stellt sich unser Buch entgegen. Es will Mut machen.<\/p>\n<p>Doch das Unbehagen ist gro\u00df und oft diffus. Viele Menschen f\u00fcrchten ihren sozialen Abstieg, weitere Finanzkrisen, Klimakatastrophen, Terroranschl\u00e4ge und fremde M\u00e4chte und Kulturen. Einige machen, entt\u00e4uscht \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der Politik, Probleme zu l\u00f6sen, ihrer Frustration \u00f6ffentlich Luft. Wieder andere suchen ihr Heil bei Populisten, die mit simplen Parolen Abhilfe versprechen. In deren Schwarz-Wei\u00df-Welt werden vollmundige Versprechen zwar nicht eingel\u00f6st, aber die Schuldigen f\u00fcr alle \u00dcbel der Welt leicht ausgemacht. In dieser Entweder-oder-Welt pr\u00e4sentieren sich die Dinge \u00fcbersichtlich und fassbar. Auch das Versprechen von Mauern und martialisch gesicherten Grenzen dient diesem Zweck. Und ebenso die R\u00fcckbesinnung auf die Nation. Zwar hat die Geschichte gezeigt, dass nationalistische Parolen uns noch nie von irgendwelchen \u00dcbeln erl\u00f6sten, doch scheint dies keine Rolle zu spielen. Der Nationalismus feiert fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd, und der Parteiendemokratie will es nicht gelingen, dieser Idee etwas kraftvolles Anderes entgegen zu stellen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es gute Gr\u00fcnde, sich in Anbetracht globaler und lokaler Herausforderungen Sorgen zu machen. Deshalb gehen Menschen in vielen St\u00e4dten auf die Stra\u00dfe \u2013 allerdings ohne die Ver\u00e4rgerung in etwas Produktives kanalisieren zu k\u00f6nnen. Trotzdem werden die Donald Trumps dieser Welt von sehr vielen Menschen nicht nur gew\u00e4hlt, sondern sie verlieren auch dann nicht den R\u00fcckhalt ihrer Anh\u00e4ngerschaft, wenn sie die globalen Probleme noch verst\u00e4rken, Mauern errichten und sich selbst in eine endlose Kette von Skandalen und juristischen Problemen verstricken. Sie bleiben Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr viele Menschen. Warum?<\/p>\n<p>Neben der bereits erw\u00e4hnten Schwarz-Wei\u00df-\u00dcbersichtlichkeit in einer komplexen Welt vermittelt unersch\u00fctterliche Gefolgschaft auch ein Gef\u00fchl von Zusammengeh\u00f6rigkeit. Das ist nicht zu untersch\u00e4tzen, denn Angst und Orientierungslosigkeit haben viel mit Identit\u00e4tsersch\u00fctterungen zu tun. Sie werfen, um bei Richard David Precht Anleihe zu nehmen, die Frage auf: Wer sind wir und wenn ja wie viele? Was resultiert aus der von uns empfundenen Machtlosigkeit? Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit, ja, der Geborgenheit zerbricht, das weder Markt noch Staat ersetzen k\u00f6nnen? Wie l\u00e4sst sich Gestaltungsmacht wiedergewinnen, ohne dass wir vorher alle existierenden Strukturen zerschlagen?<\/p>\n<p>Was wir beobachten, erinnert ein wenig an die \u00bbKopernikanische Wende\u00ab und ihre Folgen. Der Vergleich mag gewagt erscheinen. Doch lesen wir nach beim Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter. \u00bbDie Welt des mittelalterlichen Lebensgef\u00fchls kann als kreisf\u00f6rmig beschrieben werden\u00ab, schrieb er 1979.1 \u00bbIn dem geozentrischen Weltbild kreisten die Gestirne um die Erde. Aber der Mensch war unten, und Gottes Auge \u00fcberwachte ihn von oben. Die Welt war in sich geschlossen wie auch der menschliche Lebenszyklus, der in Gott anfing und endete.\u00ab Kopernikus zerbrach im 16. Jahrhundert dieses geordnete geozentrische Weltbild und verwandelte den Menschen in ein hilfloses und scheinbar gottverlassenes Wesen, das auf einem Erdkr\u00fcmel ziellos durch das Weltall trieb. Richter verglich die aus diesem Paradigmenwechsel resultierende Reaktion der Menschheit mit der eines Kindes, das den Glauben an die Allmacht der Eltern verloren hat. Nun versucht es (in oft nervig-destruktiver Art und Weise), selbst Kontrolle \u00fcber alle und alles zu gewinnen. Diesen Drang der Menschheit, vergleichbar mit der gottgleichen Allmacht, bezeichnet Richter als \u00bbGotteskomplex\u00ab.<\/p>\n<p>Auch wir f\u00fchlen uns heute erschlagen von der Erkenntnis, dass uns die Koordinaten abhandengekommen sind. Wenn wir agieren, wie \u00d6konomen es in Lehrb\u00fcchern beschreiben, ruinieren wir die Erde. Wenn wir der Logik eines Mehrheitswahlrechts vertrauen und uns auf den Staat verlassen, k\u00f6nnen wir von heute auf morgen ohne R\u00fcckhalt dastehen. Trotz Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums, trotz Wohlstand und all der Fortschritte in Technologie und Wissenschaft, trotz aller Bem\u00fchungen der Diplomatie und ungeachtet unserer ganz individuellen Investitionen in Bildung, Beruf und Karrieren scheinen s\u00e4mtliche Probleme ungel\u00f6st: Unser Automobil verf\u00fcgt zwar \u00fcber Rundum-Airbag und warnt uns vor Rehen auf der Fahrbahn, aber wir f\u00fcrchten uns vor Asteroideneinschl\u00e4gen aus dem All. Unsere Raumsonden finden Wasser auf dem Mars, aber wir wissen vielerorts nicht, woher wir das Wasser nehmen sollen, das die Menschen auf der Erde trinken m\u00fcssen. Wir beginnen, die Gene unserer ungeborenen Kinder zu editieren wie einen Text auf unserem Computer2, aber wir wissen nicht, wer unsere Alten und Kranken pflegen soll. Wir finanzieren ein Heer von Diplomaten, die kreuz und quer die Welt bereisen und von einem Krisengipfel zum n\u00e4chsten jetten, aber trotzdem m\u00fcssen Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Wir f\u00fchlen uns hilflos. Wie machtlose Individuen, die zum Spielball der Geschichte werden.<\/p>\n<p>Also greifen wir \u2013 bewusst oder instinktiv \u2013 zum wirksamsten Mittel, das die Evolution uns zur Bew\u00e4ltigung von Furcht und realer Gefahr in die Wiege gelegt hat: Wir suchen Unterst\u00fctzung! Wir verb\u00fcnden uns mit Unseresgleichen und besinnen uns auf das gemeinsame, koordinierte Handeln \u2013 die herausragende St\u00e4rke aller sozialen Lebewesen. Wir erfahren, dass es m\u00f6glich ist, trotz aller Widerspr\u00fcche an einem Strang zu ziehen. Wir sp\u00fcren, dass wir in unserer misslichen Lage nicht als versprengte Einzelne verharren m\u00fcssen, sondern uns fragen sollten, durch welche Ver\u00e4nderungen und Praktiken wir gemeinsam etwas beitragen k\u00f6nnen, die dr\u00e4ngendsten Probleme unserer Welt zu l\u00f6sen. Und dann, an dieser Stelle, sto\u00dfen wir auf den Angelpunkt historischer Prozesse: Mit wem sollen wir uns verb\u00fcnden? Mit wem sollen wir an einem Strang ziehen? Mit unserer Familie? Unserem Clan? Unserer Peer Group? Unserer Klasse? Unserem Stand? Mit denen, die \u00bbso ticken\u00ab wie wir selbst? Mit unserem Volk? Unserer Nation? Der sogenannten V\u00f6lkergemeinschaft? Oder mit der ganzen Menschheit? Bei dieser Frage kippt ein intuitiv richtiger Handlungsimpuls den Gang der Geschichte rasch in eine unproduktive oder gar katastrophale Richtung. Das Eine (Peer Group) scheint zu unbedeutend, das Andere (Volk) zu identit\u00e4r aufgeladen, das Dritte wiederum (die ganze Menschheit) zu unermesslich. Die Antwort liegt daher auf einer anderen Ebene. Denn zu der Frage \u00bbmit wem\u00ab wir die Welt ver\u00e4ndern wollen, gesellt sich der fundamentale Aspekt, \u00bbauf welcher Grundlage\u00ab und \u00bbin welche Richtung\u00ab wir die Welt ver\u00e4ndern wollen.<\/p>\n<p>Was die Grundlage der Weltver\u00e4nderung angeht, so ist Eines klar. Wir m\u00fcssen uns trotz unseres berechtigten Interesses an individueller Sicherheit und individuellem Wohlergehen dar\u00fcber im Klaren werden, dass unser Wohlergehen auch das Wohlergehen der Anderen voraussetzt. Wir m\u00fcssen begreifen, dass unsere Freiheit auf der Freiheit der Anderen beruht und nicht eine Freiheit des isolierten Einzelnen ist, sondern Freiheit in Bezogensein. Die Frage ist also nicht einfach: K\u00f6nnen wir unsere Probleme gemeinsam meistern? Die Frage lautet: K\u00f6nnen wir sie auf dieser Grundlage gemeinsam meistern? Und k\u00f6nnen wir uns so selber wieder als daseinsm\u00e4chtig erfahren und uns nicht den Kr\u00e4ften des Marktes oder den Beschl\u00fcssen sogenannter \u00bbEntscheidungstr\u00e4gerinnen und Entscheidungstr\u00e4ger\u00ab ausgeliefert f\u00fchlen?<\/p>\n<p>Diese Fragen sind leichter gestellt als beantwortet! Doch beginnen wir \u2013 so wie dieses Buch \u2013 bei den guten Nachrichten (Kapitel 1). Wir werden zeigen, wo und wie unz\u00e4hlige Keime einer wirklich tiefgreifenden Transformation bereits sprie\u00dfen. Wir werden dabei herausarbeiten, was genau, welche Beziehungen und welche Umst\u00e4nde sie auf welche Weise ver\u00e4ndern. Es gibt hunderttausende Initiativen, Kooperativen und Genossenschaften, offene Werkst\u00e4tten, Vereine und Verb\u00fcnde aller Art, die produktiv t\u00e4tig sind, gemeinsame Ziele verfolgen oder bestimmte Probleme l\u00f6sen \u2013 ohne kommerzielles Interesse, aber bewusst selbstorganisiert. Sie sind unsere Inspiration, denn sie zeigen, was \u00bbjenseits von Markt und Staat\u00ab m\u00f6glich ist. Ihr Tun kann Tausende von Menschen umfassen, wie im Kooperativenverbund Cecosesola in Venezuela, oder auch nur drei, vier oder f\u00fcnf Beteiligte wie bei einem Picknick auf der gr\u00fcnen Wiese. Sie k\u00f6nnen in Solidarischen Landwirtschaften \u00f6kologisch und fair Lebensmittel produzieren oder sich zusammentun, um Betriebssysteme oder freie und offene Software zu entwickeln, um Hochleistungsmikroskope oder globale Expertennetzwerke aufzubauen. Einige dieser Praktiken sind neu und m\u00fcssen ihren Bestand noch beweisen, andere existieren und funktionieren seit hunderten von Jahren. Das Spektrum jedenfalls ist riesig. Das ist auch deshalb so, weil viele Alltagspraktiken zwar nach Mustern des Commoning funktionieren (Kapitel 4-6), sich die Beteiligten dessen aber keineswegs bewusst sind. Sie sind also Teil einer gr\u00f6\u00dferen Sache, erkennen dies aber nicht. Und zwar, weil ihre Gemeinsamkeiten oft im Verborgenen bleiben und weil uns die Sprache fehlt, sie zu beschreiben (Kapitel 3). Mit diesem Buch versuchen wir dies zu \u00e4ndern. So k\u00f6nnen auch Jugendliche, die gemeinsam ihren Club organisieren oder Menschen, die \u00fcber mehrgenerationelle Wohngemeinschaften nachdenken, \u00bbden Commoner in sich\u00ab entdecken.<\/p>\n<p>Wer die inspirierenden Aktivit\u00e4ten, die wir in diesem Buch vorstellen, angesichts des Klimawandels und der globalen sozialen Verwerfungen f\u00fcr schmerzhaft winzig empfindet, der verkennt nicht nur, dass es nicht um die Reichweite \u2013 geschweige denn die Gr\u00f6\u00dfe \u2013 einzelner Projekte geht, sondern um ihren Kern: um das, was sie ausmacht und was ihre transformatorische Kraft entfalten kann. Wer das nicht sieht, verkennt auch, was geschieht, wenn eine Saat aufgeht. Das ist, als w\u00fcrde man ein Reis-, Weizen- oder Maiskorn, eine Kartoffel oder eine Bohne betrachten und diese fragen: Aber bist Du nicht viel zu mickrig, um die Menschheit zu ern\u00e4hren?<\/p>\n<p>Es ist auch eine typische Reaktion von Leuten, die sich nicht trauen, neue Wege zu beschreiten; die stets auf \u00bbBew\u00e4hrtes setzen\u00ab und keinen Mut f\u00fcr \u00bbExperimente\u00ab haben. \u00bbNever change a winning team!\u00ab, hei\u00dft es dann. Nun, nicht nur die alten Mittel (Wirtschaftswachstum, Marktfundamentalismus, nationalstaatliche B\u00fcrokratien) sind dysfunktional geworden, auch das alte Team (wir nennen es Markt-Staat) ist l\u00e4ngst kein Team mehr, das gewinnt. Es ist nicht nur zum Sanierungsfall geworden, es ist nicht mehr sanierbar. Das liegt, so argumentieren wir, vor allem daran, dass es auf falschen Pr\u00e4missen aufbaut. Daraufhin haben wir viele \u00bbkleine Dinge\u00ab beobachtet und gepr\u00fcft, ob sie auf anderen Pr\u00e4missen aufbauen und so einen Keim f\u00fcr den Wandel des Ganzen enthalten. Wir beginnen dieses Buch mit diesem Kern \u2013 einem Seinsverst\u00e4ndnis, in dem es um Beziehungen geht, ohne das ein wirklicher Paradigmenwechsel kaum stattfinden wird (Teil I, Kapitel 2 und 3). In Teil II wenden wir uns dann vielen Projekten, Initiativen und Strategien der sogenannten \u00bbPeer Governance\u00ab und des sorgenden und selbstbestimmten Wirtschaftens zu und arbeiten heraus, was sie vom kapitalistischen Marktwirtschaften unterscheidet. Viele Wirklichkeiten, denen sie hier begegnen werden, bleiben unter dem Radar der \u00d6ffentlichkeit. Sie werden kaum wahrgenommen oder einfach ignoriert, weil das Beschriebene vorgeblich \u00bbgar nicht funktionieren kann\u00ab, denn \u00bbder Mensch ist nicht so\u00ab. Das sei \u00bbunrealistisch, ja weltfremd\u00ab \u2013 so die Phalanx der Skeptikerinnen und Skeptiker. Immerhin k\u00f6nnen wir darauf verweisen, dass es diese Initiativen, diese Menschen und ihre vielf\u00e4ltigen Motivationen gibt. Sie sind ganz und gar real und \u00bbvon dieser Welt\u00ab. Die allgegenw\u00e4rtige Reserviertheit ist vermutlich das Ergebnis einer jahrzehntelangen, schleichenden Indoktrination, die sich fest in unserem Denken und F\u00fchlen festgesetzt hat! Vielleicht fehlt es den Menschen einfach an gelebter Erfahrung. An Commons-Erfahrung! Dinge zu tun, von denen andere \u00bbprofitieren\u00ab (schon in diesem Wort sitzt der Wurm), ohne dabei selbst \u00bb\u00fcbervorteilt\u00ab zu werden, scheint manchen schwer vorstellbar und ist doch eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. \u00dcberall in der Welt. Die meisten Menschen haben nicht einmal ein Wort f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Ph\u00e4nomene, die wir \u00bbCommons\u00ab nennen. Sie sind unter anderem deswegen erfolgreich, weil sie mit ma\u00dfgeschneiderten Peer-Governance-Formen (Kapitel 5) funktionieren und nicht bestrebt sind, sinnlos und selbstzerst\u00f6rerisch \u00fcber sich selbst hinauszuwuchern.<\/p>\n<p>Damit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen. Es geht in diesem Buch nicht nur um die kleinen Schritte, die den Alltag verbessern. Es geht um eine Zukunftsvision f\u00fcr unser Miteinander, f\u00fcr die soziale Organisation, Infrastruktur, Wirtschaft und Politik. Denn, wie gesagt, dieses Buch soll Mut machen. Es zeugt von Souver\u00e4nit\u00e4t ohne Nationalismus, Individualit\u00e4t ohne Ellenbogenmentalit\u00e4t, Gemeinsamkeit ohne Zwang. Es beschreibt, wie wir unsere Freiheit genie\u00dfen k\u00f6nnen, ohne andere zu unterdr\u00fccken, und wie Fairness auch ohne b\u00fcrokratische Kontrolle realisierbar ist. Der Guardian-Kolumnist George Monbiot hat den Anspruch gut zusammengefasst: \u00bbEin Commons \u2026 vertieft die Demokratie in ihrer wahrsten Form. Es zerst\u00f6rt die Ungleichheit. Es bietet einen Anreiz, die lebende Welt zu sch\u00fctzen. Es schafft, in Summe, eine Politik der Zugeh\u00f6rigkeit.\u00ab<\/p>\n<p>Das spiegelt auch unser Titel, der das Fundament, die Struktur und die Vision der Commons zeigen soll: \u00bbFrei, fair und lebendig\u00ab. Jede w\u00fcnschenswerte Evolution des Systems muss die Freiheit im weitesten Sinn respektieren \u2013 nicht nur die libert\u00e4re wirtschaftliche Freiheit des Vereinzelten. Sie muss die Fairness in den Mittelpunkt jedes Systems der Bereitstellung (Produktion) und Koordination stellen. Und sie muss unsere Existenz als Lebewesen auf einer Erde erkennen, die selbst lebendig ist. Transformation kann nicht gelingen, ohne all diese Ziele gleichzeitig zu verwirklichen. Das ist das Commons-Programm! In Commons verbinden sich die gro\u00dfen Denktraditionen, die anderswo gegeneinander ausgespielt werden: Freiheit, Fairness und Enkeltauglichkeit.<\/p>\n<p>Wenn wir Commons und Commoning beschreiben, dann weist dies \u00fcber eingefahrene Denk-, Sprech- und Handlungsweisen hinaus. Man k\u00f6nnte das Buch daher als Verlern-Anleitung verstehen.3 Wer es liest, wird Wirtschaft nicht mehr als Geldwirtschaft begreifen; \u00bbunser Interesse\u00ab nicht als Gegenpol zu \u00bbmeinem Interesse\u00ab; Staat nicht als einzige Alternative zum Markt \u2013 um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist nicht wenig, denn das Gewohnte hat sich in unseren K\u00f6pfen und in unserem Alltag festgebissen. Es hindert uns daran, die Welt freier, fairer und lebendiger zu machen. Und es pr\u00e4gt die Strukturen und die Wirkmacht von Markt und Staat. Wir pl\u00e4dieren daher f\u00fcr mehr Unabh\u00e4ngigkeit von beidem, f\u00fcr ein \u00bbjenseits von Markt und Staat\u00ab. Wie sonst sollten wir dieser merkw\u00fcrdigen Logik entkommen, nach der wir erst uns und unsere Umwelt ersch\u00f6pfen, um anschlie\u00dfend beides wieder reparieren zu m\u00fcssen? Und dies nur, damit sich das Hamsterrad des Ewiggestrigen weiterdreht! Wie soll unabh\u00e4ngiges Handeln von Politikerinnen und B\u00fcrgern m\u00f6glich sein, wenn alles von Arbeitspl\u00e4tzen, B\u00f6rsennachrichten und dem Wettbewerbsgeschehen abh\u00e4ngt? Wie sollen wir Neues tun, wenn die Grundmuster des Kapitalismus durch uns hindurchgehen und das Gemeinsame untersp\u00fclen? Wer dieses Buch liest, kann es umgekehrt auch als Handlungsanleitung verstehen; schlie\u00dflich zeigt es, wie die Transformation gelingen kann. Strategisch gesprochen: indem wir (alt-)neue Lebensweisen jenseits von Markt und Staat in den Mittelpunkt r\u00fccken. Wir zeigen: So geht Commoning!<\/p>\n<p>Und damit zur\u00fcck zum Anfang und zu der Frage, auf welcher Grundlage wir die Welt transformieren wollen und wo Commoning beginnt. Unsere Antwort lautet: bei unserem Weltverst\u00e4ndnis, bei Menschenbild, Seinsidee und Handlungsrationalit\u00e4t (vgl. Kapitel 2 und 3). Wenn wir dies vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellen, gestaltet sich alles daraus Folgende neu: unser Verst\u00e4ndnis vom guten Leben, unser Miteinander (Kapitel 4), unsere Organisationsformen (Kapitel 5), unser Wirtschaften (Kapitel 6), unsere Eigentumskonzeption und unsere Praxis des Habens (Kapitel 7 und 8), unser Verh\u00e4ltnis zum Staat (Kapitel 9) und die Gestaltung von Institutionen und Politik (Kapitel 10).<\/p>\n<p>Auf die \u00bbMacht der Commons\u00ab zu setzen stiftet Sinn und Beziehung, es l\u00e4sst sich umsetzen und wirft zugleich die Verh\u00e4ltnisse um, denn Commons erfordern nicht nur eine andere Denk-, Sprech- und Handlungsweise, sie sind eine andere Denk-, Sprech- und Handlungsweise. Das versuchen wir zu zeigen. In einigen dieser 10 Kapitel \u2013 etwa in unserer Auseinandersetzung mit dem Eigentum \u2013 blicken wir weit zur\u00fcck in die Geschichte. In anderen verdeutlichen wir, wie aus einem relationalen Seinsverst\u00e4ndnis neue Begriffe hervorgehen (Kapitel 3), um anschlie\u00dfend zu beschreiben, wie diese mit einem zukunftsf\u00e4higen Eigentums- und Politikverst\u00e4ndnis verbunden sind (Kapitel 8, 9 und 10). Ausfl\u00fcge in verschiedene Kulturen und Praktiken \u2013 analog und digital, rurban und glokal \u2013 machen das Buch zudem zu einer hoffentlich auch unterhaltsamen Reise durch die Welt der Commons. Im Text wimmeln die Ideen, Konzepte und Geschichten lebendiger Commons. Denn: Commons sind nicht, sie werden gemacht. Herzst\u00fcck (wenngleich nicht Fundament) des Buches ist gewiss die Darstellung, wie sie gemacht werden. In den Kapiteln 4, 5 und 6 wird in sogenannten Mustern beschrieben, wie sich Commoning lebt und anf\u00fchlt (die Kultur der Commons), wie sich Commons \u00bbregieren\u00ab (bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige bzw. Peer Governance) und wie ein Wirtschaften aussieht, das Commons statt Waren erschafft. Kurzum, es wird gezeigt, dass auch H\u00e4user und Fahrzeuge gebaut werden k\u00f6nnen wie die Wikipedia. Und es wird dar\u00fcber nachgedacht, was das f\u00fcr das Ganze bedeutet.<\/p>\n<p>Das Buch stiftet an, es den Commoners dieser Welt gleich zu tun. Das ver\u00e4ndert nicht nur Wirtschaft und Politik. Es ver\u00e4ndert uns. Der Homo oeconomicus wird sich einen anderen Platz in der Geschichte suchen m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Anmerkung<\/h3>\n<p>Einige Dokumente, die wir dem Buch angeh\u00e4ngt haben, werden Ihnen einen tieferen Einblick in unseren Arbeitsprozess geben. So beschreiben wir in Anhang II \u2013 sehr knapp \u2013 unser methodisches Vorgehen zur Identifizierung der Muster des Commoning. In Anhang III erfahren Sie mehr \u00fcber die Grammatik der visuellen Sprache, mit der diese Muster so passend illustriert wurden. Das Register der Commons und Commons-Instrumente bringt Sie schnell zu den Seiten, auf denen verschiedene Projekte, Netzwerke, Verb\u00fcnde und Politiken vorgestellt werden.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Teil I \u2014 Commons grundlegen&#8220; tab_id=&#8220;Teil1&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Teil I \u2014 Commons grundlegen<\/h2>\n<h3>Kapitel 1<br \/>\nVon Commons &amp; Commoning<\/h3>\n<p>K\u00f6nnen Menschen miteinander kooperieren? Nicht nur als Folge einer Bitte oder Aufforderung, sondern quasi selbstverst\u00e4ndlich im kleinen wie im gro\u00dfen Ma\u00dfstab? Vieles deutet darauf hin. Zumindest konnte bislang kein Eigenbr\u00f6tler-Gen nachgewiesen werden, das sinnvolle Kooperation verhindern w\u00fcrde. Ganz im Gegenteil! So beschrieb der US-amerikanische Anthropologe Michael Tomasello ein denkw\u00fcrdiges Experiment, in dem ein Kleinkind wachen Auges eine Erwachsene beobachtet, die einen Armvoll B\u00fccher tr\u00e4gt und damit immer wieder gegen eine Schrankt\u00fcr st\u00f6\u00dft. Sie kann offensichtlich den Schrank nicht \u00f6ffnen. Das Kleinkind wirkt besorgt. Es geht zum Schrank, \u00f6ffnet die T\u00fcr und fordert die unbeholfene Erwachsene auf, die B\u00fccher in den Schrank zu stellen. In anderen Experimenten gelingt es einem Erwachsenen nicht, einen Schreibblock auf einen Stapel anderer Bl\u00f6cke zu legen. Ein Kleinkind, das dem ungeschickten Mann gegen\u00fcbersitzt, greift die heruntergefallenen Bl\u00f6cke und legt sie auf den Stapel. Und noch ein Beispiel: Eine Erwachsene, die Papiere zusammengeheftet hat, verl\u00e4sst den Raum. Bei ihrer R\u00fcckkehr stellt sie fest, dass jemand den Hefter weggelegt hat. Ein einj\u00e4hriges Kleinkind scheint das Problem sofort zu erfassen, will helfen und zeigt auf den gesuchten Hefter, der auf einem Regal liegt.<\/p>\n<p>Tomasello und sein Team ziehen aus solchen Experimenten einen grundlegenden Schluss: Menschen erkennen in konkreten Situationen intuitiv den Sinn und die Notwendigkeit, anderen Menschen zu helfen und mit ihnen auch ohne Aufforderung f\u00fcr das Gelingen eines n\u00fctzlichen Ziels zu kooperieren. In ihrem akribischen Bem\u00fchen, den Urspr\u00fcngen der menschlichen Kooperation auf den Grund zu gehen, wollten die Forscher den entsprechenden Impuls und die daraus folgenden Mechanismen identifizieren und so herausfinden, worin sich das menschliche Verhalten von dem anderer Spezies unterscheidet. Nach Jahren der Forschung kamen sie zu dem Ergebnis: \u00bbEtwa vom ersten Geburtstag an \u2013 wenn Menschenkinder anfangen zu sprechen und zu laufen und sich zu wahrlich kulturellen Wesen entwickeln \u2013 sind sie in vielen Situationen kooperativ und hilfreich, aber offensichtlich nicht in allen. Und sie lernen dies nicht von Erwachsenen, sondern es kommt von allein.\u00ab1 Aber auch 14 bis 18 Monate alte Kleinkinder zeigen, dass sie au\u00dfer Reichweite liegende Gegenst\u00e4nde holen, anderen Menschen Hindernisse aus dem Weg r\u00e4umen, Fehler von Erwachsenen korrigieren und das richtige Verhalten f\u00fcr eine vorgegebene Aufgabe an den Tag legen. Selbstverst\u00e4ndlich wird alles viel komplizierter, sobald sie \u00e4lter werden und beginnen, sich an ihre soziale Umgebung anzupassen. Sie lernen, dass manche Menschen nicht vertrauensw\u00fcrdig sind. Sie erfahren, dass G\u00fcte oder freundliche Gesten nicht immer erwidert werden. Sie beginnen, Normen und Erwartungen zu \u00fcbernehmen, vor allem solche, die sich tief in die Gesellschaft eingegraben haben: Sie lernen Bildung mit wirtschaftlichem Erfolg zu verkn\u00fcpfen, das eigene Ansehen durch Marken zu unterstreichen und Befriedigung im Kaufen oder Verkaufen zu finden. Doch w\u00e4hrend diese dramatische Pr\u00e4gung des Einzelnen vonstattengeht, bleiben wir doch zur Kooperation f\u00e4hig. Wir Menschen haben ein einzigartiges Potenzial. Wir k\u00f6nnen eine gemeinsame Absicht ausdr\u00fccken und entsprechend handeln. \u00bbWas uns wirklich unterscheidet [z.B. von den Primaten], ist die F\u00e4higkeit, unsere K\u00f6pfe zusammenzustecken und Dinge zu tun, die niemand allein tun k\u00f6nnte, und Neues zu schaffen, das wir allein nicht schaffen k\u00f6nnten\u00ab, sagt Tomasello. \u00bbIm Grunde dreht es sich darum, zu kommunizieren, zusammenzuwirken und zusammenzuarbeiten.\u00ab Wir sind zu all dem f\u00e4hig, weil wir begreifen k\u00f6nnen, dass Andere auch ein Seelenleben mit Emotionen und Intentionen haben, weil wir Empathie besitzen. Unsere Idee vom Dasein geht, sobald wir dar\u00fcber etwas genauer nachdenken, \u00fcber eine reine Selbstbezogenheit hinaus. Individuelle Identit\u00e4t ist immer auch Teil kollektiver Identit\u00e4ten. Sie pr\u00e4gen mit, wie eine Person denkt, sich verh\u00e4lt und Probleme l\u00f6st. Unsere Beziehungen mit unseresgleichen und als Teil der Gesellschaft dr\u00fccken uns ebenso den Stempel auf wie die Sprache, Rituale und Traditionen, die eine Kultur ausmachen. Kurz: es gibt kein isoliertes Ich. Die Vorstellung, wir seien \u00bbSelf-Made\u00ab-Individuen, ist eine Illusion. Wie wir noch zeigen werden, ist jede und jeder von uns tats\u00e4chlich ein Ich-in-Bezogenheit. Wir leben nicht nur in Beziehungen, sondern unsere Identit\u00e4t entsteht aus Beziehungen heraus. Der Begriff Ich-in-Bezogenheit hilft, dies im Blick zu behalten und unserem besonderen Potenzial besser gerecht zu werden. Schlie\u00dflich sind wir, wie die \u00d6konomen Samuel Bowles und Herbert Gintis sagen, eine wahrlich \u00bbkooperative Spezies\u00ab.2 Die Frage ist nicht, ob es diesen tiefen menschlichen Instinkt gibt. Die Frage ist, ob und wie seine Entfaltung gef\u00f6rdert wird. Und wenn unsere Kooperationsf\u00e4higkeit gef\u00f6rdert wird, geschieht dies dann um allen zu dienen, oder wird sie stattdessen auf engstirnige Anliegen gerichtet?<\/p>\n<h4>Ein Missverst\u00e4ndnis<\/h4>\n<p>Die Welt als Commons zu denken und zu gestalten bedeutet, unsere Kooperationsf\u00e4higkeit so zu nutzen, dass sich niemand \u00fcber den Tisch gezogen f\u00fchlt, aber auch niemandem ein Platz am Tisch verweigert wird.<\/p>\n<p>In unseren B\u00fcchern Commons \u2013 F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat (2012) und Die Welt der Commons \u2013 Muster gemeinsamen Handelns (2015) dokumentierten wir Dutzende bemerkenswerte Commons, die die gro\u00dfe Bandbreite und Wirkkraft des Commoning in der Gegenwart zeigen. Die F\u00e4higkeit, selbstorganisiert und unabh\u00e4ngig von Staat oder Markt unsere Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, ist in Gemeinschaftsw\u00e4ldern, kooperativ betriebenen Landwirtschafts- und Fischereigebieten, in unz\u00e4hligen Open-Source-Design-Projekten und global vernetzten Fertigungsgemeinschaften, in lokalen und regionalen W\u00e4hrungen und zahllosen weiteren Beispielen in allen Lebensbereichen sichtbar. In solchen ermutigenden Projekten zeigt sich diese fundamentale menschliche Motivation, mit der wir geboren werden: mit anderen an einem Strang zu ziehen und einander zu unterst\u00fctzen. Sie reift zu einer stabilen sozialen oder institutionellen Struktur in zahllosen Variationen: zu einem Commons. Menschen folgen diesem Impuls zum produktiven Miteinander in einem Commons \u2013 zum Commoning \u2013 unter den unterschiedlichsten Gegebenheiten: in ihren Stadtvierteln; in von Naturkatastrophen betroffenen Regionen; auf Subsistenzfarmen weltweit oder in den sozialen Netzwerken des Cyberspace. Dennoch werden Commons selten als omnipr\u00e4sente soziale Struktur betrachtet, und Commoning wird nicht als eigenst\u00e4ndige, soziale Kraft anerkannt. Das mag an ihrem unauff\u00e4lligen Dasein im Schatten von Staat und Markt liegen.<\/p>\n<p>\u00dcber Commons zu sprechen bedeutet aber, Freiheit in Verbundenheit zu erleben; das hei\u00dft, einen Raum mit einem ger\u00fcttelt Ma\u00df an Selbstbestimmung zu er\u00f6ffnen und uns darin als Mensch im Ganzen neu zu erfahren. Der Diskurs um Commons und Commoning l\u00e4sst uns die Welt in einem anderen Licht sehen. Er zeigt einen Weg in eine stabile, postkapitalistische Ordnung. Er macht plausibel, wie wir zu einer humaneren und enkeltauglichen Gesellschaft beitragen k\u00f6nnen. Wenn Akte des Commoning st\u00e4rker wahrgenommen und diskutiert werden, k\u00f6nnen sie unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten erweitern. Darum geht es auch in diesem Buch.<\/p>\n<p>Um es ganz deutlich zu sagen: Commons sind keine utopische Fantasie. Sie existieren, sie ver\u00e4ndern sich \u2013 heute wie seit Tausenden von Jahren. Es gibt sie in D\u00f6rfern und St\u00e4dten, im S\u00fcden und im Norden, in urspr\u00fcnglichen, \u00fcberschaubaren Communities sowie in hochmodernen, un\u00fcberschaubaren Cyber-Gemeinschaften. Existierende Commons umfassen manchmal einige Dutzend Menschen, manchmal einige Zehntausend. Die erste Aufgabe, der wir uns stellen wollen, besteht also darin, die vielen Akte des Commoning zu erkennen, sie zu benennen und allgemein lesbar zu machen. Denn um Commons zu sch\u00fctzen, zu st\u00e4rken und zu vervielf\u00e4ltigen, m\u00fcssen wir sie zun\u00e4chst wahrnehmen und verstehen. Das ist die Aufgabe der folgenden Kapitel. Zun\u00e4chst geht es darum, einen neuen, allgemeinen Deutungsrahmen \u2013 ein sogenanntes \u00bbFramework\u00ab \u2013 f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Commons und Commoning zu entwerfen.<\/p>\n<p>Commoning bedeutet nicht einfach, etwas zu teilen oder gemeinsam zu nutzen, wie wir das aus dem Alltag kennen. Es bedeutet, zu teilen beziehungsweise gemeinsam zu nutzen und zugleich dauerhafte soziale Strukturen hervorzubringen, in denen wir kooperieren und N\u00fctzliches schaffen k\u00f6nnen. Bei Commons geht es auch nicht um die irref\u00fchrende Bedeutung in der sogenannten \u00bbTragik der Allmende\u00ab (der Tragedy of the Commons). Diese Wendung wurde durch den gleichnamigen, 1968 in der einflussreichen Fachzeitschrift Science ver\u00f6ffentlichten Aufsatz des Biologen Garrett Hardin allgemein bekannt.3 Paul Ehrlich hatte gerade Die Bev\u00f6lkerungsbombe publiziert, die malthusianische Darstellung einer Welt, die von der schieren Zahl der Menschen \u00fcberw\u00e4ltigt wird. Vor diesem Hintergrund beschrieb Hardin die fiktive Parabel einer gemeinsam genutzten Weide, die dem Eigennutz zum Opfer f\u00e4llt. Die einzelnen Hirten w\u00fcrden, so Hardin, keinen \u00bbrationalen\u00ab Anreiz haben, die Anzahl ihrer Schafe auf der gemeinsamen Weide sinnvoll zu begrenzen: jeder Hirte w\u00fcrde so viel der gemeinsamen Ressource wie m\u00f6glich nutzen, mit dem Ergebnis, dass sie unweigerlich \u00fcbernutzt und zerst\u00f6rt w\u00fcrde \u2013 das sei die \u00bbTragik der Allmende\u00ab. Nach Hardins Argumentation ist sie nur zu l\u00f6sen, indem entweder private Eigentumsrechte an der betreffenden Ressource gew\u00e4hrt werden oder sich der Staat der Verwaltung annimmt \u2013 sei es als \u00f6ffentliches Eigentum oder durch Landvergabe nach dem Prinzip: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Diese \u00fcberzogene Geschichte wurde in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie in der Politik endlos wiederholt. Hardins Artikel wurde im Laufe der Zeit zum am h\u00e4ufigsten zitierten Artikel in der Geschichte von Science, und die Wendung \u00bbTragik der Allmende\u00ab ist zu einem Schlagwort geworden. Auch dies begr\u00fcndet, warum Commons heute weithin als gescheitertes Managementregime betrachtet werden. Dabei weist Hardins Analyse schwerwiegende M\u00e4ngel auf. Der gravierendste darunter: was er beschrieb, war keine Allmende, kein Commons. Vielmehr handelt die Parabel vom Kampf aller gegen alle, in dem nichts jemandem geh\u00f6rt und sich alle alles nehmen k\u00f6nnen \u2013 es ist eine Art \u00bbKampf ums Niemandsland\u00ab. Der Autor und Wissenschaftler Lewis Hyde hat deshalb (mit einem Augenzwinkern) vorgeschlagen, Hardins These umzubenennen, und zwar in \u00bbDie Tragik des Laissez-faire, der nicht bewirtschafteten, gemeinsam genutzten Ressourcen mit einfachem Zugang f\u00fcr nicht kommunizierende, eigenn\u00fctzige Individuen\u00ab.4 In einem wirklichen Commons funktionieren die Dinge anders. Eine klar umrissene Gemeinschaft regelt die gemeinsame Bewirtschaftung und Nutzung gemeinsamen Verm\u00f6gens. Nutzerinnen und Nutzer verhandeln ihre eigenen Regeln. Sie weisen Verantwortlichkeiten und Berechtigungen zu und \u00fcberwachen die Regeleinhaltung, um Trittbrettfahrerinnen und Trittbrettfahrer zu identifizieren und zu sanktionieren. Dies ist wichtig, damit nicht die Grundlage des ganzen Commons erodiert.<\/p>\n<p>Man kann immer an endlichen Ressourcen Raubbau betreiben \u2013 aber das ist eher der Effekt einer ungez\u00fcgelten Marktwirtschaft als ein Ergebnis von Commoning. Es ist kein Zufall, dass das sechste Massensterben der Erdgeschichte5, ein noch nie dagewesener Verlust an fruchtbarem Boden und eine gef\u00e4hrliche Erderw\u00e4rmung in einer Zeit stattfinden, in der kapitalistische M\u00e4rkte und private Eigentumsrechte dominieren.<\/p>\n<p>Wie wir in diesem Buch sehen werden, haben Commons so viele Facetten, dass eine einzige Art, sie zu beschreiben, dem Ph\u00e4nomen kaum gerecht werden kann. In Kapitel 3 werden wir dennoch eine allgemeine Definition anbieten, doch zun\u00e4chst sind einige Begriffe zu kl\u00e4ren. Sie werden h\u00e4ufig mit Commons in Zusammenhang gebracht werden, bedeuten jedoch nicht dasselbe.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1590562278067{padding-top: 20px !important;padding-right: 20px !important;padding-bottom: 20px !important;padding-left: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Was Commons sind und nicht sind<\/h4>\n<p>Commons sind lebendige soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen. Leider werden sie h\u00e4ufig als Ressourcen beschrieben, die niemandem geh\u00f6ren \u2013 etwa Meere, das Weltall und der Mond \u2013 oder die sich in Gemeinschaftseigentum befinden \u2013 Wasser, W\u00e4lder und Land. Commons wird also mit Begriffen zusammengebracht, die etwas Anderes bedeuten und dabei oft mit diesen verwechselt werden. Wir stellen solche Begriffe hier vor, um nicht nur Missverst\u00e4ndnisse zu verhindern, sondern auch, um noch einmal die moderne, \u00f6konomische Weltsicht darzustellen, die sich auf Dinge und Individuen kapriziert statt auf Beziehungen und Systeme.<\/p>\n<p><i>Gemeing\u00fcter<\/i><sup>6<\/sup>(\u00bbcommon goods\u00ab): Der Begriff kommt aus der Wirtschaftswissenschaft. Sie unterscheidet zwischen bestimmten \u00bbG\u00fcterarten\u00ab \u2013 Gemeing\u00fcter, Klubg\u00fcter, \u00f6ffentliche G\u00fcter und private G\u00fcter. Der Zugang zu Gemeing\u00fctern soll schwierig zu begrenzen sein. Im Jargon der Neoklassik gelten sie daher als \u00bbnicht ausschlie\u00dfbar\u00ab. Zudem sind sie sind nicht in unersch\u00f6pflicher F\u00fclle vorhanden. Sie gelten daher als \u00bbrival\u00ab. Tats\u00e4chlich werden sogenannte Gemeing\u00fcter oft weniger, wenn wir sie aufteilen oder nutzen. Sie werden aufgebraucht. Dennoch ist es irref\u00fchrend, Gemeing\u00fcter als \u00bbnicht ausschlie\u00dfbar\u00ab und \u00bbrival\u00ab zu bezeichnen. Zum einen <i>sind<\/i> G\u00fcter nicht rival. Nicht G\u00fcter rivalisieren, sondern Menschen rivalisieren um deren Nutzung. G\u00fcter sind ersch\u00f6pflich. Zum anderen sind Ausschlie\u00dfbarkeit und Ersch\u00f6pflichkeit nicht einem Gut selbst inh\u00e4rent. Nicht das Gut ist exklusiv \u2013 also ausschlie\u00dfbar \u2013, sondern Menschen werden von anderen Menschen ausgeschlossen (oder nicht). Auch die Ersch\u00f6pflichkeit eines Allmendeguts ist nur dann problematisch, wenn wir unangemessene Entscheidungen \u00fcber die Nutzung von Wasser, Land, Raum oder W\u00e4ldern treffen. Und schlie\u00dflich verf\u00fchrt der wirtschaftswissenschaftliche Begriff \u00bbGut\u00ab dazu, Land, Wasser oder Wald in erster Linie als etwas zu sehen, das nach Kriterien des Marktes bewertet und gehandelt werden kann. Viele Kulturen lehnen eine solche Interpretation ab.<\/p>\n<p><i>Gemeinressourcen (auch: Gemeinsam genutzte Ressourcen, \u00bbcommon-pool resources\u00ab, CPRs) <\/i> Dieser Begriff wird meist von Commons-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern in der Tradition von Elinor Ostrom verwendet. Wenn sie die Bewirtschaftung gemeinsamer Fischgr\u00fcnde, Grundwassereinzugsgebiete oder Weiden erforschen, sprechen sie von diesen Gr\u00fcnden, Gebieten und L\u00e4ndereien als CPR, als Gemeinressource. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Menschen mit diesem gemeinsamen Naturverm\u00f6gen umgehen und wie sie dabei \u00dcbernutzung vermeiden k\u00f6nnen. Der Begriff Gemeinressource (CPR) ist dem der Gemeing\u00fcter in Konzeptualisierung und Anwendung sehr \u00e4hnlich. Beide klammern aus, dass auch das, was mehr wird, wenn wir es teilen \u2013 so wie Wissen oder Code \u2013, uns gemeinsam zukommen kann.<\/p>\n<p><i>Gemeineigentum (\u00bbcommon property\u00ab): <\/i> W\u00e4hrend \u203agemeinsam genutzte Ressource\u2039 oder \u203aGemeingut\u2039 sich auf die im Zentrum stehende Sache als solche bezieht (den Fischgrund, das Wassereinzugsgebiet, das Weideland) geht es beim <i>Gemeineigentum<\/i> um ein Rechtssystem, das formale Rechte auf Zugang oder Nutzung gew\u00e4hrt. <i>Gemeinressource<\/i> und <i>Gemeingut<\/i> verweisen beispielsweise auf das Wasser selbst, w\u00e4hrend <i>Gemeineigentum<\/i> sich auf das Rechtssystem bezieht, das reguliert, wie Menschen das Wasser nutzen d\u00fcrfen. Von Eigentumsregimen zu sprechen bedient ein ganz anderes Register als Verweise auf Wasser, Land, Fischgr\u00fcnde, Softwarecode und Wissen als solche. Letzere k\u00f6nnen in sehr unterschiedlichen rechtlichen Regelungen bewirtschaftet werden. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Dinge. Commoners m\u00f6gen sich f\u00fcr eine Form des Gemeineigentums entscheiden oder mehrere Eigentumsformen kombinieren. Das jeweilige Eigentumsregime bildet jedoch nicht den Kern des Commons.<\/p>\n<p><i>Gemeinsame, das (\u00bbthe common\u00ab): <\/i> Vom <i>Gemeinsamen<\/i> ist zum Beispiel im \u00bbCommon Wealth\u00ab von Michael Hardt und Antonio Negri die Rede. Und das ist kein \u00dcbersetzungsfehler. <i>The common<\/i> statt <i>commons,<\/i> hei\u00dft es dort. Das Gemeinsame ist das, was wir teilen, gemeinsam produzieren und gemeinsam regeln. Als politisches Projekt existiert es nicht einfach neben dem Privaten und dem \u00d6ffentlichen, sondern entfaltet sich auf einer anderen, unter anderem affektiven, Grundlage. Das Gemeinsame gilt Hardt\/Negri als Beginn und Ergebnis ihrer \u00bbbiopolitischen \u00d6konomie\u00ab. Tats\u00e4chlich kommt das vielen Grundgedanken in diesem Buch sehr nah. Und doch verwirrt der Begriff, vor allem im Deutschen, weil er unzureichend ist \u2013 das Gemeinsame kann auch das Gemeinsame der Mafia sein.<\/p>\n<p><i>Gemeinwohl (\u00bbthe common good\u00ab): <\/i> Der Begriff ist bereits seit der griechischen Antike bekannt und bezieht sich auf die Idee, f\u00fcr das Beste aller Mitglieder einer Gesellschaft zu sorgen. Es ist ein schillernder Gemeinplatz ohne klare Bedeutung, denn praktisch jedes politische und \u00f6konomische System behauptet, es schaffe die meisten Vorteile f\u00fcr alle.[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<h4>Commons in Beispielen<\/h4>\n<p>Sich mit Commons vertraut zu machen, gelingt am besten \u00fcber einige aus dem Leben gegriffene Beispiele wie die folgenden f\u00fcnf. Diese Beispiele werden uns helfen, Commons als theoretischen Rahmen f\u00fcr soziales Miteinander, eine bed\u00fcrfnisorientierte \u00d6konomie und sogar f\u00fcr Governance, also eine gelingende Selbstorganisation, zu begreifen. Dabei ist jedes Commons einzigartig. Es gibt keine Universalmodelle oder Patentrezepte, keine Best Practices oder Schablonen f\u00fcr Commons und Commoning, denn jedes Commons ist bei aller Gemeinsamkeit einzigartig; doch es gibt konkret nachvollziehbare Erfahrungen und aufschlussreiche Muster, die uns inspirieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das <b>Fl\u00fcchtlingslager Zaatari <\/b>in Jordanien ist zu einer Siedlung gewachsen. Dort leben 85.000 vertriebene Syrerinnen und Syrer, die seit 2012 nach und nach eingetroffen sind. Es mag merkw\u00fcrdig erscheinen, dass wir an diesem Beispiel die Ideen dieses Buches erl\u00e4utern wollen. Doch mitten in einer desolaten Landschaft haben die Menschen gro\u00dfe und durchdachte Systeme von Notunterk\u00fcnften, Stadtteilen und Stra\u00dfen entwickelt \u2013 die Hauptstra\u00dfe hei\u00dft \u00bbChamps \u00c9lys\u00e9es\u00ab \u2013, und es gibt sogar ein Adresssystem. Nach Angaben des UNO-Beamten Kilian Kleinschmidt, der fr\u00fcher die Leitung des Lagers innehatte, gab es dort im Jahr 2015 \u00bb14.000 Haushalte, 10.000 Abwasserbeh\u00e4lter und private Toiletten, 3.000 Waschmaschinen, 150 private G\u00e4rten und 3.500 neue Firmen und Gesch\u00e4fte\u00ab. Ein Reporter, der das Lager besuchte, stellte fest, dass manche der aufwendigsten H\u00e4user dort \u00bbein Flickwerk aus Notunterk\u00fcnften, Zelten, Betonsteinen und Schiffscontainern sind, mit Innenh\u00f6fen, privaten Toiletten und notd\u00fcrftig zusammengeschusterten Abwasserrohren\u00ab. Die Siedlung hat ein Friseurgesch\u00e4ft, eine Zoohandlung, einen Blumenladen und eine Eisdiele mit hausgemachter Eiscreme. Es gibt einen Pizza-Lieferdienst und ein Reiseb\u00fcro, das einen Abholservice zum Flughafen anbietet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die ohnehin sp\u00e4rliche Infrastruktur von Zaatari in schlechtem Zustand, leidet der Ort unter etlichen Problemen. Und nat\u00fcrlich liegt die oberste Verantwortung beim Staat Jordanien und den Vereinten Nationen. Was Zaatari jedoch als Fl\u00fcchtlingslager so bemerkenswert macht, ist die bedeutende Rolle der Selbstorganisation beim Aufbau dieser improvisierten, aber dennoch stabilen Stadt. Es handelt sich nicht einfach um ein behelfsm\u00e4\u00dfiges Camp zum \u00dcberleben, wo erbarmungsw\u00fcrdige Menschen Schlange stehen, um Nahrungsmittel zu bekommen, wo Verwaltungspersonal professionelle Dienstleistungen erbringt und die Menschen in erster Linie wie hilflose Opfer behandelt werden. Vielmehr ist es ein Ort, an dem Gefl\u00fcchtete ihre eigene Energie und Fantasie einbringen konnten, um die Siedlung aufzubauen. Sie haben einen Teil der Verantwortung f\u00fcr die Selbstverwaltung \u00fcbernehmen und dadurch die Macht \u00fcber die Gestaltung ihres eigenen Lebens wie auch ihre Menschenw\u00fcrde wiedererlangen k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte sagen, dass die Menschen, die Zaatari verwalten und bewohnen, einige Vorz\u00fcge des Commoning erkennen konnten. Wenn Sie meinen, dass wir hier etwas zu weit gehen, bedenken Sie, was das Beispiel \u00fcber die Macht der Selbstorganisation erz\u00e4hlt \u2013 einem Kernkonzept der Commons.<\/p>\n<p>Der niederl\u00e4ndische Krankenpfleger Jos de Blok war von der st\u00e4ndigen Verschlechterung der h\u00e4uslichen Pflege in seiner Stadt Almelo ersch\u00fcttert: \u00bbDie Qualit\u00e4t wurde immer schlechter, die Zufriedenheit der Menschen nahm ab, und die Kosten gingen in die H\u00f6he\u00ab, stellte er fest. De Blok und ein kleines Team professioneller Pflegekr\u00e4fte beschlossen daraufhin, eine eigene Organisation f\u00fcr h\u00e4usliche Pflege zu gr\u00fcnden: <b>Buurtzorg Nederland<\/b>. Anstatt die Pflege am Flie\u00dfbandmodell auszurichten und als Marktdienstleistung zu konzipieren, die unter strikter Arbeitsteilung in messbaren Einheiten geliefert werden muss, setzt Buurtzorg auf kleine, selbstverwaltete Teams hochqualifizierter Pflegekr\u00e4fte, die sich um 50 bis 60 Personen in einer Nachbarschaft k\u00fcmmern (der Name \u00bbBuurtzog\u00ab bedeutet auf Niederl\u00e4ndisch \u00bbNachbarschaftspflege\u00ab). Die Pflege ist ganzheitlich. Sie orientiert sich an den vielen pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen, der sozialen Situation und den Bedingungen der einzelnen Patientinnen und Patienten. Wenn eine Pflegekraft jemanden das erste Mal aufsucht, gibt es zun\u00e4chst ein Gespr\u00e4ch bei einer Tasse Kaffee. Gute Pflege l\u00e4sst sich nicht vorprogrammieren. Sie muss besprochen werden. \u00bbMenschen sind keine Fahrr\u00e4der, die sich anhand eines Organigramms organisieren lassen\u00ab, findet de Blok. Buurtzorg-Pflegekr\u00e4fte folgen daher einer (in Commons allgegenw\u00e4rtigen) Zeitverausgabungslogik. Sie praktizieren damit das Gegenteil der Zeiteinsparungslogik, nach der alles immer effizienter und wettbewerbsf\u00e4higer organisiert werden muss \u2013 und die Menschen vergessen werden. Buurtzorg ist ein gutes Beispiel f\u00fcr eines der Commoning-Muster, die wir in Kapitel 4-6 detaillierter beschreiben. Wir nennen es: (F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen.<sup>7<\/sup><\/p>\n<p>Interessanterweise f\u00fchrt die Idee, mehr Zeit mit den Patientinnen und Patienten zu verbringen, dazu, dass diese <i>weniger<\/i>professionelle Pflegezeit ben\u00f6tigen. Das ist nicht wirklich \u00fcberraschend, denn die Pflegekr\u00e4fte versuchen im Grunde, sich m\u00f6glichst \u00fcberfl\u00fcssig zu machen, was die Patientinnen und Patienten ermutigt, unabh\u00e4ngiger zu werden. Ein sich selbst verst\u00e4rkender Zusammenhang. Eine Studie aus dem Jahre 2009 zeigte auf, dass die Buurtzog-Patientinnen und -Patienten doppelt so schnell aus der Pflege entlassen werden wie die Klienten anderer Pflegedienste, und sie ben\u00f6tigten letztlich nur 50 Prozent der Pflegestunden, die ihnen verschrieben worden waren. Die Pflegekr\u00e4fte leisten das volle Spektrum an Betreuung, von medizinischen Ma\u00dfnahmen bis hin zur Unterst\u00fctzung der K\u00f6rperpflege. Sie machen zudem informelle Pflegenetzwerke in der Nachbarschaft ausfindig oder helfen sie aufzubauen, unterst\u00fctzen das soziale Leben und f\u00f6rdern die Selbstpflege und Unabh\u00e4ngigkeit.<sup>8<\/sup>Buurtzorg wird von den Pflegekr\u00e4ften selbst verwaltet, was durch eine einfache, flache Organisationsstruktur sowie durch Informationstechnologie u.a. inspirierende Blogposts von de Blok unterst\u00fctzt wird. Buurtzorg arbeitet im gro\u00dfen Ma\u00dfstab, ohne dass Hierarchie oder allgemeiner Konsens n\u00f6tig w\u00e4ren. Entscheidungen werden dezentral getroffen, auf Grundlage gemeinsamer Kriterien. Das ist ein Muster. Wir nennen es: Gemeinstimmig entscheiden.Ende 2018 waren bei Buurtzorg \u00fcber 10.000 Pflegekr\u00e4fte in 870 Nachbarschaftsteams besch\u00e4ftigt, die im ganzen Land circa 110.000 Menschen pflegten. \u00c4hnliche Initiativen starteten in den USA und anderen L\u00e4ndern Europas. In Deutschland entstehen zehn Jahre nach der Gr\u00fcndung des Originals Ableger dieser \u00bbPflege auf Augenh\u00f6he,\u00ab etwa Care4Me.<sup>9<\/sup>Die erste Buurtzorg-Konferenz fand hierzulande am 1. Oktober 2018 statt. Nach Jahren erfolgreicher Praxis steht fest: das Buurtzorg Modell erm\u00f6glicht, an menschlichen Bed\u00fcrfnissen orientierte h\u00e4usliche Pflege zu relativ geringen Kosten in hoher Qualit\u00e4t. Einer KPMG-Studie zufolge wurden \u00fcber diesen Ansatz die Besuche in der Notaufnahme bis 2015 um 30 Prozent gesenkt und die Ausgaben von Steuergeldern f\u00fcr h\u00e4usliche Pflege um 30 Prozent reduziert.<sup>10<\/sup>Zudem hat eine Studie von Ernst &amp; Young ergeben, dass die Zufriedenheit der Belegschaft von Buurtzorg die h\u00f6chste aller niederl\u00e4ndischen Unternehmen mit mehr als 1.000 Besch\u00e4ftigten ist. Diesen Rekord h\u00e4lt die Organisation \u00fcber mehrere Jahre in Folge.<\/p>\n<p>Seit 2011 experimentieren die beiden Architekten Alastair Parvin and Nicholas Ierodiaconou vom Londoner Architekturb\u00fcro Zero Zero Architecture mit offenem Design. Sie wollten herausfinden, was geschieht, wenn Architektinnen und Architekten nicht nur jenen beim Entwerfen und Bauen ihrer H\u00e4user helfen, die sich die Beauftragung eines Architekten leisten k\u00f6nnen, sondern auch einfachen Menschen. Diese Idee wurde zum Kern eines erstaunlichen Projektes: dem Versuch, den Hausbau neu zu erfinden. Parvin und Ierodiaconou begannen, per CNC-Fabrikation<sup>11<\/sup>gro\u00dfe, flache Werkst\u00fccke aus Sperrholz oder anderem Material digital zu entwerfen und zu bearbeiten. Sie ver\u00f6ffentlichten Open-Source-Dateien mit Entw\u00fcrfen f\u00fcr H\u00e4user, die von Interessierten verbessert sowie an unterschiedliche Lebenssituationen angepasst werden konnten. Mit der Zeit entstand ein Open-Source-Baukasten f\u00fcr die Schaffung von Wohnraum: einfach, g\u00fcnstig und energiearm. Er sollte Laien helfen, schnell und kosteng\u00fcnstig den Rohbau eines Hauses voran zu treiben. Die jungen Vordenker nannten das System <b>WikiHouse<\/b>.<sup>12<\/sup>Seit seinen bescheidenen Anf\u00e4ngen hat sich WikiHouse zu einer globalen Designgemeinschaft weiterentwickelt. 2018 gab es mehr als ein Dutzend Verb\u00e4nde und Laboratorien auf allen Kontinenten. Sie alle arbeiten unabh\u00e4ngig. Menschen aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern tragen zum Gelingen bei. Gemeinsam mit der von WikiHouse gegr\u00fcndeten gemeinn\u00fctzigen Stiftung verfolgen sie alle dasselbe Ziel: \u00bbjeder B\u00fcrgerin und jedem B\u00fcrger, jedem Unternehmen auf diesem Planeten die Entw\u00fcrfe f\u00fcr kosteng\u00fcnstige, energiesparende, Hochleistungsh\u00e4user in die Hand zu geben\u00ab. WikiHouse l\u00e4dt ein, kosmo-lokal zu produzieren. In kosmo-lokaler Produktion entstehe, so ist auf der Website zu lesen, \u00bbeine neue, dezentralisierte Wohnungsbaubranche, die aus vielen Menschen, Gemeinschaften und kleinen Unternehmen besteht, die f\u00fcr sich selbst Wohnraum und Nachbarschaften schaffen. Das macht uns unabh\u00e4ngiger vom hochverschuldeten Massenwohnungsbau, bei dem Entscheidungsprozesse von oben nach unten verlaufen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Philosophie f\u00fcr den Einsatz von Technologien, die Art des Wirtschaftens sowie die organisatorischen Prozesse sind in der WikiHouse-Charta erl\u00e4utert. Eine solche Charta ist eine von vielen M\u00f6glichkeiten, wie Commoners sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten. Das wiederum ist ein Schl\u00fcsselelement bewusster Selbstorganisation, wie wir in Kapitel 5 sehen werden. Die WikiHouse-Charta listet 15 Grundprinzipien auf. Sie enth\u00e4lt Kernideen wie \u00bbWissen global weitergeben, lokal produzieren\u00ab; \u00bbfaul wie ein Fuchs sein\u00ab und das Rad nicht immer wieder neu erfinden, das Herstellen von Dingen einfacher machen (so, dass es weniger Zeit, Aufwand, Energie und spezifischer Fertigkeiten bedarf); auf \u00bboffene Standards\u00ab und Lizenzen setzen; und Nutzerinnen und Nutzer bef\u00e4higen, Teile ihrer H\u00e4user reparieren und modifizieren zu k\u00f6nnen, denn \u00bbWas Du nicht ver\u00e4ndern kannst, geh\u00f6rt Dir nicht\u00ab. Der Umgang mit Entw\u00fcrfen und Technologien, die an die eigenen Bed\u00fcrfnisse angepasst werden sollen, erinnert an das von Ivan Illich beschriebene Konzept der \u00bbkonvivialen Werkzeuge\u00ab.Konviviale Werkzeuge nutzensetzt Kreativit\u00e4t frei und bringt mehr Autonomie. Hier kontrollieren die Menschen die Werkzeuge und nicht umgekehrt. Das ist bei nicht reparierbaren Technologien oder propriet\u00e4rer Software anders. Sie schreiben uns vor, was wir tun k\u00f6nnen und was nicht.<\/p>\n<p>Jeden Donnerstag machen sich die Mitglieder der <b>Solidarischen Landwirtschaft<\/b> (SoLaWi) Heilbronn<sup>13<\/sup>auf den Weg zum n\u00e4chstgelegenen Gem\u00fcsedepot. Das Depot der Autorin befindet sich im Keller eines Einfamilienhauses. Der Zugang ist einfach, die Neugier allw\u00f6chentlich gro\u00df. Denn dort stehen \u2013 im Sommer einmal pro Woche, im Winter alle vierzehn Tage \u2013 frisch best\u00fcckte Kisten mit Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Pak-Choi, Schnittlauch, Schnittbohnen, Artischocken, Radicchio und anderen saisonalen Produkten. Daneben h\u00e4ngt eine Liste, der zu entnehmen ist, welcher Anteil jedem Haushalt zukommt. Die Kiste zu f\u00fcllen ist Freude und \u00dcberraschung zugleich. Im Sommer leuchten die Erzeugnisse bunt, im Winter dominieren erdigere T\u00f6ne. Ich packe alles ein, hake meinen Namen ab \u2013 so dass alle wissen, was bereits verteilt ist \u2013 und fahre mit einem Gem\u00fcsevorrat aus biodynamischem Anbau nach Hause. Mag ich etwas nicht, lege ich es vorher noch flugs in die Tauschkiste. Wieviel ich in meine Kiste packe, hat im Moment der Abholung wenig mit Geld zu tun. Es h\u00e4ngt davon ab, wie die Ernte ausgefallen ist. Die Ernte wiederum h\u00e4ngt ab vom Zusammenspiel vieler Faktoren: von Saatgut- und Bodenqualit\u00e4t, Wetter und klimatischen Bedingungen, von der Lage, dem Fachwissen und sogar von der Stimmung auf dem Hof. In die Kiste kommt mein Anteil an der Ernte, entsprechend dem SoLaWi-Motto: Die Ernte teilen! Geteilt werden kann selbstredend nur was da ist, was vorher ausges\u00e4t, gepflegt, geerntet und in die Depots gebracht wurde. Das kostet nat\u00fcrlich auch Geld. Und hier liegt ein Schl\u00fcssel des Modells: alle Beteiligten geben <i>vor<\/i> dem Anbau ein monatliches Beitragsversprechen ab, das in der Regel f\u00fcr ein Jahr gilt. Damit sichern sie das Einkommen derjenigen, die auf den H\u00f6fen arbeiten, sowie die Finanzierung all dessen, was in der Landwirtschaft gebraucht wird. Oft geschieht das im Rahmen einer anonymen Bieterrunde. Das Budget, welches f\u00fcr die Finanzierung einer Jahresproduktion gebraucht wird, wird aufgestellt und allen Mitgliedern erkl\u00e4rt. Dann geht es los: zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Alle \u00fcberlegen sich, was sie monatlich beitragen wollen und k\u00f6nnen und geben ihr Gebot ab. In meiner SoLaWi kommt dabei das Smartphone zum Einsatz. F\u00fcr einen Moment schauen alle auf ihr Display, kurz darauf auf die Leinwand. Dort wird in Echtzeit angezeigt, wie sich die Beitr\u00e4ge aufsummieren. Ist der ben\u00f6tigte Betrag nach einer Runde erreicht, kann der Vorgang abgeschlossen werden. Meist aber gibt es zwei, manchmal auch drei Runden. Nicht selten wird zudem ein Mindestbeitrag festgelegt, der deutlich unter dem Beitragsdurchschnitt liegt.<\/p>\n<p>Bieterrunden \u2013 statt festgelegter Preise \u2013 erm\u00f6glichen es, nicht nur gegen\u00fcber den Produzierenden, sondern auch unter den Mitgliedern solidarisch zu sein. Da die Beitr\u00e4ge im Wesentlichen selbstbestimmt sind, k\u00f6nnen auch Menschen mit niedrigen Einkommen dabei sein. Wer weniger hat, bietet weniger. Wer mehr hat, bietet mehr. Das ist die Grundidee. Und sie funktioniert erstaunlich gut. \u00dcber die Nennung des Richtbetrages zu Beginn des Bietverfahrens erfahren alle, welcher Betrag im Durchschnitt aufgebracht werden m\u00fcsste. In unserer SoLaWi waren dies 83 Euro pro Einheit und Monat im Wirtschaftsjahr 2017\/2018. Die Informationen rund um eine solche Bieterrunde bringen nicht nur Transparenz in die Produktionskosten, sondern schaffen auch ein Bewusstsein bei denjenigen, die nicht direkt mit Landwirtschaft zu tun haben. Sie erfahren, ob das Gew\u00e4chshaus Schaden erlitten hat, der Traktor repariert werden muss oder welche Wasserrechnung bei extremer Trockenheit ins Haus steht. \u00d6konomisch gesehen ist also das Besondere an den SoLaWis, dass Menschen vor der Produktion zusammenlegen und nach der Ernte, wie immer sie ausf\u00e4llt, den Ertrag aufteilen. So geschieht das in Deuschland, aber auch in Tausenden von sogenannten \u00bbgemeinschaftsgetragenen Landwirtschaften\u00ab, im Englischen \u00bbCommunity Supported Agricultures\u00ab (CSA), weltweit. Diese Praxis hat uns inspiriert, Poolen, Deckeln &amp; Aufteilenals Muster eines sorgenden und selbstbestimmten Wirtschaftens zu formulieren (Kapitel 6). Wenn Mitglieder ihre Gebote abgeben, geben sie den Landwirten und G\u00e4rtnerinnen das erforderliche Betriebskapital. Dies bedeutet im Kern, dass sie das Produktionsrisiko gemeinsam tragenund Commons-Produktion finanzieren(Kapitel 5). Im Depot hole ich deshalb keine Ware<sup>14<\/sup>ab, auf der ein Preisschild klebt<sup>15<\/sup>. Das ist ein wichtiger Unterschied zu dem Wirtschaften, wie wir es kennen. Eine Gemeinsamkeit ist, dass auch hier arbeitsteilig produziert wird. Schlie\u00dflich geht es nicht darum, dass jeder sein eigenes Brot b\u00e4ckt und jede ihr eigenes Holz hackt. Es geht darum, das Produktionsrisiko zu teilen und weitere Muster umzusetzen, die wir in Kapitel 6 vorstellen. Dies ver\u00e4ndert die Beziehungen zwischen allen Beteiligten und dem gesamten Wirtschaftsprozess. Kein SoLaWi-Bauer muss bei Missernten Entsch\u00e4digungen beim Staat beantragen. Die Risiken \u2013 schlechtes Wetter, Pflanzenkrankheiten, kaputte Maschinen \u2013 werden gemeinsam geschultert. Und zwar von Menschen, die sich zun\u00e4chst nicht kennen. Hoffeste, die j\u00e4hrliche Mitgliederversammlung mit der Bieterrunde oder die M\u00f6glichkeit auf dem Hof mitzuarbeiten \u2013 das sind Gelegenheiten zum Kennenlernen. Wie in jedem anderen Commons gilt auch hier: Rituale des Miteinanders etablieren(Kapitel 4) ist immer eine gute Idee. SoLaWis sind nicht einfach ein \u00bbanderes Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr die Landwirtschaft\u00ab, sondern Beispiel f\u00fcr eine andere Produktionsweise, aus der sich eine Regionalisierung und \u00d6kologisierung der Lebensmittelproduktion ergeben kann. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten verbessert \u00bbunser Bauer\u00ab die Bodenfruchtbarkeit, seit einigen Jahren tut er dies als \u00bbSoLaWi-Bauer\u00ab. Wir k\u00f6nnen es schmecken und auf den Feldern sehen. Gemulcht wird mit Beikr\u00e4utern. Die B\u00f6den sind gesund. Die Randvegetation ist vielf\u00e4ltiger. Rund um den Hof ist offensichtlich, welche \u00c4cker zur SoLaWi geh\u00f6ren und welche nicht.<\/p>\n<p>Die SoLaWis in Deutschland sind auch von den Community Supported Agricultures inspiriert. Seit der Gr\u00fcndung der ersten CSA in den USA im Jahr 1986 ist eine internationale Bewegung entstanden. Das SoLaWi-Netzwerk in Deutschland ist daf\u00fcr ein beredtes Beispiel.<\/p>\n<p>Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft aktualisiert fortlaufend eine Karte, auf der alle SoLaWis verzeichnet sind, und informiert in einem Rundbrief \u00fcber neue Initiativen.<sup>16<\/sup><\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<caption><em>Entwicklung der solidarischen Landwirtschaft in Deutschland zwischen 1988 und 2018 (eigene Zusammenstellung)<\/em><\/caption>\n<thead>\n<tr style=\"border: 1px solid black; background: #eee;\">\n<th style=\"text-align: left;\">Jahr<\/th>\n<th style=\"text-align: left;\">Anzahl der SoLaWis<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1988-2003<\/td>\n<td>1<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">1998-2003<\/td>\n<td>3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2007<\/td>\n<td>9<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">2013<\/td>\n<td>39<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2015 (April)<\/td>\n<td>79<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">2016<\/td>\n<td>&gt;100<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2018 (Dezember)<\/td>\n<td>Ca. 200<\/td>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allein in den USA gibt es 2018 circa 1700 CSAs.<sup>17<\/sup>Zwar sind einige davon kommerziell orientiert, doch auch sie suchen nach neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Besch\u00e4ftigten und Mitgliedern. Die CSAs wiederum sind von Teikei inspiriert, einem \u00e4hnlichen Modell, das in Japan seit den 1970er Jahren enorme Verbreitung gefunden hat. Das Wort bedeutet \u00bbKooperation\u00ab oder \u00bbGemeinschaftsgesch\u00e4ft\u00ab. Auch hier geht es um kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft, \u00f6kologischen Landbau und direkte Partnerschaften zwischen B\u00e4uerinnen und Verbrauchern. Die 1971 gegr\u00fcndete Japanische Vereinigung f\u00fcr \u00d6kologischen Landbau, die zu den Gr\u00fcndungsgruppen geh\u00f6rt, beschreibt ihre Motivation f\u00fcr Teikei mit dem Wunsch, \u00bbein alternatives Vertriebssystem zu entwickeln, das nicht von konventionellen M\u00e4rkten abh\u00e4ngt\u00ab.<sup>18<\/sup>Das CSA-Modell ist so solide, dass das Schumacher Center for a New Economics, welches die erste nordamerikanische CSA mit aus der Taufe hob, derzeit am Konzept einer Community Supported Industry (CSI) arbeitet. Warum sollte gemeinschaftsgetragene Gegenseitigkeit nicht auch f\u00fcr das Herstellen von M\u00f6beln, Fahrr\u00e4dern oder Werkzeugen n\u00fctzlich sein?<\/p>\n<p>Viele Menschen glauben, dass nur ein kapitalstarker Kabel- oder Telekommunikationskonzern mit guten Beziehungen in die Politik die Infrastruktur f\u00fcr WLAN-Dienste aufbauen kann. Die beherzten Aktiven von <b>Guifi.net<\/b> aus Barcelona haben gezeigt: auch Commoners k\u00f6nnen hochwertige, erschwingliche Internetanschl\u00fcsse aufbauen, unterhalten und betreuen. Das ist gerade f\u00fcr strukturschwache Regionen wichtig, die mangels Dichte \u2013 und damit Marktwert \u2013 uninteressant f\u00fcr kommerzielle Anbieter sind. Tats\u00e4chlich hat Guifi.net zun\u00e4chst einen \u00bbSchweinebauernhof mit einem Kuhbauernhof\u00ab verbunden.<sup>19<\/sup>Internetzugang f\u00fcr alle, und zwar verkn\u00fcpft mit einer Verpflichtung auf Gemeineigentum, Netzneutralit\u00e4t und gemeinschaftliche Kontrolle \u2013 das ist die Idee von Guifi.net. Von einem einzigen WLAN-Knoten 2009 ist das Netz insbesondere in den l\u00e4ndlichen Gebieten Kataloniens auf mehr als 35.000 Knoten sowie 63.000 Kilometer drahtlose Verbindung angewachsen (Juli 2018). Die Geschichte nahm ihren Anfang, als der spanische Ingenieur Ramon Roca einige handels\u00fcbliche Router dazu brachte, als Knoten in einem netzwerkartigen System zu fungieren. Dieses System war an eine einzige DSL-Verbindung angeschlossen, die Telefonica geh\u00f6rte und \u00fcber die Rocas Gemeinde versorgt wurde. Mit diesem zusammengeschusterten System konnten nun Menschen Internetdaten senden und empfangen, indem sie andere Router benutzten. Roca hatte die Router gehackt, nicht um Schaden anzurichten, sondern um ihr Potenzial zu nutzen. Er lebt auf einem Geh\u00f6ft, umgeben von Feldern statt von Infrastruktur. Das Interesse konventioneller Anbieter reicht nicht bis dorthin. Rocas Idee zur L\u00f6sung des Problems mangelnder Internetverbindungen fand rasch Anklang. \u00bbWir gaben den Plan bekannt, beschrieben die Kosten und baten um Spenden\u00ab, wird Roca in <i>Wired<\/i> zitiert. So ist das Netz \u00fcber eine Art improvisiertes Crowdfunding gewachsen. Die Zahlungen gingen jedoch nicht an Guifi.net selbst, sondern an die Ger\u00e4telieferanten und Internetanbieter. All Beteiligten legten das Fundament daf\u00fcr, nicht nur das Netzwerk auszubauen, sondern auch sehr verschiedenen Kundinnen und Kunden einen individuell angepassten und kosteng\u00fcnstigen Internetzugang anbieten zu k\u00f6nnen. Das Grundmuster ist einfach: Beitragen &amp; Weitergeben(Kapitel 6). Die Partner haben ihre Ressourcen zusammengelegt und so eine allen zug\u00e4ngliche Internetversorgung geschaffen, wo der Markt versagt. Im Jahre 2008 hat Guifi.net eine Stiftung gegr\u00fcndet, die sich um die Betreuung der Freiwilligen und des Netzwerkbetriebs k\u00fcmmert. Zudem unterst\u00fctzt sie das Nachdenken \u00fcber die Governance des Gesamtsystems. In <i>Wired<\/i> ist zu lesen, dass die Stiftung \u00bbden Datenverkehr an die Provider und zwischen ihnen abwickelte, f\u00fcr die Verbindungen zum gro\u00dfen Datenknotenpunkt mit enormen Bandbreiten zwischen S\u00fcdspanien und dem Rest der Welt sorgte, den Einsatz von Glasfaserleitungen plante und \u2013 ganz entscheidend \u2013 Systeme entwickelte, die gew\u00e4hrleisten sollten, dass die Internetanbieter ihren fairen Anteil an den Kosten f\u00fcr Daten und Netzwerkmanagement insgesamt bezahlten\u00ab.<sup>20<\/sup>Worauf sich Guifi.net beruft, steht in einer \u00bb\u00dcbereinkunft f\u00fcr ein freies, offenes und neutrales Netzwerk\u00ab. Danach sollen Guifi.net-Nutzerinnen und -Nutzer eine Reihe von Rechten und Freiheiten genie\u00dfen: Sie haben die Freiheit, das Netzwerk f\u00fcr jeglichen Zweck zu nutzen, sofern sie den Betrieb des Netzwerks selbst, die Rechte anderer Nutzerinnen und Nutzer und die Prinzipien der Neutralit\u00e4t nicht beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<ul>\n<li>Sie haben das Recht, das Netzwerk und seine Komponenten zu analysieren und das Wissen \u00fcber seine Wirkungsweise und Prinzipien weiterzugeben.<\/li>\n<li>Sie haben das Recht, dem Netzwerk Dienste und Inhalte zu ihren Bedingungen anzubieten.<\/li>\n<li>Sie haben das Recht, dem Netzwerk beizutreten, verbunden mit der Pflicht, diese Rechte zu denselben Bedingungen auf alle anderen auszuweiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer immer die Guifi.net-Infrastruktur nutzt \u2013 Einzelpersonen, kleine Unternehmen, staatliche Einrichtungen oder Dutzende kleiner Internetanbieter \u2013 ist somit der \u00bbEntwicklung eines commons-basierten, freien, offenen und neutralen Telekommunikationsnetzwerks\u00ab verpflichtet. Das Ergebnis ist eine weitaus bessere Breitbandversorgung \u00fcber Guifi.net, die zudem g\u00fcnstiger ist als etwa in den USA. Dort zahlten Kundinnen und Kunden 2017 im Schnitt 80 $ pro Monat an ein Breitbandoligopol f\u00fcr langsamere Konnektivit\u00e4t und schlechten Service. Internetanbieter, die die Infrastruktur von Guifi.net nutzen, berechneten Anfang 2017 zwischen 18 und 35 \u20ac pro Monat f\u00fcr 1-Gigabyte-Glasfaserverbindungen und viel niedrigere Preise f\u00fcr das WLAN. Fazit: Commons sind \u00bbgeldeffizient\u00ab<sup>21<\/sup>. Sie erm\u00f6glichen uns, geldunabh\u00e4ngiger und somit auch freier von den strukturellen Zw\u00e4ngen des Marktes zu sein. Guifi.net zeigt, dass es durchaus m\u00f6glich ist, \u00bbnicht nur dort, wo die Telekommunikations-Platzhirsche Pr\u00e4senz zeigen, eine Breitbandinfrastruktur in gro\u00dfem Stil und lokalem Besitz\u00ab aufzubauen, wie Open-Technology-Aktivist Sascha Meinrath formulierte.<sup>22<\/sup>Dass alle Beteiligten von den Vorteilen einer Commons-Struktur profitieren, hat mit diesem Erfolg viel zu tun.<\/p>\n<p>Die Beispiele, die wir bislang kennengelernt haben, geh\u00f6ren nicht nur zu vollkommen unterschiedlichen Bereichen, sie drehen sich auch um Unterschiedliches. Solidarische Landwirtschaften drehen sich um Land, Boden, Wasser, Artenvielfalt und konzentrieren sich auf die Lebensmittelproduktion. Guifi.net besch\u00e4ftigt sich mit IT-Infrastruktur; hier geht es um Daten, Informationen, Kabel und Strom. WikiHouse will neu erfinden, wie wir geld- und ressourceneffizient bauen; hier geht es um Baustoffe, Raumkonzepte und Design. Anstatt nun die Differenzen hervorzuheben und die unterschiedlichen Ressourcen im Mittelpunkt jedes Projektes in den Blick zu nehmen, finden wir es sinnvoller herauszuarbeiten, worin sich die Ph\u00e4nomene gleichen. So ist jedes Commons von der Qualit\u00e4t sozialer Prozesse abh\u00e4ngig, der Weitergabe von Wissen sowie vom Zugriff auf physische Dinge. Alle Commons teilen die Herausforderung, das Soziale, das Politische (Governance) und das \u00d6konomische (bed\u00fcrfnisorientiert schaffen und bereitstellen, was wir zum Leben brauchen) zu einem integrierten Ganzen zu verbinden. Oder, um eine Analogie zu benutzen: Wir kennen Erdbeeren, \u00c4pfel und Bananen. Sie sehen unterschiedlich aus, schmecken unterschiedlich und wachsen in unterschiedlichen Klimazonen und auf unterschiedlichen B\u00f6den \u2013 und doch sind sie alle Fr\u00fcchte, Obst. Und dieser Sammelbegriff ist hilfreich, um sie einordnen zu k\u00f6nnen. So verh\u00e4lt es sich auch mit dem Begriff <i>Commons<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Jedes Commons beruht auf nat\u00fcrlichen Ressourcen.<br \/>\nJedes Commons ist ein Wissens-Commons.<br \/>\nJedes Commons ist ein sozialer Prozess.<\/b><\/p>\n<p>Ganz gleich, ob sie es wollen oder darauf angewiesen sind: Wenn Menschen sich zusammentun, um ein St\u00fcck Natur oder einen Raum zu nutzen beziehungsweise ein Problem zu l\u00f6sen, das sie gemeinsam betrifft, wenn sie an einem Strang ziehen, ihr diesbez\u00fcgliches Wissen teilen und die auftretenden Konflikte miteinander l\u00f6sen, dann handeln sie als Commoner und schaffen ein Commons.<\/p>\n<h4>Commons ganzheitlich verstehen<\/h4>\n<p>Die meisten Menschen sind perplex, dass so viele unterschiedliche Ph\u00e4nomene dem Begriff \u00bbCommons\u00ab zugeordnet werden. Und doch sind die Gemeinsamkeiten klar erkennbar. Wir schlagen daher vor, die eigene Wahrnehmung f\u00fcr die Muster des Commonings zu schulen. Jede und jeder kennt den \u00bbfreien Markt\u00ab, obwohl B\u00f6rsen, Wochenm\u00e4rkte, Superm\u00e4rkte, die Filmbranche, der Bergbau, Gesundheitsdienstleistungen, Arbeitsm\u00e4rkte und so weiter mindestens so vielgestaltig sind wie Commons. Dennoch erscheinen uns die vielen Spielarten von M\u00e4rkten als normal und als Teil <i>eines<\/i> gr\u00f6\u00dferen Konzepts. Commons hingegen genie\u00dfen wenig Sichtbarkeit, auch weil sie vom Marktdenken und -wirken unterdr\u00fcckt werden. Dabei sind Commons so alt wie die Menschheit. Und so merkw\u00fcrdig es angesichts dessen klingt, gibt es praktisch keine weitverbreitete Sprache, mit der man zeitgen\u00f6ssische Commons verstehen und beschreiben k\u00f6nnte (Kapitel 3). Zudem sind wissenschaftliche Arbeiten zum Thema in der Regel hochspezialisiert und einschl\u00e4gige wirtschaftswissenschaftliche Texte bauen oft auf einen Bezugsrahmen auf, der Commons im Kern als Ressourcen betrachtet und nicht als komplexe soziale Systeme, die unsere Beziehungen zueinander und zur Welt ordnen.<\/p>\n<p>Eine Herausforderung f\u00fcr uns ist daher, das Ganze der Commons wiederzuentdecken und im gegenw\u00e4rtigen Kontext nachvollziehbar zu machen. Daf\u00fcr brauchen wir einen konzeptionellen Rahmen, einige Geschichten und eine neue Ausdrucksweise. Mit dem Vokabular des Kapitals, der Wirtschaft und des dominierenden Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses k\u00f6nnen wir weder sinnvoll \u00fcber Commons sprechen noch die vielf\u00e4ltigen Ph\u00e4nomene erkl\u00e4ren. Es w\u00e4re so, als verwendete man Maschinenmetaphern, um komplexe lebendige Systeme ins Bild zu setzen. Wenn wir verstehen wollen, wie Commons tats\u00e4chlich gelingen, m\u00fcssen wir uns neu orientieren. Eben dies ist der Hauptzweck von Teil II des vorliegenden Buches. Darin entfalten wir einen Deutungsrahmen, der uns erm\u00f6glicht, Commoning zu erkennen, seine Dynamiken zu verstehen und angemessen auszudr\u00fccken, wobei wir nicht mit einer einzigen, allgemeing\u00fcltigen Schablone bewerten werden, was Commons ist und was nicht. Jedes tr\u00e4gt ohnehin die unverwechselbaren Zeichen seiner Urspr\u00fcnge, Kultur und Umst\u00e4nde. Es geht uns darum, die Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Praktiken zu identifizieren. Das wird uns zu behutsamen Verallgemeinerungen f\u00fchren, empfehlenswerten Handlungslogiken \u00e4hnlich, die helfen k\u00f6nnen, mehr Commons in die Welt zu bringen. So unterschiedlich die eingangs skizzierten Projekte und die Praktiken, denen Sie in diesem Buch noch begegnen werden, bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung auch erscheinen; so bemerkenswert \u00e4hnlich sind sie in der Art sich zu verwalten, Dinge aufzuteilen, sich gegen Einhegungen zu sch\u00fctzen und eine gemeinsame Ausrichtung zu pflegen \u2013 Commons sind keine Standardmaschinen, die auf Grundlage einer Blaupause zusammengebaut werden k\u00f6nnen. Es sind lebendige Systeme, die sich an neue Bedingungen anpassen und uns mit ihrer Kreativit\u00e4t, ihrer Vielfalt und ihrem Umfang \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00bbMuster\u00ab muss an dieser Stelle erl\u00e4utert werden. Wir nutzen ihn im Sinne des Architekten und Philosophen Christopher Alexander, so wie er gemeinsam mit Ko-Autorinnen und Ko-Autoren in seinem ber\u00fchmten Buch <i>Eine Muster-Sprache<\/i> (1977, Deutsch: 1995) entwickelt wurde. Alexander begr\u00fcndet diesen Ansatz philosophisch und mathematisch zugleich, insbesondere in seinem vierb\u00e4ndigen Hauptwerk <i>The Nature of Order<\/i>. Es ist das Ergebnis von 27 Jahren intensiver Beobachtung, akribischer Beschreibung und kreativen, interdisziplin\u00e4ren Denkens. Er verschmilzt in brillanter Weise eine empirisch-wissenschaftliche Perspektive mit gesellschaftsgestaltenden Ideen (darunter die pr\u00e4gende Rolle von Sch\u00f6nheit und Ganzheit); immer auf das gerichtet, was wir (wie Alexander) Lebendigkeit nennen.<sup>23<\/sup>Ein Muster beschreibt zun\u00e4chst \u00bbein Problem, das in einer bestimmten Umgebung immer wieder auftaucht\u00ab. Es beschreibt dann \u00bbden Kern der L\u00f6sung dieses Problems in einer Weise, dass man diese L\u00f6sung millionenfach \u2013 in unaufh\u00f6rlichen Variationen \u2013 einsetzen kann\u00ab.<sup>24<\/sup>Das Musterdenken und die darauf basierenden Gestaltungsideen sind weder kontextfrei noch von unseren Gedanken und Gef\u00fchlen abgekoppelt. Das ist eine wertvolle Qualit\u00e4t von Mustern, und deshalb werden wir keine \u00bbBest-Practices\u00ab ins Zentrum stellen und damit nahelegen, man k\u00f6nne sie \u00fcbernehmen. Wir werden stattdessen Grundmuster gelingenden Commonings zur Inspiration heranziehen und dabei im Hinterkopf behalten, dass sie nicht im Copy-and-Paste-Verfahren auf unterschiedliche Kontexte \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Jedes Commons muss eigene, angemessene, lokal- und kontextspezifische L\u00f6sungen entwickeln. Jedes muss praktische Probleme l\u00f6sen, individuellen W\u00fcnschen gerecht werden und Interessen ausgleichen. In diesem Buch arbeiten wir Muster heraus, die \u00fcberall in der Welt in Commons wirken. Wir gehen dabei sowohl sachlich als auch ambitioniert vor. Sachlich in der Beschreibung dessen, wie unterschiedliche Commons gegenw\u00e4rtig funktionieren, und ambitioniert beim Versuch, uns vorzustellen, wie Commoning-Dynamiken plausibel wachsen, sich verb\u00fcnden und zu einem eigenst\u00e4ndigen Bereich der Kultur und der politischen \u00d6konomie werden k\u00f6nnen. Wir greifen dabei Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften auf und sch\u00f6pfen zugleich aus langj\u00e4hrigen eigenen Erfahrungen. Dabei ist es f\u00fcr uns \u2013 und hoffentlich auch f\u00fcr Sie \u2013 inspirierend, immer wieder Commons aller m\u00f6glichen Schattierungen zu begegnen: in der Stadt, in Plattform-Kooperativen, im Geistesleben, in Kunst und Kultur. Wir m\u00f6chten ein facettenreiches, breites Feld menschlicher Kreativit\u00e4t und sozialer Organisation beschreiben und Ihnen Mut machen: Commons sind keineswegs so kompliziert und unbegreiflich, dass nur Fachleute sie verstehen. Tats\u00e4chlich entstehen sie, wenn gew\u00f6hnliche Menschen recht gew\u00f6hnliche Dinge tun, die nur in marktorientierten Gesellschaften etwas ungew\u00f6hnlich erscheinen.<\/p>\n<p>Wenn wir real oder intellektuell durch die Welt der Commons reisen, erstaunt uns immer wieder, unter welch au\u00dferordentlich vielf\u00e4ltigen Bedingungen wir Commoning begegnen. Auch deshalb haben wir uns gefragt, warum so viele Commons-Diskussionen auf \u00f6konomischen Kategorien beruhen (\u00bbG\u00fcterarten\u00ab, \u00bbAllokation\u00ab, \u00bbProduktivit\u00e4t\u00ab, \u00bbTransaktionskosten\u00ab), obwohl es doch um Ph\u00e4nomene geht, die auch soziale, kulturelle, ja spirituelle Dimensionen umfassen. Wir haben daraufhin noch einmal er\u00f6rtert, was es bedeutet, \u00fcber Commons nachzudenken und sie in die Welt zu bringen. Diese Neukonzeption kann zu einem gr\u00f6\u00dferen Wandel beitragen. Sie erlaubt uns, eine neue Vorstellung von \u00bbWirtschaften\u00ab zu gewinnen und Demokratie auf allen Ebenen zu vertiefen. Commons befriedigen Bed\u00fcrfnisse. Ganz konkret. Zugleich ber\u00fchren und ver\u00e4ndern sie das Wesen des Politischen und die Art des Politikmachens. Praktiken, Ethiken und Weltsichten des Commoning beeinflussen, pr\u00e4gen und ver\u00e4ndern Kultur und Identit\u00e4ten. Wir brauchen deshalb einen reichhaltigeren Bezugsrahmen, um das Thema zu ergr\u00fcnden. Sonst k\u00f6nnen wir weder die Dynamiken bewusster Selbstorganisation erkl\u00e4ren noch beschreiben, wie bed\u00fcrfnisorientiertes Wirtschaften gelingt; und wir k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber nachdenken, wie Commoning so gelingt, dass es sich auch gut anf\u00fchlt. Die Synthese unseres Denkens \u2013 der Bezugsrahmen \u2013 findet sich in Teil II dieses Bandes. Wir bezeichnen sie als \u00bbTriade des Commoning\u00ab und stellen diese dort vor.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;1. Von Commons &amp; Commoning&#8220; tab_id=&#8220;kap1&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 1<br \/>\nVon Commons &amp; Commoning<\/h3>\n<p>K\u00f6nnen Menschen miteinander kooperieren? Nicht nur als Folge einer Bitte oder Aufforderung, sondern quasi selbstverst\u00e4ndlich im kleinen wie im gro\u00dfen Ma\u00dfstab? Vieles deutet darauf hin. Zumindest konnte bislang kein Eigenbr\u00f6tler-Gen nachgewiesen werden, das sinnvolle Kooperation verhindern w\u00fcrde. Ganz im Gegenteil! So beschrieb der US-amerikanische Anthropologe Michael Tomasello ein denkw\u00fcrdiges Experiment, in dem ein Kleinkind wachen Auges eine Erwachsene beobachtet, die einen Armvoll B\u00fccher tr\u00e4gt und damit immer wieder gegen eine Schrankt\u00fcr st\u00f6\u00dft. Sie kann offensichtlich den Schrank nicht \u00f6ffnen. Das Kleinkind wirkt besorgt. Es geht zum Schrank, \u00f6ffnet die T\u00fcr und fordert die unbeholfene Erwachsene auf, die B\u00fccher in den Schrank zu stellen. In anderen Experimenten gelingt es einem Erwachsenen nicht, einen Schreibblock auf einen Stapel anderer Bl\u00f6cke zu legen. Ein Kleinkind, das dem ungeschickten Mann gegen\u00fcbersitzt, greift die heruntergefallenen Bl\u00f6cke und legt sie auf den Stapel. Und noch ein Beispiel: Eine Erwachsene, die Papiere zusammengeheftet hat, verl\u00e4sst den Raum. Bei ihrer R\u00fcckkehr stellt sie fest, dass jemand den Hefter weggelegt hat. Ein einj\u00e4hriges Kleinkind scheint das Problem sofort zu erfassen, will helfen und zeigt auf den gesuchten Hefter, der auf einem Regal liegt.<\/p>\n<p>Tomasello und sein Team ziehen aus solchen Experimenten einen grundlegenden Schluss: Menschen erkennen in konkreten Situationen intuitiv den Sinn und die Notwendigkeit, anderen Menschen zu helfen und mit ihnen auch ohne Aufforderung f\u00fcr das Gelingen eines n\u00fctzlichen Ziels zu kooperieren. In ihrem akribischen Bem\u00fchen, den Urspr\u00fcngen der menschlichen Kooperation auf den Grund zu gehen, wollten die Forscher den entsprechenden Impuls und die daraus folgenden Mechanismen identifizieren und so herausfinden, worin sich das menschliche Verhalten von dem anderer Spezies unterscheidet. Nach Jahren der Forschung kamen sie zu dem Ergebnis: \u00bbEtwa vom ersten Geburtstag an \u2013 wenn Menschenkinder anfangen zu sprechen und zu laufen und sich zu wahrlich kulturellen Wesen entwickeln \u2013 sind sie in vielen Situationen kooperativ und hilfreich, aber offensichtlich nicht in allen. Und sie lernen dies nicht von Erwachsenen, sondern es kommt von allein.\u00ab1 Aber auch 14 bis 18 Monate alte Kleinkinder zeigen, dass sie au\u00dfer Reichweite liegende Gegenst\u00e4nde holen, anderen Menschen Hindernisse aus dem Weg r\u00e4umen, Fehler von Erwachsenen korrigieren und das richtige Verhalten f\u00fcr eine vorgegebene Aufgabe an den Tag legen. Selbstverst\u00e4ndlich wird alles viel komplizierter, sobald sie \u00e4lter werden und beginnen, sich an ihre soziale Umgebung anzupassen. Sie lernen, dass manche Menschen nicht vertrauensw\u00fcrdig sind. Sie erfahren, dass G\u00fcte oder freundliche Gesten nicht immer erwidert werden. Sie beginnen, Normen und Erwartungen zu \u00fcbernehmen, vor allem solche, die sich tief in die Gesellschaft eingegraben haben: Sie lernen Bildung mit wirtschaftlichem Erfolg zu verkn\u00fcpfen, das eigene Ansehen durch Marken zu unterstreichen und Befriedigung im Kaufen oder Verkaufen zu finden. Doch w\u00e4hrend diese dramatische Pr\u00e4gung des Einzelnen vonstattengeht, bleiben wir doch zur Kooperation f\u00e4hig. Wir Menschen haben ein einzigartiges Potenzial. Wir k\u00f6nnen eine gemeinsame Absicht ausdr\u00fccken und entsprechend handeln. \u00bbWas uns wirklich unterscheidet [z.B. von den Primaten], ist die F\u00e4higkeit, unsere K\u00f6pfe zusammenzustecken und Dinge zu tun, die niemand allein tun k\u00f6nnte, und Neues zu schaffen, das wir allein nicht schaffen k\u00f6nnten\u00ab, sagt Tomasello. \u00bbIm Grunde dreht es sich darum, zu kommunizieren, zusammenzuwirken und zusammenzuarbeiten.\u00ab Wir sind zu all dem f\u00e4hig, weil wir begreifen k\u00f6nnen, dass Andere auch ein Seelenleben mit Emotionen und Intentionen haben, weil wir Empathie besitzen. Unsere Idee vom Dasein geht, sobald wir dar\u00fcber etwas genauer nachdenken, \u00fcber eine reine Selbstbezogenheit hinaus. Individuelle Identit\u00e4t ist immer auch Teil kollektiver Identit\u00e4ten. Sie pr\u00e4gen mit, wie eine Person denkt, sich verh\u00e4lt und Probleme l\u00f6st. Unsere Beziehungen mit unseresgleichen und als Teil der Gesellschaft dr\u00fccken uns ebenso den Stempel auf wie die Sprache, Rituale und Traditionen, die eine Kultur ausmachen. Kurz: es gibt kein isoliertes Ich. Die Vorstellung, wir seien \u00bbSelf-Made\u00ab-Individuen, ist eine Illusion. Wie wir noch zeigen werden, ist jede und jeder von uns tats\u00e4chlich ein Ich-in-Bezogenheit. Wir leben nicht nur in Beziehungen, sondern unsere Identit\u00e4t entsteht aus Beziehungen heraus. Der Begriff Ich-in-Bezogenheit hilft, dies im Blick zu behalten und unserem besonderen Potenzial besser gerecht zu werden. Schlie\u00dflich sind wir, wie die \u00d6konomen Samuel Bowles und Herbert Gintis sagen, eine wahrlich \u00bbkooperative Spezies\u00ab.2 Die Frage ist nicht, ob es diesen tiefen menschlichen Instinkt gibt. Die Frage ist, ob und wie seine Entfaltung gef\u00f6rdert wird. Und wenn unsere Kooperationsf\u00e4higkeit gef\u00f6rdert wird, geschieht dies dann um allen zu dienen, oder wird sie stattdessen auf engstirnige Anliegen gerichtet?<\/p>\n<h4>Ein Missverst\u00e4ndnis<\/h4>\n<p>Die Welt als Commons zu denken und zu gestalten bedeutet, unsere Kooperationsf\u00e4higkeit so zu nutzen, dass sich niemand \u00fcber den Tisch gezogen f\u00fchlt, aber auch niemandem ein Platz am Tisch verweigert wird.<\/p>\n<p>In unseren B\u00fcchern Commons \u2013 F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat (2012) und Die Welt der Commons \u2013 Muster gemeinsamen Handelns (2015) dokumentierten wir Dutzende bemerkenswerte Commons, die die gro\u00dfe Bandbreite und Wirkkraft des Commoning in der Gegenwart zeigen. Die F\u00e4higkeit, selbstorganisiert und unabh\u00e4ngig von Staat oder Markt unsere Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, ist in Gemeinschaftsw\u00e4ldern, kooperativ betriebenen Landwirtschafts- und Fischereigebieten, in unz\u00e4hligen Open-Source-Design-Projekten und global vernetzten Fertigungsgemeinschaften, in lokalen und regionalen W\u00e4hrungen und zahllosen weiteren Beispielen in allen Lebensbereichen sichtbar. In solchen ermutigenden Projekten zeigt sich diese fundamentale menschliche Motivation, mit der wir geboren werden: mit anderen an einem Strang zu ziehen und einander zu unterst\u00fctzen. Sie reift zu einer stabilen sozialen oder institutionellen Struktur in zahllosen Variationen: zu einem Commons. Menschen folgen diesem Impuls zum produktiven Miteinander in einem Commons \u2013 zum Commoning \u2013 unter den unterschiedlichsten Gegebenheiten: in ihren Stadtvierteln; in von Naturkatastrophen betroffenen Regionen; auf Subsistenzfarmen weltweit oder in den sozialen Netzwerken des Cyberspace. Dennoch werden Commons selten als omnipr\u00e4sente soziale Struktur betrachtet, und Commoning wird nicht als eigenst\u00e4ndige, soziale Kraft anerkannt. Das mag an ihrem unauff\u00e4lligen Dasein im Schatten von Staat und Markt liegen.<\/p>\n<p>\u00dcber Commons zu sprechen bedeutet aber, Freiheit in Verbundenheit zu erleben; das hei\u00dft, einen Raum mit einem ger\u00fcttelt Ma\u00df an Selbstbestimmung zu er\u00f6ffnen und uns darin als Mensch im Ganzen neu zu erfahren. Der Diskurs um Commons und Commoning l\u00e4sst uns die Welt in einem anderen Licht sehen. Er zeigt einen Weg in eine stabile, postkapitalistische Ordnung. Er macht plausibel, wie wir zu einer humaneren und enkeltauglichen Gesellschaft beitragen k\u00f6nnen. Wenn Akte des Commoning st\u00e4rker wahrgenommen und diskutiert werden, k\u00f6nnen sie unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten erweitern. Darum geht es auch in diesem Buch.<\/p>\n<p>Um es ganz deutlich zu sagen: Commons sind keine utopische Fantasie. Sie existieren, sie ver\u00e4ndern sich \u2013 heute wie seit Tausenden von Jahren. Es gibt sie in D\u00f6rfern und St\u00e4dten, im S\u00fcden und im Norden, in urspr\u00fcnglichen, \u00fcberschaubaren Communities sowie in hochmodernen, un\u00fcberschaubaren Cyber-Gemeinschaften. Existierende Commons umfassen manchmal einige Dutzend Menschen, manchmal einige Zehntausend. Die erste Aufgabe, der wir uns stellen wollen, besteht also darin, die vielen Akte des Commoning zu erkennen, sie zu benennen und allgemein lesbar zu machen. Denn um Commons zu sch\u00fctzen, zu st\u00e4rken und zu vervielf\u00e4ltigen, m\u00fcssen wir sie zun\u00e4chst wahrnehmen und verstehen. Das ist die Aufgabe der folgenden Kapitel. Zun\u00e4chst geht es darum, einen neuen, allgemeinen Deutungsrahmen \u2013 ein sogenanntes \u00bbFramework\u00ab \u2013 f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Commons und Commoning zu entwerfen.<\/p>\n<p>Commoning bedeutet nicht einfach, etwas zu teilen oder gemeinsam zu nutzen, wie wir das aus dem Alltag kennen. Es bedeutet, zu teilen beziehungsweise gemeinsam zu nutzen und zugleich dauerhafte soziale Strukturen hervorzubringen, in denen wir kooperieren und N\u00fctzliches schaffen k\u00f6nnen. Bei Commons geht es auch nicht um die irref\u00fchrende Bedeutung in der sogenannten \u00bbTragik der Allmende\u00ab (der Tragedy of the Commons). Diese Wendung wurde durch den gleichnamigen, 1968 in der einflussreichen Fachzeitschrift Science ver\u00f6ffentlichten Aufsatz des Biologen Garrett Hardin allgemein bekannt.3 Paul Ehrlich hatte gerade Die Bev\u00f6lkerungsbombe publiziert, die malthusianische Darstellung einer Welt, die von der schieren Zahl der Menschen \u00fcberw\u00e4ltigt wird. Vor diesem Hintergrund beschrieb Hardin die fiktive Parabel einer gemeinsam genutzten Weide, die dem Eigennutz zum Opfer f\u00e4llt. Die einzelnen Hirten w\u00fcrden, so Hardin, keinen \u00bbrationalen\u00ab Anreiz haben, die Anzahl ihrer Schafe auf der gemeinsamen Weide sinnvoll zu begrenzen: jeder Hirte w\u00fcrde so viel der gemeinsamen Ressource wie m\u00f6glich nutzen, mit dem Ergebnis, dass sie unweigerlich \u00fcbernutzt und zerst\u00f6rt w\u00fcrde \u2013 das sei die \u00bbTragik der Allmende\u00ab. Nach Hardins Argumentation ist sie nur zu l\u00f6sen, indem entweder private Eigentumsrechte an der betreffenden Ressource gew\u00e4hrt werden oder sich der Staat der Verwaltung annimmt \u2013 sei es als \u00f6ffentliches Eigentum oder durch Landvergabe nach dem Prinzip: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Diese \u00fcberzogene Geschichte wurde in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie in der Politik endlos wiederholt. Hardins Artikel wurde im Laufe der Zeit zum am h\u00e4ufigsten zitierten Artikel in der Geschichte von Science, und die Wendung \u00bbTragik der Allmende\u00ab ist zu einem Schlagwort geworden. Auch dies begr\u00fcndet, warum Commons heute weithin als gescheitertes Managementregime betrachtet werden. Dabei weist Hardins Analyse schwerwiegende M\u00e4ngel auf. Der gravierendste darunter: was er beschrieb, war keine Allmende, kein Commons. Vielmehr handelt die Parabel vom Kampf aller gegen alle, in dem nichts jemandem geh\u00f6rt und sich alle alles nehmen k\u00f6nnen \u2013 es ist eine Art \u00bbKampf ums Niemandsland\u00ab. Der Autor und Wissenschaftler Lewis Hyde hat deshalb (mit einem Augenzwinkern) vorgeschlagen, Hardins These umzubenennen, und zwar in \u00bbDie Tragik des Laissez-faire, der nicht bewirtschafteten, gemeinsam genutzten Ressourcen mit einfachem Zugang f\u00fcr nicht kommunizierende, eigenn\u00fctzige Individuen\u00ab.4 In einem wirklichen Commons funktionieren die Dinge anders. Eine klar umrissene Gemeinschaft regelt die gemeinsame Bewirtschaftung und Nutzung gemeinsamen Verm\u00f6gens. Nutzerinnen und Nutzer verhandeln ihre eigenen Regeln. Sie weisen Verantwortlichkeiten und Berechtigungen zu und \u00fcberwachen die Regeleinhaltung, um Trittbrettfahrerinnen und Trittbrettfahrer zu identifizieren und zu sanktionieren. Dies ist wichtig, damit nicht die Grundlage des ganzen Commons erodiert.<\/p>\n<p>Man kann immer an endlichen Ressourcen Raubbau betreiben \u2013 aber das ist eher der Effekt einer ungez\u00fcgelten Marktwirtschaft als ein Ergebnis von Commoning. Es ist kein Zufall, dass das sechste Massensterben der Erdgeschichte5, ein noch nie dagewesener Verlust an fruchtbarem Boden und eine gef\u00e4hrliche Erderw\u00e4rmung in einer Zeit stattfinden, in der kapitalistische M\u00e4rkte und private Eigentumsrechte dominieren.<\/p>\n<p>Wie wir in diesem Buch sehen werden, haben Commons so viele Facetten, dass eine einzige Art, sie zu beschreiben, dem Ph\u00e4nomen kaum gerecht werden kann. In Kapitel 3 werden wir dennoch eine allgemeine Definition anbieten, doch zun\u00e4chst sind einige Begriffe zu kl\u00e4ren. Sie werden h\u00e4ufig mit Commons in Zusammenhang gebracht werden, bedeuten jedoch nicht dasselbe.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1590562349064{padding-top: 20px !important;padding-right: 20px !important;padding-bottom: 20px !important;padding-left: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Was Commons sind und nicht sind<\/h4>\n<p>Commons sind lebendige soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen. Leider werden sie h\u00e4ufig als Ressourcen beschrieben, die niemandem geh\u00f6ren \u2013 etwa Meere, das Weltall und der Mond \u2013 oder die sich in Gemeinschaftseigentum befinden \u2013 Wasser, W\u00e4lder und Land. Commons wird also mit Begriffen zusammengebracht, die etwas Anderes bedeuten und dabei oft mit diesen verwechselt werden. Wir stellen solche Begriffe hier vor, um nicht nur Missverst\u00e4ndnisse zu verhindern, sondern auch, um noch einmal die moderne, \u00f6konomische Weltsicht darzustellen, die sich auf Dinge und Individuen kapriziert statt auf Beziehungen und Systeme.<\/p>\n<p><i>Gemeing\u00fcter<\/i><sup>6<\/sup>(\u00bbcommon goods\u00ab): Der Begriff kommt aus der Wirtschaftswissenschaft. Sie unterscheidet zwischen bestimmten \u00bbG\u00fcterarten\u00ab \u2013 Gemeing\u00fcter, Klubg\u00fcter, \u00f6ffentliche G\u00fcter und private G\u00fcter. Der Zugang zu Gemeing\u00fctern soll schwierig zu begrenzen sein. Im Jargon der Neoklassik gelten sie daher als \u00bbnicht ausschlie\u00dfbar\u00ab. Zudem sind sie sind nicht in unersch\u00f6pflicher F\u00fclle vorhanden. Sie gelten daher als \u00bbrival\u00ab. Tats\u00e4chlich werden sogenannte Gemeing\u00fcter oft weniger, wenn wir sie aufteilen oder nutzen. Sie werden aufgebraucht. Dennoch ist es irref\u00fchrend, Gemeing\u00fcter als \u00bbnicht ausschlie\u00dfbar\u00ab und \u00bbrival\u00ab zu bezeichnen. Zum einen <i>sind<\/i> G\u00fcter nicht rival. Nicht G\u00fcter rivalisieren, sondern Menschen rivalisieren um deren Nutzung. G\u00fcter sind ersch\u00f6pflich. Zum anderen sind Ausschlie\u00dfbarkeit und Ersch\u00f6pflichkeit nicht einem Gut selbst inh\u00e4rent. Nicht das Gut ist exklusiv \u2013 also ausschlie\u00dfbar \u2013, sondern Menschen werden von anderen Menschen ausgeschlossen (oder nicht). Auch die Ersch\u00f6pflichkeit eines Allmendeguts ist nur dann problematisch, wenn wir unangemessene Entscheidungen \u00fcber die Nutzung von Wasser, Land, Raum oder W\u00e4ldern treffen. Und schlie\u00dflich verf\u00fchrt der wirtschaftswissenschaftliche Begriff \u00bbGut\u00ab dazu, Land, Wasser oder Wald in erster Linie als etwas zu sehen, das nach Kriterien des Marktes bewertet und gehandelt werden kann. Viele Kulturen lehnen eine solche Interpretation ab.<\/p>\n<p><i>Gemeinressourcen (auch: Gemeinsam genutzte Ressourcen, \u00bbcommon-pool resources\u00ab, CPRs) <\/i> Dieser Begriff wird meist von Commons-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern in der Tradition von Elinor Ostrom verwendet. Wenn sie die Bewirtschaftung gemeinsamer Fischgr\u00fcnde, Grundwassereinzugsgebiete oder Weiden erforschen, sprechen sie von diesen Gr\u00fcnden, Gebieten und L\u00e4ndereien als CPR, als Gemeinressource. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Menschen mit diesem gemeinsamen Naturverm\u00f6gen umgehen und wie sie dabei \u00dcbernutzung vermeiden k\u00f6nnen. Der Begriff Gemeinressource (CPR) ist dem der Gemeing\u00fcter in Konzeptualisierung und Anwendung sehr \u00e4hnlich. Beide klammern aus, dass auch das, was mehr wird, wenn wir es teilen \u2013 so wie Wissen oder Code \u2013, uns gemeinsam zukommen kann.<\/p>\n<p><i>Gemeineigentum (\u00bbcommon property\u00ab): <\/i> W\u00e4hrend \u203agemeinsam genutzte Ressource\u2039 oder \u203aGemeingut\u2039 sich auf die im Zentrum stehende Sache als solche bezieht (den Fischgrund, das Wassereinzugsgebiet, das Weideland) geht es beim <i>Gemeineigentum<\/i> um ein Rechtssystem, das formale Rechte auf Zugang oder Nutzung gew\u00e4hrt. <i>Gemeinressource<\/i> und <i>Gemeingut<\/i> verweisen beispielsweise auf das Wasser selbst, w\u00e4hrend <i>Gemeineigentum<\/i> sich auf das Rechtssystem bezieht, das reguliert, wie Menschen das Wasser nutzen d\u00fcrfen. Von Eigentumsregimen zu sprechen bedient ein ganz anderes Register als Verweise auf Wasser, Land, Fischgr\u00fcnde, Softwarecode und Wissen als solche. Letzere k\u00f6nnen in sehr unterschiedlichen rechtlichen Regelungen bewirtschaftet werden. Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Dinge. Commoners m\u00f6gen sich f\u00fcr eine Form des Gemeineigentums entscheiden oder mehrere Eigentumsformen kombinieren. Das jeweilige Eigentumsregime bildet jedoch nicht den Kern des Commons.<\/p>\n<p><i>Gemeinsame, das (\u00bbthe common\u00ab): <\/i> Vom <i>Gemeinsamen<\/i> ist zum Beispiel im \u00bbCommon Wealth\u00ab von Michael Hardt und Antonio Negri die Rede. Und das ist kein \u00dcbersetzungsfehler. <i>The common<\/i> statt <i>commons,<\/i> hei\u00dft es dort. Das Gemeinsame ist das, was wir teilen, gemeinsam produzieren und gemeinsam regeln. Als politisches Projekt existiert es nicht einfach neben dem Privaten und dem \u00d6ffentlichen, sondern entfaltet sich auf einer anderen, unter anderem affektiven, Grundlage. Das Gemeinsame gilt Hardt\/Negri als Beginn und Ergebnis ihrer \u00bbbiopolitischen \u00d6konomie\u00ab. Tats\u00e4chlich kommt das vielen Grundgedanken in diesem Buch sehr nah. Und doch verwirrt der Begriff, vor allem im Deutschen, weil er unzureichend ist \u2013 das Gemeinsame kann auch das Gemeinsame der Mafia sein.<\/p>\n<p><i>Gemeinwohl (\u00bbthe common good\u00ab): <\/i> Der Begriff ist bereits seit der griechischen Antike bekannt und bezieht sich auf die Idee, f\u00fcr das Beste aller Mitglieder einer Gesellschaft zu sorgen. Es ist ein schillernder Gemeinplatz ohne klare Bedeutung, denn praktisch jedes politische und \u00f6konomische System behauptet, es schaffe die meisten Vorteile f\u00fcr alle.[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<h4>Commons in Beispielen<\/h4>\n<p>Sich mit Commons vertraut zu machen, gelingt am besten \u00fcber einige aus dem Leben gegriffene Beispiele wie die folgenden f\u00fcnf. Diese Beispiele werden uns helfen, Commons als theoretischen Rahmen f\u00fcr soziales Miteinander, eine bed\u00fcrfnisorientierte \u00d6konomie und sogar f\u00fcr Governance, also eine gelingende Selbstorganisation, zu begreifen. Dabei ist jedes Commons einzigartig. Es gibt keine Universalmodelle oder Patentrezepte, keine Best Practices oder Schablonen f\u00fcr Commons und Commoning, denn jedes Commons ist bei aller Gemeinsamkeit einzigartig; doch es gibt konkret nachvollziehbare Erfahrungen und aufschlussreiche Muster, die uns inspirieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das <b>Fl\u00fcchtlingslager Zaatari <\/b>in Jordanien ist zu einer Siedlung gewachsen. Dort leben 85.000 vertriebene Syrerinnen und Syrer, die seit 2012 nach und nach eingetroffen sind. Es mag merkw\u00fcrdig erscheinen, dass wir an diesem Beispiel die Ideen dieses Buches erl\u00e4utern wollen. Doch mitten in einer desolaten Landschaft haben die Menschen gro\u00dfe und durchdachte Systeme von Notunterk\u00fcnften, Stadtteilen und Stra\u00dfen entwickelt \u2013 die Hauptstra\u00dfe hei\u00dft \u00bbChamps \u00c9lys\u00e9es\u00ab \u2013, und es gibt sogar ein Adresssystem. Nach Angaben des UNO-Beamten Kilian Kleinschmidt, der fr\u00fcher die Leitung des Lagers innehatte, gab es dort im Jahr 2015 \u00bb14.000 Haushalte, 10.000 Abwasserbeh\u00e4lter und private Toiletten, 3.000 Waschmaschinen, 150 private G\u00e4rten und 3.500 neue Firmen und Gesch\u00e4fte\u00ab. Ein Reporter, der das Lager besuchte, stellte fest, dass manche der aufwendigsten H\u00e4user dort \u00bbein Flickwerk aus Notunterk\u00fcnften, Zelten, Betonsteinen und Schiffscontainern sind, mit Innenh\u00f6fen, privaten Toiletten und notd\u00fcrftig zusammengeschusterten Abwasserrohren\u00ab. Die Siedlung hat ein Friseurgesch\u00e4ft, eine Zoohandlung, einen Blumenladen und eine Eisdiele mit hausgemachter Eiscreme. Es gibt einen Pizza-Lieferdienst und ein Reiseb\u00fcro, das einen Abholservice zum Flughafen anbietet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die ohnehin sp\u00e4rliche Infrastruktur von Zaatari in schlechtem Zustand, leidet der Ort unter etlichen Problemen. Und nat\u00fcrlich liegt die oberste Verantwortung beim Staat Jordanien und den Vereinten Nationen. Was Zaatari jedoch als Fl\u00fcchtlingslager so bemerkenswert macht, ist die bedeutende Rolle der Selbstorganisation beim Aufbau dieser improvisierten, aber dennoch stabilen Stadt. Es handelt sich nicht einfach um ein behelfsm\u00e4\u00dfiges Camp zum \u00dcberleben, wo erbarmungsw\u00fcrdige Menschen Schlange stehen, um Nahrungsmittel zu bekommen, wo Verwaltungspersonal professionelle Dienstleistungen erbringt und die Menschen in erster Linie wie hilflose Opfer behandelt werden. Vielmehr ist es ein Ort, an dem Gefl\u00fcchtete ihre eigene Energie und Fantasie einbringen konnten, um die Siedlung aufzubauen. Sie haben einen Teil der Verantwortung f\u00fcr die Selbstverwaltung \u00fcbernehmen und dadurch die Macht \u00fcber die Gestaltung ihres eigenen Lebens wie auch ihre Menschenw\u00fcrde wiedererlangen k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte sagen, dass die Menschen, die Zaatari verwalten und bewohnen, einige Vorz\u00fcge des Commoning erkennen konnten. Wenn Sie meinen, dass wir hier etwas zu weit gehen, bedenken Sie, was das Beispiel \u00fcber die Macht der Selbstorganisation erz\u00e4hlt \u2013 einem Kernkonzept der Commons.<\/p>\n<p>Der niederl\u00e4ndische Krankenpfleger Jos de Blok war von der st\u00e4ndigen Verschlechterung der h\u00e4uslichen Pflege in seiner Stadt Almelo ersch\u00fcttert: \u00bbDie Qualit\u00e4t wurde immer schlechter, die Zufriedenheit der Menschen nahm ab, und die Kosten gingen in die H\u00f6he\u00ab, stellte er fest. De Blok und ein kleines Team professioneller Pflegekr\u00e4fte beschlossen daraufhin, eine eigene Organisation f\u00fcr h\u00e4usliche Pflege zu gr\u00fcnden: <b>Buurtzorg Nederland<\/b>. Anstatt die Pflege am Flie\u00dfbandmodell auszurichten und als Marktdienstleistung zu konzipieren, die unter strikter Arbeitsteilung in messbaren Einheiten geliefert werden muss, setzt Buurtzorg auf kleine, selbstverwaltete Teams hochqualifizierter Pflegekr\u00e4fte, die sich um 50 bis 60 Personen in einer Nachbarschaft k\u00fcmmern (der Name \u00bbBuurtzog\u00ab bedeutet auf Niederl\u00e4ndisch \u00bbNachbarschaftspflege\u00ab). Die Pflege ist ganzheitlich. Sie orientiert sich an den vielen pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen, der sozialen Situation und den Bedingungen der einzelnen Patientinnen und Patienten. Wenn eine Pflegekraft jemanden das erste Mal aufsucht, gibt es zun\u00e4chst ein Gespr\u00e4ch bei einer Tasse Kaffee. Gute Pflege l\u00e4sst sich nicht vorprogrammieren. Sie muss besprochen werden. \u00bbMenschen sind keine Fahrr\u00e4der, die sich anhand eines Organigramms organisieren lassen\u00ab, findet de Blok. Buurtzorg-Pflegekr\u00e4fte folgen daher einer (in Commons allgegenw\u00e4rtigen) Zeitverausgabungslogik. Sie praktizieren damit das Gegenteil der Zeiteinsparungslogik, nach der alles immer effizienter und wettbewerbsf\u00e4higer organisiert werden muss \u2013 und die Menschen vergessen werden. Buurtzorg ist ein gutes Beispiel f\u00fcr eines der Commoning-Muster, die wir in Kapitel 4-6 detaillierter beschreiben. Wir nennen es: (F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen.<sup>7<\/sup><\/p>\n<p>Interessanterweise f\u00fchrt die Idee, mehr Zeit mit den Patientinnen und Patienten zu verbringen, dazu, dass diese <i>weniger<\/i>professionelle Pflegezeit ben\u00f6tigen. Das ist nicht wirklich \u00fcberraschend, denn die Pflegekr\u00e4fte versuchen im Grunde, sich m\u00f6glichst \u00fcberfl\u00fcssig zu machen, was die Patientinnen und Patienten ermutigt, unabh\u00e4ngiger zu werden. Ein sich selbst verst\u00e4rkender Zusammenhang. Eine Studie aus dem Jahre 2009 zeigte auf, dass die Buurtzog-Patientinnen und -Patienten doppelt so schnell aus der Pflege entlassen werden wie die Klienten anderer Pflegedienste, und sie ben\u00f6tigten letztlich nur 50 Prozent der Pflegestunden, die ihnen verschrieben worden waren. Die Pflegekr\u00e4fte leisten das volle Spektrum an Betreuung, von medizinischen Ma\u00dfnahmen bis hin zur Unterst\u00fctzung der K\u00f6rperpflege. Sie machen zudem informelle Pflegenetzwerke in der Nachbarschaft ausfindig oder helfen sie aufzubauen, unterst\u00fctzen das soziale Leben und f\u00f6rdern die Selbstpflege und Unabh\u00e4ngigkeit.<sup>8<\/sup>Buurtzorg wird von den Pflegekr\u00e4ften selbst verwaltet, was durch eine einfache, flache Organisationsstruktur sowie durch Informationstechnologie u.a. inspirierende Blogposts von de Blok unterst\u00fctzt wird. Buurtzorg arbeitet im gro\u00dfen Ma\u00dfstab, ohne dass Hierarchie oder allgemeiner Konsens n\u00f6tig w\u00e4ren. Entscheidungen werden dezentral getroffen, auf Grundlage gemeinsamer Kriterien. Das ist ein Muster. Wir nennen es: Gemeinstimmig entscheiden.Ende 2018 waren bei Buurtzorg \u00fcber 10.000 Pflegekr\u00e4fte in 870 Nachbarschaftsteams besch\u00e4ftigt, die im ganzen Land circa 110.000 Menschen pflegten. \u00c4hnliche Initiativen starteten in den USA und anderen L\u00e4ndern Europas. In Deutschland entstehen zehn Jahre nach der Gr\u00fcndung des Originals Ableger dieser \u00bbPflege auf Augenh\u00f6he,\u00ab etwa Care4Me.<sup>9<\/sup>Die erste Buurtzorg-Konferenz fand hierzulande am 1. Oktober 2018 statt. Nach Jahren erfolgreicher Praxis steht fest: das Buurtzorg Modell erm\u00f6glicht, an menschlichen Bed\u00fcrfnissen orientierte h\u00e4usliche Pflege zu relativ geringen Kosten in hoher Qualit\u00e4t. Einer KPMG-Studie zufolge wurden \u00fcber diesen Ansatz die Besuche in der Notaufnahme bis 2015 um 30 Prozent gesenkt und die Ausgaben von Steuergeldern f\u00fcr h\u00e4usliche Pflege um 30 Prozent reduziert.<sup>10<\/sup>Zudem hat eine Studie von Ernst &amp; Young ergeben, dass die Zufriedenheit der Belegschaft von Buurtzorg die h\u00f6chste aller niederl\u00e4ndischen Unternehmen mit mehr als 1.000 Besch\u00e4ftigten ist. Diesen Rekord h\u00e4lt die Organisation \u00fcber mehrere Jahre in Folge.<\/p>\n<p>Seit 2011 experimentieren die beiden Architekten Alastair Parvin and Nicholas Ierodiaconou vom Londoner Architekturb\u00fcro Zero Zero Architecture mit offenem Design. Sie wollten herausfinden, was geschieht, wenn Architektinnen und Architekten nicht nur jenen beim Entwerfen und Bauen ihrer H\u00e4user helfen, die sich die Beauftragung eines Architekten leisten k\u00f6nnen, sondern auch einfachen Menschen. Diese Idee wurde zum Kern eines erstaunlichen Projektes: dem Versuch, den Hausbau neu zu erfinden. Parvin und Ierodiaconou begannen, per CNC-Fabrikation<sup>11<\/sup>gro\u00dfe, flache Werkst\u00fccke aus Sperrholz oder anderem Material digital zu entwerfen und zu bearbeiten. Sie ver\u00f6ffentlichten Open-Source-Dateien mit Entw\u00fcrfen f\u00fcr H\u00e4user, die von Interessierten verbessert sowie an unterschiedliche Lebenssituationen angepasst werden konnten. Mit der Zeit entstand ein Open-Source-Baukasten f\u00fcr die Schaffung von Wohnraum: einfach, g\u00fcnstig und energiearm. Er sollte Laien helfen, schnell und kosteng\u00fcnstig den Rohbau eines Hauses voran zu treiben. Die jungen Vordenker nannten das System <b>WikiHouse<\/b>.<sup>12<\/sup>Seit seinen bescheidenen Anf\u00e4ngen hat sich WikiHouse zu einer globalen Designgemeinschaft weiterentwickelt. 2018 gab es mehr als ein Dutzend Verb\u00e4nde und Laboratorien auf allen Kontinenten. Sie alle arbeiten unabh\u00e4ngig. Menschen aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern tragen zum Gelingen bei. Gemeinsam mit der von WikiHouse gegr\u00fcndeten gemeinn\u00fctzigen Stiftung verfolgen sie alle dasselbe Ziel: \u00bbjeder B\u00fcrgerin und jedem B\u00fcrger, jedem Unternehmen auf diesem Planeten die Entw\u00fcrfe f\u00fcr kosteng\u00fcnstige, energiesparende, Hochleistungsh\u00e4user in die Hand zu geben\u00ab. WikiHouse l\u00e4dt ein, kosmo-lokal zu produzieren. In kosmo-lokaler Produktion entstehe, so ist auf der Website zu lesen, \u00bbeine neue, dezentralisierte Wohnungsbaubranche, die aus vielen Menschen, Gemeinschaften und kleinen Unternehmen besteht, die f\u00fcr sich selbst Wohnraum und Nachbarschaften schaffen. Das macht uns unabh\u00e4ngiger vom hochverschuldeten Massenwohnungsbau, bei dem Entscheidungsprozesse von oben nach unten verlaufen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Philosophie f\u00fcr den Einsatz von Technologien, die Art des Wirtschaftens sowie die organisatorischen Prozesse sind in der WikiHouse-Charta erl\u00e4utert. Eine solche Charta ist eine von vielen M\u00f6glichkeiten, wie Commoners sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten. Das wiederum ist ein Schl\u00fcsselelement bewusster Selbstorganisation, wie wir in Kapitel 5 sehen werden. Die WikiHouse-Charta listet 15 Grundprinzipien auf. Sie enth\u00e4lt Kernideen wie \u00bbWissen global weitergeben, lokal produzieren\u00ab; \u00bbfaul wie ein Fuchs sein\u00ab und das Rad nicht immer wieder neu erfinden, das Herstellen von Dingen einfacher machen (so, dass es weniger Zeit, Aufwand, Energie und spezifischer Fertigkeiten bedarf); auf \u00bboffene Standards\u00ab und Lizenzen setzen; und Nutzerinnen und Nutzer bef\u00e4higen, Teile ihrer H\u00e4user reparieren und modifizieren zu k\u00f6nnen, denn \u00bbWas Du nicht ver\u00e4ndern kannst, geh\u00f6rt Dir nicht\u00ab. Der Umgang mit Entw\u00fcrfen und Technologien, die an die eigenen Bed\u00fcrfnisse angepasst werden sollen, erinnert an das von Ivan Illich beschriebene Konzept der \u00bbkonvivialen Werkzeuge\u00ab.Konviviale Werkzeuge nutzensetzt Kreativit\u00e4t frei und bringt mehr Autonomie. Hier kontrollieren die Menschen die Werkzeuge und nicht umgekehrt. Das ist bei nicht reparierbaren Technologien oder propriet\u00e4rer Software anders. Sie schreiben uns vor, was wir tun k\u00f6nnen und was nicht.<\/p>\n<p>Jeden Donnerstag machen sich die Mitglieder der <b>Solidarischen Landwirtschaft<\/b> (SoLaWi) Heilbronn<sup>13<\/sup>auf den Weg zum n\u00e4chstgelegenen Gem\u00fcsedepot. Das Depot der Autorin befindet sich im Keller eines Einfamilienhauses. Der Zugang ist einfach, die Neugier allw\u00f6chentlich gro\u00df. Denn dort stehen \u2013 im Sommer einmal pro Woche, im Winter alle vierzehn Tage \u2013 frisch best\u00fcckte Kisten mit Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Pak-Choi, Schnittlauch, Schnittbohnen, Artischocken, Radicchio und anderen saisonalen Produkten. Daneben h\u00e4ngt eine Liste, der zu entnehmen ist, welcher Anteil jedem Haushalt zukommt. Die Kiste zu f\u00fcllen ist Freude und \u00dcberraschung zugleich. Im Sommer leuchten die Erzeugnisse bunt, im Winter dominieren erdigere T\u00f6ne. Ich packe alles ein, hake meinen Namen ab \u2013 so dass alle wissen, was bereits verteilt ist \u2013 und fahre mit einem Gem\u00fcsevorrat aus biodynamischem Anbau nach Hause. Mag ich etwas nicht, lege ich es vorher noch flugs in die Tauschkiste. Wieviel ich in meine Kiste packe, hat im Moment der Abholung wenig mit Geld zu tun. Es h\u00e4ngt davon ab, wie die Ernte ausgefallen ist. Die Ernte wiederum h\u00e4ngt ab vom Zusammenspiel vieler Faktoren: von Saatgut- und Bodenqualit\u00e4t, Wetter und klimatischen Bedingungen, von der Lage, dem Fachwissen und sogar von der Stimmung auf dem Hof. In die Kiste kommt mein Anteil an der Ernte, entsprechend dem SoLaWi-Motto: Die Ernte teilen! Geteilt werden kann selbstredend nur was da ist, was vorher ausges\u00e4t, gepflegt, geerntet und in die Depots gebracht wurde. Das kostet nat\u00fcrlich auch Geld. Und hier liegt ein Schl\u00fcssel des Modells: alle Beteiligten geben <i>vor<\/i> dem Anbau ein monatliches Beitragsversprechen ab, das in der Regel f\u00fcr ein Jahr gilt. Damit sichern sie das Einkommen derjenigen, die auf den H\u00f6fen arbeiten, sowie die Finanzierung all dessen, was in der Landwirtschaft gebraucht wird. Oft geschieht das im Rahmen einer anonymen Bieterrunde. Das Budget, welches f\u00fcr die Finanzierung einer Jahresproduktion gebraucht wird, wird aufgestellt und allen Mitgliedern erkl\u00e4rt. Dann geht es los: zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Alle \u00fcberlegen sich, was sie monatlich beitragen wollen und k\u00f6nnen und geben ihr Gebot ab. In meiner SoLaWi kommt dabei das Smartphone zum Einsatz. F\u00fcr einen Moment schauen alle auf ihr Display, kurz darauf auf die Leinwand. Dort wird in Echtzeit angezeigt, wie sich die Beitr\u00e4ge aufsummieren. Ist der ben\u00f6tigte Betrag nach einer Runde erreicht, kann der Vorgang abgeschlossen werden. Meist aber gibt es zwei, manchmal auch drei Runden. Nicht selten wird zudem ein Mindestbeitrag festgelegt, der deutlich unter dem Beitragsdurchschnitt liegt.<\/p>\n<p>Bieterrunden \u2013 statt festgelegter Preise \u2013 erm\u00f6glichen es, nicht nur gegen\u00fcber den Produzierenden, sondern auch unter den Mitgliedern solidarisch zu sein. Da die Beitr\u00e4ge im Wesentlichen selbstbestimmt sind, k\u00f6nnen auch Menschen mit niedrigen Einkommen dabei sein. Wer weniger hat, bietet weniger. Wer mehr hat, bietet mehr. Das ist die Grundidee. Und sie funktioniert erstaunlich gut. \u00dcber die Nennung des Richtbetrages zu Beginn des Bietverfahrens erfahren alle, welcher Betrag im Durchschnitt aufgebracht werden m\u00fcsste. In unserer SoLaWi waren dies 83 Euro pro Einheit und Monat im Wirtschaftsjahr 2017\/2018. Die Informationen rund um eine solche Bieterrunde bringen nicht nur Transparenz in die Produktionskosten, sondern schaffen auch ein Bewusstsein bei denjenigen, die nicht direkt mit Landwirtschaft zu tun haben. Sie erfahren, ob das Gew\u00e4chshaus Schaden erlitten hat, der Traktor repariert werden muss oder welche Wasserrechnung bei extremer Trockenheit ins Haus steht. \u00d6konomisch gesehen ist also das Besondere an den SoLaWis, dass Menschen vor der Produktion zusammenlegen und nach der Ernte, wie immer sie ausf\u00e4llt, den Ertrag aufteilen. So geschieht das in Deuschland, aber auch in Tausenden von sogenannten \u00bbgemeinschaftsgetragenen Landwirtschaften\u00ab, im Englischen \u00bbCommunity Supported Agricultures\u00ab (CSA), weltweit. Diese Praxis hat uns inspiriert, Poolen, Deckeln &amp; Aufteilenals Muster eines sorgenden und selbstbestimmten Wirtschaftens zu formulieren (Kapitel 6). Wenn Mitglieder ihre Gebote abgeben, geben sie den Landwirten und G\u00e4rtnerinnen das erforderliche Betriebskapital. Dies bedeutet im Kern, dass sie das Produktionsrisiko gemeinsam tragenund Commons-Produktion finanzieren(Kapitel 5). Im Depot hole ich deshalb keine Ware<sup>14<\/sup>ab, auf der ein Preisschild klebt<sup>15<\/sup>. Das ist ein wichtiger Unterschied zu dem Wirtschaften, wie wir es kennen. Eine Gemeinsamkeit ist, dass auch hier arbeitsteilig produziert wird. Schlie\u00dflich geht es nicht darum, dass jeder sein eigenes Brot b\u00e4ckt und jede ihr eigenes Holz hackt. Es geht darum, das Produktionsrisiko zu teilen und weitere Muster umzusetzen, die wir in Kapitel 6 vorstellen. Dies ver\u00e4ndert die Beziehungen zwischen allen Beteiligten und dem gesamten Wirtschaftsprozess. Kein SoLaWi-Bauer muss bei Missernten Entsch\u00e4digungen beim Staat beantragen. Die Risiken \u2013 schlechtes Wetter, Pflanzenkrankheiten, kaputte Maschinen \u2013 werden gemeinsam geschultert. Und zwar von Menschen, die sich zun\u00e4chst nicht kennen. Hoffeste, die j\u00e4hrliche Mitgliederversammlung mit der Bieterrunde oder die M\u00f6glichkeit auf dem Hof mitzuarbeiten \u2013 das sind Gelegenheiten zum Kennenlernen. Wie in jedem anderen Commons gilt auch hier: Rituale des Miteinanders etablieren(Kapitel 4) ist immer eine gute Idee. SoLaWis sind nicht einfach ein \u00bbanderes Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr die Landwirtschaft\u00ab, sondern Beispiel f\u00fcr eine andere Produktionsweise, aus der sich eine Regionalisierung und \u00d6kologisierung der Lebensmittelproduktion ergeben kann. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten verbessert \u00bbunser Bauer\u00ab die Bodenfruchtbarkeit, seit einigen Jahren tut er dies als \u00bbSoLaWi-Bauer\u00ab. Wir k\u00f6nnen es schmecken und auf den Feldern sehen. Gemulcht wird mit Beikr\u00e4utern. Die B\u00f6den sind gesund. Die Randvegetation ist vielf\u00e4ltiger. Rund um den Hof ist offensichtlich, welche \u00c4cker zur SoLaWi geh\u00f6ren und welche nicht.<\/p>\n<p>Die SoLaWis in Deutschland sind auch von den Community Supported Agricultures inspiriert. Seit der Gr\u00fcndung der ersten CSA in den USA im Jahr 1986 ist eine internationale Bewegung entstanden. Das SoLaWi-Netzwerk in Deutschland ist daf\u00fcr ein beredtes Beispiel.<\/p>\n<p>Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft aktualisiert fortlaufend eine Karte, auf der alle SoLaWis verzeichnet sind, und informiert in einem Rundbrief \u00fcber neue Initiativen.<sup>16<\/sup><\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<caption><em>Entwicklung der solidarischen Landwirtschaft in Deutschland zwischen 1988 und 2018 (eigene Zusammenstellung)<\/em><\/caption>\n<thead>\n<tr style=\"border: 1px solid black; background: #eee;\">\n<th style=\"text-align: left;\">Jahr<\/th>\n<th style=\"text-align: left;\">Anzahl der SoLaWis<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1988-2003<\/td>\n<td>1<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">1998-2003<\/td>\n<td>3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2007<\/td>\n<td>9<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">2013<\/td>\n<td>39<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2015 (April)<\/td>\n<td>79<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"background: #eee;\">\n<td style=\"text-align: left;\">2016<\/td>\n<td>&gt;100<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">2018 (Dezember)<\/td>\n<td>Ca. 200<\/td>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allein in den USA gibt es 2018 circa 1700 CSAs.<sup>17<\/sup>Zwar sind einige davon kommerziell orientiert, doch auch sie suchen nach neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Besch\u00e4ftigten und Mitgliedern. Die CSAs wiederum sind von Teikei inspiriert, einem \u00e4hnlichen Modell, das in Japan seit den 1970er Jahren enorme Verbreitung gefunden hat. Das Wort bedeutet \u00bbKooperation\u00ab oder \u00bbGemeinschaftsgesch\u00e4ft\u00ab. Auch hier geht es um kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft, \u00f6kologischen Landbau und direkte Partnerschaften zwischen B\u00e4uerinnen und Verbrauchern. Die 1971 gegr\u00fcndete Japanische Vereinigung f\u00fcr \u00d6kologischen Landbau, die zu den Gr\u00fcndungsgruppen geh\u00f6rt, beschreibt ihre Motivation f\u00fcr Teikei mit dem Wunsch, \u00bbein alternatives Vertriebssystem zu entwickeln, das nicht von konventionellen M\u00e4rkten abh\u00e4ngt\u00ab.<sup>18<\/sup>Das CSA-Modell ist so solide, dass das Schumacher Center for a New Economics, welches die erste nordamerikanische CSA mit aus der Taufe hob, derzeit am Konzept einer Community Supported Industry (CSI) arbeitet. Warum sollte gemeinschaftsgetragene Gegenseitigkeit nicht auch f\u00fcr das Herstellen von M\u00f6beln, Fahrr\u00e4dern oder Werkzeugen n\u00fctzlich sein?<\/p>\n<p>Viele Menschen glauben, dass nur ein kapitalstarker Kabel- oder Telekommunikationskonzern mit guten Beziehungen in die Politik die Infrastruktur f\u00fcr WLAN-Dienste aufbauen kann. Die beherzten Aktiven von <b>Guifi.net<\/b> aus Barcelona haben gezeigt: auch Commoners k\u00f6nnen hochwertige, erschwingliche Internetanschl\u00fcsse aufbauen, unterhalten und betreuen. Das ist gerade f\u00fcr strukturschwache Regionen wichtig, die mangels Dichte \u2013 und damit Marktwert \u2013 uninteressant f\u00fcr kommerzielle Anbieter sind. Tats\u00e4chlich hat Guifi.net zun\u00e4chst einen \u00bbSchweinebauernhof mit einem Kuhbauernhof\u00ab verbunden.<sup>19<\/sup>Internetzugang f\u00fcr alle, und zwar verkn\u00fcpft mit einer Verpflichtung auf Gemeineigentum, Netzneutralit\u00e4t und gemeinschaftliche Kontrolle \u2013 das ist die Idee von Guifi.net. Von einem einzigen WLAN-Knoten 2009 ist das Netz insbesondere in den l\u00e4ndlichen Gebieten Kataloniens auf mehr als 35.000 Knoten sowie 63.000 Kilometer drahtlose Verbindung angewachsen (Juli 2018). Die Geschichte nahm ihren Anfang, als der spanische Ingenieur Ramon Roca einige handels\u00fcbliche Router dazu brachte, als Knoten in einem netzwerkartigen System zu fungieren. Dieses System war an eine einzige DSL-Verbindung angeschlossen, die Telefonica geh\u00f6rte und \u00fcber die Rocas Gemeinde versorgt wurde. Mit diesem zusammengeschusterten System konnten nun Menschen Internetdaten senden und empfangen, indem sie andere Router benutzten. Roca hatte die Router gehackt, nicht um Schaden anzurichten, sondern um ihr Potenzial zu nutzen. Er lebt auf einem Geh\u00f6ft, umgeben von Feldern statt von Infrastruktur. Das Interesse konventioneller Anbieter reicht nicht bis dorthin. Rocas Idee zur L\u00f6sung des Problems mangelnder Internetverbindungen fand rasch Anklang. \u00bbWir gaben den Plan bekannt, beschrieben die Kosten und baten um Spenden\u00ab, wird Roca in <i>Wired<\/i> zitiert. So ist das Netz \u00fcber eine Art improvisiertes Crowdfunding gewachsen. Die Zahlungen gingen jedoch nicht an Guifi.net selbst, sondern an die Ger\u00e4telieferanten und Internetanbieter. All Beteiligten legten das Fundament daf\u00fcr, nicht nur das Netzwerk auszubauen, sondern auch sehr verschiedenen Kundinnen und Kunden einen individuell angepassten und kosteng\u00fcnstigen Internetzugang anbieten zu k\u00f6nnen. Das Grundmuster ist einfach: Beitragen &amp; Weitergeben(Kapitel 6). Die Partner haben ihre Ressourcen zusammengelegt und so eine allen zug\u00e4ngliche Internetversorgung geschaffen, wo der Markt versagt. Im Jahre 2008 hat Guifi.net eine Stiftung gegr\u00fcndet, die sich um die Betreuung der Freiwilligen und des Netzwerkbetriebs k\u00fcmmert. Zudem unterst\u00fctzt sie das Nachdenken \u00fcber die Governance des Gesamtsystems. In <i>Wired<\/i> ist zu lesen, dass die Stiftung \u00bbden Datenverkehr an die Provider und zwischen ihnen abwickelte, f\u00fcr die Verbindungen zum gro\u00dfen Datenknotenpunkt mit enormen Bandbreiten zwischen S\u00fcdspanien und dem Rest der Welt sorgte, den Einsatz von Glasfaserleitungen plante und \u2013 ganz entscheidend \u2013 Systeme entwickelte, die gew\u00e4hrleisten sollten, dass die Internetanbieter ihren fairen Anteil an den Kosten f\u00fcr Daten und Netzwerkmanagement insgesamt bezahlten\u00ab.<sup>20<\/sup>Worauf sich Guifi.net beruft, steht in einer \u00bb\u00dcbereinkunft f\u00fcr ein freies, offenes und neutrales Netzwerk\u00ab. Danach sollen Guifi.net-Nutzerinnen und -Nutzer eine Reihe von Rechten und Freiheiten genie\u00dfen: Sie haben die Freiheit, das Netzwerk f\u00fcr jeglichen Zweck zu nutzen, sofern sie den Betrieb des Netzwerks selbst, die Rechte anderer Nutzerinnen und Nutzer und die Prinzipien der Neutralit\u00e4t nicht beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<ul>\n<li>Sie haben das Recht, das Netzwerk und seine Komponenten zu analysieren und das Wissen \u00fcber seine Wirkungsweise und Prinzipien weiterzugeben.<\/li>\n<li>Sie haben das Recht, dem Netzwerk Dienste und Inhalte zu ihren Bedingungen anzubieten.<\/li>\n<li>Sie haben das Recht, dem Netzwerk beizutreten, verbunden mit der Pflicht, diese Rechte zu denselben Bedingungen auf alle anderen auszuweiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer immer die Guifi.net-Infrastruktur nutzt \u2013 Einzelpersonen, kleine Unternehmen, staatliche Einrichtungen oder Dutzende kleiner Internetanbieter \u2013 ist somit der \u00bbEntwicklung eines commons-basierten, freien, offenen und neutralen Telekommunikationsnetzwerks\u00ab verpflichtet. Das Ergebnis ist eine weitaus bessere Breitbandversorgung \u00fcber Guifi.net, die zudem g\u00fcnstiger ist als etwa in den USA. Dort zahlten Kundinnen und Kunden 2017 im Schnitt 80 $ pro Monat an ein Breitbandoligopol f\u00fcr langsamere Konnektivit\u00e4t und schlechten Service. Internetanbieter, die die Infrastruktur von Guifi.net nutzen, berechneten Anfang 2017 zwischen 18 und 35 \u20ac pro Monat f\u00fcr 1-Gigabyte-Glasfaserverbindungen und viel niedrigere Preise f\u00fcr das WLAN. Fazit: Commons sind \u00bbgeldeffizient\u00ab<sup>21<\/sup>. Sie erm\u00f6glichen uns, geldunabh\u00e4ngiger und somit auch freier von den strukturellen Zw\u00e4ngen des Marktes zu sein. Guifi.net zeigt, dass es durchaus m\u00f6glich ist, \u00bbnicht nur dort, wo die Telekommunikations-Platzhirsche Pr\u00e4senz zeigen, eine Breitbandinfrastruktur in gro\u00dfem Stil und lokalem Besitz\u00ab aufzubauen, wie Open-Technology-Aktivist Sascha Meinrath formulierte.<sup>22<\/sup>Dass alle Beteiligten von den Vorteilen einer Commons-Struktur profitieren, hat mit diesem Erfolg viel zu tun.<\/p>\n<p>Die Beispiele, die wir bislang kennengelernt haben, geh\u00f6ren nicht nur zu vollkommen unterschiedlichen Bereichen, sie drehen sich auch um Unterschiedliches. Solidarische Landwirtschaften drehen sich um Land, Boden, Wasser, Artenvielfalt und konzentrieren sich auf die Lebensmittelproduktion. Guifi.net besch\u00e4ftigt sich mit IT-Infrastruktur; hier geht es um Daten, Informationen, Kabel und Strom. WikiHouse will neu erfinden, wie wir geld- und ressourceneffizient bauen; hier geht es um Baustoffe, Raumkonzepte und Design. Anstatt nun die Differenzen hervorzuheben und die unterschiedlichen Ressourcen im Mittelpunkt jedes Projektes in den Blick zu nehmen, finden wir es sinnvoller herauszuarbeiten, worin sich die Ph\u00e4nomene gleichen. So ist jedes Commons von der Qualit\u00e4t sozialer Prozesse abh\u00e4ngig, der Weitergabe von Wissen sowie vom Zugriff auf physische Dinge. Alle Commons teilen die Herausforderung, das Soziale, das Politische (Governance) und das \u00d6konomische (bed\u00fcrfnisorientiert schaffen und bereitstellen, was wir zum Leben brauchen) zu einem integrierten Ganzen zu verbinden. Oder, um eine Analogie zu benutzen: Wir kennen Erdbeeren, \u00c4pfel und Bananen. Sie sehen unterschiedlich aus, schmecken unterschiedlich und wachsen in unterschiedlichen Klimazonen und auf unterschiedlichen B\u00f6den \u2013 und doch sind sie alle Fr\u00fcchte, Obst. Und dieser Sammelbegriff ist hilfreich, um sie einordnen zu k\u00f6nnen. So verh\u00e4lt es sich auch mit dem Begriff <i>Commons<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Jedes Commons beruht auf nat\u00fcrlichen Ressourcen.<br \/>\nJedes Commons ist ein Wissens-Commons.<br \/>\nJedes Commons ist ein sozialer Prozess.<\/b><\/p>\n<p>Ganz gleich, ob sie es wollen oder darauf angewiesen sind: Wenn Menschen sich zusammentun, um ein St\u00fcck Natur oder einen Raum zu nutzen beziehungsweise ein Problem zu l\u00f6sen, das sie gemeinsam betrifft, wenn sie an einem Strang ziehen, ihr diesbez\u00fcgliches Wissen teilen und die auftretenden Konflikte miteinander l\u00f6sen, dann handeln sie als Commoner und schaffen ein Commons.<\/p>\n<h4>Commons ganzheitlich verstehen<\/h4>\n<p>Die meisten Menschen sind perplex, dass so viele unterschiedliche Ph\u00e4nomene dem Begriff \u00bbCommons\u00ab zugeordnet werden. Und doch sind die Gemeinsamkeiten klar erkennbar. Wir schlagen daher vor, die eigene Wahrnehmung f\u00fcr die Muster des Commonings zu schulen. Jede und jeder kennt den \u00bbfreien Markt\u00ab, obwohl B\u00f6rsen, Wochenm\u00e4rkte, Superm\u00e4rkte, die Filmbranche, der Bergbau, Gesundheitsdienstleistungen, Arbeitsm\u00e4rkte und so weiter mindestens so vielgestaltig sind wie Commons. Dennoch erscheinen uns die vielen Spielarten von M\u00e4rkten als normal und als Teil <i>eines<\/i> gr\u00f6\u00dferen Konzepts. Commons hingegen genie\u00dfen wenig Sichtbarkeit, auch weil sie vom Marktdenken und -wirken unterdr\u00fcckt werden. Dabei sind Commons so alt wie die Menschheit. Und so merkw\u00fcrdig es angesichts dessen klingt, gibt es praktisch keine weitverbreitete Sprache, mit der man zeitgen\u00f6ssische Commons verstehen und beschreiben k\u00f6nnte (Kapitel 3). Zudem sind wissenschaftliche Arbeiten zum Thema in der Regel hochspezialisiert und einschl\u00e4gige wirtschaftswissenschaftliche Texte bauen oft auf einen Bezugsrahmen auf, der Commons im Kern als Ressourcen betrachtet und nicht als komplexe soziale Systeme, die unsere Beziehungen zueinander und zur Welt ordnen.<\/p>\n<p>Eine Herausforderung f\u00fcr uns ist daher, das Ganze der Commons wiederzuentdecken und im gegenw\u00e4rtigen Kontext nachvollziehbar zu machen. Daf\u00fcr brauchen wir einen konzeptionellen Rahmen, einige Geschichten und eine neue Ausdrucksweise. Mit dem Vokabular des Kapitals, der Wirtschaft und des dominierenden Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses k\u00f6nnen wir weder sinnvoll \u00fcber Commons sprechen noch die vielf\u00e4ltigen Ph\u00e4nomene erkl\u00e4ren. Es w\u00e4re so, als verwendete man Maschinenmetaphern, um komplexe lebendige Systeme ins Bild zu setzen. Wenn wir verstehen wollen, wie Commons tats\u00e4chlich gelingen, m\u00fcssen wir uns neu orientieren. Eben dies ist der Hauptzweck von Teil II des vorliegenden Buches. Darin entfalten wir einen Deutungsrahmen, der uns erm\u00f6glicht, Commoning zu erkennen, seine Dynamiken zu verstehen und angemessen auszudr\u00fccken, wobei wir nicht mit einer einzigen, allgemeing\u00fcltigen Schablone bewerten werden, was Commons ist und was nicht. Jedes tr\u00e4gt ohnehin die unverwechselbaren Zeichen seiner Urspr\u00fcnge, Kultur und Umst\u00e4nde. Es geht uns darum, die Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Praktiken zu identifizieren. Das wird uns zu behutsamen Verallgemeinerungen f\u00fchren, empfehlenswerten Handlungslogiken \u00e4hnlich, die helfen k\u00f6nnen, mehr Commons in die Welt zu bringen. So unterschiedlich die eingangs skizzierten Projekte und die Praktiken, denen Sie in diesem Buch noch begegnen werden, bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung auch erscheinen; so bemerkenswert \u00e4hnlich sind sie in der Art sich zu verwalten, Dinge aufzuteilen, sich gegen Einhegungen zu sch\u00fctzen und eine gemeinsame Ausrichtung zu pflegen \u2013 Commons sind keine Standardmaschinen, die auf Grundlage einer Blaupause zusammengebaut werden k\u00f6nnen. Es sind lebendige Systeme, die sich an neue Bedingungen anpassen und uns mit ihrer Kreativit\u00e4t, ihrer Vielfalt und ihrem Umfang \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00bbMuster\u00ab muss an dieser Stelle erl\u00e4utert werden. Wir nutzen ihn im Sinne des Architekten und Philosophen Christopher Alexander, so wie er gemeinsam mit Ko-Autorinnen und Ko-Autoren in seinem ber\u00fchmten Buch <i>Eine Muster-Sprache<\/i> (1977, Deutsch: 1995) entwickelt wurde. Alexander begr\u00fcndet diesen Ansatz philosophisch und mathematisch zugleich, insbesondere in seinem vierb\u00e4ndigen Hauptwerk <i>The Nature of Order<\/i>. Es ist das Ergebnis von 27 Jahren intensiver Beobachtung, akribischer Beschreibung und kreativen, interdisziplin\u00e4ren Denkens. Er verschmilzt in brillanter Weise eine empirisch-wissenschaftliche Perspektive mit gesellschaftsgestaltenden Ideen (darunter die pr\u00e4gende Rolle von Sch\u00f6nheit und Ganzheit); immer auf das gerichtet, was wir (wie Alexander) Lebendigkeit nennen.<sup>23<\/sup>Ein Muster beschreibt zun\u00e4chst \u00bbein Problem, das in einer bestimmten Umgebung immer wieder auftaucht\u00ab. Es beschreibt dann \u00bbden Kern der L\u00f6sung dieses Problems in einer Weise, dass man diese L\u00f6sung millionenfach \u2013 in unaufh\u00f6rlichen Variationen \u2013 einsetzen kann\u00ab.<sup>24<\/sup>Das Musterdenken und die darauf basierenden Gestaltungsideen sind weder kontextfrei noch von unseren Gedanken und Gef\u00fchlen abgekoppelt. Das ist eine wertvolle Qualit\u00e4t von Mustern, und deshalb werden wir keine \u00bbBest-Practices\u00ab ins Zentrum stellen und damit nahelegen, man k\u00f6nne sie \u00fcbernehmen. Wir werden stattdessen Grundmuster gelingenden Commonings zur Inspiration heranziehen und dabei im Hinterkopf behalten, dass sie nicht im Copy-and-Paste-Verfahren auf unterschiedliche Kontexte \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Jedes Commons muss eigene, angemessene, lokal- und kontextspezifische L\u00f6sungen entwickeln. Jedes muss praktische Probleme l\u00f6sen, individuellen W\u00fcnschen gerecht werden und Interessen ausgleichen. In diesem Buch arbeiten wir Muster heraus, die \u00fcberall in der Welt in Commons wirken. Wir gehen dabei sowohl sachlich als auch ambitioniert vor. Sachlich in der Beschreibung dessen, wie unterschiedliche Commons gegenw\u00e4rtig funktionieren, und ambitioniert beim Versuch, uns vorzustellen, wie Commoning-Dynamiken plausibel wachsen, sich verb\u00fcnden und zu einem eigenst\u00e4ndigen Bereich der Kultur und der politischen \u00d6konomie werden k\u00f6nnen. Wir greifen dabei Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften auf und sch\u00f6pfen zugleich aus langj\u00e4hrigen eigenen Erfahrungen. Dabei ist es f\u00fcr uns \u2013 und hoffentlich auch f\u00fcr Sie \u2013 inspirierend, immer wieder Commons aller m\u00f6glichen Schattierungen zu begegnen: in der Stadt, in Plattform-Kooperativen, im Geistesleben, in Kunst und Kultur. Wir m\u00f6chten ein facettenreiches, breites Feld menschlicher Kreativit\u00e4t und sozialer Organisation beschreiben und Ihnen Mut machen: Commons sind keineswegs so kompliziert und unbegreiflich, dass nur Fachleute sie verstehen. Tats\u00e4chlich entstehen sie, wenn gew\u00f6hnliche Menschen recht gew\u00f6hnliche Dinge tun, die nur in marktorientierten Gesellschaften etwas ungew\u00f6hnlich erscheinen.<\/p>\n<p>Wenn wir real oder intellektuell durch die Welt der Commons reisen, erstaunt uns immer wieder, unter welch au\u00dferordentlich vielf\u00e4ltigen Bedingungen wir Commoning begegnen. Auch deshalb haben wir uns gefragt, warum so viele Commons-Diskussionen auf \u00f6konomischen Kategorien beruhen (\u00bbG\u00fcterarten\u00ab, \u00bbAllokation\u00ab, \u00bbProduktivit\u00e4t\u00ab, \u00bbTransaktionskosten\u00ab), obwohl es doch um Ph\u00e4nomene geht, die auch soziale, kulturelle, ja spirituelle Dimensionen umfassen. Wir haben daraufhin noch einmal er\u00f6rtert, was es bedeutet, \u00fcber Commons nachzudenken und sie in die Welt zu bringen. Diese Neukonzeption kann zu einem gr\u00f6\u00dferen Wandel beitragen. Sie erlaubt uns, eine neue Vorstellung von \u00bbWirtschaften\u00ab zu gewinnen und Demokratie auf allen Ebenen zu vertiefen. Commons befriedigen Bed\u00fcrfnisse. Ganz konkret. Zugleich ber\u00fchren und ver\u00e4ndern sie das Wesen des Politischen und die Art des Politikmachens. Praktiken, Ethiken und Weltsichten des Commoning beeinflussen, pr\u00e4gen und ver\u00e4ndern Kultur und Identit\u00e4ten. Wir brauchen deshalb einen reichhaltigeren Bezugsrahmen, um das Thema zu ergr\u00fcnden. Sonst k\u00f6nnen wir weder die Dynamiken bewusster Selbstorganisation erkl\u00e4ren noch beschreiben, wie bed\u00fcrfnisorientiertes Wirtschaften gelingt; und wir k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber nachdenken, wie Commoning so gelingt, dass es sich auch gut anf\u00fchlt. Die Synthese unseres Denkens \u2013 der Bezugsrahmen \u2013 findet sich in Teil II dieses Bandes. Wir bezeichnen sie als \u00bbTriade des Commoning\u00ab und stellen diese dort vor.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;2. Von Commons &amp; Sein&#8220; tab_id=&#8220;kap2&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 2<br \/>\nVon Commons &amp; Sein<\/h3>\n<p>Beim Nachdenken \u00fcber die praktische Welt der Commons sind uns zwei Dinge klargeworden: dass das, was all diese Beispiele verbindet, auf einer tieferen Ebene liegt \u2013 der Ebene des Seinsverst\u00e4ndnisses \u2013 und dass wir f\u00fcr das Besondere an Commons im Wortsinne sprachlos sind. Wir k\u00f6nnen es mit den Begriffen der Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschaften nicht wirklich erfassen und brauchen daher ein anderes Vokabular (siehe Kapitel 3).<\/p>\n<p>In der modernen Welt dreht sich alles um das Individuum, das Wirtschaftswachstum oder die Herrschaft der Menschen \u00fcber die Natur. In solch einem Kontext erscheint Commoning wie etwas Sonderbares, bestenfalls Au\u00dfergew\u00f6hnliches: die von Buurtzorg-Pflegekr\u00e4ften geleistete (F\u00fcr-)Sorge, die behutsame Gegenseitigkeit einer Solidarischen Landwirtschaft, die Kreativit\u00e4t eines kosmo-lokalen Designnetzwerks oder die kapitalarme Verf\u00fcgbarmachung von erschwinglichem Internetzugang durch die Guifi.net-Infrastruktur. In Wirklichkeit aber sind Elemente des Commonings weitverbreitet. Wir wollten ergr\u00fcnden, warum das Thema dennoch \u00bbpolitisch irrelevant\u00ab oder gar wie eine <i>Terra incognita <\/i> erscheint, die sich nicht aus sich selbst heraus erkl\u00e4rt und erst entschl\u00fcsselt werden muss. Das Problem liegt sehr tief: auf der Ebene der Ontologien, also der Seinsverst\u00e4ndisse, die all unserem Tun und Gestalten zu Grunde liegen. Um dies nachzuvollziehen bzw. zu erl\u00e4utern, erz\u00e4hlen wir eine bemerkenswerte Episode aus der Wissenschaftsgeschichte und nehmen Sie mit in ein eindrucksvolles Museum.<\/p>\n<p>Es war an einem dieser Tage, an denen unsere Gespr\u00e4che um die \u2013 zur Gewissheit werdende \u2013 Ahnung kreiste, dass etwas ganz Grundlegendes den Blick f\u00fcr Commons verstellt. Wir wollten die Gedankeng\u00e4nge fassen und plausibel beschreiben. Doch gef\u00fchlt gingen wir drei Argumentationsschritte nach vorn und vier wieder zur\u00fcck. Irgendwann beschlossen wir innezuhalten, eine kreative Pause einzulegen und das nahegelegene Beneski-Naturkundemuseum am Amherst College zu besuchen. Das erwies sich als ausgesprochener Gl\u00fccksfall. W\u00e4hrend wir eindrucksvolle Exponate bestaunten, die wir uns so wenig erkl\u00e4ren konnten wie die Unsichtbarkeit des Commons-Themas, hatten wir ein Aha-Erlebnis: <i>Manchmal k\u00f6nnen neue Einsichten nur durch einen Wechsel der ontologischen Perspektive gewonnen werden \u2013 <\/i> wir nennen dies einen \u00bbOnto-Wandel\u00ab.<\/p>\n<p>Das kleine, aber exzellent ausgestattete Beneski-Museum im westlichen Massachusetts ist im Wesentlichen ein Arbeitsraum, in dem Studierende lernen, geologische R\u00e4tsel zu entziffern. Viele der Exponate dokumentieren die Forschung von Edward Hitchcock, einem f\u00fchrenden Geologen der 1830er Jahre, der in Steinbr\u00fcchen und auf Farmen der Umgebung Tausende Steine und Steinplatten mit eigenartigen Markierungen entdeckt hatte. Im Museum gab es beeindruckende Dinosaurierknochen, darunter den Kopf eines Tyrannosaurus Rex. Daneben lag ein Raum, dessen W\u00e4nde Dutzende Platten Sedimentgestein zierten. Eine neben der anderen, allesamt erkl\u00e4rungslos. Jede enthielt ein R\u00e4tsel aus der Zeit vor 270 Millionen Jahren. Handelte es sich bei diesen Markierungen um \u00bbFu\u00dfspuren von Truth\u00e4hnen\u00ab, wie viele Menschen vor Ort sie nannten, oder waren es etwa die Fu\u00dfabdr\u00fccke von \u00bbNoahs Raben\u00ab, einem gigantischen Vogel der Arche Noah? Es war schwierig, dar\u00fcber zu spekulieren, denn versteinerte Knochen waren nicht zu finden.<sup>1<\/sup> Hitchcock war ein seri\u00f6ser Wissenschaftler und gl\u00e4ubiger Christ. Sein Bezugsrahmen zum Theoretisieren, um den Markierungen ihr Geheimnis zu entlocken, bestand aus seiner eigenen Beobachtung und der Bibel. Als er auf Cape Cod auf Kies-, Lehm-, Sand- und Felsablagerungen stie\u00df, fand er es vollkommen logisch, sie als \u00bbDiluvium\u00ab zu bezeichnen \u2013 als Verweis auf die in der Bibel beschriebene gro\u00dfe Flut. Tats\u00e4chlich aber waren die Ablagerungen \u00dcberbleibsel eiszeitlicher Gletscher. Obwohl Hitchcock mit Robert Owen, Charles Darwin und Charles Lyell korrespondierte, beharrte er auf seiner \u00dcberzeugung, dass die im Sedimentgestein erhaltenen \u00bbFu\u00dfabdr\u00fccke\u00ab (wie er sie nannte), von gro\u00dfen vorzeitlichen V\u00f6geln kamen. Warum auch nicht? Das war in Hitchcocks Welt plausibel. In seiner Zeit hatte die Entdeckung der pr\u00e4historischen Welt gerade begonnen. Das Wort \u00bbDinosaurier\u00ab wurde erst 1841 vom britischen Geologen Robert Owen gepr\u00e4gt, und die ersten Dinosaurierfossilien in den USA wurden 1858 entdeckt. Charles Darwin ver\u00f6ffentlichte <i>Die Entstehung der Arten<\/i> ein Jahr sp\u00e4ter, und die Entdeckung einiger der bedeutendsten Fossilien geschah erst in den 1890er Jahren. F\u00fcr Hitchcock, der an die Bibel glaubte, war die Idee riesiger echsenartiger Kreaturen, die vor 273 Millionen Jahren eine ganz andere Lebenswelt durchstreiften, buchst\u00e4blich <i>undenkbar<\/i>&lt;<\/p>\n<p>In ihrem 2006 erschienenen Buch \u00fcber den Geologen bekannte sich die Wissenschaftsautorin Nancy Pick zu ihrer Bewunderung f\u00fcr Hitchcocks wissenschaftlichen Leistungen. In einem fiktiven Brief an ihn schrieb sie jedoch mit etwas schlechtem Gewissen: \u00bbIch muss Ihnen sagen, dass sich die meisten ihrer gr\u00f6\u00dften \u00dcberzeugungen als falsch erwiesen haben. Sie hatten unrecht, die Existenz einer Eiszeit anzuzweifeln. Sie hatten unrecht, die Theorie der Evolution zu bestreiten. Und, was am meisten schmerzt, Sie hatten unrecht bez\u00fcglich der Tiere, die ihre geliebten fossilen Abdr\u00fccke hinterlie\u00dfen. Es handelte sich nicht um gigantische vorzeitliche V\u00f6gel, sondern um Dinosaurier.\u00ab<\/p>\n<p>Die Nachwelt blickt nicht selten verst\u00e4ndnislos auf das Tun vorangegangener Generationen, weil sie bestimmte Dinge nicht wussten oder wissen konnten. Das ist hier nicht unser Thema. Wir m\u00f6chten die Aufmerksamkeit vielmehr darauf lenken, wie eine Weltsicht bereits vorstrukturiert \u2013 und damit auch beschr\u00e4nkt \u2013, was wir wahrnehmen. Wir k\u00f6nnen die Welt niemals wirklich so sehen, \u00bbwie sie ist\u00ab, weil wir im Kopf zu stark damit besch\u00e4ftigt sind, sie zu erschaffen. Nat\u00fcrlich gehen wir dennoch davon aus, dass das, was wir wahrnehmen, offensichtlich und universell ist. Tats\u00e4chlich aber basiert jegliche Sicht auf die \u00bbRealit\u00e4t\u00ab auf einigen Vorannahmen \u00fcber die Natur der Welt. Unsere \u00dcberzeugungen \u00fcber das, \u00bbwas ist\u00ab, sind von unsichtbaren Annahmen geformt, die durch Kultur, Geschichte und pers\u00f6nliche Erfahrung beeinflusst sind.<\/p>\n<p>Die Sprache ist f\u00fcr diese Art des Erschaffens der Welt in unserem Bewusstsein entscheidend. Welche Sprache (W\u00f6rter, Begriffe und Kategorien) wir in einer bestimmten politischen \u00d6konomie und Kultur verwenden, entscheidet mit dar\u00fcber, welche Ph\u00e4nomene als bedeutend gelten, ob und wie sie moralisch aufgeladen werden und welche anderen Ph\u00e4nomene unbenannt bleiben und damit ignoriert werden. So formt sich ein mentales Bild, ein Rahmen bzw. Frame f\u00fcr die Wahrnehmung und die <i>Nicht<\/i> -Wahrnehmung. Und das kann politisch n\u00fctzlich sein. Beispielsweise fordern Konservative gern \u00bbSteuer <i>entlastungen<\/i>\u00ab<sup>2<\/sup>, was implizit behauptet, dass Steuern per Definition eine Last und B\u00fcrde seien, die es abzusch\u00fctteln gelte. Ein solches \u00bbFraming\u00ab ignoriert, dass \u00bbSteuern der Preis sind, den wir f\u00fcr eine zivilisierte Gesellschaft zahlen\u00ab.<sup>3<\/sup> In seiner klassischen Studie \u00fcber die \u00bbFolklore des Kapitalismus\u00ab beschrieb Thurman Arnold, wie Konzerne in den USA f\u00e4lschlicherweise als <i>Personen<\/i> charakterisiert werden und damit B\u00fcrgerrechte erhalten \u2013 etwa unbegrenzt im Wahlkampf zu spenden \u2013, die ihnen sonst vermutlich verweigert w\u00fcrden.<sup>4<\/sup> Wenn wir hingegen f\u00fcr etwas gar kein Wort haben, bleibt es unbenannt, unbesprochen, unbemerkt. So gibt es keine wirklich treffende deutsche Entsprechung f\u00fcr den Begriff Commons im Deutschen. Kognitionswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verweisen h\u00e4ufig auf den \u00bbideologisch selektiven Charakter\u00ab solcher Frames.<sup>5<\/sup> Dass sie hoch effektive Wahrnehmungsfilter sind \u2013 und zugleich allgegenw\u00e4rtig \u2013, hilft zu erkl\u00e4ren, warum Neues unsichtbar erscheint, obwohl es vor aller Augen existiert. Als John Maynard Keynes damit rang, die Wirtschaftswissenschaften neu zu erfinden, schrieb er: \u00bbDie Gedanken, die hier so m\u00fchevoll ausgedr\u00fcckt sind, sind \u00e4u\u00dferst einfach und sollten augenscheinlich sein. Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken, als in der Befreiung von den alten, die sich bei allen, die so erzogen wurden, wie die meisten von uns, bis in die letzten Winkel ihres Verstandes verzweigen.\u00ab<sup>6<\/sup> Hitchcock versuchte, sich von der tradierten Weltsicht zu befreien. Es gelang ihm nicht. Owen, Darwin und Lyell waren in ihren Losl\u00f6sungsversuchen vom Alten (mit einigem Bangen wegen der potenziell explosiven theologischen Konsequenzen) im Gro\u00dfen und Ganzen erfolgreich. Eine vorherrschende Weltsicht ist unglaublich m\u00e4chtig. Sie setzt Ph\u00e4nomene unbemerkt in einen geordneten mentalen Rahmen. Dieser wiederum verdr\u00e4ngt andere, potenziell wichtige Betrachtungsweisen der Welt. Wir haben also gegenw\u00e4rtig nicht nur das gro\u00dfe Problem, dass die Institutionen liberal-demokratischer Staatlichkeit zerfallen \u2013 auch die Arten und Weisen, die Welt wahrzunehmen und darzustellen, tun dies. Die ganzen grundlegenden Geschichten, die wir uns erz\u00e4hlen, funktionieren nicht mehr. Selbstverst\u00e4ndlich sind die Probleme eng miteinander verkn\u00fcpft. Wenn politische Systeme nicht mehr funktionieren, dann auch deswegen, weil sie auf Erz\u00e4hlungen (Narrativen) \u00fcber das Sein aufbauen, die untauglich geworden sind oder nicht mehr respektiert werden. Liebgewonnene Geschichten und Denkkategorien k\u00f6nnen die Wirklichkeit, die sich ver\u00e4ndert hat, nicht mehr angemessen abbilden. Wer aber die herrschende Ordnung bewahren will, m\u00f6chte oft nichts Anderes und h\u00e4lt sich an archaischen Ausdrucksweisen fest, um die vertraute Sichtweise zu best\u00e4tigen. Neue Realit\u00e4ten werden zudem auch deswegen nicht erkannt, weil Vokabular und Logik fehlen, um sie gewisserma\u00dfen aufzuschlie\u00dfen und f\u00fcr die jeweilige Kultur lesbar zu machen. Stellen Sie sich vor, wie die Anerkennung der Existenz sowie der Begriff \u00bbDinosaurier\u00ab im Kontext der Darwin\u2019schen Evolutionstheorie die Bibel und die darauf beruhenden Weltsichten in Frage stellten\u2026 Und wie dies zugleich ganz neue Perspektiven er\u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Etwas \u00c4hnliches haben wir erlebt, als wir die Ph\u00e4nomene des Commoning erkl\u00e4ren wollten. Uns wurde bewusst, dass wir in der Sprache der konventionellen Politik- und Wirtschaftswissenschaften nicht angemessen ausdr\u00fccken konnten, was wir beobachtet hatten. Da klafften mehrere lexikalische und kategoriale L\u00fccken, so dass bestimmte Realit\u00e4ten und Erkenntnisse im Dunkeln blieben. Der Historiker E.P. Thompson bemerkte einmal treffend: \u00bbEs war stets ein Problem, Commons mit kapitalistischen Kategorien zu erkl\u00e4ren. Da passte etwas nicht.\u00ab<sup>7<\/sup> Wenn wir \u00fcber die Zukunft unseres Zusammenlebens und die Zukunft des Politischen nachdenken, so kommt es in hohem Ma\u00dfe auf diese tieferen Register unserer Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten an \u2013 mindestens so sehr wie auf die t\u00e4gliche politische Auseinandersetzung. Oder sogar noch mehr. Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer wies einmal darauf hin, dass es ein Fehler sei zu glauben, man m\u00fcsse \u00fcber Politik reden, um Politik zu ver\u00e4ndern. Er hatte recht. Das m\u00fcssen wir nicht. Wir m\u00fcssen uns zun\u00e4chst \u00fcber unsere \u2013 oft im Verborgenen liegenden \u2013 Vorstellungen von der Welt und vom Menschen verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<h4>Fenster, durch die wir die Welt betrachten<\/h4>\n<p>Die Lehre von der Natur und den Grundstrukturen der Realit\u00e4t wird Ontologie genannt. Sie ist das Fenster, durch das wir die Welt betrachten. Obwohl wir nicht vorhaben, uns in metaphysische Tiefen zu st\u00fcrzen \u2013 das kann rasch kompliziert und etwas weltfremd werden \u2013 ist ein Sprung in ontologische Gew\u00e4sser so erfrischend wie unausweichlich. Lassen Sie uns deshalb kurz eintauchen.<\/p>\n<p>Unsere Grundannahmen \u00fcber die Wirklichkeit bestimmen, was wir f\u00fcr normal und w\u00fcnschenswert halten. Sie strukturieren vor, was als gut oder schlecht gilt, als richtig oder falsch. Damit sind sie so etwas wie die Verfassung eines jeden Glaubenssystems. Sie ordnen unsere Vorstellungen \u2013 etwa davon, welche Politische \u00d6konomie oder Steuerung wir f\u00fcr notwendig und m\u00f6glich halten. Kurz: Sie formen direkt mit, was wir aus der Welt machen. Wenn alle Menschen als unverbundene Einzelne betrachtet werden, wird dies eher zu einer sozialen Ordnung f\u00fchren, die die Freiheit des Einzelnen auf Kosten zusammenwirkender Institutionen privilegiert. Wenn demgegen\u00fcber alle Menschen als miteinander verbunden sowie voneinander und von der Erde abh\u00e4ngig betrachtet werden, er\u00f6ffnen sich ganz andere M\u00f6glichkeiten. Andere Vorstellungen von der Welt verlangen andere Kategorien und ein Vokabular, das die Welt entsprechend derselben zu beschreiben vermag. Zudem dr\u00fccken sich verschiedene Weltsichten in verschiedenen Metaphern aus.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, dass die jeweiligen ontologischen Pr\u00e4missen \u2013 die Grundannahmen \u00fcber das (Mensch-)Sein \u2013 verschiedene <i>Angebote<\/i> schaffen: Sie leisten Unterschiedliches, sind potenziell anders nutzbar und beinhalten andere politische und \u00f6konomische Konsequenzen. So wie das Fahrrad andere Angebote f\u00fcr den Verkehr schafft als das Auto. Das eine ist verbunden mit k\u00f6rperlicher Anstrengung, kosteng\u00fcnstiger Mobilit\u00e4t und dem Antrieb durch Muskelkraft. Das andere ist schneller, weitreichender, sicherer, teurer und auf mehr als Muskelkraft zur Fortbewegung angewiesen. Stift und Papier \u2013 billig und leicht zu benutzen \u2013 bieten andere M\u00f6glichkeiten der Kommunikation als Smartphones, die von Stromzufuhr abh\u00e4ngen, interaktiv und vielseitig verwendbar sind. Mit Ontologien ist es genauso: Sie beeinflussen ganz entscheidend, welche Welt wir auf ihrer Grundlage aufbauen k\u00f6nnen. Wenn daher von <i>Weltsicht<\/i> die Rede ist, muss gefragt werden: Was behauptet diese Weltsicht hinsichtlich der Qualit\u00e4t der Beziehungen zwischen Individuen oder zwischen dem Einzelnen und Kollektiven? Schreibt sie Dingen und Ph\u00e4nomenen einen festgef\u00fcgten Wesenskern zu? Wird dem Menschen ein So-Sein unterstellt, oder enth\u00e4lt die Idee vom Menschen auch andere Menschen sowie den Gedanken der Ver\u00e4nderung durch Beziehungen? \u00dcberhaupt: Wie wird Ver\u00e4nderung und Wandel gedacht? Entsteht er durch konkrete Faktoren, die kausal aufeinander wirken \u2013 \u00e4hnlich einer Kettenreaktion, die ich ausl\u00f6se, wenn ich eine Maschine in Betrieb setze? Oder entsteht er in einem Feld komplexer, subtiler, kurz- und langfristiger Interaktionen zwischen mehreren Faktoren in einem gr\u00f6\u00dferen Wirkzusammenhang? Sind Ph\u00e4nomene, die wir beobachten, historisch und kulturell unver\u00e4nderlich, d.h. universell, oder sind sie kontextabh\u00e4ngig?<\/p>\n<p>Solche philosophisch anmutenden Fragen gelten in der handfesten, oft rauen Welt der Politik gemeinhin als irrelevant. Wir jedoch glauben, dass, gerade angesichts des Wankens politischer Institutionen, nichts strategischer ist als eine Neubewertung der Fundamente, auf denen Politik steht. Wir m\u00fcssen uns deshalb die Arten und Weisen anschauen, in denen wir die Realit\u00e4t wahrnehmen und verstehen, wie sie mit Gestaltungsoptionen zusammenh\u00e4ngen. Einen solchen Ansatz k\u00f6nnte man \u00bbonto-politisch\u00ab nennen, denn \u2013 wie gesagt \u2013 unsere unterschiedlichen Verst\u00e4ndnisse von der Beschaffenheit der Wirklichkeit beeinflussen sehr direkt, welche soziale und politische Ordnung wir f\u00fcr m\u00f6glich halten. Wenn wir beispielsweise glauben, dass Gott als allm\u00e4chtige Kraft existiert und in allen menschlichen Angelegenheiten die Quelle von Wahrheit und Sinn ist, dann werden wir eine andere gesellschaftliche Ordnung erschaffen als eine, in der Menschen davon ausgehen, dass sie ganz auf sich selbst gestellt sind, ohne g\u00f6ttliche Lenkung und g\u00f6ttlichen Schutz. Weil diese allgemeinen Ideen beeinflussen, wie wir politische Institutionen bilden, sollten wir die Welt nicht nur durch ein Fenster betrachten \u2013 als w\u00e4re dies die einzige und offensichtlich richtige M\u00f6glichkeit der Wahrnehmung. Wir sollten innehalten und beginnen, das Fenster <i>selbst<\/i> zu betrachten.<sup>8<\/sup> Die Verwaltungstheoretikerin Margaret Stout dr\u00fcckt dies mit einfachen Worten aus: \u00bbOntologie ist f\u00fcr die politische Theorie wichtig, <i>weil sie den Vorannahmen \u00fcber alle Aspekte des Lebens und dar\u00fcber, was gut und richtig ist, einen Rahmen verleiht<\/i>.\u00ab<sup>9<\/sup> (Hervorhebung im Original)<\/p>\n<h4>Onto-Geschichten des modernen Westens<\/h4>\n<p>Die Zeit ist reif, das allgemeine Glaubenssystem zu \u00fcberdenken, das sich im s\u00e4kularen Westen w\u00e4hrend der Renaissance entwickelt und im 18. und 19. Jahrhundert verfestigt hat. Wir \u00bbModernen\u00ab sind von einer gro\u00dfen Erz\u00e4hlung umgeben, in der die Hauptrollen prominent besetzt sind: die Freiheit des Einzelnen, das Eigentum und eine Staatsidee, die von Philosophen wie Ren\u00e9 Descartes, Thomas Hobbes und John Locke entwickelt wurde.Die entsprechende Onto-Geschichte, die wir st\u00e4ndig weitergeben, betrachtet uns als Individuum beziehungsweise Vereinzelte. Als solche sind wir die prim\u00e4r Agierenden und bewegen uns in einem Au\u00dfen: in einer Welt voller Dinge (einschlie\u00dflich der \u00bbNatur\u00ab), denen wesensbestimmende Eigenschaften zugesprochen werden. Diese Erz\u00e4hlung behauptet, dass wir Menschen vollkommen frei, in einen pr\u00e4politischen \u00bbNaturzustand\u00ab geboren wurden. Dann allerdings haben sich unsere Vorfahren \u2013 Wer genau? Wann? Wo? \u2013 in Sorge um den Schutz unseres Eigentums und unserer individuellen Freiheit versammelt und \u2013 trotz ihres radikalen Individualismus \u2013 miteinander einen \u00bbGesellschaftsvertrag\u00ab geschlossen.<sup>10<\/sup> Schlie\u00dflich haben alle die Etablierung des Staates autorisiert, der zum Garanten der individuellen Freiheit und des individuellen Eigentums aller werden sollte.<sup>11<\/sup> Wirsind heute Erbinnen und Erben dieses Sch\u00f6pfungsmythos, der die Urspr\u00fcnge des liberalen, s\u00e4kularen Staates erkl\u00e4rt \u2013 und der theologische Vorstellungen von Omnipotenz (Gott, Monarchinnen und Monarchen) auf den souver\u00e4nen Staat (Pr\u00e4sidentinnen und Pr\u00e4sidenten, Parlamente, Gerichte) \u00fcbertr\u00e4gt.<sup>12<\/sup> Der Leviathan handelt mit souver\u00e4ner Macht und privilegiert individuelle Freiheit gegen\u00fcber s\u00e4mtlichen sozialen Zugeh\u00f6rigkeiten oder auf Geschichte, Ethnizit\u00e4t, Kultur, Religion, geographischer Herkunft etc. beruhenden Identit\u00e4ten. (Wir werden in Kapitel 9 darauf zur\u00fcckkommen.) Die prim\u00e4ren Akteure der Gesellschaft sind in dieser Konzeption das Individuum und der Staat. Dabei setzt der politische Liberalismus eine menschliche Natur voraus, schreibt Margaret Stout, \u00bbdie eigenn\u00fctzige, atomistische Individuen mit voneinander unabh\u00e4ngigen, statischen Pr\u00e4ferenzen dazu bringt, miteinander zu konkurrieren. Sie tun das im Bestreben, ihre eigenen Vorteile zu maximieren und die Konsequenzen f\u00fcr andere wenig oder gar nicht zu beachten. In dieser Denkform entsteht politische Repr\u00e4sentation durch Wettbewerb unter souver\u00e4nen Individuen und durch das Mehrheitsprinzip.\u00ab<sup>13<\/sup> Die gleiche Geschichte ist auch die Grundlage des Kapitalismus, der mit denselben Grundannahmen erkl\u00e4ren will, warum es Marktwettbewerb und Hierarchien gibt. Der Nobelpreistr\u00e4ger und \u00d6konom James Buchanan hat einmal die Autonomie des Einzelnen, die Rationalit\u00e4t der Entscheidung (\u00bbrational choice\u00ab) und die spontane Koordination von Menschen auf dem \u00bbfreien Markt\u00ab als die grundlegenden Prinzipien seiner Disziplin bezeichnet.<sup>14<\/sup> In der Moderne sind diese Ideen in einem Gro\u00dfteil des Alltagslebens zu Ordnungsprinzipien geworden. Die individuelle Entscheidungsfreiheit \u2013 unseren Fernsehsender, unsere Biermarke, unsere politischen Parteien w\u00e4hlen zu d\u00fcrfen \u2013 wird gefeiert. Dabei wird kaum bedacht, wie das Spektrum der Wahlm\u00f6glichkeiten \u00fcberhaupt zustande kommt und welche Optionen darin nicht enthalten sind. Unsere Vorannahmen \u00fcber die Welt genauer zu erkunden ist demnach keine rein intellektuelle \u00dcbung. Sie ist von praktischer Bedeutung, weil sie beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen und welche politischen Systeme wir f\u00fcr m\u00f6glich und w\u00fcnschenswert halten. Um die Kraft der Grundannahmen ins Bild zu setzen, verwendete der deutsche Physiker Hans-Peter D\u00fcrr h\u00e4ufig folgende Metapher: Fischerinnen und Fischer, die Netze mit einer Maschenweite von 5 cm benutzen, k\u00f6nnten verst\u00e4ndlicherweise zu dem Schluss kommen, dass es im Meer keine Fische gibt, die kleiner als 5 cm sind. Zumindest werden sie nicht viel \u00fcber die Welt der Fische lernen, die kleiner als 5 cm sind, denn 3 cm gro\u00dfe Fische verfangen sich nicht im Netz. Wer sich auf bestimmte Vorstellungen von der Wirklichkeit festgelegt hat, wird es schwer haben, den weitreichenden Auswirkungen der eigenen \u00bbWahrnehmungsnetze\u00ab zu entgehen. Wir sehen: Auch wenn die Verkn\u00fcpfung zwischen Ontologie, dem Gemeinwesen und der politischen \u00d6konomie weder den meisten Menschen noch politischen Entscheidungstr\u00e4gerinnen und Entscheidungstr\u00e4gern gel\u00e4ufig ist, ist die Idee gar nicht so kompliziert. Vergegenw\u00e4rtigen Sie sich noch eine andere Analogie: Stellen Sie sich vor, Sie bauen ein Haus und legen daf\u00fcr ein schwaches Fundament. Die Grundfl\u00e4che ist zu klein. Zu viel der verf\u00fcgbaren M\u00f6glichkeiten (Fl\u00e4che) wurde ausgeklammert. Zudem reicht das Fundament nicht tief genug. Auf diesem Fundament errichten Sie ein Geb\u00e4ude in der Hoffnung, dass es dauerhaft steht. Sie setzen die tragenden Bauteile auf, die z.B. 100 Tonnen Gewicht abst\u00fctzen k\u00f6nnen. Ein paar Jahre sp\u00e4ter hat sich vieles in ihrem Leben ver\u00e4ndert. Sie m\u00f6chten ein weiteres Geschoss bauen. Es w\u00fcrde 50 Tonnen wiegen. Das Haus w\u00fcrde einst\u00fcrzen. Das zus\u00e4tzliche Gewicht \u2013 Ihr neues Leben \u2013 hat auf diesem Fundament keinen Platz. Es ist nicht sinnvoll, an der Qualit\u00e4t der Fundamente zu sparen.<\/p>\n<p>Genau das aber ist das Problem des modernen Kapitalismus. Er ist auf fehlerhaften Pr\u00e4missen \u00fcber unsere Welt, uns Menschen und \u00fcber unsere Gestaltungsoptionen aufgebaut und kann deswegen das gro\u00dfe Gedankengeb\u00e4ude des globalen und modernen Systems aus Markt- und Staat nicht l\u00e4nger tragen. Seine institutionellen Formen sind zunehmend ineffektiv und sch\u00e4dlich, und ihnen wird misstraut. Die steigende Entfremdung und Wut von W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern in vielen L\u00e4ndern gibt dies zu erkennen \u2013 in den USA genauso wie in Brasilien, in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern genauso wie auf den Philippinen. Wenn unsere Verpflichtung auf \u00bbindividuelle Freiheit\u00ab weder vor der Pl\u00fcnderung der Erde noch vor jener der Staatskassen (Stichwort \u00bbCumExFiles\u00ab) haltmacht, wenn Kapitalanlagen und \u00bbDirektinvestitionen\u00ab in ihrem Charakter als Privateigentum mehr Schutz genie\u00dfen als Landschaften oder \u00d6kosysteme, dann sollte es nicht \u00fcberraschen, dass das resultierende Wirtschaftssystem f\u00fcr den Planeten h\u00f6chst zerst\u00f6rerisch und buchst\u00e4blich t\u00f6dlich ist. Oft wird \u00bbder Kapitalismus\u00ab kritisiert und \u00bbder Staat\u00ab angegriffen \u2013 ohne die onto-politischen Pr\u00e4missen in Frage zu stellen, auf denen beide errichtet sind. Der Grund: Die meisten von uns haben diese Pr\u00e4missen internalisiert. Das \u00bbvorherrschende Lebensmotiv\u00ab des modernen Kapitalismus und des liberalen Staates, schreibt der griechische Sozialkritiker Andreas Karitzis, \u00bbf\u00f6rdert die Vorstellung, dass ein gutes Leben im Grunde genommen eine individuelle Leistung ist. Gesellschaft und Natur sind lediglich Kulissen, eine Tapete f\u00fcr unser Ego und der zuf\u00e4llige Kontext, in dem unser vereinzeltes Selbst sich durch die Verfolgung individueller Ziele weiterentwickelt. Das Individuum schuldet niemandem irgendetwas, hat weder Achtung f\u00fcr die vorangegangenen Generationen noch Verantwortung f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen \u2013 und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber heutigen gesellschaftlichen Problemen und Verh\u00e4ltnissen erscheint wie eine angemessene Haltung\u00ab.<sup>15<\/sup><\/p>\n<p>Die sichtbaren Pathologien des Kapitalismus \u2013 Umweltzerst\u00f6rung, Prekarit\u00e4t, Ungleichheit, Ausgrenzung etc. \u2013 sind nicht einfach seelenlosen Konzernen und zynischen Politikerinnen und Politikern zuzuschreiben. Sie spiegeln ein grundlegenderes Problem wider: ein irriges Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit selbst. Dies anzupacken verlangt uns einiges ab. Es ist schwierig, <i>auf<\/i> das Fenster zu schauen, durch das wir die Welt betrachten, statt nur <i>durch<\/i> dieses Fenster zu schauen. Es ist alles andere als trivial, die Onto-Grundlagen unserer sozio\u00f6konomischen und politischen Ordnung wirklich zu <i>sehen<\/i>, geschweige denn etwas Sinnvolles zu tun, um sie zu ver\u00e4ndern. Diese Dinge sind stark normierend und doch subtil. Sie liegen oft unter der Schwelle des Bewussten und werden deshalb nicht problematisiert. Dennoch gibt es nat\u00fcrlich M\u00f6glichkeiten, die Herausforderung anzugehen. Wir k\u00f6nnen beispielsweise ein anderes Weltverst\u00e4ndnis kultivieren, indem wir unsere Sprache, die Metaphern, die wir nutzen, und die Geschichten, die wir erz\u00e4hlen, etwas n\u00e4her betrachten. Wir k\u00f6nnen dadurch mehr Achtsamkeit f\u00fcr diese Fragen und f\u00fcr unsere eigenen Verstrickungen in die moderne Onto-Geschichte entwickeln. Die daraus resultierenden Erkenntnisse k\u00f6nnen wir mit Erfahrungen \u2013 etwa Commoning-Praktiken \u2013 verbinden und daraus eine onto-politische Ordnung entwickeln, die auf einem breiteren und tieferen Fundament ruht.<\/p>\n<p>Der erste Schritt ist also, die im Verborgenen liegenden Grund\u00fcberzeugungen zu erkennen, zu \u00fcberpr\u00fcfen und neu zu formulieren. Wir m\u00fcssen begreifen, was es bedeutet, dass alles miteinander verbunden ist, dass die Dinge \u2013 gegenseitig \u2013 voneinander abh\u00e4ngen, so wie unser individuelles Wohlergehen vom kollektiven Wohlergehen abh\u00e4ngig ist und umgekehrt. Unser Gemeinwesen muss, um den kolumbianischen Anthropologen Arturo Escobar zu zitieren, \u00bbauf die relationale Dimension des Lebens abgestimmt sein\u00ab.<sup>16<\/sup><\/p>\n<h4>Onto-Geschichten als verborgene Dimension der Politik<\/h4>\n<p>Viele Argumente, die in \u00f6ffentlichen Debatten oberfl\u00e4chlich wie politische Meinungsverschiedenheiten aussehen, sind in Wirklichkeit tiefer liegende Meinungsverschiedenheiten \u00fcber das Menschenbild oder \u00fcber unser Weltverst\u00e4ndnis. Sie setzen den Rahmen der Debatte, den \u00bbFrame\u00ab. Nehmen Sie die Figur des \u00bbSelfmademan.\u00ab Sie entspricht der in der Kultur des modernen Kapitalismus verankerten Fantasie, dass die Einzelnen wirklich ganz allein erfolgreich werden k\u00f6nnen, ohne Unterst\u00fctzung von anderen. Diese Geschichte rahmt die \u00f6ffentliche Diskussion und so einige pers\u00f6nliche Ambitionen. Oder denken Sie an die Erde selbst, die oft wie etwas beschrieben wird, dass nicht-lebendig, eigenst\u00e4ndig und von uns getrennt ist. Wie ein Gegenstand, der unabh\u00e4ngig von der Menschheit existiert. Dies ist die Grundlage der Rede von Land und Wasser als \u00bbRessourcen\u00ab, die in Besitz genommen und vermarktlicht werden k\u00f6nnen. Die Kategorien selbst, die seit den Philosophen der Fr\u00fchen Neuzeit eingef\u00fchrt wurden, haben Standarddenkweisen etabliert, die in den modernen kapitalistischen Gesellschaften als selbstverst\u00e4ndlich gelten. M\u00e4nner (!) wie Francis Bacon, Thomas Hobbes, Ren\u00e9 Descartes und John Locke artikulierten als erste eine Erz\u00e4hlung von der Welt, in der (vermeintliche) Dualit\u00e4ten aufeinanderprallen: Individuum und Kollektiv, Menschheit und Natur, Geist und Materie. \u00d6ffentlicher und privater Raum gelten als voneinander getrennt. Das Objektive wird dem Subjektiven entgegengesetzt. Es ist eine Erz\u00e4hlung des Entweder-oder, die zur Denkgewohnheit wird. Moderne kapitalistische Gesellschaften haben aus diesen Gewohnheiten Kulturen geschaffen. Sie spiegeln wider, was in der Wissenschaft als Onto-Geschichten (\u00bb<i>ontostories<\/i>\u00ab) bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Es gibt zahllose Onto-Geschichten, die auf vielerlei Weise ihren Ausdruck finden. Unterm Strich k\u00f6nnen sie entlang einiger zentraler Aspekte etwas geordnet werden. So basieren manche Geschichten auf der Vorstellung, dass \u00bbdas Sein einfach <i>ist<\/i> \u00ab (statisch). Andere gehen davon aus, dass das Sein ein st\u00e4ndiges <i>Werden<\/i> ist (dynamisch). Eine dynamische Weltvorstellung erfasst das Sein als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, als einen st\u00e4ndigen Prozess. In einer statischen Welt wird die Gegenwart als etwas erlebt, das stets ist und stets sein wird. Dieses \u00bbso ist sie eben\u00ab, erkl\u00e4rt auch die Beharrungskraft eines Kastensystems, wie wir es aus Indien kennen. Eine statische Sicht auf Wirklichkeit wird ihren politischen Ausdruck eher in einer Theokratie, Monarchie oder einer \u00e4hnlichen Form autorit\u00e4rer Herrschaft finden. In einer dynamischen Weltsicht hingegen entfaltet sich die Realit\u00e4t fortdauernd und entwickelt st\u00e4ndig Neues \u2013 die politischen Organisationsformen m\u00fcssten sich dem permanent anpassen. Manche Onto-Geschichten gr\u00fcnden auf der Idee einer einzigen, ungeteilten Existenz, was tendenziell zum Sozialismus oder Kollektivismus f\u00fchrt. Andere postulieren viele Quellen des Seins, die nicht auf ein unteilbares Ganzes zur\u00fcckgehen. Sie st\u00fctzen eher eine politische Ordnung des modernen Liberalismus und des sozialen Anarchismus. In manchen Onto-Geschichten stammen Wahrheit und Sinn von einer transzendenten Quelle (Gott, K\u00f6nig, Papst), in anderen wiederum stammen sie aus uns immanenten Quellen \u2013 dem Raum gelebter Erfahrung (das G\u00f6ttliche in jedem Menschen bzw. in allen Lebewesen).<sup>17<\/sup> Jedenfalls reflektieren Onto-Geschichten immer eine Weltsicht und ihr <i>Angebot<\/i> \u2013 ein vorstrukturiertes M\u00f6glichkeitsfeld. Die Sprechweise und Praktiken, die darauf aufbauen, verleihen dann bestimmten Archetypen des menschlichen Strebens Seriosit\u00e4t. Sie erinnern sich an den Selfmademan. Schlie\u00dflich werden menschliche Energien auf diese Weise nicht nur kulturell akzeptiert, sondern auch kanalisiert. Entsprechend geht es in der Dauerbeschallung mit Werbung und Marketing einerseits darum, Produkte zu verkaufen; und andererseits darum, ein Ideal zu st\u00e4rken, in dem der Mensch durch individuellen Konsum Erf\u00fcllung findet. Dabei wird eine Geschichte dar\u00fcber erz\u00e4hlt, wie die Welt ist und wie sie sein soll. Es sind die zwei Seiten derselben Onto-Medaille. Unsere Identit\u00e4t wird durch das definiert, was wir kaufen bzw. was wir kaufen sollen. Selbst Konzerne entwickeln heute Onto-Geschichten und schaffen so eine Wirklichkeit, die ihren Interessen dient. Auf Grundlage enormer Datenmengen hat Twitter ein ausgefeiltes Klassifikationssystem f\u00fcr die Nutzerinnen- und Nutzer entwickelt. In diesem System werden wir zu Menschen, \u00bbdie K\u00fcchenausstattung kaufen\u00ab, \u00bbeine Oberklasselimousine besitzen\u00ab, \u00bbTiefk\u00fchlgem\u00fcse essen\u00ab \u2013 das strukturiert den Verkauf der Datens\u00e4tze an Werbetreibende.<sup>18<\/sup> Und es schl\u00e4gt auf uns zur\u00fcck. Die Versicherungsbranche hat komplizierte Klassifikationen menschlicher Krankheiten und Verletzungen entwickelt, um festzustellen, welche Behandlungskosten erstattet werden. Viele Gerichte setzen auf Datenanalytik \u00fcber Kriminelle (Rasse, Alter, Wohngegend, Einkommen), um die Wahrscheinlichkeit zu prognostizieren, dass sie ein weiteres Verbrechen begehen werden und auf dieser Grundlage \u00bbangemessene\u00ab Gef\u00e4ngnisstrafen zu bestimmen.<sup>19<\/sup> Solche Kategorisierungen transportieren Vorstellungen von (anstrebenswerter) menschlicher Existenz, von sozialem Verhalten und kausalen Zusammenh\u00e4ngen immer mit. Sogar die nationalen Sicherheitsbeh\u00f6rden in den USA haben sich eine Onto-Geschichte ausgedacht, um ihre politischen Interessen voranzubringen. Brian Massumi beschreibt das in seinem Buch <i>Ontopower<\/i><sup>20<\/sup> so plastisch, dass es einen schaudert. Anstatt zu versuchen, Terroranschl\u00e4ge auf Grundlage bekannter, beweisbarer Fakten zu verhindern \u2013 der historische Standard f\u00fcr Milit\u00e4rinterventionen \u2013, bringt die US-Regierung eine ganz eigene Zeit-, Verlaufs- und Kausalit\u00e4tsvorstellung ins Spiel. Die M\u00f6glichkeit einer terroristischen Bedrohung wird von Sicherheitsfachleuten unilateral behauptet und dann eingesetzt, um t\u00f6dliche staatliche Aggression gegen \u00bbTerroristinnen und Terroristen\u00ab zu rechtfertigen, <i>bevor<\/i> etwas geschehen ist. Hypothetische Bedrohungen werden als Provokationen definiert. Was in der Zukunft m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, wird zum Faktum im hier und heute erkl\u00e4rt. Es ist im Kern der Versuch, den Ablauf von Zeit und die Idee von Urs\u00e4chlichkeit umzudefinieren. Indem das Milit\u00e4r ein Bedrohungen erzeugendes Narrativ spinnt, schreibt Massumi, definiert es die Wirklichkeit mit dem Ziel um, die dann folgende staatlich ausge\u00fcbte Gewalt und Massen\u00fcberwachung zu legitimieren.<\/p>\n<p>Solche Geschichten helfen uns, die Rolle zu verstehen, die Ontologien in politischen Auseinandersetzungen spielen \u2013 als im Verborgenen wirkende Kraft. Wenn wir die Vorstellung des Selbst als unteilbare, abgegrenzte Einheit autonomen Handelns akzeptieren, folgt daraus alles andere: wie wir der Welt und den Anderen begegnen; wie wir in der Welt agieren und F\u00fchrung konzeptualisieren; wie wir Institutionen und Politiken konstruieren und wo die wissenschaftliche Analyse ansetzt (\u00bbmethodologischer Individualismus\u00ab). Man k\u00f6nnte argumentieren, dass die wichtigsten politischen Auseinandersetzungen nicht in den Parlamenten oder Gerichten stattfinden, sondern auf dieser Ebene der \u00bbRealit\u00e4tsdefinition\u00ab. Welch besseren Weg, welch m\u00e4chtigeren Hebel gibt es, um die eigenen langfristigen politischen Ziele durchzusetzen, als eine eigene Version der Wirklichkeit zu erschaffen? Das dr\u00e4ngt schon im Vorfeld politischer Konflikte des Alltagsgesch\u00e4fts alternative Zukunftsvorstellungen an den Rand.<\/p>\n<p>Keine Ontologie, und sei sie noch so breit akzeptiert, wird garantiert ewig funktionieren oder respektiert werden. Es kann sein, dass eine lange Zeit g\u00fcltige Weltvorstellung nicht mehr zu \u00fcberzeugen vermag, an ihren eigenen Anspr\u00fcchen scheitert oder durch bahnbrechende neue Erkenntnisse Risse erf\u00e4hrt. Hitchcocks Theorie, dass versteinerte Fu\u00dfabdr\u00fccke Belege f\u00fcr vorzeitliche V\u00f6gel seien, wurde letztlich durch die Entdeckung von Dinosaurierfossilien und durch Darwins neue Evolutionserz\u00e4hlung ersetzt. In \u00e4hnlicher Weise erscheinen uns die ontologischen Grundlagen des Kapitalismus heute antiquierter denn je. Die Vorstellung, dass Individuen frei und souver\u00e4n geboren sind \u2013 der Eckpfeiler des liberalen Staates und der \u00bbfreien M\u00e4rkte\u00ab \u2013, war immer eine Art Fabel. Die Glaubw\u00fcrdigkeit dieser Geschichte l\u00e4sst in dem Ma\u00dfe nach, wie Menschen erkennen, dass sie in einer h\u00f6chst vernetzten Welt leben. Der allm\u00e4hliche Kollaps verschiedener \u00d6kosysteme diskreditiert ebenfalls die Vorstellung, dass wir vollkommen autonome Individuen sind und dass die Menschheit sich von der \u00bbNatur\u00ab unterscheidet.<\/p>\n<p>Zahllose, teils heftige Konfrontationen in der ganzen Welt, die vordergr\u00fcndig eine staatliche Ma\u00dfnahme oder ein bestimmtes Gesetz betreffen, sind \u2013 wie gesagt \u2013 in Wahrheit ontologische Konflikte. Konflikte zwischen indigenen V\u00f6lkern und der Staatsmacht sind vielleicht das h\u00e4ufigste Beispiel. Typischerweise betrachtet der Nationalstaat einen bestimmten Bestandteil der Natur als Marktressource, die auszubeuten ist, um Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, das Wachstum anzukurbeln und die \u00f6ffentlichen Haushalte aufzubessern. Viele indigene Gemeinschaften sehen darin eher eine grobe Missachtung ihrer Kosmo-Vision. Aber auf dieser Ebene ist moderne Politik selten ansprechbar. Beispielsweise bek\u00e4mpfen die Maori in Neuseeland die von der Regierung erteilte Genehmigung f\u00fcr \u00d6lbohrungen in ihren angestammten Fischgr\u00fcnden, was gegen den 1840 mit K\u00f6nigin Victoria geschlossenen Waitangi-Vertrag verst\u00f6\u00dft. Die vielfach ausgezeichnete Anthropologin Anne Salmond hat in ihren Studien zu diesem Konflikt bemerkt, dass Staat und Maori \u00bbgrundlegend unterschiedliche Onto-Logiken der Beziehungen von Menschen zum Meer\u00ab vertreten.<sup>21<\/sup> Der Staat betrachtet das Meer als nicht-lebendige Ressource. Eine solche kann man in abgegrenzte Einheiten aufteilen, quantifizieren und entsprechend einer abstrakten Logik vermarkten. Die \u00d6lf\u00f6rderung passt perfekt zu diesem Verst\u00e4ndnis. Das Rechtssystem ist so konstruiert, dass solche Aktivit\u00e4ten privilegiert werden. Im Gegensatz dazu sehen die Maori das Meer als Lebewesen mit intensiven, intergenerationellen Verbindungen zum Volk der Maori. Das Meer ist von <i>Mana<\/i> (der Macht der Vorfahren) durchdrungen. Es muss durch Rituale und Traditionen geehrt werden. Wenn Ihnen das <i>irrational<\/i> vorkommt, bedenken Sie Folgendes: Eine solche Weltsicht sch\u00fctzt die Meere. Die in unseren liberalen Demokratien dominierende tut es nicht. Selbstredend beschr\u00e4nken sich Onto-Konflikte zwischen Staat und Commoners nicht auf vormoderne Kulturen. Die Geographin Andrea Nightingale hat die Praxis schottischer Fischerinnen und Fischer untersucht, die die \u00bbrationalen\u00ab Fischereipolitiken der Regulierungsbeh\u00f6rden ablehnen.<sup>22<\/sup> Wenn Fischereipolitik gemacht wird, geht der Staat von der Annahme aus, dass Fischerinnen und Fischer individualistisch miteinander konkurrieren und jeweils versuchen, ihren eigenen Fang zu maximieren. Dabei wird \u00bbnicht-rationaler\u00ab Eigen-Sinn, der schottische Fischersleute als Commoners ausweist, gar nicht wahrgenommen. In Wirklichkeit n\u00e4mlich besteht ihr Leben aus den Erfahrungen, den Gefahren und der Kooperation mit anderen, die sie auf ihren kleinen Fischkuttern erleben. Es ist eng verwoben mit \u00bbder Perspektive der Gemeinschaft, [der Notwendigkeit,] Verwandtschaftsbeziehungen [mit anderen im Dorf] zu bewahren [und] mit dem Meer verbunden zu sein\u00ab, schreibt Nightingale. Wenn Fischereipolitik eine andere Lebensrealit\u00e4t voraussetzt, wird sie Konflikte erzeugen. Obwohl solche Onto-Konflikte h\u00e4ufig vorkommen, dominieren nach wie vor die zu Beginn dieses Kapitels genannten Grundannahmen \u00fcber die Welt und die Menschen. Sie bilden das Flussbett<sup>23<\/sup> des Gemeinwesens in vielen L\u00e4ndern dieser Welt. Doch die Onto-Geschichten, auf denen moderne staatliche Politik ruht, sehen zunehmend aus wie ein sch\u00e4biger, schlechtsitzender Anzug. Tats\u00e4chlich sind sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Es ist Zeit, dar\u00fcber nachzudenken: wie ein anderer Anzug aussehen und wie wir ihn schneidern k\u00f6nnten.<\/p>\n<h4>Ich-in-Bezogenheit und Ubuntu-Rationalit\u00e4t<\/h4>\n<p>Die Welt des Commoning stellt den Kapitalismus schon deshalb in seinen Grundfesten in Frage, weil sie auf einem anderen Seinsverst\u00e4ndnis basiert. Dies wird h\u00e4ufig nicht erkannt, denn viele Menschen sehen Commons durch die normative Linse der modernen westlichen Kultur. Sie haben den methodologischen Individualismus und die Sprache der Trennung verinnerlicht. Darin haben Dinge unver\u00e4nderbare Wesenseigenschaften und sind von ihrem Werden und ihrem Kontext losgel\u00f6st. Commoning aber folgt einer anderen Orientierung, weil es auf der Grundidee <i>tiefgreifender Relationalit\u00e4t<\/i> von allem basiert. Die Welt wird als Ort dichter zwischenmenschlicher Verbindungen und gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeiten wahrgenommen. Die Praxis ist nicht einfach eine Angelegenheit von Reaktion und Gegenreaktion zwischen unmittelbaren, sichtbaren Akteurinnen und Akteuren; sondern ein pulsierendes Netz aus Kultur und unz\u00e4hligen Beziehungsdynamiken, aus dem Neues hervorgeht. F\u00fcr diejenigen unter uns, die aus dem euro-amerikanischen Kulturkreis stammen, ist es nicht so einfach, die Schicht freizulegen, die den Commons zugrunde liegt. Schon unsere Sprache hat alle m\u00f6glichen Einseitigkeiten fixiert, die uns in andere Richtungen schicken. Sie l\u00e4sst uns sprachlos im Versuch zur\u00fcck, die Netze der Bezogenheit beim Namen zu nennen. Deswegen m\u00fcssen wir unpassende und \u00fcberkommene Konzepte aufgeben und neue erfinden, wenn wir Commons wirklich verstehen wollen. Es ist wichtig, \u00fcber Commoning in unseren je eigenen Sprachen zu sprechen, denn Englisch als dominante Weltsprache filtert viele Erkenntnisse heraus, die in anderen Sprachen und kulturellen Erfahrungen durchaus Ausdruck finden.<sup>24<\/sup> Auf die Sprache gehen wir im folgenden Kapitel n\u00e4her ein. An dieser Stelle m\u00f6chten wir an wichtigen Begriffen, die Ihnen in diesem Buch begegnen werden, verdeutlichen, wie folgenreich unsere grundlegenden Weltsichten sind. Als wir versuchten, die vielen Commons-Wirklichkeiten zu kommunizieren, haben wir immer wieder mit der Dualit\u00e4t der Begriffe <i>ich<\/i> und <i>wir<\/i> gerungen. Sie werden in unserer Kultur als Gegensatz behauptet. Das ist zwar Unsinn und wird auch in der Praxis \u00fcberwunden, doch eben dies lie\u00df sich mit den W\u00f6rtern <i>ich<\/i> und <i>wir<\/i> (im sch\u00e4bigen Anzug) nicht darstellen. Eines Tages tauchte im Gespr\u00e4ch eine L\u00f6sung f\u00fcr diese verzwickte Angelegenheit auf: der Begriff <i>Ich-in-Bezogenheit<\/i>.<\/p>\n<p><i><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1240\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1163\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-300x123.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-768x315.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-1612x661.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-1116x458.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-806x331.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-558x229.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_2.1_c-655x269.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/>Ich-in-Bezogenheit<\/i><\/p>\n<p>Er mag nicht perfekt sein, doch er hilft uns die Praktiken und Selbstverst\u00e4ndnisse von Commoners zu beschreiben.<i><\/i>Er \u00fcberwindet tief verwurzelte Annahmen \u00fcber individuelle Identit\u00e4t und Handlungsf\u00e4higkeit als Gegensatz zum Kollektiven. Durch den Ausdruck Ich-in-Bezogenheit verweisen wir auf subtile Beziehungen in jeweiligen Situationen und Zusammenh\u00e4ngen, aus denen \u00bbIch\u00ab und \u00bbWir\u00ab letztlich hervorgehen. Auch wenn wir mit unserer westlichen Mentalit\u00e4t diese Idee nicht ohne Weiteres verstehen, wird sie \u00fcberall gelebt. Trotz dieser L\u00fccke in unserer Sprache, best\u00e4tigt die anthropologische Forschung, dass wir Menschen \u2013 unentrinnbar \u2013 jeweils ein Ich-in-Bezogenheit sind. Der britischen Professorin Marilyn Strathern zufolge kann man sich in vielen nicht-westlichen Kulturen \u00bbdie einzelne Person als sozialen Mikrokosmos vorstellen. \u2026 Tats\u00e4chlich werden Personen h\u00e4ufig als der plurale und zusammengesetzte Ort der Beziehungen konstruiert, die sie hervorgebracht haben.\u00ab<sup>25<\/sup> Nach Strathern wird eine Person nicht selbst\u00e4ndig, indem sie ihre eigenen Interessen den gesellschaftlichen Interessen entgegenstellt, sondern indem sie \u00bbihre ihr eigene Gesellschaftlichkeit zelebriert\u00ab.<sup>26<\/sup> Unsere Identit\u00e4ten sind also \u00bbvielfach konstituiert\u00ab, durch eine \u00bbVerkettung von Beziehungen\u00ab.<sup>27<\/sup> Oder, mit den ber\u00fchmten Worten des Dichters Walt Whitman: \u00bbIch bin weitr\u00e4umig, enthalte Vielheit.\u00ab<sup>28<\/sup> Dies spiegelt sich auch in dem, was entsteht. So schreibt Johann Wolfgang von Goethe mit Blick auf sein Schaffen: \u00bbAlles, was ich gesehen, geh\u00f6rt und beobachtet, habe ich gesammelt und ausgenutzt. Meine Werke sind von unz\u00e4hligen verschiedenen Individuen gen\u00e4hrt worden, von Ignoranten und Weisen, Leuten von Geist und Dummk\u00f6pfen; die Kindheit, das reife und das Greisenalter, alle haben mir ihre Gedanken entgegengebracht, ihre \u2026 Lebensansichten; ich habe oft geerntet, was andere ges\u00e4t haben, mein Werk ist das eines Kollektivwesens, das den Namen Goethe tr\u00e4gt.\u00ab<sup>29<\/sup> Auch die Entwicklungspsychologie erkl\u00e4rt uns, dass ein Einzelner nur durch den Austausch mit anderen zu einem Selbst werden kann. \u00bbEs braucht ein Dorf, um ein Kind gro\u00dfzuziehen\u00ab, geht der alte afrikanische Spruch. Und umgekehrt gilt: Das Kollektive kann nur durch die Beitr\u00e4ge und die freiwillige Zusammenarbeit der Einzelnen entstehen. Dem Anthropologen Thomas Widlok zufolge sollten wir vielleicht davon sprechen, dass wir alle \u00bbmiteinander verschr\u00e4nkte Identit\u00e4ten\u00ab, \u00bbmiteinander verbundene Leben\u00ab und ein \u00bberweitertes Selbst\u00ab haben.<sup>30<\/sup> Mit anderen Worten, Individuen und Kollektive sind keine unvereinbaren Gegens\u00e4tze wie Wasser und \u00d6l. Sie sind vielmehr verbunden und voneinander abh\u00e4ngig. Genau genommen haben \u00bbIch\u00ab und \u00bbWir\u00ab nur in Bezug aufeinander Bedeutung. Sie sind \u2013 wie auch die Begriffe \u00bbindividuell\u00ab und \u00bbkollektiv\u00ab \u2013 <i>relational<\/i>. Sie erhalten eine Bedeutung nur <i>durch einander<\/i>. Von Ich-in-Bezogenheit zu sprechen erlaubt uns, die Vorstellung zu verabschieden, dass das isolierte Individuum eine selbstverst\u00e4ndliche Denkkategorie ist \u2013 auch wenn dies weiterhin viele Debatten der Evolutionswissenschaft, der Biologie und verschiedener Sozialwissenschaften \u2013 insbesondere der \u00d6konomie \u2013 dominiert.<sup>31<\/sup> Doch ist alles Leben immer ein Prozess, in dem sich Individualit\u00e4t aus dem Kollektiven bildet, aus den Gepflogenheiten, den Ideen, ja, den K\u00f6rpern der anderen. Bereits die Zelle, beobachtet der Philosoph und Biologe Andreas Weber, \u00bbhat ihren Stoff von der Welt nur auf Zeit geliehen und kann sich allein darum erhalten, weil sie die Bestandteile anderer Wesen zu sich selbst macht\u00ab.<sup>32<\/sup><\/p>\n<p>In <i>Lebendigkeit: eine erotische \u00d6kologie<\/i>, vollzieht Andreas Weber diese neue Sicht der Lebendigkeit als <i>Selbst-durch-Viele<\/i> nach. Dort schreibt er, beim Leben auf der Erde gehe es um \u00bb\u203areziproke Spezifikation\u2039 als ein gegenseitiges Hervorbringen. Erst in der Begegnung kommt der eigene Charakter zur Geltung. Die Welt ist nicht die Summe der Dinge, sondern die Symphonie der Beziehungen\u2026\u00ab<sup>33<\/sup> Ein weiterer Begriff, dem Sie in diesem Buch h\u00e4ufig begegnen werden, ist <i>Ubuntu-Rationalit\u00e4t<\/i>. In mehreren Bantu-Sprachen in S\u00fcdafrika wird die Beziehung zwischen \u00bbmir\u00ab und \u00bbder\/dem Anderen\u00ab mit dem Wort <i>Ubuntu<\/i> ausgedr\u00fcckt.<sup>34<\/sup> John Mbiti, ein christlicher Religionsphilosoph und Autor aus Kenia, \u00fcbersetzte das Wort Ubuntu folgenderma\u00dfen: \u00bbIch bin, weil wir sind, und weil wir sind, deshalb bin ich.\u00ab<sup>35<\/sup> Das Individuum ist Teil eines \u00bbWir\u00ab \u2013 genau genommen vieler \u00bbWirs\u00ab. Die beiden sind eng miteinander verkn\u00fcpft.Westliche Sprachen haben zwar kein Synonym f\u00fcr Ubuntu, aber auch hier gibt es Praktiken, die den Ubuntu-Geist widerspiegeln. Daher bezeichnen wir mit Ubuntu-Rationalit\u00e4t eine Handlungsweise, die versucht, individuelles und kollektives Wohlergehen in Einklang zu bringen.Gewiss, zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv gibt es Spannungen, aber durch das Eingehen von tiefen, ehrlichen Beziehungen und die Praxis eines fortdauernden Dialogs k\u00f6nnen solche Spannungen abgebaut werden. Die vermeintliche Dualit\u00e4t tritt in den Hintergrund. Und es gibt zahllose Gr\u00fcnde, warum wir das tun sollten. Wir brauchen mehr Ubuntu-Rationalit\u00e4t als Quelle von Identit\u00e4tsbildung \u2013 und als soziales Sicherungsnetz. Der Einzelne erf\u00e4hrt Sinn, Bedeutung und Identit\u00e4t im und <i>durch<\/i> den Kontext von Gemeinschaften und Gesellschaft \u2013 und diese wiederum konstituieren sich <i>durch<\/i> das Gedeihen des Einzelnen. Diese Gedanken sind von feministischen Politologinnen, von \u00d6kophilosophinnen, indigenen V\u00f6lkern, traditionellen Kulturen, Theologinnen und Theologen und anderen in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen entwickelt worden. Rabindranath Tagore, der indische Poet und Philosoph, schrieb dazu: \u00bbBeziehung ist die fundamentale Wahrheit dieser Welt der Erscheinung.\u00ab<sup>36<\/sup> Das zentrale Argument im Klassiker der existentiellen Philosophie <i>Ich und Du<\/i> des Philosophen Martin Buber ist, dass Leben in Bezogenheit stattfindet. Wir erfahren Sinn im direkten Kontakt mit anderen lebendigen Pr\u00e4senzen, ob mit anderen Menschen, der Natur oder Gott \u2013 und wir erleben Spaltung, wenn wir Andere als Objekte betrachten, ausgedr\u00fcckt in einer <i>Ich-Es-<\/i> Beziehung.<sup>37<\/sup> Die Vision\u00e4rinnen und Vision\u00e4re dieser Welt haben auf ihre je eigene Art und Weise ganz \u00e4hnliche Ideen formuliert: Martin Luther King Jr., erkannte uns \u00bbgefangen in einem unentrinnbaren Netzwerk der Gegenseitigkeit, verbunden in einem einzigen Kleid des Schicksals.\u00ab<sup>38<\/sup> Und in ihrem ersten gro\u00dfen Essay \u00bbUndersea\u00ab (1937) und sp\u00e4ter in <i>Der stumme Fr\u00fchling<\/i> beschrieb Rachel Carson das Leben als tiefgreifend verkn\u00fcpftes Netz. In Teil II dieses Buches f\u00fchren wir weitere Wendungen ein, die uns erm\u00f6glichen, Commoning genauer zu beschreiben, als das in der \u00bbSprache des Kapitalismus\u2039\u00ab m\u00f6glich ist. In der Philosophie w\u00fcrde diese Sprache als Ausdruck einer <i>relationalen Ontologie<\/i> verstanden. In diesem Seinsverst\u00e4ndnis geht es im Kern darum, dass <i>Beziehungen zwischen Einheiten<\/i> grundlegender sind als die Einheiten selbst. \u2013 Lassen Sie diese Idee auf sich wirken. Sie bedeutet, dass sich lebende Organismen <i>durch<\/i> ihre Interaktionen miteinander entwickeln. Es ist die Basis ihrer Identit\u00e4t, ihres Lebendigseins. Aber sie bedeutet auch: Wenn wir irgendetwas politisch gestalten wollen \u2013 einen Raum, eine Sache, einen Bildungsprozess \u2013, dann m\u00fcssen wir die Beziehungen gestalten, in denen es existieren kann. Dass Commons auf einer relationalen Ontologie beruhen, zeigt sich auch ganz praktisch. Das kommt in wiederkehrenden Handlungsmustern zum Ausdruck, etwa:situiertem Wissen vertrauen, gemeinstimmig entscheiden, konflikte beziehungswahrend bearbeitenund andere mehr (Kapitel 4-6).<\/p>\n<p>In der Philosophie, der Anthropologie und anderen Disziplinen wurden viele verschiedene relationale Ontologien theoretisiert und nat\u00fcrlich dar\u00fcber debattiert, was \u00bbBeziehungen\u00ab zwischen Einheiten eigentlich bedeuten. Im Allgemeinen werden sie als die Vermittlung oder den Ausdruck von <i>Wert<\/i> verstanden. So dr\u00fcckt in vielen L\u00e4ndern die Beziehung zwischen der Flagge eines Landes und den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern eine w\u00fcrdevolle Gemeinsamkeit aus. Menschen haben Beziehungen zu dem Land, das sie bewirtschaften. Aber auch zu den Algen, Pilzen, Bakterien und Strukturen, wenn sie sie t\u00e4glich durch ein Mikroskop anschauen, oder zu der Farbe, mit denen sie H\u00e4user und W\u00e4nde versch\u00f6nern. Beziehungen sind omnipr\u00e4sent. Wir haben spirituelle Beziehungen, biologische Beziehungen zu Eltern und Gro\u00dfeltern, Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu Kolleginnen und Kollegen, fl\u00fcchtige Beziehungen zu Menschen im Internet. Die Vielfalt ist unermesslich, die damit verbundenen Konzeptualisierungen sind zahlreich. Wir beschr\u00e4nken uns deshalb darauf, zwei gro\u00dfe Typen relationaler Ontologien zu unterscheiden. Das ist wichtig, weil sie uns miteinander unvereinbare Geschichten \u00fcber das Sein erz\u00e4hlen und unterschiedliche politische Auswirkungen haben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2348 size-full\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1800\" height=\"1007\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1.jpg 1800w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-300x168.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-768x430.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-1612x902.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-1116x624.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-806x451.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-558x312.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01_illustrations_mit_dtsch_text-1-655x366.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/><\/p>\n<p>Ein Typus wird <i>undifferenzierte relationale Ontologie<\/i> genannt. Hier liegt die Quelle des Seins in seiner transzendenten Kraft, die in allen Lebewesen da ist. Man kann sich das wie eine Matrjoschka vorstellen. Die gr\u00f6\u00dfte Puppe verleibt sich letztlich die kleineren ein. Deswegen gilt sie als \u00bbundifferenziert\u00ab. Niemandem kommt notwendigerweise eine ausgepr\u00e4gte individuelle Handlungsf\u00e4higkeit oder ein ganz anderer Charakter zu; alle sind und gelten als mehr oder weniger gleich.<sup>39<\/sup> Eine solche Ontologie f\u00fchrt tendenziell in einen erzwungenen Kollektivismus oder eine zentralistische Monokultur, in der alles Einzelne als undifferenzierter Teil des Ganzen gilt. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnen nur solche Seinsverst\u00e4ndnisse die Wirklichkeiten des Commoning angemessen erfassen \u2013 und Grundlage einer Commons-basierten Gesellschaft sein \u2013 die Vielfalt aufnehmen und ausdr\u00fccken. Jedes Individuum muss Raum haben, sein einzigartiges Selbst zu entfalten. Menschen werden unterschiedlich geboren, ihre Talente, Erziehung und Sehns\u00fcchte sind ganz verschieden. Das sind auch die Gegebenheiten, mit denen sie sich an unterschiedlichen Orten auseinandersetzen m\u00fcssen. Es gibt keinen Grund, diese Unterschiede einzuebnen, auf einen universellen Standard zu reduzieren und in einem gro\u00dfen Ganzen versinken zu lassen. Daher ist der Ontologietyp, der die Realit\u00e4ten von Commoning am besten beschreibt, <i>differenziert relational<\/i>.<sup>40<\/sup> Dies bedeutet: die Quelle des Seins entsteht <i>aus allen lebendigen Einheiten heraus.<\/i> Sein manifestiert sich in sehr verschiedener Art und Weise. <i>Zugleich<\/i> ist jede Einheit mit jeder anderen verbunden \u2013 und zwar, weil sie alle ein Gemeinsames teilen. So wie Blut durch alle menschlichen K\u00f6rper flie\u00dft und doch jeder Mensch einzigartig ist. Aufeinander bezogene Einzelne sind also sehr individuell <i>und<\/i> Teil eines gro\u00dfen Ganzen <i>zugleich<\/i>. Margaret Stout res\u00fcmiert: Jedes Lebewesen ist \u00bbin einem Dauerzustand des gegenseitigen Werdens\u00ab. Da sich jedes Lebewesen st\u00e4ndig weiterentwickelt und von unz\u00e4hligen Faktoren beeinflusst wird (das Individuelle ist multidimensional), kann es keine einheitliche Darstellung der Welt geben. Die Welt ist plural, nicht singul\u00e4r. Oder um es mit Arturo Escobar zu sagen: Wir leben nicht in einer \u00bbEine-Welt-Welt\u00ab, sondern im <i>Pluriversum.<\/i><\/p>\n<h4>Theorien komplexer sozialer Systeme und Commoning<\/h4>\n<p>Es ist sicher verlockend, diesen Ausflug ins Abstrakte als von geringem praktischem Wert anzusehen; aber das ist ein Irrtum. Lassen Sie uns deshalb zum Schluss dieses Kapitels darauf hinweisen, dass andere Seinsverst\u00e4ndnisse auch neue Forschungsfelder und theoretische Zug\u00e4nge er\u00f6ffnen. Zum Beispiel die Theorien komplexer Systeme, die u.a. Biologie, Chemie, Evolutionswissenschaften, Physik sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften revolutionieren. Systemtheoretische Ans\u00e4tze sind f\u00fcr Commons wichtig, denn sie beschreiben die Welt als dynamisches, sich st\u00e4ndig ver\u00e4nderndes B\u00fcndel lebendiger, integrierter Systeme.<sup>41<\/sup> Obwohl einzelne Organismen relativ viel eigene Handlungsf\u00e4higkeit haben, sind sie doch nur aus ihren zahllosen Beziehungen heraus zu verstehen; samt der Beschr\u00e4nkungen, die sich aus ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu gr\u00f6\u00dferen Strukturen ergeben. So sind die Nieren in unserem K\u00f6rper keine v\u00f6llig autonomen Einheiten. Sie sind eingebettet in komplexe physiologische Systeme, an die sie sich anpassen m\u00fcssen. Der menschliche K\u00f6rper insgesamt wiederum befindet sich \u2013 wie gesagt \u2013 in dynamischer Koexistenz mit einer noch gr\u00f6\u00dferen Umwelt. Indem wir die Welt durch das Fenster einer relationalen Ontologie betrachten, k\u00f6nnen wir alle m\u00f6glichen sozialen und \u00f6kologischen Ph\u00e4nomene besser erkennen und erkl\u00e4ren. Wir k\u00f6nnen Commons als <i>Lebensform<\/i> verstehen, anstatt als \u00bbRessource\u00ab; als organisches, integriertes System, nicht als Ansammlung von Einzelteilen (Projekten). Das Fenster, durch das wir auf die Wirklichkeit schauen, ist gr\u00f6\u00dfer und weiter offen. Es ist der Wirklichkeit angemessener als Seinsverst\u00e4ndnisse, die Beziehungsdynamiken als \u00bbexogene Variablen\u00ab in den Hintergrund dr\u00e4ngen.<sup>42<\/sup> Das Verst\u00e4ndnis komplexer sozialer Systeme erlaubt zum Beispiel koh\u00e4renter zu erkl\u00e4ren, wie und woraus funktionales Design ohne Designerin bzw. Designer entstehen kann. Etwa dadurch, dass anpassungsf\u00e4hige Handelnde miteinander interagieren. Sie organisieren sich selbst \u2013 was wir im Commons-Kontext \u00bbOrganisation durch Gleichrangige\u00ab nennen \u2013 und lassen nach und nach komplexe Organisationssysteme entstehen.<sup>43<\/sup> Hinter einem solchen Prozess stehen weder Blaupausen noch Expertenwissen, das \u00bbvon oben nach unten\u00ab weitergegeben wird. Organisationsformen entwickeln sich dadurch, dass Handelnde auf ihre eigenen lokalen, begrenzten Gegebenheiten reagieren.<sup>44<\/sup> Indem Menschen mit der Art und Weise ihres Zusammenkommens experimentieren, indem sie Regeln einf\u00fchren, anpassen und verfeinern, finden sie Probleml\u00f6sungen. Der Kern tragf\u00e4higer L\u00f6sungen kann als Muster bezeichnet werden. Auch ein Muster ist keine Blaupause; eher eine Vorlage, aus der viele \u00e4hnliche, aber nicht identische Variationen entstehen k\u00f6nnen. Jede Variante spiegelt eine bestimmte Zeit, einen Kontext, eine spezifische Gruppe von Beteiligten etc. wider. Was komplexe adaptive Systeme ausmacht, ist bei der Selbstorganisation von Mikroben zu erkennen, die sich an Wirtsorganismen anpassen oder bei Ameisen beim Nestbau, die sich irgendwie selbst koordinieren, um eine gemeinsame Ordnung zu schaffen. Der Biologe Stuart Kauffman, ein bahnbrechender Theoretiker der Komplexit\u00e4tswissenschaft, hat Schl\u00fcsselprinzipien der Autokatalyse ausfindig gemacht. Autokatalyse kann auftreten, wenn eine Form Materie mit einer anderen in Kontakt kommt.<sup>45<\/sup> Auf Grundlage von experimentell gewonnenen Erkenntnissen hat er eine Theorie der Urspr\u00fcnge der molekularen Reproduktion vorgeschlagen \u2013 eine Dynamik, die andere u.a. in biologischen Stoffwechselprozessen, chemischen Netzwerken und in der Physik best\u00e4tigt haben. Die Herausbildung \u00bbspontaner Ordnung\u00ab, wie sie auch genannt wird, geschieht durch die Interaktionen lokaler Handelnder ohne jegliche Aufsicht oder Kontrolle von au\u00dfen. Sie wird h\u00e4ufig von \u00bbpositiven R\u00fcckkopplungsschleifen\u00ab innerhalb eines Systems angetrieben, die konstruktive, ordnungsschaffende Verhaltensweisen verst\u00e4rken. Selbstordnungs- und Selbstheilungskr\u00e4fte sind Systemen und ihren Bestandteilen tief \u00bbeingewoben\u00ab. Das macht sie gegen\u00fcber St\u00f6rungen von au\u00dfen au\u00dfergew\u00f6hnlich widerstandsf\u00e4hig. Selbstorganisation<sup>46<\/sup> kann eine stabile, lebendige Ordnung in einem Meer chaotischer, ungeordneter Entropie erzeugen. Und damit sind wir beim zweiten Hauptsatz der Thermodynamik! Er postuliert, dass das Universum stets nach Unordnung strebt, also in einem Zustand zunehmender Entropie ist. J\u00fcngere wissenschaftliche Theorien vertreten dazu eine interessante These. Ihnen zufolge sind lebendige Organismen \u2013 Zellen, Pflanzen, Tiere (und Commons?) \u2013 in der Lage, entropische Energie zeitweise aufzunehmen und ihre Nutzung so zu strukturieren, dass Leben erhalten wird. Lebendigkeit und Ordnung entstehen \u00bbspontan\u00ab aus chaotischer Unordnung. Doch auch hier gibt es Muster: Ein Organismus ist darauf angewiesen von halbdurchl\u00e4ssigen Membranen umgeben zu sein, die es ihm erlauben, N\u00fctzliches aus der Umwelt aufzunehmen und Sch\u00e4dliches herauszufiltern.<sup>47<\/sup>\u00bb Identit\u00e4t und Umwelt sind also wechselseitig und mit Bezug aufeinander definiert und determiniert\u00ab, schreibt der biologische Anthropologe Terrence Deacon in <i>Incomplete Nature<\/i>.<sup>48<\/sup> Es gibt keine g\u00f6ttliche Uhrmacherin, keinen g\u00f6ttlichen Uhrmacher, keine externe Kraft, die f\u00fcr Ordnung sorgt. Stattdessen entsteht Ordnung durch die internen Systeme eines Organismus, die Energie \u00bbverstoffwechseln\u00ab und den Organismus kreativ an seine Umwelt anpassen. Es kann sehr aufschlussreich sein, \u00fcber die Parallelen zwischen diesem biologischen Prozess und Commoning genauer nachzudenken. Obgleich die hier nur grob skizzierten Ideen in der Welt der Wissenschaft (noch) einen schweren Stand genie\u00dfen, haben sich bereits zahlreiche Fachleute aus Biologie, Chemie, Evolutionswissenschaften und Physik der Erforschung komplexer adaptiver Systeme angenommen. Erstaunlich ist das nicht, denn sie erkl\u00e4rt Dinge, die die herk\u00f6mmliche Wissenschaft nicht erkl\u00e4ren kann, weil sie in einem eher mechanischen und individualistischen Bezugsrahmen operiert. Eine relationale Ontologie erm\u00f6glicht es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Welt als etwas Dynamisches und Ganzheitliches zu \u00bbsehen\u00ab und zu erkennen, dass wir selbst (auch die Forschenden selbst) <i>darinnen<\/i> sind und uns deshalb nicht v\u00f6llig neutral von au\u00dfen beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Onto-Wandel: Commons den Weg bereiten<\/h4>\n<p>Die Sicht auf das Sein, die auch wir in diesem Buch einnehmen, hat der Philosoph und Biologe Andreas Weber so zusammengefasst: \u00bbNicht einsame, autonome, souver\u00e4ne Wesenheiten bev\u00f6lkern diese Welt. Vielmehr besteht diese aus einem best\u00e4ndig oszillierenden Netz von dynamischen Interaktionen, in denen sich eins durch das andere verwandelt. Die Beziehung z\u00e4hlt, nicht die Substanz.\u00ab<sup>49<\/sup> Zumindest z\u00e4hlt etwas Substanzielles nur aus Beziehungen heraus.<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte inzwischen klar geworden sein, warum Garrett Hardin, Autor des ber\u00fchmten Essays \u00fcber die \u00bbTragik der Allmende\u00ab, Commons als lebbares Sozialsystem nicht wirklich wahrnehmen konnte. Einer der Gr\u00fcnde war, dass sein Denken auf den Vorannahmen einer individualistischen Weltsicht beruhte.<sup>50<\/sup> Wer in diesem Denkrahmen gefangen ist, kann Commoning buchst\u00e4blich nicht verstehen und sich ebensowenig grunds\u00e4tzlich andere politische Angebote vorstellen. Um also die Dynamik von Commons zu begreifen, muss man zun\u00e4chst anerkennen, dass relationale Kategorien des Denkens und Beziehungserfahrungen an erster Stelle stehen. Wir nennen das: einen Onto-Wandel vollziehen. Dabei geht es nicht nur um <i>Inter<\/i> aktionen zwischen autonomen Individuen. Es geht um <i>Intra-<\/i> Aktionen. Die Physikerin und Philosophin Karen Barad beschreibt mit diesem Begriff, wie <i>Beziehungen selbst<\/i> eine treibende Kraft f\u00fcr Ver\u00e4nderung, Transformation und Werden sind. Eine Kommentatorin Barads \u00fcbersetzt: \u00bbWenn K\u00f6rper intra-agieren, dann tun sie das in ko-konstitutiver Art und Weise. Individuen materialisieren sich <i>durch<\/i> Intra-Aktionen, und die F\u00e4higkeit zu handeln entsteht <i>aus der Beziehung heraus<\/i>.\u00ab<sup>51<\/sup> Relationale Kategorien sind also nicht einfach theoretische Container f\u00fcr Ursache-Wirkungs-Interaktionen zwischen unabh\u00e4ngigen Objekten, wie Billardkugeln, die auf einem Billardtisch hin und her kullern. Vielmehr sollten sie es auch leisten, die <i>inneren Dimensionen<\/i> lebendiger Organismen \u2013 die Innenseite alles Lebendigen \u2013 in den Blick zu nehmen, weil Ver\u00e4nderung und Wert auch <i>von innen, aus dem F\u00fchlen<\/i> entsteht. Zudem gibt es kein vereinzeltes, essentialistisches \u00bbIch\u00ab, sondern viele dynamische \u00bbIchs\u00ab, die in viele Gemeinschaften zugleich involviert und deshalb Teil \u00bbvieler Wirs\u00ab sind.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte Commons mit einigem Recht als gro\u00dfe Intra-Aktionssysteme beschreiben: als soziale Ph\u00e4nomene, die Sinnhaftes und Wertvolles erzeugen, die Wirklichkeit werden, wenn Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Probleme zu l\u00f6sen oder Neues zu kreieren und dabei Regeln verhandeln, Konflikte anpacken und eine Kultur bewusster Selbstorganisation entwickeln. Ein Commons entsteht, wenn Muster verwirklicht werden, die selbst Ausdruck des in diesem Kapitel skizzierten Seinsverst\u00e4ndnisses sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die es gewohnt sind, in Dualit\u00e4ten zu denken, ist das Umdenken herausfordernd. Es ist nicht leicht, sich der Wucht relationalen Denkens zu \u00f6ffnen, denn es erfordert einen anderen Sinn f\u00fcr die Wirklichkeit. Niemand kann einfach verk\u00fcnden, sie\/er nehme ab jetzt eine neue Perspektive ein. Das muss gelernt und einge\u00fcbt werden. Alte Denkgewohnheiten zu verabschieden erfordert Durchhalteverm\u00f6gen. Genau wie der Versuch, das Rauchen aufzugeben. Wer dauerhaft vom Glimmstengel lassen will, findet \u00fcberall hilfreiche Tipps. Wer \u00bbwie ein Commoner\u00ab denken und den Onto-Wandel vollziehen will, kann die n\u00e4chsten Kapitel lesen. Darin laden wir Sie ein, die Welt durch ein anderes Fenster zu sehen und uns andere Onto-Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2350 size-full\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1800\" height=\"957\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2.jpg 1800w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-300x160.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-768x408.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-1612x857.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-1116x593.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-806x429.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-558x297.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/02_illustrations_mit_dtsch_text-2-655x348.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/>Bisher haben wir das Fundament gegossen: ein anderes Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit. In Kapitel 3 bis 10 liefern wir das Material f\u00fcr den Bau von H\u00e4usern, Geb\u00e4uden und Nachbarschaften. Dies wiederum kann ein neues Gemeinwesen, ein neues Wirtschaftssystem und neue Institutionen denkbar machen \u2013 und vor allem kann das Bauen eine neue Kultur unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Der erste Schritt auf diesem Weg ist das Nachdenken \u00fcber die W\u00f6rter und Begriffe unserer Alltags- und Fachsprache. Sie transportieren alte Denkgewohnheiten und begrenzen die Bandbreite dessen, was wir f\u00fcr <i>m\u00f6glich<\/i> halten. Schulen wir uns also selbst darin, die Welt durch neue W\u00f6rter, Beziehungen und Praktiken auf neue Weise zu sehen und zu erfahren.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;3. Von Commons &amp; Sprache&#8220; tab_id=&#8220;kap3&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 3<br \/>\nVon Commons &amp; Sprache<\/h3>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1233\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1062\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-300x112.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-768x288.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-1612x604.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-1116x418.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-806x302.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-558x209.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.1_c-655x245.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><\/p>\n<p>Fragt man Englischsprachige, welche beiden der drei oben abgebildeten Gegenst\u00e4nde zusammengeh\u00f6ren, sagen die meisten: Bleistift und Papier. Aber Menschen, die Bora sprechen, antworten anders. Bora ist eine Sprache der nordwestlichen Region Amazoniens, die etwa 70 Begriffe f\u00fcr die Form von Gegenst\u00e4nden bereith\u00e4lt: einen \u00bbf\u00fcr lange d\u00fcnne, einen f\u00fcr runde, einen weiteren f\u00fcr flache mit einer geraden Kante und so weiter\u00ab.<sup>1<\/sup>Als der Ethnolinguist Frank Seifart einen Test mit Bora-Sprachigen durchf\u00fchrte und die Ergebnisse mit denen von Englisch- und Spanischsprachigen verglich, antworteten s\u00e4mtliche Testpersonen, \u00bbBleistift und Nagel geh\u00f6ren zusammen\u00ab. F\u00fcr Menschen die Bora sprechen, schien die Beziehung zwischen Gegenst\u00e4nden \u00e4hnlicher Form selbstverst\u00e4ndlich. Selbstverst\u00e4ndlicher als eine funktionale Beziehung.<\/p>\n<p>Dieses kleine Experiment weist darauf hin, wie tief Sprache unsere Wahrnehmung pr\u00e4gt. W\u00f6rter, Begriffe und Kategorien grenzen bestimmte Aspekte der Realit\u00e4t gegen\u00fcber anderen ab und betonen sie. Sie bestimmen, was wir an einem gegebenen Ph\u00e4nomen oder Gegenstand wahrnehmen \u2013 und dr\u00e4ngen andere Aspekte an den Rand. Begriffe und insbesondere analytische Kategorien richten unsere Aufmerksamkeit auf das, worauf es gem\u00e4\u00df einer bestimmten Kultur, Perspektive oder Theorie \u00bbwirklich ankommt\u00ab. Sie steuern auf subtile Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Wenn die W\u00f6rter einer bestimmten Sprache eher Formen als Funktionen aufgreifen, dann verwundert es nicht, dass die Sprecherinnen und Sprecher dieser Sprache Gegenst\u00e4nde eher nach ihrer Form als nach ihrer Funktion gruppieren.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]Am Anfang ist das Wort, und jedes Wort ver\u00e4ndert die Welt: W\u00f6rter, Begriffe und Kategorien<\/p>\n<p><b>Ein Wort<\/b> ist ein Symbol \u2013 meist ein Sprachlaut oder eine Zeichenkombination. Es erlaubt uns, eine bestimmte Bedeutung zu kommunizieren. Die menschliche Kommunikation ist so erstaunlich vielseitig, weil wir mit Hilfe der Grammatik, insbesondere des Satzbaus, Wort um Wort um Wort miteinander verkn\u00fcpfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Ein Begriff <\/b> ist ein Wort oder eine Wendung, das\/die eine abstraktere Vorstellung oder Konzeption auszudr\u00fccken vermag. Da Begriffe ihren Ursprung in spezifischen historischen und kulturellen Kontexten haben, enthalten sie auch Hinweise auf ideen- und kulturgeschichtliche Aspekte. So war die \u00bbpferdelose Kutsche\u00ab ein fr\u00fcher Begriff f\u00fcr das Auto und Spiegel einer vor-automobilen Kultur. Die \u00bbvier Elemente\u00ab (Luft, Wasser, Erde, Feuer) reflektieren vorwissenschaftliche Vorstellungen seit der griechischen Antike.<\/p>\n<p><b>Eine Kategorie<\/b> ist ein grundlegender analytischer Begriff, der durch eine explizite Methode erzeugt wird. Kategorien sind auf bestimmte Dimensionen eines Ph\u00e4nomens gerichtet. Dadurch bestimmen sie, was wir von einem Gegenstand zu sehen bekommen. Wir nehmen das Menschsein anders war, wenn wir den Menschen kategorial als <i>Homo oeconomicus<\/i>, als individuellen Nutzenmaximierer, fassen statt als <i>Ich-in-Bezogenheit<\/i>.<\/p>\n<p><b>Eine relationale Kategorie <\/b> beruht auf einem relationalen Seinsverst\u00e4ndnis (vgl. Kapitel 2). Markt, Gesetze oder Krankheiten und Gesetze sind keine <i>Dinge \u2013 <\/i> sie k\u00f6nnen nicht vergegenst\u00e4ndlicht werden. Es sind relationale Ph\u00e4nomene und Ereignisse. Ein Mensch <i>hat<\/i> nicht eine Sache namens Tuberkulose, sondern erlebt, was aus komplexen Prozessen entsteht, an denen Zellen, Viren und Bakterien beteiligt sind. Wir bezeichnen das Erscheinungsbild, das immer wieder anders ist, als Tuberkulose. \u00c4hnlich werden auch in der Rede von \u00bbdem Markt\u00ab oder \u00bbdem Staat\u00ab zahllose B\u00fcndel sozialer und politischer Beziehungen unsichtbar gemacht.[\/vc_column_text][vc_column_text]Also: Obzwar wir gerne glauben, dass unsere uns wohlbekannte Sprache wahrheitsgetreu ausdr\u00fcckt, was wir erleben, ist dies schlicht und einfach nicht der Fall. Es ist nicht nur so, dass wir verschiedene Welten bewohnen und diese in unterschiedlichen Idiomen beschreiben; vielmehr bewohnen und erschaffen wir unterschiedliche Welten und Weltsichten <i>durch<\/i> Sprache. Wir tun dies bewusst oder unbewusst. Es scheint nur so, als w\u00fcrden \u00bbPapier und Bleistift\u00ab automatisch \u00bbzusammengeh\u00f6ren\u00ab. Tats\u00e4chlich \u2013 das lehrt uns die Anthropologie \u2013 ist diese Ordnung, die wir \u00fcbernehmen oder f\u00fcr uns selbst konstruieren, menschengemacht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1235\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1966\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-300x208.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-768x533.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-1612x1118.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-1116x774.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-806x559.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-558x387.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_3.2_c-655x454.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><\/p>\n<p>W\u00f6rter, Begriffe und Kategorien beeinflussen stark, was wir als relevant erachten und auf welche logischen Beziehungen oder Aspekte es in einer Kultur ankommt. Fehlt eine Ausdrucksm\u00f6glichkeit f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen, signalisiert dies indirekt, was wir f\u00fcr unwichtig halten. Zudem sind die Bedeutungen dessen, was wir sagen oder zeigen, alles andere als offenkundig. Sie sind in hohem Ma\u00dfe vom Kontext abh\u00e4ngig. Schauen Sie sich an, welche unterschiedlichen Bedeutungen eine einfache Geste in verschiedenen Kulturen hat: Eine Hand zeigt mit der Handfl\u00e4che nach oben und die Fingerspitzen ber\u00fchren sich: in \u00c4gypten hei\u00dft das: \u00bbGeduld, bitte!\u00ab, in Italien: \u00bbWas meinst du genau?\u00ab und in Griechenland: \u00bbDas ist perfekt!\u00ab<sup>2<\/sup> Die \u00bbWirklichkeit\u00ab, die jede und jeder von uns bewohnt, mag sich solide und selbstverst\u00e4ndlich anf\u00fchlen, aber unsere Symbole \u2013 seien sie Gesten oder W\u00f6rter \u2013 sind einigerma\u00dfen willk\u00fcrlich und voll unerkundeter kultureller Bedeutungen.<\/p>\n<p>Das letzte Kapitel endete mit der Feststellung, dass das Verstehen von Commons voraussetzt, dass wir uns anders auf die Realit\u00e4t beziehen (m\u00fcssen). Wir pl\u00e4dierten f\u00fcr einen Onto-Wandel. In diesem Kapitel m\u00f6chten wir erkl\u00e4ren, warum dieser von einer neuen Sprache begleitet werden muss. Wie oft fehlten uns \u2013 im Wortsinne \u2013 die Worte, w\u00e4hrend wir dieses Buch schrieben! Wir sp\u00fcrten dann, wie dringend neue Begriffe gebraucht werden, die die tats\u00e4chlichen Dynamiken der Commons angemessener beschreiben. Nehmen wir den Begriff \u00bbRessource\u00ab, wie er in den Wirtschaftswissenschaften und in der Politik verwendet wird. Er unterstellt eine bestimmte Eigenheit \u2013 n\u00e4mlich, dass Beziehungen zu dem, was wir \u00bbRessource\u00ab nennen, unpers\u00f6nlich, instrumentell und marktorientiert sind. Diese Aspekte sind in einem Commons weniger wichtig. Wir stellten auch fest, dass die Dualit\u00e4t von \u00bbprivat\u00ab und \u00bb\u00f6ffentlich\u00ab problematisch ist. Sie suggeriert eine zweigeteilte Welt, die Wirtschaft einerseits und der Staat andererseits. Auch hier bleiben die Realit\u00e4ten der Commons au\u00dfen vor. Unz\u00e4hlige Male f\u00fchlten wir uns in ein sprachliches Korsett gezw\u00e4ngt. Uns fehlten W\u00f6rter, Begriffe und relationale Kategorien. Wir <i>konnten<\/i> nicht sagen, was wir sagen wollten. Es war schwierig, sich aus diesem Korsett zu befreien, um den Commons eine Stimme zu geben. Doch wir erkannten, dass wir scheitern w\u00fcrden, wenn wir unser Anliegen in der Sprache der Markt\u00f6konomie, der B\u00fcrokratie und des politischen Liberalismus formulierten. Irgendwie mussten wir der starken Anziehungskraft der Sprache des \u00bbalten Paradigmas\u00ab entkommen. Wir mussten neue W\u00f6rter erfinden, um eine andere Wirklichkeit benennen zu k\u00f6nnen! Wir mussten weithin unsichtbare Beziehungen, Seins- und Handlungsformen ausdr\u00fccklich identifizieren. Wir mussten sie aussprechen.<\/p>\n<p>Diese knappe Schilderung zur Bedeutung und Macht der Sprache soll gen\u00fcgen; denn wir wollen noch kurz in die Rollen eintauchen, die Metaphern und sogenannte \u00bbFrames\u00ab (Bezugsrahmen oder Deutungsrahmen) in der subtilen Lenkung unserer Wahrnehmungen und Handlungen spielen. Anschlie\u00dfend finden Sie eine Sammlung von <i>Formulierungen einer verklingenden \u00c4ra<\/i>, samt einer Auswahl <i>irref\u00fchrender Dichotomien<\/i>, gefolgt von einem <i>Vokabular commons-freundlicher Begriffe.<\/i> Wir haben sie zusammengestellt, um den Zusammenhang zwischen der gegenw\u00e4rtigen misslichen Lage und unserer Sprache verst\u00e4ndlich zu machen. All dies soll uns und Ihnen helfen, Commons ganzheitlicher zu denken und wahrzunehmen. Dabei kommen Sie vermutlich an einer Erkenntnis nicht vorbei: Wir brauchen neue Worte, um Commons zu erkennen, zu benennen und in die Welt zu bringen.<\/p>\n<h4>Tr\u00e4ge Meinungssysteme und harmonische T\u00e4uschungen<\/h4>\n<p>Probleme entstehen, wenn die Sprache, mit der wir die Wirklichkeit abbilden, falsche Erwartungen weckt. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Ein alter Denkrahmen scheitert dann, wenn er es nicht erlaubt, Ph\u00e4nomene angemessen zu erfassen, die Menschen erkennen m\u00fcssen, um ihre Angelegenheiten gemeinsam regeln zu k\u00f6nnen. Er beginnt auszudienen, wenn er keine Begriffe mehr bietet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Das ist nicht nur eine Frage pr\u00e4ziser Analyse und Abbildung. Mit unserer Sprache vermitteln wir auch Werte, Gef\u00fchle und Beziehungen. In Kapitel 2 haben wir festgestellt, dass Edward Hitchcock unf\u00e4hig war, \u00bbneue Fakten\u00ab zu erkennen und zu formulieren, weil er einer biblischen Weltsicht verhaftet war. Zudem verf\u00fcgte er nicht \u00fcber das Vokabular, um sich eine pr\u00e4historische Welt der Dinosaurier vor- und diese darzustellen. Andere \u2013 wie Darwin und Lyel \u2013 waren dazu in der Lage. Das kommt in der Wissenschaftsgeschichte h\u00e4ufiger vor. Es gibt immer wieder Pers\u00f6nlichkeiten, die die \u00dcbermacht althergebrachter Anschauungen und konventioneller Bezugsrahmen aufbrechen, indem sie eine Alternative anbieten, die \u2013 trotz ihrer gewagten Neuartigkeit \u2013 von gen\u00fcgend Menschen anerkannt wird.<\/p>\n<p>In seinem 1962 erschienenen Buch <i>Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen<\/i> (Deutsch: 1967) hat Thomas Kuhn bekanntlich beschrieben, <i>wie<\/i> alte Denkrahmen zerfallen. Er argumentierte, dass bahnbrechende Entdeckungen meist dann gemacht werden, wenn revolution\u00e4r Denkende einen zugrundeliegenden Bezugsrahmen von Annahmen und Regeln in Frage stellen. Sie ersetzen ein Denksystem, wie die Welt zu interpretieren sei, durch neue Annahmen, Regeln und Erkl\u00e4rungen. Das ebnet den Weg zu dem, was Kuhn einen \u00bbParadigmenwechsel\u00ab nennt. Kuhn selbst definiert diesen Begriff nicht genau, und tats\u00e4chlich gibt es mittlerweile sehr verschiedene Vorstellungen von dem, was er beinhaltet. Der Begriff <i>Paradigmenwechsel<\/i> ist ein St\u00fcck weit zu einer Phrase geworden. Was wir darunter verstehen, haben wir in Kapitel 2 als <i>Onto-Wandel<\/i> beschrieben. Ein wirklicher Wechsel des Paradigmas findet dann statt, wenn sich unsere grundlegenden Ideen \u00fcber die Wirklichkeit ver\u00e4ndern. Das ist eine Herausforderung, die politische Erneuerinnen und Erneuerer selten aufgreifen: zu lernen, sozusagen einen Schritt aus der eigenen Weltsicht heraus zu tun und sich der ungepr\u00fcften Annahmen, die in unser (politisches) Denken eingebaut sind, bewusst zu werden.<\/p>\n<p>Ludwik Fleck, ein polnischer Mikrobiologe und Wissenschaftsphilosoph, ging 1935 mit einem noch radikaleren Ansatz Kuhn voraus. Er beschrieb, dass sogenannten \u00bbDenkkollektiven\u00ab das Festhalten am Alten eigen ist. Fleck notierte: \u00bb[W]enn eine Auffassung genug stark ein Denkkollektiv durchtr\u00e4nkt, wenn sie bis ins allt\u00e4gliche Leben und bis in sprachliche Wendungen dringt, wenn sie im Sinne des Wortes zur Anschauung geworden ist, dann erscheint ein Widerspruch undenkbar, unvorstellbar.\u00ab<sup>3<\/sup> Fleck erinnerte daran: Kolumbus Idee, die Welt sei rund, war so aberwitzig, dass die Menschen sie sich nicht vorstellen konnten. Wer k\u00f6nnte glauben, dass Menschen auf der anderen Seite der Welt auf dem Kopf herumliefen, mit den Beinen in der Luft?<\/p>\n<p>Ein Denkkollektiv wirkt wie das Immunsystem eines K\u00f6rpers, das die Welt unabl\u00e4ssig nach Viren und anderen Bedrohungen durchsucht, w\u00e4hrend es gleichzeitig \u00bbfreundlichen Fremden\u00ab Zugang gew\u00e4hrt. Fleck dr\u00fcckt es so aus: \u00bbWas in das System nicht hineinpasst, bleibt ungesehen, oder, \u2026 es wird verschwiegen, auch wenn es bekannt ist, oder \u2026 es wird mittels gro\u00dfer Kraftanstrengung dem Systeme nicht widersprechend erkl\u00e4rt.\u00ab<sup>4<\/sup> Selbstverst\u00e4ndlich sind manche Denkkollektive undurchl\u00e4ssiger als andere und in Ausgestaltung und Methode hermetischer und stehen Ver\u00e4nderungen fast feindselig gegen\u00fcber. Galileo war mit einem \u00fcberm\u00e4chtigen Nichtwahrhabenwollen, mit starken religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen konfrontiert, als er die heliozentrische Sicht des Kopernikus best\u00e4tigte. Andere sind gegen\u00fcber abweichenden Meinungen sowie Weiterentwicklungen strukturell offen und ersinnen Vorgehensweisen, um verschiedene Erkenntniswege zusammenzubringen. Die Tendenz, Best\u00e4tigungsfehler zu machen (\u00bbconfirmation bias\u00ab), also Ph\u00e4nomene so auszulegen, dass die eigenen Priorit\u00e4ten best\u00e4tigt werden, das Verfolgen von Andersdenkenden, unverhohlenes Nichtwahrhabenwollen usw. geh\u00f6ren alle zur \u00bbBeharrungstendenz der Meinungssysteme und [der] Harmonie der T\u00e4uschungen\u00ab.<sup>5<\/sup><\/p>\n<p>Ein neues Paradigma k\u00fcndigt sich meist durch neue Denkkategorien, neue Begriffe und neue W\u00f6rter an. Sie beleuchten und erschlie\u00dfen vernachl\u00e4ssigte oder bisher nicht vorstellbare Aspekte der Wirklichkeit. So f\u00e4llt es uns aufgekl\u00e4rten Menschen der Moderne oft schwer, uns vorzustellen, dass sogar empirische Fakten relativ sind und Weltsichten in einem spezifischen kulturellen Rahmen widerspiegeln. Weil das aber so ist, kann eine eingehendere Betrachtung der Sprache freilegen, wie unser sprachlich vermittelter Realit\u00e4tssinn mit von uns konstruierten Bedeutungen <i>gef\u00fcllt<\/i> ist. Denken Sie an das oben diskutierte Beispiel \u00bbPapier \u2013 Bleistift \u2013 Nagel\u00ab.<\/p>\n<p>Vermutlich gibt es in jeder Gesellschaft ein bevorzugtes Fenster, durch das die Menschen die Welt betrachten. Somit gibt es auch eine vorherrschende Rahmung von Wahrnehmung und Bedeutung (\u00bbframing\u00ab). Solche Bezugsrahmen helfen Einzelnen, die sich nur winzige Wissensfragmente aneignen k\u00f6nnen, vom kollektiven Wissen einer ganzen Kultur zu profitieren. Zugleich sind sie wie ein Betriebssystem f\u00fcr K\u00f6rper und Geist. Sie zeichnen ein begrenztes Angebot erlaubter Wahrnehmung und erlaubten Denkens vor, was mitunter von m\u00e4chtigen Institutionen recht aggressiv bekr\u00e4ftigt wird. Wenn jedoch die Methodologien und \u00dcberzeugungen eines Denkkollektivs sch\u00e4dlich sind und einem die Luft abschn\u00fcren, kommen Fragen auf: Was kann den alten \u00bbDenkstil\u00ab herausfordern und ersetzen? Wie kann ein neuer eingef\u00fchrt werden? Wir meinen, dass eine \u2013 gewiss nicht die einzige \u2013 unabdingbare Strategie darin liegt, eine neue Sprache zu nutzen. Das erweitert und belebt die Angebote (\u00bbaffordances\u00ab) zum Verst\u00e4ndnis und zur Gestaltung der Welt.<\/p>\n<h4>Sprache und die Erschaffung von Welten<\/h4>\n<p>Sprache ist nicht nur unabdingbar, um sich die Welt vorzustellen und festzuhalten, was als Tatsache gilt. Sprache ist noch mehr: ein Mittel, das wir einsetzen, um die Welt mit hervorzubringen. Sprache schafft Welt. So werden erst in den letzten 200 Jahren Land und bestimmte Formen menschlicher Arbeit als \u00bbKapital\u00ab<sup>6<\/sup> betrachtet. Heute ist dieser Begriff von geradezu \u00fcberm\u00e4chtiger Bedeutung. Ein ganzes wirtschaftswissenschaftliches Vokabular hat die sozialen Beziehungen des Kapitalismus \u00bbrealer\u00ab gemacht und zur Norm erhoben. Im Zuge der Durchkapitalisierung aller Verh\u00e4ltnisse wurden neue Begriffe wie \u00bbHumankapital\u00ab und \u00bbNaturkapital\u00ab ben\u00f6tigt. Sie dr\u00fcckten Bedeutungen aus, \u00fcber die niemand zuvor nachgedacht hatte. Auch das Internet und die digitale Kultur haben ein vollkommen neues Vokabular hervorgebracht, um die neuen Online-Welten zu beschreiben \u2013 \u00bbSpam\u00ab, \u00bbPhishing,\u00ab \u00bbFlame-Wars\u00ab, Emoticons und Akronyme wie LOL. Bora-sprachige haben spezifische Begriffe f\u00fcr Formen entwickelt, um f\u00fcr sie Wichtiges zu benennen und sich einen Weg durch ihr soziales und physisches Terrain zu bahnen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Jahai in den unber\u00fchrten Regenw\u00e4ldern von Nordmalaysia. Sie verf\u00fcgen \u00fcber ein Dutzend verschiedene W\u00f6rter f\u00fcr Ger\u00fcche: eins f\u00fcr den Geruch gekochter Zwiebeln, ein anderes f\u00fcr Fleischaroma, andere f\u00fcr verbranntes Gummi und sogar \u00bbBlut, das Tiger anzieht\u00ab.<sup>7<\/sup> Wer Englisch oder Deutsch spricht, hat solche Begriffe nicht und kann deswegen die Verschiedenheit der Ger\u00fcche nur durch eine grobe \u00dcbersetzung oder eine umst\u00e4ndliche Analogie (eben \u00bbGeruch gekochter Zwiebeln\u00ab) benennen.<\/p>\n<p>In seinem Buch <i>Landmarks<\/i> hat der Naturschriftsteller Robert Macfarlane Hunderte W\u00f6rter zusammengestellt, die lokale Gemeinschaften nutzen, um markante Aspekte ihrer Heimat und ihres Lebens zu bezeichnen. So bezeichnet das Wort \u00bb\u00e8it\u00ab auf der irischen Isle of Lewis die \u00bbPraktik, Quarzsteine in B\u00e4che im Moor zu legen, damit sie im Mondlicht funkeln und so im Sp\u00e4tsommer und Herbst Lachse anlocken\u00ab.<sup>8<\/sup> Im englischen Hertfordshire, sind pr\u00e4historische Pfeilspitzen als \u00bbfairy darts\u00ab (\u00bbFeen-Darts\u00ab) bekannt.<sup>9<\/sup> Viele dieser W\u00f6rter erlauben es, \u00bbultra-feine Unterscheidungen\u00ab zu treffen, schreibt Macfarlane.<sup>10<\/sup> \u00dcber Jahrhunderte hinweg haben sie \u00bbihre Poetik ins Alltagsleben gegossen. Sie haben aus der lokalen Geschichte, aus Anekdoten und Mythen quasi eine Anthologie gemacht und so Geschichten an Orte gebunden.\u00ab Sie helfen Menschen, Eigent\u00fcmerschaft zu bezeichnen, Orientierungspunkte zu benennen und fungieren gewisserma\u00dfen als \u00bbNavigationshilfen\u00ab und \u00bbGed\u00e4chtnislandkarten\u00ab. Die Welt werde \u00bbvon W\u00f6rtern als Ged\u00e4chtnisst\u00fctzen beleuchtet\u00ab, res\u00fcmiert Alec Finlay.<sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Dem Ethnograph Keith Basso, der sich intensiv mit Landschaft und Sprache auseinandersetzt, fiel auf, dass das Apache-Volk im westlichen Arizona seinen besonderen W\u00f6rtern viel mehr Bedeutung zumisst als nur \u00bbBezeichner\u00ab von Sachverhalten zu sein. Diese W\u00f6rter bieten M\u00f6glichkeiten an, sich \u00e4sthetisch, ethisch und musikalisch auszudr\u00fccken. Sie erlauben es, Verbindungen zu ihren eigenen Geografien, Kulturen und Geschichten herzustellen. Es ist diese besondere Kraft der Worte, die heute von Marketingfachleuten genutzt wird, um Verkaufszahlen zu erh\u00f6hen.<sup>12<\/sup> Wenn Commoners die Markenkultur sowie durchkapitalisierte Worte und Wendungen (\u00bbRessource, \u00bbHumankapital\u00ab, wir \u00bbverkaufen\u00ab uns gut auf dem Arbeitsmarkt, Menschen \u2013 etwa Fu\u00dfballspieler \u2013 \u00bbhaben einen Marktwert von mehreren Millionen\u00ab, Bildung \u00bbrechnet sich nicht\u00ab) durch ein eigenes Vokabular ersetzen, k\u00f6nnen sie sich auf diese Kraft und Ausdrucksst\u00e4rke der Sprache ebenfalls beziehen und den Zauber der Commons wieder herstellen. Die Sprachkultur selbst wird zum Commons, weil die W\u00f6rter und Begriffe in den Herzen mitschwingen und nicht einfach Marketing-Totems sind, f\u00fcr die ein verm\u00f6gender Konzern bezahlt.<\/p>\n<p>Angesichts dieser enormen Bedeutung der Sprache ist das beschleunigte Aussterben von Sprachen als Begleiterscheinung der Monokultur des globalen Kapitalismus besorgniserregend. Es l\u00f6scht eine sprachliche Vielfalt aus, die Menschen in die Lage versetzt, die nicht-menschliche Welt scharfsichtig und erkenntnisreich zu benennen. So sind die meisten der 250 Aborigine-Sprachen Australiens mittlerweile verschwunden. Damit haben auch wir, die Menschheit, einen Teil unserer F\u00e4higkeit verloren, andere m\u00f6gliche Beziehungen zwischen Mensch und Natur in den Blick zu bekommen und zu bezeichnen.<sup>13<\/sup> Aber: \u00bbOhne eine Bezeichnung aus unserem Mund hat ein Tier oder ein Ort M\u00fche, in unserem Geist und Herzen Halt zu finden.\u00ab<sup>14<\/sup><\/p>\n<h4>Frames, Metaphern und Vokabularien<\/h4>\n<p>Wir erschaffen also die Welt \u2013 viele Welten \u2013 durch und mittels Sprache. Sie ist nicht nur ein m\u00e4chtiges Werkzeug, mit dem wir uns unterhalten, absprechen und organisieren. Sie strukturiert auch unser Denken und das Bewusstsein unserer Selbst, wenn wir miteinander reden, uns als <i>Communities<\/i> verfassen oder \u00fcber die Gesellschaft sprechen.<sup>15<\/sup> Die Sprache ist unser wichtigstes Werkzeug, um gemeinsame Konzepte auszudr\u00fccken. Sie erlaubt uns zu benennen, was wir f\u00fcr relevant halten, und ist daher unabdingbar f\u00fcr die Erschaffung von Kultur. Die wichtigen Fragen lauten daher f\u00fcr uns: Welche Begriffe, Fakten und Aspekte sollen wir f\u00fcr relevant erkl\u00e4ren? Welches gemeinsame Wissen und welche Kultur wollen wir verbreiten? Diese Fragen f\u00fchren uns zun\u00e4chst zur Wichtigkeit von sogenannten <i>Frames<\/i> (Rahmen) und <i>Metaphern.<\/i> Der Soziolinguist George Lakoff hat in vielen B\u00fcchern belegt, dass die in unserer Sprache eingebetteten Frames buchst\u00e4blich unser Denken zum Leben erwecken.<sup>16<\/sup> Die Konzernwelt klopft sich auf die Schulter, wenn sie sich als \u00bbArbeitgeber\u00ab bezeichnet, genie\u00dft ihre Macht und macht unsichtbar, wer tats\u00e4chlich die Arbeit leistet (seine Arbeitskraft \u00bbgibt\u00ab): die arbeitenden Menschen. Der Einzelhandel verwendet gern ein Frame f\u00fcr den Akt des Geldausgebens als \u00bbGeld sparen\u00ab, weil man vorgeblich weniger als den genannten Preis bezahlt. Der Zweck solcher Frames (oft ausgedr\u00fcckt in Metaphern) ist, unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken vorzuprogrammieren und subtil emotionale Bedeutungen und Werte hineinzutragen. Ein <i>Framing<\/i> gibt vor, welche Antworten auf die meisten Fragen m\u00f6glich sind, weil es Annahmen dar\u00fcber enth\u00e4lt, was wichtig ist und welche Fragen man \u00fcberhaupt stellen darf. Frames transportieren in machtvoller Weise die Weltsichten, auf denen sie beruhen, und wir k\u00f6nnen im Sprechen kaum wahrnehmen, wie dies geschieht. Ein Framing schleicht \u00bbauf leisen Sohlen ins Gehirn\u00ab, so der Titel eines kleinen Bandes \u00fcber die heimliche Macht der politischen Sprache von George Lakoff und Elisabeth Wehling. Selbst wer die vorherrschenden Bedingungen ablehnt (\u00bbKapitalismus ist Mist\u00ab), l\u00e4sst sie durch semantische Strukturen, Worte, Begriffe und Wendungen doch unbewusst lebendig werden. So gestalten Frames Politik. Tats\u00e4chlich <i>sind<\/i> sie Politik.<\/p>\n<p>Framing funktioniert weitgehend durch Metaphern. Auch sie aktivieren unsere Neuronen, bis wir am Ende die in Frames gefassten Ideen als \u00bbnormal\u00ab verinnerlicht haben. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob wir uns als \u00bbehrfurchtsvolle G\u00e4ste der Natur\u00ab (wie in der taoistischen Tradition) wahrnehmen und beschreiben oder als \u00bbBezwingerinnen und Bezwinger der Natur\u00ab (wie in der modernen westlichen Tradition).<sup>17<\/sup> Besonders wirkm\u00e4chtig sind Metaphern, die sozusagen moralisch aufrechnen. Sie sind an moralische Wertungen wie <i>gut<\/i> und <i>b\u00f6se<\/i> gebunden, die unseren Geist ganz unmittelbar in eine bestimmte Richtung lenken.<sup>18<\/sup> Beispielsweise wird das vorherrschende Verst\u00e4ndnis von <i>Innovation<\/i> mit der Vorstellung von <i>neu<\/i> verbunden, mit progressiv und gut. Alle wollen \u00bbinnovativ\u00ab sein. Wer m\u00f6chte schon mit etwas in Zusammenhang gebracht werden, das als altbacken und unkreativ gilt? Wenn wir derartige Urteile unreflektiert in unsere Weltsicht integrieren, engt das unseren Sinn f\u00fcr das ein, was wir f\u00fcr m\u00f6glich halten. Kein Wunder, dass wir \u00fcberzeugt sind, das zur Beschreibung von Commons und Commoning neue Deutungsrahmen gebraucht werden. Was es nicht gibt, m\u00fcssen wir eben erfinden.<\/p>\n<p>Paradigmen, die sich in Grundannahmen \u00fcber die Welt ausdr\u00fccken, in Frames und Metaphern sowie Kategorien und Begriffen, die diese Paradigmen transportieren, lassen sich zusammengenommen als \u00bbDenkstil\u00ab bezeichnen, um noch einmal mit Ludwik Fleck zu sprechen. Ein Denkstil ist ein Standardansatz der Weltwahrnehmung und erzeugt \u00bb<i>eine Bereitschaft f\u00fcr stilgem\u00e4\u00dfes, d.h. gerichtetes und begrenztes Empfinden<\/i>. Bis in der Frage die Antwort gr\u00f6\u00dftenteils vorgebildet ist und man sich nur f\u00fcr ein Ja oder Nein oder f\u00fcr ein zahlenm\u00e4\u00dfiges Feststellen entscheiden mu\u00df. Bis Methoden und Apparate den gr\u00f6\u00dften Teil des Denkens f\u00fcr uns von selbst ausf\u00fchren\u00ab<sup>19<\/sup> (Hervorhebung im Original). Erkenntnisse, Ideen werden nur anerkannt, wenn sie zu akzeptierten Diskursen geh\u00f6ren und sich in den Grenzen dessen bewegen, was das Denkkollektiv als wahr erachtet. Um diese Grenzen nicht zu \u00fcberschreiten, werden in vielen Analysen und Forschungsarbeiten, die g\u00e4ngigen Pr\u00e4missen \u2013 gern schematisch \u2013 zugrunde gelegt. Ideen, die dem herrschenden Diskurs zuwiderlaufen (etwa Commons und Commoning), ergeben in diesem Kontext keinen Sinn. Sie erhalten keine Aufmerksamkeit, werden vermieden oder abgelehnt. Ihre Bef\u00fcrworterinnen und Bef\u00fcrworter werden ignoriert und mitunter auch verfolgt.<\/p>\n<p>Es gibt also viel zu tun, um Rahmensetzungen zu \u00fcberwinden, die das Denken beengen. Und es gibt noch mehr zu tun, um Rahmensetzungen zu entwickeln, die das Denken ausweiten. Was immer dies genau bedeutet: die \u00dcberwindung \u00fcberkommener Deutungsrahmen ist eine Bedingung daf\u00fcr, dass auch andere Strategien erfolgreich sein k\u00f6nnen. Werden die beherrschenden Deutungen und Metaphern des politischen Diskurses (rechts wie links) auseinandergenommen, dann legt das ihre implizite Logik frei; es offenbart die in sie eingeschriebenen Werte und ihre emotionale Bindungskraft. Die gesamte Kette \u2013 Seinsverst\u00e4ndnis, Bezugsrahmen, Begriffe \u2013 geh\u00f6rt auf den Pr\u00fcfstand. Und sie geh\u00f6rt ersetzt. Das geht nur langfristig und nicht auf einen Schlag, doch wenn wir dieselben Konzepte, Kategorien, Frames und Metaphern wie zuvor verwenden, beleben wir immer wieder die \u00bbalte Weltsicht\u00ab. Etwa die Art, wie wir \u00fcber \u00bbArbeit\u00ab sprechen. Der Begriff assoziiert etwas, was man an einem (bezahlten) \u00bbArbeitsplatz\u00ab tut. Hier verf\u00e4ngt sich eine ganze Weltsicht im Schlepptau: dass Menschen mittels kommodifizierter Arbeit \u00bbGeld verdienen\u00ab m\u00fcssen, um in der Welt etwas zu werden und zu \u00fcberleben. Sie m\u00fcssen Karriere machen und \u00bbsich entwickeln\u00ab.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns daher \u2013 knapp zusammengefasst \u2013 nicht nur st\u00e4rker der Konzepte und Begriffe bewusst werden, die die bestehende Denkordnung immer wieder neu zementieren, sondern wir m\u00fcssen uns auch selbst ein neues, befreiendes Vokabular beibringen. Wir sollten eine Sprache erlernen, die uns hilft, in Beziehungen zu denken und den Onto-Wandel zu vollziehen. Wir sollten diese neue onto-politische Perspektive auf die Wirklichkeit auch sprachlich kultivieren und die Welt, die wir f\u00fcr m\u00f6glich und w\u00fcnschenswert halten, entsprechend beschreiben. Um damit zu beginnen, stellen wir Ihnen zwei Glossare vor: Die <i>Schl\u00fcsselw\u00f6rter einer verklingenden \u00c4ra<\/i> sollen helfen, aus irref\u00fchrenden Frames auszusteigen und \u00fcberkommene Begriffe aufzugeben. Unser <i>Vokabular commons-freundlicher W\u00f6rter<\/i> hilft Ihnen dabei, das zu tun. Vielleicht m\u00f6chten Sie beide an dieser Stelle nur \u00fcberfliegen und sp\u00e4ter darauf zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<h4>Schl\u00fcsselw\u00f6rter einer verklingenden \u00c4ra<\/h4>\n<p>Diese Liste stellt Begriffe vor, die in die falsche Richtung weisen. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit in Wahrnehmungs- und Denkweisen, die im alten Paradigma verhaftet sind und blockieren zugleich konstruktivere Formen des Denkens und der Kommunikation. Auch wenn uns viele dieser Begriffe vollkommen gel\u00e4ufig sind, rufen sie immer wieder Wirklichkeiten wach, die im Grunde bereits vergehen. Einige der folgenden Eintr\u00e4ge sind auf bestem Wege, zu kulturellen Zombies zu werden: zu Symbolen einer Sozialordnung, die in Aufl\u00f6sung begriffen ist. Deshalb nennen wir sie \u00bbSchl\u00fcsselw\u00f6rter einer verklingenden \u00c4ra\u00ab. Sie spielten einst eine wichtige Rolle, tun dies immer noch und werden doch fade werden, weil sie das Erleben vieler Menschen nicht erfassen. John Patrick Leary, ein Kulturhistoriker des Kapitalismus und seiner Sprache, erkl\u00e4rt, dass solche Schl\u00fcsselw\u00f6rter viel \u00fcber die Logik, die Werte und die Einstellungen einer Gesellschaft preisgeben. Mit Bezug auf Raymond Williams 1976 publizierten Klassiker zu Schl\u00fcsselw\u00f6rtern<sup>20<\/sup> stellt Leary fest, dass die W\u00f6rter, die heute unsere Aufmerksamkeit beherrschen, \u00bbsich auf eine Affinit\u00e4t f\u00fcr Hierarchie und das Preisen der Tugenden des Wettbewerbs, \u203ades Marktes\u2039, und der virtuellen Technologien unserer Zeit beziehen\u00ab.<sup>21<\/sup> Genau das haben wir beim Verfassen dieses Buches erlebt. Wir wollten die vielf\u00e4ltige Welt der Commons und des Commoning schildern und fanden oft nur W\u00f6rter, die tief in eine andere, marktfokussierte Kultur eingebettet sind. So konnte unser Vorhaben nicht gelingen! Wir sp\u00fcrten sehr oft, dass es unm\u00f6glich war, mit solchen W\u00f6rtern und Begriffen unsere Ideen auszudr\u00fccken. Zu viele davon sind irref\u00fchrend, auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Sie erscheinen ja so, als w\u00fcrden sie solide, vertrauensw\u00fcrdige Ideen vermitteln, dabei werden sie nicht selten durch den Gebrauch entleert. Sie werden zu Worth\u00fclsen. Nehmen wir <i>Nachhaltigkeit<\/i>. Heute werden mit diesem Begriff Gesch\u00e4ftsmodelle beschrieben. Eine Gesch\u00e4ftsidee oder ein Projekt ist dann \u00bbnachhaltig\u00ab, wenn genug Geld reinkommt. Urspr\u00fcnglich bezog sich der Begriff auf die achtsame Verwendung gemeinsam genutzten Naturverm\u00f6gens, um dessen F\u00e4higkeit zur Regeneration sicherzustellen. &lt;<\/p>\n<p>Wie ein Begriff verwendet wird, macht deutlich, was man glaubt und wie man sich vorstellt, wie die Welt funktioniert. Wenn etwa von <i>Humankapital<\/i> gesprochen wird, billigt diese Redeweise eine Welt, in der es die prim\u00e4re Rolle von Menschen ist, <i>Ressource<\/i> f\u00fcr den Arbeitsmarkt zu sein. Die Rede vom <i>Wirtschaftswachstum<\/i> l\u00e4dt Zuh\u00f6rende ein, an die Geschichte zu glauben, dass Wachstum \u00bballen gleicherma\u00dfen n\u00fctzt\u00ab, auch wenn wir Anderes erleben.<\/p>\n<p>Die folgende Liste enth\u00e4lt einige Schl\u00fcsselw\u00f6rter einer verklingenden \u00c4ra, die wir ausmachen konnten.<\/p>\n<p><b>Anreize<\/b> beschreiben, dass wir etwas nutzen \u2013 meist Geld \u2013, um Menschen zu motivieren oder ihr Tun in eine gew\u00fcnschte Richtung zu lenken. Im Rahmen von Belohnungssystemen sollen Anreize meist zu h\u00e4rterer Arbeit anspornen. (Kein Wunder, dass der Begriff 1943 im Kontext der US-Kriegs\u00f6konomie popularisiert wurde.) Sicher haben sie auch eine sinnvolle Funktion. Doch Studien zeigen, dass Geld und andere externe Anreize h\u00e4ufig intrinsische Motivationen verdr\u00e4ngen, etwas zu schaffen und beizutragen. Wenn Geld ins Spiel kommt, signalisiert das zun\u00e4chst, dass unpers\u00f6nliche soziale Funktionsprotokolle die Norm sind. Schon das kann Menschen daran hindern, ohne Zwang Beitr\u00e4ge zu leisten.\u00bbGeld ist au\u00dferordentlich ungeeignet, mit (F\u00fcr-)Sorge auf Bed\u00fcrfnisse einzugehen\u00ab, schreibt Miki Kashtan.<sup>22<\/sup><\/p>\n<p><b>Entwicklung<\/b> ist eine polit-\u00f6konomische Idee, nach der Gesellschaften unaufhaltsam fortschreiten und besser werden m\u00fcssen. Der Fokus liegt meist darauf, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsf\u00fcrsorge und allgemeinen Wohlstand zu verbessern. Der deutsche Soziologe und Umweltwissenschaftler Wolfgang Sachs bezeichnet \u00bbEntwicklung\u00ab als Denkweise, durch die alle L\u00e4nder auf ein und denselben Kurs gesetzt werden: \u00bbDiejenigen, die vorneweg laufen, weisen den Weg; sie sind an der Spitze der sozialen Evolution und weisen auf ein gemeinsames Ziel hin, auch f\u00fcr L\u00e4nder, die in der Vergangenheit stark unterschiedliche Entwicklungsverl\u00e4ufe hatten. Viele verschiedene Geschichten verschmelzen zu einer \u203aleitenden Geschichte\u2039, viele verschiedene Zeitskalen verschmelzen zu einer leitenden Zeitskala. Die imaginierte Zeit ist linear und erlaubt ausschlie\u00dflich Vor- oder R\u00fcckw\u00e4rtsentwicklungen.\u00ab<sup>23<\/sup> Die Idee der Entwicklung als einheitliche Vision wird von den USA und europ\u00e4ischen Nationen benutzt, um \u00bbnicht-entwickelte\u00ab L\u00e4nder dazu zu bringen, den globalen Handel, Ressourcenextraktivismus und Konsumismus mit offenen Armen zu begr\u00fc\u00dfen. Die sch\u00e4dlichen Nebeneffekte dieser \u00bbEntwicklung\u00ab sind Umweltzerst\u00f6rung, Ungleichheit, politische Repression, kulturelle Enteignung.<\/p>\n<p><b>F\u00fchrung<\/b> impliziert eine (oft einzige) F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit \u2013 k\u00fchn, mutig, erkenntnisreich \u2013, die \u00bbGef\u00fchrte\u00ab mobilisieren kann, um gemeinsame Ziele zu erreichen, die andernfalls nicht erreicht w\u00fcrden. Zweifellos k\u00f6nnen manche Personen inspirierend und katalytisch wirken. Wenn man jedoch \u00bbF\u00fchrung\u00ab so versteht, wie sie in den meisten Organisationen umgesetzt wird, dann wird mit der Nennung des Begriffs in unserem Denken eine hierarchische Struktur \u00bbeingeschaltet\u00ab und validiert. Dann wird F\u00fchrung mit Macht \u00fcber Prozesse und Menschen assoziiert. Sie verschleiert das Potenzial von Commoning, etwas zu ver\u00e4ndern und unser Leben zu organisieren \u2013 oder, mit den Worten von Miki Kashtan, \u00bbzu f\u00fchren, ohne Macht zu haben\u00ab.<sup>24<\/sup> Katalytische Ver\u00e4nderungen und komplexe Koordinationsprozesse k\u00f6nnen auch durch verteilte Macht und gemeinsamer Ausrichtung erreicht werden. Zu nennen sind hier das Soziokratie-Modell, insbesondere Soziokratie f\u00fcr Alle (SoFa)<sup>25<\/sup>, der Holokratie-Ansatz,<sup>26<\/sup> die Theory U.<sup>27<\/sup> und Praktiken der Peer Governance, das hei\u00dft, der bewussten Selbstorganisation durch Gleichrangige.<\/p>\n<p><b>Governance<\/b> bezieht sich auf politisches und administratives Handeln, um menschliches Verhalten im Wortsinne zu \u00bbsteuern\u00ab. Wie auch das englische \u00bbgovernment\u00ab (Regierung) stammt es letztlich vom griechischen \u00bbkubernaein\u00ab [<span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\">\u03ba\u03c5\u03b2\u03b5\u03c1\u03bd\u03ac\u03c9<\/span>], dem Wort f\u00fcr \u00bbsteuern\u00ab. Die Frage ist: Wer steuert wen und mit welchen Mitteln? Das Begriffsverst\u00e4ndnis, so wie es seit den fr\u00fchen 1990er Jahren in den Wirtschafts- und Politikwissenschaften neu gepr\u00e4gt wurde, beinhaltet oft die Idee einer m\u00e4chtigen Gruppe oder eines institutionellen Apparates, die \u00fcber anderen stehen und den Kurs entscheiden. Nach dieser weitverbreiteten Nutzung des Begriffs sind also Regierende und Regierte voneinander getrennt. Die Idee der gemeinsamen Koordinierung durch \u00bbpeers\u00ab (Gleichrangige) ist nicht mitbenannt. Unsere vorl\u00e4ufige \u2013 schwer \u00fcbersetzbare \u2013 Alternative zu diesem Begriff lautet:Peer Governance.<\/p>\n<p><b>(Hoch-)Skalieren<\/b> \u00bbWie k\u00f6nnen wir diese Idee [hoch]skalieren?\u00ab So wird h\u00e4ufig gefragt, wenn es darum geht, etwas \u00bbbedeutend\u00ab oder \u00bbfolgenreich\u00ab zu machen. Der Begriff enth\u00e4lt die Idee der Vertikalit\u00e4t: von unten nach oben bzw. von oben nach unten. Er l\u00e4dt ein zu glauben, dass zentralisierte Hierarchien n\u00f6tig w\u00e4ren, um einer Idee oder Praxis zum Durchbruch zu verhelfen. Wie wir in der Einleitung zu Teil III dieses Buches zeigen, k\u00f6nnen lokale Projekte durch freiwillige Beteiligung, Organisation durch Gleichrangige etwa durch nachahmen &amp; F\u00f6derationen bildenexpandieren, ohne dass es zentralisierter Kontrollsysteme bedarf. Hilfreich ist daf\u00fcr eine erm\u00f6glichende Infrastruktur. Was oft vergessen wird: wenn \u00bbhochskaliert\u00ab wird, kommt es unweigerlich zu neuen Komplikationen und zus\u00e4tzlichen Fixkosten, w\u00e4hrend die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr elegante L\u00f6sungen, lokale Flexibilit\u00e4t und das Vertrauen auf das Urteilsverm\u00f6gen der Menschen schwinden.<sup>28<\/sup> An einem gewissen Punkt ben\u00f6tigen gro\u00dfma\u00dfst\u00e4bliche Systeme zunehmende Energieversorgung und Auslastung, um sie \u00fcberhaupt am Laufen zu halten. David Fleming spricht hier von \u00bbbedauerlichen Notwendigkeiten.\u00ab Sie ziehen Ressourcen ab, die ohne das Hochskalieren gar nicht notwendig gewesen w\u00e4ren und die auch reale Bed\u00fcrfnisse h\u00e4tten befriedigen k\u00f6nnen. Ein gro\u00dfer Ma\u00dfstab entzieht Menschen grunds\u00e4tzlich Verf\u00fcgungsmacht. \u00bbEr ist wie eine Welle: man kann sie reiten, aber nicht steuern\u00ab, merkt Fleming an.<sup>29<\/sup> Uns ist daher die Weisheit des Designers Thomas Lomm\u00e9e sympathisch: \u00bbDas n\u00e4chste gro\u00dfe Ding wird lauter kleine Dinge sein.\u00ab<\/p>\n<p><b>Innovation<\/b> bezieht sich auf die Sch\u00f6pfung von Ideen, Werkzeugen oder Ger\u00e4te, die \u00bbneu\u00ab sind und folglich origineller, vorteilhafter, progressiver und effektiver als das, was bereits existiert. Die sogenannte sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung durch Innovation wird in Wirtschaft und Politik gefeiert, selbst wenn die Ver\u00e4nderungen h\u00e4ufig von vernachl\u00e4ssigbarem Wert, dem sozialen Zusammenhalt abtr\u00e4glich oder \u00f6kologisch sch\u00e4dlich sind. Schlie\u00dflich gilt \u00bbInnovation\u00ab als Motor f\u00fcr Wettbewerbsvorteile und Rendite. Daher die positive Aura des Begriffs, besonders im Vergleich mit seinem Gegenteil \u2013 dem \u00bbStillstand\u00ab, was auf einen Mangel an Fantasie anspielt. Die Alternative zu \u00bbInnovation\u00ab ist jedoch kein bin\u00e4rer Gegenpol, sondern ko-kreative Anpassung an sich stets ver\u00e4ndernde Bed\u00fcrfnisse und Problemlagen in konvivialer Art und Weise.<\/p>\n<p><b>Knappheit<\/b> weist auf einen Mangel hin. In der Markt\u00f6konomie soll dem durch Innovation und Wirtschaftswachstum begegnet werden. Die \u00bbKnappheit\u00ab von \u00d6l, Land und Wasser mag auch Ihnen offensichtlich erscheinen. Aber <i>sind<\/i> diese Dinge wirklich knapp? Oder sind sie knapp gemacht? Tats\u00e4chlich spiegelt der Begriff keine Eigenschaft wieder, die \u00d6l, Land und Wasser wirklich <i>haben<\/i>. Sie sind lediglich endlich. Knappheit spiegelt das Weltbild des dominierenden Wirtschaftsmodells: Etwas gilt als \u00bbknapp\u00ab, wenn das Angebot nicht ausreicht, um die tats\u00e4chliche oder potenzielle Nachfrage zu befriedigen. Im Kapitalismus wird Knappheit sogar <i>geschaffen<\/i>, wenn etwas reichlich vorhanden ist, etwa Wissen, Softwarecode und Information. Genau daf\u00fcr dienen auch Urheber- und Patentrecht. Sie erschweren, dass Wissen und kreative Werke weitergegeben und gemeinsam genutzt werden. \u00bbWenn wir Knappheit erleben\u00ab, schreibt Alain Rosenblith, \u00bbliegt das Problem in unseren Systemen, nicht im Universum.\u00ab<sup>30<\/sup> Ein Buch \u00fcber die Buschmenschen des s\u00fcdlichen Afrikas (u.a. in der Kalahari) dokumentiert ihren \u00bbWohlstand ohne \u00dcberfluss\u00ab.<sup>31<\/sup> Der Umgang mit endlichen Naturreicht\u00fcmern geh\u00f6rt zu den zentralen Herausforderungen, mit denen auch Commonskonfrontiert sind. F\u00fcr die Nutzung von Land oder Fischvorkommen werden daher meist Obergrenzen mit anderen Nutzungsregeln kombiniert. K\u00fcnstlich erzeugte Knappheit von Wissen und Softwarecode wird abgelehnt. Gemeinschaften und Netzwerke \u2013 etwa f\u00fcr freie und quelloffene Software (free and open software, FOSS)\u2013 sorgen hier f\u00fcr eine \u00d6konomie der F\u00fclle.<\/p>\n<p><b>Konzerne<\/b> sind Organisationen, die nach der ber\u00fchmten Argumentation des Wirtschaftswissenschaftlers Ronald Coase effizient hohe Transaktionskosten minimieren. Diese Analyse wird heute durch die gemeinsame Nutzung offener Plattformen und in Commonsunterlaufen. Sie erm\u00f6glichen es, in Gemeinschaften und Netzwerken des Vertrauens Transaktionskosten durch Zusammenarbeit und freies Wissen zu minimieren. Flexible Improvisation durch Commoningschickt sich an, mit Konzernstrukturen zu konkurrieren, obwohl sie meist unter einem geringeren Infrastruktur- und Finanzierungsniveau leidet.<\/p>\n<p><b>Nicht gewinnorientiert (\u00bbNonprofit\u00ab)<\/b>\u2013 auch: \u00bbohne Gewinnerzielungsabsicht\u00ab \u2013 vermittelt den Gedanken, dass eine Organisation tugendhaft und sozial ist. Die Wendung deutet auf das Gegenteil eines eigenn\u00fctzigen, gewinn- beziehungsweise profitorientierten Konzerns hin. Es handelt sich dabei aber prim\u00e4r um einen Rechtsstatus f\u00fcr Organisationen \u2013 \u00e4hnlich der Gemeinn\u00fctzigkeit \u2013, der gewisse Steuerbefreiungen mit sich bringt. Der Begriff ist zudem irref\u00fchrend, weil er nahelegt, dass es m\u00f6glich ist, sich ohne Gewinnerzielung am kapitalistischen Wirtschaftssystem zu beteiligen. Aber auch sozial-\u00f6kologische und solidarische Unternehmen <i>m\u00fcssen<\/i> Gewinne machen. Sie sind letztlich \u2013 direkt oder indirekt \u2013 davon abh\u00e4ngig und bieten daher keine wirkliche Emanzipation von den Zw\u00e4ngen des Kapitalismus. Folgende Aussage w\u00e4re genauer: Nicht gewinnorientierte Organisationen reinvestieren Gewinne in soziale (oder andere) Zwecke.<\/p>\n<p><b>Organisation<\/b> bezieht sich meist auf eine Institution oder Vereinigung, deren Mitglieder in koordinierter Weise gemeinsame Ziele verfolgen und bem\u00fcht sind, mit einer Stimme zu sprechen. Dies wird heute durch die Macht offener Netzwerke unterlaufen. Die Idee einer stabilen Organisation mit identifizierbaren Teilnehmenden und Grenzen verblasst. Die Zusammenarbeit mit \u00bbAu\u00dfenstehenden\u00ab wird \u00fcblicher, die Interaktionen werden flie\u00dfender und dynamischer, und die Au\u00dfengrenzen werden flexibler und durchl\u00e4ssiger. Interessanterweise stammt der Begriff vom griechischen \u00bb\u00f3rganon\u00ab [<span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\">\u1f44\u03c1\u03b3\u03b1\u03bd\u03bf\u03bd<\/span>], was ein Werkzeug zur \u00bbZusammenstellung eines lebensf\u00e4higen, vitalen Ganzen\u00ab bezeichnete. Man denke an die <i>Organe<\/i> unseres K\u00f6rpers. Anstatt uns auf Organisationen als Form zu konzentrieren, finden wir es hilfreicher, auf die <i>Qualit\u00e4t<\/i> des Organisierens zu achten: Netzwerken, bewusste Selbstorganisation \u2013 siehe dazu insbesondere Kapitel 5.<\/p>\n<p><b>Partizipation<\/b> wird h\u00e4ufig verwendet, um die Beteiligung von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern an Verwaltungsentscheidungen, in der Erarbeitung von Gesetzen, am gesellschaftlichen Leben oder an Organisationen zu beschreiben. Heute wird er meist positiv benutzt. Die mit dem Begriff transportierte Idee ist, dass die Beteiligung an Anh\u00f6rungen, Entscheidungsprozessen oder sogenannten \u00bbpartizipativen Haushalten\u00ab<sup>32<\/sup> demokratische Ideale erf\u00fcllt. Auch den Ergebnissen (z.B. Gesetzen) verleiht sie Legitimit\u00e4t. Partizipation ist jedoch oft nach vorher festgelegten Regeln von oben organisiert. Die Verfahren enthalten nur einen Ausschnitt von politischen Optionen und m\u00f6glichen Umsetzungsstrategien. Die \u00d6ffentlichkeit \u00bbbeteiligt sich\u00ab lediglich an \u00f6ffentlichen Debatten und Prozessen \u2013 sie initiiert sie nicht. Und sie tut dies unter Bedingungen, die Politikerinnen und Politiker, Regulierungsbeh\u00f6rden und andere staatliche Stellen bereits f\u00fcr akzeptabel befunden haben. Partizipation erweitert unsere politische Handlungsf\u00e4higkeit nicht in einem umfassenderen Sinne. Im Gegensatz zu Commoning.<\/p>\n<p><b>Pluralismus<\/b> wird gemeinhin als soziale Tugend begriffen, weil behauptet wird, man w\u00fcrde verschiedene Ansichten zu Rasse, Ethnizit\u00e4t, Gender, Religion etc. tolerieren und akzeptieren. Pluralismus innerhalb eines liberalen Markt-Staates enth\u00e4lt jedoch normative Erwartungen \u00fcber Anspr\u00fcche und Einstellungen gegen\u00fcber dem Wirtschaftssystem und der Regierungsform.Wenn zum Beispiel einzelne Frauen oder Mitglieder ethnischer Minderheiten in der Unternehmenswelt Karriere machen, wird dies als Beweis f\u00fcr ihre Emanzipation gesehen. Das ist etwas Anderes, als ein Pluriversum zu begr\u00fc\u00dfen, welches die Anerkennung zahlreicher Seinsweisen in der Welt beinhaltet. Pluralismus ist wichtig, soweit er tr\u00e4gt. Aber er bedeutet gemeinhin auch, dass \u00bbVielfalt\u00ab die \u00bbEine-Welt-Welt\u00ab, um mit dem Anthropologen Arturo Escobar zu sprechen, grunds\u00e4tzlich zu akzeptieren ist.<sup>33<\/sup><\/p>\n<p><b>(Staats-)B\u00fcrgerin\/B\u00fcrger<\/b> bezeichnet die politisch-gesellschaftliche Rolle einer Person mit Bezug auf den (National-)Staat und unterstellt, dass dies die prim\u00e4re politische Rolle sei. Die Nutzung des Begriffs impliziert h\u00e4ufig, dass Nicht-(Staats-)B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger irgendwie \u00bbweniger (wert)\u00ab sind oder sogar \u00bbillegal\u00ab.<sup>34<\/sup> Ein universellerer Begriff ist Commoner.<\/p>\n<h4>Irref\u00fchrende Dichotomien<\/h4>\n<p>Gegensatzpaare werden auch als Dichotomien bezeichnet. Wer sie benutzt, konstatiert, dass jeder Pol eine andere Logik als der Gegenpol aufweist und dass beide Pole im Prinzip nicht miteinander kompatibel sind. Commoning \u00fcberwindet viele der \u00fcblicherweise angenommenen Dichotomien oder l\u00f6st sie auf. So erfahren sich Menschen, die an einem gemeinschaftlichen Unterfangen teilnehmen \u2013 sei es eine Blutspende oder eine wissenschaftliche Forschung \u2013, als Ich-in-Bezogenheit.Dieses Erleben \u00fcberwindet die Polarit\u00e4t von Individuum und Kollektiv. Wenn wir die Welt der Commonsbetreten, verlassen wir die Welt der \u00bbirref\u00fchrenden Dichotomien\u00ab. Hier ein paar Beispiele:<sup>35<\/sup><\/p>\n<p><b>Egoismus\/Altruismus:<\/b> Die Annahme, ein Mensch oder sein Verhalten sei entweder eigenn\u00fctzig oder uneigenn\u00fctzig, baut bereits auf der Idee des von Anderen abgetrennten Individuums auf. Der Mensch (das arme W\u00fcrmchen) wird hier im Grunde als \u00bbisoliertes Ich\u00ab gedacht. In einer Welt \u00bbisolierter Ichs\u00ab ist es bis zu einem gewissen Grad funktional, kalkulierte, \u00bbrationale\u00ab Entscheidungen zu treffen. Sobald wir aber realisieren, dass wir Ichs-in-Bezogenheitsind und entsprechende Strukturen gest\u00e4rkt werden, wird es sinn- und funktionslos, die eigenen Ziele auf Kosten anderer zu verfolgen. F\u00fcr andere Sorge zu tragen ist auch eine M\u00f6glichkeit, den eigenen Nutzen zu f\u00f6rdern. \u00dcberhaupt: Wenn das Grundprinzip ist, dass die Anderen jeweils mitgedacht sind, bin auch ich immer mitgedacht. Die Dichotomie von Eigennutz und Altruismus l\u00f6st sich auf.<\/p>\n<p><b>Kollektiv\/Individuum:<\/b> Als Dichotomie genutzt legen diese Begriffe oft nahe, dass das Interesse des Einzelnen den Interessen des Gemeinsamen entgegensteht. Nat\u00fcrlich gibt es solche Konflikte. Sie sind konkret und haben spezifische Gr\u00fcnde, die bearbeitet werden k\u00f6nnen. Problematisch ist die <i>allgemeine<\/i> Vorstellung von <i>Ich versus Wir<\/i> oder von <i>Ich ohne Wir<\/i>. Die Vorstellung, dass ein Individuum vollkommen separat von anderen Menschen sei und sich entfalten k\u00f6nne \u2013 der \u00bbSelfmademan\u00ab \u2013 ist eine Illusion. Talente und Identit\u00e4t kann <i>ich<\/i> nur durch die Teilnahme an (verschiedenen) gr\u00f6\u00dferen Kollektiven entwickeln. Und umgekehrt: ein <i>Wir<\/i> kann nur durch und aus der Interaktion von Individuen entstehen. Ich und Wir sind relationale Begriff. Sie sind aufeinander bezogen, sie enthalten sich und sind in diesem Sinne keine Gegensatzpaare. Wir versuchen, diese Vorstellung durch die Idee des Ich-in-Bezogenheitund der Ubuntu-Rationalit\u00e4tzu unterstreichen.<\/p>\n<p><b>Konsumentinnen und Konsumenten\/Produzentinnen und Produzenten:<\/b> Die g\u00e4ngige Wirtschaftswissenschaft beschreibt die Sache im Allgemeinen so: Da sind die Konsumentinnen bzw. Konsumenten auf der einen und Produzentinnen bzw. Produzenten auf der anderen Seite. Ein Unternehmen produziert, ein Kunde konsumiert. Da jedoch Commons und offene Netzwerke Menschen zunehmend erm\u00e4chtigen, sich (individuell und kollektiv) selbst zu versorgen bzw. (individuell und kollektiv) bed\u00fcrfnisorientiert f\u00fcr das zu sorgen, was zum Leben gebraucht wird, verschwimmt die Dualit\u00e4t dieser beiden Funktionen. Diese Tatsache erf\u00e4hrt manchmal im Begriff der \u00bbProsumentinnen und Prosumenten\u00ab Anerkennung. Auch hier wird klar, dass Produktion und Konsumtion keine klar voneinander getrennten Sph\u00e4ren sind. Diese Wortpr\u00e4gung hat ihren Wert, doch der Gleichklang (Prosumentin\/Produzentin\/Konsumentin) ist kein Zufall. Die Diskussion verbleibt auf einer \u00f6konomischen, materialistischen Ebene: Produktion und Konsumtion von G\u00fctern durch Ressourcenabbau, -bearbeitung und -verteilung.<\/p>\n<p><b>Kooperation\/Konkurrenz:<\/b> Die beiden Begriffe kommen oft als Gegensatz daher, mitunter als kurioser Gegensatz: So konkurrieren auch Menschen in einem \u00bbTeam\u00ab um Karrierechancen. Aus der Evolutionswissenschaft und der Anthropologie wissen wir, dass Kooperation und Konkurrenz eng miteinander verkn\u00fcpft sind; Arten haben oft symbiotische Beziehungen, zu denen sowohl Konkurrenz als auch Kooperation geh\u00f6ren, je nach den Umst\u00e4nden, in denen gerade agiert wird. Sogar die Wirtschaftswissenschaft hat f\u00fcr Unternehmenssettings best\u00e4tigt, das Menschen und Firmen gleichzeitig miteinander konkurrieren und kooperieren. Wer den Kollegen nach dem Schraubenschl\u00fcssel fragt, bekommt ihn gereicht. Wer die Kollegin um Durchsicht des Manuskripts bittet, darf sich \u00fcber Korrekturen freuen. Es w\u00e4re daher irref\u00fchrend, so zu tun, als sei Konkurrenz schlecht und Kooperation gut. Beides findet \u00fcberall und st\u00e4ndig statt. Die wirkliche Frage lautet, ob die Fr\u00fcchte der Kooperation den Kooperierenden zugutekommen, oder ob sie \u2013 zum Beispiel \u2013 durch Investorinnen und Investoren oder Konzerne abgesch\u00f6pft werden, wie in der sogenannten \u00bbSharing Economy\u00ab.<\/p>\n<p><b>Objektiv\/subjektiv:<\/b> Im modernen Leben werden diese beiden Formen der Wahrnehmung als Gegens\u00e4tze aufgefasst. \u00bbObjektives\u00ab wird als richtig, physisch, \u00fcberpr\u00fcfbar und messbar betrachtet. \u00bbSubjektives\u00ab erh\u00e4lt einen minderen Status. Er ist mit Gef\u00fchlen, Stimmungen und Intuitionen einer Person verbunden und gilt als \u00bbweniger real und wahr\u00ab. Objektivit\u00e4t verweist auf harte, unver\u00e4nderbare, \u00bbwissenschaftliche\u00ab Fakten, w\u00e4hrend Subjektivit\u00e4t als unsolide und kurzlebig gilt. Die Neurologie, die Verhaltenswissenschaft und die Verhaltens\u00f6konomie haben allerdings nachgewiesen, dass die Trennung zwischen objektiv und subjektiv weitgehend eine Fiktion ist. In Wirklichkeit ist das Rationale eng mit dem verbunden, was nicht mit der Vernunft, dem Verstand und der Logik fassbar ist. Und wer w\u00fcrde leugnen, dass nicht-kognitive, verk\u00f6rperte Erkenntnisse und Gef\u00fchle ganz solide, real und wahr sind.<\/p>\n<p><b>\u00d6ffentlich\/privat:<\/b> Das ist ein sehr gel\u00e4ufiges Gegensatzpaar. Es spiegelt die Behauptung moderner Industriegesellschaften, dass Staat und M\u00e4rkte voneinander getrennt sind. Der Staat ist in dieser Deutung die Kraft f\u00fcr \u00bb\u00f6ffentliche\u00ab, am Gemeinwohl orientierte Zwecke. Der Markt wird als Raum \u00bbprivater\u00ab Wahlm\u00f6glichkeiten und Freiheit beschrieben (auch wenn seine Bef\u00fcrworterinnen und Bef\u00fcrworter \u00fcber die Figur der \u00bbunsichtbaren Hand\u00ab diese \u00bbprivaten Wahlm\u00f6glichkeiten\u00ab geschickt als Motor im Dienste des \u00f6ffentlichen Interesses positionieren). Diese Rahmensetzung ist weitgehend Fiktion. Die Politik zeigt immer wieder, wie eng staatliche Macht und kapitalistische M\u00e4rkte miteinander verflochten sind. Die Meinungsunterschiede zwischen dem \u00bb\u00f6ffentlichen\u00ab und dem \u00bbprivaten Sektor\u00ab verblassen im Vergleich zu ihren gegenseitigen Verpflichtungen und zur strukturellen Abh\u00e4ngigkeit der Marktwirtschaft von \u00f6ffentlich finanzierter Bildung, Infrastruktur oder Rechtssicherheit (vgl. Markt-Staat). Wenn politische Debatten um den Gegensatz zwischen \u00bb\u00f6ffentlich\u00ab und \u00bbprivat\u00ab kreisen, bleiben Commonsund andere nicht-kapitalistische Ordnungsformen unsichtbar.<\/p>\n<p><b>Rational\/irrational<\/b>: eine Variante der oben diskutierten Aufteilung in \u00bbobjektiv\u00ab und \u00bbsubjektiv\u00ab. Das \u00bbRationale\u00ab ist vorgeblich \u00bbobjektiv\u00ab, w\u00e4hrend das \u00bbIrrationale\u00ab lediglich pers\u00f6nlich und \u00bbsubjektiv\u00ab ist. Unterstellt wird, dass \u00bbnicht-rationalen\u00ab (emotionalen, spirituellen, intuitiven) Verst\u00e4ndnisweisen nicht zu trauen ist oder dass sie \u2013 zumindest \u2013 auf \u00bbprivate\u00ab Lebensbereiche (Familie, Gemeinschaft) beschr\u00e4nkt werden sollten. Das \u00bbRationale\u00ab wird mit dem \u00f6ffentlichen Leben und mit dem M\u00e4nnlichen assoziiert. Das \u00bbIrrationale\u00ab wird mit der Privatsph\u00e4re und mit dem Weiblichen verbunden. Institutionen, die behaupten, \u00bbrationale\u00ab Entscheidungen zu treffen, und sogenannte \u00bbnicht-wissenschaftliche\u00ab Faktoren und Gef\u00fchle ignorieren, etwa weil sie nicht-quantifizierbar sind, \u00fcbersehen zwangsl\u00e4ufig eine gro\u00dfe Vielfalt von Gestaltungsoptionen und Probleml\u00f6sungen.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Jenseits von \u00bboffen vs. geschlossen\u00ab<\/h4>\n<p>Seit das Internet uns eine Welt er\u00f6ffnete, in der Informationen sofort verf\u00fcgbar sind, wurde mit diesem Gegensatzpaar recht leichtf\u00fc\u00dfig umgegangen. \u00bbOffen vs. geschlossen\u00ab ist uns aus Debatten \u00fcber territoriale Grenzen und \u00fcber das Eigentumsrecht bekannt. In diesen Debatten geht es immer darum, ob das Territorium, das Land oder das Eigentum offen (frei zug\u00e4nglich) oder geschlossen (eingeschr\u00e4nkt bzw. nicht zug\u00e4nglich) ist. Doch \u00bboffen vs. geschlossen\u00ab l\u00e4dt ein zu einer Schwarz-Wei\u00df-Diskussion. Dadurch werden die Dinge vereinfacht, und es wird verhindert, dass wir genauer hinsehen. Denn benannt werden hier lediglich die beiden Extreme eines reichhaltigen Spektrums m\u00f6glicher Zugangsregeln \u2013 besonders im digitalen Bereich. Dort verweist dieses Bild von \u00bboffen\u00ab oder \u00bbgeschlossen\u00ab auf den rechtlichen Status und die praktische Zug\u00e4nglichkeit von Informationen und Inhalten. Ein Werk ist \u00bbgeschlossen\u00ab, wenn der Zugang dazu durch Verweis auf das Urheberrecht oder durch eine Paywall auf einer Website eingeschr\u00e4nkt wurde. Das wird im Allgemeinen als \u00bbpropriet\u00e4r\u00ab bezeichnet. Das hei\u00dft, dass die Regelung der Zugangsrechte auf der Idee des Ausschlusses beruht. Auf diese Weise wird k\u00fcnstlich verknappt, was im Grunde mehr wird, wenn wir es teilen. Das wiederum ist Voraussetzung daf\u00fcr, es als Produkt auf dem Markt zu verkaufen. Tats\u00e4chlich ist genau dies oft der Grund, warum Menschen \u00fcberhaupt etwas \u00bbschlie\u00dfen\u00ab.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen auf ein \u00bboffenes\u00ab Werk alle zugreifen. Wer immer mag, kann freie und quelloffene Software, mit Creative-Commons-Lizenzen versehene Texte und Fotos oder Werke nutzen, die gemeinfrei sind. Sogenannte \u00bbOffene Plattformen\u00ab machen es zudem einfacher, dass Menschen ihre Werke zur Verf\u00fcgung stellen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benutzen zum Beispiel offene Datenbanken, um Daten bereitzustellen, oder \u00bbOpen Textbooks\u00ab (frei verf\u00fcgbare Lehrb\u00fccher), um Studierenden kostenlosen Zugang zu Lehrinhalten zu gew\u00e4hren. Open Educational Resources (OER) lautet der Fachbegriff f\u00fcr alle \u00bboffenen\u00ab Formen und Formate von Lehr- und Lernmaterial.<sup>36<\/sup>Um die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung weiter zu verbreiten, sind in den letzten 10 Jahren mehr als 10.000 frei zug\u00e4ngliche wissenschaftliche Zeitschriften mit Creative-Commons-Lizenzen entstanden, die der \u00d6ffentlichkeit die Arbeiten kostenlos und unbegrenzt zug\u00e4nglich machen.<\/p>\n<p>Obgleich also immer die Rede von den \u00bboffenen Daten\u00ab, \u00bboffenen Plattformen\u00ab, \u00bboffenen Inhalten, \u00bboffenem Code\u00ab ist, spannt dies einen problematischen Rahmen auf. Wenn wir von \u00bboffen\u00ab reden, aktivieren wir im Kopf \u00bbgeschlossen\u00ab. Zudem denken und reden wir, als w\u00e4ren die Dinge \u00bboffen\u00ab oder \u00bbgeschlossen\u00ab. \u00bbOffene\u00ab Daten (<i>open data<\/i>) klingt, als h\u00e4tten die Daten die Eigenschaft, offen zu sein; unser Fokus richtet sich in dieser Sprechweise auf die Datenbank. Das lenkt davon ab, dass es um die Interessen derjenigen geht, die die Daten \u00fcberhaupt erst erzeugen und zusammentragen. Sie k\u00f6nnten beispielsweise vertrauten Kolleginnen und Kollegen die eingeschr\u00e4nkte Nutzung des Datenmaterials erm\u00f6glichen wollen. Oder sie wollen sie f\u00fcr manche Zwecke zur Verf\u00fcgung stellen, f\u00fcr andere nicht. Oder sie wollen von den Einen Geld f\u00fcr die Nutzung verlangen, von den Anderen aber nicht. Es gibt viele Optionen, die durch den Fokus auf \u00bbOffenheit\u00ab tendenziell unsichtbar gemacht werden.<\/p>\n<p>Die Ausdrucksweise ignoriert die soziale Dynamik, durch die Werke in der Regel entstehen: das notwendige Miteinander, die Spezifik sch\u00f6pferischer Prozesse, ob w\u00e4hrend des Schaffensprozesses Geld geflossen ist oder nicht etc. All das ger\u00e4t in den Hintergrund \u2013 weswegen die Vielfalt der Formen, Werke zu schaffen, verf\u00fcgbar zu machen und zu nutzen, nicht wahrgenommen wird. Wir sehen dann nicht, dass zum Beispiel eine Datenbank in \u00bbb\u00fcrgerwissenschaftlicher\u00ab Arbeit aufgebaut wird, dass viele Freiwillige Beitr\u00e4ge f\u00fcr ein Wiki schreiben oder Fotofans ihre Bilder \u00bbeinfach so\u00ab online stellen. M\u00f6glicherweise wollen sie wie Commoners handeln und den Zugang zu ihren Werken anders kontrollieren. Wie genau Wissen und Informationen in einem Commons bereitgestellt werden, ist immer sehr situationspezifisch und h\u00e4ngt von den W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen des Personenkreises ab, der damit zu tun hat.<\/p>\n<p>In der Praxis gibt es viele M\u00f6glichkeiten, mit Zugangs- und Nutzungsrechten sehr differenziert umzugehen. Creative-Commons-Lizenzen \u2013 f\u00fcr mittlerweile mehr als 1,1 Milliarden Werke, darunter dieses Buch<sup>37<\/sup> \u2013 signalisieren genau das. Sie bieten Urheberrechtsinhaberinnen und -inhabern einfache und standardisierte Optionen an, vorab ihre Erlaubnis zur Weitergabe und Nutzung ihrer Werke zu erteilen. Sie k\u00f6nnen erlauben, dass abgeleitete Werke verfasst werden (etwa \u00dcbersetzungen oder Zusammenfassungen f\u00fcr Lehrmaterialien). Sie k\u00f6nnen es erlauben, dass ihr Werk kopiert, weiterverbreitet, ausgestellt oder aufgef\u00fchrt wird, sofern das nicht zu kommerziellen Zwecken geschieht \u2026 oder dass das Werk bei der Wiedernutzung nicht ver\u00e4ndert wird \u2026 oder dass das einmal kopierte Werk auch anderen wieder frei zur Verf\u00fcgung steht. Kurz: Creative-Commons-Lizenzen bieten mehr Freiheiten, nicht weniger, als das klassische Urheberrecht standardm\u00e4\u00dfig vorsieht. Das Problem mit dem Creative-Commons-Ansatz liegt jedoch darin, dass all diese Entscheidungen nur von Einzelnen getroffen werden. Das spiegelt die vorherrschende Sicht, dass wir etwas als voneinander getrennte Individuen schaffen, ganz allein; im einsamen K\u00e4mmerchen, ohne aus dem Gemeinsamen zu sch\u00f6pfen, ohne gr\u00f6\u00dfere gemeinsame Interessen. Und es bekr\u00e4ftigt, dass wir unsere individuellen Interessen durch Eigentumsanspr\u00fcche zum Ausdruck bringen sollen. Obwohl CC-Lizenzen also das Urheberrecht \u00bbdrehen\u00ab, akzeptieren sie implizit diese Pr\u00e4missen. Rechtlich gesehen erkennen sie nicht an, dass Kreativit\u00e4t aus etwas entsteht, <i>das jeden \u00fcbersteigt<\/i>. Genau das beanstanden so viele indigene Gemeinschaften am westlichen Copyright, Urheber- und Patentrecht, das ihnen etwa \u00fcber internationale Handelsregime aufgezwungen wird. Das Recht w\u00fcrdigt nicht, dass <i>alle<\/i> Inhalte von gegenw\u00e4rtigen sozialen Gruppen und vergangenen Kulturen beeinflusst sind (vgl. Kapitel 8). Wir bewegen uns dann im Modus des \u00bb\u00d6ffnens\u00ab oder \u00bbSchlie\u00dfens\u00ab und von dort verringern sich unsere Wahlm\u00f6glichkeiten auf \u00bbverschenken\u00ab oder \u00bbprivate Eigent\u00fcmerschaft behalten\u00ab (meist zu dem Zweck, damit Geld zu verdienen). Wir landen im Entweder-oder.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Rahmung \u00fcberrascht es nicht, dass viele Menschen meinen, Commons seien allgemein und prinzipiell \u00bboffen\u00ab. Zudem verwechseln sie \u00bboffen\u00ab mit \u00bbfrei\u00ab im Sinne von kostenlos, so als ginge es bei Commons darum, dass sich alle an allem kostenlos bedienen k\u00f6nnen. Dem ist nicht so (auch wenn Garrett Hardins so ber\u00fchmte wie irref\u00fchrende Darstellung so tut, als ob). Sinn und Zweck eines Commons ist, gemeinsame Verf\u00fcgung und die Vorteile f\u00fcr alle Beteiligten zu maximieren. Dies erfordert durchdachte und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln. Bedingungslose Offenheit kann nur dann funktionieren, wenn es sich um ein \u00bbnicht-rivales\u00ab Gut handelt \u2013 d.h., etwas wird durch Nutzung nicht aufgebraucht, so wie digital verf\u00fcgbare Informationen. F\u00fcr \u00bbrivale\u00ab nat\u00fcrliche Ressourcen jedoch setzen erfolgreiche Commons typischerweise auf eine Vielzahl teils raffinierter Zugangsregeln, die in irgendeiner Form Grenzen setzen, den Zugang f\u00fcr bestimmte Zeiten oder bestimmte Personen einschr\u00e4nken etc.<sup>38<\/sup><\/p>\n<p>Bei Commons hingegen geht es darum, kollektive Handlungsm\u00f6glichkeiten sowie das Ethos von Commoners und Netzwerken, die Code, Informationen oder kreative Werke schaffen und ein gewisses Ma\u00df an Kuratierung und Verf\u00fcgungsgewalt behaupten wollen, in den Mittelpunkt zu stellen. So k\u00f6nnen wir die allzu einfache Beschreibung der Welt \u2013 \u00bboffen vs. geschlossen\u00ab \u2013 hinter uns lassen. Wir k\u00f6nnen aufh\u00f6ren zu glauben, das \u00bbVerschenken\u00ab der eigenen Arbeit sei altruistisch, unklug oder beides, denn wer eine wissenschaftliche Entdeckung oder ein mit gro\u00dfer Anstrengung entstandenes Buch \u00bbverschenkt\u00ab, anstatt sie zu verkaufen, kann nur dumm oder idealistisch sein. Nat\u00fcrlich ist diese Argumentation nicht v\u00f6llig absurd. Im \u00f6konomischen und kulturellen Kontext des Kapitalismus ist es schwierig, sich vorzustellen, dass ein Buch gleichzeitig frei weitergegeben <i>und<\/i> verkauft werden k\u00f6nnte.<sup>39<\/sup> (Mit dieser Frage waren auch wir konfrontiert!)<\/p>\n<p>Es ist aber wichtig zu verstehen, dass genau das m\u00f6glich und notwendig ist, um aus dem vermeintlichen Dilemma auszubrechen. Wir m\u00fcssen Wege ausprobieren, um den \u00fcblichen Komplikationen, etwa Geld und Zeit f\u00fcr die Produktion zu finden, anders zu begegnen (siehe dazu Kapitel 5). Aber wir m\u00fcssen uns auch dar\u00fcber im Klaren sein, dass der Zugang zu Werken im weitesten Sinne (stellen Sie sich Arzneimittel vor!) nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber den Markt reguliert werden darf, denn das bedeutet, dass dann automatisch Menschen, die \u00fcber Geld verf\u00fcgen, mehr Zugang und Kontrolle haben als andere. Und dies, obwohl Wissen, Informationen und Code im Grunde immer mehr werden, wenn wir sie teilen. Commoners entschlie\u00dfen sich deshalb meist, Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugebenund zugleich andere M\u00f6glichkeiten zu finden, die Kosten zu decken (z.B. Poolen &amp; Aufteilen, Unterst\u00fctzung durch Sachleistungen, selektiver Verkauf auf dem Markt, Quersubventionen etc.). Sie tun dies, weil es langfristig sowohl den Einzelnen (z.B. gr\u00f6\u00dferer Nutzerkreis) als auch den Anderen langfristig zugutekommt. Wenn wir die unreflektierte Rahmung von \u00bboffen\/geschlossen\u00ab hinter uns lassen, k\u00f6nnen wir diese Vorteile leichter in der Praxis umsetzen. Daf\u00fcr w\u00e4re allerdings ein Vokabular hilfreich, das kollektive Handlungskompetenzen anerkennt. Wir schlagen vor: <i>Weitergeben &amp; Bewahren<\/i> (engl. <i>share &amp; steward<\/i>). Dadurch richtet sich der Blick auf das, was zu tun ist, statt auf eine vermeintliche Eigenschaft des Werkes selbst. Zudem wird anerkannt, dass <i>Weitergeben &amp; Bewahren<\/i> zusammengeh\u00f6ren, anders gesagt: Wissen, Code und Design weiterzugeben ist eine Art, es zu sch\u00fctzen und lebendig zu halten. Es ist eben kein \u00bbWeg-geben\u00ab, sondern ein \u00bbWeiter-geben\u00ab, kein \u00bbVer-schenken\u00ab, sondern ein Schenken. So kann das, was weitergegeben wird, so unkompliziert genutzt werden wie die Wikipedia und selbst immer wertvoller werden. Damit ist klar:Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugebenist nicht nur innerhalb eines Commons vern\u00fcnftig und praktisch, sondern auch dar\u00fcber hinaus.[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<h4>Vokabular commons-freundlicher Begriffe<\/h4>\n<p><b>Aufteilen<\/b> siehe teilen<\/p>\n<p>\u00bb<b>Beating the bounds\u00ab <\/b>beschreibt einen alten englischen Brauch, der dazu diente, ein Commons zu \u00fcberwachen, dessen Einhegungabzuwenden und die gemeinsame Identit\u00e4t als Commonerszu best\u00e4tigen. \u00bbTo beat the bounds\u00ab war ein allj\u00e4hrliches Ritual, bei dem Mitglieder einer Gemeinschaft, Alte wie Junge, ihr gesamtes Land abschritten, um sich immer wieder neu damit vertraut zu machen und Hecken oder Z\u00e4une zu entfernen, die fehl am Platz waren. Auf den Umgang folgte oft ein Fest.<\/p>\n<p><b>Behutsam ausge\u00fcbte Gegenseitigkeit: <\/b>Sie ist ihrer Natur nach anders als strikte Gegenseitigkeit (Reziprozit\u00e4t). Bei Letzterer wird genau berechnet, wer wem wie viel schuldet. In streng reziproken Tauschbeziehungen ist oft das Ziel, gr\u00f6\u00dferen \u00bbWert\u00ab zu erzielen, als man hergibt. Zumindest aber geht es darum, monet\u00e4re Gleichheit (oder eine Illusion davon) zu erzielen. Auch in Commonsgibt es Gegenseitigkeit, im Allgemeinen aber <i>behutsam ausge\u00fcbte Gegenseitigkeit<\/i>. Das hei\u00dft: Menschen berechnen nicht genau, wer wem einen Gefallen, Zeit, Geld oder Arbeit schuldet. Es ist ein eher nachbarschaftliches Verhalten und durchaus nicht \u00bbirrational\u00ab (vgl. rational\/irrational). Commons bieten ein g\u00fcnstiges Umfeld, um behutsam ausge\u00fcbte Gegenseitigkeit zur Gewohnheit werden zu lassen, was vertrauensvolle Beziehungen st\u00e4rkt sowie die F\u00e4higkeit, konstruktiv zusammenzuarbeiten.<\/p>\n<p><b>Beitragen:<\/b> bezeichnet eine Praxis, in der Menschen etwas Bestimmtes tun, um einen Anteil zur Verwirklichung von etwas Gr\u00f6\u00dferem zu leisten. Es hat einen anderen Anklang als poolen, da es r\u00e4umlich und zeitlich unbestimmter ist (vgl. das MusterBeitragen &amp; Weitergeben).<\/p>\n<p><b>Beziehungshaftes Haben: <\/b>Es umfasst \u00bbandere Arten des Habens\u00ab, die mit Commoningvereinbar sind, von den Beteiligten selbst entschieden und kontrolliert werden und die typischen Probleme konventionellen Eigentums \u00fcberwinden (Ausschluss, Vermarktlichung aller Sph\u00e4ren, Ressourcen\u00fcbernutzung). Eine Gesellschaft, die auf der klassischen Eigentumsidee beruht, produziert Habende und Habenichtse sowie eine missbrauchsanf\u00e4llige Konzentration von Kapital und Macht. Beziehungshaftes Haben ist ein allgemeines MusterderPeer Governanceund der bed\u00fcrfnisorientierten Herstellung von Commons. Es neutralisiert teilweise oder vollst\u00e4ndig die Ausschlie\u00dflichkeit der Verf\u00fcgung \u00fcber Dinge, die als \u00bbEigentum\u00ab betrachtet werden. Das hei\u00dft, es gibt Kapital, aber es kann nicht mehr durchregieren. Beziehungshaftes Haben er\u00f6ffnet Menschen ein breiteres Spektrum an Besitzformen und Verantwortungseigentum, dass Beziehungen st\u00e4rkt \u2013 miteinander, mit der Mehr-als-menschlichen-Welt, mit fr\u00fcheren wie zuk\u00fcnftigen Generationen.<\/p>\n<p><b>Commons \u2013 Commoning \u2013 Commoner: <\/b>Eine Anmerkung zur Wortherkunft: Alle drei Begriffe sind abgeleitet aus den lateinischen W\u00f6rtern \u00bbcum\u00ab und \u00bbmunus\u00ab. \u00bbCum\u00ab bedeutet \u00bbmit\u00ab und verbindet etwas; \u00bbmunus\u00ab bedeutet Dienstleistung, Pflicht, Verpflichtung und manchmal Geschenk. Beide zusammen, \u00bbcum\u00ab und \u00bbmunus\u00ab \u2013 etwa in Kommunion, Kommunikation und Kommunismus \u2013 verbinden zum Beispiel Reden und Zuh\u00f6ren oder Rechte und Pflichten. Das \u00bbcum\u00ab zeigt zudem an, dass eine Angelegenheit auch auf andere bezogen ist. Die franz\u00f6sischen Wissenschaftler Pierre Dardot und Christian Laval schreiben daher: Commons \u00bbbezeichnen nicht nur das, was zusammengetan wird\u00ab, sondern auch die Commonersselbst \u2013 \u00bbdiejenigen, die \u203agemeinsame Aufgaben\u2039 haben\u00ab.<sup>40<\/sup><\/p>\n<p><b>Commons:<\/b> Sie sind eine verbreitete, sch\u00f6pferische und doch vernachl\u00e4ssigte soziale Lebensform. Der Begriff beschreibt komplexe, adaptive, lebendige Prozesse, in denen Verm\u00f6genswerte<sup>41<\/sup>geschaffen und Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden. Dabei setzen die Beteiligten nur minimal oder gar nicht auf den Markt oder staatliche Institutionen. Ein Commons entsteht, wenn Menschen sich an der sozialen Praxis des Commoningbeteiligen, sich als Gleichrangige bewusst selbst organisieren (Peer Governance) und kooperative Formen entwickeln, Verm\u00f6genswertebed\u00fcrfnisorientiert Schaffen und Bereitstellen.Die Ergebnisse geh\u00f6ren keiner einzelnen Person allein; sie werden vielmehr auf-geteilt, gemeinsam genutzt oder umgelegt. Obgleich alle Commons unterschiedlich sind, sind alle letztlich von den Gaben der Natur abh\u00e4ngig, vom Weitergeben des Wissens, von Zusammenarbeit, gegenseitigem Respekt und behutsam ausge\u00fcbter Gegenseitigkeit. Commons sind stets im Werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Jedes Commons entsteht durch Commoning.<br \/>\nCommoning hat drei symbiotische Aspekte: allt\u00e4gliches soziales Miteinander, bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige und sorgendes &amp; Selbstbestimmtes Wirtschaften:<br \/>\ndie \u00bbTriade des Commoning\u00ab.<\/b><\/p>\n<p><b>Commoner:<\/b> Der Begriff bezeichnet eine Identit\u00e4t und soziale Rolle, die Menschen annehmen, wenn sie Commoningpraktizieren. Sie entsteht aus dem tats\u00e4chlichen Tun und ist kein rechtlicher oder sozialer Status. Jeder Mensch ist (potenziell) ein Commoner. Je mehr eine Person sich an der Praxis und der Weltsicht von Commonsorientiert, desto mehr <i>wird<\/i> er oder sie zum Commoner.<\/p>\n<p><b>Commoning:<\/b> Dies ist ein offener Prozess, in dem Menschen situationsspezifische Formen bewusster Selbstorganisation durch Gleichrangige (Peer Governance)erkunden und verwirklichen. Sie entwickeln zugleich Formen, um selbstbestimmt N\u00fctzliches und Sinnvolles f\u00fcr sich und andere zu schaffen und bereitzustellen. Commoning geschieht, wenn Menschen eigenst\u00e4ndig entscheiden, was sie brauchen, wenn sie unter R\u00fccksichtnahme aufeinander ihre Bed\u00fcrfnisse befriedigen, gemeinsame Verm\u00f6genswerte bewirtschaften und ihre Angelegenheiten regeln. Sofern sie dabei auf situiertes Wissenzur\u00fcckgreifen, st\u00e4rkt dies ihre kreative Handlungsf\u00e4higkeit und die Kompetenz, L\u00f6sungen zu entwickeln, die ihnen fair und effektiv erscheinen. Commoning beinhaltet, mit Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten zu leben. Das ist anspruchsvoll, aber die einzige M\u00f6glichkeit, Commonerzu werden. Die Macht des Commoning ist nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen in \u00fcberschaubaren Gruppen beschr\u00e4nkt, sie wirkt auch in der gesamtgesellschaftlichen Organisation.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Ohne Commoning gibt es keine Commons, und ohne bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige gibt es kein Commoning.<\/b><\/p>\n<p><b>Commons Public Partnerships (CPP): <\/b>Die sogenannten \u00d6PPs \u2013 die \u00d6ffentlich-Privaten-Partnerschaften \u2013 sind in aller Munde. Warum nicht Commons-\u00d6ffentliche-Partnerschaften?<sup>42<\/sup> Damit bezeichnen wir eine Vereinbarung \u00fcber die langfristige Zusammenarbeit zwischen Commoners und staatlichen Institutionen, um spezifische Probleme zu l\u00f6sen. Sie kann von beiden Seiten initiiert werden, doch entscheidend ist, dass die Prozess- und Gestaltungshoheit auf Seiten der Commoners liegt. Staatliche Institutionen bieten Commoners im Rahmen von CPP-Vereinbarungen entscheidende rechtliche, finanzielle und\/oder administrative Unterst\u00fctzung. Sie k\u00f6nnen zum Beispiel grundlegende Infrastrukturen bereitstellen: Land, Wasser- und Abwasser, Stromversorgung, Maschinen- oder Fuhrpark. Beispiele sind gemeinschaftsbasierte WiFi- oder Telekommunikationssysteme, die Organisation der Kranken- und Seniorenbetreuung, Stadteilprojekte, aber auch die sogenannte Freiwillige Feuerwehr. Eine CPP ist multifunktional. Sie l\u00f6st nicht nur Probleme und erm\u00f6glicht mehr (F\u00fcr-)Sorge. Sie schafft auch \u00bbkonviviale (Infra-)Strukturen\u00ab, was gemeinstimmige Entscheidungen und ma\u00dfgeschneiderte L\u00f6sungen einfacher macht.<\/p>\n<p><b>Commonsversum:<\/b> Es beschreibt die lose verbundene Welt verschiedenartiger Commons, eine Art f\u00f6deriertes Commons-Pluriversum. Anders als der Kapitalismus (die \u00f6konomische Sph\u00e4re) und die liberale Demokratie (die politische Sph\u00e4re) integriert das Commonsversum das \u00d6konomische mit dem Politischen und Sozialen.<\/p>\n<p><b>Crowdfunding:<\/b> Das ist eine \u2013 meist von digitalen Plattformen gest\u00fctzte \u2013 Praxis der Gemeinsamen Finanzierung. Es spricht nicht nur unmittelbar die Mitglieder einer Gruppe an, sondern eine gro\u00dfe Anzahl Beteiligter (die \u00bbcrowd\u00ab = Menschenmenge). Diese \u00bbcrowd\u00ab legt kleine Geldmengen zusammen, um Projekte zu finanzieren, die (bestenfalls) kollektive Vorteile schaffen. Crowdfunding hilft nicht notwendigerweise Commons.Manche Kampagnen dienen dazu, \u00bbkostenloses\u00ab Startkapital f\u00fcr Start-ups bereitzustellen, ohne gemeinsames Eigenkapital oderbewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige. Andere Crowdfunding-Prozesse wiederum, etwa die in Madrid beheimatete Plattform Goteo, wurden spezifisch f\u00fcr die Finanzierung und Unterst\u00fctzung von Commoningentwickelt.<\/p>\n<p><b>Diskriminierungsfreie Infrastrukturen:<\/b> Infrastrukturen erm\u00f6glichen Mobilit\u00e4t, Austausch, Kommunikation und Energiefluss. Sie sind die technologische Grundlage fast aller gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse. Infrastrukturen diskriminierungsfrei zug\u00e4nglich zu machen und zu betreiben bedeutet, dass Zugang und Nutzung nicht nach spezifischen Kriterien erfolgt \u2013 sei es Ethnie, Geschlecht, Verf\u00fcgung \u00fcber Geld oder was auch immer.<\/p>\n<p><b>\u00bbDo-it-together\u00ab (DIT): <\/b>Das ist komplement\u00e4r zu \u00bbDo-it-yourself\u00ab (DIY), was in der Praxis h\u00e4ufig auf \u00bbDo-it-together\u00ab hinausl\u00e4uft. Do-it-together hilft, commons-basierte \u00bbDo-it-yourself\u00ab-Aktivit\u00e4ten zu bezeichnen \u2013 etwa im Gegensatz zum Selbst(zusammen)bau von M\u00f6beln nach Einkauf im Baumarkt oder M\u00f6belhaus. DIT erlaubt, weniger von Geld und M\u00e4rkten abh\u00e4ngig zu sein, und tr\u00e4gt zuGeld-light-Commoningbei.<\/p>\n<p><b>Durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen (Care-Wealth): <\/b>Wenn Menschen sich um W\u00e4lder, Land, Wasser oder st\u00e4dtische R\u00e4ume k\u00fcmmern, wird dies Teil ihrer gemeinsamen Erinnerung, Kultur und Identit\u00e4t, kurz: ihres Lebens. Wenn Commonerssich ganz einer Sache widmen, sich um ihre Lebensgrundlagen und Beziehungen k\u00fcmmern, lassen sie eine andere Kosmo-Vision lebendig werden. Sie produzieren dann keine \u00bbG\u00fcter\u00ab oder \u00bbWaren\u00ab als \u00bbrationale\u00ab Individuen, wie dies in den Wirtschaftswissenschaften formuliert w\u00fcrde, sondern <i>durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen.<\/i> Das sind Dinge, R\u00e4ume und Beziehungen, auf die sich Liebe, (F\u00fcr-)Sorge, gemeinsame Erfahrungen und emotionale Verbindungen richten. Der Begriff <i>Ressource<\/i> l\u00e4dt ein, gemeinsame Verm\u00f6genswerte als etwas zu betrachten, das gef\u00f6rdert, ausgebeutet, genutzt und in ein Objekt wirtschaftlicher Berechnung verwandelt werden soll. Durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen enth\u00e4lt affektive Momente; es integriert Elemente aus dem Leben und der Alltagskultur der Menschen.<\/p>\n<p><b>Einhegung:<\/b> Sie bezeichnet den historischen Vorgang, Land, Wald oder Weideland in Gemeinbesitz \u00bbeinzuz\u00e4unen\u00ab und so Verm\u00f6genswerte, die Commonerszur Befriedigung ihrer Bed\u00fcrfnisse ben\u00f6tigen, in Privateigentum zu verwandeln. Fr\u00fcher wurden L\u00e4ndereien von Feudalherren eingehegt, dann von Fr\u00fchkapitalisten sowie von Parlamenten. Heute werden Einhegungen meist durch Investorinnen und Investoren sowie Konzerne betrieben, h\u00e4ufig in Mitwisserschaft der Staatsmacht. Moderne Einhegungen beziehen sich auch auf digitale Informationen, kreative Werke oder den genetischen Code; sie kommen einer Enteignung der Allgemeinheit gleich. Einhegungen k\u00f6nnen durch technische Ma\u00dfnahmen erfolgen (etwa digitales Rechtemanagement und Paywalls). Sie k\u00f6nnen politisch durchgesetzt werden (Privatisierung, Handelsabkommen, Finanzialisierung) oder durch die massive Beeinflussung des Soziallebens (Markendruck, Werbung, Monokulturalisierung nach westlichem Standard). <i>Einhegungen<\/i> bewirken das Gegenteil von Commoning.Sie <i>trennen<\/i>, was Commoning <i>miteinander verbindet<\/i>: Menschen und Land, Sie und mich, heutige und zuk\u00fcnftige Generationen, Infrastrukturen und ihre Governance, Herrschende und Beherrschte, Naturschutzgebiete und die Menschen, die sie seit Generationen (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaften. Einhegung ist dann ein commons-freundlicher Begriff, wenn er uns erm\u00f6glicht, die Aneignung gemeinsamer Verm\u00f6genswerte f\u00fcr Commons zu benennen.<\/p>\n<p><b>Emergenz:<\/b> Darunter versteht man den Prozess, durch den die Interaktionen zwischen lebenden Organismen eine neuartige und komplexere Organisationsform auf h\u00f6herer Ebene hervorbringen. Die Eigenschaften des neuen Systems sind nicht in irgendeinem einzelnen Element oder der Aggregation derselben enthalten. Vielmehr entwickeln sie sich \u00bbspontan\u00ab, ohne offensichtliche Ursache-Wirkungs-Beziehung. Zahllose lokale, individuelle Interaktionen lassen die komplexen Strukturen von Sprache und Kultur entstehen. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit den gleichrangigen Interaktionen der Beteiligten an Netzwerken f\u00fcr quelloffene Software, wissenschaftliche Forschung und kosmo-lokale Produktion.<\/p>\n<p><b>Exonym<\/b>: Wenn Au\u00dfenstehende Begriffe benutzen, die Ph\u00e4nomene verzerren oder etwas Anderes fassen als das, was tats\u00e4chlich erfahren wird, dann handelt es sich um Exonyme. So ist in der Wirtschaftswissenschaft, in der Gemeing\u00fcterforschung und in der \u00d6ffentlichkeit in der Regel von Ressourcen die Rede, was einen utilitaristischen Anklang hat und nicht hilft, commoningwirklich zu verstehen. Wir nutzen daher Begriffe wie Naturverm\u00f6gen (engl. <i>biowealth<\/i>) oder Durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen (<i>care-wealth<\/i>). Der Politikwissenschaftler James Scott hat uns mit seinem Buch <i>The Art of Not Being Governed<\/i> auf dieses Konzept aufmerksam gemacht.<\/p>\n<p><b>Finanzkreisl\u00e4ufe zwischen Commons und \u00f6ffentlicher Hand:<\/b> Sie sind eine Strategie der gemeinsamen Finanzierung, die den Einsatz von Steuergeldern f\u00fcr Commonserm\u00f6glicht oder gar gegen\u00fcber anderen Finanzierungszielen privilegiert. Im Unterschied zu (indirekten) staatlichen Subventionen f\u00fcr Konzerne, deren Hauptziel es ist, das Wirtschaftswachstum zu f\u00f6rdern oder die Aktion\u00e4rinnen und Aktion\u00e4re zu beg\u00fcnstigen, versuchen Finanzkreisl\u00e4ufe zwischen Commons und \u00f6ffentlicher Hand Commoningund commons-basierte Infrastrukturen auszuweiten. Im Kern geht es daher um eine systematische Unterst\u00fctzung daf\u00fcr, dass Menschen sich selbst besser versorgen und organisieren k\u00f6nnen und weniger abh\u00e4ngig von Markt und Staat werden.<\/p>\n<p><b>F\u00f6deration:<\/b> So nennen wir einen Verbund engagierter Teilnehmender, Teams oder Organisationen, die sich auf Grundlage vereinbarter Ziele, einer gemeinsamen Ethik oder Geschichte entscheiden, zusammenarbeiten oder sich zu koordinieren. Zwar wird der Begriff meist mit Nationalstaaten assoziiert (vgl. <i>f\u00f6deral<\/i>), aber auch Gruppen, Kollektive und Organisationen und Netzwerke k\u00f6nnen sich als F\u00f6deration zusammenfinden, sich gegenseitig sch\u00fctzen und unterst\u00fctzen. Eine F\u00f6deration unterscheidet sich dahingehend von einem Netzwerk, als Teilnehmende an einer F\u00f6deration sich aktiv auf einen gemeinsamen Auftrag oder ein gemeinsames Ziel verpflichten. Zudem ist (zumindest ein verteiltes) Netzwerk vollkommen horizontal \u2013 eine Struktur unter Gleichrangigen, w\u00e4hrend F\u00f6derationen eine heterarchische Struktur haben k\u00f6nnen. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Heterarchie]<\/p>\n<p><b>Freie und quelloffene Software<\/b> (\u00bb<b>free and open-source software\u00ab, FOSS<\/b>): Das ist Software, deren Quellcode offen ist und weitergegeben werden kann <i>und<\/i> deren Lizenz erlaubt, dass alle sie nutzen, kopieren, untersuchen und ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Diese Freiheiten \u2013 die durch eine Vielfalt an Lizenzen die Umkehrung der \u00fcblichen Funktionsmechanismen des Urheberrechts auch rechtlich erlaubt \u2013 ermutigen Nutzerinnen und Nutzer, Fehler zu beheben, die Software zu verbessern und weiterzuentwickeln. Im Gegensatz dazu setzt propriet\u00e4re Software das Urheberrecht ein, die Nutzenden daran zu hindern, den Quellcode einzusehen oder zu modifizieren. Es schafft dadurch k\u00fcnstliche Knappheiten (der Zugang zum Code wird eingeschr\u00e4nkt, obwohl er kostenlos oder zu geringen Kosten weitergegeben werden kann). FOSS erh\u00f6ht die Transparenz von Softwarecode und damit \u2013 weil mehr Menschen ihn eingehend untersuchen k\u00f6nnen \u2013 auch seine Sicherheit und Stabilit\u00e4t. FOSS erm\u00e4chtigt Menschen, die Software f\u00fcr ihre eigenen Zwecke anzupassen und die eigenen Daten besser zu sch\u00fctzen. Das GNU\/Linux-Betriebssystem, das auf Millionen Servern, Desktop-Computern und anderen Ger\u00e4ten l\u00e4uft, ist das vielleicht bekannteste FOSS-Programm.<\/p>\n<p><b>Freiheit-in-Bezogenheit:<\/b> Sie beschreibt einen Freiheitsbegriff, der unser Verbundensein mit Anderen, unser Naturverbundensein, unser Eingebettet- und Abh\u00e4ngigsein von Gemeinschaften und Institutionen anerkennt. Aus diesen Beziehungen heraus \u2013 im Spiel mit ihnen \u2013 entfaltet sich nicht nur unsere Individualit\u00e4t, sondern auch menschliche Freiheit. Der Gedanke ist realit\u00e4tsn\u00e4her als libert\u00e4re Freiheitsvorstellungen, die sich auf maximale individuelle Wahlm\u00f6glichkeiten und die Autonomie der Einzelnen (aka \u00bbVereinzelten\u00ab) konzentrieren. Genau genommen ist die gel\u00e4ufige Vorstellung von Freiheit eine Illusion, weil niemand als isoliertes Ich \u00fcberleben, geschweige denn sein Potenzial entfalten kann. Oder denken Sie daran, wie wir Menschen von Bakterien abh\u00e4ngen. Unsere K\u00f6rper mit ihren circa. 70 Billionen Zellen sind auf zahllose externe N\u00e4hrstoffe und lebende Bakterien angewiesen. Das l\u00e4sst die Grenze zwischen einem \u00bbIndividuum\u00ab und dem Rest der Welt wahrlich verschwimmen. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ich-in-Bezogenheit].<\/p>\n<p><b>(F\u00fcr-)Sorge:<\/b> Sie beschreibt grunds\u00e4tzlich eine empathische Haltung, die sich in allem zeigt, was Menschen tun. Dazu geh\u00f6ren auch wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten. Konkreter bezieht sich der Begriff auf sehr grundlegende T\u00e4tigkeiten, die im Bewusstsein ausge\u00fcbt werden, dass wir Menschen aufeinander bezogen, voneinander abh\u00e4ngig und bed\u00fcrftig sind. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ich-in-Bezogenheitund Ubuntu-Rationalit\u00e4t] Das wird in der Kindererziehung, der Pflege von Familienmitgliedern oder Freunden deutlich, aber auch in Prozessen bewusster Selbstorganisation, im bed\u00fcrfnisorientierten Herstellen von Commons, der (f\u00fcr-)sorgenden Bewirtschaftung der Natur oder gemeinwohlorientiertem Handeln. Der Begriff (im Englischen \u00bbcare\u00ab) ist durch die feministische Forschung bekannt geworden. Er erkennt die Bedeutung entkommodifizierter Arbeit und intrinsischer Motivation an, wird aber dennoch manchmal f\u00e4lschlicherweise mit Pflegedienstleistungen verwechselt. In Letzteren aber wird in Marktkontexten die Produktivit\u00e4t h\u00f6her bewertet als die genuine (F\u00fcr-)Sorge f\u00fcr Menschen. Und eben dies f\u00fchrt zu einem wesentlichen Unterschied: (F\u00fcr-)Sorge beinhaltet, dass Zeit gro\u00dfz\u00fcgig verausgabt wird, Pflegedienstleistungen sind hingegen aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden einer Zeiteinsparungslogik unterworfen.<\/p>\n<p><b>Geld-light-Commoning (geldschlankes Commoning):<\/b> Das ist ein Begriff, der deutlich macht, dass Commoningdie Abh\u00e4ngigkeit von Geld und M\u00e4rkten verringert. Es enth\u00e4lt per Definition zahlreiche demonetarisierte Probleml\u00f6sungen, da Commonerssoweit m\u00f6glich auf Do-it-together, gemeinsame Nutzung, (Auf-)teilenund Umlegensetzen. Das erm\u00f6glicht ihnen, weniger Geld zu ben\u00f6tigen statt immer nach Wegen zu suchen, mehr Geld zu verdienen. Geld-light-Commoning kann Menschen helfen, sich auf ihre tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnisse zu konzentrieren und sich nicht von einer konsumzentrierten Kultur entm\u00e4chtigen zu lassen.<\/p>\n<p><b>Gemeinsame Finanzierung:<\/b> Sie beschreibt verschiedene M\u00f6glichkeiten, Commonszu finanzieren und Commoningstrukturell zu unterst\u00fctzen. Dabei sind diese Finanzierungsformen zugleich vor den sch\u00e4dlichen Einfl\u00fcssen von Geld und Schulden zu bewahren. Ein wichtiges Ziel ist, die sozialen Beziehungen sowie die Beziehungen zur Mehr-als-menschlichen-Welt zu entkommodifizieren. In der <i>gemeinsamen Finanzierung<\/i> werden Geld und Kredit so verwendet, dass Commons-Institutionen gest\u00e4rkt werden und Menschen sich sicher und frei f\u00fchlen, da sie weniger Abh\u00e4ngigkeit vom Wohl und Wehe des Marktes sind. Wichtige Aspekte der gemeinsamen Finanzierung sind u.a.Geld-light-Commoning, Peer-to-Peer-Kredite, eine behutsam ausge\u00fcbte Gegenseitigkeitim Umgang mit Geldsowie neue Finanzkreisl\u00e4ufe zwischen Commons und \u00f6ffentlicher Hand. Historisch hat es verschiedene Modelle gegeben u.a. Kreditgesellschaften auf Gegenseitigkeit und Versicherungspools, durch die Gemeinschaft kontrollierte Mikrofinanzierung und lokale W\u00e4hrungen. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba\u2009<\/span>Crowdfunding]<\/p>\n<p><b>Gemeinsam nutzen <\/b>siehe teilen<\/p>\n<p><b>Gleichrangige (Peers):<\/b> Das sind Menschen, die im Verh\u00e4ltnis zu anderen Mitgliedern einer Gruppe oder eines Netzwerks dieselbe soziale und politische Macht haben. Gleichrangige haben unterschiedliche Talente und Pers\u00f6nlichkeiten, aber sie betrachten einander als mit denselben Rechten und F\u00e4higkeiten ausgestattet, um zum Gemeinsamen beizutragen und mitzuentscheiden, wie ein Projekt vorangetrieben werden soll. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ich-in-Bezogenheit,Ubuntu-Rationalit\u00e4t]<\/p>\n<p><b>Halbdurchl\u00e4ssige Membranen:<\/b> Sie bezeichnen die Qualit\u00e4t, die die Grenzen eines Commonshaben sollten. Wie andere soziale Organismen brauchen Commons Schutz vor sch\u00e4digenden Faktoren, aber zugleich Offenheit f\u00fcr Signale aus der Umwelt oder N\u00e4hrendes. Sie funktionieren daher besser, wenn sie statt von einer undurchl\u00e4ssigen, starren Grenze von einer halbdurchl\u00e4ssigen Membran umgeben werden. Diese \u2013 metaphorisch gesprochen \u2013 flexible Haut gew\u00e4hrleistet die Intaktheit des Commons, indem sie Einhegungenund andere Sch\u00e4digungen verhindert und zugleich erm\u00f6glicht, dass ein Commons mit anderen Organismen symbiotische Beziehungen eingeht.<\/p>\n<p><b>Heterarchie:<\/b> Sie wird durch die Wortherkunft (griechisch <span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\">\u03b5\u03c4\u03b5\u03c1\u03b1\u03c1\u03c7\u03af\u03b1<\/span>) gut erkl\u00e4rt: \u00bbheter\u00ab bedeutet \u00bbanders\u00ab und \u00bbarchy\u00ab bedeutet \u00bbHerrschaft\u00ab. In einer Heterarchie werden verschiedene Arten von Herrschafts-, also Organisationsstrukturen miteinander kombiniert. Das k\u00f6nnen beispielsweise Hierarchien von oben nach unten oder die repr\u00e4sentative Beteiligung von unten nach oben sein (beide sind vertikal) sowie Dynamiken unter Gleichrangigen (diese sind horizontal). In einer Heterarchie k\u00f6nnen Menschen sozial achtsame Autonomie erreichen, indem sie in einem System <i>mehrere<\/i> Governance-Formen miteinander kombinieren. So kann es <i>innerhalb<\/i> einer Heterarchie durchaus hierarchische Strukturen geben. Heterarchien sind also nicht einfach verteilte Organisationsformen unter Gleichrangigen; die oft an Strukturlosigkeit leiden. Sie sind auch nicht einfach das Gegenteil von Hierarchie. Vielmehr handelt es sich um eine Mischform, die mehr Offenheit und Flexibilit\u00e4t verspricht sowie demokratische Teilhabe und F\u00f6derationerm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><b>Ich-in-Bezogenheit:<\/b> Sie beschreibt das existenzielle, gegenseitige Voneinanderabh\u00e4ngigsein von Menschen sowie zwischen Menschen und der Welt, die uns hervorbringt. Von Ich-in-Bezogenheit zu sprechen statt vom \u00bbIndividuum\u00ab erkennt an, dass die Wurzeln unserer Identit\u00e4ten, Talente und Ambitionen letztlich in diesen Beziehungen liegen. Wer sich als Ich-in-Bezogenheit begreift, wird ein Bewusstsein daf\u00fcr entwickeln, dass Eigeninteressen und kollektive Interessen nicht gegens\u00e4tzlich sind, sondern miteinander in Einklang gebracht werden k\u00f6nnen. Das Ich-in-Bezogenheit steht im Gegensatz zum menschlichen Ideal, das in modernen, s\u00e4kularen Gesellschaften hochgehalten wird, n\u00e4mlich, dass das Leben einer jeden Person von ihren eigenen Leistungen und Bet\u00e4tigungen definiert ist, frei von den Verbindungen ihrer Gemeinschaften, ihrer Geschichte, ihrer Ethnizit\u00e4t, ihrer Rasse, ihrer Religion, ihres Geschlechts usw. Das \u00bbisolierte Ich\u00ab wird vom <i>Homo oeconomicus<\/i>, dem in den Wirtschaftswissenschaften verwendeten Modell des Menschen, perfekt dargestellt: eine Person, die ihr Eigeninteresse verfolgt, rational ist, ihren Nutzen maximiert und absolut autonom ist. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Freiheit-in-Bezogenheit,<br \/>\n<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ubuntu-Rationalit\u00e4t]<\/p>\n<p><b>Interoperabilit\u00e4t:<\/b> So nennt sich die M\u00f6glichkeit, verschiedene Werkzeuge, Rechensysteme oder technologische Produkte zusammenzuschalten, nahtlos miteinander zu verbinden und zur Zusammenarbeit zu bringen, ohne dass ein spezifisches Design daf\u00fcr erforderlich w\u00e4re. Per Definition wird Interoperabilit\u00e4t durch bestimmte Datenformate, Protokolle und offene Standards erm\u00f6glicht, etwa durch ASCII (Amerikanischer Standard-Code f\u00fcr den Informationsaustausch), ein Standard f\u00fcr die elektronische Kommunikation. Interoperabilit\u00e4t unterst\u00fctzt m\u00f6glichst reibungsarme Arbeitsabl\u00e4ufe in Netzwerkumgebungen und ist daher wichtig f\u00fcr die kosmo-lokale Produktion. Wenn Interoperabilit\u00e4t durchgesetzt wird, hilft das, einzelne Akteure daran zu hindern, sich ein Monopol zu sichern oder durch die Kontrolle von Designstandards tats\u00e4chlich Kontrolle \u00fcber Andere auszu\u00fcben.<\/p>\n<p><b>Intra-Aktion:<\/b> Sie beschreibt, wie im und aus dem Zusammenwirken Einzelner eine neue \u00bbHandlungskompetenz-durch-Bezogensein\u00ab geschaffen wird, \u00fcber die sie als Einzelne nicht verf\u00fcgen. Das Konzept wurde von der Physikerin und Philosophin Karen Barad eingef\u00fchrt. Wenn zwei Einheiten intra-agieren, entsteht ihre F\u00e4higkeit zu agieren <i>aus der Beziehung selbst heraus<\/i>, nicht als Funktion der einzelnen daran beteiligten Individuen. Die Handlungskompetenz-durch-Bezogensein ver\u00e4ndert sich und passt sich st\u00e4ndig an, so wie die Beziehung dies selbst tut. Dieses Konzept ist hilfreich, um allzu einfache Erkl\u00e4rungen von Ursache und Wirkung zu \u00fcberwinden. Es macht uns bewusst, dass die \u00bbVerantwortung\u00ab f\u00fcr Handeln unter intra-agierenden Einheiten verteilt ist, von denen jede etwas Unterschiedliches anstrebt und eine unterschiedliche Kraft entfaltet. Aus einer Perspektive der Intra-Aktivit\u00e4t erweisen sich Vorstellungen wie der Dualismus von Subjekt und Objekt, die lineare Zeit und die Handlungskompetenz von Einzelnen als unvollst\u00e4ndig und irref\u00fchrend. Sie verm\u00f6gen nicht zu erkl\u00e4ren, wie sich komplexe Prozesse in der Welt vollziehen. [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Emergenz]<\/p>\n<p><b>Komplexe adaptive Systeme: <\/b>Sie sind selbstorganisierende, selbstheilende, lebendige Systeme, etwa das Gehirn, Zellen, Ameisenkolonien, aber auch sozio-\u00f6kologische Systeme, Internetgemeinschaften und viele Commons. Der Begriff wird in systemtheoretischen soziologischen Ans\u00e4tzen, in der Evolutionswissenschaft, der Chemie, der Biologie und der Physik verwendet. Er hilft, Commons als ganzheitliche, nicht-lineare und interaktive sowie intra-aktivePh\u00e4nomene zu begreifen. Handelnde im freien Zusammenspiel, die auf der lokalen Ebene agieren und dabei einfachen Prinzipien folgen, k\u00f6nnen sich ohne vorab feststehende Endziele oder ein Wissen der Gesamtsituation in komplexeren Systemen \u00bbselbst organisieren\u00ab (und sogar gemeinsam neue lebendige Systeme erzeugen, was die Biologin Lynn Margulis als \u00bbSymbiogenese\u00ab bezeichnete).<sup>43<\/sup><\/p>\n<p><b>Konviviale Werkzeuge:<\/b> Als Begriff wurden sie von Ivan Illichs Werk <i>Tools for Conviviality<\/i> (1973, Deutsch: <i>Selbstbegrenzung: eine politische Kritik der Technik<\/i>, 1975) inspiriert. Er bezieht sich auf Werkzeuge, Technologien und Infrastrukturen, deren Nutzung unsere Kreativit\u00e4t und Selbstbestimmung f\u00f6rdert, etwa allgemein einsetzbare und anpassbare Bauwerkzeuge oder die Commoning-Muster, die wir in Teil II vorschlagen, oder auch quelloffene Software sowie digitale Tools, in denen sie zum Einsatz kommt wie etwa OpenStreetMap.<sup>44<\/sup> Warum konviviale Werkzeuge wichtig sind, wusste Marshall McLuhan treffend auszudr\u00fccken: \u00bbWir gestalten unsere Werkzeuge, und danach gestalten unsere Werkzeuge uns.\u00ab Ein Werkzeug ist konvivial, wenn Menschen Zugang zur Gestaltung und zum Wissen haben, die n\u00f6tig sind, um es zu kreieren, wenn es die kreative Anpassung an die eigenen Umst\u00e4nde erm\u00f6glicht und wenn es im spezifischen lokalen Kontext angemessen ist. (Sind geeignete Materialien und Fertigkeiten verf\u00fcgbar? Ist es mit der lokalen Topographie und Kultur kompatibel? Denken Sie etwa an Maschinen aus der Landwirtschaft?) Konviviale Werkzeuge sind grunds\u00e4tzlich erm\u00e4chtigend, denn sie helfen Menschen, ihre eigenen Priorit\u00e4ten zu setzen, Neues zu lernen und neue F\u00e4higkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Au\u00dferdem befreien sie uns von propriet\u00e4ren \u00bbgeschlossenen\u00ab Tools, die pers\u00f6nliches Lernen, gemeinsames Nutzen, Modifizieren und Wiederverwenden beeintr\u00e4chtigen. Allerdings kann die Verwendung von konvivialen Werkzeugen zeitlich aufw\u00e4ndig und daher in manchen Situationen unpraktisch sein.<\/p>\n<p><b>Kosmo-lokale Produktion:<\/b> So nennt man ein System des bed\u00fcrfnisorientierten Schaffens und Bereitstellens, in dem Menschen \u00bbleichte\u00ab Dinge wie Wissen und Design \u00fcber das Internet anderen zur Verf\u00fcgung stellen und gemeinsam nutzen, auch durch Lernen mit Gleichrangigen, jedoch \u00bbschwere\u00ab physische Dinge wie Maschinen, Autos, Wohnraum, M\u00f6bel und elektronische Ger\u00e4te vor Ort bauen. Die kosmo-lokale Produktion erm\u00f6glicht es, die Kosten von durch Patente oder Markenzeichen gesch\u00fctztes propriet\u00e4reres Design zu vermeiden. Sie erlaubt es auch, Produktionskosten zu senken, und zwar durch die Verwendung preisg\u00fcnstigerer lokal beschaffbarer Materialien und durch Modulentw\u00fcrfe, die Interoperabilit\u00e4terlauben, was wiederum das Beitragen &amp; Weitergebenerleichtert.<\/p>\n<p><b>Lebendigkeit:<\/b> Sie beschreibt Leben und Lebendigsein als fundamentale Kategorien f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber die Welt und die Erschaffung von Welten. Damit werden Gef\u00fchle, Subjektivit\u00e4t und Sinnstiftung \u2013 samt ihren folgenreichen Kr\u00e4ften in der Evolution \u2013 zu Dimensionen, die die empirische Wissenschaft anerkennen muss. Lebendigkeit ist eine Schl\u00fcsselidee in der \u00d6kophilosophie (Andreas Weber), der Mustertheorie (Christopher Alexander) und in den Commons.Sie wird unter anderem durch Ubuntu-Rationalit\u00e4t, (F\u00fcr-)Sorgeund die Verwendung konvivialer Werkzeugegen\u00e4hrt.<\/p>\n<p><b>Markt-Staat:<\/b> M\u00e4rkte und Staaten werden oft als gegens\u00e4tzlich betrachtet. Wer nicht \u00bbmehr Markt\u00ab will, steht fast reflexartig im Verdacht, \u00bbmehr Staat\u00ab zu wollen. Dabei ist staatliches Handeln \u00bbdem Markt\u00ab tief verpflichtet, und beide Bereiche sind stark voneinander abh\u00e4ngig. Zudem verfolgen machtvolle Akteure in Markt und Staat eine gemeinsame Idee. Sie sehen Wirtschaftswachstum, Individualismus und technologische Innovation als Triebkr\u00e4fte des Fortschritts. Am kapitalorientierten Markt werden vom Staat Subventionen, rechtliche Privilegien oder Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Forschung erwartet. Der Staat soll die sogenannten \u00bbExternalit\u00e4ten\u00ab mindern, die kapitalistische M\u00e4rkte hervorbringen, so wie Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit. Staatliches Handeln wiederum ist vom \u00bbWohl und Wehe des Marktes\u00ab als Quelle von Steuereinnahmen und Arbeitspl\u00e4tzen abh\u00e4ngig und n\u00fctzt Marktmacht als geopolitisches Einflussinstrument. Statt Markt <i>versus<\/i> Staat, scheinen beide oft wie siamesische Zwillinge aneinander gebunden. Daher sprechen wir vom Markt-Staat.<\/p>\n<p><b>Muster:<\/b> Sie sind eine M\u00f6glichkeit, die Natur der Ordnung in der Welt zu verstehen. Sie helfen uns, strukturelle Regelm\u00e4\u00dfigkeiten und Beziehungen zwischen verschiedenen Ph\u00e4nomenen in \u00e4hnlichen Kontexten (etwa Commoning) zu identifizieren. Muster sind keine Prinzipien, die oftmals Kontext und Genese ignorieren. Ihre Ableitung erfolgt nicht nur \u00fcber den Verstand, sondern auch \u00fcber Resonanzempfinden. Muster menschlicher Interaktionen filtern die Essenz verschiedener L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme heraus, die in \u00e4hnlichen Kontexten immer wiederkehren. Der Erfolg dieser L\u00f6sungen best\u00e4tigt sich in der Praxis. So sind beispielsweise Commonersimmer mit der Herausforderung konfrontiert, Vertrauen aufzubauen, Entscheidungen zu treffen, in denen sich alle wiederfinden, und so mit Geld umzugehen, dass es n\u00fctzt und nicht schadet. Muster sind offen und stets mit anderen Mustern verbunden. Keines ist in sich vollst\u00e4ndig. Wird ein Feld systematischer \u00bbgemustert\u00ab und werden diese Muster miteinander verbunden, dann entsteht eine Mustersprache[<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>Vokabular]<\/p>\n<p><b>Naturverbundensein:<\/b> Sie beschreibt unsere Beziehungsvielfalt zur Mehr-als-menschlichen-Welt: vom ungl\u00e4ubigen Staunen zur unbedingten Abh\u00e4ngigkeit, zum Teil-Sein. Sich dessen bewusst zu werden verwandelt unser Verst\u00e4ndnis von der Mensch-Natur-Beziehung, und zwar weg vom \u00f6konomistischen Bezugsrahmen (z.B. \u00bbRessourcenmanagement\u00ab oder Finanzialisierung der \u00bbDienstleistungen der Natur\u00ab) und hin zu einem Verst\u00e4ndnis, das den intrinsischen Wert der Mehr-als-menschlichen-Welt respektiert. Sich unseres Naturverbundenseins gewahr zu werden, bringt Dankbarkeit, Respekt und auch Verehrung mit sich. Kurz: Klarheit dar\u00fcber, dass es Vieles gibt, das uns heilig sein sollte und nicht unterschiedslos wirtschaftlich verwertet werden kann.<\/p>\n<p><b>Nutzungseinschr\u00e4nkungen<\/b> (engl. <i>stint<\/i>): Das sind Zugangsregeln, um \u00dcbernutzung oder Missbrauch einer Sache zu verhindern. In Subsistenzkulturen gibt es oft h\u00f6chst spezifische Regelungen daf\u00fcr, wie und wann eine Person Holz aus dem Wald oder Schilf aus einem Feuchtgebiet ernten darf. Die Bewirtschaftung eines \u00bbCommons mit Nutzungseinschr\u00e4nkungen\u00ab sch\u00fctzt also die Kapazit\u00e4ten eines nat\u00fcrlichen Systems, sich zu erneuern. \u00bbOhne Nutzungseinschr\u00e4nkungen gibt es keine wahren Commons\u00ab, schreibt Lewis Hyde.<sup>45<\/sup> [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba\u2009<\/span>Obergrenze setzen bzw. Deckeln]<\/p>\n<p><b>Obergrenze setzen<\/b> bzw. <b>Deckeln:<\/b> Das bedeutet \u2013 bezogen auf endliche, ersch\u00f6pfbare und r\u00e4umlich begrenzte Verm\u00f6genswerte \u2013, ein absolutes Limit zu bestimmen, welches bestimmt, wie viel Land, Holz, Wasser etc. von Menschen in einem bestimmten Zeitraum maximal entnommen werden d\u00fcrfen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Fl\u00e4che und Raum: in den Alabama Hills bei Lone Pine in Kalifornien k\u00f6nnen Sie zwei Wochen mit dem Zelt oder Camping-Mobil parken. Kostenlos, aber begrenzt. Eine Obergrenze macht deutlich, dass nicht alle tun d\u00fcrfen, was sie wollen, oder entnehmen d\u00fcrfen, so viel sie wollen. Sie ist notwendig, um \u00dcbernutzung zu vermeiden. Obergrenzen gibt es sowohl in englischen Commonsim Mittelalter (\u00bbNutzungseinschr\u00e4nkungen\u00ab)als auch in modernen Instrumenten der Global Governance (sowohl beim sogenannten Cap &amp; Trade, dem Grundprinzip des Emissionsrechtehandels als auch beim \u2013 aus unserer Sicht \u2013 gerechteren Vorschlag des Cap &amp; Share (\u00bbDeckeln und Aufteilen\u00ab), wie im Sky Trust skizziert.<sup>46<\/sup><\/p>\n<p><b>Onto-Story:<\/b> Kurzwort f\u00fcr ein ontologisches Narrativ [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ontologie].<\/p>\n<p><b>Ontologie:<\/b> Das ist die Lehre von den Grundannahmen \u00fcber die Natur und Struktur des Seins. Eine Ontologie ist ein Seinsverst\u00e4ndnis, eine Art \u00bbVerfassungsordnung\u00ab der Weltanschauung eines Menschen. Seinsverst\u00e4ndnisse sind die Fenster, durch die wir die Welt betrachten und bestimmen, die Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Ist die Welt in Menschheit und Natur, in Individuen und Kollektive unterteilt? Sind die \u00bbDinge\u00ab statisch oder st\u00e4ndig im Werden? Wenn wir wahrnehmen und beschreiben, dann gr\u00fcndet dies auf unseren Antworten auf solche Fragen. Deswegen bestimmt das Seinsverst\u00e4ndnis, was wir denken k\u00f6nnen und was nicht. Und was wir nicht denken k\u00f6nnen, das existiert nicht. Wer sich in moderner Politik engagiert, tut dies typischerweise mit einem anderen Seinsverst\u00e4ndnis als beispielsweise Menschen aus indigenen Kulturen (die Natur, Menschen und fr\u00fchere und zuk\u00fcnftige Generationen als integriertes Ganzes betrachten). Dies legt nahe, dass dieOnto-Storys, an die wir glauben, folgenreich sind. Sie pr\u00e4gen, welche soziale, wirtschaftliche und politische Ordnung uns plausibel und attraktiv erscheint und welche nicht.<\/p>\n<p><b>Onto-Wandel:<\/b> Er bezeichnet eine Verschiebung des (eigenen) Seinsverst\u00e4ndnisses [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Ontologie] \u2013 das hei\u00dft, der grundlegenden Annahmen \u00fcber das (Mensch-)Sein, die Natur und die Struktur der Wirklichkeit. Seinsverst\u00e4ndnisse sind tief verankert. Sie spiegeln sich in unseren Wahrnehmungen, unserer Art, in der Welt zu sein und folglich auch darin, welche politische \u00d6konomie und Koordinationsstrukturen wir f\u00fcr m\u00f6glich und w\u00fcnschenswert halten. Ein Onto-Wandel ist Voraussetzung f\u00fcr eine tiefgreifende Ver\u00e4nderung der politischen, \u00f6konomischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse. Kurz: der Kultur.<\/p>\n<p><b>Peer Governance:<\/b> Sie ist bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige. Es ist jener Bereich des Commoning, der beschreibt, wie Menschen Entscheidungen treffen, Grenzen ziehen, Regeln durchsetzen und mit Konflikten umgehen \u2013 sowohl innerhalb einzelner Commonsals auch zwischen verschiedenen Commons. Der Begriff bezeichnet weder das Regieren <i>f\u00fcr<\/i> die Menschen noch das Regieren <i>mit<\/i> den Menschen (vgl. Partizipation), sondern Regieren <i>durch<\/i> die Menschen. Grundlage ist, dass Individuen einander alsGleichrangigebetrachten, nicht als Gegnerinnen und Gegner, die miteinander um die Kontrolle oder \u00dcbernahme der Macht konkurrieren. Aufbauend auf den Designprinzipien von Elinor Ostrom ist bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige ein Schl\u00fcsselkonzept. Es gibt kein Commoningohne Peer Governance.<\/p>\n<p><b>Peer-to-Peer-Netzwerke<\/b> (auch P2P-Netzwerke): So nennt man eine Organisationsform, die genutzt wird, um in nicht-hierarchischer Art und Weise Commonsherzustellen. Das Internet und digitale Technologien haben bedeutende Peer-to-Peer-Netzwerke hervorgebracht. Diese Beteiligten haben sich der freien und quelloffenen Software [<span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009FOSS], verschiedenen Wikis u.a. der Wikipedia, gemeinsamen Archiven sowie globalen Design- und Produktionsgemeinschaften verschrieben. Als verteilte Netzwerke, die jedem Knoten erm\u00f6glichen, sich direkt mit jedem anderen Knoten zu verbinden, erlauben Peer-to-Peer-Netzwerke kreative Formen der Zusammenarbeit, die in zentralisierten Netzwerken, in denen alle Knoten durch eine einzige Drehscheibe kommunizieren m\u00fcssen, oder in dezentralisierten Netzwerken, in denen alle Knoten durch irgendeine Art Drehscheibe kommunizieren m\u00fcssen, schlichtweg nicht m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p><b>Pflegnutzen<\/b> ist eine T\u00e4tigkeit, die dann im Zentrum von Commoning steht, wenn Dinge eine Rolle spielen, die sich verbrauchen. Die Verbindung von \u00bbpflegen\u00ab und \u00bbnutzen\u00ab dr\u00fcckt aus, dass mit dem Nutzen einer bestimmten Lebensquelle Verantwortung nicht nur mit ihr einher-, sondern ihr vorausgeht. Im \u00bbW\u00f6rterbuch des Menschen\u00ab \u2013 Begriffe f\u00fcr das gute Leben, hei\u00dft es richtig: \u00bbKonsequentes Pflegnutzen schlie\u00dft \u00dcbernutzung aus\u00ab (in <i>Oya<\/i> 40\/2016: https:\/\/oya-online.de\/article\/read\/2516.html?omit_overlay=587fd2eb4aa15).<\/p>\n<p><b>Pluriversum:<\/b> ein Weltverst\u00e4ndnis, nach dem zahllose Gruppen ihre eigenen unverwechselbaren kulturellen Eigenheiten immer wieder neu schaffen, woraus je eigene Welten entstehen. Dieser Begriff ist notwendig, weil viele Krisen der Gegenwart aus dem Glauben r\u00fchren, dass eine <span style=\"font-size: xx-small;\">\u25ba<\/span>\u2009Eine-Welt-Welt,eine Art einzige euro-moderne Realit\u00e4t, existiert. Zu sagen, die Welt sei ein Pluriversum, beinhaltet, dass es nicht nur eine einzige Quelle des Daseins gibt und dass kein Wissenssystem anderen inh\u00e4rent \u00fcberlegen ist. Ein Pluriversum ist \u00bbeine Welt, in die viele Welten passen\u00ab, wie die Zapatisten im S\u00fcden Mexikos sagen. Dies weist auf eine Problematik hin: Wie k\u00f6nnen die verschiedenen Gesellschaften akzeptieren und damit umgehen, dass \u00bbviele Welten\u00ab auf einem einzigen Planeten gleichzeitig vorhanden sein m\u00fcssen?<\/p>\n<p><b>Poolen:<\/b> Das bezeichnet eine Form des Beitragenszu einem gemeinsamen Fonds jedweder Art. Die Beitr\u00e4ge werden bis zu einer bestimmten, ben\u00f6tigten Gesamtmenge geb\u00fcndelt beziehungsweise zusammengetragen und sind dann f\u00fcr einen bestimmten Zweck verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p><b>Preissouver\u00e4nit\u00e4t:<\/b> Sie bedeutet, in der Lage zu sein, Marktbedingungen \u2013 auch Preise \u2013 nicht zu akzeptieren. Commonerserreichen \u00bbPreissouver\u00e4nit\u00e4t\u00ab durch eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit von M\u00e4rkten, indem sie transparent und in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten die Konditionen des Austauschs selbst bestimmen. Wenn sie preissouver\u00e4n sind, k\u00f6nnen sie sich daf\u00fcr entscheiden, die Bed\u00fcrfnisse von Menschen kostenlos oder zu geringeren als Marktpreisen zu befriedigen. Dies gibt ihnen strategische Macht und Autonomie gegen\u00fcber dem Druck des Marktes und staatlichem Zwang. Da Commoners sich tendenziell von M\u00e4rkten <i>zur\u00fcckziehen<\/i> und nicht versuchen, sie zu beherrschen, bedeutet \u00bbPreissouver\u00e4nit\u00e4t\u00ab kein wettbewerbswidriges Verhalten im Sinne des Kartellrechts.<\/p>\n<p><b>Pseudo-Commons:<\/b> kooperative Aktivit\u00e4ten, die zwar Commons\u00e4hneln, aber keine sind. H\u00e4ufig werden sie von Unternehmen, staatlichen Einrichtungen oder Investmentgruppen betrieben oder kontrolliert. Facebook ist ein prominentes Beispiel. Es ist eine propriet\u00e4re Plattform zum Teilenbzw. Weitergeben von Informationen, die nicht \u2013 wie in Commons \u2013 von den Nutzenden selbst kontrolliert wird. Zudem werden die Daten der Nutzerinnen- und Nutzer zur Ware gemacht. Digitale Plattformen wie AirBnB und Uber geben vor, das \u00bbTeilen\u00ab bzw. die \u00bbgemeinsame Nutzung\u00ab zu f\u00f6rdern, sind jedoch tats\u00e4chlich kapitalgetriebene Unternehmen und keine Commons. Vertragsbeziehungen mit beiderseitigen Vorteilen, etwa Patentpools unter Pharmaherstellern, sind ebenfalls Pseudo-Commons. Sie werden meist f\u00fcr bestimmte kommerzielle Zwecke organisiert und nicht als langfristige Vereinbarungen zwischen allen Beteiligten und Betroffenen, um langfristig die Vorz\u00fcge einer (f\u00fcr-)sorgenden Bewirtschaftung zu teilen.Diese Unterscheidungen sind wichtig, weil Unternehmen h\u00e4ufig das Vokabular der Commons nutzen \u2013 insbesondere die Begriffe \u00bbTeilen\u00ab und \u00bbGemeinschaft\u00ab und so ihre wirklichen Interessen verschleiern. Es geht also nicht um Commons, sondern um Pseudo-Commons oder Commons-Washing.<\/p>\n<p><b>Relationale Ontologie:<\/b> Sie beschreibt ein Seinsverst\u00e4ndnis, das davon ausgeht, dass die Beziehungen zwischen Einheiten grundlegender sind als die Einheiten selbst und dass sich lebendige Systeme durch ihre Interaktionen und Intra-Aktionenentwickeln. Commonsbasieren \u2013 als soziales System, in dem Menschen zusammenkommen, um zusammenzuarbeiten und sich zu versorgen \u2013 auf einer relationalen Ontologie. Dies steht im Kontrast zu einer Weltsicht, die die Grundlage des Marktkapitalismus bildet. Danach basiert die Welt auf \u00bbSelfmade\u00ab-Individuen, weitgehend getrennt von ihren prim\u00e4ren Beziehungen hinsichtlich Geschichte, Religion, Ethnizit\u00e4t, Geografie, Geschlecht etc. Ein relationales Seinsverst\u00e4ndnis erfordert relationale Kategorien, etwa Ich-in-Bezogenheitoder Ubuntu-Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p><b>Sch\u00f6pferische Prozesse<\/b> sind sondierende, schrittweise und sich allm\u00e4hlich entfaltende Prozesse, die Lebendigkeit erzeugen. Diese Prozesse sind dynamisch, anpassungsf\u00e4hig, immer unvollst\u00e4ndig und stets im Werden. Sie sind selbst lebendig. Und doch enthalten sie ein bewusstes, planvolles Vorgehen (etwa auf die Schritt <i>folge<\/i> zu achten). Sie stehen im Gegensatz zu Prozessen, in denen nach vorab festgelegten Pl\u00e4nen und Zielvorstellungen klar definierte Ergebnisse produziert werden. Ein sch\u00f6pferischer Prozess ist die einzige M\u00f6glichkeit, widerstandsf\u00e4hige Strukturen zu erzeugen und Beziehungen zu vertiefen, denn er ist lebendig, und nur lebendige Prozesse k\u00f6nnen lebendige Systeme hervorbringen. Wenn etwas nach Kostenvorgaben oder dem Bausatzprinzip hergestellt wird, ist das im Grunde ein Fabrizieren, kein sch\u00f6pferisches Herstellen. Es ist tot. Was auch immer \u00bbgesch\u00f6pft\u00ab worden ist, schafft eine tiefere Resonanz sowie ein Gef\u00fchl von Ganzheit.<sup>47<\/sup>Das Zusammenwirken, aus dem dieses Buch entstanden ist \u2013 nicht nur zwischen der Ko-Autorin und dem Ko-Autor, sondern auch mit Kolleginnen, Designerinnen, Lektoren, Testlesenden und vielen anderen mehr \u2013 war selbst ein sch\u00f6pferischer Prozess. Alle Beteiligten und auch die Ideen selbst haben sich in diesem Prozess ver\u00e4ndert und sind gereift.<\/p>\n<p><b>Situiertes Wissen:<\/b> Es bezieht sich auf das intuitive, verk\u00f6rperte Expertenwissen und auf praktisches Know-how, das vom Leben und Arbeiten in einem bestimmten Bereich r\u00fchrt. Wenn Menschen einen Prozess oder eine Landschaft langfristig und intensiv beobachten und damit interagieren, wenn sie in einer bestimmten Geographie gro\u00df werden und deren Eigenheiten aufnehmen, wenn sie sich einen bestimmten Arbeitsbereich in Auseinandersetzung mit Anderen auf ihre spezifische Weise erschlie\u00dfen, entwickeln sie eine enorme Vertrautheit mit diesen Themen und ihren Kontexten, die aus B\u00fcchern allein nicht zu bekommen ist.<\/p>\n<p><b>Sorgendes und selbstbestimmtes Wirtschaften: <\/b> Wenn Bed\u00fcrfnisse durch Commonserf\u00fcllt werden, spricht man von \u00bbcommons provisioning\u00ab; dabei handelt es sich um ein <i>bed\u00fcrfnisorientiertes Schaffen und Bereitstellen <\/i> von all dem, was zum Leben gebraucht wird.<i><\/i>Die Wendung bietet eine Alternative zu \u00bbProduktion\u00ab, die \u2013 egal ob kapitalistisch oder sozialistisch \u2013 auf die Herstellung von Waren fokussiert, auf Preise und Effizienz (auch wenn die Effizienzverst\u00e4ndnisse unterschiedlich sind). Zudem werden Kosten ausgelagert, die mit der Produktion verbunden sind. So wird die Herstellung von G\u00fctern von nicht marktlichen Bereichen wie Familie, Gemeinschaft und (F\u00fcr-)Sorgeabgetrennt. Sorgendes und selbstbestimmtes Wirtschaften integriert tendenziell alle Aspekte \u2013 auch soziale, \u00f6kologische und ethische. Es findet \u00fcberall statt, wo gemeinsam Nutzbares geschaffen sowie die Ergebnisse anders zugeordnet und verteilt werden als in der Markt- oder Planwirtschaft [vgl. die Muster in Kapitel 6].<\/p>\n<p><b>Teilen:<\/b> Dies ist eine allgemeine Bezeichnung f\u00fcr eine Form der Zuteilung, die nicht auf Gegenseitigkeit (Reziprozit\u00e4t) beruht. Je nachdem, was und wie \u00bbgeteilt\u00ab wird, unterscheiden wir: Aufteilen,Gemeinsam NutzenundWeitergeben. Allen drei Formen geht in der Regel das Beitragen (Poolen) voraus.<\/p>\n<p><b>Aufteilen<\/b> bezieht sich, im Gegensatz zu Weitergeben, auf Dinge, die sich abnutzen oder weniger werden, wenn wir sie teilen: Lebensmittel, Geld, Gegenst\u00e4nde, Land, Fahrr\u00e4der, Werkzeuge und vieles mehr. Diese nicht-reziproke Form der Zuteilung kennen wir aus dem Alltag mit Familienmitgliedern, Freunden, aber auch Fremden, aus kleineren Gruppen sowie gr\u00f6\u00dferen Netzwerken. Kern ist: der Vorteil jeder einzelnen Person wird nicht exakt berechnet.<\/p>\n<p><b>Gemeinsam nutzen<\/b> (auch: gemeinsam pflegnutzen) kann sich auf Dinge beziehen, die sich abnutzen und verbrauchen, sowie auf solche, die mehr werden, wenn wir sie teilen. Die gemeinsame Nutzung ist dann entweder ohnehin unproblematisch \u2013 oder sie wird gemeinsam geregelt. So ist eine zeitliche Staffelung sinnvoll oder die Nutzung des Gleichen zu unterschiedlichen Zwecken, die eine den Orangensaft, der andere die Orangenschale. Auch k\u00f6nnen sich Beteiligte an einem Gemeinschaftsgarten den Zugang zu Wasser und das Werkzeug teilen \u2013 nacheinander.<\/p>\n<p><b>Weitergeben<\/b> bezieht sich, im Gegensatz zu Aufteilen,auf das, was mehr wird, wenn wir es teilen, so wie Wissen, Informationen, Ideen, Code, Design. Es ist die Praxis des freiwilligen, nicht-reziproken Transfers, wie sie beispielsweise in FOSS-Gemeinschaften zu beobachten ist. Weitergeben unterscheidet sich vom Aufteilen, weil dabei im Allgemeinen der Nutzwert dessen steigt, was weitergegeben wurde. Weitergeben ist von der \u00bbSharing Economy\u00ab zu unterscheiden. Bei Letzterer geht es in der Regel nicht um Weitergeben, sondern um Vermietungen und kommerzielle Lizenzierungen im Mikroma\u00dfstab.<\/p>\n<p><b>Ubuntu-Rationalit\u00e4t:<\/b> Sie beschreibt eine Handlungsrationalit\u00e4t, die die Verbindungen zwischen den Interessen der Einzelnen und dem Wohlergehen der je Anderen anerkennt. Sie verweist auf eine Dynamik, in der meine Entfaltung die Entfaltung der Anderen voraussetzt und umgekehrt. Der Begriff bildet somit einen Kontrapunkt zu einer Handlungsorientierung, in der es als \u00bbvern\u00fcnftig\u00ab (rational) gilt, auf Kosten anderer zu handeln: beispielsweise zu expandieren, so dass Andere schrumpfen; mehr zu exportieren, obwohl das die Defizite der Handelspartner erh\u00f6ht; h\u00e4rter zu konkurrieren, auch wenn dies die Anderen in die Knie zwingt. Wenn Menschen lernen, sich alsIch-in-Bezogenheitzu betrachten, als pluriversalesB\u00fcndel an Beziehungen mit der Welt, beginnen sie, im Sinne der Ubuntu-Rationalit\u00e4t zu handeln. <i>Ubuntu<\/i> ist ein Begriff aus verschiedenen Bantu-Sprachen in S\u00fcdafrika, der die tiefgreifende gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit zwischen \u00bbmir\u00ab und \u00bbdem\/der anderen\u00ab benennt.<\/p>\n<p><b>Umlegen:<\/b> Das bedeutet, sich an einem gr\u00f6\u00dferen kollektiven Vorhaben zu beteiligen, das einen dauerhaften sozialen Zweck erf\u00fcllt, zun\u00e4chst etwas beizutragen und im Gegenzug einen je spezifischen Vorteil zu genie\u00dfen. Dabei erhalten die Beteiligten weder alle das Gleiche noch unbedingt einen vergleichbaren Wert f\u00fcr das, was sie geben, wie das (vermeintlich) bei einer Markttransaktion der Fall ist. Sie erhalten typischerweise einen vereinbarten Vorteil, bezogen auf ihre Bed\u00fcrfnisse oder andere Kriterien. Was ausgesch\u00fcttet bzw. verteilt wird, ist sozial vereinbart und basiert oft auf unterschiedlichen Einlagen und vorgegebenen Formeln. Versicherungsgemeinschaften und Sozialversicherungsfonds sind klassische Beispiele. Wie auch immer der Prozess des Umlegens strukturiert ist \u2013 alle Beteiligten sollten ein Mitspracherecht in der Vereinbarung des Verfahrens haben. Es handelt sich beim Umlegen um eine \u00bbvon Gleichrangigen bestimmte Gegenseitigkeit\u00ab, eine spezifische Form der behutsam ausge\u00fcbten Gegenseitigkeit.<\/p>\n<p><b>Vernakul\u00e4res Recht:<\/b> ein Recht informellen, inoffiziellen Ursprungs. Es fungiert als Instrument einer lokal verankerten moralischen Autorit\u00e4t und sozialen Ordnung. Vernakul\u00e4re Rechtsformen selbst m\u00f6gen moralisch gut sein oder auch nicht; im Unterschied zu staatlichem Recht reflektieren sie nicht die jeweiligen Anliegen der dominierenden Wirtschaftsweise, der Staatsmacht und der damit einhergehenden Rechtsauffassungen. Gepflogenheiten <i>fungieren<\/i> als vernakul\u00e4res Recht. Sie bringen vielfach die praktischen Urteile, die ethische Weisheit und das situierte Wissenvon Menschen, die an einem bestimmten Ort oder in bestimmten Umst\u00e4nden verwurzelt sind, zum Ausdruck.<\/p>\n<p><b>Vokabular:<\/b> So nennen wir ein lebendiges Universum von Bedeutungen, das durch einzelne W\u00f6rter und Begriffe kommuniziert wird. Ein \u00bbVokabular\u00ab ist keine Taxonomie. Es ist nicht hierarchisch klassifiziert. Der aus dem Lateinischen \u00bbvocabularium\u00ab stammende Begriff wird h\u00e4ufig als \u00bbWortliste<i><\/i>mit Erkl\u00e4rungen\u00ab beschrieben. Jedoch enth\u00fcllt ein n\u00e4herer Blick, wie Vokabulare tats\u00e4chlich funktionieren: wie ein Feld, in dem sich eine permanent in Ver\u00e4nderung befindliche Sammlung von W\u00f6rtern und Begriffen gruppiert. In der Anordnung dieser W\u00f6rter und Begriffe zeigt sich ein zumeist verborgenes Netz von logischen und semantischen Beziehungen. Ein konsistentes, gemeinsames Vokabular beleuchtet nicht nur die vielf\u00e4ltigen Beziehungen zwischen W\u00f6rtern und Begriffen. Es hilft uns auch, Erfahrungen und Wissen an andere weiterzugeben. (Das ist der Grund dieses Vokabulars.)<\/p>\n<p><b>Wertsouver\u00e4nit\u00e4t:<\/b> So bezeichnet man das Bestreben der meisten Commons,die innerhalb des Markt\/Staat-Systems existieren und damit durch Einhegunggef\u00e4hrdet sind, die eigene Identit\u00e4t zu sch\u00fctzen und die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die erzeugten Verm\u00f6genswerte zu behalten.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Teil II: Commons Verstehen und Leben&#8220; tab_id=&#8220;Teil2&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Teil II \u2014 Commons verstehen und leben<\/h2>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<h4>Die Triade des Commoning<\/h4>\n<p>In den letzten Jahren wurden bereits viele Wege beschritten, um Commons m\u00f6glichst pr\u00e4zise zu fassen, doch noch immer fehlt eine geeignete Karte zur Bestimmung und Orientierung. Eine solche Karte m\u00fcsste zwei Dinge leisten, um hilfreich zu sein: das Ph\u00e4nomen in unseren gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen verorten und drei Perspektiven auf das Thema miteinander verkn\u00fcpfen. Entsprechend f\u00e4nden sich in der Legende einer solchen Karte drei verschiedene Wege: zun\u00e4chst jene, die die subjektive Seite des Commoning erschlie\u00dfbar machen, also das Miteinander, den Alltag und das Empfinden. Dann g\u00e4be es Wege zur selbstbestimmten Regelung all dessen, was zu regeln ist \u2013 die Wege der \u00bbPeer-Governance\u00ab, also einer Art Selbstorganisation. Und schlie\u00dflich w\u00e4ren jene Wege eingezeichnet, die begangen werden k\u00f6nnen, um das, was wir zum Leben brauchen, bereitzustellen. Wenn eine Karte diese drei verschiedenen Arten von Wegen miteinander verkn\u00fcpft, erlaubt dies eine sch\u00f6ne \u00dcbersicht auf das Commons-Pluriversum. Doch soweit wir wissen, gibt es bislang keine derartige Karte. Das hei\u00dft, es gibt keinen passenden Bezugsrahmen. Darum stellen wir Ihnen in den n\u00e4chsten drei Kapiteln einen solchen vor. Wir erhoffen uns damit, dem teils populistischen Durcheinander etwas entgegenzusetzen. So werden Commons mitunter in die N\u00e4he \u00bbrealsozialistischer\u00ab Erfahrungen ger\u00fcckt. Oder es hei\u00dft, sie seien nur beim Palaver unterm Baobab in einer afrikanischen Dorfgemeinschaft umsetzbar, nicht aber bei uns. Das sind grobschl\u00e4chtige Irref\u00fchrungen. Der beste Weg, sich damit auseinanderzusetzen, ist, die Idee der Commons<i><\/i>genauer zu bestimmen. Denn nicht nur wenn der Begriff klein- oder schlechtgeredet wird, sondern auch wenn Commons als Schlagwort f\u00fcr alles M\u00f6gliche dient, das gemeinsam genutzt (der Golfklub) oder aufgeteilt wird (die Aktienanteile), verliert die Idee ihre transformative Kraft. Auch deshalb wird mehr Klarheit gebraucht.<\/p>\n<p>Aber erinnern wir uns zun\u00e4chst der Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Meist nutzen wir daf\u00fcr Bezugsrahmen (vgl. Kapitel 2). Sie sind nicht mehr als ein Ausgangspunkt, wie eine T\u00fcr, die wir \u00f6ffnen, um in einen bestimmten Raum einzutreten. Dadurch beeinflussen sie unsere Wahrnehmung tiefgreifend. Sie sorgen daf\u00fcr, dass wir das Wahrgenommene in einer bestimmten Weise interpretieren; so als w\u00fcrden wir nur den Raum betrachten, in den wir eingetreten sind und die andere R\u00e4ume unber\u00fccksichtigt lassen. Es geht aber darum, uns auch diese anderen R\u00e4ume zu erschlie\u00dfen. Daf\u00fcr brauchen wir ein analytisches Ger\u00fcst und eine Sprache, mit denen wir den Sinn dessen verstehen und benennen k\u00f6nnen, was wir beobachten. Gelingt es uns, solch ein Ger\u00fcst aufzubauen, bes\u00e4\u00dfen wir einen strukturierenden Bezugsrahmen, mit dem wir Commons und Commoning neu betrachten k\u00f6nnen. Solch einen Rahmen stellen wir in den Kapiteln 4, 5 und 6 vor. Unsere entsprechenden \u00dcberlegungen beruhen unter anderem auf den Erkenntnissen zu Sein und Sprache, die wir in Teil I dieses Buchs dargestellt haben. Die drei Wegarten unserer Orientierungskarte stehen f\u00fcr das, was wir <i>Triade des Commoning <\/i> nennen. Commoning wirkt, wie der Name schon sagt, in drei Bereichen: im sozialen Leben <i>(Social Life)<\/i>, in der bewussten Selbstorganisation <i>(Peer Governance) <\/i> und bez\u00fcglich der Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen <i>(Commons Provisioning).<\/i> Sehr verk\u00fcrzt gesagt: im Umgang miteinander, in Politik und \u00d6konomie. Unser Bezugsrahmen gr\u00fcndet auf der Annahme, dass beim Commoning das Kn\u00fcpfen und Pflegen von <i>Beziehungen<\/i> im Mittelpunkt steht \u2013 zwischen Menschen in kleinen und gro\u00dfen Gemeinschaften, aber auch in Netzwerken, zwischen uns und der nichtmenschlichen Welt. Dieses Grundverst\u00e4ndnis ver\u00e4ndert notwendigerweise, was wir f\u00fcr wertvoll halten, es erzeugt einen neuen <i>Wertbegriff<\/i><sup>1<\/sup>.<\/p>\n<p>Wir begannen bereits mehr als zwei Jahre, bevor die folgenden Kapitel entstanden, \u00fcber dieses Buch nachzudenken. Damals hatten wir keineswegs den Anspruch, einen neuen Bezugsrahmen zu formulieren. Doch im Laufe der Recherchen f\u00fchlten wir uns mit den Grundannahmen und mit einigen Ausdrucksweisen in weiten Teilen der Commons-Literatur zunehmend unwohl. Sie erwiesen sich als hinderlich, um wirklich in das hineinzufinden, was in der Commons-Welt zu beobachten war. Nach einem Jahr vergeblichen Ringens mit diesem Unbehagen, zogen wir uns f\u00fcr ein paar Fr\u00fchlingstage in ein kleines l\u00e4ndliches Idyll unweit von Florenz zur\u00fcck. Die Umgebung sollte uns inspirieren. Wir wollten einen Weg finden, dieses Buch voranzubringen. Dieser R\u00fcckzug endete mit einem Neubeginn. Vor \u00bbunseren inneren Augen\u00ab entstand ganz allm\u00e4hlich ein Bezugsrahmen, der in der Lage war, Theorie und Praxis zu verschmelzen sowie das weit verbreitete verwaltungs- und ressourcenbasierte Commons-Verst\u00e4ndnis, mit dem die vielf\u00e4ltigen, inneren Dynamiken von Commoning nicht zu begreifen sind. Wir konnten nun den Ausgangspunkt f\u00fcr unsere Reise durch die Welt der Commons ver\u00e4ndern. Es ist, als h\u00e4tten wir versucht, von Paris aus die Region zu erkunden. Die Reise k\u00f6nnte an einem der beiden wichtigsten Pariser Bahnh\u00f6fe beginnen: dem Gare du Nord oder dem Gare de l\u2019Est. Beide sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Vom Gare du Nord aus fahren die Z\u00fcge in Richtung Lille, in den Norden Frankreichs, oder nach St. Quentin in der Region Hauts-de-France. Wird hingegen der Gare de l\u2019Est als Einstiegspunkt in das Schienennetz gew\u00e4hlt, werden andere Gleise befahrbar und andere Reiseziele m\u00f6glich: etwa M\u00fclhausen im Elsass oder Stuttgart in Baden-W\u00fcrttemberg. Die Entfernung zwischen den beiden Ausgangspunkten mag trivial sein; aber ob wir den einen oder den anderen Einstiegspunkt w\u00e4hlen, entscheidet dar\u00fcber, welche Welten wir erschlie\u00dfen k\u00f6nnen. So verh\u00e4lt es sich auch mit einem Bezugsrahmen. Er ist der Einstiegspunkt in einer Forschungsreise und pr\u00e4gt nicht nur <i>wie<\/i> und <i>womit<\/i> wir die Welt interpretieren, sondern auch, <i>welchen Ausschnitt der<\/i> <i>Welt<\/i> wir interpretieren. Er ist deshalb sehr bewusst zu w\u00e4hlen. Je st\u00e4rker eine rahmensetzende Struktur unserem Menschsein als <i>Sein-in-Bezogenheit<\/i> entspricht, je besser sie unseren vielf\u00e4ltigen Anspr\u00fcchen gerecht wird, und je mehr sie im Einklang mit unseren Alltagserfahrungen steht, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihre Anwendung zum Ziel f\u00fchrt. Wir begannen also einen Rahmen zu entwerfen, der die verwirrende Vielfalt der Commons verstehbar macht. Er sollte das \u2013 nicht unmittelbar sichtbare \u2013 Gemeinsame zwischen Commons benennbar machen. Denn klar ist, dass es trotz zahlloser Unterschiede gro\u00dfe strukturelle \u00c4hnlichkeiten zwischen allen Commons gibt \u2013 egal ob sie modern oder traditionell sind, sich um Naturreicht\u00fcmer drehen, in digitalen Umgebungen entfalten oder sozialen Zusammenhalt selbst zum Kern haben. Sie alle sind wesensverwandt. Ein Bezugsrahmen, der diese Wesensverwandtschaft aufzeigt, ist unseres Wissens nach noch nie vorgestellt worden, doch diese Verbindungen existieren. Sie warten nur darauf, entdeckt zu werden. Schon mit unseren fr\u00fcher erschienenen Commons-Publikationen wollten wir sichtbar machen, was die entsprechenden Praktiken im Mittelalter und in der Gegenwart verbindet, in Naturv\u00f6lkern und Industriegesellschaften, in der analogen und der digitalen Welt, in den St\u00e4dten und auf dem Land, in unterschiedlichen Religionen und Kulturen, in Gemeinschaften oder Netzwerken, die sich um Wasser oder um Software-Code k\u00fcmmern. Diese Verbindungen herauszuarbeiten, kann helfen zu erkl\u00e4ren, warum Commons so alt sind wie die Menschheit und so modern wie das Internet.<\/p>\n<p>Das Gemeinsame gr\u00fcndet auf wiederkehrenden Beziehungen und Handlungslogiken, die wir <i>Muster<\/i> nennen. Sie benennen den \u00bbgemeinsamen Kern\u00ab vielf\u00e4ltiger Projekte, ohne deren Unterschiede zu ignorieren. Eine faire Zuteilung von Wasser in den Schweizer Alpen im 16. Jahrhundert erfordert andere Regeln als eine faire gemeinsame Nutzung von Bandbreite im 21. Jahrhundert. In einer kapitalistischen Gesellschaft ein Commons zu organisieren ist eine andere Herausforderung, als dies als Teil einer indigenen Kultur zu tun. Doch immer geht es darum, den Beteiligten jeweils einen fairen Anteil zu sichern. Das ist das gemeinsame Muster. Ein Muster-Ansatz erkennt an, dass jedes Commons in einem anderen Kontext entsteht, dass es sich in unterschiedlichen R\u00e4umen und Zeiten entwickelt, von unterschiedlichen Menschen gestaltet wird, in unterschiedlichen Gesellschaften und in einem jeweils spezifischen Umfeld bestehen muss. Daher ist es vollkommen logisch, dass in jedem Commons entsprechend dieses einzigartigen Kontextes einige Muster zur Anwendung kommen und andere nicht.<\/p>\n<p>Wenn man sich also n\u00e4her ansieht, wie Commons funktionieren, beginnt man dieses \u00bbim Kern Gemeinsame\u00ab zu entdecken. Tats\u00e4chlich bemerkt man, dass die Welt in Mustern geordnet ist. Wer die Betrachtung der Welt auf diesen Ansatz gr\u00fcndet (siehe unseren Methodenanhang), wird nachvollziehen, dass Commons nicht einfach willk\u00fcrlich oder zuf\u00e4llig in unz\u00e4hligen Formen Wirklichkeit werden \u2013 und dabei niemals zweimal genau gleich sind.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Prinzipien und Muster<\/h4>\n<p>Was ist der Unterschied zwischen einem <i>Prinzip<\/i> und einem <i>Muster<\/i>? Und warum sprechen wir lieber von Mustern als von Prinzipien des Commoning? Klingt es doch fast wie ein Prinzip, wenn ein Muster in pr\u00e4gnanter Form in Worte gefasst wird \u2013 etwa Gemeinstimmig entscheidenoder Gegenseitigkeit behutsam aus\u00fcben. Aber Muster und Prinzipien sind nicht dasselbe. Sie beinhalten unterschiedliche Arten, die Welt zu verstehen und zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ein Prinzip bezieht sich auf ein ethisches oder philosophisches Ideal, das alle befolgen sollen. \u00bbDu sollst nicht t\u00f6ten\u00ab oder \u00bbTrennung von Kirche und Staat\u00ab sind zwei bekannte Beispiele. Prinzipien benennen eine universelle Gewissheit, an die man glaubt, und erinnern mit diesem Zug der Unverr\u00fcckbarkeit an wissenschaftliche <i>Axiome.<\/i> Dieser Begriff ist vom griechischen <i>ax\u00ed\u014dma<\/i> abgeleitet und bezeichnet einen \u00bbals wahr angenommenen Grundsatz\u00ab<sup>2<\/sup>. Axiome gelten als derart selbstverst\u00e4ndlich (im Sinne von: aus sich selbst heraus verst\u00e4ndlich), dass sie nicht gerechtfertigt oder erl\u00e4utert werden m\u00fcssen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Prinzipien, deren allgemeine Behauptungen \u00fcber moralische oder politische Gewissheiten in den jeweiligen kulturellen Bez\u00fcgen als unbestritten erachtet werden. Im Gegensatz dazu beschreibt ein Muster den Kern von Probleml\u00f6sungen, die in vergleichbaren Zusammenh\u00e4ngen (etwa Commons), aber unterschiedlichen Kontexten (etwa Land oder Stadt) immer wieder auftreten. Das allgemeine Muster<sup>3<\/sup> f\u00fcr eine Probleml\u00f6sung wird zwar dasselbe sein, aber die <i>konkreten L\u00f6sungen<\/i> nicht. Beispielsweise wird ein gemeinschaftlich organisiertes Wohnprojekt in einer deutschen Stadt mit \u00e4hnlichen Problemen konfrontiert sein wie in einer US-amerikanischen Stadt, aber beide werden L\u00f6sungen erfordern, die verschiedene rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte ber\u00fccksichtigen. Unsere Idee, mit Mustern zu arbeiten, folgt den Pionierleistungen des Teams um Christopher Alexander (siehe Kapitel 1). Ein Muster ist kein ethisches oder philosophisches Ideal. Es ist auch keine Definition des Richtigen und Korrekten, sondern ein Konzept, das es erlaubt, <i>die gemeinsame Essenz verschiedener erfolgreicher L\u00f6sungen zu filtern und zu benennen<\/i>. Entsprechend bezieht sich ein Muster auf das, was Menschen tats\u00e4chlich tun, was ihnen gelingt. Es bringt auf den Punkt, was gut funktioniert und das eben besser macht.<\/p>\n<p>Prinzipien stellen demgegen\u00fcber meist universelle Behauptungen auf. Dies ist schon deshalb problematisch, weil nicht \u00fcberall dieselben institutionellen Strukturen, kulturellen \u00dcberzeugungen und sozialen Normen existieren. Es gibt keine universell g\u00fcltigen Prinzipien, aber es gibt einige wenige universelle Muster menschlicher Interaktion. Beispielsweise die Ehe: Als Muster beschreibt sie eine soziale Praxis mit zahllosen Variationen, in denen Menschen ihre Bindung zueinander erkl\u00e4ren (bzw. ihre Bindung erkl\u00e4ren lassen).<sup>4<\/sup> Diese Praxis kommt \u00fcberall vor. Ein Muster Ehe eingehenspezifiziert keine Einzelheiten dieser \u00bbEhe\u00ab, weder das Geschlecht der Beteiligten, noch die Bedingungen, unter denen sie geschlossen wird. Es ist schlicht eine Kernidee f\u00fcr eine Praxis, die sich weltweit als relativ stabil erwiesen hat. Es ist ein Handlungsmuster, das aus der Beobachtung realer Situationen abgeleitet ist. Muster sind in diesem Sinne be- und nicht vorschreibend. Sie haben ihren Ursprung darin, dass wir mit Spannungen und Konflikten umgehen m\u00fcssen, die in unserem Leben allgegenw\u00e4rtig sind und immer wieder zu Problemen f\u00fchren. Eine formale Musterbeschreibung geht davon aus, dass die positiven und negativen <i>Kr\u00e4fte<\/i> identifiziert werden, die in einer Problemsituation wirken, und setzt nicht voraus, dass sie sich durch die Berufung auf Prinzipien l\u00f6sen lassen.<sup>5<\/sup> Der Diskurs \u00fcber Prinzipien besch\u00e4ftigt sich weniger mit diesem vertrackten Spiel der Kr\u00e4fte und propagiert stattdessen ein Ideal. Prinzipien werden oft als \u00bbf\u00fcr sich stehende Wahrheit\u00ab pr\u00e4sentiert. Die Beziehung zu anderen Prinzipien, mit denen sie in Konflikt stehen, ger\u00e4t aus dem Blick. Wenn man sich zum Beispiel auf die \u00bbfreie Meinungs\u00e4u\u00dferung\u00ab beruft, thematisiert das nicht die Spannungen hinsichtlich des \u00bbRespekts f\u00fcr die Privatsph\u00e4re und die W\u00fcrde Dritter\u00ab. Muster hingegen sind<i><\/i>ohne die Verbindung zu anderen Mustern nicht vollst\u00e4ndig. Jedes bezieht sich notwendigerweise auf andere.<sup>6<\/sup> Solche \u00bbMusterb\u00fcndel\u00ab sind Werkzeuge. Sie helfen uns, L\u00f6sungswege f\u00fcr ganz praktische Probleme zu entwerfen und dabei unsere Empfindungen sowie \u00e4sthetischen und spirituellen Bed\u00fcrfnisse zu ber\u00fccksichtigen. Muster erzeugen Lebendigkeit. Das ist ihr Zweck. Sie sind nicht dazu da, Dinge zu reglementieren. Gut formulierte Muster sollten auch keine moralisch oder normativ aufgeladenen Grundsatzerkl\u00e4rungen sein, wie etwa \u00bbSolidarit\u00e4t\u00ab oder \u00bbNachhaltigkeit\u00ab. Das w\u00e4re als handlungsleitendes Werkzeug zu unspezifisch.[\/vc_column_text][vc_column_text][\/vc_column_text][vc_column_text]Selbstverst\u00e4ndlich speist sich unser Bezugsrahmen auch aus der wissenschaftlichen Literatur. Sie ist seit der Verleihung des Nobelpreises f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften an Elinor Ostrom im Jahr 2009 f\u00fcr ihre bahnbrechenden Untersuchungen zur kollektiven Ressourcenbewirtschaftung stark angewachsen. Die International Association for the Study of the Commons (IASC, Internationaler Verband f\u00fcr die Erforschung der Commons) und ihre Fachzeitschrift<sup>7<\/sup> tragen dazu Wertvolles bei. Ostroms ber\u00fchmte acht Designprinzipien f\u00fcr langlebige Commons-Institutionen<sup>8<\/sup> sind ein wichtiger Zugang zum Verst\u00e4ndnis von Commons; sie sind auch f\u00fcr unsere \u00dcberlegungen zur bewussten Selbstorganisation richtungsweisend (Kapitel 5). Die Designprinzipien wurden seit den fr\u00fchen 1980er Jahren, gest\u00fctzt auf die Arbeit von vielen Kolleginnen und Kollegen, entwickelt und nach Erstver\u00f6ffentlichung weiter \u00fcberpr\u00fcft und pr\u00e4zisiert. Sie sprechen jedoch das \u00bbInnenleben\u00ab von Commons nur teilweise an. Was \u00bbCommoning\u00ab in seiner Komplexit\u00e4t bedeutet, l\u00e4sst sich mit den Designprinzipien kaum erfassen.<\/p>\n<p>Wir geben unserem Bezugsrahmen den Untertitel \u00bbWelten erschaffen im Pluriversum\u00ab, weil diese Wendung den Sinn des Commoning trifft: kontextspezifische Systeme f\u00fcr ein freies, faires und nachhaltiges Leben zu schaffen. Im Zentrum des Bezugsrahmens steht \u00bbdie Triade\u00ab: die drei miteinander verkn\u00fcpften Sph\u00e4ren des Sozialen, des Institutionellen und des \u00d6konomischen. Jede Sph\u00e4re der Triade gibt eine <i>andere Perspektive<\/i> wieder, aus der heraus <i>dasselbe Ph\u00e4nomen <\/i> betrachtet wird.<\/p>\n<h5>Triade des Commoning \u2013 Welten erschaffen im Pluriversum<\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2341 size-full\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"953\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-300x191.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-768x488.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-1116x709.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-806x512.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-558x355.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-655x416.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ein koh\u00e4rentes Verst\u00e4ndnis des Ph\u00e4nomens \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist? K\u00f6nnen wir verallgemeinerte Aussagen zu Commons machen, wo wir doch wissen, dass in sozialen Kontexten nichts universell ist? Wir glauben schon \u2013 <i>vorausgesetzt<\/i>, dass das Vorgehen die immens vielf\u00e4ltigen Realit\u00e4ten vor Ort w\u00fcrdigt und deren gemeinsamen Kern herausfiltert! Genau das haben wir versucht. Das Ergebnis ist ein Commons-Vokabular (keine Taxonomie) sowie eine flexible Vorlage (kein exakter Bauplan), um Commons zu verstehen, einzuordnen und herzustellen. Dieser Bezugsrahmen kann in der wissenschaftlichen (Feld-)Forschung eingesetzt werden oder schlicht Werkzeugkasten f\u00fcr Commoning sein. Er bietet Orientierung f\u00fcr die Selbstreflexion, f\u00fcr Evaluierungen oder f\u00fcr die Gestaltung von Commons \u2013 ohne Vorschriften zu machen. Denn Muster bieten, wie John C. Thomas es ausdr\u00fcckt, \u00bbeine M\u00f6glichkeit zu erfassen, was unver\u00e4nderlich ist, und [sind] gleichzeitig so flexibel, mit den Spezifika der Geografie, der Kultur, der Sprache, der Ziele und der Technologien umzugehen\u00ab.<sup>9<\/sup> Sie sind darin der DNA \u00e4hnlich, die Werkzeuge enth\u00e4lt, auf die der Organismus bei Bedarf zugreift um Leben hervorzubringen, ohne schon vollst\u00e4ndig zu enthalten, wie sich das Lebendige dann entfaltet. Christopher Alexander benutzt dieses Bild: \u00bbEnth\u00e4lt die DNA eine vollst\u00e4ndige Beschreibung des Organismus, der entstehen wird? Die Antwort lautet: nein. Das Genom enth\u00e4lt stattdessen ein Programm an Anweisungen, um den Organismus hervorzubringen \u2013 ein sch\u00f6pferisches Programm \u2013, in dem zytoplasmatische Bestandteile von Eiern und Zellen essenzielle Akteure sind, neben den Genen wie der DNA-Kodierung f\u00fcr die Sequenz von Aminos\u00e4uren in einem Protein.\u00ab<sup>10<\/sup><\/p>\n<p>Muster wirken wie ein sch\u00f6pferisches Programm, aus dem heraus vieles entstehen kann. Sie vereinfachen nicht zu stark. Sie helfen uns, nicht in die Reduktionismusfalle zu laufen und die Welt nicht unangemessen \u2013 letztlich totalisierend \u2013 zu erkl\u00e4ren. Sie sind eine M\u00f6glichkeit des Erkenntnisgewinns, die zugleich auf Wissen, Erfahrungen, Know-how und Intuition setzt. Und vor allem erm\u00f6glichen sie uns, einen prinzipiell <i>offenen<\/i> Bezugsrahmen zu entwerfen, der von seiner Anlage her anpassbar und ver\u00e4nderbar ist. Die Muster des Commoning, die Sie auf den folgenden Seiten kennenlernen werden, sind also keinesfalls das letzte Wort.<\/p>\n<p>Als wir begannen, eine \u00bbMusterperspektive\u00ab einzunehmen, begann auch das \u00bbMustersammeln\u00ab. Das geschah recht direkt. Wir fragten uns und andere: Welche Probleme tauchen immer wieder in Commons auf? Entscheidungsfindung? Geld? Ein potenzielles Problem der \u00dcbernutzung von Naturreicht\u00fcmern oder der Unternutzung von Wissen?<\/p>\n<p>Eine lebensnahe Konzeptualisierung von Commons beruht auf einer endlosen Liste von Problemfeldern, die zu beackern sind. Wir suchten dann nach erfolgreich umgesetzten L\u00f6sungen f\u00fcr typische Problemsituationen. Wir suchten \u00fcberall \u2013 in allen Lebensbereichen, in der wissenschaftlichen Literatur und in konkreten Projekten. Wir reflektierten unsere eigenen Commons-Erfahrungen, f\u00fchrten mit vielen Engagierten in der ganzen Welt ausf\u00fchrliche Interviews und dokumentierten ihre Antworten. Dann warfen wir einen n\u00e4heren Blick auf diese L\u00f6sungen. Funktionieren sie tats\u00e4chlich? Nur kurzfristig? Und k\u00f6nnen sie den Verf\u00fchrungen und skrupellosen \u00dcbergriffen in kapitalistischen Kontexten standhalten? In diesem Prozess haben wir theoretische Einsichten oder beliebte Behauptungen \u00fcber Commons mit erfolgreich eingesetzten L\u00f6sungen abgeglichen und schlie\u00dflich gewagt, das Ergebnis begrifflich zu fassen: durch Muster, die unseren Bezugsrahmen bilden sollen. Jedes Einzelne wurde mit Kolleginnen und Kollegen in der Commons-Szene und aus der Wissenschaft getestet. Wir wollten wissen, ob unsere Erkenntnisse mit ihrer Forschung und ihren Erfahrungen im Einklang w\u00e4ren. Das f\u00fchrte, wenig \u00fcberraschend, zu einer langen Serie an Korrekturen, Streichungen und Anpassungen. Das Ergebnis ist unser Bezugsrahmen und seine Triade, die die von uns identifizierten Muster strukturieren. Alle Muster gemeinsam sind der Beginn einer Commons-Sprache \u2013 einer \u00bbMustersprache des Commoning\u00ab, wie manche das nennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir sind nicht so vermessen anzunehmen, dass unser Bezugsrahmen dem Ph\u00e4nomen Commoning vollst\u00e4ndig gerecht wird, denn letztlich geht es hier um die Welt der Erfahrungen \u2013 um ein lebendiges Ph\u00e4nomen, das nicht vollst\u00e4ndig erfasst werden kann. Der Bezugsrahmen ist eher wie eine Landkarte. Sie bietet eine Legende, ein Vokabular und Wege zum Verst\u00e4ndnis des Themas. Nat\u00fcrlich ist eine Landkarte lediglich eine Landkarte. Sie sollte nicht mit dem Territorium selbst verwechselt werden. Und wie jede andere Landkarte auch ist sie von den Voreingenommenheiten jener beeinflusst, die sie erstellt haben. Wenn wir uns die Welt aber als Pluriversum vorstellen, als fraktale F\u00f6deration einzigartiger und dennoch miteinander verbundener Welten, dann ist auch klar, dass unser Bezugsrahmen unweigerlich manche unserer eigenen kulturell gepr\u00e4gten Sichtweisen enth\u00e4lt.<sup>11<\/sup>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Einleitung | Die Triade des Commoning&#8220; tab_id=&#8220;Einleitung2&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Teil II \u2014 Commons verstehen und leben<\/h2>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<h4>Die Triade des Commoning<\/h4>\n<p>In den letzten Jahren wurden bereits viele Wege beschritten, um Commons m\u00f6glichst pr\u00e4zise zu fassen, doch noch immer fehlt eine geeignete Karte zur Bestimmung und Orientierung. Eine solche Karte m\u00fcsste zwei Dinge leisten, um hilfreich zu sein: das Ph\u00e4nomen in unseren gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen verorten und drei Perspektiven auf das Thema miteinander verkn\u00fcpfen. Entsprechend f\u00e4nden sich in der Legende einer solchen Karte drei verschiedene Wege: zun\u00e4chst jene, die die subjektive Seite des Commoning erschlie\u00dfbar machen, also das Miteinander, den Alltag und das Empfinden. Dann g\u00e4be es Wege zur selbstbestimmten Regelung all dessen, was zu regeln ist \u2013 die Wege der \u00bbPeer-Governance\u00ab, also einer Art Selbstorganisation. Und schlie\u00dflich w\u00e4ren jene Wege eingezeichnet, die begangen werden k\u00f6nnen, um das, was wir zum Leben brauchen, bereitzustellen. Wenn eine Karte diese drei verschiedenen Arten von Wegen miteinander verkn\u00fcpft, erlaubt dies eine sch\u00f6ne \u00dcbersicht auf das Commons-Pluriversum. Doch soweit wir wissen, gibt es bislang keine derartige Karte. Das hei\u00dft, es gibt keinen passenden Bezugsrahmen. Darum stellen wir Ihnen in den n\u00e4chsten drei Kapiteln einen solchen vor. Wir erhoffen uns damit, dem teils populistischen Durcheinander etwas entgegenzusetzen. So werden Commons mitunter in die N\u00e4he \u00bbrealsozialistischer\u00ab Erfahrungen ger\u00fcckt. Oder es hei\u00dft, sie seien nur beim Palaver unterm Baobab in einer afrikanischen Dorfgemeinschaft umsetzbar, nicht aber bei uns. Das sind grobschl\u00e4chtige Irref\u00fchrungen. Der beste Weg, sich damit auseinanderzusetzen, ist, die Idee der Commonsgenauer zu bestimmen. Denn nicht nur wenn der Begriff klein- oder schlechtgeredet wird, sondern auch wenn Commons als Schlagwort f\u00fcr alles M\u00f6gliche dient, das gemeinsam genutzt (der Golfklub) oder aufgeteilt wird (die Aktienanteile), verliert die Idee ihre transformative Kraft. Auch deshalb wird mehr Klarheit gebraucht.<\/p>\n<p>Aber erinnern wir uns zun\u00e4chst der Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Meist nutzen wir daf\u00fcr Bezugsrahmen (vgl. Kapitel 2). Sie sind nicht mehr als ein Ausgangspunkt, wie eine T\u00fcr, die wir \u00f6ffnen, um in einen bestimmten Raum einzutreten. Dadurch beeinflussen sie unsere Wahrnehmung tiefgreifend. Sie sorgen daf\u00fcr, dass wir das Wahrgenommene in einer bestimmten Weise interpretieren; so als w\u00fcrden wir nur den Raum betrachten, in den wir eingetreten sind und die andere R\u00e4ume unber\u00fccksichtigt lassen. Es geht aber darum, uns auch diese anderen R\u00e4ume zu erschlie\u00dfen. Daf\u00fcr brauchen wir ein analytisches Ger\u00fcst und eine Sprache, mit denen wir den Sinn dessen verstehen und benennen k\u00f6nnen, was wir beobachten. Gelingt es uns, solch ein Ger\u00fcst aufzubauen, bes\u00e4\u00dfen wir einen strukturierenden Bezugsrahmen, mit dem wir Commons und Commoning neu betrachten k\u00f6nnen. Solch einen Rahmen stellen wir in den Kapiteln 4, 5 und 6 vor. Unsere entsprechenden \u00dcberlegungen beruhen unter anderem auf den Erkenntnissen zu Sein und Sprache, die wir in Teil I dieses Buchs dargestellt haben. Die drei Wegarten unserer Orientierungskarte stehen f\u00fcr das, was wir <i>Triade des Commoning <\/i> nennen. Commoning wirkt, wie der Name schon sagt, in drei Bereichen: im sozialen Leben <i>(Social Life)<\/i>, in der bewussten Selbstorganisation <i>(Peer Governance) <\/i> und bez\u00fcglich der Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen <i>(Commons Provisioning).<\/i> Sehr verk\u00fcrzt gesagt: im Umgang miteinander, in Politik und \u00d6konomie. Unser Bezugsrahmen gr\u00fcndet auf der Annahme, dass beim Commoning das Kn\u00fcpfen und Pflegen von <i>Beziehungen<\/i> im Mittelpunkt steht \u2013 zwischen Menschen in kleinen und gro\u00dfen Gemeinschaften, aber auch in Netzwerken, zwischen uns und der nichtmenschlichen Welt. Dieses Grundverst\u00e4ndnis ver\u00e4ndert notwendigerweise, was wir f\u00fcr wertvoll halten, es erzeugt einen neuen <i>Wertbegriff<\/i><sup>1<\/sup>.<\/p>\n<p>Wir begannen bereits mehr als zwei Jahre, bevor die folgenden Kapitel entstanden, \u00fcber dieses Buch nachzudenken. Damals hatten wir keineswegs den Anspruch, einen neuen Bezugsrahmen zu formulieren. Doch im Laufe der Recherchen f\u00fchlten wir uns mit den Grundannahmen und mit einigen Ausdrucksweisen in weiten Teilen der Commons-Literatur zunehmend unwohl. Sie erwiesen sich als hinderlich, um wirklich in das hineinzufinden, was in der Commons-Welt zu beobachten war. Nach einem Jahr vergeblichen Ringens mit diesem Unbehagen, zogen wir uns f\u00fcr ein paar Fr\u00fchlingstage in ein kleines l\u00e4ndliches Idyll unweit von Florenz zur\u00fcck. Die Umgebung sollte uns inspirieren. Wir wollten einen Weg finden, dieses Buch voranzubringen. Dieser R\u00fcckzug endete mit einem Neubeginn. Vor \u00bbunseren inneren Augen\u00ab entstand ganz allm\u00e4hlich ein Bezugsrahmen, der in der Lage war, Theorie und Praxis zu verschmelzen sowie das weit verbreitete verwaltungs- und ressourcenbasierte Commons-Verst\u00e4ndnis, mit dem die vielf\u00e4ltigen, inneren Dynamiken von Commoning nicht zu begreifen sind. Wir konnten nun den Ausgangspunkt f\u00fcr unsere Reise durch die Welt der Commons ver\u00e4ndern. Es ist, als h\u00e4tten wir versucht, von Paris aus die Region zu erkunden. Die Reise k\u00f6nnte an einem der beiden wichtigsten Pariser Bahnh\u00f6fe beginnen: dem Gare du Nord oder dem Gare de l\u2019Est. Beide sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Vom Gare du Nord aus fahren die Z\u00fcge in Richtung Lille, in den Norden Frankreichs, oder nach St. Quentin in der Region Hauts-de-France. Wird hingegen der Gare de l\u2019Est als Einstiegspunkt in das Schienennetz gew\u00e4hlt, werden andere Gleise befahrbar und andere Reiseziele m\u00f6glich: etwa M\u00fclhausen im Elsass oder Stuttgart in Baden-W\u00fcrttemberg. Die Entfernung zwischen den beiden Ausgangspunkten mag trivial sein; aber ob wir den einen oder den anderen Einstiegspunkt w\u00e4hlen, entscheidet dar\u00fcber, welche Welten wir erschlie\u00dfen k\u00f6nnen. So verh\u00e4lt es sich auch mit einem Bezugsrahmen. Er ist der Einstiegspunkt in einer Forschungsreise und pr\u00e4gt nicht nur <i>wie<\/i> und <i>womit<\/i> wir die Welt interpretieren, sondern auch, <i>welchen Ausschnitt der<\/i> <i>Welt<\/i> wir interpretieren. Er ist deshalb sehr bewusst zu w\u00e4hlen. Je st\u00e4rker eine rahmensetzende Struktur unserem Menschsein als <i>Sein-in-Bezogenheit<\/i> entspricht, je besser sie unseren vielf\u00e4ltigen Anspr\u00fcchen gerecht wird, und je mehr sie im Einklang mit unseren Alltagserfahrungen steht, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihre Anwendung zum Ziel f\u00fchrt. Wir begannen also einen Rahmen zu entwerfen, der die verwirrende Vielfalt der Commons verstehbar macht. Er sollte das \u2013 nicht unmittelbar sichtbare \u2013 Gemeinsame zwischen Commons benennbar machen. Denn klar ist, dass es trotz zahlloser Unterschiede gro\u00dfe strukturelle \u00c4hnlichkeiten zwischen allen Commons gibt \u2013 egal ob sie modern oder traditionell sind, sich um Naturreicht\u00fcmer drehen, in digitalen Umgebungen entfalten oder sozialen Zusammenhalt selbst zum Kern haben. Sie alle sind wesensverwandt. Ein Bezugsrahmen, der diese Wesensverwandtschaft aufzeigt, ist unseres Wissens nach noch nie vorgestellt worden, doch diese Verbindungen existieren. Sie warten nur darauf, entdeckt zu werden. Schon mit unseren fr\u00fcher erschienenen Commons-Publikationen wollten wir sichtbar machen, was die entsprechenden Praktiken im Mittelalter und in der Gegenwart verbindet, in Naturv\u00f6lkern und Industriegesellschaften, in der analogen und der digitalen Welt, in den St\u00e4dten und auf dem Land, in unterschiedlichen Religionen und Kulturen, in Gemeinschaften oder Netzwerken, die sich um Wasser oder um Software-Code k\u00fcmmern. Diese Verbindungen herauszuarbeiten, kann helfen zu erkl\u00e4ren, warum Commons so alt sind wie die Menschheit und so modern wie das Internet.<\/p>\n<p>Das Gemeinsame gr\u00fcndet auf wiederkehrenden Beziehungen und Handlungslogiken, die wir <i>Muster<\/i> nennen. Sie benennen den \u00bbgemeinsamen Kern\u00ab vielf\u00e4ltiger Projekte, ohne deren Unterschiede zu ignorieren. Eine faire Zuteilung von Wasser in den Schweizer Alpen im 16. Jahrhundert erfordert andere Regeln als eine faire gemeinsame Nutzung von Bandbreite im 21. Jahrhundert. In einer kapitalistischen Gesellschaft ein Commons zu organisieren ist eine andere Herausforderung, als dies als Teil einer indigenen Kultur zu tun. Doch immer geht es darum, den Beteiligten jeweils einen fairen Anteil zu sichern. Das ist das gemeinsame Muster. Ein Muster-Ansatz erkennt an, dass jedes Commons in einem anderen Kontext entsteht, dass es sich in unterschiedlichen R\u00e4umen und Zeiten entwickelt, von unterschiedlichen Menschen gestaltet wird, in unterschiedlichen Gesellschaften und in einem jeweils spezifischen Umfeld bestehen muss. Daher ist es vollkommen logisch, dass in jedem Commons entsprechend dieses einzigartigen Kontextes einige Muster zur Anwendung kommen und andere nicht.<\/p>\n<p>Wenn man sich also n\u00e4her ansieht, wie Commons funktionieren, beginnt man dieses \u00bbim Kern Gemeinsame\u00ab zu entdecken. Tats\u00e4chlich bemerkt man, dass die Welt in Mustern geordnet ist. Wer die Betrachtung der Welt auf diesen Ansatz gr\u00fcndet (siehe unseren Methodenanhang), wird nachvollziehen, dass Commons nicht einfach willk\u00fcrlich oder zuf\u00e4llig in unz\u00e4hligen Formen Wirklichkeit werden \u2013 und dabei niemals zweimal genau gleich sind.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1590732416041{padding-top: 20px !important;padding-right: 20px !important;padding-bottom: 20px !important;padding-left: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Prinzipien und Muster<\/h4>\n<p>Was ist der Unterschied zwischen einem <i>Prinzip<\/i> und einem <i>Muster<\/i>? Und warum sprechen wir lieber von Mustern als von Prinzipien des Commoning? Klingt es doch fast wie ein Prinzip, wenn ein Muster in pr\u00e4gnanter Form in Worte gefasst wird \u2013 etwa Gemeinstimmig entscheidenoder Gegenseitigkeit behutsam aus\u00fcben. Aber Muster und Prinzipien sind nicht dasselbe. Sie beinhalten unterschiedliche Arten, die Welt zu verstehen und zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ein Prinzip bezieht sich auf ein ethisches oder philosophisches Ideal, das alle befolgen sollen. \u00bbDu sollst nicht t\u00f6ten\u00ab oder \u00bbTrennung von Kirche und Staat\u00ab sind zwei bekannte Beispiele. Prinzipien benennen eine universelle Gewissheit, an die man glaubt, und erinnern mit diesem Zug der Unverr\u00fcckbarkeit an wissenschaftliche <i>Axiome.<\/i> Dieser Begriff ist vom griechischen <i>ax\u00ed\u014dma<\/i> abgeleitet und bezeichnet einen \u00bbals wahr angenommenen Grundsatz\u00ab<sup>2<\/sup>. Axiome gelten als derart selbstverst\u00e4ndlich (im Sinne von: aus sich selbst heraus verst\u00e4ndlich), dass sie nicht gerechtfertigt oder erl\u00e4utert werden m\u00fcssen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Prinzipien, deren allgemeine Behauptungen \u00fcber moralische oder politische Gewissheiten in den jeweiligen kulturellen Bez\u00fcgen als unbestritten erachtet werden. Im Gegensatz dazu beschreibt ein Muster den Kern von Probleml\u00f6sungen, die in vergleichbaren Zusammenh\u00e4ngen (etwa Commons), aber unterschiedlichen Kontexten (etwa Land oder Stadt) immer wieder auftreten. Das allgemeine Muster<sup>3<\/sup> f\u00fcr eine Probleml\u00f6sung wird zwar dasselbe sein, aber die <i>konkreten L\u00f6sungen<\/i> nicht. Beispielsweise wird ein gemeinschaftlich organisiertes Wohnprojekt in einer deutschen Stadt mit \u00e4hnlichen Problemen konfrontiert sein wie in einer US-amerikanischen Stadt, aber beide werden L\u00f6sungen erfordern, die verschiedene rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte ber\u00fccksichtigen. Unsere Idee, mit Mustern zu arbeiten, folgt den Pionierleistungen des Teams um Christopher Alexander (siehe Kapitel 1). Ein Muster ist kein ethisches oder philosophisches Ideal. Es ist auch keine Definition des Richtigen und Korrekten, sondern ein Konzept, das es erlaubt, <i>die gemeinsame Essenz verschiedener erfolgreicher L\u00f6sungen zu filtern und zu benennen<\/i>. Entsprechend bezieht sich ein Muster auf das, was Menschen tats\u00e4chlich tun, was ihnen gelingt. Es bringt auf den Punkt, was gut funktioniert und das eben besser macht.<\/p>\n<p>Prinzipien stellen demgegen\u00fcber meist universelle Behauptungen auf. Dies ist schon deshalb problematisch, weil nicht \u00fcberall dieselben institutionellen Strukturen, kulturellen \u00dcberzeugungen und sozialen Normen existieren. Es gibt keine universell g\u00fcltigen Prinzipien, aber es gibt einige wenige universelle Muster menschlicher Interaktion. Beispielsweise die Ehe: Als Muster beschreibt sie eine soziale Praxis mit zahllosen Variationen, in denen Menschen ihre Bindung zueinander erkl\u00e4ren (bzw. ihre Bindung erkl\u00e4ren lassen).<sup>4<\/sup> Diese Praxis kommt \u00fcberall vor. Ein Muster Ehe eingehenspezifiziert keine Einzelheiten dieser \u00bbEhe\u00ab, weder das Geschlecht der Beteiligten, noch die Bedingungen, unter denen sie geschlossen wird. Es ist schlicht eine Kernidee f\u00fcr eine Praxis, die sich weltweit als relativ stabil erwiesen hat. Es ist ein Handlungsmuster, das aus der Beobachtung realer Situationen abgeleitet ist. Muster sind in diesem Sinne be- und nicht vorschreibend. Sie haben ihren Ursprung darin, dass wir mit Spannungen und Konflikten umgehen m\u00fcssen, die in unserem Leben allgegenw\u00e4rtig sind und immer wieder zu Problemen f\u00fchren. Eine formale Musterbeschreibung geht davon aus, dass die positiven und negativen <i>Kr\u00e4fte<\/i> identifiziert werden, die in einer Problemsituation wirken, und setzt nicht voraus, dass sie sich durch die Berufung auf Prinzipien l\u00f6sen lassen.<sup>5<\/sup> Der Diskurs \u00fcber Prinzipien besch\u00e4ftigt sich weniger mit diesem vertrackten Spiel der Kr\u00e4fte und propagiert stattdessen ein Ideal. Prinzipien werden oft als \u00bbf\u00fcr sich stehende Wahrheit\u00ab pr\u00e4sentiert. Die Beziehung zu anderen Prinzipien, mit denen sie in Konflikt stehen, ger\u00e4t aus dem Blick. Wenn man sich zum Beispiel auf die \u00bbfreie Meinungs\u00e4u\u00dferung\u00ab beruft, thematisiert das nicht die Spannungen hinsichtlich des \u00bbRespekts f\u00fcr die Privatsph\u00e4re und die W\u00fcrde Dritter\u00ab. Muster hingegen sind<i><\/i>ohne die Verbindung zu anderen Mustern nicht vollst\u00e4ndig. Jedes bezieht sich notwendigerweise auf andere.<sup>6<\/sup> Solche \u00bbMusterb\u00fcndel\u00ab sind Werkzeuge. Sie helfen uns, L\u00f6sungswege f\u00fcr ganz praktische Probleme zu entwerfen und dabei unsere Empfindungen sowie \u00e4sthetischen und spirituellen Bed\u00fcrfnisse zu ber\u00fccksichtigen. Muster erzeugen Lebendigkeit. Das ist ihr Zweck. Sie sind nicht dazu da, Dinge zu reglementieren. Gut formulierte Muster sollten auch keine moralisch oder normativ aufgeladenen Grundsatzerkl\u00e4rungen sein, wie etwa \u00bbSolidarit\u00e4t\u00ab oder \u00bbNachhaltigkeit\u00ab. Das w\u00e4re als handlungsleitendes Werkzeug zu unspezifisch.[\/vc_column_text][vc_column_text]Selbstverst\u00e4ndlich speist sich unser Bezugsrahmen auch aus der wissenschaftlichen Literatur. Sie ist seit der Verleihung des Nobelpreises f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften an Elinor Ostrom im Jahr 2009 f\u00fcr ihre bahnbrechenden Untersuchungen zur kollektiven Ressourcenbewirtschaftung stark angewachsen. Die International Association for the Study of the Commons (IASC, Internationaler Verband f\u00fcr die Erforschung der Commons) und ihre Fachzeitschrift<sup>7<\/sup> tragen dazu Wertvolles bei. Ostroms ber\u00fchmte acht Designprinzipien f\u00fcr langlebige Commons-Institutionen<sup>8<\/sup> sind ein wichtiger Zugang zum Verst\u00e4ndnis von Commons; sie sind auch f\u00fcr unsere \u00dcberlegungen zur bewussten Selbstorganisation richtungsweisend (Kapitel 5). Die Designprinzipien wurden seit den fr\u00fchen 1980er Jahren, gest\u00fctzt auf die Arbeit von vielen Kolleginnen und Kollegen, entwickelt und nach Erstver\u00f6ffentlichung weiter \u00fcberpr\u00fcft und pr\u00e4zisiert. Sie sprechen jedoch das \u00bbInnenleben\u00ab von Commons nur teilweise an. Was \u00bbCommoning\u00ab in seiner Komplexit\u00e4t bedeutet, l\u00e4sst sich mit den Designprinzipien kaum erfassen.<\/p>\n<p>Wir geben unserem Bezugsrahmen den Untertitel \u00bbWelten erschaffen im Pluriversum\u00ab, weil diese Wendung den Sinn des Commoning trifft: kontextspezifische Systeme f\u00fcr ein freies, faires und nachhaltiges Leben zu schaffen. Im Zentrum des Bezugsrahmens steht \u00bbdie Triade\u00ab: die drei miteinander verkn\u00fcpften Sph\u00e4ren des Sozialen, des Institutionellen und des \u00d6konomischen. Jede Sph\u00e4re der Triade gibt eine <i>andere Perspektive<\/i> wieder, aus der heraus <i>dasselbe Ph\u00e4nomen <\/i> betrachtet wird.<\/p>\n<h5>Triade des Commoning \u2013 Welten erschaffen im Pluriversum<\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2341 size-full\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"953\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-300x191.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-768x488.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-1116x709.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-806x512.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-558x355.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Teil_II_Einleitung-655x416.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ein koh\u00e4rentes Verst\u00e4ndnis des Ph\u00e4nomens \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist? K\u00f6nnen wir verallgemeinerte Aussagen zu Commons machen, wo wir doch wissen, dass in sozialen Kontexten nichts universell ist? Wir glauben schon \u2013 <i>vorausgesetzt<\/i>, dass das Vorgehen die immens vielf\u00e4ltigen Realit\u00e4ten vor Ort w\u00fcrdigt und deren gemeinsamen Kern herausfiltert! Genau das haben wir versucht. Das Ergebnis ist ein Commons-Vokabular (keine Taxonomie) sowie eine flexible Vorlage (kein exakter Bauplan), um Commons zu verstehen, einzuordnen und herzustellen. Dieser Bezugsrahmen kann in der wissenschaftlichen (Feld-)Forschung eingesetzt werden oder schlicht Werkzeugkasten f\u00fcr Commoning sein. Er bietet Orientierung f\u00fcr die Selbstreflexion, f\u00fcr Evaluierungen oder f\u00fcr die Gestaltung von Commons \u2013 ohne Vorschriften zu machen. Denn Muster bieten, wie John C. Thomas es ausdr\u00fcckt, \u00bbeine M\u00f6glichkeit zu erfassen, was unver\u00e4nderlich ist, und [sind] gleichzeitig so flexibel, mit den Spezifika der Geografie, der Kultur, der Sprache, der Ziele und der Technologien umzugehen\u00ab.<sup>9<\/sup> Sie sind darin der DNA \u00e4hnlich, die Werkzeuge enth\u00e4lt, auf die der Organismus bei Bedarf zugreift um Leben hervorzubringen, ohne schon vollst\u00e4ndig zu enthalten, wie sich das Lebendige dann entfaltet. Christopher Alexander benutzt dieses Bild: \u00bbEnth\u00e4lt die DNA eine vollst\u00e4ndige Beschreibung des Organismus, der entstehen wird? Die Antwort lautet: nein. Das Genom enth\u00e4lt stattdessen ein Programm an Anweisungen, um den Organismus hervorzubringen \u2013 ein sch\u00f6pferisches Programm \u2013, in dem zytoplasmatische Bestandteile von Eiern und Zellen essenzielle Akteure sind, neben den Genen wie der DNA-Kodierung f\u00fcr die Sequenz von Aminos\u00e4uren in einem Protein.\u00ab<sup>10<\/sup><\/p>\n<p>Muster wirken wie ein sch\u00f6pferisches Programm, aus dem heraus vieles entstehen kann. Sie vereinfachen nicht zu stark. Sie helfen uns, nicht in die Reduktionismusfalle zu laufen und die Welt nicht unangemessen \u2013 letztlich totalisierend \u2013 zu erkl\u00e4ren. Sie sind eine M\u00f6glichkeit des Erkenntnisgewinns, die zugleich auf Wissen, Erfahrungen, Know-how und Intuition setzt. Und vor allem erm\u00f6glichen sie uns, einen prinzipiell <i>offenen<\/i> Bezugsrahmen zu entwerfen, der von seiner Anlage her anpassbar und ver\u00e4nderbar ist. Die Muster des Commoning, die Sie auf den folgenden Seiten kennenlernen werden, sind also keinesfalls das letzte Wort.<\/p>\n<p>Als wir begannen, eine \u00bbMusterperspektive\u00ab einzunehmen, begann auch das \u00bbMustersammeln\u00ab. Das geschah recht direkt. Wir fragten uns und andere: Welche Probleme tauchen immer wieder in Commons auf? Entscheidungsfindung? Geld? Ein potenzielles Problem der \u00dcbernutzung von Naturreicht\u00fcmern oder der Unternutzung von Wissen?<\/p>\n<p>Eine lebensnahe Konzeptualisierung von Commons beruht auf einer endlosen Liste von Problemfeldern, die zu beackern sind. Wir suchten dann nach erfolgreich umgesetzten L\u00f6sungen f\u00fcr typische Problemsituationen. Wir suchten \u00fcberall \u2013 in allen Lebensbereichen, in der wissenschaftlichen Literatur und in konkreten Projekten. Wir reflektierten unsere eigenen Commons-Erfahrungen, f\u00fchrten mit vielen Engagierten in der ganzen Welt ausf\u00fchrliche Interviews und dokumentierten ihre Antworten. Dann warfen wir einen n\u00e4heren Blick auf diese L\u00f6sungen. Funktionieren sie tats\u00e4chlich? Nur kurzfristig? Und k\u00f6nnen sie den Verf\u00fchrungen und skrupellosen \u00dcbergriffen in kapitalistischen Kontexten standhalten? In diesem Prozess haben wir theoretische Einsichten oder beliebte Behauptungen \u00fcber Commons mit erfolgreich eingesetzten L\u00f6sungen abgeglichen und schlie\u00dflich gewagt, das Ergebnis begrifflich zu fassen: durch Muster, die unseren Bezugsrahmen bilden sollen. Jedes Einzelne wurde mit Kolleginnen und Kollegen in der Commons-Szene und aus der Wissenschaft getestet. Wir wollten wissen, ob unsere Erkenntnisse mit ihrer Forschung und ihren Erfahrungen im Einklang w\u00e4ren. Das f\u00fchrte, wenig \u00fcberraschend, zu einer langen Serie an Korrekturen, Streichungen und Anpassungen. Das Ergebnis ist unser Bezugsrahmen und seine Triade, die die von uns identifizierten Muster strukturieren. Alle Muster gemeinsam sind der Beginn einer Commons-Sprache \u2013 einer \u00bbMustersprache des Commoning\u00ab, wie manche das nennen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir sind nicht so vermessen anzunehmen, dass unser Bezugsrahmen dem Ph\u00e4nomen Commoning vollst\u00e4ndig gerecht wird, denn letztlich geht es hier um die Welt der Erfahrungen \u2013 um ein lebendiges Ph\u00e4nomen, das nicht vollst\u00e4ndig erfasst werden kann. Der Bezugsrahmen ist eher wie eine Landkarte. Sie bietet eine Legende, ein Vokabular und Wege zum Verst\u00e4ndnis des Themas. Nat\u00fcrlich ist eine Landkarte lediglich eine Landkarte. Sie sollte nicht mit dem Territorium selbst verwechselt werden. Und wie jede andere Landkarte auch ist sie von den Voreingenommenheiten jener beeinflusst, die sie erstellt haben. Wenn wir uns die Welt aber als Pluriversum vorstellen, als fraktale F\u00f6deration einzigartiger und dennoch miteinander verbundener Welten, dann ist auch klar, dass unser Bezugsrahmen unweigerlich manche unserer eigenen kulturell gepr\u00e4gten Sichtweisen enth\u00e4lt.<sup>11<\/sup>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;4. Soziales Miteinander&#8220; tab_id=&#8220;kap4&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 4<br \/>\nSoziales Miteinander<\/h3>\n<p>\u00bbKultur ist gew\u00f6hnlich.\u00ab Das befand einmal der britische Soziologe Raymond Williams. \u00dcber Commoning l\u00e4sst sich dasselbe behaupten. Es ist im Grunde furchtbar gew\u00f6hnlich. Commoning ist, was einfache Menschen in ihren jeweiligen Beziehungen und Umgebungen f\u00fcr sich selbst entscheiden und regeln, wenn sie miteinander gut auskommen <i>und<\/i> so viel Wohlstand wie m\u00f6glich f\u00fcr alle schaffen wollen. Wenn Commoning als Lebensweise oder als eine Art von Kultur begriffen wird, dann gibt es uns das, was jegliche Kultur gibt: \u00bbBedeutung sowohl in einem formalen als auch in einem zutiefst existenziellen Sinn\u00ab, wie der Kultursoziologe Pascal Gielen schreibt.<sup>1<\/sup> In modernen Gesellschaften wurde Commoning weitgehend vergessen. Wenn wir nun Commons-Ideen in ihrer elementaren Allt\u00e4glichkeit vorstellen, k\u00f6nnen wir sie als Plattform f\u00fcr gelebte Alternativen zum Kapitalismus interpretieren.<\/p>\n<p>Wir beginnen die Erkundung der Triade mit dem Bereich des sozialen Lebens. Es ist das beherrschende Motiv aller Commons und dr\u00fcckt sich zugleich in den beiden anderen Sph\u00e4ren aus. Im Laufe von mehr als 15 Jahren haben wir Dutzende Commons besucht, mit Hunderten Menschen gesprochen und in der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche Fallbeispiele durchgesehen. Beim gemeinsamen Nachdenken und Analysieren all dessen, begannen wir die Muster zu erkennen, die unseres Erachtens entscheidend f\u00fcr den Erhalt und die Entwicklung der Commons sind. Und die zudem einen Weg weisen, <i>wie<\/i> die \u00bbgro\u00dfe Transformation\u00ab gelingen kann.<\/p>\n<p>Ihre Kraft im Sinne der Commons entfalten diese Muster dann, wenn sie in der Praxis in ausreichender Dichte und Dauer angewendet werden, so die Schwelle bewusster Selbstorganisation erreichen und koh\u00e4rente soziale Institutionen hervorbringen. Damit ist auch gesagt, dass Commoning nicht wie ein Ein-\/Aus-Schalter funktioniert, wie etwas, das entweder existiert oder nicht; eher wie ein Dimmer, der die Intensit\u00e4t des Lichts behutsam regeln kann. So k\u00f6nnen die Muster des Commoning, die wir in den n\u00e4chsten Kapiteln vorstellen, eine Praxis schwach oder stark pr\u00e4gen, je nachdem, was die Menschen tats\u00e4chlich tun. So wie wir zu jedem Zeitpunkt per Dimmer mehr oder weniger Leuchtkraft erzeugen k\u00f6nnen, haben wir auch jederzeit die M\u00f6glichkeit, das Commoning zu vertiefen, zu verflachen oder gar aufzugeben. Menschen sind sich mancher dieser Muster bewusst, anderer nicht. In den Traditionen und Gewohnheiten indigener Kulturen mag das, was wir als Commoning beschreiben, v\u00f6llig normal und damit \u00bbunsichtbar\u00ab erscheinen. In westlichen Industriegesellschaften ist Commoning ebenfalls unsichtbar, aber aus einem anderen Grund: Es wurde von den Normen des Markt-Staats an den Rand gedr\u00e4ngt. Deswegen haben wir Commons in der ganzen Welt gewisserma\u00dfen \u00bbausgegraben\u00ab: wir m\u00f6chten die im Dunkeln liegenden, wenig diskutierten Prozesse des Commoning erhellen. Daf\u00fcr brauchen wir eine Sprache, die uns erlaubt, gezielter zu benennen, was zu tun ist. Und wir brauchen Experimentierfreudigkeit, mit den betreffenden Mustern umzugehen. So k\u00f6nnen wir Commoning besser verstehen und zugleich ganz praktisch mitgestalten. Das ist ein Weg, der uns erlaubt, auch im Gro\u00dfen zu entwerfen, wie wir k\u00fcnftig gut leben, bed\u00fcrfnisorientiert wirtschaften und weitgehend \u00bbjenseits von Markt und Staat\u00ab Probleme l\u00f6sen k\u00f6nnen. Es ist eine M\u00f6glichkeit, die Verh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern, sofern <i>gleichzeitig<\/i> kulturelle, organisatorisch-politische und wertsch\u00f6pfende Aspekte angegangen werden \u2013 sofern also alle drei Sph\u00e4ren der Triade im Blick bleiben. Geschieht dies, transformieren wir Wirtschaft und Politik, unsere Institutionen, aber auch uns selbst. Uns selbst zu ver\u00e4ndern bedeute, so J.K. Gibson-Graham, \u00bbunsere Welten zu ver\u00e4ndern, und wenn die Beziehung wechselseitig ist, dann ist das Projekt, Geschichte zu machen, niemals fern, sondern immer unmittelbar hier, an den Grenzen unserer sp\u00fcrenden, denkenden, f\u00fchlenden, sich bewegenden K\u00f6rper\u00ab.<sup>2<\/sup> Letztlich hat die Politik ihren Ursprung in unserer Subjektivit\u00e4t, sagenGibson-Graham, und in \u00bbder sinnlichen Erfahrung, ein K\u00f6rper zu sein\u00ab.<\/p>\n<p>Pascal Gielen bezeichnet Kultur als \u00bbein heimliches Labor f\u00fcr neue Lebensformen, ein allgegenw\u00e4rtiger Inkubator, der kaum wahrgenommen wird, gerade weil er \u00fcberall da ist\u00ab.<sup>3<\/sup> Commons sind ein solches Labor; eine Kultur, die schon immer \u00fcberall existiert hat; sie wird nur derzeit nicht als koh\u00e4renter, wertsch\u00f6pfender Prozess oder als eigenst\u00e4ndige soziale Institution anerkannt. Heute schreiben sich die Kategorien der kapitalistischen Marktwirtschaft in unser Denken ein und uns dadurch mehr oder weniger vor, wie wir uns verhalten sollen, in was wir investieren, wie wir unsere Institutionen organisieren sollen usw. Dabei wird angenommen, dass Menschen im Grunde egoistische und materialistische Einzelwesen sind, die stets ihren eigenen Nutzen zu mehren trachten. Commoning beruht auf einem anderen Menschenbild. Kein Wunder, dass es uns ungew\u00f6hnlich erscheint.<\/p>\n<p>Festzuhalten ist \u2013 noch bevor wir unsere Ausgrabungsfunde ausbreiten \u2013 <i>wie<\/i> Commoning seine katalytische Wirkung entfaltet: Je mehr man \u2013 wie gesagt \u2013 die Commons-Weltsicht verinnerlicht und je mehr man Commoning betreibt, desto mehr <i>wird<\/i> man Commoner. Mit der Zeit ver\u00e4ndert das alles: Kultur, Politik und Wirtschaft.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns nun mit unserer Erkundung beginnen: mit dem Bereich des Sozialen, dem Miteinander, das Themen aufruft wie Zusammenarbeit, Beziehungsgestaltung oder die gemeinsame Nutzung von dem, was wir zum Leben und Menschsein brauchen.<\/p>\n<h4>Das soziale Leben des Commoning<\/h4>\n<p>Gemeinsame Absichten &amp; Werte kultivieren<br \/>\nRituale des Miteinanders etablieren<br \/>\nOhne Zw\u00e4nge beitragen<br \/>\nGegenseitigkeit behutsam aus\u00fcben<br \/>\nSituiertem Wissen vertrauen<br \/>\nNaturverbundensein vertiefen<br \/>\nKonflikte beziehungswahrend bearbeiten<br \/>\nEigene Governance reflektieren<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1257\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.1_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><em>Gemeinsame Absichten<\/em><br \/>\n<em>&amp; Werte kultivieren<\/em><\/p>\n<p>Gemeinsame Absichten und Werte sind das Herzblut eines jeden Commons. Ohne sie schwinden Zusammenhalt und Lebendigkeit. Doch k\u00f6nnen gemeinsame Absichten und Werte nicht vorausgesetzt werden. Sie entstehen, wenn Menschen aus eigenem Antrieb, aus Interesse und Leidenschaft heraus, etwas tun, was sie miteinander verbindet oder ihnen vergleichbare Erfahrungen erm\u00f6glicht. Ein Commons beginnt also nicht zwingend mit gemeinsamen Absichten und Werten. Sie m\u00fcssen im Laufe der Zeit <i>erarbeitet<\/i> werden, im Ringen darum, vielf\u00e4ltige Perspektiven abzustimmen, wenn notwendig in Einklang zu bringen oder auch nebeneinander stehen zu lassen. (vgl. Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten, Kapitel 5, S. 120) Das Gef\u00fchl, an etwas Gemeinsamen zu arbeiten und Werte zu teilen, stellt sich nicht ein, indem es formal auferlegt wird. Es n\u00fctzt auch nichts, gemeinsame Absichten und Werte zu verk\u00fcnden oder zu beschw\u00f6ren. Sie m\u00fcssen immer wieder durch sinnstiftendes Commoning entstehen \u2013 und dann durch gemeinsame Reflexion, durch gelebte Traditionen, Feiern und alle m\u00f6glichen Aktivit\u00e4ten <i>kultiviert<\/i> werden. Sonst k\u00e4me dies der Idee gleich, einen Baum zu pflanzen, ihn aber nicht zu gie\u00dfen.<\/p>\n<p>Gewiss, auch formale, organisatorische und infrastrukturelle Fragen spielen eine Rolle; aber wenn verschiedene Anliegen und Haltungen miteinander in Einklang zu bringen sind, gibt es f\u00fcr Commoning keinen Ersatz. Und das braucht Zeit. Eine gemeinsame Kultur kann nicht von einem Tag auf den anderen aufgebaut werden.<\/p>\n<p>In der in Kapitel 1 erw\u00e4hnten SoLaWi wird die Verpflichtung auf frische, lokal produzierte Bio-Lebensmittel auf verschiedene Weise kultiviert: durch Einladungen zu Hoffesten; durch die M\u00f6glichkeit, im vierzehnt\u00e4gigen Rhythmus f\u00fcr einige Stunden auf dem Hof mitzuarbeiten; durch Rezeptvorschl\u00e4ge f\u00fcr Gem\u00fcse der Saison; Einladungen zu Workshops, um alte Verarbeitungstechniken kennenzulernen und vieles mehr. Dabei ist die beste Art, Menschen zusammenzubringen: authentisch zu sein. Alle sollten idealerweise etwas beitragen k\u00f6nnen, was sie wirklich gerne tun. Die hilfreichste Frage daf\u00fcr ist nicht: Was brauchen wir? Sie lautet: Was haben wir? Was ist mit dem m\u00f6glich, was hier und jetzt verf\u00fcgbar ist? Wendell Berry fasst dies poetisch zusammen:<\/p>\n<p><b>Was wir brauchen ist hier<\/b><br \/>\n<i>G\u00e4nse erscheinen hoch \u00fcber uns,<br \/>\nziehen vorbei, und der Himmel schlie\u00dft sich. Unbek\u00fcmmertheit,<br \/>\nwie in der Liebe oder dem Schlaf, h\u00e4lt<br \/>\nsie in ihrer Bahn, klar<br \/>\nim Vertrauen aus alter Zeit: was wir brauchen<br \/>\nist hier. Und wir beten, nicht<br \/>\nf\u00fcr eine neue Erde oder einen neuen Himmel, sondern&lt;<br \/>\nim Herzen und im Auge still zu sein,<br \/>\nklar. Was wir brauchen ist hier.<\/i><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1258\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.2_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Rituale des Miteinanders etablieren<\/em><\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Formen, gemeinsame Absichten und Werte zu kultivieren und so eine identit\u00e4tsstiftende Kultur des Commoning aufzubauen ist,Rituale des Miteinanders zu etablieren und zu pflegen:regelm\u00e4\u00dfig zusammenkommen, sich vertieft miteinander auszutauschen, gemeinsam kochen, Erfolge feiern, Fehlschl\u00e4ge offen und ehrlich analysieren. Solche Rituale k\u00f6nnen ganz einfach sein, wie das Blasmusikkonzert der Freiwilligen Feuerwehr. Oder sie sind sehr komplex und wirken etwas geheimnisvoll wie der Morgenstraich der Basler Fasnacht. Wichtig ist, auch Freude und Ausgelassenheit zu teilen. Das muss sein, sonst verliert der Prozess seine Anziehungskraft. Die vielen B\u00e4uerinnen und Bauern in Lateinamerika, New Mexico und Colorado, die sich an den etwa 1.000 Jahre alten <i>Acequia<\/i> -Bew\u00e4sserungssystemen beteiligen, haben im Laufe der Jahrhunderte gelernt, Rituale des Miteinanders zu etablieren. Selbstverst\u00e4ndlich machen sich alle \u00fcber ihre eigenen Wasserzuteilungen Gedanken, aber sie achten auch gemeinsam auf die \u00f6kologischen Grenzen der lokalen Wassernutzung, gehen Problemen zeitnah nach und kooperieren. So warten sie regelm\u00e4\u00dfig gemeinsam die Wassergr\u00e4ben \u2013 ganz so, wie es die Mitglieder hiesiger Fischereivereine in samst\u00e4glichen Freiwilligeneins\u00e4tzen mit \u00bbihren\u00ab Flussufern tun. In den Software-Communities gibt es kreative Rituale, etwa Hackathons, bei denen die Programmiererinnen und Programmierer L\u00f6sungen f\u00fcr Softwareprobleme aust\u00fcfteln und einen Jargon erfinden, den nur Eingeweihte verstehen. Die Quechua, die den Kartoffelpark in Peru leiten<sup>4<\/sup>, sind durch ihre spirituellen Praktiken miteinander verbunden. Solche Praktiken helfen auch den indonesischen <i>Subak<\/i> -Reisb\u00e4uerinnen und -bauern zu entscheiden, wann sie ihre Saat ausbringen und ihre Felder bew\u00e4ssern, ohne zu viel Wasser zu verbrauchen. Rituale funktionieren dann am besten, wenn sie in den gew\u00f6hnlichen Alltag eingewoben sind und nicht wie ein Fremdk\u00f6rper wirken. Enspiral, eine als Netzwerk strukturierte Gilde mit mehreren hundert Beteiligten, trifft nicht nur mit Hilfe der Online-Entscheidungssoftware Loomio Absprachen, sondern organisiert auch regelm\u00e4\u00dfige Klausurtagungen, um pers\u00f6nliche Begegnungen zu erm\u00f6glichen. In L\u00e4ndern wie Griechenland, Italien, Frankreich und Finnland gab es bereits zahlreiche Festivals, die die Ethik, die Praxis und die Anliegen des Commoning in den Mittelpunkt stellten. Wie k\u00f6nnte man besser Rituale des Miteinanders etablieren\u2013 insbesondere unter Fremden \u2013 als mit einer Party oder einem Festival?<sup>5<\/sup> Manche Commoners scheinen aus allem ein Fest zu machen. Wenn in den offenen Werkst\u00e4tten des Konglomerats<sup>6<\/sup> in Dresden mal wieder die gemeinsam genutzten R\u00e4ume, Maschinen und Toiletten geputzt werden m\u00fcssen, dann wird daraus ein Putzival. Der Begriff verwandelt die notwendige (F\u00fcr-)Sorgearbeit in ein Event. Die Musik wird aufgedreht, alle putzen mit \u2013 und haben auch noch Spa\u00df dabei.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1255\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.3_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Ohne Zw\u00e4nge beitragen <\/em><\/p>\n<p>Ohne Zw\u00e4nge beitragenbedeutet Geben ohne die Erwartung, etwas Gleichwertiges zur\u00fcckzubekommen, jedenfalls nicht hier und jetzt. Es bedeutet auch, dass Menschen nicht den Zwang empfinden, eine direkte und unmittelbare Gegenleistung erbringen zu m\u00fcssen, sobald sie etwas bekommen. Wo immer wir ohne Zw\u00e4nge beitragen, erf\u00e4hrt das Prinzip \u00bbLeistung und Gegenleistung\u00ab einen D\u00e4mpfer. Das Potenzial des Aufteilens, Weitergebens und gemeinsamen Nutzens wird hingegen gest\u00e4rkt. Das geschieht, wenn im Fr\u00fchjahr in Gemeinschaftsg\u00e4rten der erste Spatenstich gesetzt wird oder wenn Menschen redaktionelle Beitr\u00e4ge zur Wikipedia beisteuern, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten, noch nicht einmal ihre formale Namensnennung. Sie machen es einfach. Und zwar aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden: um etwas zu lernen, eine neue F\u00e4higkeit auszuprobieren, Teil einer Gemeinschaft zu werden, Anerkennung zu bekommen, eine berufliche Qualifikation zu erwerben oder schlicht, um dabei zu sein. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt auch das Ernten, der Erhalt des eigenen Anteils oder der Wunsch, beim crowd-finanzierten staatsunabh\u00e4ngigen Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) als Gewinnerin ausgelost zu werden, zu den Motivationen.<sup>7<\/sup> Tatsache ist, Menschen tragen ohne Zw\u00e4nge bei, wenn sie bei \u00bbMein Grundeinkommen\u00ab mitmachen oder per Crowd\u00adfunding Projekte finanzieren, wenn sie Wanderpfade instand halten oder Veranstaltungen in der Nachbarschaft organisieren. Das Geben selbst ist der Lohn.<\/p>\n<p>Es ist wenig sinnvoll, pr\u00e4zise aufzulisten, <i>wie<\/i> in einem Commons ohne Zw\u00e4nge beigetragenwerden kann, denn so vieles ist situationsgebunden. Solange Beitr\u00e4ge nicht erzwungen werden, ist alles in Ordnung. \u00dcberlegungen, ob man quitt ist oder ob alles auf Gegenseitigkeit beruht, sollten nicht die Oberhand gewinnen, und doch ist es faszinierend festzustellen, dass ein ohne Zw\u00e4nge geleisteter Beitragh\u00e4ufig den Weg zur\u00fcck zu den Gebenden findet, irgendwie, irgendwo. In seinem Klassiker <i>Die Gabe. Wie Kreativit\u00e4t die Welt bereichert <\/i> (1979, Deutsch: 2008) untersucht Lewis Hyde die spirituelle und emotionale Bedeutung des Gabentauschs in unterschiedlichen Kulturen, wie er in der Anthropologie und der Literatur beschrieben wird. Um den Unterschied zwischen dem \u00bbzirkul\u00e4ren\u00ab und dem gegenseitigen Geben zu erl\u00e4utern, schreibt Hyde: \u00bbWenn ich jemandem gebe, von dem ich nichts empfange (sondern nur von einem Dritten), ist es so, als k\u00e4me das Geschenk aus dem Dunkel zur\u00fcck. Ich muss gleichsam blind geben und werde dann auch eine Art blinde Dankbarkeit empfinden. \u2026 Der Kreislauf entzieht es [das Geschenk] dem Einfluss des pers\u00f6nlichen Egoismus, und so bleibt jeder Geber Teil des Kollektivs, ist jede Gabe ein Akt des sozialen Vertrauens.\u00ab<sup>8<\/sup><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es bei der Idee, ohne Zw\u00e4nge beizutragen,nicht darum, bedingungslos und unaufh\u00f6rlich zu geben. Das Gegebene zirkuliert auch nicht zwangsl\u00e4ufig im Kreis. Wenn es aber das Ziel ist, zu einem robusten Commons beizutragen, dann muss sichergestellt sein, dass Beitr\u00e4ge freiwillig (oder gemeinsam beschlossen) sind \u2013 und nicht eine Reaktion auf \u00e4u\u00dferen Druck oder Sanktionen. OhneZwanglos geleistete Beitr\u00e4ge, wird ein Commons auf Dauer nicht \u00fcberleben. Die spezifischen M\u00f6glichkeiten, den gemeinsamen Pool zu f\u00fcllen \u2013 wo? wann? wie? wie viel? \u2013 h\u00e4ngen vor allem davon ab, was Menschen wirklich geben <i>k\u00f6nnen.<\/i> Das wiederum ist ein Spiegel ihrer sozio\u00f6konomischen Lage, ihres kulturellen Kontexts, gewohnheitsm\u00e4\u00dfiger Regeln oder der Intensit\u00e4t ihres Engagements. Es ist aber auch Ausdruck ihrer Einsch\u00e4tzung laufender Prozesse, des Vertrauens in Entscheidungsverfahren oder der Zufriedenheit mit Beteiligungsformen etc. Selbstverst\u00e4ndlich geben und schenken Menschen auch einfach aus Wohlwollen, Freude, innerer \u00dcberzeugung, oder weil sie eine bestimmte Angelegenheit unterst\u00fctzen m\u00f6chten. Warum auch immer sie Ohne Zw\u00e4nge beitragen, es stabilisiert ein Commons, denn es st\u00e4rkt eine Ethik des gemeinsamen Nutzens und (Auf-)Teilens sowie die Idee der Freiwilligkeit. Im Einzelfall kann es hilfreich sein, genau zu dokumentieren, wer wem was gibt. Gerade in gr\u00f6\u00dferen und weniger pers\u00f6nlichen Zusammenh\u00e4ngen mag dies funktional erscheinen. Erforderlich ist es im Prinzip aber nicht. Die Praxis, Beitr\u00e4ge und Anspr\u00fcche genau zu fixieren und gegeneinander aufzurechnen, kann gerade das Besondere eines Commons au\u00dfer Kraft setzen: n\u00e4mlich ein Raum zu sein, in dem Geld und andere Beitragsleistungen eben nicht \u00fcber alles regieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1256\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.4_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Gegenseitigkeit behutsam aus\u00fcben<\/em><\/p>\n<p>Obgleich viele Menschen ohne Zw\u00e4nge beitragen, sind Commons kein M\u00e4rchenland, in dem sich Freiwillige aufopfern, die man heute gerne als \u00bbGutmenschen\u00ab verunglimpft. Es wird auch gehandelt. Es gibt also einen Tausch, der auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit fu\u00dft (siehe Kapitel 6). Die Gegenseitigkeit in Commons ist jedoch ihrem Wesen nach anders als beim Tauschhandel auf den M\u00e4rkten. Letzterer beruht auf der Idee, dass Einzelne m\u00f6glichst viel f\u00fcr sich herausholen wollen, wenn sie Waren desselben Geldwerts (Preis) austauschen. Worauf es bei Commons letztlich ankommt, ist ein Gef\u00fchl der Fairness. Das verlangt nicht notwendigerweise, allen genau gleiche Anteile zukommen zu lassen und auch keinen \u00bb\u00c4quivalententausch in Geldwerten\u00ab, wohl aber sicherzustellen, dass alle Bed\u00fcrfnisse aufgenommen wurden und auch strukturell benachteiligte Personen in w\u00fcrdevoller Weise das bekommen, was sie ben\u00f6tigen. Ein selbstbewusstes, g\u00fctiges Commons-Umfeld ist also eines, in dem die Beteiligten gut damit leben k\u00f6nnen, wenn sie im Laufe der Zeit in den Genuss eines ungef\u00e4hr ausgeglichenen (aber nicht absolut gleichen) Verh\u00e4ltnisses von Geben und Nehmen kommen. Die Entscheidung, \u00bbnicht genau auszurechnen\u00ab, wer wem etwas schuldet, ist die Praxis der behutsam ausge\u00fcbten Gegenseitigkeit. Sie ist nicht selten eine Angelegenheit der sozialen Weisheit und Toleranz. Auf strikte, direkte Gegenseitigkeit zu bestehen und damit immer wieder eine Welt zu erzeugen, in der Menschen vor allem als Schuldner oder Gl\u00e4ubigerinnen gesehen werden, kann Neid, soziale Spannungen und polarisierende Eifersucht sch\u00fcren. Wenn aber Trittbrettfahrerinnen und Trittbrettfahrern erlaubt wird, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinsamen zu dr\u00fccken, f\u00fchrt dies ebenfalls zu Ressentiments und zu abnehmender Toleranz. In den Worten von Elinor Ostrom: \u00bbKeiner m\u00f6chte der \u203aDumme\u2039 sein und zu einem Versprechen stehen, das sonst keiner einh\u00e4lt.\u00ab<sup>9<\/sup> In einem Commons muss also sichergestellt sein, dass Geben und Nehmen im Laufe der Zeit in einem grob ausgewogenen Verh\u00e4ltnis stehen, ohne auf eine zu \u00fcberpr\u00fcfende strikte Gegenseitigkeit zu bestehen und ohne Beitr\u00e4ge zu erzwingen (mehr dazu in Kapitel 6).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1253\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.5_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Situiertem Wissen vertrauen<\/em><\/p>\n<p>Der Befund, \u00bb<i>da\u00df wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen,<\/i>\u00ab, wurde von Michael Polanyi in seinen wissenstheoretischen B\u00fcchern formuliert.<sup>10<\/sup> Das bedeutet: ein gro\u00dfer Teil unseres Wissens bleibt unausgesprochen, ja unaussprechbar, denn er ist in unsere K\u00f6rper eingeschrieben. Verk\u00f6rpertes Wissen ist unserer Vernunft und der Sprache nicht unmittelbar zug\u00e4nglich und doch f\u00fcr unser Tun unerl\u00e4sslich. Alle, die Fahrrad fahren, Klavier spielen oder schwimmen k\u00f6nnen, \u00bbwissen\u00ab das. Sie k\u00f6nnen nicht erkl\u00e4ren was genau sie tun, aber sie tun es. Mitunter brillant. Unser K\u00f6rper \u00bbwei\u00df\u00ab anderes als unser Bewusstsein. Aus diesem Grund haben wir oft ein sehr feines intuitives Wissen \u00fcber bestimmte Vorg\u00e4nge und Prozesse \u2013 fast wie ein siebter Sinn. Dazu kommt, dass jedes \u2013 auch das wissenschaftliche \u2013 Wissen einen Ort hat. Das ist sowohl r\u00e4umlich als auch sozial zu verstehen. Es bedeutet, dass das, was wir wissen, vom Kontext gepr\u00e4gt ist, in dem wir uns bewegen. Diese Pr\u00e4gung begrenzt grunds\u00e4tzlich, was wir wissen. Zugleich erscheint das Wissen gesch\u00e4rft, vollgesogen mit spezifischen Informationen, die von einem anderen Ort oder Standpunkt des Forschenden aus nicht zug\u00e4nglich w\u00e4ren. Die feministische Philosophin und BiologinDonna Haraway hat f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen den Begriff \u00bbSituiertes Wissen\u00ab (engl. <i>Situated Knowledge)<\/i> gepr\u00e4gt.<sup>11<\/sup> Er macht deutlich, warum es so wichtig ist, verschiedene Perspektiven und Wissensarten miteinander zu verkn\u00fcpfen, so dass nie eine Wissensart dominieren kann. So ist die Idee des situierten Wissens immer auch eine kritische \u00dcberpr\u00fcfung des herrschenden Wissens.<sup>12<\/sup> In unserem Kontext sind die Wissenden vor allem die Commoners selbst. Situiertes Wissen beschreibt zum Beispiel eine besondere Vertrautheit mit Landschaften und Umgebungen, in denen wir leben und arbeiten. Dieses sehr spezifische Wissen flie\u00dft in die Bewertung von Situationen und in unser Handeln ein. Man kann daher durchaus sagen, dass Commoning mit verk\u00f6rpertem und situiertem Wissen und Wahrnehmen beginnt. Es erlaubt uns, Commons besser zu verstehen, als wenn wir nur \u00bbrationale\u00ab, verhaltens\u00f6konomische Ans\u00e4tze zum \u00bbManagement von Menschen und Ressourcen\u00ab verfolgen. Unser Innenleben wird angesprochen und ernst genommen. Andere Arten des Wissens \u2013 andere Wissenssysteme, aber auch Intuitionen und Gef\u00fchle \u2013 bekommen Raum. Genau wie das Zusammenspiel von <i>Ich, Du, Wir<\/i> uns unser Menschsein anders \u00bbbegreifen\u00ab l\u00e4sst, tr\u00e4gt auch unser physischer K\u00f6rper zum Bewusstsein, zur Bewusstwerdung bei. Eine sprachliche Beschreibung allein w\u00fcrde diesem Erleben nicht gerecht. Im verk\u00f6rperten und im situierten Wissen dr\u00fcckt sich das Leben selbst aus. Ein Beispiel daf\u00fcr liefert der Anthropologe James Suzman. Er beschreibt, wie er an der Bedeutung von <i>n!ow<\/i> herumr\u00e4tselte. Dieses Wort wird von den Ju\/\u2018hoansi-Buschleuten im s\u00fcdlichen Afrika verwendet. Es scheint sich auf eine fundamentale Eigenschaft von Mensch und Vieh zu beziehen, die sich immer dann im Wetter manifestiert, wenn solche Tiere get\u00f6tet werden oder wenn ein Mensch geboren wird oder stirbt. Es gelang Suzman nie, die durch <i>n!ow<\/i> ausgedr\u00fcckte Idee vollkommen zu begreifen. Also kam er zu dem Schluss, dass manches schlichtweg nicht durch Sprache ausgedr\u00fcckt, geschweige denn in eine andere Sprache \u00fcbersetzt werden kann. \u00bbUm <i>n!ow<\/i> zu kennen und zu verstehen, muss man aus diesem Land hervorgegangen, von seinen jahreszeitlichen Rhythmen geformt sein, und man muss die Bindungen, die zwischen J\u00e4gern und ihrer Beute entstanden sind, erlebt haben.\u00ab<sup>13<\/sup> In ihrem Buch <i>Tending the Wild<\/i> (etwa: Die Wildnis hegen) zeigt M. Kat Anderson, dass die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner in dem Gebiet, das wir heute als Kalifornien kennen, \u00fcber eine erstaunlich subtile Kenntnis ihrer \u00d6kosysteme oder bestimmter Pflanzen- und Tierarten verf\u00fcgten: \u00bbMehrere wichtige Dinge wurden mir klar, als ich mit \u00c4ltesten unterwegs war, um Pflanzen zu sammeln. Das erste war, dass man Respekt f\u00fcr die Natur entwickelt, indem man sie umsichtig <i>nutzt<\/i>. Indem man eine Pflanze nutzt, mit ihrem Standort interagiert und das eigene Wohlergehen mit der Existenz der Pflanze verkn\u00fcpft, kann man eine intime Beziehung mit ihr aufbauen und sie verstehen. Dasselbe gilt f\u00fcr Tiere.\u00ab<sup>14<\/sup><\/p>\n<p>Nicht nur die Ju\/\u2018hoansi und andere indigene V\u00f6lker sind gegen\u00fcber Ver\u00e4nderungen in der Natur und in unseren Beziehungen hochsensibel. Wir alle k\u00f6nnen diese Sensibilit\u00e4t kultivieren. \u00dcber situiertes und verk\u00f6rpertes Wissen, \u00fcber Instinkt, verf\u00fcgen wir ohnehin. Wie wichtig es ist, l\u00e4sst sich an Bergsteigerinnen und Bergsteigern erkennen, die die Stabilit\u00e4t von Schneebr\u00fccken pr\u00fcfen, an Fu\u00dfballspielern, die ahnen, wohin und wie schnell der Ball fliegt, oder an Politikerinnen, die die \u00f6ffentliche Stimmung intuitiv erfassen und beeinflussen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Commons sind spezifische Zug\u00e4nge und Kenntnisse f\u00fcr die sachgerechte Bewirtschaftung von Naturreicht\u00fcmern bedeutsam. Wenn Menschen auf bew\u00e4hrte Erkenntnisse und Weisheiten zur\u00fcckgreifen, ist das der Robustheit von Commons zutr\u00e4glich. Situiertes und verk\u00f6rpertes Wissen ist also nicht einfach \u00bbWissen\u00ab. Es folgt aus dem Tun und der Erfahrung, welche oft aus einem tieferen Verbundensein mit der Natur und aus \u00bbaffektiver Arbeit\u00ab r\u00fchrt. Die Macht des Rationalismus\u2039, der einer <i>fakten<\/i> basierten B\u00fcrokratie Vorschub leistet, ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Dennoch hindert uns nichts daran, verk\u00f6rpertes und situiertes Wissen zu w\u00fcrdigen und zu nutzen. Es ist ohnehin \u00fcberall pr\u00e4sent. Es ist in uns, selbst wenn wir es nicht ohne weiteres erkennen und nicht ermutigt werden, diesem W\/wissen zu vertrauen. Der Politikwissenschaftler Frank Fischer hat einmal die Gewohnheit von Fachleuten dokumentiert, \u00bblokales Wissen, das helfen kann, technische Fakten und soziale Werte miteinander in Beziehung zu setzen, zu ignorieren\u00ab.<sup>15<\/sup> In B\u00fcrokratien und den gro\u00dfen Institutionen, die die Welt des Wissens pr\u00e4gen, ist das durchaus \u00fcblich.<\/p>\n<p>Es gibt ein aktives Bem\u00fchen darum, dieser Ignoranz etwas entgegenzusetzen, indem sie sich auf die Kraft situierten und verk\u00f6rperten Wissens beziehen: Permakultur-Gestalterinnen und -Gestalter betonen beispielsweise immer wieder, wie notwendig es ist, darauf zu achten, dass man \u00bbbeobachtet und interagiert\u00ab sowie \u00bbVer\u00e4nderungen kreativ nutzt und auf sie reagiert\u00ab.<sup>16<\/sup> Menschen in der Transition-Town-Bewegung sind stolz darauf, eine postfossile Welt mit \u00bbKopf, Herz und Hand\u00ab zu schaffen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1254\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.6_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Naturverbundensein vertiefen<\/em><\/p>\n<p>Zur Anziehungskraft vieler Commons geh\u00f6rt, dass wir uns in ihrem Kontext enger mit der Natur und mit anderen verbinden k\u00f6nnen. Wenn Naturverm\u00f6gen wie Wasser, Ackerland, W\u00e4lder, Fischgr\u00fcnde, Wildbest\u00e4nde im Mittelpunkt eines Commons stehen, erkennen die Beteiligten schnell, dass es nat\u00fcrliche Grenzen gibt. Menschen bekommen praktische Mittel in die Hand, damit umzugehen. Wer mit Agro\u00f6kologie, Permakultur, der (f\u00fcr-)sorgenden Bewirtschaftung von Gemeinschaftsw\u00e4ldern, ausgekl\u00fcgelten Bew\u00e4sserungssystemen und \u00e4hnlichen Praktiken zu tun hat, stellt sich genauer auf die Rhythmen ein, die die Natur erfordert, und lernt, die feinen Indikatoren zu lesen, die ihre Gesundheit bzw. ihre Gef\u00e4hrdung anzeigen. Je mehr Commoners direkt mit der Natur zu tun haben, desto engere, respektvollere Beziehungen mit der Erde als funktionierendem System entwickeln sie. Sie kann ihnen heilig werden.<\/p>\n<p>In Commons-Umgebungen wird dieser Prozess deshalb unterst\u00fctzt, weil hier der Schwerpunkt nicht auf dem Tauschwert des \u00bbNaturkapitals\u00ab geschweige denn der Finanzialisierung<sup>17<\/sup> der Natur liegt. Lassen wir noch einmal Kat Anderson zu Wort kommen. Als sie \u00c4lteste der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner in Kalifornien auf das Verschwinden mancher Pflanzen und Tiere ansprach, verwiesen diese auf \u00bbden Mangel an menschlicher Interaktion mit einer Pflanze bzw. einem Tier\u00ab. Sie waren der Auffassung, dass Menschen eine aktive Beziehung mit Pflanzen brauchen. Pflanzen, so erkl\u00e4rten sie, \u00bbprofitieren nicht nur davon, genutzt zu werden, manche k\u00f6nnen tats\u00e4chlich <i>davon abh\u00e4ngig sein<\/i>, dass Menschen sie nutzen. Der Schutz gef\u00e4hrdeter Arten und die Restaurierung von \u00d6kosystemen k\u00f6nnte die Wiedereinf\u00fchrung (f\u00fcr-)sorgender Bewirtschaftung notwendig machen anstelle eines Naturschutzes, der jegliche menschliche Interventionen einfach unterbindet\u00ab.<sup>18<\/sup><\/p>\n<p>Indigene Weisheit behauptet, dass Menschen mit der Natur als Pflegnutzende, (f\u00fcr-)sorgend Bewirtschaftende, ja sogar als \u00bbenlivener\u00ab \u2013 verlebendigende Akteure \u2013 interagieren m\u00fcssen. Dieser Gedanke flie\u00dft durchaus in einige politische Ma\u00dfnahmen ein. In Guatemala hatte die Regierung lange versucht, Menschen, die Vieh z\u00fcchten, Landwirtschaft betreiben oder Holz f\u00e4llen, daran zu hindern, Land im Maya-Biosph\u00e4renreservat zu zerst\u00f6ren. Nachdem klar wurde, dass sich dieses Verhalten kaum stoppen lie\u00df, erkannten die Beh\u00f6rden, dass \u00bbdie effektivste Art und Weise, W\u00e4lder zu sch\u00fctzen, ist, den bereits dort lebenden Gemeinschaften die Aufsicht dar\u00fcber zu \u00fcbertragen\u00ab.<sup>19<\/sup><\/p>\n<p>Dasselbe ist in Nepal geschehen. Dort hat die Beteiligung der Gemeinschaften an der Bewirtschaftung der W\u00e4lder den (f\u00fcr-)sorgenden, nachhaltigen Umgang deutlich verbessert. Nach 1990 wurden neue Regeln und Finanzierungsformen eingef\u00fchrt, um selbstverwaltete Strukturen zu unterst\u00fctzen. Heute bewirtschaften insgesamt 16.000 Gemeinschaften 1,2 Millionen Hektar Land. Das entspricht etwa einem Viertel der Waldfl\u00e4che Nepals.<sup>20<\/sup><\/p>\n<p>Es geht also nicht darum, dass Staat und Wirtschaft einfach \u00bbnachhaltigere\u00ab Regeln entwickeln. Es geht darum, dass Menschen ihr Natursein leben und vertiefen. Dies ist der Keim, aus dem beispielsweise das strukturierte Wissen der Permakultur hervorgeht.<\/p>\n<p>Es ist, in David Abrams Worten, \u00bbder Bann der sinnlichen Natur\u00ab, der uns tiefer mit der Natur und unserem eigenen Natursein verbindet.<sup>21<\/sup><\/p>\n<p>\u00bbWir sind vom gleichen Stoff\u00ab wie die Welt, schreibt der \u00d6kophilosoph Andreas Weber, deshalb wirken ein Waldspaziergang oder der Fr\u00fchlingsanfang so begl\u00fcckend.<sup>22<\/sup> Unsere Verbindungen zur Natur sind so tief und existenziell, argumentiert er, dass unser inneres Selbst und unser F\u00fchlen die Pr\u00e4gung der Au\u00dfenwelt tragen. Alles was lebt, erf\u00e4hrt sich selbst als physische Materie auch im Innen, etwa durch Emotionen. Wir sind Teil eines gr\u00f6\u00dferen Dramas \u00bbbiopoetischer\u00ab Beziehungen zwischen den Kreaturen der Welt. Deshalb ist es unabdingbar, unserNaturverbundensein zu vertiefen,wenn wir uns wirklich auf den Weg machen wollen zu einem (f\u00fcr-)sorgenden Umgang mit uns und mit dem, was uns tr\u00e4gt und umgibt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1252\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.7_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Konflikte beziehungswahrend bearbeiten<\/em><\/p>\n<p>Jegliches kooperative Unterfangen steht vor ernsten Herausforderungen, von denen viele auf das Verhalten Einzelner zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Konflikte sind unvermeidlich. Die Frage lautet nicht, ob sie angegangen werden, sondern wie. Sie zu ignorieren ist keine Option. Was wir mit \u00bbbeziehungswahrend\u00ab meinen, l\u00e4sst sich am besten im Anschluss an die Erkenntnisse von Elinor Ostrom erkl\u00e4ren. Wie in allen Institutionen muss es auch in Commons Regeln und Normen geben, die f\u00fcr alle gelten. F\u00fcr gelingendes Commoning ist dabei ma\u00dfgeblich, <i>wie<\/i> diese durchgesetzt werden. Schlie\u00dflich gibt es viele Zusammenh\u00e4nge, aus denen sich Menschen nicht einfach zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. Das macht das Anliegen, im Umgang mit Konflikten die \u00bbBeziehungen zu wahren\u00ab, so wichtig. Konflikte oder Regelverst\u00f6\u00dfe sind offen und ehrlich zu thematisieren; mit einer Haltung des Respekts und des Sorgetragens f\u00fcr alle Beteiligten. Auch der Einsatz abgestufter Sanktionen, eines der Designprinzipien f\u00fcr langlebige Commons, kommt hier zum Tragen (siehe Kapitel 5, S. 138). Im beziehungswahrenden Umgang mit Konflikten ist zun\u00e4chst zu beachten, den Schaden anzuerkennen und ihn dann \u2013 sofern m\u00f6glich \u2013 zu beheben, wobei die M\u00f6glichkeiten und die W\u00fcrde der Einzelnen nicht aus dem Blick geraten d\u00fcrfen. Es ist wenig hilfreich, Menschen Wiedergutmachungsb\u00fcrden aufzuladen, die sie nicht tragen k\u00f6nnen. Beziehungen k\u00f6nnten zudem gewahrt werden, wenn die kollektive Mitverantwortung oder systemische Probleme nicht unreflektiert bleiben.<\/p>\n<p>Sanktionen sind nicht dazu da \u2013 oder sollten nicht dazu missbraucht werden \u2013, auf indirektem Wege einen Konsens zu erzwingen, doch sie k\u00f6nnen dazu beitragen, grunds\u00e4tzlichen Problemen und Fehlern vorzubeugen. Wenn Konflikte entstehen, k\u00f6nnen die L\u00f6sungen schrittweise umgesetzt werden, so dass immer wieder eine offene, transparente Auseinandersetzung \u00fcber den Konflikt erfolgen kann. Eine beliebte und einfache Technik, dies zu tun, ist der Kreis (Runde Tische sind nicht umsonst Teil unserer politischen Geschichte!): Im Kreis \u2013 wir haben das mit mehr als hundert Menschen erlebt \u2013 kann eine problematische Situation bzw. ein problematisches Verhalten besprochen werden. Die Kunst besteht darin, allen das Recht einzur\u00e4umen, geh\u00f6rt zu werden, Zeugnis abzulegen und \u00c4nderungen vorzuschlagen \u2013 und gleichzeitig \u00fcber das wahrgenommene Problem und seine Wirkungen offen zu reden. Das bedeutet nicht, dass alle reden m\u00fcssen, aber es gibt die M\u00f6glichkeit, dies zu tun. So wie beispielsweise in den \u00bbKreisgespr\u00e4chen\u00ab von Mitgliedern des venezolanischen Kooperativenverbandes Cecosesola: Wenn man diese verfolgt, kann es angenehm verwundern, wie \u00bbBeschwerden\u00ab \u00fcber Einzelne in einen Kontext von Wertsch\u00e4tzung eingebettet sind. Nach anstrengenden Reflexionen und dem Abschluss des Kreisgespr\u00e4chs kommt es vor, dass \u00bbdie Beschuldigten\u00ab von Einzelnen in den Arm genommen werden. Diese Gespr\u00e4che sind trotzdem \u00fcberaus schwierig, denn sie sind Ausdruck komplexer zwischenmenschlicher Konflikte und daher mit tiefen Emotionen verbunden \u2013 und doch signalisieren die Beteiligten durch ihre Wortwahl und die Umarmung am Ende ihre Wertsch\u00e4tzung. Die F\u00e4higkeit, ehrliche Kritik mit Respekt und sogar Zuwendung zu verbinden, f\u00e4llt nicht vom Himmel. Sie muss einge\u00fcbt werden. Vielleicht beginnt es damit, dass Eltern ihren Kindern auch dann einen Gute-Nacht-Kuss geben, wenn ein Streit vorausgegangen ist. Der Konflikt \u2013 so die Botschaft \u2013 ist es nicht wert, durch die Nacht getragen zu werden.<\/p>\n<p>Andere Commons m\u00f6gen Mediationen oder andere Beratungsformen nutzen, um mit Konflikten beziehungswahrend umzugehen. Viele Software-Commons haben die M\u00f6glichkeit, \u00bbden Code aufzuspalten\u00ab \u2013 in der Fachsprache \u00bbfork\u00ab genannt. Das spaltet letztlich auch das Projekt. Dies kann \u2013 im Umgang mit Streitigkeiten \u2013 beziehungswahrend sein oder auch nicht. Tatsache ist: eine oder mehrere Personen k\u00f6nnen so das Projekt getrennt weiterf\u00fchren und dennoch auf derselben Software-Code-Grundlage arbeiten und es in andere kreative Richtungen weiterentwickeln.<\/p>\n<p>Gewiss l\u00e4sst sich nicht allen Konflikten auf diese Weise begegnen. Es mag einen Punkt geben, an dem die vollkommene Spaltung eines Projektes oder der Ausschluss einer Person die einzige praktische Option ist. Worum es jedoch geht und was sich stets lohnt, ist das Bem\u00fchen, die Einstellung zum Gemeinsamen zu erhalten und gleichzeitig wirklich ehrlich zu sein. Nichtwahrhabenwollen und Selbstbetrug helfen niemandem.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1251\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_4.8_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Eigene Governance reflektieren<\/em><\/p>\n<p>In vielen Commons sind sich die Beteiligten ihrer eigenen Praxis nicht wirklich bewusst. Oft bleibt der Kern der sozialen Dynamiken im Dunkeln. Das gilt f\u00fcr die konstruktiven wie f\u00fcr die weniger hilfreichen. Selbst engagierte Menschen k\u00f6nnen angesichts herausfordernder Organisationsstrukturen, der Zumutungen des t\u00e4glichen operativen Gesch\u00e4fts, der Notwendigkeiten und Verf\u00fchrungen des Geldverdienens, der Verlockungen der Macht und vieler anderer Faktoren vergessen, wie ein Commons zu erhalten ist. Das gef\u00e4hrdet das Ganze. Daher ist es unabdingbar, dass Commoners \u00fcber ihre eigene Governance reflektieren. Nur so k\u00f6nnen sie Einhegungen, Vereinnahmungen oder institutioneller Entropie vorbeugen.<\/p>\n<p>Wir ordnen dieses Muster dem sozialen Leben des Commoning zu und nicht der bewussten Selbstorganisation (Peer Governance), weil es so grundlegend f\u00fcr den sozialen Prozess ist. Der \u00d6konom Johannes Euler hat das auf den Punkt gebracht: So wie es kein Commons ohne Commoning gibt, gibt es auch kein Commoning ohne Peer Governance. (Oder anders ausgedr\u00fcckt: So wie ein Gemeinsames nicht ohne gemeinsames Tun entsteht, gelingt gemeinsames Tun nicht ohne bewusste Reflexion der eigenen Organisationsformen.) Wenn ein Commons Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte \u00fcberdauern soll, dann ist dieser Gedanke zentral: Formen des Commoning, deren sich die Beteiligten nicht bewusst sind, riskieren zu scheitern. Wenn nicht auf die stabilisierende Kraft jahrhundertealter Traditionen, Kulturen und Rituale zur\u00fcckgegriffen werden kann, m\u00fcssen Menschen klar ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, warum ein Commons funktioniert und wie es verbessert werden kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Commoning mehr als gesteigerte Bewusstheit oder tieferes Sein, wie wir das aus Zen- oder Achtsamkeits-Praktiken kennen. Es ist \u2013 um es noch einmal zu sagen \u2013 Bedingung und Mittel bed\u00fcrfnisorientierten Wirtschaftens in bewusster Selbstorganisation. Es ist zudem der kulturelle Ausdruck einer neuen Art, Politik zu denken und zu machen. In seiner ambitioniertesten Form setzt Commoning einen Prozess in Gang, der uns erlaubt, die Bedingungen der modernen Zivilisation neu zu denken. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der sich der <i>Homo oeconomicus <\/i> als idealisierte Vorstellung menschlichen Strebens, als zutiefst gesellschaftsfeindlich, \u00f6kologisch blind und demokratischen Anliegen gegen\u00fcber gleichg\u00fcltig erweist. Commoning setzt also einen Prozess in Gang, der das Kooperative und Mitf\u00fchlende in uns st\u00e4rkt. Und eben dies ist der Effekt der bis hierhin beschriebenen Muster sowie all derer, die in Kapitel 5 und 6 folgen werden. Commoning ver\u00e4ndert uns. Bevor wir uns mit den Fragen der Selbstorganisation auseinandersetzen, wollen wir diesem Gedanken noch etwas Aufmerksamkeit schenken.<\/p>\n<h4>Commoning entfaltet das Ich-in-Bezogenheit<\/h4>\n<p>Wer sich nur genug anstrengt, kann ein Verm\u00f6gen anh\u00e4ufen. Diese Erz\u00e4hlung vom \u00bbSelfmademan\u00ab (tats\u00e4chlich meist m\u00e4nnlich) geh\u00f6rt zu den beliebten Gemeinpl\u00e4tzen unserer Zeit. Dabei ist die Vorstellung absurd, jemand k\u00f6nnte ohne Freundes- und Kollegenkreise, Familie oder Gesellschaft wirklich existieren oder erfolgreich sein. Es ist nichts weiter als ein \u00bbanpassungsf\u00e4higer, sch\u00e4dlicher und unverw\u00fcstlicher Mythos\u00ab, befindet ein Beobachter.<sup>23<\/sup> Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass sich ein Individuum nur durch den Austausch mit anderen entfalten und zum Selbst werden kann. Und umgekehrt: das Kollektiv kann nur durch die Beitr\u00e4ge und die freiwillige Zusammenarbeit von Einzelnen entstehen. Das erkl\u00e4rt, warum Anthropologen wie Thomas Widlok davon sprechen, dass wir nicht nur \u00bbmiteinander verbundene Leben\u00ab, sondern \u00bbmiteinander verschr\u00e4nkte Identit\u00e4ten\u00ab haben (siehe Kapitel 2).<sup>24<\/sup> Mit anderen Worten, Individuen und Kollektive sind keine inkompatiblen Gegens\u00e4tze wie die Luft und das Vakuum. Sie sind vielmehr verbunden und gegenseitig voneinander abh\u00e4ngig. Schon die Begriffe Individuum und Kollektiv selbst sind <i>relational<\/i> \u2013 sie sind nur in Bezug aufeinander sinnvoll und vermitteln erst <i>durch einander<\/i> ihre Bedeutung.<\/p>\n<p>Ungeachtet dessen ist die Fantasie, dass Einzelne \u00fcber alle und alles triumphieren k\u00f6nnen \u2013 \u00e0 la Frank Sinatra: \u00bbI did it my way!\u00ab \u2013 nicht nur im Pop-Entertainment lebendig, sondern selbst in den seri\u00f6sesten intellektuellen Kreisen: in der Evolutionswissenschaft, der Biologie, der Wirtschaftswissenschaft und anderen Sozialwissenschaften. Sie alle neigen dazu, das isolierte Individuum als selbstverst\u00e4ndliche Kategorie des Denkens zu betrachten. Sie sehen das Selbst als unteilbare, umgrenzte Einheit, die autonom handelt. Das ist ein Ausgangspunkt \u2013 eine Grundannahme \u2013 aus der alles andere folgt: wie wir die Welt sehen, wie die Wissenschaft die Welt analysiert (methodologischer Individualismus), wie wir handeln, Institutionen entwerfen und Politik ausgestalten. So problematisch die Idee ist, so m\u00e4chtig ist sie. Tats\u00e4chlich spiegelt sie sich in den bekannten Gegens\u00e4tzen, die wir als gegeben voraussetzen: Individuum versus Kollektiv, \u00f6ffentlich versus privat, objektiv versus subjektiv. Wie in Kapitel 2 beschrieben, wird in mehreren Bantu-Sprachen die Beziehung zwischen \u00bbmir\u00ab und \u00bbder\/dem Anderen\u00ab mit dem Wort <i>Ubuntu<\/i> ausgedr\u00fcckt.<sup>25<\/sup> \u00bbIch bin, weil wir sind, und weil wir sind, deshalb bin ich.\u00ab<sup>26<\/sup> Das Individuum ist dabei nicht nur Teil eines \u00bbWirs\u00ab, sondern vieler \u00bbWirs\u00ab. Und auch wenn wir in westlichen Sprachen keine gute Entsprechung f\u00fcr Ubuntu haben, sind wir in der Lage, in diesem Geiste zu handeln: in eine Haltung des Dialogs zu gehen, unsere soziale Wirklichkeit zu reflektieren und zu erkennen, dass die Verbindung mit Anderen nicht nur Quelle der Identit\u00e4t, sondern auch ein soziales Sicherungsnetz ist. Wir k\u00f6nnen auf die Muster des Commoning achten, sie anwenden und damit nicht nur uns, sondern das Ganze ver\u00e4ndern. Auf diese Weise, werden wir ganz konkret immer wieder neu, was wir im Grunde sind: Ich-in-Bezogenheit.<\/p>\n<p>Als wir \u00fcber die in unsere Sprache eingebetteten Voreingenommenheiten nachdachten und versuchten, uns davon zu befreien, stand pl\u00f6tzlich diese Wendung im Raum. Sie enth\u00e4lt und verbindet <i>Ich<\/i> und <i>Wir<\/i>. Sie kann die schweren M\u00e4ngel des <i>Homo oeconomicus<\/i> hinter sich lassen und menschlichem Handeln sowie einer Identit\u00e4t als <i>Commoner<\/i> Ausdruck verleihen. \u00bbIch-in-Bezogenheit\u00ab unterstreicht die vielen Beziehungen, die uns formen und umgeht den irref\u00fchrenden <i>Ich<\/i>-versus-<i>Wir<\/i>-Dualismus, der unser Denken pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dass wir <i>in Bezogenheit <\/i> leben, ist nicht nur ein Gedanke, sondern sehr real. So beginnt etwa die westliche Medizin zu erkennen, dass ihre Fixierung auf einzelne Krankheitserreger ein irref\u00fchrender Ansatz ist, um Erkrankungen zu verstehen. Einfache Ursache-Wirkungs-Erkl\u00e4rungen gen\u00fcgen oft nicht, denn einzelne lebendige Systeme \u2013 wie unser K\u00f6rper \u2013 stehen <i>in Beziehungen zu gr\u00f6\u00dferen lebendigen Systemen<\/i> und bestehen gleichzeitig <i>aus kleineren lebendigen Elementen<\/i>. Also Ganzheitlichkeit auf allen Ebenen! Das Human Microbiome Project hat etwa 100 Billionen nicht-menschliche Lebensformen \u2013 Bakterien, Pilze etc. \u2013 ausfindig gemacht, die in unserem K\u00f6rper, insbesondere unserem Verdauungstrakt, leben und mit zwei bis f\u00fcnf Pfund zu unserem K\u00f6rpergewicht beitragen. Diese Organismen sind f\u00fcr unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden als \u00bbIndividuen\u00ab lebensnotwendig. Nicht einmal unser eigener K\u00f6rper hat eindeutige Grenzen. Das ist eigentlich eine philosophische Trivialit\u00e4t, denn ein Gegenstand ist ein Objekt des Denkens. Wenn man ihn (gedanklich) abgegrenzt denkt, dann ist er auch abgegrenzt. Doch diese Grenzen sind nicht unbedingt in der Wirklichkeit zu finden. Man ist \u2013 angesichts der ungez\u00e4hlten Lebewesen, die uns bev\u00f6lkern \u2013 versucht zu sagen, dass wir uns selbst nicht allein besitzen. Wir sind auch im Besitz anderer Lebewesen. Unser K\u00f6rper lebt in st\u00e4ndigen symbiotischen Beziehungen mit der Nahrung, die wir aufnehmen, mit den Bakterien in uns und um uns herum und mit der Landschaft vor Ort. Kurz gesagt, wir sind mehr als Substanz, wir sind auch Struktur, die \u00fcber uns hinausgreift. Und als solche aquarellieren wir buchst\u00e4blich in ein Netzwerk anderer lebender Organismen und Systeme hinein.<sup>27<\/sup><\/p>\n<p>Der Begriff Ich-in-Bezogenheit versucht, diese weit \u00fcber das Individuum hinausgehende Dimension einzufangen. Wenn wir dieser auch im Handeln gerecht werden, dann leben wir Ubuntu-Rationalit\u00e4t. Das hei\u00dft, dass ich die Belange Anderer in meine Handlungen einbeziehe. Das st\u00e4rkt nicht nur mich, sondern den sozialen Zusammenhalt. Dies bewusst zu tun ist wichtig, weil unsere Handlungen ohnehin mit dem Tun und den Interessen anderer zusammenh\u00e4ngen. Meine Handlungen katalysieren immer auch Vorteile (genauso wie Nachteile) f\u00fcr Dritte; unser Tun wirkt durch andere hindurch. Unser Impuls zur Kooperation, von dem bereits in Kapitel 1 die Rede war, entsteht also nicht aus Berechnung, sondern entspricht zutiefst unserem Menschsein \u2013 deshalb ist Kooperation auch Quelle von Freude und Zufriedenheit.<\/p>\n<p>UnserIch-in-Bezogenheit zu st\u00e4rkenbedeutet, all dem Raum und Ausdruck zu geben, was jedes Commons enthalten muss: Zuwendung und Respekt, Frustration und Lachen, Spiel und Leidenschaft, Trauer und Liebe. All dies ist Teil der allt\u00e4glichen Routinen des Gemeinsamen. Ubuntu-Rationalit\u00e4t realisiert sich meist unspektakul\u00e4r. Die am WikiHouse-Netzwerk Beteiligten beispielsweise (siehe Kapitel 1) sind eingeladen, ihre Entwurfsinnovationen \u00bbgemeinsam zu nutzen und f\u00fcr andere nutzbar zu machen\u00ab. Offene Standards und das Bausteinprinzip ermuntern alle, etwas Eigenes ohne Zw\u00e4nge beizutragen. Einzelne beteiligen sich so an einer Sache, die gr\u00f6\u00dfer ist als sie selbst, und profitieren zugleich davon. \u00c4hnlich ist es bei den Verbund-Wikis, auch sie erf\u00fcllen die Idee des Ichs-in-Bezogenheit mit Leben. Die Einzelnen sind so frei, pers\u00f6nliche Wikis nach eigenen Vorstellungen zu schaffen \u2013 online und offline-, und sie k\u00f6nnen solche problemlos in gr\u00f6\u00dfere Verb\u00fcnde \u2013 \u00bbNachbarschaften\u00ab genannt \u2013 platzieren, die Nutzerinnen und Nutzer ermutigen, ihre Wiki-Seiten mit anderen zu teilen (siehe Kapitel 8).<\/p>\n<p>Angemerkt werden muss, dass das Verh\u00e4ltnis von kollektiver Steuerung bzw. Kontrolle und individuellen Anliegen nicht immer gut austariert ist. Eine Gruppe mag f\u00fcr manche Personen erdr\u00fcckend wirken. Sie f\u00fchlen sich unwohl und ziehen sich zur\u00fcck. Patriarchale Strukturen wirken auch in vielen Subsistenz- und digitalen Commons. Zwangskonformismus kann aus einer Gemeinschaft schnell eine Sekte machen. Charismatische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten m\u00f6gen etwas durchsetzen und Macht konsolidieren, doch geht dies zu Lasten einer robusten Kultur des Gemeinsamen. In Commons-Strukturen als Ich-in-Bezogenheit zu agieren ist herausfordernd. Eine Ubuntu-Rationalit\u00e4t zu pflegen erfordert eine kunst- und respektvolle Balance zwischen den Bed\u00fcrfnissen Einzelner und den Notwendigkeiten der Gruppe, des Netzwerks und des Ganzen. In gewisser Weise geht es bei allen Mustern des Commoning, die wir in diesem Buch vorstellen, darum, dieser Herausforderung zu begegnen und dadurch unsere Existenz als Ichs-in-Bezogenheit anzuerkennen und zu st\u00e4rken.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;5. Selbstorganisation durch Gleichrangige&#8220; tab_id=&#8220;kap5&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 5<br \/>\nSelbstorganisation durch Gleichrangige<\/h3>\n<p>Commoning zeigt sich, wie in Kapitel 4 beschrieben, in verschiedenen Haltungen und Verhaltensweisen. Aber taugt es auch als Organisationsweise oder zur Regulierung und Lenkung sozialer Prozesse? Lassen diese sich durch Commoning gar besser steuern als durch Regierungen und Verwaltungen? Gelingt die Koordination durch Commoning besser und effektiver als durch den Markt? All das sind sehr weitreichende Fragen, aber zun\u00e4chst werden wir genauer betrachten, wie bewusste Selbstorganisation <i>innerhalb<\/i> eines Commons funktioniert.<\/p>\n<p>Der Rechtswissenschaftler Robert Ellickson besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit Eigentumsfragen. So untersuchte er, wie die Viehz\u00fcchter im kalifornischen Shasta-Tal mit dem Problem umgingen, dass Vieh von ihren Feldern ausgebrochen und in das Land anderer eingedrungen war. Sie haben daf\u00fcr ihre eigenen Regeln und sozialen Normen entwickelt. Ellickson nennt dies \u00bbOrdnung ohne Gesetz\u00ab.<sup>1<\/sup> So folgen benachbarte Rancher oft der Tradition, sich die Kosten f\u00fcr den Bau und die Instandhaltung eines gemeinsamen Zauns zu teilen, halbe-halbe. Oder sie einigen sich darauf, dass ein Viehz\u00fcchter das Material und der andere die Arbeitskraft f\u00fcr das Ziehen des Zauns zur Verf\u00fcgung stellt. Wenn aber ein Viehz\u00fcchter eine h\u00f6here durchschnittliche Viehdichte auf seiner Seite des Zauns hat, will es der Brauch, dass es in der Aufteilung des Aufwandes f\u00fcr den Zaun eine grobe \u00bbNorm der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit\u00ab gibt. Verst\u00f6\u00dft ein Rancher unvorsichtigerweise gegen die Norm, dass streunende Rinder eingeholt werden m\u00fcssen, wird in der Ranchergemeinschaft oft absichtlich getratscht, um sie zu besch\u00e4men (siehe Regeleinhaltung commons-intern beobachten &amp; stufenweise sanktionieren).<\/p>\n<p>Eine Gemeinschaft oder ein Netzwerk ist mit einem Problem konfrontiert, und die Beteiligten entwerfen eine L\u00f6sung. Dann beginnt der kompliziertere Teil der Aufgabe: die L\u00f6sungsidee in die Realit\u00e4t umzusetzen. Es ist daher wichtig zu verstehen, welche Dynamiken in der t\u00e4glichen Praxis einzelner Commons immer wieder anzutreffen sind. Das hilft nicht nur anderen, es inspiriert auch unser Nachdenken dar\u00fcber, wie gr\u00f6\u00dfere Strukturen funktionieren k\u00f6nnen, etwa Commons-Verb\u00fcnde, commons-freundliche Gesetze oder commons-basierte Infrastrukturen. Zudem ist es n\u00fctzlich, um die Zusammenarbeit mit staatlichen Akteuren commons-freundlich auszurichten. Auf den folgenden Seiten stellen wir deshalb \u2013 nach einigen Ausf\u00fchrungen zum Begriff \u00bbGovernance\u00ab \u2013 zehn Muster dieser Lenkungsform vor, die wir <i>Peer Governance<\/i> nennen. Die ersten sieben haben mit direkten zwischenmenschlichen und anderen sozialen Beziehungen zu tun, die letzten drei mit commons-basierten Methoden des Umgangs mit Eigentum, M\u00e4rkten und Geld. Hier die \u00dcbersicht:<\/p>\n<p><b>Muster der Peer Governance <\/b><br \/>\nSich in Vielfalt gemeinsam ausrichten<br \/>\nCommons mit halbdurchl\u00e4ssigen Membranen umgeben<br \/>\nIm Vertrauensraum transparent sein<br \/>\nWissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergeben<br \/>\nGemeinstimmig entscheiden<br \/>\nAuf Heterarchie bauen<br \/>\nRegeleinhaltung commons-intern beobachten &amp; stufenweise sanktionieren<br \/>\nBeziehungshaftigkeit des Habens verankern<br \/>\nCommons &amp; Kommerz auseinanderhalten<br \/>\nCommons-Produktion finanzieren<\/p>\n<h4>Anmerkungen zu \u00bbGovernance\u00ab<\/h4>\n<p>Der Begriff \u00bbGovernance\u00ab wurde historisch mit der eher statischen, langsamen Welt des sp\u00e4ten 18. und des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Mitteilungen wurden vor allem von Pferden, sp\u00e4ter mit der Eisenbahn und per Telegrafenleitung transportiert. Damals entstanden der moderne Nationalstaat und die kapitalistische Marktwirtschaft. Heute ist ein Gro\u00dfteil der Welt, einschlie\u00dflich abgelegener Regionen, hochgradig vernetzt, mobil und schnelllebig. Die Verbundenheit der Menschen mit bestimmten Regionen und lokalen Gemeinschaften nimmt vielerorts ab. Dies beeinflusst unser Nachdenken \u00fcber die Lenkungs- und Regierungsformen der Zukunft.<\/p>\n<p>Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die sich auf vielf\u00e4ltigen Wegen durchsetzenden Lenkungsprozesse (engl. <i>governance<\/i>; Frz. <i>gouvernance<\/i>) oft nicht sauber unterschieden von der Regierung (engl. <i>government<\/i>). Dabei verweist der Begriff Governance gerade darauf, dass innerhalb eines Gemeinwesens verschiedene Steuerungsmechanismen und -akteure existieren. Entscheidungen, Konfliktl\u00f6sungen und Sanktionen, die das Gemeinwesen betreffen, gehen nicht ausschlie\u00dflich von Amtsstuben aus. Ungeachtet dessen wird <i>Governance<\/i> in der Praxis zumeist als die Herrschaft einiger \u00fcber viele verstanden und mit \u00bbRegierung\u00ab in Verbindung gebracht. Diese verf\u00fcgt \u00fcber die Autorit\u00e4t, Kontrolle auszu\u00fcben \u2013 und nutzt dazu von der Legislative verabschiedete Gesetze, von Richtern gef\u00e4llte Urteile und politische Programme jener Politikerinnen und Politiker, die die Regierung st\u00fctzen. Die Verwaltung mit ihrem Heer von \u00f6ffentlichen Bediensteten ist mit der konkreten Umsetzung und Steuerung betraut. Unterm Strich betrachten viele diese Art der politischen Steuerung als etwas, das uns gew\u00f6hnlichen Menschen fern ist und dem wir schlimmstenfalls gleichg\u00fcltig sind. Lenken ist in dieser Wahrnehmung etwas, das mit Macht ausgestattete Menschen <i>f\u00fcr<\/i> andere Menschen tun bzw. ihnen <i>an<\/i> tun, mit \u2013 oder auch ohne \u2013 deren Beteiligung und Zustimmung. Aber zu lenken und zu regulieren im Sinne von <i>Governance<\/i> l\u00e4sst sich weiter fassen als: zu regieren oder gar durchzuregieren. Es sind, wie gesagt, zwei unterschiedliche Dinge. Man k\u00f6nnte es so ausdr\u00fccken: In Commons gibt es Lenkungsformen (<i>Governance<\/i>), jedoch keine Regierung.<\/p>\n<p>Im Nachdenken dar\u00fcber, wie diese Formen aussehen und wie Koordination in Commons funktioniert, erschien uns der Begriff <i>Governance<\/i> dennoch unpassend. Unter anderem deshalb, weil er so eng mit der Idee verkn\u00fcpft wird, dass kollektive Interessen auf der einen Seite gegen individuelle Freiheiten auf der anderen Seite stehen. Dieser vermeintliche Gegensatz ist derart tief verwurzelt, dass es schwerf\u00e4llt, sich vorzustellen, wie er ernsthaft aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnte. Und doch ist das m\u00f6glich. Die Grundidee: Individuellen Bed\u00fcrfnissen kann entsprochen werden, <i>indem<\/i> wir kollektive Probleme kollektiv anpacken. Der selbst geschaffene Dualismus zwischen dem Kollektiv und dem Individuum ist weitgehend dadurch \u00fcberwindbar, dass alle, die von Entscheidungen direkt betroffen sind, an den Governance-Prozessen beteiligt werden. Entscheidungsbefugnisse, Macht <i>und<\/i> Verantwortung im Entscheidungsvollzug sind so verteilt, dass alle Betroffenen tats\u00e4chlich Entscheidungen einbringen, abw\u00e4gen und treffen k\u00f6nnen. Deswegen sprechen wir von <i>Peer-<\/i>Governance. Dies bezeichnet einen fortdauernden, dialogorientierten Prozess der Koordination und der Selbstorganisation unter Gleichrangigen. Als Lenkungsform beruht er auf der Anerkennung der Idee, dass wir in erster Linie Ich-in-Bezogenheit sind. <i>Peer-Governance<\/i> unterscheidet sich daher von jenen Lenkungsformen und -mechanismen, die wir in nationalstaatlichen Kontexten erleben. Jede und jeder Einzelne kann als aktiv gleichrangig anerkannt werden und nicht als Kontrahentinnen oder Kontrahenten in einer politischen Auseinandersetzung, die zudem einen gro\u00dfen, entfernen Dritten \u2013 die <i>Regierung<\/i>\u2013 kontrollieren wollen. Zwar sind wir B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auch im modernen Nationalstaat nominal der Souver\u00e4n, aber diese Souver\u00e4nit\u00e4t wird delegiert. Sie wird gewisserma\u00dfen \u00bbwegvertreten\u00ab an das gew\u00e4hlte Parlament sowie an tendenziell rigide, oft als \u00bbb\u00fcrgerfern\u00ab erlebte Verwaltungen. Das Regierungshandeln wird einerseits \u00fcberfrachtet mit Erwartungen und kann andererseits nur grob beaufsichtigt werden \u2013 in manchen L\u00e4ndern sind selbst daf\u00fcr die Institutionen zu schwach. Selten erleben wir uns selbst als Souver\u00e4n. Kein Wunder, dass der Staat von vielen als fremd oder gar feindselig betrachtet wird!<\/p>\n<p>Peer Governance ist eher geeignet, auf die spezifischen Probleme und Bed\u00fcrfnisse vor Ort einzugehen. Damit dies gelingt, bedarf es letztlich eines kunstvollen Zusammenspiels zwischen politischer <i>Kultur<\/i> und <i>Struktur<\/i>. Wenn gemeinsame Motivationen und Anliegen der Menschen gef\u00f6rdert werden sollen, dann sind daf\u00fcr gute rechtliche Bedingungen \u2013 formell wie informell \u2013 genauso notwendig wie geeignete Finanzierungs- und Organisationsformen. Zugleich muss es ausreichend Freiraum geben, damit die Beteiligten individuell kreativ werden, einen lebendigen Austausch und eine Kultur gemeinsamen Handelns und Produzierens (siehe Kapitel 6) entwickeln k\u00f6nnen. Das wiederum wirkt positiv auf die Formen der Organisation und der Finanzierung zur\u00fcck, denn gesammelte Erfahrungen k\u00f6nnen immer wieder zeitnah eingespeist werden. Wenn ein Commons koh\u00e4rent und von Dauer sein soll, ben\u00f6tigt es eine (oder mehrere) klare Regeln; wenn es resilient und lebendig sein soll, muss es einladend sein \u2013 das hei\u00dft Spielraum, Flexibilit\u00e4t und Neuartiges bieten. Man k\u00f6nnte sagen, dass der informelle und kreative Anteil durch st\u00fctzende und rahmende Strukturen stabilisiert werden muss, ohne von ihnen kontrolliert zu werden. Commoners m\u00fcssen Handlungsweisen aust\u00fcfteln, in der das Zusammenspiel zwischen Struktur und Kultur stimmt \u2013 weder das eine noch das andere darf \u00fcberwiegen oder zu kurz kommen. Das ist die hohe Kunst der Governance in Commons.<\/p>\n<p>Wie kommt es aber \u00fcberhaupt zu einer Selbstorganisation, und wie reift sie zu einem stabilen, kreativen sozialen Organismus? Gibt es eine typische Form von Entwicklung, die durchlaufen werden muss? Wir glauben es nicht, aber es gibt Muster, die dazu beitragen, dass sich Commons durch bewusste Selbstorganisation erhalten. Es w\u00e4re falsch, selbige formelhaft be- und vorschreiben zu wollen. Formeln funktionieren in komplexen Systemen ohnehin genauso wenig, wie ein Commons sich dadurch fabrizieren l\u00e4sst, dass man einige Menschen zusammenbringt, bestimmte Werte annimmt, operationelle Regeln und Strategien ihrer Durchsetzung anwendet, nur weil das gemeinhin empfohlen wird. Nat\u00fcrlich ist es hilfreich, die acht ber\u00fchmten Designprinzipien nach Elinor Ostrom zu ber\u00fccksichtigen, aber es wird nicht ausreichen, um flexibel auf R\u00fcckkopplungsschleifen in dynamischen Systemen reagieren zu k\u00f6nnen (siehe S. 48f.). Gleichwohl haben uns diese Designprinzipien im Nachdenken \u00fcber die Koordination in Commons stark beeinflusst.<sup>2<\/sup> In unserer Analyse gehen wir jedoch in mehrfacher Hinsicht \u00fcber sie hinaus, indem wir Aspekte aufgreifen, die in den Designprinzipien unber\u00fccksichtigt bleiben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal betrachten wir alle Arten zeitgen\u00f6ssischer Commons, nicht vorrangig solche, die sich um die Bewirtschaftung von Naturreicht\u00fcmern drehen. Wir schauen auch auf Commons in digitalen und st\u00e4dtischen Umgebungen. Zudem verlassen wir dabei den \u00fcblichen Fokus auf Fragen der \u00bbRessourcenbewirtschaftung und -allokation\u00ab, denn Commons sind aus unserer Sicht nicht prim\u00e4r eine \u00f6konomische Angelegenheit \u2013 wir betonen die Kultur des Commoning. Und schlie\u00dflich glauben wir, dass jegliche Einordnung selbstbestimmter Governance im Kontext ihrer systematischen Gef\u00e4hrdungen durch M\u00e4rkte und staatliche Macht erfolgen muss. Peer Governance spielt eine Rolle als politische Gegenkraft. Das wollen wir sichtbar machen. Dabei ist f\u00fcr uns klar, dass <i>bewusste Selbstorganisation unter Gleichrangingen<\/i> auf allen Ebenen selbst lebendig sein muss. Auch deswegen sind die folgenden Muster weder vollst\u00e4ndig noch als <i>formelhafte Vorschriften<\/i> zu verstehen. Es sind eher <i>Verfahrensleitlinien,<\/i> die Menschen in Gemeinschaften, Netzwerken und Verb\u00fcnden dabei helfen, sich Schritt f\u00fcr Schritt und unter Ber\u00fccksichtigung der konkreten Gegebenheiten auf Augenh\u00f6he zu organisieren. Vergleichbar ist das \u2013 wie gesagt \u2013 mit der DNA, die nicht pr\u00e4zise vorfestlegt, wie die Entwicklung und Differenzierung des je konkreten Embryos ablaufen wird. \u00bbEnth\u00e4lt bereits die DNA eine vollst\u00e4ndige Beschreibung des Organismus, den es hervorbringen wird?\u00ab fragt der britische Biologe Lewis Wolpert. \u00bbDie Antwort lautet nein. Das Genom enth\u00e4lt stattdessen ein Programm mit Anweisungen, <i>wie<\/i> der Organismus hervorzubringen ist \u2013 ein sch\u00f6pferisches Programm.\u00ab<sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Die schlechte Nachricht lautet also: Es gibt keine Blaupause und kein Patentrezept f\u00fcr Peer Governance. Es gibt keine Checkliste. Und es gibt kein ausf\u00fchrlich beschriebenes Regelwerk, nach dem zu verfahren ist, um Commons zu koordinieren oder \u00bbRessourcen zu bewirtschaften\u00ab. Die gute Nachricht lautet: Peer Governance ist ein <i>sch\u00f6pferischer Prozess.<\/i> Als solcher bietet er eine verl\u00e4ssliche Orientierung, um authentische, lebendige Beziehungen unter den Beteiligten aufzubauen und koh\u00e4rente sowie stabile Commons zu entwickeln. Auch in diesem Gedankengang folgen wir Christopher Alexander. Anhand vieler Beispiele beschreibt er \u2013 ohne vorzuschreiben \u2013, <i>wie<\/i> R\u00e4ume und Strukturen dauerhafter Lebendigkeit geschaffen werden. Was Lebendigkeit hervorbringen soll, so Alexander, m\u00fcsse selbst lebendig sein. Das sei \u00bbdie EINZIGE M\u00f6glichkeit\u00ab.<i>\u00bbLebendige Struktur \u2026 l\u00e4sst sich nicht mit brachialer Gewalt herbeidesignen.<\/i><i>Sie kann nur aus einem sch\u00f6pferischen Programm entstehen \u2026 sodass Konzeption, Plan, Entw\u00fcrfe, detaillierter und struktureller Art und materielle Details alle Schritt f\u00fcr Schritt im VERLAUF DES PROZESSES entfaltet werden<\/i>\u00ab<sup>4<\/sup> (Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p>Formale Strukturen sind zweifellos notwendig, aber lebendige Prozesse, die ihrer eigenen Logik folgen, bilden den Kern eines Commons. Commoning bedeutet ja, dass Menschen situationsspezifische Formen bewusster Selbstorganisation auf Augenh\u00f6heverwirklichen und dabei M\u00f6glichkeiten entwickeln, um selbstbestimmt N\u00fctzliches und Sinnvolles f\u00fcr sich und andere herzustellen. Das erfordert kreative Handlungskompetenz, um L\u00f6sungen zu entwickeln, die ihnen fair und wirksam erscheinen. Es erfordert aber auch, mit Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten zu leben. Bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige ist derjenige Bereich des Commoning, in dem es um Entscheidungsfindung, Grenzziehungen, Regeldurchsetzung und den Umgang mit Konflikten geht.<\/p>\n<p>Bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige \u2013 also Peer Governance \u2013 ist auf Dauer angelegt. Ihre konkreten Aspekte und Umsetzungsschritte k\u00f6nnen jedoch nicht in vollem Umfang vorbestimmt werden. Das ist eine Herausforderung f\u00fcr konventionelle Auffassungen von Governance, nach denen Blaupausen entwickelt werden sollen, die in sehr verschiedenen Kontexten anwendbar sind. Gro\u00dfe wie kleine Betriebe werden mit gleichem Ma\u00df gemessen, ein Dorfb\u00e4cker muss dieselben Inhaltsanalysen auf seine Nudelpackungen aufkleben wie ein industrieller Pasta-Hersteller und wird mit diesem \u00fcber einen Gesetzeskamm geschert. Tats\u00e4chlich sind Einf\u00f6rmigkeit und Vereinfachung wichtige Anliegen moderner Regulierungsformen<sup>5<\/sup>, und zwar aus Gr\u00fcnden der Kontrollierbarkeit. In <i>Seeing Like a State<\/i> (1998) analysiert James Scott brillant, wie diese Anliegen die Aus\u00fcbung moderner staatlicher Macht seit jeher durchziehen. Vereinfachung ist Voraussetzung f\u00fcr die effiziente Kontrolle sozialer Prozesse. Moderne Systeme greifen daf\u00fcr auf vorfestgelegte Indikatoren, Entwicklungskennzahlen und Expertenwissen zur\u00fcck. Die Geschichte der 3-Prozent-Haushaltsdefizitgrenze, die ganze Volkswirtschaften in Schach h\u00e4lt, macht das deutlich. Der Wirtschaftsjournalist Christian Schubert (FAZ) beschreibt, wie sie von einem \u00bbunbekannten Staatsdiener\u00ab<sup>6<\/sup> erfunden [sic!] wurde.<sup>7<\/sup> Warum, fragte sich Schubert, \u00bbsind es genau 3 Prozent, warum nicht 2,5 Prozent oder 3,5 oder 4 Prozent?\u00ab Der ehemalige Bundesbankpr\u00e4sident Hans Tietmeyer best\u00e4tigte ihm, dass dies \u00bb\u00f6konomisch \u2026 nicht leicht zu begr\u00fcnden\u00ab sei.<sup>8<\/sup> Auf der Suche nach politischen Gr\u00fcnden landete Schubert in einem Hinterzimmer des franz\u00f6sischen Finanzministeriums und im Jahr 1981. Damals suchte Fran\u00e7ois Mitterrand nach Wegen, das zentralstaatliche Haushaltsdefizit unter Kontrolle zu behalten. Er beauftragte kurzerhand die Budgetabteilung des Finanzministeriums. Sie sollten eine L\u00f6sung vorschlagen, \u00bbeine Art Regel, etwas Einfaches, das nach volkswirtschaftlicher Kompetenz\u00ab klinge, wird Mitterrand zitiert. Zwei Mitarbeiter des Ministeriums werden beauftragt. Ihre Ausbildung verweist darauf, dass sie Wirtschaft in erster Linie als Welt von Statistiken und Zahlen begreifen. Einer der beiden, Guy Abeille, damals noch keine 30 Jahre alt, berichtete, wie schnell ihnen das Bruttoinlandsprodukt als Referenzgr\u00f6\u00dfe plausibel erschien. Auch, weil es allen plausibel erscheinen w\u00fcrde. Die Frage nach der Prozentzahl beantwortet er so: \u00bbWir steuerten damals auf die 100 Milliarden Francs Defizit zu. Das entsprach rund 2,6 Prozent des BIP. Also sagten wir uns: 1 Prozent Defizit w\u00e4re zu hart und unerreichbar gewesen. 2 Prozent h\u00e4tte die Regierung zu stark unter Druck gesetzt. Also kamen wir auf 3 Prozent.\u00ab In anderen Worten, das Haushaltsdefizitkriterium entstand als Umstandskriterium, theorie- und substanzlos. Doch seit es seine Reise um die Welt angetreten hat und die Politik nicht m\u00fcde wird, es zu verk\u00fcnden, schafft es eine Wirklichkeit, die sich dem Kriterium beugt \u2013 seit 1981 in Frankreich, seit dem Abschluss des Vertrags von Maastricht 1992 in ganz Europa und anschlie\u00dfend dar\u00fcber hinaus. Jean-Claude Trichet, der sp\u00e4tere Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank, hatte die 3 Prozent schlie\u00dflich nach Europa empfohlen: \u00bbDie Regel war einfach und f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich\u00ab, zitierte ihn die FAZ. Die politische Steuerung folgt der Erfindung. Das europ\u00e4ische Haushalts\u00fcberwachungsverfahren sieht gem\u00e4\u00df dem Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt die Einhaltung der Maastricht-Kriterien vor, zu der die Haushaltsdefizit-Grenze geh\u00f6rt. \u00dcberm\u00e4\u00dfige Neuverschuldung soll auf diesem Wege vermieden werden. Zwischen 1999 und 2015 gelang es gerade drei Mitgliedsstaaten, das Defizit nie \u00fcber 3 Prozent des BIP ansteigen zu lassen.<sup>9<\/sup> So wird Politik mehr oder weniger geschickt fabriziert. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Kennzahlen, Indikatoren und Kriterien. All das ist Energie, die einer situationsbezogenen Governance, in der kreative Anpassung und schrittweise, prozessorientierte Umsetzung im Mittelpunkt stehen, entzogen wird.<\/p>\n<p>Genau darauf aber sind Commons \u2013 ist Peer Governance \u2013 angewiesen. Sie m\u00fcssen allm\u00e4hlich wachsen, sodass trotz unz\u00e4hliger und unvorhersagbarer Unsicherheiten eine Kultur des Vertrauens und der Transparenz entstehen kann. Dies setzt ein Netzwerk an Beziehungen voraus \u2013 und Geduld. Um eine Kultur des Commoning zu etablieren, m\u00fcssen manche Gewohnheiten (diese m\u00e4chtigen, unsichtbaren Institutionen!) aufgebrochen werden und andere zu Traditionen heranreifen. Daher m\u00fcssen Commoners ihre Governance-Systeme <i>bewusst<\/i> gestalten. Zur Erinnerung: Es gibt kein Commoning ohne Peer Governance.<\/p>\n<p>Diese Gestaltung kann weder pr\u00e4zise noch beliebig sein. Doch es gibt Regelm\u00e4\u00dfigkeiten, deren wir uns vergewissern k\u00f6nnen. Es ist so, als w\u00fcrden wir im Freien ein Feuer entfachen. Es gibt keine einzige, stets korrekte Art und Weise, das zu tun. Und dennoch ist es sinnvoll, bestimmte Handlungsabl\u00e4ufe zu kennen und sie \u2013 bestenfalls \u2013 in einer gewissen Reihenfolge zu vollziehen. So wird man zun\u00e4chst brennbares Material verschiedener Gr\u00f6\u00dfe sammeln \u2013 Holzscheite, Anmachholz, Zunder \u2013 und es anschlie\u00dfend so anordnen, dass das leicht entz\u00fcndliche Material unten liegt, sodass es hilft, die gr\u00f6\u00dferen Holzst\u00fccke zu entz\u00fcnden. Mit einem Streichholz, einem Feuerzeug oder anderen Mitteln muss ein Funken gez\u00fcndet werden. Es muss zudem ein begrenztes Beh\u00e4ltnis f\u00fcr das Feuer geben \u2013 eine Feuerstelle, einen Ring aus Steinen oder einen tragbaren Grill \u2013 sowie ausreichend Luftzufuhr und Sauerstoff. Die Einzelheiten unterscheiden sich, je nachdem, ob man in der N\u00e4he eines Waldes Feuer macht oder in der W\u00fcste, wo das Brennmaterial knapp ist. Und nat\u00fcrlich wird auch das Ergebnis unterschiedlich sein \u2013 ein prasselndes Lagerfeuer, ein Feuer, das zum Kochen geeignet ist oder langsam vor sich hin glimmende Glut. Worauf es ankommt, ist, dass es viele M\u00f6glichkeiten gibt, unterschiedliche Feuer zu entfachen, doch die grundlegenden Muster sind dieselben.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige: Es gibt einige verl\u00e4ssliche allgemeine Muster und sehr viele spezifische M\u00f6glichkeiten, sie umzusetzen. Commons beginnen meist mit gemeinsamen Motivationen oder Anliegen der Beteiligten: der Notwendigkeit, die Felder zu bew\u00e4ssern; dem Wunsch von Software-Programmierfachleuten, mit nutzungsfreundlichen und freien Kartierungsprogrammen zu arbeiten; der Erfordernis, fairen Zugang zu einem Fischereigebiet zu sichern. Was auch immer das spezifische Problem sein mag: Wenn ein Commons entstehen soll, muss es Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen eine glaubhafte Vision anbieten, wie sie das Problem gemeinsam angehen k\u00f6nnen. Selbst wenn es noch keine klaren Strategien oder L\u00f6sungen gibt, muss in der Fr\u00fchphase ein Funken entstehen und der notwendige Luftzug dazu f\u00fchren, dass sich das Feuer entwickelt, das die notwendige Leidenschaft f\u00f6rdert. Wenn Menschen das Gef\u00fchl haben, dass der Prozess ihren Bed\u00fcrfnissen und ihrem Kontext entspricht, werden sie sich beteiligen wollen. Allerdings muss es etwas \u00bbAnziehendes\u00ab geben, das dazu anregt, sich selbst zu organisieren und ihre Absichten und Handlungen miteinander in Einklang zu bringen.<sup>10<\/sup><\/p>\n<h4>Muster bewusster Selbstorganisation durch Gleichrangige<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend unserer analytischen Wanderungen durch die Welt der Commons haben wir zehn Muster f\u00fcr gelingende Peer Governance, also der Selbstorganisation durch Gleichrangige, ausfindig gemacht. Sie k\u00f6nnen nicht nur Interessierten aufzeigen, was zu beachten ist, wenn transparente Beratungs- und Koordinierungsprozesse etabliert werden sollen, sie erl\u00e4utern auch, wie eine Commons-Governance tats\u00e4chlich funktioniert \u2013 im Unterschied zu Markt und Staat. Wenn Commons gelingen, dann meist, weil die Beteiligten in der Lage sind, Autorit\u00e4t und Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen und Machtmissbrauch oder Machtkonzentrationen zu verhindern. Darauf sind diese Muster ausgerichtet. Bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige gelingt, wenn Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergegeben wird, sodass die besten Ideen sich entfalten k\u00f6nnen und die Weisheit der Vielen zum Tragen kommen. Aber auch klare \u00dcberwachungs-, Sanktions- und Durchsetzungsregeln sind erforderlich, um Commons gegen Trittbrettfahrerei, Vandalismus oder Einhegungen zu sch\u00fctzen. Am wichtigsten: Wege zu finden, die verhindern, dass individuelle Eigentumsrechte und die verf\u00fchrerische Macht des Geldes das Gemeinsame unterlaufen. Commoners m\u00fcssen deshalb die Beziehungshaftigkeit des Habens verankern\u2013 das Thema werden wir in Kapitel 8 genauer erkunden. \u00c4hnlich wichtig sind die Herausforderungen hinsichtlich des Umgangs mit M\u00e4rkten und Kapital. Commons sind nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig, wenn die Normen des Kommerzes sie kolonialisieren. Daher ist es wichtig, Commons &amp; Kommerz auseinanderzuhalten. Wir m\u00fcssen jedes Muster einzeln untersuchen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1247\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.1_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten<\/em><\/p>\n<p>Ein Commons ist nicht einfach eine Gemeinschaft Gleichgesinnter oder eine Kohorte wohlmeinender Menschen, die sich erziehen lassen wollen, sondern, wir sagten das bereits, ein soziales System, das sich durch viele Akte des Beziehungsaufbaus und der Diskussion entwickelt. Fast immer vertreten die daran Beteiligten alle m\u00f6glichen Ideen, sie haben verschiedene Perspektiven und Motivationen, und sei es nur, weil sie unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten und Hintergr\u00fcnde mitbringen. Wenn bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige geschickt realisiert wird, kann sie diese vielf\u00e4ltigen Sichtweisen zusammenbringen. Daf\u00fcr gibt es im Grunde keinen Ersatz, denn andernfalls k\u00f6nnten sich die Menschen unbedacht auf irgendeine vorgestellte, eher abstrakte Zukunftsidee verpflichten, die ihren wirklichen Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen und den existierenden M\u00f6glichkeiten nicht entspricht. Dies ist eine zentrale Erkenntnis der indigenen und nicht-indigenen Organisationen, die zu Unitierra geh\u00f6ren, der Universidad de la Tierra en Oaxaca, Mexiko. Unitierra ist eine \u00bbde-institutionalisierte Universit\u00e4t\u00ab von Commoners f\u00fcr Commoners, die formale Rollen und Hierarchie ablehnt.<sup>11<\/sup> Aus Sicht der Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder ist die Idee eines \u00bbgemeinsamen Zwecks\u00ab oder \u00bbgemeinsamer Ziele\u00ab wenig hilfreich; worauf es vielmehr ankommt, ist gemeinsames Handeln. In einem wirklichen Commons, sagt Gustavo Esteva, der intellektuelle Vater und \u00c4lteste von Unitierra, haben Menschen zwar oft gemeinsame Gr\u00fcnde, \u00fcberhaupt zu handeln und das gemeinsam zu tun, aber das hei\u00dft nicht, dass sie einen gemeinsamen Zweck verfolgen und sich <i>deswegen<\/i> zusammentun. Bei Unitierra versuchen die Menschen, nicht auf die \u00bbAnziehungskraft der Zukunft\u00ab<sup>12<\/sup> zu setzen. Am Anfang steht nicht, Ziele zu kl\u00e4ren oder zu fragen, wo sie hinwollen und wie sie sich vorstellen, dorthin zu kommen. Sie bem\u00fchen sich stattdessen, den \u00bbSchub aus dem Alltag und aus der Vergangenheit\u00ab zu nutzen, indem sie an die Erfahrungen und Motivationen aller ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Im und durch Commoning entsteht erst nach und nach eine gemeinsame Ausrichtung. Sie muss nicht notwendigerweise im Vorhinein augenf\u00e4llig sein. Eine sogenannte intentionale Gemeinschaft mag von Anfang an gemeinsame Zwecke verfolgen und gemeinsame Werte haben, doch es gibt nicht sehr viele intentionale Gemeinschaften. Und Commons bedeutet nicht, dass sich alle in intentionalen Gemeinschaften organisieren. Meist findet ein bunter Haufen Menschen zusammen, sie gehen zun\u00e4chst ein St\u00fcck miteinander, kommen gemeinsam in Bewegung und lehren sich mitunter gegenseitig das Tanzen. Dies wird leichter gelingen, wenn Menschen im selben Umfeld leben, auf denselben Fluss oder Wald angewiesen sind oder wenn sie dieselben Anliegen haben: die Ertr\u00e4ge steigern, auf lokaler Ebene mehr Dinge gemeinsam nutzen oder Informationen frei verf\u00fcgbar machen. All dies kann den Geist der Zusammenarbeit st\u00e4rken. Doch man sollte \u2013 wie gesagt \u2013 in einem Commons nicht von einem anf\u00e4nglichen \u00bbgemeinsamen Zweck\u00ab ausgehen. Ein solcher kann herauskristallisiert und sollte gekl\u00e4rt werden, wenn das kollektive Handeln auf Dauer effektiv sein soll. Der US-amerikanische Essayist und Dichter Henry David Thoreau hat diesen Prozess sch\u00f6n beschrieben: \u00bbHast du Luftschl\u00f6sser gebaut, so braucht deine Arbeit nicht verloren zu sein. Eben dort sollten sie sein. Jetzt lege das Fundament darunter!\u00bb<sup>13<\/sup> Obgleich dies vielen als weltfremder Idealismus erscheint, ist es doch eine treffende Beschreibung daf\u00fcr, wie eine Vision sich entfaltet und dann verwirklicht wird: durch geduldige Arbeit und den Respekt f\u00fcr die Individualit\u00e4t aller Beteiligten, die daraus eine Ethik des Gemeinsamen entwickeln k\u00f6nnen. Diese Erkenntnis ist entscheidend, denn ein Commons braucht wie jedes \u00d6kosystem eine \u00bbnotwendige Vielfalt\u00ab, wenn es gut funktionieren soll. Auf Kontrolle bauende Systeme versuchen Regelkonformit\u00e4t durchzusetzen und Prozesse st\u00e4ndig zu verschlanken und zu optimieren, was Vielfalt reduziert. Commons sind eher in der Lage, verschiedenartige St\u00f6rungen zu kompensieren und dadurch Resilienz zu beweisen, indem sie eine Vielfalt an Beteiligten und Perspektiven akzeptieren.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Wie entsteht bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige?<\/h4>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde, warum Menschen beginnen, ihre Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen; und es gibt viele Wege, dies tats\u00e4chlich zu tun. Drei Pfade werden h\u00e4ufig eingeschlagen: spontane Anziehung, Tradition und bewusste Gestaltung.<\/p>\n<p><b>Spontane Anziehung: <\/b>Im Jahre 2009 trafen sich ein paar Freundinnen und Freunde in Kumpula, einem Stadtteil von Helsinki. Sie wollten besprechen, was sie tun konnten, um dem Klimawandel zu begegnen. Wie von der kollektiven Muse gek\u00fcsst, beschlossen sie enthusiastisch, einen \u00bbTauschkreis\u00ab zu gr\u00fcnden, um untereinander Gegenst\u00e4nde und Dienstleistungen auszutauschen \u2013 Altenpflege, Buchhaltung, Gartenarbeit, Schwimmunterricht usw. Die Idee fand schnell Anklang, und bis 2014 waren rund 3.000 Menschen dem Netzwerk beigetreten, das mittlerweile in \u00bbZeitbank Helsinki\u00ab umbenannt wurde.<sup>14<\/sup> Dies mag die h\u00e4ufigste Art und Weise sein, wie ein Commons entsteht: Jemand identifiziert ein Problem oder bringt eine konstruktive L\u00f6sung ins Gespr\u00e4ch und stellt dann fest, dass viele Menschen, die \u00fcber \u00c4hnliches nachdenken oder \u00e4hnliche Probleme haben, sich davon angesprochen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>In digitalen Zusammenh\u00e4ngen wurden bereits legend\u00e4re Projekte auf diese Weise angesto\u00dfen. Kreative Menschen wollten etwas anders machen, gingen die ersten Schritte, haben Konventionen durchbrochen und dann andere eingeladen, sich zu beteiligen. 1991 entschied sich Linus Torvalds, ein 21-j\u00e4hriger finnischer Informatikstudent, seine eigene Version des komplexen Betriebssystems Unix zu bauen (siehe S. 159). Er wollte, dass seine Version \u2013 anders als Unix \u2013 weitergegeben werden durfte. Innerhalb weniger Monate hatten sich Hunderte Hackerinnen und Hacker zusammengetan, um Linux mit zu entwickeln. Viele Beitr\u00e4ge kamen aus einem anderen Freie-Software-Projekt, GNU, welches Richard Stallman initiiert hatte. Innerhalb weniger Jahre waren Tausende Programmierfachleute daran beteiligt, ein erstklassiges Betriebssystem herzustellen, das heute mit Microsoft Windows und anderen propriet\u00e4ren Systemen nicht nur mith\u00e4lt, sondern sicherer und anpassungsf\u00e4higer ist. Eine \u00e4hnliche Geschichte l\u00e4sst sich \u00fcber Jimmy Wales erz\u00e4hlen, der gemeinhin als Vater der Wikipedia gilt. Er hatte die ersten Ideen, lud offen dazu ein mitzuwirken, und bald trugen Zehntausende dazu bei, eine vielsprachige Enzyklop\u00e4die zu \u00bbschreiben\u00ab, indem sie \u2013 ganz ohne finanzielle Anreize \u2013 Beitr\u00e4ge verfassten, erg\u00e4nzten oder korrigierten. Heute gibt es \u00fcber 300 Wikipedia-Versionen \u2013 von Albanisch \u00fcber Tarantino (einem italienischen Dialekt) bis hin zu Waray (die f\u00fcnfth\u00e4ufigste Regionalsprache der Philippinen).<\/p>\n<p><b>Tradition:<\/b> Gemeinsame Ziele und Werte etablieren sich auch im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte durch allt\u00e4gliche Praktiken. Im schweizerischen Wallis bauten die Bauern im 15. Jahrhundert bemerkenswerte Kanalnetzwerke, um Wasser aus den Bergen auf ihre Felder zu leiten.<sup>15<\/sup> \u00c4hnliche Bew\u00e4sserungssysteme &#8211; die <i>Waale, Acequias, Faladji, Quanats oder Johad<\/i> genannt werden &#8211; existieren auf der ganzen Welt. Sie alle beruhen auf traditionellen Formen gemeinsamer Wasserbewirtschaftung, in denen Regeln f\u00fcr die faire Zuteilung des kostbaren Nass an die einzelnen B\u00e4uerinnen und Bauern von ihnen selbst entwickelt werden. Auf der s\u00fcdkoreanischen Insel Jeju hat sich seit dem 17. Jahrhundert eine Tauchkunst entwickelt, die vielen Mustern einer Commons-\u00d6konomie folgt. Es ist die Kunst der Seenfrauen, der Haenyeo. Sie sammeln die Meeresfr\u00fcchte ausschlie\u00dflich per Hand und bedienen sich dabei lediglich eines Messers oder eines einfachen Eisenhakens. Und auch dies nur an 15 nach dem Mondkalender festgelegten Tagen sowie in Tauchgebieten, die sie fair unter sich aufgeteilt haben. Zu den Seefrauen geh\u00f6rten 17 bis \u00fcber 70j\u00e4hrige, doch die Kultur ist im Verschwinden begriffen. Dabei lie\u00dfe sich viel von ihr lernen: Die Jeju Haenyeo tauchen nicht nur oft gemeinsam (aus Sicherheitsgr\u00fcnden), sie entscheiden auch gemeinsam \u00fcber all ihre Belange. Sie sind weltweit bekannt geworden, weil sie durch k\u00f6rperliche Anpassung \u2013 etwa ein erweitertes Lungenvolumen \u2013 bis zu drei oder vier Minuten unter Wasser bleiben und bis zu 20 Meter tief tauchen k\u00f6nnen. Ohne Sauerstoffger\u00e4t. Dabei nutzen sie eine \u00e4hnliche Atemtechnik wie Wale und Robben.<sup>16<\/sup> Doch mindestens ebenso bemerkenswert ist, wie sie sich \u00fcber Jahrhunderte organisiert und ihre Familien und D\u00f6rfer ern\u00e4hrt haben.<sup>17<\/sup> Die Kraft traditioneller Commons besteht darin, dass Bewirtschaftungsformen und kulturelle Praktiken entwickelt werden, die sehr genau auf die \u00f6kologischen Besonderheiten eines bestimmten Waldgebietes, Flusses, Fisch- oder Weidegrundes abgestimmt sind.<\/p>\n<p><b>Bewusste Gestaltung: <\/b>Wenn sich einander Fremde zusammentun, dann helfen mit Bedacht strukturierte Prozesse dabei, wirklich Gemeinsames entstehen zu lassen. Manche Commons werden gegr\u00fcndet, indem ein paar Aktive zun\u00e4chst eine Charta verfassen, um ihre grundlegenden Ideen und Anliegen darzulegen. Mit diesem Statement animieren sie andere zum Mitmachen und zur Zusammenarbeit, das in der Charta Skizzierte auch umzusetzen. (In Kapitel 10 werden wir darauf zur\u00fcckkommen und einige Beispiele vorstellen.) Pioniere wie Enspiral, die sich auf digitale Plattformen st\u00fctzen, sind ebenfalls ein gutes Beispiel f\u00fcr bewusst gestaltete Selbstorganisationsprozesse. Enspiral ist ein Netzwerk von Sozialunternehmerinnen und -unternehmern mit Sitz in Neuseeland und hat unter anderem kollaborative Diskussions- und Entscheidungssoftware entwickelt, darunter Loomio sowie CoBudget. CoBudget macht es einfach, individuelle Projekte und Aktivit\u00e4ten vorzuschlagen und gemeinsam \u00fcber die Mittelzuweisungen aus dem Gesamtbudget zu entscheiden. Daran k\u00f6nnen sich nicht nur alle beteiligen, sondern die Entscheidungsprozesse und Mittelfl\u00fcsse bleiben auch f\u00fcr alle einsehbar. Loomio stellt \u2013 in einem stufenweisen Prozess \u2013 eine Reihe von M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung, Ideen online einzubringen, zu diskutieren, zu ver\u00e4ndern und schlie\u00dflich anzunehmen oder abzulehnen. Commons auf technischen Plattformen zu gr\u00fcnden kann heikel sein. Viele scheinen zu glauben, dass man Governance-Probleme hinwegdesignen und dadurch Auseinandersetzungen \u00fcber vertrackte Fragen zwischen realen Menschen vermeiden kann. Die Frage des Vertrauens etwa. Die Blockchain-Technologie beispielsweise wurde oft gepriesen, weil sie das Vertrauensproblem l\u00f6se. Doch tats\u00e4chlich wird diese Frage nur in die Technologie verschoben und dann der Technologie \u2013 oft blind \u2013 vertraut. Vertrauen aufzubauen wird als nicht mehr notwendig erachtet. De facto ist die Blockchain institutionalisierte Vertrauenslosigkeit. Libert\u00e4r gesinnte Gestalterinnen und Gestalter so manch digitaler W\u00e4hrung \u2013 allen voran Bitcoin \u2013 sind irrt\u00fcmlicherweise der Ansicht, dass es dank der Technologie keiner unn\u00f6tigen Governance mehr bedarf. Die Authentifizierung der digitalen W\u00e4hrung w\u00fcrde gen\u00fcgen, die libert\u00e4re Freiheit auf Plattformbasis zu entfalten.<sup>18<\/sup> Doch die erbitterten Streitigkeiten in Bitcoin-Kreisen um die Zukunft der Blockchain sprechen eine andere Sprache. Unausweichlich spielen reale Auseinandersetzungen um die Gestaltung von Prozessen, Organisationsformen und Technologien \u2013 genau wie die konkreten sozialen Praktiken \u2013 in jedem System eine wichtige Rolle, ungeachtet des bedeutenden Einflusses der Hard- und Software.[\/vc_column_text][vc_column_text]<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1248\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.2_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Commons mit halbdurchl\u00e4ssigen Membranen umgeben<\/em><\/p>\n<p>Commons brauchen Schutz, so sagen wir gern. Die Commons-Wissenschaft hat auf Basis ausgedehnter Feldforschungen immer wieder best\u00e4tigt, dass Grenzen notwendig sind. Das erste der acht Designprinzipien f\u00fcr erfolgreiche Commons lautet entsprechend: \u00bbklar definierte Grenzen\u00ab. Es benennt sowohl die Grenzen des Ressourcensystems, auf das sich Menschen gemeinsam beziehen, als auch die Frage, wer beteiligt (und nutzungsberechtigt) ist und wer nicht. Auch wir denken, dass Grenzen f\u00fcr die sorgsame Bewirtschaftung geteilten Verm\u00f6gens unerl\u00e4sslich sind. Doch zugleich m\u00fcssen sie f\u00fcr die Energiefl\u00fcsse und Anregungen aus der Au\u00dfenwelt offen sein, denn so erhalten sie sich. Commoners m\u00fcssen also irgendwie ihr gemeinsames Verm\u00f6gen gegen Einhegungen sch\u00fctzen und sich zugleich aus der reichhaltigen Vielfalt des Lebens n\u00e4hren. Dieses Kunstst\u00fcck gelingt, indem die Beteiligten Commons mit halbdurchl\u00e4ssigen Membranen umgeben, eine Strategie, die wir von anderen Organismen kennen. Sie sichert nicht nur das nackte \u00dcberleben, sondern tr\u00e4gt auch zum lebendigen Austausch bei. Wir beschreiben also die Qualit\u00e4t der notwendigen Grenzen als \u00bbhalbdurchl\u00e4ssige Membran\u00ab. Schlie\u00dflich geht es nicht darum, ein hermetisch abgeriegeltes System zu schaffen, das alle anderen ausschlie\u00dft und Ressourcen ausschlie\u00dflich f\u00fcr (zahlende) Mitglieder hortet. Dann w\u00e4ren Commons \u2013 in der Sprache der \u00d6konomen \u2013 \u00bbKlubg\u00fcter\u00ab. Es geht darum, Commons vor sch\u00e4dlichen Einfl\u00fcssen zu sch\u00fctzen und zugleich f\u00fcr das offen zu halten, was ihnen zutr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p>Halbdurchl\u00e4ssige Membranen unterscheiden sich von starren Grenzen dadurch, dass sie <i>selektiv<\/i> Durchlass erlauben, \u00e4hnlich wie wir ausw\u00e4hlen, welche Lebensmittel wir essen und welche Beziehungen wir eingehen. Sie erm\u00f6glichen, dass ein Commons f\u00fcr all jene N\u00e4hrstoffe offen bleibt, die \u00bbdem Ganzen nutzen\u00ab, denn Leben entsteht, wenn es ausreichende Energiefl\u00fcsse gibt. Dies ist zentral f\u00fcr die Wertsouver\u00e4nit\u00e4t von Commons. W\u00e4hrend in der Logik des Kapitalismus Verm\u00f6genswerte angeh\u00e4uft und konzentriert werden, setzen Commoners auf halbdurchl\u00e4ssige Membranen als Werkzeuge f\u00fcr einen lebendigen Austausch mit dem Au\u00dfen. Anstatt sich also Commons als geschlossenes Gemeineigentum vorzustellen, das von Klubmitgliedern bewirtschaftet wird, sollten wir sie als soziale Organismen betrachten. Dank ihrer halbdurchl\u00e4ssigen Membrane k\u00f6nnen sie gesch\u00fctzt bleiben und doch mit anderen, gr\u00f6\u00dferen Kr\u00e4ften interagieren \u2013 mit \u00d6kosystemen und anderen Commons oder Institutionen.<\/p>\n<p>Dies \u00e4hnelt der Funktionsweise der Blut-Hirn-Schranke in unserem Gehirn. Sie trennt das Blut, welches in unserem K\u00f6rper zirkuliert vom Gehirnwasser im zentralen Nervensystem. Wasser, einige Gase und fettl\u00f6sliche Molek\u00fcle sowie Glukose und Aminos\u00e4uren, die f\u00fcr die neurale Funktion unerl\u00e4sslich sind, werden zum Gehirn durchgelassen. Aber \u2013 und dies ist entscheidend \u2013 potenzielle Neurotoxine k\u00f6nnen nicht eindringen. Commons ben\u00f6tigen eine \u00e4hnlich effektive Membran, um durchzulassen, was zutr\u00e4glich ist, und herauszufiltern, was schaden k\u00f6nnte. Vielleicht ist Geld samt seiner Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen \u2013 wer profitiert davon?, wof\u00fcr wird es eingesetzt?, welche Beziehungen k\u00f6nnten verzerrt werden? \u2013 das potenziell problematischste \u00bbNeurotoxin\u00ab f\u00fcr ein Commons (sieheCommons &amp; Kommerz auseinanderhalten, S. 143). Wenn man in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt, ist es oft unm\u00f6glich, sich der Macht des Geldes zu entziehen, wieder mehr Lebensbereiche nicht \u00bbals Handelsware\u00ab zu organisieren und sich aus Marktbeziehungen zur\u00fcckzuziehen. Aber eine halbdurchl\u00e4ssige Membran, die ein Commons umgibt, kann zumindest verhindern, dass selbige einmal geschaffene oder noch existierende marktfreie R\u00e4ume vereinnahmen und zerst\u00f6ren. Commoners m\u00fcssen daher halbdurchl\u00e4ssige Membranen schaffen, um Commons samt ihrer nicht kommodifizierten Verm\u00f6genswerte zu sch\u00fctzen. Am besten m\u00f6glichst wartungsarm.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1246\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.3_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Im Vertrauensraum transparent sein<\/em><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, dass es <i>zwei<\/i> verschiedene Formen von Transparenz gibt: <i>rechtliche<\/i> Transparenz, wie liberale Demokratien sie f\u00fcr ihre Rechenschaftslegungen ben\u00f6tigen, und <i>tats\u00e4chliche<\/i> Transparenz, die es nur dann geben kann, wenn Menschen einander kennen und vertrauen. Der Unterschied ist alles andere als trivial. Nehmen wir eine verteidigungspolitische Frage. Wenn w\u00e4hrend eines Kampfeinsatzes eine schwierige Entscheidung ansteht oder der General einen Befehl erteilt, den untergeordnete Offiziere f\u00fcr problematisch halten \u2013 wem sollen die Soldaten gehorchen: dem offiziellen Vorgesetzten in der Kommandostruktur oder den anderen Offizieren, die man kennt und denen man vertraut? In der Logik von Politik, B\u00fcrokratie und Verwaltung ist Transparenz mitunter eher eine formale Scharade als ein Mitteilen aus tiefer \u00dcberzeugung. Das liegt auch daran, dass alles, was offengelegt wird, gegen einen selbst verwendet werden kann und auch wird. Politik ist als Wettbewerb konzipiert. Die Norm ist daher die geringstm\u00f6gliche Preisgabe von Informationen. Tats\u00e4chliche Transparenz erfordert mehr als die offizielle Rechenschaftspflicht aufgrund von Rangordnungen und Protokollen einzuhalten \u2013 sich also b\u00fcrokratisch abzusichern. Es bedeutet auch, sich pers\u00f6nlich mitzuteilen und das eigene Empfinden authentisch offenzulegen. Diese Art der Transparenz ist so wichtig, weil sie die Fassade der formalen Rollen und Regeln aufbrechen kann. Und sie ist ein Grund daf\u00fcr, warum Commoning nicht nur herausfordernd ist, sondern uns auch selbst tiefgreifend ver\u00e4ndert. Dem \u00d6konomen und klinischen Therapeuten Stefan Brunnhuber zufolge ist kulturelle Transformation mit rational-diskursiven Ans\u00e4tzen allein weder zu verstehen noch zu erreichen. \u00bbDer Versuch der Komplexit\u00e4tsreduktion, etwa durch mehr Transparenz oder eine Vereinfachung von Abl\u00e4ufen, \u2026 hilft [wenig]\u00ab, schreibt er. Ben\u00f6tigt werde \u00bbpsychologisch eine andere Strategie\u00ab.<sup>19<\/sup> Wir m\u00fcssen beginnen, uns die Wahrheit zu sagen, und daf\u00fcr bietet Commoning eine ad\u00e4quate Umgebung. Sie erlaubt uns, damit umzugehen, dass Transparenz nicht einfach \u00bborganisiert\u00ab werden kann, sondern <i>gesp\u00fcrt<\/i> werden muss. Wir k\u00f6nnen Angelegenheiten, die unsere Kultur und unser Inneres ber\u00fchren, nicht dadurch gerecht werden, dass wir die \u00bbrichtige Organisationsform\u00ab finden und darin viele Informationen offenlegen, auch wenn das wichtig ist. Aber \u00bbKomplexit\u00e4t m\u00fcssen wir [zudem] emotional aushalten k\u00f6nnen\u00ab.<sup>20<\/sup> Das gilt auch f\u00fcr die Komplexit\u00e4t des Commoning. Diese Erkenntnis r\u00fcckt den fortdauernden Dialog, der zwischen Organisationsstruktur und -kultur n\u00f6tig ist, in ein neues Licht. Schon Elinor Ostrom wies darauf hin, dass \u00bbReputation und gemeinsame Normen an sich nicht ausreichen, um auf die Dauer ein stabiles kooperatives Verhalten zu erzeugen\u00ab.<sup>21<\/sup>Bei Transparenz geht es entsprechend nicht nur um geeignete Strukturen und Verfahren, sondern vor allem darum, all das zu praktizieren, was Vertrauen st\u00e4rkt und stiftet.<\/p>\n<p>Cecosesola in Venezuela pflegt eine solche Kultur tiefen Vertrauens: Die Menschen vertrauen darauf, dass sie einander grunds\u00e4tzlich und vorbehaltlos anerkennen und dass sie einander auf Augenh\u00f6he begegnen. Cecosesoler@s sind daher bereit, scharfe Kritik zu \u00e4u\u00dfern und sich anzuh\u00f6ren, w\u00e4hrend sie gleichzeitig Respekt f\u00fcr einander zeigen (siehe S. 109). Cecosesola hat die Bedingungen f\u00fcr eine Kultur des Vertrauens geschaffen \u2013 wie wir in diesem Buch an verschiedenen Stellen darstellen. Es geht nicht einfach um tats\u00e4chliche Transparenz, es geht darum im Vertrauensraum transparent zu sein. Das ist f\u00fcr gelingendes Commoning unabdingbar. Eine Umgebung, die Vertrauen erm\u00f6glicht, ist die einzige M\u00f6glichkeit, Menschen dazu zu bringen, verl\u00e4ssliche Informationen \u2013 auch unangenehme \u2013 einzubringen und gleichzeitig stabile Beziehungen aufrechtzuerhalten. Ein lebendiges Commons braucht tats\u00e4chlich mehr als gute Einf\u00e4lle und Professionalit\u00e4t. Es h\u00e4ngt auch von ehrlichen (Selbst-)Einsch\u00e4tzungen und der Weisheit der Beteiligten ab, damit umzugehen. Immer und immer wieder \u2013 denn Beziehungen, die auf Vertrauen beruhen, ben\u00f6tigen dauerhaft Beachtung. Sie m\u00fcssen st\u00e4ndig erneuert und gepflegt werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in den meisten Gruppen oder Netzwerken auch Intrigen, eigenn\u00fctziges Verhalten oder Cliquenbildung, die es schwer oder unm\u00f6glich machen, einen Vertrauensraum zu schaffen, geschweige denn, tats\u00e4chlich offen zu sein. Auch die Gr\u00f6\u00dfe (beziehungsweise Kleinheit) einer Gruppe ist f\u00fcr sich genommen keine Garantie f\u00fcr Vertrauen oder Transparenz. Aber <i>in Kombination<\/i> mit anderen Mustern der Peer Governance &#8211; etwaWissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergebensowie auf Heterarchie bauen &#8211; kann Commoning stabil erfolgreich sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1245\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.4_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergeben<\/em><\/p>\n<p>In allen Commons wird Wissen (bzw. seine verdinglichte Cousine, die Information) weitergegeben. Das ist nicht einfach \u00bbnett\u00ab. Es ist ein Schl\u00fcsselinstrument, mit dem Menschen ihre eigene Sozialordnung schaffen. Es ist das wichtigste Muster, nach dem Online-Gemeinschaften Freie und Open-Source-Software (FOSS) entwickeln. Dem Kulturhistoriker dieser Kultur, Christopher Kelty, zufolge sollten wir die naive Vorstellung \u00fcberwinden, dass die Weitergabe von Wissen \u00bbein nat\u00fcrlicher Zustand des menschlichen Lebens ist\u00ab. Vielmehr, so schreibt er, ist die Geschichte weitaus interessanter: \u00bbDie Weitergabe [von Wissen] schafft ihre eigene Art moralischer und technischer Ordnung, das hei\u00dft: \u203aInformation bringt die Menschen dazu, Freiheit zu wollen\u2039, und wie sie dies wollen, h\u00e4ngt damit zusammen, wie diese Information geschaffen und verbreitet wird.\u00ab<sup>22<\/sup><\/p>\n<p>Fr\u00fche Projekte zur Entwicklung gemeinsamer Code-Best\u00e4nde, etwa das UNIX-Betriebssystem, aus dem schlie\u00dflich Linux hervorging, zeigen, dass die Konzentration auf die Ressource \u2013 wie in der Wirtschaftswissenschaft \u00fcblich \u2013 zur Folge hat, dass die wesentlichere Geschichte \u00fcbersehen wird: <i>komplexe soziale Systeme entstehen nach und nach, indem Informationen weitergegeben werden<\/i>. Es geht weniger um den Code, als vielmehr um die Philosophie dahinter. Tats\u00e4chlich sprechen Geeks von der UNIX-Philosophie<sup>23<\/sup>. Dass sie dies tun, bedeutet, so Kelty, \u00bbdass UNIX nicht nur ein Betriebssystem ist, sondern eine Art und Weise, die komplexen Lebens- und Arbeitsbeziehungen mit technischen Mitteln zu organisieren; eine M\u00f6glichkeit, die Grenzen zwischen dem Akademischen, dem \u00c4sthetischen und dem Kommerziellen zu kartieren und zu durchbrechen; eine M\u00f6glichkeit, Ideen einer moralischen und technischen Ordnung umzusetzen\u00ab.<sup>24<\/sup> UNIX und Linux sind aus einer sch\u00f6pferischen Beziehungs\u00f6konomie heraus entstanden.<\/p>\n<p>Ausgehend von diesem Modus \u2013 Wissen weiterzugeben (engl. <i>knowledge-sharing<\/i>) \u2013 l\u00e4sst sich eine allgemeine Erkenntnis formulieren: Die spezifischen Kreise, die weitergegebenes Wissen in einem Commons zieht, bestimmen den Charakter dieses Commons mit. Dabei kommt es auf verschiedene Aspekte an: auf die unterschiedlichen Quellen von Wissen und K\u00f6nnen, auf die Frage, nach welchen Kriterien wir diese Quellen anerkennen, und auf die Arten und Weisen, wie Menschen explizites und implizites Wissen aufnehmen und einsetzen, was in verschiedenen Commons auch verschieden sein wird.<\/p>\n<p>Die bekannteste und einfachste Form, Wissen weiterzugeben, ist sicherlich die Besprechung \u2013 Neudeutsch: <i>meeting.<\/i> Mitglieder- oder Vollversammlungen sind im Prinzip nichts Anderes. Wir haben gesehen, wie Cecosesola die Form und Funktion von Besprechungen gewisserma\u00dfen neu erfunden hat. Es sind weitgehend formlose, aber aufmerksame und h\u00e4ufige Treffen, die nicht die Arbeit unterbrechen, sondern sie ausmachen und die sowohl Gelegenheit bieten, soziale Verbundenheit zu pflegen als auch Wissen und Informationen weiterzugeben. Wie auch immer Besprechungen dimensioniert und strukturiert sind: Sie alle haben den Zweck, Erkenntnisse m\u00fchelos weiterzugeben und so zu streuen, dass die Beteiligten informierte kollektive Entscheidungen herausfiltern und treffen k\u00f6nnen \u2013 etwa \u00fcber zeitweilige Einschr\u00e4nkungen der Ressourcennutzung oder \u00fcber die Aufteilung dessen, was erarbeitet wurde.<\/p>\n<p>In vielen Commons werden Informationen <i>stigmergisch<\/i> zusammengetragen und weitergegeben. Es handelt sich um eine Art situierter Informationsvermittlung, die immer auch einen \u00bbStimulus und eine Anweisung f\u00fcr die weitere Arbeit enth\u00e4lt.<sup>25<\/sup> Die griechischen Wurzeln des Wortes \u00bbStigmergie\u00ab bedeuten \u00bbzur Arbeit ermuntern\u00ab. Stellen Sie sich Ameisen auf Nahrungssuche vor. Sie markieren ihre Pfade mit Pheromonen \u2013 d.h., sie hinterlassen eine Spur, ein Informationssignal. Winzig, aber ausreichend, sodass andere Ameisen den mit Pheromonen markierten Pfaden folgen, den n\u00e4chsten Arbeitsschritt gehen und Nahrung finden k\u00f6nnen. Auf diese Weise k\u00f6nnen sehr spezifische, individuelle Informationen unkompliziert weitergegeben werden, was zeitig zu Reaktionen f\u00fchren kann und die verteilte Selbstorganisation erm\u00f6glicht, und zwar ohne dass eine zentrale Koordination n\u00f6tig wird. Termiten benutzen stigmergisches Lernen und stigmergische Koordinierung, um ihre komplexen Nester zu bauen \u2013 ohne Chefdesigner oder Aufsichtskr\u00e4fte. Die einzelnen Termiten geben Informationen weiter und die, die sie erhalten, passen ihr Verhalten unmittelbar an. Die Koordination findet horizontal, asynchron und unregelm\u00e4\u00dfig statt. Das Beispiel zeigt, wie einfache Vorg\u00e4nge oder Regeln in verteilten Systemen eine formidable kollektive Intelligenz hervorbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Stigmergie ist also ein Weg, Informationen indirekt weiterzugeben und das Handeln auch dann ohne zentrale \u00bbBeh\u00f6rde\u00ab zu koordinieren, wenn alle Beteiligten voneinander r\u00e4umlich getrennt sind. Die bekannten roten Links in vielen Wikipedia-Eintr\u00e4gen \u2013 auf die man klickt, nur um dann zu lesen, dass \u00fcber das Thema noch nichts geschrieben worden ist \u2013 sind eine solche stigmergische Information. Sie signalisieren, dass weitere Informationen gebraucht werden und laden dadurch ein, das Fehlende beizutragen. Ein einfaches Signal (der rote Link) regt zu stigmergischer Koordination in wahrhaft gewaltigem Ma\u00dfstab an, was zu einem komplexen Konvolut digital erfasster Schriftbeitr\u00e4ge f\u00fchrt: dem Wikipedia-Pluriversum.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel ist die Freiwilligenkoordination f\u00fcr das Humanitarian OpenStreetMap Team. Nach Naturkatastrophen wie dem Erdbeben in Haiti 2010 arbeiten Freiwillige mit Hochdruck daran, sehr detaillierte, freie Online-Karten zu erstellen. Sie sind f\u00fcr Ersthelfende wichtig, die Wasser, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung auftreiben m\u00fcssen.<sup>26<\/sup> Wenn jemand eine wertvolle Information erh\u00e4lt und die Karte erg\u00e4nzt, wird dies gleich an andere weitergegeben. Das wiederum kann eine Kaskade von Verbesserungen ausl\u00f6sen. Menschen, die \u00fcberall in der Welt verstreut sind und viele unterschiedliche Talente haben, erstellen so in kurzer Zeit eine digitale (Katastrophen-)Landkarte, die h\u00e4ufig genauer ist und schneller vorliegt als Karten, die von professionellen Teams produziert werden.<\/p>\n<p>Wer sich auf Augenh\u00f6he organisieren will, muss sicherstellen, dass Informationen und Wissen oft und gro\u00dfz\u00fcgig weitergegeben werden; und dass sie mit minimalem Widerstand durch das Netzwerk flie\u00dfen k\u00f6nnen. So ziehen sie Kreise, die im Laufe der Zeit das Entstehen einer commons-basierten Sozialordnung vorantreiben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1243\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.5_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Gemeinstimmig entscheiden<\/em><\/p>\n<p>Es ist elementar \u2013 fast ein Gemeinplatz \u2013, dass Commoners bei der Entwicklung der Regeln, die f\u00fcr sie gelten, tats\u00e4chlich mitreden k\u00f6nnen. Wie so oft gibt es auch hier viele M\u00f6glichkeiten. Die direkte Beteiligung kann unterschiedlich intensiv sein, zumindest aber m\u00fcssen Commoners ihre Ansichten per Peer Governance \u00e4u\u00dfern und den getroffenen Entscheidungen zustimmen k\u00f6nnen. Dieser Gedanke ist dem dritten Designprinzip nach Elinor Ostrom \u00e4hnlich: \u00bbDie meisten Personen, die von operativen Regeln betroffen sind, k\u00f6nnen \u00fcber \u00c4nderungen der operativen Regeln mitbestimmen.\u00ab<sup>27<\/sup><\/p>\n<p>In kleinen Gemeinschaften bieten Besprechungen, bei denen alle im Kreis sitzen, einen Rahmen f\u00fcr die Entscheidungsfindung. So etwa in den indischen <i>Panchayat<\/i> (Dorfr\u00e4ten), wo \u00fcber die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Gemeinschaftsw\u00e4ldern oder Ackerland beraten wird. In manchen Commons \u00fcbernehmen F\u00fchrungsgremien oder andere Instanzen Koordinationsaufgaben, was zu weniger direkter Beteiligung f\u00fchrt. Es gibt Vorstandsgremien von wissenschaftlichen Open-Access-Zeitschriften und -Archiven<sup>28<\/sup>, in der Verwaltung von Zeitbanken, in Projekten der Solidarischen Landwirtschaft oder in den Stiftungen, die verschiedene Open-Source-Softwareprojekte tragen. Doch auch wenn es irgendeine Form zentralen Managements gibt, werden im Allgemeinen diejenigen konsultiert, die von den Entscheidungen betroffen sind. Die Beteiligten werden nicht \u00bbbeliefert\u00ab wie in einer Dienstleistungsbeziehung, und ihre Anliegen werden nicht \u00bbverwaltet\u00ab wie in einer Beh\u00f6rde, sondern sie werden aufgenommen und einbezogen.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit, dies ohne zu viel Diskussion zu tun, ist, Traditionen zu etablieren und zu pflegen. An Gebr\u00e4uchen und Traditionen teilzunehmen, die nicht notwendigerweise progressiv sein m\u00fcssen, kommt einer Art \u00bbumfassender Zustimmung\u00ab gleich. Zudem kann auf diese Weise eine bestimmte Kultur in die Regeln der Selbstorganisation eingebaut werden. Zum Beispiel nehmen B\u00e4uerinnen und Bauern auf Bali die komplexen Probleme von Insektenbefall und Wasserknappheit in Angriff, indem sie an bestimmten Tagen religi\u00f6se Rituale vollziehen. Diese pr\u00e4gen auch die Regeln der Bew\u00e4sserungsgemeinschaften, die auf Bali <i>Subak<\/i> genannt werden.<sup>29<\/sup> Die B\u00e4uerinnen und Bauern pflanzen den Reis zu <i>unterschiedlichen<\/i> Zeitpunkten, was dazu beitr\u00e4gt, Wasserknappheit abzuwenden; aber sie ernten den Reis zum <i>selben<\/i> Zeitpunkt, um die Ausbreitung von Sch\u00e4dlingen zu minimieren. Soziale und religi\u00f6se Praktiken mit \u00f6kologischen Abl\u00e4ufen in Einklang zu bringen funktioniert auch als kollektives Zustimmungs- und Koordinierungssystem.<sup>30<\/sup> Was aus westlicher Sicht wie religi\u00f6ser Konservatismus erscheinen mag, erweist sich tats\u00e4chlich als elegante L\u00f6sung sozio\u00f6kologischer Probleme.<\/p>\n<p>Im eben beschriebenen Beispiel scheint es so, als w\u00fcrden Entscheidungen nicht wirklich <i>getroffen<\/i>. Was wie getan wird, das ist vielmehr Ergebnis eines Prozesses, der tief in der Kultur verankert ist. Oft aber ist nicht tradiert, was zu tun ist. Es ergibt sich auch nicht einfach so, sondern muss bewusst entschieden werden. Irgendwann enden die Besprechungen und Abw\u00e4gungen, und im Moment der Entscheidung ist eine Wahl zu treffen. Dann ist nicht nur der Verlauf des Entscheidungs <i>prozesses<\/i> wichtig, sondern auch das <i>Kriterium<\/i>, auf dessen Grundlage entschieden wird. H\u00e4ufig wird angenommen, dass in Commons immer konsensual entschieden wird. Dabei wird Konsens nicht selten verk\u00fcrzt auf die Vorstellung, dass sich alle \u00fcber alles einig sein m\u00fcssen. Soviel Harmonie ist selten! Uneinigkeit ist eine Realit\u00e4t der menschlichen Existenz. Und selbst wenn Konsens angestrebt wird, was in kleinen Gruppen h\u00e4ufig der Fall ist, handelt es sich dabei nicht um dasselbe wie Einstimmigkeit. Die Beteiligten k\u00f6nnen verschiedene Regeln anwenden: \u00bbEinstimmigkeit minus eins\u00ab oder \u00bbEinstimmigkeit minus zwei\u00ab (d.h., eine Entscheidung zu treffen, obwohl eine bzw. zwei Personen nicht zustimmen). Nat\u00fcrlich sind solche Verfahren nicht auf kleine Gruppen beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>In jedem Commons \u2013 egal welcher Gr\u00f6\u00dfe \u2013 sind die Chancen auf den Erfolg gemeinstimmiger Entscheidungen gr\u00f6\u00dfer, wenn auf das Schema \u00bbGewinnen oder Verlieren\u00ab verzichtet wird. Das ist der gro\u00dfe strukturelle Fehler von Mehrheitsentscheidungen, wie wir sie aus demokratischen Abstimmungen kennen: Das Kriterium \u00bbdie Mehrheit gewinnt\u00ab bedeutet im Allgemeinen, dass sich etwas mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten gegen die Anderen durchsetzen. Wer zu den 49,99 Prozent geh\u00f6rt, hat Pech. Kein Wunder, dass es f\u00fcr repr\u00e4sentative Demokratien, die auf solchen Entscheidungskriterien aufbauen, schwierig ist, tiefe Spaltungen zu heilen oder die Mitwirkung der \u00fcberstimmten Minderheit zu sichern. Kein Wunder, dass Ideologien entstehen, mit denen die Unterschiede zwischen Parteien gesch\u00e4rft werden sollen \u2013 anstatt nach Verbindendem zu suchen. Das folgt geradezu zwangsl\u00e4ufig aus einer wettbewerbsartigen Konzeption von Entscheidungsprozessen nach dem Schema \u00bbGewinnen oder Verlieren\u00ab. Die Problematik existiert im Grunde auch bei Entscheidungen nach dem Kriterium der \u00bbrelativen Mehrheit\u00ab, in denen gewinnt, wer die meisten Stimmen erh\u00e4lt, auch wenn keine absolute Mehrheit erreicht wird.<br \/>\nWie kann man dieses Schema \u00bbGewinnen oder Verlieren\u00ab, \u00bbSieg oder Niederlage\u00ab vermeiden? Wie kann sichergestellt werden, dass alle Beteiligten einen bestimmten Weg mitgehen, ohne sich gezwungen, gen\u00f6tigt oder betrogen zu f\u00fchlen? Oder genauer gefragt: Wie kann die Entscheidungsfindung so gestaltet werden, dass sie nicht erst Frustrationen erzeugt \u2013 und dann unterdr\u00fcckt; Frustrationen, die sich ihren Weg in alle m\u00f6glichen Aggressionen bahnen.<\/p>\n<p>Entscheidend ist, dass jeder Entscheidungsprozess die offene Diskussion f\u00f6rdert. Alle sollten sich ermutigt f\u00fchlen zu \u00e4u\u00dfern, was sie bewegt. Sie sollten sich sicher sein k\u00f6nnen, dass auch tiefere Bedenken geh\u00f6rt werden. Daf\u00fcr gibt es viele Methoden. Das Qu\u00e4ker-basierte Modell oder die inzwischen ber\u00fchmten Handzeichen, die die Occupy-Protestierenden bei ihren Aushandlungen intern benutzten und die heute vielerorts Anwendung finden.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Das Qu\u00e4ker-Kontinuum<\/h4>\n<p>Das sogenannte \u00bbQu\u00e4ker-Kontinuum\u00ab beinhaltet sechs verschiedene Positionen, die Menschen zu einer Entscheidungsfrage einnehmen k\u00f6nnen: von voller Unterst\u00fctzung bis zur totalen Ablehnung, Interessenunterschiede werden transparent und k\u00f6nnen offen miteinander verhandelt werden. Gut sichtbar wird das durch Aufstellung im Raum (oder graphische Visualisierung auf dem Bildschirm). Sind die Positionen eingenommen bieten sich Einzelverhandlungen zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher, gegens\u00e4tzlicher oder \u00e4hnlicher Standpunkte an. Gibt man einer zweiten Stell\u00fcbung Raum, so wird ablesbar, ob sich etwas ge\u00e4ndert hat. Sind die vorherigen Antagonismen bestehen geblieben, muss eine Entscheidung aufgeschoben werden. Ein Moratorium ist angesagt. Durch die Sichtbarmachung von Positionen wird auch ablesbar, mit wie viel Energie eine eventuelle Entscheidung von dem Gremium getragen wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2353\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"722\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-300x144.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-768x370.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-1116x537.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-806x388.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-558x269.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/taula_capitol_5-655x315.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/>Quelle: Bedingungen und Methoden guter Entscheidungsfindung, Vgl.: www.futur2.org\/article\/bedingungen-und-methoden-guter-entscheidungsfindung\/<\/p>\n<p><b>[\/vc_column_text][vc_column_text]Wichtig ist, dass an allen Methoden, die gemeinsame Entwicklung von Vorschl\u00e4gen und Ideen erlauben, weitergearbeitet werden kann. Heute erlauben es die Allgegenwart des Internets und sehr leistungsf\u00e4hige Software zum ersten Mal in der Geschichte, auch in sehr gro\u00dfen Zusammenh\u00e4ngen gemeinstimmig zu entscheiden. Also auch, wenn Menschen \u00fcberall in der Welt verstreut sind und einander nicht kennen. Digitale Plattformen erm\u00f6glichen es, Diskussionsprozesse zu strukturieren, wobei zeitversetzt (asynchron) kommuniziert werden kann und gestufte Verfahren f\u00fcr die Moderation, Diskussion und Abstimmung zum Einsatz kommen. Eines der wichtigsten Werkzeuge f\u00fcr gemeinstimmige Entscheidungsprozesse ist \u2013 wir haben es schon vorgestellt \u2013 Loomio.<\/b><\/p>\n<p>Die Entwicklerinnen und Entwickler von Loomio \u2013 aus der Kooperative Enspiral mit Sitz in Neuseeland \u2013 wollten einen Prozess abbilden, in dem Menschen sich beraten und dadurch allm\u00e4hlich zu einem tragf\u00e4higen Ergebnis kommen. Weil meinungs- oder lautstarke Gruppen tendenziell andere Perspektiven an den Rand dr\u00e4ngen und kollektive Entscheidungsprozesse dominieren, bietet Loomio zahlreiche M\u00f6glichkeiten, alternative und ablehnende Meinungen zu \u00e4u\u00dfern. Richard Bartlett schreibt: \u00bbDer Mehrwert von Loomio ist, dass Diskussion und Schlussfolgerung [auf dem Bildschirm] nebeneinander erscheinen. Eine Tortengrafik veranschaulicht die Uneinigkeit, und zwar so, dass ihr Beachtung geschenkt werden muss. Das hilft, Unstimmigkeiten aufzul\u00f6sen. Im Unterschied zu einfachen Abstimmungen und anderen Wahlverfahren kann man hier w\u00e4hrend der Diskussion \u00fcber einen Vorschlag die eigene Meinung \u00e4ndern. Es ist fast wie ein Spiel, in dem die Beteiligten die Bedenken durcharbeiten m\u00fcssen und dadurch die Entscheidung ver\u00e4ndern.\u00ab<sup>31<\/sup><\/p>\n<p>Loomio sieht in einem solchen Prozess nicht vor, dass gleichzeitig mehrere Vorschl\u00e4ge erwogen werden k\u00f6nnen. Die Grundidee ist eine andere. Die Beteiligten sind im Verlauf einer Diskussion ab einem bestimmten Moment gezwungen, einem einzigen Vorschlag samt aller vorgebrachten Bedenken uneingeschr\u00e4nkte Aufmerksamkeit zu schenken. Dass die Plattform irgendwann die gleichzeitige Beratung \u00fcber andere Vorschl\u00e4ge unm\u00f6glich macht, k\u00f6nnte als einschr\u00e4nkend kritisiert werden. Aber das minimalistische und dennoch anpassbare Design des Online-Werkzeugs zur Diskussion und Entscheidungsfindung erm\u00f6glicht auch andere Entscheidungsverfahren. So kann eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder ein Netzwerk selbst entscheiden, wie sie beraten und entscheiden will \u2013 auch eine Mehrheitsentscheidung ist m\u00f6glich. Zugleich werden die vorgebrachten Argumente immer dokumentiert.<\/p>\n<p>Es gibt, zweifellos, keine einzige \u00bbbeste\u00ab Art und Weise der Entscheidungsfindung. Die Auswahl der Verfahren, Kriterien und Instrumente \u2013 in ihrer Kombination \u2013 muss immer zum konkreten Kontext passen. Das ist der entscheidende Punkt. Allerdings helfen zwei grundlegende Unterscheidungen in der Gestaltung desgemeinstimmigen Entscheidens. Die erste ist die Unterscheidung zwischen <i>Einverst\u00e4ndnis<\/i> (Konsens) und <i>Zustimmung<\/i> (Konsent). Die zweite ist die Unterscheidung zwischen <i>gemeinsamen Kriterien<\/i> und <i>Abstimmungen<\/i>.<\/p>\n<p>Wenn ich einem Vorschlag zustimme, dann bedeutet das nicht notwendigerweise, dass er meine erste Wahl ist oder dass ich mit dem Vorschlag ganz \u00fcbereinstimme. Es kann sein, dass ich einfach den Prozess unterst\u00fctze und nicht im Weg stehen will. Vielleicht habe ich auch keinen besseren Vorschlag. Oder ich hoffe, dass die anderen beim n\u00e4chsten Mal so wenig auf ihre pers\u00f6nlichen Pr\u00e4ferenzen bestehen, wie ich das dieses Mal tue. Manchmal entscheiden sich Commoners dazu, H\u00fcrden aus dem Weg zu r\u00e4umen, indem sie es leichter machen zuzustimmen. Das spiegelt sich in folgender Frage: \u00bbKannst du mit diesem Vorschlag leben?\u00ab Solch ein Ansatz kann helfen, dass alle <i>zustimmen<\/i>, ohne dass sie vollumf\u00e4nglich <i>einverstanden<\/i> sind (siehe Kasten).[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Konsent statt Konsens: Das Beispiel Soziokratie<\/h4>\n<p>Zustimmung ist \u2013 im Gegensatz zum Einverst\u00e4ndnis \u2013 durch das Fehlen vern\u00fcnftiger Einw\u00e4nde definiert. Die Grundannahme ist, dass Menschen meistens gute Gr\u00fcnde haben, mit einer Sache nicht einverstanden zu sein. Es muss daher nicht nur einen Raum und die M\u00f6glichkeit geben, diese Gr\u00fcnde darzulegen. Sie sollten auch die Qualit\u00e4t der zur Auswahl stehenden L\u00f6sungen beeinflussen. Mit anderen Worten: in Konsent-Verfahren wird gezielt nach Einw\u00e4nden gesucht, um all jene Ideen und Vorschl\u00e4ge sichtbar zu machen, die eine Vereinbarung verbessern k\u00f6nnten. Es wird also nicht der Vorschlag ausgew\u00e4hlt, dem die meisten zustimmen, sondern jener, gegen den es die wenigsten oder am wenigsten schwerwiegenden Einwendungen gibt. Die Logik dahinter? Je weniger Widerstand, desto mehr langfristige Akzeptanz.<\/p>\n<p>Eines der bemerkenswertesten Systeme der Koordination und Entscheidungsfindung unter Gleichrangigen nach dem Konsentprinzip ist die Soziokratie.<\/p>\n<p>James Priest, Mitbegr\u00fcnder von Sociocracy 3.0, schreibt dazu: \u00bbIm Konsens geht es darum, die beste Entscheidung f\u00fcr einen bestimmten Zweck zu finden. Im Konsent-Verfahren geht es darum, zu einer Entscheidung zu kommen, die gut genug ist, im Laufe der Zeit ausprobiert, getestet und verbessert zu werden.\u00ab Dieser einfache Gedanke kann durchaus als eine der tragenden S\u00e4ulen bewusster Selbstorganisation gelten.<\/p>\n<p>Auch soziokratische Koordination geht davon aus, dass Menschen oft gute Gr\u00fcnde haben, mit einem Vorschlag oder einem Vorgehen nicht einverstanden zu sein, dass es aber schwierig und zeitaufw\u00e4ndig sein kann, sich vollst\u00e4ndig zu einigen. Hinzu kommt: Viele lehnen kollektive Entscheidungsfindungen ab, weil sie zu oft besserwisserische Diskussionen erlebt haben, in denen sich durchsetzt, wer argumentationsstark ist, w\u00e4hrend andere wichtige Standpunkte ungeh\u00f6rt bleiben.<\/p>\n<p>Soziokratie begegnet diesem Problem dadurch, dass Kreise gebildet werden. Jedem Kreis entspricht ein bestimmter Verantwortungsbereich. Wer zu einem Kreis geh\u00f6rt und dort mitdiskutiert, hat auch Entscheidungsbefugnisse \u00fcber diesen Verantwortungsbereich.<\/p>\n<p>\u00bbIn der Soziokratie ist es Standard, sich in Kreisen zu besprechen\u00ab, erkl\u00e4ren Jerry Koch-Gonzalez und Ted J. Rau von Sociocracy for All. \u00bbJeder hat die Chance zu reden, eine nach der anderen. Das bedeutet, dass Sie sicher sein k\u00f6nnen, dass auch Sie beitragen k\u00f6nnen und geh\u00f6rt werden. Niemand kann ignoriert werden. Langfristig gesehen, spart das Zeit!\u00ab Jemand macht einen Vorschlag und die anderen kommentieren ununterbrochen die vorgebrachten Ideen. Wenn es Einw\u00e4nde gibt, was unvermeidlich ist, sind alle aufgefordert, die auf dem Tisch liegenden Vorschl\u00e4ge durch kontinuierliches Feedback zu verbessern. Dies f\u00fchrt schlie\u00dflich zu L\u00f6sungen, denen fast alle zustimmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die soziokratische Methode wird in Schulen, Wohngruppen, Genossenschaften und vielen anderen Bereichen eingesetzt. Dabei muss sie sich nicht auf kleine Gruppen beschr\u00e4nken. Zwar treffen in der Regel \u00fcberschaubare Teams ihre Entscheidungen in \u00bbihrem Kreis\u00ab, aber diese Kreise sind normalerweise mit einem gr\u00f6\u00dferen \u00bbElternkreis\u00ab verkn\u00fcpft beziehungsweise in diesen eingebettet, der gr\u00f6\u00dfere Entscheidungsbereiche \u00fcberblickt. Tats\u00e4chlich ist jeder Kreis doppelt verkn\u00fcpft. Das hei\u00dft, zwei Kreismitglieder sind gleichzeitig Vollmitglieder sowohl des kleineren Teams als auch des Elternkreises. Dies hilft, die Macht so weit wie m\u00f6glich auf die untersten Ebenen (\u00bbSubsidiarit\u00e4t\u00ab) zu verteilen und die Arbeit verschiedener Kreise zu koordinieren. So wird sichergestellt, dass sich jedes Team auf das konzentrieren kann, was ihm wichtig ist, und gleichzeitig ist damit sichergestellt, dass wichtige Informationen mit allen geteilt und umgesetzt werden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1274\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1247\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-300x132.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-768x338.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-1612x709.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-1116x491.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-806x355.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-558x245.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/I_5.6-655x288.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><\/p>\n<p>Die Soziokratie ist eine gemeinschaftsbasierte Governance-Methode, die auf Heterarchie baut (siehe folgendes Muster, Rau und Koch-Gonzalez sprechen von \u00bbkreisf\u00f6rmiger Hierarchie\u00ab). Sie tr\u00e4gt zu gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Transparenz und Beteiligung bei und produziert effektive Ergebnisse auf Grundlage kollektiver Weisheit.<sup>32<\/sup> In der Beratungsbranche wird mitunter das entsprechende fachliche Wissen nicht gro\u00dfz\u00fcgig weitergegeben. Wir bevorzugen daher gemeinschaftsfreundliche Ans\u00e4tze wie Sociocracy for All, deren Materialien unter Creative-Commons-Lizenzen zur Verf\u00fcgung gestellt werden.<sup>33<\/sup>[\/vc_column_text][vc_column_text]Eine weitere Methode, die vom Unterschied zwischen Konsent und Konsens ausgeht (siehe vorherigen Kasten), hei\u00dft \u00bbsystemisches Konsensieren\u00ab. Das Verfahren wurde 2005 vom \u00f6sterreichischen Arzt und Mathematiker Erich Visotschnig entwickelt. Die Beteiligten werden zun\u00e4chst gebeten, ihre Vorschl\u00e4ge einzubringen. Dabei ist es durchaus sinnvoll, viele Vorschl\u00e4ge zu entwickeln. Sie alle k\u00f6nnen problemlos bis zum Ende des Prozesses im Spiel bleiben und kommentiert werden. Im Laufe des Verfahrens werden sie dann hinsichtlich ihrer N\u00e4he zum Konsens geordnet. Das geschieht, indem die Beteiligten jeden Vorschlag auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten. Dabei bedeutet 0 (\u00fcberhaupt kein Widerstand) \u00bbIch habe nichts dagegen. Ich unterst\u00fctze diesen Vorschlag voll und ganz\u00ab und 10 (maximaler Widerstand) \u00bbIch habe erhebliche Einw\u00e4nde. Ich lehne diesen Vorschlag ganz und gar ab\u00ab. Alle bewerten die Vorschl\u00e4ge von 0 bis 10 entsprechend ihrer subjektiven Einsch\u00e4tzung. Meist wird eine kontextspezifische \u00bbNull-Option\u00ab angeboten, um zu signalisieren: \u00bbAlles sollte bleiben, wie es ist\u00ab oder auch: \u00bbLasst uns die Entscheidung verschieben\u00ab. Dies ist eine Art \u00bbVernunftgrenze\u00ab, \u00fcber die erreicht werden soll, dass kein Vorschlag angenommen wird, der schlechter als diese Null-Option abschneidet. \u00bbAbschneiden\u00ab bedeutet, dass das System \u2013 sofern digitale Werkzeuge zum Einsatz kommen \u2013 die Vorschl\u00e4ge nach dem Gesamtwiderstand ordnet. Der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand ist der,der dem Konsens und damit dem Interessenausgleich am n\u00e4chsten kommt.Mehrsprachige digitale Plattformen wie konsensieren.eu erm\u00f6glichen aber uns allen jederzeit, rund um den Globus zu konsensieren, ohne viel Besprechungszeit zu verbringen, ohne die Themen von Angesicht zu Angesicht zu diskutieren und ohne sich vom \u00bbZentrum der Entscheidungsfindung\u00ab abgekoppelt zu f\u00fchlen.<sup>34<\/sup><\/p>\n<p>Und damit sind wir bei der zweiten Unterscheidung, die f\u00fcr gelingende Entscheidungsprozesse hilfreich ist: jene zwischen <i>gemeinsamen Kriterien<\/i> und <i>Abstimmungen<\/i>. Gemeinsame Kriterien k\u00f6nnen allgemeine ethische Standards oder auch praktische Aspekte sein, auf die sich alle Beteiligten eines kollektiven Prozesses geeinigt haben. Auf diese <i>gemeinsamen<\/i> Kriterien k\u00f6nnen sie zur\u00fcckgreifen, wenn sie <i>individuelle<\/i> Entscheidungen treffen. Sie sind eine attraktive Alternative zu Abstimmungen, weil Menschen m\u00f6glicherweise ihre Zeit lieber mit der Arbeit selbst verbringen als damit, komplexe Vorschl\u00e4ge zu debattieren und dar\u00fcber abzustimmen. Bei Cecosesola, wo mittlerweile 1.400 Menschen zusammenarbeiten (siehe S. 126) gibt es keine Repr\u00e4sentation, keine formale Delegation von Entscheidungen und keine Abstimmungen. Stattdessen werden die Dinge in offenen Treffen und Kreisen besprochen, die zum Arbeitsalltag geh\u00f6ren wie anderswo die Fr\u00fchst\u00fcckspause. Hunderte betriebliche Entscheidungen m\u00fcssen Tag f\u00fcr Tag gef\u00e4llt werden. Dabei ist oft solides Urteilsverm\u00f6gen n\u00f6tig, etwa wie im konkreten Umgang mit Patientinnen und Patienten damit umzugehen ist, dass es im Krankenhaus an Medikamenten fehlt. Oder damit, ob jemand bewusst eine Regel missachten soll, weil gro\u00dfe Mengen Gem\u00fcse vier Stunden fr\u00fcher als erwartet angeliefert wurden und diese drohen, Schaden zu nehmen. Dennoch wird bei Cecosesola niemals abgestimmt. Es werden auch keine Vorgesetzten angerufen, einfach, weil es sie nicht gibt. Die <u>Cecosesoler@s<\/u> wollen damit verhindern, dass die Spaltung in Gewinner und Verlierer, Mehrheit und Minderheit t\u00e4glich mehrfach reproduziert wird. Ihre Arbeit orientiert sich stattdessen an gemeinsamen Kriterien, die sie f\u00fcr alle m\u00f6glichen Alltagssituationen entwickelt haben. So kann in der konkreten Situation \u00bbdie Entscheidung selbst [\u2026] letztlich von ein, zwei oder drei Personen gef\u00e4llt werden. Eines der gemeinsamen Kriterien ist, dass diejenigen, die die Entscheidung letztlich treffen, auch daf\u00fcr verantwortlich sind, sie zu kommunizieren und zu verantworten.\u00ab<sup>35<\/sup> Noel Vale Valera beschreibt das Vorgehen so: \u00bbBei unseren Treffen erwarten wir nie, dass gemeinsam Entscheidungen gef\u00e4llt werden. Wir reden einfach viel dar\u00fcber, wie und entlang welcher Kriterien eine Entscheidung zustande kommen kann.\u00ab Und das, erg\u00e4nzt seine Kollegin Lizeth Vargas \u00bbfunktioniert seit Jahrzehnten. Leicht ist es nat\u00fcrlich nicht. Wir sind schlie\u00dflich 1.300 Personen<sup>36<\/sup>. Aber wir m\u00fcssen auch nicht alles gemeinsam besprechen.\u00ab Der Grund? Die Beteiligten sind sich oft sicher, dass die Einzelnen im Sinne der gemeinsamen Kriterien entscheiden. Das hei\u00dft, dass sie selbst\u00e4ndiggemeinstimmig entscheidenund anschlie\u00dfend mitteilen, was entschieden wurde.<\/p>\n<p>Sich auf gemeinsame Entscheidungskriterien zu einigen \u2013 anstatt durch Abstimmungen zu entscheiden \u2013 erfordert nicht nur eine Kultur des Vertrauens, es f\u00f6rdert sie auch. Vertrauensbasiert und mit Hilfe gemeinsamer Kriterien die Einzelnen entscheiden lassen, das bringt deutlich mehr Flexibilit\u00e4t in kollektive Entscheidungsprozesse, und es sichert die Freiheit des Einzelnen, eine gegebene Situation eigenst\u00e4ndig zu beurteilen. Dieser Prozess ist nicht hundertprozentig rational, er hat auch mit dem \u00bbrichtigen Gesp\u00fcr\u00ab f\u00fcreinander zu tun. Letztlich aber beruht er auf einem einfachen Grundgedanken: dem Vertrauen darauf, dass die Beteiligten einer Gemeinschaft oder eines Netzwerkes in den meisten F\u00e4llen das Richtige tun.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1241\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.7_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Auf Heterarchie bauen<\/em><\/p>\n<p>Commons funktionieren meist als <i>Heterarchien.<\/i> Sie sind fast nie ausschlie\u00dflich hierarchisch organisiert. Eine Hierarchie weist Menschen klar definierte formale Rollen zu, die sich in einem pyramidenf\u00f6rmigen Organigramm darstellen lassen. Die Beteiligten werden immer kleineren Kategorien und Unterkategorien zugeordnet. Hierarchien sind durch R\u00e4nge definierte Ordnungen,<sup>37<\/sup> durch die Macht strukturiert, ausge\u00fcbt und gefestigt wird.<\/p>\n<p>Heterarchien hingegen verbinden Organisationsformen auf Augenh\u00f6he mit solchen, die von oben nach unten verlaufen (oder von unten nach oben \u2013 beides ist hierarchisch). Man kann sie sich als elegante Kombination von verteilten Netzwerken und Hierarchien vorstellen. Heterarchien k\u00f6nnen das Potenzial verantwortungsbewusster Autonomie entfalten und zugleich der Tatsache entsprechen, dass es oft notwendig ist, auf mehreren Ebenen zu agieren (Stichwort \u00bbMehrebenen-Governance\u00ab). So kann eine gr\u00f6\u00dfere Vielfalt von Organisationsformen entstehen und Abl\u00e4ufe oder Kooperationen k\u00f6nnen flexibler gestaltet werden als in konventionellen Hierarchien. In einer Heterarchie werden Macht und Befugnisse tendenziell \u00bbhorizontal\u00ab verteilt, was den Einzelnen erm\u00f6glicht, sich im System ganz unterschiedlich zu positionieren. Aber Heterarchie und Hierarchie sind keine Gegens\u00e4tze, es gibt also auch hierarchische Elemente. Entscheidend dabei ist, dass eine Heterarchie viele M\u00f6glichkeiten bietet, dieselben Elemente (oder ihre B\u00fcndel) miteinander zu verbinden oder voneinander zu trennen, so dass sich immer wieder neue Konfigurationen ergeben k\u00f6nnen. Die pyramidale Struktur wird dadurch gez\u00e4hmt, dass sie mit horizontalen Strukturen verzahnt wird. Macht kann so dynamischer durch zahlreiche, wandelbare Knoten in einem Netzwerk flie\u00dfen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1225\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1253\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-300x133.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-768x339.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-1612x712.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-1116x493.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-806x356.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-558x247.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_5.8_c-655x289.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><br \/>\n<i>Struktur der Heterarchie <\/i><\/p>\n<p>Wie wir am Beispiel von Cecosesola gesehen haben, ist es in einer Kultur von Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit nicht unbedingt n\u00f6tig, dass sich die Beteiligten vorab eine formale Erlaubnis einholen, wenn sie etwas tun wollen. Auch in den zahllosen Open-Source-Communities wird das nicht getan. Standard ist: Alle sind berechtigt zu handeln. Wenn sie einen Programmfehler sehen, k\u00f6nnen sie ihn beheben. Wenn sie eine gute Idee haben, k\u00f6nnen sie sie umsetzen. Wenn sie ein dr\u00e4ngendes Problem l\u00f6sen m\u00fcssen, k\u00f6nnen sie damit beginnen. Sp\u00e4ter k\u00f6nnen individuelle Entscheidungen \u00fcberpr\u00fcft, angezweifelt oder gar aufgehoben werden. Die Erfahrung zeigt, dass dieses Vertrauen auf die individuelle Initiative, die eingebettet ist in eine gemeinsame Handlungsintelligenz, erstaunlich verl\u00e4sslich ist. Zudem bieten sich den Einzelnen mehr Entfaltungsm\u00f6glichkeiten im Rahmen bewusster Selbstorganisation, was wiederum ihr Selbstwirksamkeitsempfinden st\u00e4rkt. Formale Repr\u00e4sentations- oder Delegationsverfahren, wie wir sie aus dem politischen und wirtschaftlichen Leben kennen, sind also keine Voraussetzung, um komplexe, anspruchsvolle Aufgaben erfolgreich anzugehen. Im Vertrauensraum transparent zu sein, Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergzuebenund Teil eines Netzwerks gleichrangiger Beziehungen zu sein, all das erscheint weitaus angemessener. Wer jedoch anderes gewohnt ist, mag das befremdlich finden und in der Betrachtung heterarchischer Organisationsstrukturen seinen eigenen Augen nicht trauen. Als sich die Occupy-Wall-Street-Protestierenden im Zuccotti-Park in Manhattan organisierten, schrieb der <i>New York Times<\/i>-Kolumnist Nicholas Kristof: \u00bbDie Internet-F\u00e4higkeiten der Protestierenden sind umwerfend, ihre Organisation ist beeindruckend. Der Platz ist aufgeteilt: Empfangsbereich, Medienzone, medizinische Betreuung, Bibliothek und Cafeteria. Links auf der Website der Protestierenden erm\u00f6glichen Unterst\u00fctzenden in aller Welt, (bevorzugt vegane) Pizza von einer Pizzeria vor Ort online zu bestellen und zum Platz liefern zu lassen.\u00ab<sup>38<\/sup> Jedoch gab es keine zentrale Exekutive, die diese improvisierte soziale Ordnung leitete. Die Aktivistinnen und Aktivisten stellten fest, was getan werden musste, und koordinierten dann ihre Initiativen untereinander. Dennoch gab es Zust\u00e4ndigkeitsbereiche und auch (informelle) Hierarchien \u2013 jene, die den Medien Interviews gaben, und jene, die das nicht taten.<\/p>\n<p>Der Wunsch zusammenzuarbeiten und dies auch in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab zu tun, geh\u00f6rt gewisserma\u00dfen zur Geschichte der menschlichen Spezies. Wir alle versp\u00fcren ihn. Wir wissen aber auch, dass spontane Formen der Peer-to-Peer-Organisation oft nicht von Dauer sind. In einer Zeit,in der Markt und Staat so viele Formen der Kooperation vereinnahmt haben oder kontrollieren, m\u00fcssen neue Strukturen entwickelt werden, die uns helfen, dem Impuls nachzugehen und selbstbestimmt und verantwortlich f\u00fcr das Ganze zu bleiben. Die Muster der Triade des Commoning k\u00f6nnen solche Strukturen \u2013 innerhalb eines Commons \u2013 unterst\u00fctzen und mit Leben f\u00fcllen.<sup>39<\/sup> Eine heterarchische Strukturierung bewusster Selbstorganisation erlaubt nicht nur eine schnelle und wirksame Koordination, sie minimiert auch soziale Spaltungen und den b\u00fcrokratischen Aufwand. Ungef\u00e4hre Gleichheit ist so eher zu erreichen, denn eine heterarchische Struktur erlaubt es, formale Beziehungen innerhalb einer Organisation zu flexibilisieren. So lassen sich, wie es in der Wikipedia hei\u00dft, in jeder Situation \u00bbdie Verkn\u00fcpfungen von Herrschaft und Unterwerfung umkehren und Privilegien umverteilen\u00ab. Das liegt daran, dass in Heterarchien Gruppen \u00bbentsprechend mehrerer Anliegen in verschiedener Weise aufgeteilt und zugeordnet werden. Diese Anliegen r\u00fccken je nach Perspektive mehr oder weniger in den Blick. Entscheidend ist, dass keine einzige M\u00f6glichkeit, ein heterarchisches System zu unterteilen, jemals einen allumfassenden Blick auf das System bietet. Jede Unterteilung ist zweifellos unvollst\u00e4ndig, und in vielen F\u00e4llen erscheinen uns \u2013 als Wahrnehmenden \u2013 diese Unterteilungen widerspr\u00fcchlich, was zu Neustrukturierungen einl\u00e4dt.\u00ab<\/p>\n<p>Was Organisationen aus dem 20. Jahrhunderts eher fremd erscheint, ist im Zeitalter allgegenw\u00e4rtiger digitaler Netzwerke \u2013 eine vollkommen plausible und funktionale Struktur bewusster Selbstorganisation.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1239\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.9_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Regeleinhaltung commons-intern beobachten &amp; stufenweise sanktionieren<\/em><\/p>\n<p>Kein Commons kann langfristig bestehen, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Beteiligten die Regeln befolgen, auf die sie sich geeinigt haben. Andersherum: Wenn \u00bbTrittbrettfahrerei\u00ab \u00fcblich wird oder Menschen einseitig Vereinbarungen aufk\u00fcndigen, dann wird das gemeinsame Verm\u00f6gen bald aufgebraucht sein und der Zusammenhalt sich aufl\u00f6sen. Sanktionen k\u00f6nnen solche Verhaltensweisen verhindern und geh\u00f6ren deswegen zu einer robusten Peer Governance. Wie aber sollen sie aussehen und wie angewandt werden? Dazu gibt es umfangreiche Literatur, teils aus der \u00bbOstrom-Schule\u00ab, teils aus spieltheoretischen Untersuchungen. Verschiedene Disziplinen versuchen theoretisch und experimentell zu kl\u00e4ren, wie und warum Menschen Vereinbarungen aufk\u00fcndigen und wie darauf so zu reagieren ist, dass die Zusammenarbeit sich wieder verbessern kann. Elinor Ostrom selbst fand nach Abgleich verschiedener Fallstudien heraus, dass langfristig bestehende Commons meist \u00fcber eine Reihe \u00bbabgestufter Sanktionen\u00ab verf\u00fcgen. \u00bbAbgestuft\u00ab bezieht sich auf die Tatsache, dass die Strafen zun\u00e4chst gering sind \u2013 etwa eine Warnung oder Aufforderung, das eigene Verhalten zu \u00e4ndern. Sie versch\u00e4rfen sich allm\u00e4hlich, wenn die Probleme nicht gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Sanktionen entfalten also eine mahnende Wirkung, die die Einhaltung von Regeln bef\u00f6rdert. Abgesehen davon unterstreicht Ostrom, dass die blo\u00dfe Existenz von Sanktionen als Mittel der, \u00bbRegeldurchsetzung das Vertrauen der Individuen [erh\u00f6ht], da\u00df sie nicht die \u203aDummen\u2039 sein werden.\u00ab<sup>40<\/sup> Mit Verweis auf Margaret Levi nennt sie dies \u00bbquasi-freiwillige Regelkonformit\u00e4t\u00ab und r\u00fcckt damit in den Blick, dass gelingende Zusammenarbeit viel damit zu tun hat, ob Menschen erkennen k\u00f6nnen, dass die Anderen ebenfalls die Regeln einhalten. Menschen sind durchaus bereit, etwas zu tun, was sie lieber vermeiden w\u00fcrden, <i>wenn<\/i> andere ebenso handeln. Das ist wie beim Steuern zahlen. Es bedeutet nichts Anderes, als dass in vielen F\u00e4llen die Androhung von Sanktionen ein wesentlicher Gelingensfaktor f\u00fcr ein langfristig stabiles Commons ist. Allerdings ist es ein enormer Unterschied, ob diese Form des \u00bbZwangs\u00ab von innen kommt und die abgestuften Sanktionen mit Zustimmung aller Beteiligten vereinbart werden, also gemeinstimmig, oder ob sie von au\u00dfen verf\u00fcgt werden.<\/p>\n<p>Interessanterweise ist bereits die blo\u00dfe Existenz solcher Sanktionen wirksam, etwa, weil die sozialen Folgen von Regelverletzungen \u2013 insbesondere in Commons, in denen der Zusammenhalt gro\u00df ist \u2013 schwer wiegen. Daher m\u00fcssen Strafen oft gar nicht verh\u00e4ngt werden beziehungsweise kommen eher selten vor. Sie spielen nicht f\u00fcr sich genommen, sondern im Zusammenhang mit anderen Mustern des Commoning eine eher untergeordnete Rolle. Michael Cox et al. haben in der Untersuchung eines Wassermanagementsystems in Simbabwe einmal angemerkt: \u00bbMenschen verbringen lieber mehr Zeit damit, einen Konsens auszuhandeln als Sanktionen einzuf\u00fchren und zu verh\u00e4ngen.\u00ab<sup>41<\/sup><\/p>\n<p>Im englischen Great Lake District, dessen traditionelle Sch\u00e4fereikultur von James Rebanks so brillant wie unterhaltsam beschrieben wurde, gilt es als unehrenhaft, wenn jemand einen anderen Hirten t\u00e4uscht oder ein Schaf zu einem \u00fcberh\u00f6hten Preis verkauft. In den <i>Zanjera<\/i>-Bew\u00e4sserungsgemeinschaften auf den Philippinen werden Ma\u00dfnahmen der Regeldurchsetzung dadurch gemieden, dass es eine Pr\u00fcfung der Vertrauensw\u00fcrdigkeit angehender Mitglieder gibt. Wer dazugeh\u00f6rt und Regeln verletzt, wird teilweise suspendiert, im Wiederholungsfalle auch ganz ausgeschlossen.<sup>42<\/sup><\/p>\n<p>F\u00fcr Commons mit einem starken sozialen Zusammenhalt ist die Existenz abgestufter Sanktionen zwar wichtig, deren Einsatz aber eher sparsam. F\u00fcr solche, die auf fl\u00fcchtigen, informellen Beziehungen beruhen \u2013 etwa digitale Gemeinschaften \u2013, kann die klare Durchsetzung von Sanktionen eher notwendig sein.<\/p>\n<p>Drei der in diesem Kapitel beschriebenen Muster haben einen besonderen Schwerpunkt. Sie sind darauf gerichtet, Commons vor den Risiken zu sch\u00fctzen, die von <i>Geld,<\/i> der <i>Finanzwelt,<\/i> modernen <i>Eigentumskonzepten<\/i> sowie dem <i>Marktgeschehen<\/i> ausgehen. Wir b\u00fcndeln sie, weil sie gut beschreiben, wie der berechnenden Handlungsrationalit\u00e4t begegnet werden kann, die mit diesen Themen einhergeht. Die folgenden Muster f\u00f6rdern die Ubuntu-Rationalit\u00e4t sowie andere Dimensionen des Commoning; zugleich beschreiben sie, wie Geld zum Einsatz kommen kann, wo es notwendig ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1310\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/PI_5.10_C-1-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Beziehungshaftigkeit des Habens verankern<\/em><\/p>\n<p>Auf vielen H\u00e4userfassaden in deutschen Altst\u00e4dten haben Handwerker eine traditionelle Weisheit eingraviert. Sie erinnern die Menschen daran, dass unsere Beziehungen zum Eigentum recht uneindeutig sind. So wie hier:<br \/>\n<i>Dies Haus ist mein und doch nicht mein. Dem\u2019s vor mir war, war\u2019s auch nicht sein. Den dritten tr\u00e4gt man auch hinaus, Nun frag\u2019 ich, wem geh\u00f6rt dies Haus?\u00ab<\/i><\/p>\n<p>Eines der R\u00e4tsel des Eigentums besteht darin, dass uns alle m\u00f6glichen Dinge rechtlich \u00bbgeh\u00f6ren\u00ab k\u00f6nnen. Was aber wirklich z\u00e4hlt, sind Besitz und Nutzung \u2013 und beides ist mit sozialen Beziehungen verkn\u00fcpft. Bei dem MusterBeziehungshaftigkeit des Habens verankern geht es darum, dieser Wirklichkeit gerecht zu werden. Und das bedeutet f\u00fcr uns: dass das durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gte Verm\u00f6gen eines Commons nicht ausschlie\u00dflich einer Person allein und auch nicht einer klar definierten Gruppe geh\u00f6rt. Denn es hat Urspr\u00fcnge, die uns vorausgehen und uns wahrscheinlich auch \u00fcberleben werden. Doch \u00e4hnlich wie der <i>homo oeconomicus<\/i> nur die Karikatur eines Menschen darstellt, verzerrt ein Eigentumsrecht die Welt, das viele der Beziehungen \u00fcbergeht, die es zwangsl\u00e4ufig betrifft. Eigentum wird oft als etwas Unbewegliches, von uns Getrenntes angesehen. Als etwas \u2013 zumeist Dingliches \u2013, mit dem wir tun k\u00f6nnen, was wir wollen.<\/p>\n<p>DieBeziehungshaftigkeit des Habens verankern, das erfordert, Eigentum neu zu denken, sodass all dem Bedeutung zukommt, was untrennbar mit jeder Landschaft, jedem kreativen Wirken, mit Geb\u00e4uden oder Orten verbunden ist. Der franz\u00f6sische Rechtsanthropologe Etienne le Roy hat zu Recht betont: \u00bbWas im rechtlichen und politischen Sinne wirklich z\u00e4hlt, ist die Interpretation des Begriffs \u203ageh\u00f6ren\u2039\u00ab. Was bedeutet es, dass Menschen Land, Wissen oder irdisches Leben \u203ageh\u00f6rt\u2039? Was bedeutet es f\u00fcr das Land, das Wissen und das irdische Leben? Was bedeutet es f\u00fcr mich und die Anderen? Und wie sollte das Gesetz solch komplexe Beziehungen erfassen und in Recht \u00fcbersetzen? Diese grundlegenden Fragen werden oft gemieden, wenn eigentumsrechtliche Dinge zur Diskussion stehen. Am Ende wird es den Einzelnen \u2013 Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmern \u2013 \u00fcberlassen, einseitig ihre Entscheidungen zu treffen. Nicht selten geschieht das zum eigenen Vorteil.<\/p>\n<p>Und doch ist es so, dass Menschen tats\u00e4chlich die Beziehungshaftigkeit des Habens verankern.Sie haben es immer schon getan, und sie werden es auch weiterhin tun. Sie sind durch Erinnerungen und Erfahrungen mit bestimmten Geb\u00e4uden, Gew\u00e4ssern, Bergen und W\u00e4ldern verbunden. Sie kultivieren besondere Beziehungen zu Kunstwerken, Grab- und Kultst\u00e4tten, zu \u00f6ffentlichen Parks und Denkm\u00e4lern. Oft sind dies die einzigen Gr\u00fcnde, warum ein St\u00fcck Land der Verwertungs- oder Nutzungsoptimierung entzogen wird. Der African Burial Ground in Manhatten ist daf\u00fcr ein Beispiel. Es ist das einzige stehende Bodendenkmal mitten in New York, gleich neben dem Broadway gelegen. Bis 1784 wurden hier 15.000 Afroamerikanerinnen und -amerikaner nach Riten bestattet, die sie aus den afrikanischen Herkunftsl\u00e4ndern mitgebracht hatten. Es war der einzige Friedhof f\u00fcr die noch weithin versklavte afroamerikanische Bev\u00f6lkerung. Erst nachdem man 1991 im Zuge der Bauarbeiten f\u00fcr das riesige B\u00fcrogeb\u00e4ude des Bundes auf Skelette und Grabbeigaben gesto\u00dfen war, wurde der Friedhof \u00bbwiederentdeckt\u00ab. Archivunterlagen waren offenbar bei der Bauplanung nicht zu Rate gezogen worden. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Gel\u00e4nde parzelliert und als Bauland verkauft. Dabei hat die kellerlose Bebauung die Gr\u00e4ber lange gesch\u00fctzt. Nun sollte sich das \u00e4ndern. Doch auch 200 Jahre nach der letzten Bestattung regte sich Widerstand. Die afroamerikanische Community erzwang den Baustopp. Mitten in Manhattan. Es kam zu \u00f6ffentlichen Demonstrationen, Mahnwachen und schlie\u00dflich zur Ver\u00e4nderung der Bauplanung. Lediglich ein Teil der urspr\u00fcnglich vorgesehenen Fl\u00e4che wurde anschlie\u00dfend \u00fcberbaut. Auf der freibleibenden Fl\u00e4che wurde eine Gedenkst\u00e4tte errichtet. Ein St\u00fcck Gr\u00fcn blieb erhalten und Grabh\u00fcgel aus der Wiederbestattung der gefundenen \u00dcberreste \u2013 inmitten der dichtbebauten Gro\u00dfstadt aus dem einzigen Grund, dass den Erinnerungen, Bindungen und Beziehungen vieler Menschen in der Stadt Bedeutung beigemessen wurde. In einem Commons werden solche Beziehungen anerkannt und respektiert. Zumindest l\u00e4sst sich dies als Anspruch formulieren. So ist es verk\u00fcrzt, die Diskussion um Eigentum als Entscheidung zwischen individuellen Rechten einerseits und kollektiven Interessen andererseits misszuverstehen.<\/p>\n<p>Wie unsere Er\u00f6rterungen \u00fcber das Ich-in-Bezogenheit in Kapitel 2 bereits deutlich machen, ist es durchaus m\u00f6glich, beides zu verschmelzen und eine Art \u00bbUbuntu-Eigentum\u00ab zu denken und in die Welt zu bringen. Kl\u00f6ster tun dies seit Jahrhunderten. Zwar sind sie darauf ausgelegt, gemeinschaftliches Handeln zu f\u00f6rdern, doch selbst in den religi\u00f6sen Orden wird darauf geachtet, dass die oder der Einzelne gen\u00fcgend privaten Raum zur Verf\u00fcgung hat. So einfach die Behausungen oder Zellen auch sind, in denen M\u00f6nche und Nonnen leben \u2013 es ist ihr R\u00fcckzugsraum. In der ber\u00fchmten Kartause von Florenz, idyllisch gelegen \u00fcber dem Stadtteil Galluzzo, geht es etwas komfortabler zu. Die M\u00f6nche leben nicht in einfachen Zellen, sondern in einfachen H\u00e4usern, die auf der Mauer des Klostergel\u00e4ndes aufsitzen und den Anblick des architektonischen Ensembles pr\u00e4gen. Zu jedem dieser H\u00e4user geh\u00f6rt ein Innenhof mit einem kleinen Garten sowie ein \u00fcberdachter Au\u00dfenkorridor, der den M\u00f6nchen auch bei Regen erlaubt, drau\u00dfen und doch f\u00fcr sich zu sein. Niemand hatte Zutritt zu diesem gesch\u00fctzten Lebensbereich. Das Kloster ist so konzipiert, dass die Eingangst\u00fcren der H\u00e4user auf den Kreuzgang f\u00fchren, der von allen genutzt wird. Auch in mittelalterlichen Commons gibt es diesen Raum zur individuellen Nutzung. Das Common Law kennt die Curtilage, ein Begriff, der das Land rund um das Haus bezeichnet. Erst Wohngeb\u00e4ude <i>und<\/i> Curtilage machte das Haus zum Heim. Dieses Land wurde nur von den Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt, w\u00e4hrend die weiter entfernt liegenden Felder gemeinsam bewirtschaftet wurden. Curtilage hat sich bis in die moderne Rechtsprechung erhalten. Nach einer Urteilsbegr\u00fcndung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten sch\u00fctzt sie die \u00bbintime Aktivit\u00e4t, die zur Heiligkeit des Hauses eines Mannes und zur Privatheit seines Lebens geh\u00f6rt\u00ab.<sup>43<\/sup><\/p>\n<p><em>Auch d<\/em>ie Landnutzungspraktiken der brasilianischen Landlosenbewegung (Movimento Sem Terra, MST) verbinden individuelle und kollektive Interessen. Alle gemeinsam nutzen und verwalten besetzte L\u00e4ndereien, aber kein Einzelner und kein Kollektiv kann vollst\u00e4ndig \u00fcber das Land verf\u00fcgen. Auf MST-Land k\u00f6nnen die Familien Grundst\u00fccke individuell bewirtschaften und f\u00fcr beliebige Zwecke nutzen, aber niemand kann ein einzelnes St\u00fcck Land aus dem von der Bewegung gemeinsam verwalteten Land \u00bbherausschneiden\u00ab. Wer die Bewegung verl\u00e4sst, gibt auch das Land auf. Mit anderen Worten, das Schicksal der Einzelnen ist eng mit dem des Kollektivs verbunden. Hunderttausende brasilianischer Familien<sup>44<\/sup> leben in Landbesetzungen des MST oder haben dort gelebt. Anliegen der Bewegung war stets, f\u00fcr eine bessere Landverteilung zu streiten und ungenutzte L\u00e4ndereien f\u00fcr kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft verf\u00fcgbar zu machen. Konzepte und Praxis der MST sind stark von der katholischen Soziallehre inspiriert, f\u00fcr die Gemeinwohl, Subsidiarit\u00e4t und Solidarit\u00e4t als sozialethische Ordnungsprinzipien gelten.<sup>45<\/sup> \u00c4hnliche Ideen sind in unserem Grundgesetz verankert, das in Art 14 besagt: <i>(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. (3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zul\u00e4ssig. <\/i><\/p>\n<p>Diese Verpflichtung auf das Gemeinwohl ist auch der Grund, warum in vielen Gemeinschaftsg\u00e4rten die Regel gilt: \u00bb<em>Use it or lose it\u00ab.<\/em>Anders als vollumf\u00e4ngliche Eigentumsrechte erkennt sie an, dass es auf den tats\u00e4chlichen Gebrauch ankommt. Das geh\u00f6rt \u2013 genau wie f\u00fcr die organische Verbindung von individuellen und kollektiven Interessen \u2013 zum Kern eines anderen Eigentumsverst\u00e4ndnisses, so wie wir es in Kapitel 8 vorstellen werden. Darin untersuchen wir anhand von f\u00fcnf konkreten Beispielen \u00bbandere Formen des Habens\u00ab. In allen F\u00e4llen tragen sie dazu bei, einige Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und Abh\u00e4ngigkeiten, die konventionelle Eigentumsrechte mit sich bringen, abzubauen.<\/p>\n<p>Park Slope Food Coop gelingt das \u00fcber die Kopplung von Miteigent\u00fcmerschaft und nicht-kommerzialisierter Arbeit. Die Open Source Seed Initiative hat Pionierarbeit geleistet, um Saatgut zugleich zu sch\u00fctzen und freizugeben. Ein gro\u00dfer Verbund deutscher Wohnungsbauprojekte, das Mietsh\u00e4user Syndikat, hat dazu beigetragen, dass viel Wohnraum vom Markt genommen wird, und sichert bei Selbstverwaltung der Beteiligten Wohnprojekte ab, dass die Wohnungen wieder zur Ware werden. Sie alle stellen die Idee des \u00bbexistentiellen Mitbesitzes und des realen Gebrauchs\u00ab \u00fcber die \u00bbabsolute Herrschaft\u00ab an dem, was uns letztlich nie ganz geh\u00f6rt, wie uns die Handwerker des Mittelalters erinnern.<\/p>\n<p>Beziehungseigentum ber\u00fccksichtigt unsere Sozialbeziehungen, unsere Beziehungen zur nichtmenschlichen Welt sowie zu vergangenen und k\u00fcnftigen Generationen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1250\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.11_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Commons &amp; Kommerz auseinanderhalten<\/em><\/p>\n<p>Sie m\u00f6gen sich fragen, warum Genossenschaften h\u00e4ufig als Beispiele f\u00fcr Commons genannt werden, obwohl viele ausschlie\u00dflich f\u00fcr den Markt produzieren und sich ausschlie\u00dflich \u00fcber ihn tragen. Es gibt Zehntausende Genossenschaften und Kooperativen. Der International Co-operative Alliance zufolge bringen sie \u00bbmehr als eine Milliarde Menschen in der ganzen Welt\u00ab zusammen.<sup>46<\/sup> Wenn Genossenschaften beziehungsweise Kooperativen so stark sind, warum sitzt dann das vorherrschende Wirtschaftsmodell nach wie vor fest im Sattel? Ein Grund ist, dass viele kooperative Organisationsformen das folgende Muster nicht realisieren: Commons &amp; Kommerz auseinanderhalten! Und das Recht tr\u00e4gt das Seine dazu bei. Fast immer privilegiert es marktbasierte gegen\u00fcber commons-basierten oder nicht-marktbasierten Aktivit\u00e4ten. Eine der wichtigsten Aufgaben eines jeden Commons ist es daher, die Integrit\u00e4t aufrechtzuerhalten \u2013 angesichts einer Marktordnung, die auf Ausbeutung und Verdr\u00e4ngung ausgerichtet ist. Ein Commons muss sich sch\u00fctzen. Zwingend. Sonst l\u00e4uft es Gefahr, durch Einhegungen zerst\u00f6rt zu werden.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Einhegungen gef\u00e4hrden Commons<\/h4>\n<p><i>Einhegung<\/i> ist der Gegenbegriff zu Commoning, denn es ist ein Prozess, der <i>voneinander trennt<\/i>, was Commoning <i>miteinander verbindet<\/i>\u2013 Menschen und Land, Sie und mich, heutige und zuk\u00fcnftige Generationen, Infrastrukturen und ihre Steuerung, Naturschutzgebiete und die Menschen, die sie seit Generationen (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaften. Einhegungen werden im Allgemeinen \u2013 aber nicht ausschlie\u00dflich \u2013 von Investoren und Konzernen vorangetrieben, um Land, Wasser, W\u00e4lder, Gene, kreative Inhalte und vieles andere, das gemeinsam genutzt wird, zu ihrer Ware zu machen. Dies geschieht weltweit und h\u00e4ufig in Abstimmung mit dem Staat. Einhegung ist Enteignung und kulturelle Zerschlagung zugleich. Sie zwingt Menschen nicht nur in die Marktabh\u00e4ngigkeit, sondern auch in marktkonformes Denken. Im Ergebnis m\u00fcssen sich Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Dingen kaufen. Sie m\u00fcssen sich den \u00e4u\u00dferen Bedingungen und Preisen beugen, die Investoren in ihrer Eigenschaft als Eigent\u00fcmer setzen. Oder sie ben\u00f6tigen fortan eine Erlaubnis, um jene Lebensgrundlagen zu nutzen, die sie bislang selbst (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaftet haben. Commons sind aber auch dann gef\u00e4hrdet, wenn sich Menschen Alternativen zum Markt kaum vorstellen k\u00f6nnen. In solchen F\u00e4llen droht eine \u00bbVereinnahmung von innen\u00ab. Etwa wenn gebetsm\u00fchlenartig das Argument wiederholt wird, dass es keine andere M\u00f6glichkeit gibt, etwas Wegweisendes umzusetzen, als sich Kapital am freien Markt zu besorgen. Guifi.net (siehe Kapitel 1) oder Holochain (siehe Kapitel 10) beweisen das Gegenteil. Tats\u00e4chlich ist dieses Denken ohne Alternative oft der Grund daf\u00fcr, dass Projekte scheitern. Ein Beispiel sind die Anfangsjahre von Nextcloud (siehe S. 148).<\/p>\n<p>Einhegungen bringen letztlich alles zu Fall: die Kultur des Soziallebens, besondere Formen des Wirtschaftens und Praktiken bewusster Selbstorganisation, kurz: die Seins-, Arbeits- und Lebensweise. Sie untergraben das Sinnstiftende des Commoning und leisten einer berechnenden Rationalit\u00e4t genauso Vorschub wie kurzfristigen, unpers\u00f6nlichen, rein marktvermittelten Beziehungen.[\/vc_column_text][vc_column_text]In einer Gesellschaft, in der sich so vieles um Geld dreht, ist es praktisch unm\u00f6glich, der Kollision zwischen Commons und Kommerz zu entgehen. Mako Hill, Wissenschaftler und Programmierer von freier Software, beschreibt, wie viele Programmierfachleute \u00bbihre Entwicklungsumgebung als radikal ver\u00e4ndert [erleben], manchmal zum Schlechteren, wenn in ihren Communities bezahlte Arbeit Einzug h\u00e4lt\u00ab.<sup>47<\/sup> Kommt in der Programmierung freier Software (genau wie in anderen Prozessen) Geld ins Spiel, dann f\u00fchrt dies zu einem \u00bbneuen Arbeitsstil und anderen Beziehungen zwischen den Entwicklungsfachleuten\u00ab. Commoners verlieren die Motivation, ohne Zw\u00e4nge beizutragen (siehe S. 101). Das geschieht nicht etwa, weil sie das prinzipiell nicht tun oder es sich nicht leisten k\u00f6nnen, sondern weil sie sich ungerecht behandelt f\u00fchlen, wenn die einen bezahlt werden und die anderen nicht. Wird Geld zur Motivation genutzt, beginnen Menschen sich anders zu orientieren und auf Ziele zu konzentrieren, die \u00bbf\u00fcr den Markt\u00ab interessant sind. Langsam aber sicher unterminiert die Anziehungskraft des Geldes die Integrit\u00e4t des Commoning. Das zeigt sich in den Sozialbeziehungen, in den Dingen, die fortan als wichtig gelten, sowie in den langfristigen Zielen. Hill f\u00fchrt Belege daf\u00fcr an, dass Bezahlung problematisch ist, wenn sie dort eingef\u00fchrt wird, wo viele Menschen freiwillig beitragen und sich sozial engagieren. Jenen, die freiwillig dabei sind, erscheint ihr Beitrag auf einmal nicht mehr unabdingbar und weniger bedeutend. Das f\u00fchrt dazu, dass sie tats\u00e4chlich weniger beitragen oder sich sogar zur\u00fcckziehen.<sup>48<\/sup> Ist Geld erst einmal da, stellt sich zudem die Frage, wie es ausgegeben werden soll und wer dar\u00fcber entscheidet. Mako Hill schreibt: \u00bbF\u00fcr ein erfolgreiches Freie-Software-Projekt, zu dem viele freiwillig beitragen, ist es leichter, Geld zu bekommen, als zu entscheiden, wie es ausgegeben werden soll.\u00ab Nun ist das gewiss kein unl\u00f6sbares Problem. Zudem k\u00f6nnen viele Bed\u00fcrfnisse nur \u00fcber M\u00e4rkte befriedigt werden. Geld wird also gebraucht. Wenn aber unreflektiert erkauft wird, was Commoning genauso gut leisten k\u00f6nnte, dann werden intrinsische Motivationen verschwinden.<\/p>\n<p>Sicher brauchen auch Commoners Geld, wenn auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig. Im Mittelalter trugen die Allmenden zur Befriedigung vieler Grundbed\u00fcrfnisse bei \u2013 vergleichbar einem \u00bbGrundauskommen\u00ab. Der Zugang zu Naturreicht\u00fcmern half dabei, \u00fcber die Runden zu kommen. Geld wurde nur f\u00fcr gelegentliche Anschaffungen gebraucht. Heute ist der Umgang mit Geld kaum vermeidbar. Commoners k\u00f6nnen (und m\u00fcssen) sich meist um ein \u00bbGeldeinkommen\u00ab bem\u00fchen. Und so wichtig das ist, so wichtig ist auch, sich dabei von regelm\u00e4\u00dfigen Geldfl\u00fcssen m\u00f6glichst unabh\u00e4ngig zu machen. Das gelingt nicht von heute auf morgen, aber es gibt viele M\u00f6glichkeiten, geldunabh\u00e4ngiger zu leben. Vor allem erfordert es die F\u00e4higkeit, den Spie\u00df umzudrehen und die richtigen Fragen zu stellen. Anstatt zu fragen: \u00bbWie kann ich mehr Geld verdienen?\u00ab, stellt sich die Frage: \u00bbWie kann ich mein Leben so organisieren, dass ich weniger Geld brauche? Wie kommt mehr Teilen und Weitergeben in meinen Alltag?\u00ab Auch auf Projekt-, Initiativ- oder Plattformebene kann mit diesen Fragen begonnen werden.<\/p>\n<p>Eine weitere Strategie ist, die Geldfl\u00fcsse innerhalb eines Commons davon zu entkoppeln, wie \u00bbdas Geld hineinkommt\u00ab, also wie Einnahmen generiert werden. Wie sieht eine solche Entkopplung aus? Wenn Menschen es gewohnt sind, Dienstleistungen zu kaufen, verhalten sie sich entsprechend. Sie denken und handeln wie Konsumierende. Wann immer dieses Rollenbild aktiviert wird, kommt eine berechnende Rationalit\u00e4t zum Zug: Wenn eine \u00bbAusschreibung\u00ab stattfindet und sich die Bietenden gegenseitig \u00fcbertreffen beziehungsweise unterbieten m\u00fcssen; wenn in Vertr\u00e4gen Ergebnispakete geschn\u00fcrt werden, die dann \u00bbgeliefert\u00ab werden m\u00fcssen \u2013 egal wie die Bedingungen im richtigen Leben sind; wenn alles als \u00bbKauf- und Verkaufstransaktion\u00ab gedacht wird, gleich ob es sich um Fahrr\u00e4der, Lebensmittel, Fortbildung oder Fu\u00dfballspieler handelt; wenn gewarnt wird, dass Andere Ihnen zuvorkommen, wenn Sie jetzt nicht zugreifen \u2013 immer dann regiert das Geld durch. Das Problem dabei: Geldfl\u00fcsse und Warentausch k\u00f6nnen Commoning so wenig ersetzen wie (F\u00fcr-)Sorge. Nicht nur im Vollzug des geldvermittelten Wirtschaftens setzt sich der Konsumierende in uns durch; schon die Grund\u00fcberzeugung, dass \u00bbnur so etwas erledigt werden kann\u00ab, dass es \u00bbschlicht nicht anders geht\u00ab, n\u00e4hrt diese Haltung. Dabei gibt es durchaus M\u00f6glichkeiten, aus einem Commons heraus mit dem Markt zu interagieren, ohne der Logik der Preiskonkurrenz zu folgen oder sich \u2013 wie im \u00c4quivalententausch \u2013 strikter Gegenseitigkeit unterzuordnen. Als eine Stadt in Frankreich dem commons-basierten Netzwerk Encommuns, zu dem viele Programmierfachleute geh\u00f6ren, einen Auftrag anbot, trug dies pl\u00f6tzlich die Vorstellung, \u00bbliefern zu m\u00fcssen\u00ab in die Gruppe. Die Konzentration auf den Auftrag hat die Beteiligten von den urspr\u00fcnglichen Projektzielen entfernt und selbstbestimmte Arbeitsrhythmen verdr\u00e4ngt. Ein Beteiligter berichtet, wie sich \u00bbeine Kluft [\u00f6ffnete] zwischen denen, die f\u00fcr diesen Auftrag viel liefern und das Geld bekommen, und jenen, die [nur] von Zeit zu Zeit liefern [k\u00f6nnen] und das ohne Bezahlung tun\u00ab.<sup>49<\/sup> Das Ergebnis: eine Verschiebung in den internen Dynamiken des Commoning. Anstatt aus intrinsischen Gr\u00fcnden (Spa\u00df an der Aufgabe, Netzwerken, von Anderen lernen, Sozialleben, Sinnvolles tun) zum Projekt beizutragen, konzentrierten sich viele darauf, \u00bbden Vertrag zu erf\u00fcllen\u00ab. Bald wurden die Priorit\u00e4ten des externen Auftraggebers als wichtiger erachtet als die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse anderer Commoners. Die Logik des Wettbewerbs und der Effizienz trieb ins Zentrum der Aufmerksamkeit und dr\u00e4ngte die urspr\u00fcnglich freiwillige Zusammenarbeit in den Hintergrund. \u00bbAnstatt Menschen zu helfen, die von einem fehlerhaften Wirtschaftssystem ausgel\u00f6sten Verhaltensweisen zu \u00e4ndern\u00ab, so wie Encommuns das beabsichtigt hatte, hat diese Dienstleistungsorientierung \u00bbdiese Verhaltensweisen verst\u00e4rkt\u00ab, sagte ein Beteiligter.<\/p>\n<p>Encommuns reagierte mit der Schaffung einer halbdurchl\u00e4ssigen Membran, um den Geist des Commoning zu erhalten und gleichzeitig kommerzielle Auftr\u00e4ge annehmen zu k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst legte die Gruppe fest, dass alle kommerziellen Unternehmen die Leistungen bezahlen sollten, die im Commons erbracht wurden \u2013 das stellte die M\u00f6glichkeit sicher, Einnahmen zu generieren. Anstatt dies aber als konventionelle Markttransaktion zu betrachten \u2013 also als Bezahlung f\u00fcr <i>bestimmte<\/i> Leistungen oder Produkte \u2013 sieht die Regelung vor, dass jedes beauftragende Unternehmen einen finanziellen Beitrag zum Commons leistet und damit die T\u00e4tigkeiten grundfinanziert, denen die Commoners ohnehin nachgehen. Mit anderen Worten: Unternehmen oder staatliche Auftraggeber zahlen nicht f\u00fcr eine bestimmte Dienstleistung oder ein bestimmtes Produkt, sondern sie leisten einen allgemeinen Beitrag \u2013 \u00e4hnlich einer Spende. Diese Beitr\u00e4ge werden zudem alle offengelegt. Encommuns will dadurch sicherstellen, dass es nicht davon abh\u00e4ngig wird, etwas zu verkaufen, weder Produkte noch die Arbeit der Menschen, denn die Erfahrung ist, dass \u2013 wenn dies geschieht \u2013 allm\u00e4hlich dem Erfolg am Markt mehr Priorit\u00e4t einger\u00e4umt wird als den Bed\u00fcrfnissen der Commoners. Und damit beginnt nicht selten die Aufl\u00f6sung des ganzen sozialen Gef\u00fcges. Indem Encommuns Zahlungen (allgemeine Kompensationen f\u00fcr das Recht, die Ergebnisse ihrer Programmierkunst zu nutzen) formal wie Spenden behandelt, entkoppelt es das Geben vom Nehmen. Die finanziellen Beitr\u00e4ge von au\u00dfen sind nicht direkt mit dem verkn\u00fcpft, was von au\u00dfen aus dem Commons genommen wird. So bleibt Encommuns souver\u00e4n im Umgang mit Geld im Sinne des Gesamtprojekts. Zudem sei die Idee, \u00bbkommerziellen Organisationen zu helfen, Vertrauen in den Commons-Ansatz zu entwickeln und gleichzeitig Commons zu helfen, sich zu finanzieren, wenn sie schon zu kommerziellen Zwecken genutzt werden\u00ab.<sup>50<\/sup> Derselben Idee folgt die P2P Foundation mit ihrer sogenannten commons-basierten \u00bbReziprozit\u00e4tslizenz\u00ab (Commons Based Reciprocity License). Sie erm\u00f6glicht allen, kostenlos zu nutzen, was in Commons produziert worden ist \u2013 mit Ausnahme kommerzieller Nutzer. Sie sollen zahlen.<\/p>\n<p>Das transnationale Guerrilla Media Collective (GMC) \u2013 eine Gruppe von \u00dcbersetzern, Designerinnen und Medienschaffenden \u2013 hat sich Regeln gegeben, die sowohl Commoning als auch bezahlte Dienstleistungen integrieren. Das \u00bbcommons-orientierte offene und kooperative Wirtschafts- und Governance Model, Version 2.0\u00ab, erm\u00f6glicht es den Beteiligten, zweckgebundene und gemeinwohlorientierte bezahlte Arbeit zu leisten, und fordert zugleich explizit, f\u00fcr das Wohlergehen des Kollektivs und jedes Einzelnen Sorge zu tragen.<sup>51<\/sup> Entscheidungsverfahren und Verantwortlichkeiten sind nach unterschiedlichen Stufen des Engagements ausdifferenziert: gelegentliche, unbezahlte Beteiligung; ein formaler Prozess, der einer Probezeit \u00e4hnelt, teilweise bezahlt wird und Raum schafft, um zu pr\u00fcfen, ob alles zusammenpasst; sowie verbindliche Mitgliedschaft mit spezifischen Verantwortlichkeiten, die bezahlt werden. Alle wertsch\u00f6pfenden Beitr\u00e4ge \u2013 auch die unbezahlten, inklusive der (F\u00fcr-)Sorge f\u00fcr das GMC \u2013 werden in einer Datenbank erfasst. Diese Erfassung ist Referenzpunkt f\u00fcr die Reflexion und entspricht dem Bem\u00fchen aller Beteiligten, dem Commoning Priorit\u00e4t einzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Im Grunde sind all diese Dinge nicht neu. Um Commons &amp; Kommerz auseinanderzuhalten, wird in vielen Gemeinschaftsw\u00e4ldern das Sammeln und Schlagen von \u00c4sten oder B\u00e4umen nur f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Gebrauch, nicht aber f\u00fcr den Verkauf auf dem Markt erlaubt. Fischerei-Commons bestimmen h\u00e4ufig, welcher Anteil des Fangs von einzelnen Fischerinnen oder Fischern verkauft werden darf. Doch das Muster findet sich nicht nur in Commons: Auch Universit\u00e4tsverwaltungen fungieren oft als Vermittler zwischen Finanzierungsquellen und den Forschenden selbst. Die Idee ist sicherzustellen, dass in der Wissenschaft von den Interessen der Geldgeber unabh\u00e4ngige Debatten gef\u00fchrt und Ergebnisse verbreitet werden k\u00f6nnen. Auf die Erkenntnisse der Wissenschaft darf nicht der Makel fallen, etwa von Konzerninteressen beeinflusst zu sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1249\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_5.12_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Commons-Produktion finanzieren<\/em><\/p>\n<p>In einer Welt, in der Geld und Finanzierung nach kapitalistischer Logik eingesetzt werden und als Standardinstrumente, stellt sich die Frage, wie sch\u00f6pferisches T\u00e4tigsein finanziert werden kann, ohne die sch\u00e4dlichen Einfl\u00fcsse von Geld und Verschuldung hinnehmen zu m\u00fcssen. Drei M\u00f6glichkeiten haben wir ausgemacht \u2013 gewiss gibt es mehr. Sie erlauben es Commoners von externer Finanzierung unabh\u00e4ngiger zu werden und geben ihnen zugleich mehr Sicherheit und Freiheit. Die Rede ist von, erstens, \u00bbGeld-light-Commoning\u00ab, was mit sich bringt, weniger auf Geld und M\u00e4rkte angewiesen zu sein; zweitens, gemeinsamer Finanzierung, so dass Geld und Kredite ausschlie\u00dflich aus dem Commons heraus entstehen, darin zirkulieren und nicht zweckentfremdet werden; und, drittens, von neuen Finanzkreisl\u00e4ufen zwischen Commons und der \u00f6ffentlichen Hand, so dass vom Staat verwaltete Steuergelder Commons st\u00e4rken k\u00f6nnen. (Wir kommen gleich darauf zur\u00fcck.)<\/p>\n<p>Wie wir gesehen haben, h\u00e4ngt das Gelingen des Commoning davon ab, dass Geld nicht die sozialen Dynamiken bestimmt. Wenn Schulden oder Kapital die Menschen in Abh\u00e4ngigkeiten treiben oder soziale Spaltungen erzeugen, wird ein Commons nicht bestehen k\u00f6nnen. Deswegen ist es so wichtig, dass Commoners (im Grunde aber wir alle), unabh\u00e4ngiger von Geld und M\u00e4rkten werden. Wenn etwa die Emission und die Zirkulation von Geld auf Augenh\u00f6he geschehen und das Geld sich vor allem innerhalb der Gemeinschaften, Netzwerke und Commons-Prozesse bewegt, dann k\u00f6nnen Commoners die Werte, die sie schaffen, zum gegenseitigen Vorteil nutzen. Und sie m\u00fcssen nicht zusehen, wie sie von Kreditgeberinnen und Aktion\u00e4ren als Zins- oder Dividendenzahler abgesch\u00f6pft werden.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Wie Google ohne Google: Nextcloud<\/h4>\n<p>Nextcloud<sup>52<\/sup> ist heute eine beliebte Alternative zu Diensten wie Dropbox oder OneDrive. Sie erm\u00f6glicht, dass Daten auf den je eigenen Servern gespeichert werden (sog. Filehosting), und beruht auf Open Source und freier Software. \u00dcber einen sogenannte Klienten (engl. <i>client<\/i>) wird der Server automatisch mit den lokalen Verzeichnissen synchronisiert. So k\u00f6nnen alle Beteiligten von mehreren Rechnern, aber auch \u00fcber eine Weboberfl\u00e4che, auf einen konsistenten Datenbestand zugreifen. Nextcloud kann, anders als propriet\u00e4re Dienste, ohne Zusatzkosten auf einem privaten Server installiert werden. Das sichert die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber die eigenen Daten. Der Dienst bietet alles, was Google auch bietet. Und da die Software modular aufgebaut ist, l\u00e4sst sie sich um beliebige Funktionalit\u00e4ten erweitern. Es gibt Kalender, Adressbuch, Fotogalerie, Musik- und Videowiedergabe, Aufgabenplaner, Feedreader, E-Mail-Programm, Textverarbeitung, Mind Maps, Verwaltungswerkzeuge, M\u00f6glichkeiten zur Auswertung von Geodaten und so fort. 1.800 Leute arbeiten mit \u2013 unbezahlt. Sie tun es trotzdem. Auf der Konferenz Bits &amp; B\u00e4ume, die im November 2018 in Berlin erstmals die Umweltbewegung mit der kritischen Technologieszene zusammengebracht hat, beschreibt der Gr\u00fcnder von Nextcloud, Frank Karlitschek, eine Erfahrung, die ihn gelehrt hat, bei der Finanzierung einer Unternehmung auf Unabh\u00e4ngigkeit zu achten.<sup>53<\/sup> Karlitschek hatte auch den Nextcloud-Vorg\u00e4nger OwnCloud gegr\u00fcndet. Um seine Idee einer freien, selbstgehosteten Cloud zu realisieren, ging er in die USA, ins El Dorado der Start ups. Und tats\u00e4chlich bekam er, was er suchte: Venture-Kapital. Das beschleunigte die Dinge: schnelleres Wachstum, mehr Marketing, mehr Einstellungen. Aber dabei sei \u00bbdas Projekt unter die R\u00e4der geraten\u00ab, sagt Karlitschek. OwnCloud hatte mehrere Millionen US-Dollar eingesammelt und musste nun mit R\u00fccksicht auf die Interessen der Investoren agieren. \u00bbDas war ein Fehler\u00ab, res\u00fcmiert er. \u00bbDie Kompromisse waren zu gro\u00df.\u00ab Karlitschek hat sein Projekt verlassen<sup>54<\/sup> und ein neues gegr\u00fcndet: Nextcloud \u2013 ohne externe Investitionen und unter Beteiligung einer gro\u00dfen Community. Nur zwei Jahre nach der Gr\u00fcndung hat Nextcloud Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf der ganzen Welt \u2013 darunter sehr gro\u00dfe: die ARD etwa oder Siemens.[\/vc_column_text][vc_column_text]Der franz\u00f6sische Informatiker und Commons-Forscher Philippe Aigrain hat bereits zu Beginn der 2010er-Jahre deutlich gemacht, dass in jedem Commons einige grunds\u00e4tzliche Fragen zu kl\u00e4ren sind. So ist zu fragen, wie die Beziehungen zwischen der Geld\u00f6konomie und den Commons aussehen sollen und welche \u00bbGeldkultur\u00ab Commoners f\u00fcr sich selbst entwickeln wollen. Zumindest sollten diese Dinge so geregelt werden, dass Kapital oder Geld nicht unkontrolliert alles durchdringt und sich das Miteinander nicht in ein Gegeneinander verwandelt. Es geht darum zu erkennen, dass das Streben nach Geld und Erfolg nicht alternativlos ist, wenn allgemeiner Wohlstand geschaffen werden soll. Deshalb ist es zwingend, Commons &amp; Kommerz auseinanderzuhalten (S. 143). Aber auchGegenseitigkeit behutsam auszu\u00fcben (S. 103) minimiert die negativen Folgen der Geld\u00f6konomie und tr\u00e4gt dazu bei, dass eine berechnende Handlungsrationalit\u00e4t nicht doch zur kulturellen Norm wird. Und damit sind wir bei den Strategien, die das gleiche Anliegen verfolgen. Es ist gleichg\u00fcltig, welche zum Einsatz kommt: Wichtig ist, dass \u00bbder Schwanz nicht mit dem Hund wedelt\u00ab und wir nicht zulassen, dass Geld unsere Anliegen bestimmt und unser Handeln antreibt.<\/p>\n<p><b>Geld-light-Commoning.<\/b> Wenn Commoning bedeutet, Wissen und Dinge gemeinsam zu nutzen, aufzuteilen und umzulegen sowie Prozesse gemeinsam zu finanzieren und dadurch so viele Bed\u00fcrfnisse wie m\u00f6glich zu befriedigen, dann macht es die Einzelnen per Definition unabh\u00e4ngiger von Geldeinkommen. Wir nennen es daher \u00bbGeld-light\u00ab. Die Ethik und Praxis von Geld-light-Commoning wird in diesem Buch in vielen Varianten beschrieben. Wir brauchen weniger Geld, wenn wir Dinge gemeinsam tragen, nutzen und herstellen, \u00bbDo-It-Together\u00ab ist daf\u00fcr ein Schlagwort.(Gemeinsam nutzen &amp; herstellenist ein entsprechendes Muster, das wir in Kapitel 6 beschreiben.) Geld-light-Commoning ist fundamental, relativ einfach und eine Antwort darauf, dass \u00bbder Markt\u00ab unsere Schw\u00e4chen auszunutzen sucht und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse herstellt. Wir kennen das von unseren Staubsaugern oder Schleifmaschinen. Die Anschaffungskosten der Ger\u00e4te sind im Vergleich zu dem, was wir f\u00fcr das Verbrauchsmaterial wie Staubsaugerbeutel, Schleifpapier oder Druckerpatronen ausgeben m\u00fcssen, geradezu l\u00e4cherlich. Eine der wirksamsten Antworten darauf ist, solche Anschaffungen m\u00f6glichst zu vermeiden und nach Alternativen zu suchen \u2013 etwa Ger\u00e4te umzur\u00fcsten, gemeinsam zu nutzen oder konviviale Technologien einzusetzen. Langfristig macht uns das freier.<\/p>\n<p>Noch deutlicher wird die Abh\u00e4ngigkeit von kommerziellen Interessen im IT-Bereich. Heute werden die Konsumentinnen und Konsumenten propriet\u00e4rer Software nicht nur gezwungen, st\u00e4ndig neue Versionen zu akzeptieren, sondern, wie Professor Lorenz Hilty erkl\u00e4rt: \u00bbHeute wird immaterielle Software benutzt, um Druck zu machen, dass funktionierende Hardware ersetzt wird!\u00ab<sup>55<\/sup> Kurz: weniger Freiheit, aber mehr M\u00fcll. Mit \u00bbGeld-light\u00ab-Commoning haben Hacker-Communities in den fr\u00fchen 2000er-Jahren dazu beigetragen, Microsofts Missbrauch von Windows und Office entgegenzuwirken. Aber nicht, indem sie die Konzerne angriffen, sondern indem sie GNU\/Linux, Open Office und Dutzende andere Open-Source-Programme von hoher Qualit\u00e4t als praktische, kosteng\u00fcnstige oder kostenlose Alternativen zu den Standardprogrammen der Marktgiganten entwickelten. Durch die Peer-Produktion von Software, die weitergegeben werden darf, k\u00f6nnen Menschen neue Commons in digitalen Umgebungen schaffen und au\u00dferdem drakonische Lizenzvereinbarungen und den Missbrauch der Marktmacht meiden. Nutzerinnen und Nutzer k\u00f6nnen nicht nur sicher sein, dass ihre Programme mit anderen Systemen kompatibel sind und dass dessen Ver\u00e4nderung und Weiterentwicklung erlaubt ist; sie k\u00f6nnen auch nicht unter Druck gesetzt werden, teure, unn\u00f6tige Upgrades zu bezahlen.<\/p>\n<p>In analogen Umgebungen gibt es viele bew\u00e4hrte M\u00f6glichkeiten, die eigenen Kosten gering zu halten und weniger geldabh\u00e4ngig zu sein. Wohnen ist ein gutes Beispiel. Sogenannte Community Land Trusts in Kanada oder den USA k\u00f6nnen die laufenden Kosten f\u00fcr Wohnraum und kleine Unternehmen erheblich reduzieren, indem sie das Land, auf dem Wohn- und Wirtschaftsgeb\u00e4ude stehen, aus dem Markt nehmen. Auch Peer-to-Peer-Carsharing und -Projekte, in denen Werkzeuge gemeinsam genutzt werden \u2013 wie die Offenen Werkst\u00e4tten \u2013 sind Formen des Geld-light-Commoning.<\/p>\n<p>Geld-light-Commoning beginnt auf individueller Ebene mit einer einfachen Frage: Was brauche ich wirklich? Diese Frage zu beantworten lenkt die Aufmerksamkeit auf die tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnisse und hilft der schleichenden Entmachtung zu entgehen, der mit einer konsumzentrierten Kultur einhergeht. Die kapitalistische Wachstumswirtschaft verschlingt au\u00dferordentlich viel Energie und Geld mit ihren \u2013 bemerkenswert kreativen \u2013 Versuchen, Menschen zum Konsumieren zu bewegen, obgleich so vieles davon unn\u00f6tig ist. Aus neuen Konsummustern resultieren \u2013 notwendigerweise \u2013 neue Infrastrukturen. Es sind Infrastrukturen der Abh\u00e4ngigkeit. Diese wiederum erm\u00f6glichen ganz neue Produkte, die kurz darauf als lebensnotwendig gelten. Das war beim Auto so und ist beim Smartphone nicht anders. Commoners k\u00f6nnen vielen dieser vermeintlichen Notwendigkeiten entkommen, indem sie ihre eigenen Systeme, Infrastrukturen, R\u00e4ume und Ressourcenpools zur gemeinsamen Nutzung entwickeln.<\/p>\n<p><b>Gemeinsame Finanzierung<\/b> bedeutet, Geld von Einzelpersonen, der Gemeinschaft und der breiteren \u00d6ffentlichkeit zusammenzulegen (zu <i>poolen<\/i>), um gemeinsame Prozesse und Verm\u00f6genswerte zu finanzieren. Das st\u00e4rkt Commons nicht nur hier und heute, sondern schafft auch Grundlagen f\u00fcr das Commoning der Zukunft, etwa durch den Aufbau geeigneter Infrastrukturen oder die Entwicklung neuer Projekte. Gemeinsame Finanzierungsmodelle gibt es schon sehr lange u.a. die Kreditgesellschaften auf Gegenseitigkeit, Versicherungspools, gemeinschaftlich kontrollierte Mikrofinanzierungen und Lokalw\u00e4hrungen. In j\u00fcngerer Zeit konnten durch webbasiertes Crowdfunding v\u00f6llig neue Dimensionen erschlossen und unz\u00e4hlige kleine, aber auch sehr gro\u00dfe Projekte finanziert werden. Goteo, eine Crowdfunding-Plattform f\u00fcr Commons mit Sitz in Madrid<sup>56<\/sup>, ist eine Pionier in diesem Feld. Seit der Gr\u00fcndung 2012 bis Ende 2018 wurden \u00fcber Goteo mehr als 7,3 Millionen Euro mobilisiert, mehr als 900 Commons-Projekte in ganz Europa und Lateinamerika finanziert und circa 2.500 weitere Projekte online unterst\u00fctzt.<sup>57<\/sup> Goteo unterscheidet sich von konventionellen Crowdfunding-Websites durch die Vorgabe, dass Projekte tats\u00e4chlich Commons-Prinzipien umsetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Crowdfunding von Freiem Wissen: Die Finanzierung durch die Nutzerinnen und Nutzer selbst sichert auch den Wikimedia-Projekten Unabh\u00e4ngigkeit. In der allj\u00e4hrlichen Spendenkampagne zum Jahresende 2017 nahm Wikimedia 8,7 Millionen Euro ein. Die durchschnittliche Spendenh\u00f6he lag bei circa 13 Euro. Die Verwendung dieser Mittel wird allerdings immer wieder kritisiert. Ein Stein des Ansto\u00dfes ist, dass ein Gro\u00dfteil der Gelder in die us-amerikanische Wikimedia-Zentrale flie\u00dft, wo die Geh\u00e4lter der Festangestellten entsprechend hoch sind. Andererseits kommt auch bei Wikimedia ein interessantes Muster zum Tragen, das wir in Kapitel 6 n\u00e4her vorstellen werden: Poolen &amp; Aufteilen. Die Spendeneinnahmen werden zun\u00e4chst gesammelt und anschlie\u00dfend auf 16 Wiki-Projekte verteilt. Sie sichern freien Zugang zum Online-W\u00f6rterbuch, zu einer Zitatdatenbank, zu Sammlungen digitaler B\u00fccher und Lernmaterialien, zu Datenbanken von Pflanzen- und Tierarten, Reisef\u00fchrern sowie Archiven mit Fotografien und Bildern f\u00fcr alle. Dar\u00fcber hinaus flie\u00dft das Geld in Projekte, die im Netz nicht sichtbar sind. So werden Strukturen aufgebaut, um Menschen in Afrika Zugang zu freiem Wissen zu sichern, oder Wikimedia engagiert sich in politischen Initiativen rund um Netzneutralit\u00e4t und Urheberrecht. Dar\u00fcber hinaus n\u00fctzt uns allen eine Wissensplattform \u00bbjenseits des Marktes\u00ab, weil sie uns zugleich von den Werbebotschaften und der Datensammelpraxis kommerzieller Anbieter befreit.<\/p>\n<p>Von der digitalen in die analoge Welt: Die franz\u00f6sische Organisation Terre de Liens sammelt Geld, um f\u00fcr angehende Kleinb\u00e4uerinnen und Kleinbauern Land zu kaufen und dieses Land auf Dauer dem Markt zu entziehen. Ein Teil der Finanzierung, die f\u00fcr einen bestimmten Hof zusammengetragen wird, flie\u00dft in die sogenannten \u00bbSolidarit\u00e4tsersparnisse\u00ab. Diese werden ausschlie\u00dflich f\u00fcr den Kauf weiteren Agrarlandes \u2013 also f\u00fcr die Finanzierung weiterer Projekte \u2013 genutzt. In Deutschland macht das Mietsh\u00e4user Syndikat (siehe Kapitel 8) etwas \u00c4hnliches. Es unterst\u00fctzt Hausprojekte in der eigenst\u00e4ndigen Finanzierung gemeinschaftlicher Wohnprojekte, sorgt ebenso daf\u00fcr, dass die Immobilien dem Markt entzogen werden und stellt zudem sicher, dass es eine solidarische Finanzierung im Verbund gibt. Das Mietsh\u00e4user Syndikat nimmt 10 Cent pro Quadratmeter Wohnraum pro Monat von allen Bewohnerinnen und Bewohnern der mit dem Syndikat assoziierten Gemeinschaftswohnprojekte ein. Dieses Geld wird eingesetzt, wenn neue Wohn-Commons auf Solidartransfers angewiesen sind.<\/p>\n<p>Vom Dach \u00fcber dem Kopf zur Gesundheitsversorgung: Artabana ist ein Verbund, in dem Tausende Menschen aus der Schweiz, Deutschland und Australien ihre Gesundheitsf\u00fcrsorge gemeinschaftsbasiert finanzieren. Auch hier ist die Strategie \u00e4hnlich. Artabana ist \u2013 \u00e4hnlich den unabh\u00e4ngigen Hausprojekten im Mietsh\u00e4user Syndikat \u2013 in \u00fcberschaubaren Gruppen organisiert. Die Mitglieder eine Gruppe \u00fcbernehmen f\u00fcreinander die Rolle des Sozialversicherers. Es bestehen keine Einschr\u00e4nkungen hinsichtlich der Wahl der \u00c4rztin bzw. des Arztes, der Behandlungsoption, der Medikamente oder Heilmittel. Die Gruppen bestimmen eigenst\u00e4ndig und im Vertrauensraum, wie sie ihre gegenseitige Unterst\u00fctzung organisieren. Sie bestimmen auch, wie sie die Mittel aus dem Solidarit\u00e4tsfonds verwenden, zu dem jede Gruppe als Gruppe beitr\u00e4gt. Au\u00dferdem wird ein Teil des lokal zusammengetragenen Geldes in einen sogenannten Nothilfefonds eingezahlt, der von Artabana International verwaltet wird. Meistens kann eine Gruppe f\u00fcr die Gesundheitsf\u00fcrsorge ihrer Mitglieder durch das Poolen &amp; Aufteilenvon Geld aufkommen. Ist jedoch eine lokale Gruppe mit unerwartet hohen Behandlungskosten konfrontiert \u2013 etwa im Fall chronischer Krankheiten oder komplizierter Operationen \u2013 kann dieser Nothilfefonds des Verbundes die L\u00f6sung sein. Er funktioniert wie eine Art R\u00fcckversicherung innerhalb des gemeinschaftsbasierten Versicherungssystems. Als Jane<sup>58<\/sup> in Australien wegen eines schweren Herzleidens operiert werden musste, planten sie und ihr Mann, die vorgesehenen Kosten von AUS-$ 35.000 durch eine Hypothek auf ihr Haus zu finanzieren. Es stellte sich jedoch heraus, dass ihre lokale Artabana-Gruppe bereits Artabana Deutschland kontaktiert hatte, und der dortige Nothilfefonds war in der Lage, die Operationskosten zu decken. \u00bbDass der Nothilfefonds von Artabana Deutschland mich unterst\u00fctzen w\u00fcrde, ohne mich zu kennen, \u00fcberraschte uns und erf\u00fcllte uns mit tiefer Dankbarkeit und Demut. \u2026 Innerhalb einer Woche war das Geld auf unserem Konto bei Artabana Hobart. Am Anfang war es schwierig, diese Geste von Fremden anzunehmen.\u00ab Aber in einer Artabana-Kultur, einer Kultur des Commoning, ist das letztlich nicht ungew\u00f6hnlich. Artabana kann auch gr\u00f6\u00dfere Risiken abdecken, denn es funktioniert wie ein Verbund von gemeinschaftsgetragenen und selbstbestimmten Finanzierungspools.<\/p>\n<p>Vom Geld selbst: Es gibt zudem eine weltweite Bewegung, die eigenes Geld ausgibt und kontrolliert, um die Probleme anzugehen, die mit externer Finanzierung verbunden sind. Weltweit existieren Tausende lokaler W\u00e4hrungen oder Peer-to-Peer-Kreditsysteme, die das konventionelle Geld meist erg\u00e4nzen und in begrenzten Regionen spezifische Probleme l\u00f6sen sollen, wobei sie mehr oder weniger erfolgreich sind. Ihre Zahl genau anzugeben ist schwierig. Der Forscher Grzegorz Sobiecki sch\u00e4tzt sie auf \u00fcber 6.000.<sup>59<\/sup> In sehr armen Vierteln einer kenianischen Gro\u00dfstadt zirkulieren zum Beispiel der Bangla Pesa und der Lida Pesa. Beide W\u00e4hrungen geh\u00f6ren zum gr\u00f6\u00dferen Sarafu-Kreditsystem, das den Mitgliedern erm\u00f6glicht, die Leistungen und Verm\u00f6genswerte zu erfassen, die im Viertel erbracht werden, sie in Umlauf zu bringen und dabei zu verhindern, dass sie nach au\u00dfen abflie\u00dfen. In diesem Sinne fungieren sie als Bausteine einer commons-basierten \u00d6konomie.<\/p>\n<p>Alle hier vorgestellten Plattformen und Verb\u00fcnde \u2013 Goteo, Terre de Liens, Mietsh\u00e4user Syndikat, Artabana oder Lokalw\u00e4hrungen \u2013 erbringen irgendeine Art \u00bbkollektiven Zugewinns\u00ab. So m\u00fcssen Werke, die \u00fcber Goteo finanziert werden, unter einer freien oder einer Creative-Commons-Lizenz publiziert werden. Auf diese Weise kann das, was gemeinschaftlich finanziert wurde, k\u00fcnftig kopiert, weitergegeben und\/oder modifiziert werden. Das Grundprinzip lautet: Wer von einem Commons etwas entnimmt, muss auch etwas zur\u00fcckgeben. Zudem geht es in allen Beispielen nicht nur darum, Projekte gemeinschaftlich zu finanzieren, sondern auch darum, bestimmte Vorteile \u00bbin die Zukunft weiterzugeben\u00ab (engl. <i>pay-it-forward mechanism<\/i>).<\/p>\n<p><b>Neue Finanzkreisl\u00e4ufe zwischen Commons und der \u00f6ffentlichen Hand schaffen. <\/b> Manche Marktakteure werden vom Staat gro\u00dfz\u00fcgig mit Subventionen, rechtlichen Privilegien oder durch die Anerkennung von Quasi-Monopolen unterst\u00fctzt. Warum sollte f\u00fcr Commoning nicht das Gleiche gelten? Staatliche Investitionen k\u00f6nnten R\u00e4ume \u00f6ffnen und Infrastrukturen schaffen, Commons mitfinanzieren und kreative neue Finanzierungsinstrumente entwickeln. Vieles ist denkbar. Naheliegend ist zun\u00e4chst, dass der Staat Commons-Projekte ebenso gro\u00dfz\u00fcgig und direkt finanziell unterst\u00fctzt wie er Steuergelder f\u00fcr alle m\u00f6glichen Zwecke einsetzt, die als gesellschaftlich relevant gelten. Problematisch ist, dass staatliche Finanzierung oft mit restriktiven und wenig lebensnahen, b\u00fcrokratischen Verfahren einhergeht. Zudem werden oft in einem bestimmten Zeitraum messbare Ergebnisse erwartet, die zu liefern sind. F\u00fcr Experimente, Ausprobieren und sch\u00f6pferische Prozessgestaltung bleibt da oft zu wenig Raum. Daher w\u00e4re es zu begr\u00fc\u00dfen, wenn staatliche F\u00f6rderung f\u00fcr Commons auf die Entwicklung neuer Ideen setzt \u2013 und zwar \u00e4hnlich bedingungslos wie die us-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) unbefristete Anschubfinanzierungen f\u00fcr die Entwicklung innovativer Technologien bereitstellt. Wenn Commoners sich heute um Finanzierungen seitens des Staats bem\u00fchen, ist Vorsicht geboten \u2013 nicht nur wegen des Verfahrensaufwands, der oft Energien verschlingt, die anderswo dringend gebraucht werden, sondern auch wegen der Bedingungen, die an solche Unterst\u00fctzung gekn\u00fcpft sein k\u00f6nnen. Externe Finanzierung kann die Integrit\u00e4t eines Projektes verzerren, zum Beispiel indem es politischen Interessen T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet. Dar\u00fcber hinaus existiert das Risiko, dass die Unterst\u00fctzung abrupt beendet wird, sobald sich die politischen Winde drehen. Einigen dieser Probleme k\u00f6nnte der Wind aus den Segeln genommen werden, etwa durch Grundfinanzierungen, die einfach zum staatlichen Haushalt geh\u00f6ren. Auch die Erhebung von Pauschalgeb\u00fchren ist denkbar \u2013 \u00e4hnlich wie das heute schon f\u00fcr Musikaufnahmen und andere kreative Inhalte gilt. Sie k\u00f6nnte von der Kreativbranche erhoben werden \u2013 als obligatorischer, aber symbolischer Beitrag zur nicht-kommerziellen Kultur, von der sie letztlich abh\u00e4ngig ist, um neue Talente zu identifizieren und zu \u00bbverwerten\u00ab. Ein solcher Finanzierungsmechanismus w\u00e4re \u00fcberschaubar und lie\u00dfe sich gut planen und leicht hochskalieren. Und er k\u00f6nnte zahlreichen kreativen Menschen helfen.<sup>60<\/sup><\/p>\n<p>Genauso wie staatliche Beh\u00f6rden h\u00e4ufig Unternehmen unterst\u00fctzen, indem sie B\u00fcrgschaften oder Kredite bereitstellen, k\u00f6nnten F\u00f6rderprogramme aufgelegt werden, um Land freizukaufen, von Commoners bewirtschafteten Wohnraum zu sichern oder die Infrastruktur von FabLabs, Telecommons<sup>61<\/sup> und kosmo-lokaler Produktionzu finanzieren. Auch k\u00f6nnte ein bestimmter Prozentsatz der Steuereinnahmen aus der Fischerei oder der Forstwirtschaft in einen Finanzierungspool eingezahlt werden. Dieser w\u00fcrde von commons-affinen Organisationen verwaltet, die treuh\u00e4nderisch arbeiten, um K\u00fcstenbereiche, W\u00e4lder oder Naturreservate zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>Das vielleicht ambitionierteste Programm w\u00e4re ein gemeinschaftsgetragenes bedingungsloses Grundeinkommen. Derzeit werden weltweit zahlreiche Modelle diskutiert. Der Gedanke, die konkrete Ausgestaltung eines solchen Grundeinkommens lokal zu verankern \u2013 \u00e4hnlich wie das im weltweit ersten Grundeinkommensprojekt (2008\/2009) in den namibischen D\u00f6rfern Otjivero und Omitara geschehen ist \u2013, wird in dieser Diskussion h\u00e4ufig \u00fcbersehen.Doch was, wenn nicht einfach den Einzelnen, sondern den Einzelnen <i>in und mit ihren<\/i> Communities die Entscheidung \u00fcberlassen w\u00fcrde, wie die meist sehr geringen Mittel verwendet und ihre Zeit und Talente genutzt werden k\u00f6nnen?[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;6. Sorgendes &amp; selbstbestimmtes Wirtschaften&#8220; tab_id=&#8220;kap6&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 6<br \/>\nSorgendes &amp; selbstbestimmtes Wirtschaften<\/h3>\n<p>Im Silicon Valley gibt es eine Redensart: \u00bbIss dein eigenes Hundefutter.\u00ab Das bedeutet: die Menschen im Unternehmen m\u00fcssen die Software, die sie <i>herstellen<\/i>, auch tats\u00e4chlich <i>nutzen<\/i>, und zwar unter realen Bedingungen.<sup>1<\/sup> \u00bbDas eigene Hundefutter essen\u00ab soll sicherstellen, dass etwas tats\u00e4chlich funktioniert. Es ist aufschlussreich, dass die Software-Branche eine solche Redensart verwendet. Schlie\u00dflich w\u00fcrden wir gern auf Tierfutter verzichten. Der Ausdruck erinnert an ein Problem, das sich in unserem gew\u00f6hnlichen Verst\u00e4ndnis von Wirtschaft verbirgt: Produktion und Konsumtion voneinander getrennt zu denken und voneinander zu trennen. Dazu kommt ein Ph\u00e4nomen der Ultra-Spezialisierung: Entwerfen, Dokumentieren, Herstellen, Justieren, Entsorgen und vieles mehr sind voneinander getrennte Bereiche. Diese Spezialisierung geht mit mehr B\u00fcrokratie einher und bedeutet zudem, dass jede und jeder Angestellte von den Zulieferungen anderer abh\u00e4ngig ist, ohne die Komplexit\u00e4ten der Beitr\u00e4ge der anderen wirklich zu verstehen. Dabei ist auch vielen Unternehmen l\u00e4ngst klar, dass das, was sich erst in der Nutzung zeigt, fr\u00fchzeitig und unter realen Bedingungen in die Entwurfs- und Produktionsprozesse integriert werden muss. Donald E. Knuth, der das Textsatzsystem TeX entwickelt hat, kam daher zu dem Schluss, \u00bbdass derjenige, der ein neues System entwirft, nicht nur der Umsetzer und der erste Nutzer in gro\u00dfem Ma\u00dfstab sein muss; er sollte auch das erste Benutzerhandbuch schreiben. Die Abtrennung auch nur einer dieser vier Komponenten h\u00e4tte TeX erheblich geschadet. Wenn ich mich nicht an all diesen Aktivit\u00e4ten in vollem Umfang beteiligt h\u00e4tte, w\u00e4ren buchst\u00e4blich Hunderte Verbesserungen niemals gemacht worden, weil ich nie darauf gekommen w\u00e4re oder wahrgenommen h\u00e4tte, warum sie wichtig sind.\u00ab<sup>2<\/sup><\/p>\n<p>Gemeinhin gilt jedoch die Aufsplittung komplexer Produktionsprozesse als effizient. Sie ist die Norm. Genau wie die Trennung von Produktion und Konsumtion eine der Kernpr\u00e4missen des Nachdenkens \u00fcber \u00bbdie Wirtschaft\u00ab ist. Realisiert sich diese Trennung nicht, gilt etwas nicht als \u00bbWirtschaften\u00ab, sondern als Haushalten, als Projekt oder als Selbstversorgung. Das ist auch der Grund, warum Commoning als konkrete Praxis bed\u00fcrfnisorientierten Schaffens und Bereitstellens von vielen Dingen, die wir zum Leben brauchen, gar nicht wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Aus der \u00f6konomischen Perspektive betrachtet, ist Commoning ein Akt der Selbstorganisation und des st\u00e4ndigen Lernens, dessen zentraler Zweck es ist, menschliche Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Keinem anderen Zweck dient \u2013 nach den universit\u00e4ren Lehrb\u00fcchern \u2013 die Wirtschaft. Commoning als sch\u00f6pferisches Handeln zeichnet sich dadurch aus, dass Dinge oder immaterielle Leistungen ausgehend von realen Bed\u00fcrfnissen gemeinsam oder kollaborativ hergestellt und verf\u00fcgbar gemacht werden. (Diese Formulierung ist etwas umst\u00e4ndlich, doch im g\u00e4ngigen \u00bbProduzieren\u00ab schwingen die Kategorien der klassischen \u00d6konomie, die Marktorientierung und die Trennung der Wirtschaft von anderen Sph\u00e4ren, mit.)<\/p>\n<p>Obwohl also Commons in der Wirtschaftswissenschaft meist ignoriert werden, bieten sie den Menschen einen Rahmen, in dem sie viel N\u00fctzliches herstellen: Nahrungsmittel und Kleidung, Wohnraum und Transportmittel, Maschinen und Mikroskope, Software und Hardware, Medikamente, Gesundheitsf\u00fcrsorge und sogar Prothesen.<sup>3<\/sup> Es ist atemberaubend zu sehen, mit wie vielen Dingen Menschen sich und andere selbstbestimmt versorgen k\u00f6nnen, wenn sie ihre Interessen, Motivationen und ihr Handeln auf ein gemeinsames Ziel ausrichten. Die Muster, die wir in den Kapiteln 4 und 5 beschrieben haben, helfen dabei, komplexe Prozesse zu koordinieren und zwar so, dass soziale wie wirtschaftliche Bed\u00fcrfnisse Beachtung finden und das Herstellen (Produzieren) und Nutzen (Konsumieren) wieder besser integriert sind. In der digitalen Welt ist das bereits sehr verbreitet. Dort sind die Konsumierenden und Produzierenden oft dieselben (\u00bbProsumierende\u00ab).<\/p>\n<p>Aus der Perspektive des konventionellen Wirtschaftens betrachtet, sind Commons zudem \u00bbgeld-light\u00ab. Sie k\u00f6nnen viele verwaltungstechnische Probleme umgehen, ebenso wie anwaltliche Beratung, k\u00f6nnen auf professionelles \u00bbManagement von Humanressourcen\u00ab verzichten und weitgehend ohne Marketing auskommen. Wer braucht schon Werbung, wenn es darum geht, Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen anstatt den Konsum anzukurbeln oder sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen? Commons brauchen vor allem Zeit, gute politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie die Kraft und die F\u00e4higkeiten, Vertrauensr\u00e4ume aufzubauen und individuelle Motivationen zu f\u00f6rdern. Dann wird klar, dass die Bed\u00fcrfnisse der Produzierenden und der Konsumierenden weitgehend deckungsgleich sind: wir alle wollen essen, trinken, uns kleiden, es warm haben, lernen, uns (fort-)bewegen, brauchen (F\u00fcr-)Sorge, wollen etwas \u00bbHandfestes\u00ab tun und vieles mehr. Warum also sollte man die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der Produzierenden in eine Schublade stecken und die der Konsumierenden in eine andere und anschlie\u00dfend blind darauf vertrauen, dass \u00bbder Markt\u00ab sie schon irgendwie unter einen Hut bringt? Warum beginnen wir nicht \u2013 mehr als ein Beginn kann hier nicht beschrieben werden \u2013, den gesamten Prozess als integrierte Unternehmung zu denken, in der Planung, Entwurf, Dokumentation, Herstellung, Bereitstellung, Nutzung, Zweitnutzung, Wiederverwertung usw. im Zusammenhang zu denken sind? Zudem muss die Vermittlung all dieser Prozesse nicht zwangsl\u00e4ufig als Serie komplexer, miteinander verkn\u00fcpfter <i>M\u00e4rkte<\/i> f\u00fcr Arbeit, Rohstoffbeschaffung, Herstellung, Vertrieb, Werbung, Entsorgung etc. verstanden werden. Auch miteinander verkn\u00fcpfte (nicht minder komplexe) <i>Commons-Strukturen<\/i> k\u00f6nnen gut funktionieren und dabei die Fallstricke vermeiden, die auf Ausbeutung, Auslagerung oder Verdr\u00e4ngung beruhen.<\/p>\n<p>In Commons wird das, was Menschen brauchen, oft gemeinsam oder im offenen Austausch miteinander hergestellt und genutzt. Das geschieht h\u00e4ufig arbeitsteilig, aber ohne strikte Zuteilung von (hierarchisch organisierten) Rollen, was ein bedeutender Unterschied zur herk\u00f6mmlichen Arbeitsorganisation ist. Ein weiterer Unterschied zur Unternehmensb\u00fcrokratie liegt darin, dass Commoners die Ertr\u00e4ge ihrer Arbeit behalten und\/oder gemeinsam nutzen und\/oder anderen zur Verf\u00fcgung stellen. Damit dies gelingt, werden unterschiedliche Fertigkeiten, Talente und Kenntnisse gebraucht \u2013 wie im konventionellen Wirtschaften auch. Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugegebengeh\u00f6rt in solchen Kontexten zum Standard, schlie\u00dflich sollen Entw\u00fcrfe eine hohe Qualit\u00e4t erreichen, die Methoden des Herstellens zeitnah angepasst und so die Ergebnisse st\u00e4ndig verbessert werden \u2013 und das ganz ohne Ausrichtung auf die Erwartungen von Investorinnen und Investoren, kurzfristige Gewinne zu realisieren. Aufgaben k\u00f6nnen rotieren, sodass Menschen ihre Arbeit nicht nach eng definierten Rollen und fest vorgegebenen Arbeitsplatzbeschreibungen organisieren m\u00fcssen. (Arbeit wird hier selbst zum Ding \u2013 zur Ware \u2013 und dr\u00fcckt sich im Preis (der Entlohnung) aus.) Wer sich von den Marktzw\u00e4ngen befreit \u2013 so die Erfahrung vieler Commoners \u2013, wird Flexibilit\u00e4t und Anpassungsf\u00e4higkeit gewinnen.<\/p>\n<p>Neben der engeren Verkn\u00fcpfung von Produktion und Konsumtion sowie bisher fragmentierter Produktionsschritte k\u00f6nnen Commons dazu beitragen, dass eine Tatsache anerkannt wird, die die moderne kapitalistische Ordnung ignoriert: dass (F\u00fcr-)Sorge zur Konzeptualisierung des Wirtschaftens geh\u00f6rt (siehe S. 164). Seit dem Aufstieg des Kapitalismus werden (F\u00fcr-)Sorge \u2013 neudeutsch <i>Care<\/i> \u2013 genau wie Commoning als etwas betrachtet, das au\u00dferhalb der Wirtschaft liegt. Das sind Dinge, die die Menschen in der \u00bbFreizeit\u00ab und auf eigene Kosten machen. In Commons findet diese Externalisierung nicht statt, daher erm\u00f6glicht Commoning eher, das Ganze des Lebens mitzudenken.<\/p>\n<p>In diesem Kapitel beschreiben wir zehn Muster des \u00bbgemeinsamen, selbstbestimmten Wirtschaftens\u00ab, genauer gesagt des \u00bbbed\u00fcrfnisorientierten Schaffens und Bereitstellens durch Commoning\u00ab. Es sind quasi Gewohnheiten, die sich in einer gelingenden Commons-Produktion finden. Sie manifestieren sich je nach Kontext auf eigene, unverwechselbare Weise, \u00e4hnlich wie unterschiedliche Pflanzen gedeihen, je nachdem ob sie schattig oder sonnig stehen, an einem Flussufer wachsen oder mit trockenen B\u00f6den zurechtkommen m\u00fcssen. Wie auch immer die Umst\u00e4nde sein m\u00f6gen, es ist ein sehr praktisches und probleml\u00f6sungsorientiertes Unterfangen, Dinge und Leistungen bed\u00fcrfnisorientiert herzustellen und verf\u00fcgbar zu machen.<\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied zwischen commons- und kapitalzentriertem Wirtschaften ist schlicht, was dabei herauskommt. In der kapitalistischen Marktwirtschaft wird das, was hergestellt wird, fast ausschlie\u00dflich als vermarktbares Produkt begriffen; als Ware, deren Wert haupts\u00e4chlich \u00fcber den Preis kommuniziert wird. In Commons ist das Wertverst\u00e4ndnis auch durch Sozialbeziehungen, emotionale Bindungen und die konkreten Herstellungsverl\u00e4ufe und -geschichten aufgeladen. Da zudem die Rollen von \u00bbProduzierenden\u00ab und \u00bbKonsumierenden\u00ab verschwimmen (mitunter gar verschwinden!), \u00e4ndert dies nicht weniger als den Charakter der \u00bbProdukte\u00ab selbst. Was hergestellt wird, soll nicht zwingend verkauft werden, schon gar nicht massenhaft und zum h\u00f6chstm\u00f6glichen Preis. Es soll nicht unsere Konsumfantasien befriedigen und auch nicht rechtzeitig kaputtgehen, nur damit der Zyklus von neuem beginnen kann (Stichwort \u00bbgeplante Obsoleszenz\u00ab). Bed\u00fcrfnisorientiertes Herstellen und Verf\u00fcgbarmachen durch gemeinsames und selbstbestimmtes Wirtschaften bedeutet: n\u00fctzliche, haltbare Dinge zu produzieren, die f\u00fcr die Menschen, die sie herstellen und nutzen, auf Dauer Bedeutung haben \u2013 deswegen handelt es sich bei den Endergebnissen nicht um \u00bbWaren\u00ab oder \u00bbG\u00fcter\u00ab (das sind Begriffe aus der klassischen bzw. neoklassischen \u00d6konomie), sondern um etwas Anderes: Commoners sind \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 emotional mit ihren W\u00e4ldern, dem Agrarland, st\u00e4dtischen R\u00e4umen, den Best\u00e4nden, um die sie sich k\u00fcmmern, dem Code, den sie pflegen, verbunden, so dass dies oft Teil ihrer Kultur, ihres sozialen Lebens, ihrer Identit\u00e4ten wird. Deshalb nennen wir das, was in Commons entsteht, <i>care wealth<\/i>: durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen. Commons-zentrierte sch\u00f6pferische Prozesse zielen nicht auf maximale Effizienz, Profit oder ein h\u00f6heres Bruttoinlandsprodukt. Es geht einfach darum, Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen und zu einer stabilen, fairen, zufriedenstellenden und \u00f6kologischen Lebensweise beizutragen. Diese Art des Wirtschaftens unterliegt keinem Wachstumszwang \u2013 ausgenommen dem Antrieb, immer mehr ausbeuterische oder kostenintensive Marktpraktiken zu verdr\u00e4ngen oder zu ersetzen.<\/p>\n<p>Die meisten Fragen oder Probleme, mit denen sich Menschen in der vorherrschenden Wirtschaftsweise quasi zwanghaft besch\u00e4ftigen \u2013 Wachstum, Wettbewerb, Marktanteile, intellektuelle Eigentumsrechte, Werbung, Branding, Erschlie\u00dfung neuer M\u00e4rkte und vieles mehr \u2013 spielen in Commons kaum eine Rolle. Menschen sind hier eingeladen, \u00d6konomie neu zu denken und ihre Sichtweisen und Anliegen neu auszurichten. Sie k\u00f6nnen sich auf etwas Anderes konzentrieren als auf das, was in der kapitalistischen Marktwirtschaft \u00fcblich geworden ist: auf die Befriedigung tats\u00e4chlicher statt k\u00fcnstlich erzeugter Bed\u00fcrfnisse. Auf Sicherheit. Auf ein Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit und Verbundenheit. Auf sinnstiftendes Leben. Darauf, dass die Vision von Freiheit, Fairness und Nachhaltigkeit lebendig wird.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung, die mit einer Commons-\u00d6konomie einhergeht, ist eine Verschiebung weg von der Wirtschaft als autonome, globalisierte Supermaschine und hin zu einem Wirtschaften, das dem Leben gerecht wird, sich auf seiner eigenen Grundlage reproduzieren kann und das menschliche Ma\u00df respektiert. W\u00e4hrend dies geschieht, wird ein <i>Beziehungsgeflecht<\/i> gewoben, das die Weisheit des \u00d6kophilosophen Thomas Berry best\u00e4tigt: \u00bbDas Universum ist eine Gemeinschaft von Subjekten, keine Ansammlung von Objekten.\u00ab<sup>4<\/sup> Der Unterschied zwischen Commons und kapitalgetriebenen M\u00e4rkten k\u00f6nnte kaum pr\u00e4gnanter benannt werden.<\/p>\n<p>So ermutigend diese Grundideen auch sind, so schwierig ist es, geeignete Strukturen zu entwerfen und entsprechende soziale Dynamiken zu st\u00e4rken, die dann verf\u00fcgbar sind, wenn sie gebraucht werden. Wir haben deshalb zehn wiederkehrende, robuste Muster herausgearbeitet, die dazu beitragen, eine stabilere Commons-\u00d6konomie zu gestalten:<\/p>\n<p><b>Muster f\u00fcr Sorgendes &amp; selbstbestimmtes Wirtschaften<\/b><br \/>\nGemeinsam erzeugen &amp; nutzen<br \/>\n(F\u00fcr-)Sorge Leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen<br \/>\nDas Produktionsrisiko gemeinsam tragen<br \/>\nBeitragen &amp; weitergeben<br \/>\nPoolen, deckeln &amp; aufteilen<br \/>\nPoolen, Deckeln &amp; umlegen<br \/>\nPreissouver\u00e4n Handel treiben<br \/>\nKonviviale Werkzeuge nutzen<br \/>\nAuf verteilte Strukturen setzen<br \/>\nKreativ anpassen &amp; erneuern<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1234\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.1_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Gemeinsam erzeugen &amp; nutzen<\/em><\/p>\n<p>DurchGemeinsames erzeugen &amp; nutzenBed\u00fcrfnisse zu befriedigen, hat die Zeiten \u00fcberdauert. Um Kosten gering und geteilte Anliegen hochzuhalten, entscheiden sich viele Menschen daf\u00fcr, Informationen, Wissen und Geld gemeinsam zusammenzutragen oder Arbeitsr\u00e4ume, Werkzeuge und Infrastrukturen gemeinsam zu nutzen und auf dieser Grundlage arbeitsteilig aber gemeinsam zu produzieren. Dies zu tun ist so alt wie die menschliche Spezies und so neu wie das Internet.<\/p>\n<p>Eines der bemerkenswertesten Beispiele der Gegenwart mag die Geschichte von Linux sein. Die hohen Kosten und die Komplexit\u00e4t des Unix-Betriebssystems hatten den Informatikstudenten Linus Torvalds frustriert. Daher entschloss er sich, eine Alternative zu entwickeln. Er nannte sie Linux, eine Kombination von \u00bbLinus\u00ab und \u00bbUnix\u00ab. Innerhalb weniger Jahre beteiligten sich Hunderte Programmiererinnen und Programmierer an der Fortschreibung des Codes, der f\u00fcr alle frei verf\u00fcgbar gemacht wurde. Nach der ersten offiziellen Linux-Version (1994) und rund um dessen Kernst\u00fcck \u2013 den Kernel, also das zentrale Modul eines Betriebssystems \u2013 entstand immer mehr Code. Aus der GNU-Community, die auf Initialz\u00fcndung des Pioniers Richard Matthew Stallman seit Mitte der 1980er-Jahre freie Software programmierte, kamen elementare Beitr\u00e4ge.<sup>5<\/sup> Schlie\u00dflich entstand ein hochentwickeltes Betriebssystem, das inzwischen zur grundlegenden Infrastruktur des modernen Lebens geh\u00f6rt. Einfach ausgedr\u00fcckt: das Linux-Netzwerk hat etwas verwirklicht, was als klassisches Muster des Commoning bezeichnet werden kann: Gemeinsam erzeugen &amp; nutzen.<\/p>\n<p>Wie auch bei anderen Fragen, die wir in diesen Kapiteln diskutieren, kommt es auf das \u00bb&amp;\u00ab an. Das Muster hei\u00dft gemeinsam erzeugen &amp; nutzen, nicht einfach \u00bbGemeinsam nutzen\u00ab. Wer wie ein Commoner denkt, sieht in dem, was hergestellt wird, <i>und<\/i> im Herstellungsprozess selbst etwas, an dem sich andere beteiligen k\u00f6nnen <i>und<\/i> das selbst, gemeinsam sowie potenziell, auch von anderen genutzt werden soll. Es geht also nicht prim\u00e4r darum, etwas f\u00fcr den eigenen Gebrauch oder f\u00fcr den simplen Konsum Dritter zu produzieren. Es geht darum, unsere Bed\u00fcrfnisse auf eine Weise zu befriedigen, dass die anderer Menschen immer im Blick bleiben, dass sie potenziell ebenso befriedigt werden k\u00f6nnen. Daher wird zum Beispiel f\u00fcr kreative Werke das Urheberrecht genutzt, um viele Nutzungsrechte freizugeben \u2013 etwa Texte weiterzugeben, vielseitig zu verwenden oder zu ver\u00e4ndern. Kontrolliert wird oft nur noch, ob ein einmal freigegebenes Werk auch auf Dauer frei bleibt, ob es also auch weiterhin mit zu nutzen und weiterzugeben ist. Commoners m\u00f6chten andere nicht einschr\u00e4nken. Sie m\u00f6chten so viele Menschen wie m\u00f6glich an einem commons-zentrierten Wirtschaften beteiligen. Gerade in Online-Kontexten ist das h\u00f6chst attraktiv, denn wie Linus Torvalds in der Anfangszeit des Internets bereits gewahr wurde: je mehr, desto sch\u00f6ner ist die Party. Je mehr Menschen etwas machen, umso besser. Dieses \u00bbMachen\u00ab ist im Commons-Kontext nicht nur ein \u00bbSelbermachen\u00ab \u2013 ein Do it Yourself (DIY) \u2013, sondern ein gemeinsames Tun \u2013 Do it Together (DIT) \u2013 direkt vor Ort oder indirekt in losen Verb\u00fcnden von kleinteiligen Strukturen und Initiativen, die nicht direkt miteinander konkurrieren, sondern sich eher gegenseitig befruchten \u2013 sofern sie sich nicht vom Markt abh\u00e4ngig machen und sich auf ihrer eigenen Grundlage tragen. Dies erkl\u00e4rt, warum beispielsweise die H\u00f6fe der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWis) kein Interesse daran haben, andere SoLaWis in der Region daran zu hindern, sich zu gr\u00fcnden und zu stabilisieren. Wir h\u00f6ren oder lesen kaum davon, dass eine SoLaWi mit einer anderen \u00bbkonkurriert\u00ab. Eher im Gegenteil. Die Kapazit\u00e4ten einer einzelnen SoLaWi sind begrenzt. Die gr\u00f6\u00dften produzieren circa 300 Ernteeinheiten, die meisten deutlich weniger. SoLaWis vernetzen sich. Mitglieder m\u00f6chten, dass andere SoLaWis sich gr\u00fcnden, zumindest solange, bis alle einfachen Zugang zu einer SoLaWi in unmittelbarer Umgebung haben. Bis jedoch alle SoLaWi-Gem\u00fcsegemeinsam erzeugen &amp; nutzenk\u00f6nnen, sind noch sehr viele knifflige Kooperationsfragen zu l\u00f6sen und noch sehr viele Fl\u00e4chen in SoLaWi-\u00c4cker umzuwandeln. Gelingt dies, werden die Gem\u00fcseabteilungen etlicher Superm\u00e4rkte genau wie so mancher energieintensive Gem\u00fcseimport nicht mehr gebraucht.<\/p>\n<p>Das Muster gemeinsam erzeugen &amp; nutzen zeigt sich in endlosen Variationen. Es ist das \u00fcbliche Vorgehen in <i>Makerspaces<\/i><sup>6<\/sup>, <i>Repair-Caf\u00e9s<\/i> und <i>FabLabs<\/i> rund um den Globus. Sie bringen Hackerinnen und Hacker, Technik-Profis, digitale K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler sowie Amateurinnen und Amateure zusammen, um gemeinsam zu experimentieren, zu basteln, zu testen und Dinge herzustellen. Und dies auch noch geldeffizient. Einer Studie des Cedifa (Center for Digital Fabrication) zufolge kann man in 7 Tagen und mit einer Basisinvestition von nur 5.000 US-Dollar ein FabLab er\u00f6ffnen, wenn es auf Commons-orientierte Ans\u00e4tze setzt, u.a. auf Nutzung von Open-Source-Software.<sup>7<\/sup> Commoning <i>ist<\/i> geldeffizient. Auch deswegen ist sehr viel m\u00f6glich. <i>Open-Design-<\/i> und <i>-Manufacturing-Gemeinschaften<\/i> bauen in dieser Weise M\u00f6bel, Open-Source-Fahrzeuge sowie elektronische und landwirtschaftliche Ger\u00e4te. Mancherorts liegt der Fokus auf der gemeinsamen Nutzung, andernorts auf dem gemeinsamen Erzeugen. Die Beliebtheit beider Ans\u00e4tze ist in den mehr als 260 offenen Werkst\u00e4tten in deutschsprachigen L\u00e4ndern zu sehen<sup>8<\/sup>, wo Hobby-Handwerker und Handwerksmeisterinnen, Jugendliche und Menschen, die sich ausprobieren wollen, mit Holz, Metall, elektronischen Ger\u00e4ten, Sieb- und 3-D-Druckern arbeiten. Praktisch alles, was normalerweise aus einer Fabrik kommt, kann gemeinsam produziert werden: Bokashi-Eimer zum Kompostieren in der Stadt, Lastenfahrr\u00e4der und solarbetriebene Autos, Lampen, Mikroskope und Motherboards, Stoffe, Toiletten, Ersatzteile und M\u00f6bel. Rund um die Welt reparieren Freiwillige in mehr als 1.300 \u00bbReparaturcaf\u00e9s\u00ab defekte Haushaltsger\u00e4te und Hausrat und erf\u00fcllen dabei eine 2009 in den Niederlanden von der Journalistin und Bloggerin Martine Postma vorgestellten Idee mit Leben.<sup>9<\/sup> Die offenen Werkst\u00e4tten und Reparaturcaf\u00e9s sind Orte f\u00fcr kollektives Denken, Lernen und der Bildung von Gemeinschaften. Zahllose Gegenst\u00e4nde, die sonst als Abfall gelten, werden dortkreativ angepasst &amp; erneuert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1231\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.2_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>(F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen<\/em><\/p>\n<p>In einem Commons ist Arbeit nicht vorrangig eine ver\u00e4u\u00dferbare Einheit; sie ist nicht einfach Lohnarbeit. Vielmehr steht ein T\u00e4tigsein im Mittelpunkt, das sich aus dem Bed\u00fcrfnis, produktiv sein zu wollen, aus den Leidenschaften und Anliegen der Menschen speist; es ist ein T\u00e4tigsein, das unser Menschsein ausmacht. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir zun\u00e4chst anerkennen, dass wir Menschen in vielfacher Weise bed\u00fcrftig sowie voneinander und von der Natur abh\u00e4ngig sind.<sup>10<\/sup> Die Geographin Neera Singh bezeichnet die t\u00e4tige Verpflichtung, die wir meinen, als \u00bbaffektive Arbeit\u00ab,<sup>11<\/sup> weil auch Liebe, Zuwendung und Sorge im Spiel sind \u2013 und nat\u00fcrlich ein Bewusstsein f\u00fcr die Dinge, die einfach getan werden <i>m\u00fcssen.<\/i> Das zeigt sich in vielen Lebensbereichen, wenn Menschen einen Wald pflegen oder verteidigen, wenn sie Kinder oder betagte Eltern betreuen, in ungez\u00e4hlten Stunden ein Web-Archiv gestalten und kuratieren, handwerkliche F\u00e4higkeiten geduldig vermitteln oder mit Leidenschaft Wissen weitergeben. Im Commoning ist diese Form des Sorgetragens oft verbunden mit einer Verpflichtung auf eine gemeinsame Aufgabe. Doch (F\u00fcr-)Sorge \u2013 im Englischen <i>care<\/i> \u2013 ist nicht nur f\u00fcr Commoning zentral, sondern im Wortsinne lebensnotwendig f\u00fcr die Gesellschaft als Ganzes. (F\u00fcr-)Sorge h\u00e4lt uns zusammen. Nirgends zeigt sich das besser als im Alltagsleben, wenn Eltern \u2013 insbesondere Frauen \u2013 kochen, Windeln wechseln und ihre Kinder, Verwandten oder auch Fremde unterst\u00fctzen. Ein Bewusstsein f\u00fcr die elementare Rolle (f\u00fcr-)sorgenden T\u00e4tigseins r\u00fcckt die Idee des Haushaltens zur\u00fcck in den Mittelpunkt der Wirtschaft. Nicht umsonst ist das Wort \u203a\u00d6konomie\u2039 abgeleitet vom griechischen <i>oikos<\/i> (Deutsch: Haushalt). \u00bbEs ist wie mit der Sonne: Care spendet nicht nur W\u00e4rme und Licht, sondern ist der Bezugspunkt der Wirtschaft, um den sich alles dreht\u00ab, schreiben Vordenkerinnen.<sup>12<\/sup> (F\u00fcr-)Sorge wird lebendig, wenn Menschen einer Aufgabe mit ihrem gesamten Menschsein begegnen. Das ist kaum damit vereinbar, dass Arbeit vorwiegend als Mittel zum Geldverdienen gesehen und T\u00e4tigsein selbst zur Markt <i>ressource<\/i> wird. (F\u00fcr-)Sorge verwandelt ein blo\u00dfes Wirtschaftsgut in etwas, das auch gepflegt und umsorgt wird. Was daraus entsteht, ist nicht einfach eine Sache, ein Gut oder eine Ware. Man k\u00f6nnte es genauer als <i>durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen<\/i> bezeichnen. Im Englischen <i>care-wealth<\/i>. Im Gegensatz zu einer Ware, deren Wert durch den Preis ausgedr\u00fcckt ist, ergibt sich der Wert des durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gten Verm\u00f6gens aus Zeit, Zuwendung und Verbundensein. Er ist aufgeladen mit Erinnerungen, Bedeutungen und Gef\u00fchlen, die keinen Preis haben. Die soziale Energie, die das <i>durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gte Verm\u00f6gen<\/i> umgibt, \u00e4hnelt dem Ring des Magnetfeldes, der um eine bewegte elektrische Ladung pulsiert. Es \u00fcberrascht daher nicht, dass viele Gemeinschaften zu \u00bbheiligen Orten\u00ab oder anderen Kristallisationspunkten ihrer (F\u00fcr-)Sorge eine besondere Beziehung pflegen \u2013 zu einem \u00f6ffentlichen Platz, einem Flussufer oder einem uralten Baum. Bestimmte Schaupl\u00e4tze des Commoning \u2013 eine Lebensmittelkooperative, ein Waldst\u00fcck (etwa der Hambacher Forst), eine gemeinsame Website \u2013 werden Bedeutungstr\u00e4ger und Resonanzquelle, wenn Menschen sich mit Herz und Seele daf\u00fcr engagieren \u2013 und <i>nur<\/i> dann.<\/p>\n<p>(F\u00fcr-)Sorge, die ohne Zw\u00e4nge beigetragen, gemeinsam geleistet oder aufgeteilt wird, ist kein Ergebnis von Commoning \u2013 sie ist eine ihrer Triebkr\u00e4fte. Ihre Kraft kommt \u00fcberall zum Tragen, sogar in M\u00e4rkten. Der Unterschied ist, dass in der kapitalistischen Marktwirtschaft (F\u00fcr-)Sorge zwar gern angenommen, nicht aber in den Mittelpunkt gestellt und unterst\u00fctzt wird. Zudem sind die Mittel der Unterst\u00fctzung begrenzt, denn finanzielle Anreize wie Geh\u00e4lter, Geb\u00fchren oder Subventionen sind ungeeignet, eben jene intrinsischen Motivationen hervorzubringen, von denen authenthische (F\u00fcr-)Sorge abh\u00e4ngt. Bei Marktanreizen geht es haupts\u00e4chlich darum, Ergebnisse mit mess- und fassbaren \u00f6konomischen Vorteilen zu erzeugen. Je mehr und je schneller, desto besser. Sorgende T\u00e4tigkeiten und Commoning versuchen demgegen\u00fcber auch f\u00fcr unser inneres Selbst sensibel zu sein. Commons \u00f6ffnen somit R\u00e4ume, in denen sich (F\u00fcr-)Sorge besser entfalten kann.<\/p>\n<p>Wir heben an dieser Stelle zun\u00e4chst nicht auf die Unterscheidung \u00bbbezahlt versus unbezahlt\u00ab ab, sondern auf den qualitativen Unterschied zwischen (F\u00fcr-)Sorge in selbstbestimmten Strukturen und einem f\u00f6rdernden Umfeld einerseits und Lohnarbeit, etwa Pflegedienstleistungen unter Konkurrenzdruck, andererseits. Im dominierenden Wirtschaftssystem werden alle m\u00f6glichen Sorget\u00e4tigkeiten zu Pflegedienstleistungen gemacht. Das hat gewiss gute Gr\u00fcnde, doch diese Art (F\u00fcr-)Sorge zu organisieren, geht mit viel B\u00fcrokratie und mit einer Produktivit\u00e4ts- und Messbarkeitslogik einher, die kontraproduktiv wirkt. Entsprechend beginnt die Planung der Pflege bei Dienstleistungsunternehmen nicht mit einem Plausch bei einer Tasse Kaffee \u2013 wie bei Buurtzorg \u2013, sondern mit der Frage, welche \u00bbLeistungskomplexe\u00ab zu erbringen sind. In Deutschland sind Leistungskomplexe so etwas wie \u00bbkleine K\u00f6rperpflege\u00ab, \u00bbgro\u00dfe K\u00f6rperpflege\u00ab, \u00bbLagern\/Betten\u00ab, \u00bbDarm- und Blasenentleerung\u00ab, \u00bbBeheizen der Wohnung\u00ab und 15 weitere mehr. Sie bestehen aus Einzelleistungen wie Waschen, Duschen, K\u00e4mmen, Nagelpflege und so weiter. Abgerechnet werden Pauschbetr\u00e4ge nach vorermittelten durchschnittlichen Zeitvorgaben f\u00fcr jede Einzelleistung.<sup>13<\/sup> Das geschieht unabh\u00e4ngig davon, wieviel Zeit tats\u00e4chlich gebraucht wird, denn die Entlohnung ist gedeckelt. Das Problem? Weder Pflegende noch Pflegebed\u00fcrftige sind menschliche Roboter. Letztlich ist es unm\u00f6glich, menschliche Beziehungen und das Sorgetragen f\u00fcreinander in ein Regime von Zeitpl\u00e4nen, Formularen und Produktivit\u00e4tskennzahlen zu pressen. Ein gro\u00dfer Teil des Unbehagens \u00fcber die \u00bbSituation in der Pflege\u00ab r\u00fchrt genau aus dem Versuch, dies zu tun. Wenn n\u00e4mlich Sorgearbeit einer Kalkulationsrationalit\u00e4t unterworfen wird, verliert sie ihren (f\u00fcr-)sorgenden Charakter.<\/p>\n<p>Wir haben in Kapitel 1 am Beispiel von Buurtzorg gesehen, dass Gesundheitsversorgung und h\u00e4usliche Pflege auch f\u00fcr sehr viele Menschen m\u00f6glich ist, ohne diesen besonderen Charakter aufgeben zu m\u00fcssen; und ohne dass das marktkonforme Denken sich auf Kosten der Menschlichkeit durchsetzt. Es kommt darauf an, was beziehungsweise wer im Mittelpunkt steht. Und es kommt auf die Organisationsformen an. Wenn (F\u00fcr-)Sorge als Commons organisiert ist, dann leidet nicht die Qualit\u00e4t. Im Gegenteil: Sie wird besser, weil Menschen mehr Freiheit gewinnen, sich auf die je individuellen Situationen einzustellen, und mehr Zeit, ihnen angemessene Aufmerksamkeit zu schenken.<\/p>\n<p>Zwar werden einige Care-T\u00e4tigkeiten, wie wir gesehen haben, zu \u2013 oft schlecht bezahlten \u2013 Dienstleistungen am F\u00fcrsorgemarkt (prim\u00e4r von Frauen, Migrantinnen und Migranten sowie nicht-wei\u00dfen Minderheiten) geleistet, doch die meisten finden nach wie vor au\u00dferhalb der \u00bbformalen Wirtschaft\u00ab statt. In unserer Rede von \u00bbder Wirtschaft\u00ab ist dieser Bereich komplett \u00bbexternalisiert\u00ab. \u00d6konominnen und \u00d6konomen haben ihn in den Bereich des Privaten delegiert. (F\u00fcr-)Sorgendes T\u00e4tigsein wird einfach nicht als Gegenstand des Wirtschaftens betrachtet. Ein Blick in die Lehrb\u00fccher an den Universit\u00e4ten gen\u00fcgt, um dies zu best\u00e4tigen. Diese Gleichg\u00fcltigkeit macht den Beitrag von Care-T\u00e4tigkeiten zur Befriedigung grundlegender Bed\u00fcrfnisse und zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen, wie beispielsweise intergenerationelle Unterst\u00fctzung, unsichtbar. Die Ironie dabei: (F\u00fcr-)Sorge und nicht marktf\u00f6rmig organisiertes T\u00e4tigsein sind nicht nur f\u00fcr die Gesellschaft, sondern auch f\u00fcr die sogenannte \u00bbproduktive Arbeit\u00ab schlichtweg unabdingbar. Keine Zivilisation k\u00f6nnte ohne sie funktionieren. Woher k\u00e4me die n\u00e4chste Generation von \u00bbArbeitskr\u00e4ften\u00ab, wenn Familien sie nicht erziehen und ins Leben begleiten w\u00fcrden? Wie k\u00f6nnte eine Gemeinschaft existieren, wenn Menschen einander nicht als Nachbarinnen und Nachbarn begegneten und sich unterst\u00fctzten? Nimmt man alle nicht-kommodifizierte Arbeit zusammen, die eine Gesellschaft am Laufen h\u00e4lt, wird offenbar, dass \u00bbgeldvermittelte\u00ab T\u00e4tigkeiten nur die parasit\u00e4re Spitze \u00bbder Wirtschaft\u00ab sind. Diese Spitze ruht auf einem Fundament bed\u00fcrfnisorientierter Herstellung und Bereitstellung von dem, was wir zum Leben brauchen (siehe Kapitel 6): auf der Arbeit in Privathaushalten und dem T\u00e4tigsein f\u00fcr das Gemeinwesen. Eine deutsche Journalistin beschrieb das in der einzigen Sprache, die viele zu verstehen scheinen: \u00bbUnbezahlte Arbeit ist Milliarden wert\u00ab.<sup>14<\/sup><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2361\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg.jpg\" alt=\"\" width=\"1425\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg.jpg 1425w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-285x300.jpg 285w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-768x808.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-1116x1175.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-806x848.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-558x587.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_iceberg-655x689.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1425px) 100vw, 1425px\" \/><br \/>\n(F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehenbedeutet also, diesen vernachl\u00e4ssigten Bereich sichtbar zu machen und ins Zentrum \u00f6konomischen Denkens zu stellen. Dazu geh\u00f6rt der (F\u00fcr-)Sorgesektor genauso wie die Herstellung von Commons. Nur so k\u00f6nnen wir einer anderen Logik Nachdruck verleihen und dar\u00fcber nachdenken, wie wir das Wirtschaften neu organisieren.<\/p>\n<p>Commoning l\u00e4dt dazu ein, auf eigene Vorteile zu <i>verzichten<\/i> anstatt pers\u00f6nliche Vorteile zu maximieren. Im Sorgetragen f\u00fcreinander machen wir uns verletzlich, denn es ist deutlich, dass wir aufeinander angewiesen sind. Wir \u00bbopfern\u00ab Zeit, Energie und Aufmerksamkeit f\u00fcr angemessene Beziehungen \u2013 zu uns selbst, zu unserem K\u00f6rper, zu anderen und zur Natur. Statt immer darauf aus zu sein, mit unserer Zeit und unserem Geld super-effizient umzugehen, r\u00e4umen wir Menschen und Beziehungen Vorrang ein. So gesehen, fordern Commons nichts weniger als den Kern der Marktwirtschaft heraus: Sie setzen v\u00f6llig andere Bewertungsstandards.<\/p>\n<p>Wenn die \u00f6konomischen Traditionsbewahrer kritisieren, dass Commons-basierte \u00bbSorgemodelle\u00ab nicht \u00bbhochskalierbar\u00ab, also auf das gro\u00dfe Ganze zu beziehen sind, dann geht dies an der Sache vorbei. Wir brauchen viele verschiedene kleine L\u00f6sungen, nicht wenige gro\u00dfe. Wirkliche (F\u00fcr-)Sorge <i>soll<\/i> in \u00fcberschaubaren Zusammenh\u00e4ngen stattfinden, so dass sich authentische Beziehungen entwickeln k\u00f6nnen. Und selbst in gr\u00f6\u00dferen Systemen, die gewiss weiterhin eine Rolle spielen werden, gilt: Es geht nicht nur um die Erbringung von Dienstleistungseinheiten. Es geht darum, die Wirtschaft als \u00bbOikonomie\u00ab oder \u00bbEcommony\u00ab zu verstehen, denn wie Ina Pr\u00e4torius vom Netzwerk Care Revolution titelt: \u00bbWirtschaft <i>ist<\/i> Care\u00ab<sup>15<\/sup>. Zwei Generationen von Wissenschaftlerinnen und feministischen \u00d6konominnen<sup>16<\/sup> \u2013 etwa Diane Elson, Julie Nelson, Alicia Gir\u00f3n Gonz\u00e1lez, Adelheid Biesecker, Friederike Habermann und viele mehr \u2013 haben mit ihrer Kritik an den Unzul\u00e4nglichkeiten der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften bez\u00fcglich (f\u00fcr-)sorgender T\u00e4tigkeiten bahnbrechende Arbeit geleistet. In ihren Analysen deckt sich viel mit dem, was wir auch in der Welt der Commons beobachten. Beides wird ignoriert: Care und Commons. Beide Diskurse versuchen, die fehlerhaften Annahmen oder Konzepte der konventionellen Wirtschaftswissenschaften hinter sich zu lassen (den <i>Homo oeconomicus<\/i> oder die Idee, dass sich Wert im Preis ausdr\u00fcckt). F\u00fcr beide stehen menschliche Bed\u00fcrfnisse und Beziehungen im Mittelpunkt. Es ist hinreichend belegt, dass Menschen, die sich den Bewertungsschemen des Marktes entziehen, h\u00e4ufig <i>mehr<\/i> Umsicht, Motivation und Qualit\u00e4tsbewusstsein zeigen.<sup>17<\/sup> Das liegt unter anderem daran, dass Geh\u00e4lter, Boni, Schmiergelder und andere finanzielle Anreize oft Signale senden, die Menschen erst dazu bringen, sich wie im Wettbewerb stehende, gar zynische Marktbeteiligte zu verhalten.<\/p>\n<p>Wer nicht Nutzenmaximierer ist, kann es jederzeit werden. Commoning hat tendenziell den gegenteiligen Effekt. Es ermutigt Menschen, ihr Bestes zu geben und Vertrauen zu f\u00f6rdern. <i>Indem<\/i> wir (f\u00fcr-)sorgend t\u00e4tig sind, werden wir zu einem Ich-in-Bezogenheit. Das klassische Beispiel dieser \u2013 in der Regel unbewussten \u2013 Dynamik ist die Blutspende. Schon in den 1960er Jahren stellte der britische Forscher und Vordenker des Wohlfahrtsstaates, Richard Titmuss, fest, dass Menschen, die freiwillig Blut spenden, mit h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit sichereres, ges\u00fcnderes Blut haben als diejenigen, die daf\u00fcr Geld erhalten.<sup>18<\/sup><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1232\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.4_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Das Produktionsrisiko gemeinsam tragen<\/em><\/p>\n<p>Unternehmen, so hei\u00dft es, schultern in der kapitalistischen Marktwirtschaft die Risiken f\u00fcr Produktion und Vermarktung (auch wenn Forschung und Entwicklung oft aus Steuergeldern subventioniert sowie Infrastrukturen, Gesundheits- oder Entsorgungskosten oft auf die Konsumentinnen und Konsumenten oder auf die Umwelt abgew\u00e4lzt werden). Dies begr\u00fcndet, warum sie Gewinne einfahren. In einer Planwirtschaft tr\u00e4gt der Staat manche Risiken, oder sie werden schlichtweg ignoriert. In einem Commons hingegen, wo die Unterscheidung zwischen Konsumierenden und Produzierenden verschwimmt, \u00fcbernehmen <i>alle<\/i> aktiv Beteiligten Mitverantwortung f\u00fcr die Risiken vor und w\u00e4hrend der Produktion. Die Risiken k\u00f6nnen Wetterextreme sein, die die Ernte bedrohen, Komplikationen in der Pflege einer gemeinschaftsbasierten WLAN- oder Telekommunikationsinfrastruktur oder die Unberechenbarkeit eines Prozesses, der letztlich zu einem erschwinglichen, anpassbaren Open-Source-Traktor f\u00fchren soll \u2013 wie den LifeTrac von Open Source Ecology.<sup>19<\/sup><\/p>\n<p>Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, Risiken gemeinsam zu tragen. Wer sich an Crowd\u00adfunding-Kampagnen beteiligt, beschenkt im Grunde die Projektverantwortlichen, um eine neue Software-App zu programmieren, eine interessante Anbaukultur zu entwickeln oder eine soziale Leistung zu erbringen. Viele kleine \u00bbGeschenke\u00ab zusammengenommen werden zu einer kollektiven Investition. Die Risiken f\u00fcr die Einzelnen sind relativ, die potenziellen Vorteile f\u00fcr alle hingegen gro\u00df. Ganz \u00e4hnlich funktionieren viele SoLaWis in Deutschland. Dort gibt es einen Prozess, der \u00bbBieterrunde\u00ab genannt wird und sehr einfach aufgebaut ist. Zun\u00e4chst werden alle Mitglieder zu Beginn der Anbausaison \u00fcber das ben\u00f6tigte Gesamtbudget f\u00fcr das Wirtschaftsjahr informiert. Die Mitglieder treffen sich zu einer Vollversammlung, diskutieren einzelne Aspekte des Budgets, Fragen werden gestellt, Antworten gegeben. Alle sollten sich gut informiert f\u00fchlen. Zudem wird meist ein Richtwert kommuniziert. Dann beginnt das eigentliche \u00bbBieterverfahren\u00ab. Ab hier entscheiden alle Beteiligten selbst, welchen Beitrag sie leisten m\u00f6chten oder k\u00f6nnen. Sie werfen ihre Gebote \u2013 das sind Zusicherungen f\u00fcr monatliche Beitr\u00e4ge \u00fcber das gesamte Jahr \u2013 in den gemeinsamen Topf und zwar anonym. Oder sie nutzen eine App, und die aggregierten Gebote erscheinen sofort f\u00fcr alle sichtbar an der Wand. Wenn in der ersten Runde nicht gen\u00fcgend zusammenkommt, wird angesagt, welcher Betrag noch fehlt, und eine zweite Runde beginnt. Meist wird der ben\u00f6tigte Betrag in nur zwei Runden aufgebracht \u2013 dabei geben die einen mehr, die anderen weniger. So wird nicht nur die Produktion finanziert, sondern auch das Risiko gemeinsam getragen, ohne dass von Menschen mit unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten verlangt wird, dass sie den gleichen Betrag aufbringen. Solidarisch eben.<\/p>\n<p>Wenn Menschendas Produktionsrisiko gemeinsam tragen, ver\u00e4ndert sich alles: die Machtverh\u00e4ltnisse, die Entscheidungsprozesse dar\u00fcber, was und wie produziert wird, die Geldfl\u00fcsse und, offensichtlich, die Verm\u00f6gensverteilung. Daher ist dieses Muster f\u00fcr die \u00dcberwindung einer kapitalgetriebenen Wirtschaftsweise und eines am Marktgeschehen ausgerichteten Denkens so wichtig. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den n\u00e4chsten Mustern. Sie drehen sich um die Frage, wie vorhandenes oder erzeugtes Verm\u00f6gen zuzuweisen ist \u2013 im Fachjargon: Allokation. Bevor wir sie einzeln betrachten, helfen einige Begriffskl\u00e4rungen, die Entscheidungen, mit denen Commoners konfrontiert sind, zu durchdenken und einzuordnen.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Zuteilungsm\u00f6glichkeiten in Commons<\/h4>\n<p>Sind Verm\u00f6gen oder Talente erst einmal zusammengetragen, wird es interessant. Jetzt geht es um die Zuteilung. Was beigetragen wurde, kann gemeinsam genutzt werden \u2013 doch das ist nur eine von mehreren M\u00f6glichkeiten. Dinge k\u00f6nnen so aufgeteilt werden, wie es vorab ausgehandelt wurde. Das erfordert, individuelle Bed\u00fcrfnisse zu ber\u00fccksichtigen, was <i>nicht<\/i> auf gleich viele Anteile hinauslaufen muss. Wichtig ist, dass sich alle fair behandelt f\u00fchlen. Vielleicht wird das, was verf\u00fcgbar ist, auch nach einer vorab von den Beteiligten vereinbarten Formel umgelegt. Diese wiederum kann damit zu tun haben, wie viel eine Person beigetragen hat \u2026 oder auch nicht. Und schlie\u00dflich gibt es die M\u00f6glichkeit, das, was in Commons produziert wurde, gegen Geld zu tauschen \u2013 also zu handeln. Eine solche Entscheidung sollte bewusst und umsichtig getroffen werden, denn sie k\u00f6nnte die Gruppe aus dem Paradigma des Commoning heraus- und in die Welt des Aufrechnens samt ihrer Fallstricke hineinkatapultieren.<\/p>\n<p>Jede dieser M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Zuweisung und Verteilung gemeinsamen Verm\u00f6gens unterstreicht oder verst\u00e4rkt eine bestimmte Handlungsrationalit\u00e4t, was auf Dauer identit\u00e4tsstiftend wirkt. Jede geht mit unterschiedlichen Erwartungen und Gef\u00fchlen unter den Beteiligten einher. Manche dieser Ans\u00e4tze unterscheiden sich nur in Nuancen; andere haben Auswirkungen auf das Kernanliegen einer Gruppe, eines Verbundes oder Netzwerkes. Deswegen ist es sinnvoll, uns einiger elementarer Unterscheidungen bewusst zu werden.<\/p>\n<p>Die erste hat mit den Eigenschaften eines Gutes<sup>20<\/sup> zu tun. Eine Schl\u00fcsselfrage lautet: Handelt es sich um etwas, das aufgebraucht werden kann (im wirtschaftswissenschaftlichen Jargon wird dies als \u00bbrivales Gut\u00ab bezeichnet; nat\u00fcrlich <i>ist<\/i> nicht das Gut rival, sondern es herrscht Rivalit\u00e4t zwischen den Menschen um die Nutzung des Gutes)? Oder handelt es sich um etwas, das nicht aufgebraucht werden kann (in der Wissenschaft als \u00bbnicht-rivales Gut\u00ab bezeichnet)? Im ersten Fall bedeutet es: Wenn eine Person eine Sache nutzt, wird es f\u00fcr eine andere Person weniger davon oder gar nichts geben, die Sache k\u00f6nnte nicht f\u00fcr alle reichen oder die Ressource \u00fcbernutzt werden: beispielsweise Nahrungsmittel oder Wasser. Wenn ich einen Apfel esse, k\u00f6nnen Sie denselben Apfel nicht ebenfalls essen. Nur eine beschr\u00e4nkte Menge Wasser kann genutzt werden, um die Felder so zu bew\u00e4ssern, dass es f\u00fcr alle reicht. Nur eine f\u00fcr einen SoLaWi-Hof praktikable Anzahl von Haushalten kann sich <i>dieser<\/i> SoLaWi anschlie\u00dfen. Im Gegensatz dazu werden Inhalte kreativen Schaffens, Wissensbest\u00e4nde, Ideen, Informationen, Softwarecode oder Traditionen nicht verbraucht. Es ist unvern\u00fcnftig, sie zu \u00bbrivalisieren\u00ab, denn wie oben beschrieben, steigt der Nutzwert dieser Dinge, je mehr Menschen sich beteiligen, mitunter stark an. Das gilt besonders dann, wenn diese Beteiligung durch digitale Netzwerke erleichtert wird, wie bei Linux oder Nextcloud. Wenn etwas nicht aufgebraucht werden kann, gibt es im Grunde kein Trittbrettfahrerproblem. Es gibt auch keine Gefahr der \u00dcbernutzung \u2013 h\u00f6chstens eine Gefahr der Unternutzung. Die Herausforderung besteht allerdings darin, den Code, die Informationen oder die Musik zu kuratieren, die Arbeit daran gemeinsam zu finanzieren (siehe Kapitel 5) sowie Trolls daran zu hindern, die Kooperation zu st\u00f6ren. Auch hier zeigt sich die Idee des Pflegnutzens.<\/p>\n<p>Die zweite grundlegende Unterscheidung ist sozialen Charakters. Soll der Austausch oder die Weitergabe von Ideen, Beitr\u00e4gen, T\u00e4tigkeiten, Zeit, Dingen oder Geld <i>gegenseitig<\/i> oder <i>nicht gegenseitig<\/i> sein? Fachsprachlich: <i>reziprok<\/i> oder <i>nicht-reziprok?<\/i> Wird das Zusammengetragene, unabh\u00e4ngig davon, wer wie viel beigetragen hat, weitergegeben oder untereinander aufgeteilt \u2013 wie bei jedem Mitbringb\u00fcffet \u2013, dann ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Geben und Nehmen <i>nicht gegenseitig.<\/i> Wer gibt, bekommt oder erwartet nicht notwendigerweise etwas im Gegenzug. Im Gegensatz dazu sind Umlegen und (Tausch-)Handeln <i>reziprok<\/i>. Hier beruht das Verh\u00e4ltnis zwischen Geben und Nehmen auf Gegenseitigkeit. Wer gibt, beitr\u00e4gt oder verkauft, ist sicher, dass er oder sie etwas im Gegenzug bekommen wird. Wenn eine Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht, wie beim Umlegen oder Handeln, dann ist das qualitativ und sozial betrachtet etwas vollkommen anderes als eine Beziehung, in der Geben und Nehmen entkoppelt sind \u2013 wie in der gemeinsamen Nutzung, beim Weitergeben oder Aufteilen. Schauen wir uns diese Unterscheidungen etwas n\u00e4her an:<\/p>\n<h4>Geben und Nehmen sind entkoppelt<\/h4>\n<p><b>Weitergeben.<\/b> Wir \u00fcbersetzen damit das Englische <i>sharing<\/i>, gemeinhin als <i>teilen<\/i> \u00fcbertragen. <i>Weitergeben<\/i> ist jedoch pr\u00e4ziser. Wir verwenden den Begriff nur, wenn es um etwas geht, das durch die Nutzung nicht aufgebraucht wird \u2013 Ideen, Informationen, Code und so weiter. All dies weiterzugeben ist eine \u2013 in Commons gebr\u00e4uchliche \u2013 M\u00f6glichkeit, Ideen, Informationen, Code und vieles mehr informell, flexibel oder v\u00f6llig improvisiert zu verteilen.<\/p>\n<p><b>Aufteilen.<\/b> Auch dies<i><\/i>ist eine \u00dcbersetzung des Englischen <i>sharing<\/i>, gemeinhin ebenfalls als <i>teilen<\/i> \u00fcbertragen. Aufteilen ist jedoch pr\u00e4ziser. Wir verwenden den Begriff nur f\u00fcr Dinge, die aufgebraucht werden k\u00f6nnen, wenn wir sie teilen oder gemeinsam nutzen. Gemeint ist eine Zuteilung von Lebensmitteln, Geld, Dingen, Land, Fahrr\u00e4dern, Werkzeugen und vielem mehr, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Alle Beteiligten k\u00f6nnen Unterschiedliches erhalten \u2013 je nach Kontext und Bed\u00fcrfnissen. Was die einzelne Person bekommt, ist nicht direkt an ihren Beitrag gekoppelt. Eine solche Definition des <i>sharing<\/i> (im Sinne von <i>aufteilen<\/i>) macht deutlich, dass die weitverbreitete Beschreibung der kommerziellen T\u00e4tigkeit von Uber und Airbnb als \u00bbSharing Economy\u00ab verwirrend ist. Tats\u00e4chlich wird hier nicht aufgeteilt (<i>nicht-reziprok<\/i>), sondern im Mikroma\u00dfstab vermietet (<i>reziprok<\/i>).<\/p>\n<p>Es scheint uns hilfreich, verschiedene Worte f\u00fcr das zu verwenden, was gemeinhin \u00bbteilen\u00ab\/\u00bbsharing\u00ab genannt wird, da es um verschiedene Handlungen mit sehr unterschiedlichen Folgen geht. Einerseits geht es darum, Immaterielles und Informationen zu teilen. Diese Art des Teilens nennen wir <i>weitergeben<\/i>. Hier muss niemand etwas abgeben. Was weitergegeben wird, hat die gebende Person nach der Gabe noch immer. Andererseits geht es darum, Dinge im Wortsinne zu teilen \u2013 entweder indem wir sie zu unterschiedlichen Zeiten nutzen oder indem wir sie tats\u00e4chlich <i>aufteilen<\/i>. Hier muss etwas abgegeben werden. Auf die Differenz sind wir durch die Arbeiten des Wirtschaftspsychologen Michael Tomasello aufmerksam geworden.<\/p>\n<h4>Geben und Nehmen sind gekoppelt<\/h4>\n<p><b>Umlegen.<\/b> Umlegen bedeutet, dass alle Beteiligten zu einem Vorhaben, das einen gr\u00f6\u00dferen, sozialen Zweck erf\u00fcllt, etwas beitragen und anschlie\u00dfend etwas zur\u00fcckbekommen. Jedoch erhalten sie im Gegenzug nicht unbedingt denselben Wert f\u00fcr das, was sie geben, wie das bei einer Markttransaktion der Fall zu sein scheint. Typischerweise kommt ihnen eine vorab vereinbarte Leistung zugute. Was genau das ist, wird entweder nach Bed\u00fcrfnissen oder nach anderen Kriterien entschieden. Versicherungsgemeinschaften und Sozialversicherungssysteme, wie wir sie in Deutschland kennen, sind klassische Beispiele.<\/p>\n<p>Beim Umlegen beruht das Verh\u00e4ltnis von Geben und Nehmen eindeutig auf Gegenseitigkeit, nur entsprechen die Vorteile nicht exakt den Beitr\u00e4gen. Stattdessen geht es um <i>gemeinsam vereinbarte<\/i>, das hei\u00dft <i>sozial bestimmte Leistungen<\/i>, denen die Mitglieder zu Beginn des Prozesses explizit zustimmen oder dann, wenn sie hinzukommen. Wer, wann wie viel erh\u00e4lt, wird zwar meist anhand pr\u00e4ziser Einheiten berechnet, aber die Einzelnen erhalten dennoch unterm Strich unterschiedlich viel. Wie auch immer die Details des Verfahrens aussehen \u2013 entscheidend ist, dass alle am Umlageverfahren Beteiligten auch \u00fcber die Regeln des Verfahrens mitbestimmen k\u00f6nnen. Ein Umlageverfahren in Commons ist ein Beispiel f\u00fcr Gegenseitigkeit, die von Gleichrangigen bestimmt wird.<\/p>\n<p><i>Umlegen<\/i> ist einer kommerziellen Transaktion in einigen Punkten \u00e4hnlich. Der Unterschied liegt darin, dass die Beteiligten im Allgemeinen ein Interesse aneinander haben und\/oder sich an gemeinsamen Zielen ausrichten, die nicht nur monet\u00e4rer Natur sind. Wenn Menschen sich miteinander auf ein Umlageverfahren verst\u00e4ndigen, gibt es vermutlich eine gemeinsame inhaltliche oder soziale Ausrichtung, eine gemeinsame Geschichte oder starke Traditionen.<\/p>\n<p><b>Handeln.<\/b> Miteinander zu handeln beruht auf Gegenseitigkeit. Die Idee ist, dass die Dinge, die gehandelt werden, grunds\u00e4tzlich gleichwertig sind, wobei ein Preis diese (vermeintliche) Gleichwertigkeit signalisiert. Was gehandelt wird, wird in Geldwert ausgedr\u00fcckt. Das ist die Essenz eines Marktes: ein Austausch von Ware gegen Geld. Wer auf dem Markt handelt, ist meist nur an dieser Transaktion interessiert; andere Beziehungen oder Verpflichtungen treten in den Hintergrund. Das macht die Wendung \u00bbes geht <i>nur<\/i> ums Gesch\u00e4ft\u00ab so treffend, wenn etwa angesichts negativer pers\u00f6nlicher oder sozialer Konsequenzen ein Gesch\u00e4ftsabschluss gerechtfertigt wird.<\/p>\n<p>Kurz: <i>Umlegen<\/i> ist Gegenseitigkeit, die auf sozialen Vereinbarungen beruht. Sie wird verhandelt oder ausgehandelt. <i>Handeln<\/i> ist Gegenseitigkeit, die auf dem Marktprinzip \u2013 dem \u00c4quivalententausch \u2013 beruht. Hier wird nur im kommerziellen Sinne gehandelt.<\/p>\n<h4>Poolen<\/h4>\n<p>Poolen bedeutet, zu einem Gemeinsamen beizutragen, um ein Ziel zu erreichen oder ein Problem zu l\u00f6sen. Das geschieht entweder spontan oder auf Grund freiwilliger Vereinbarung. Man kann praktisch alles zusammentragen: Wissen und Ideen, anfassbare Dinge wie Werkzeuge oder Fahrzeuge, die eigene Zeit, Energie, Lebensmittel oder Geld. Es geht nicht nur darum, etwas Materielles in den gemeinsamen Topf zu werfen (hier verwenden wir auch im Deutschen das Wort <i>Poolen<\/i>), sondern auch darum, die eigenen Talente, Energien, Fantasien und Leistungen beizusteuern (hier nutzen wir im Deutschen oft das Wort <i>Beitragen<\/i>).<\/p>\n<h4>Nutzung der Lebensquellen deckeln<\/h4>\n<p>Deckeln (<i>to cap<\/i>) bedeutet, eine absolute Obergrenze daf\u00fcr setzen, wie viel Naturverm\u00f6gen in einem bestimmten Zeitraum genutzt werden darf. Das geschieht meist, um \u00dcbernutzung zu verhindern. Die Deckelung der Nutzung ist f\u00fcr endliche Ressourcen wie Land, Holz oder Wasser oft n\u00f6tig, da sie sich ersch\u00f6pfen k\u00f6nnten, w\u00fcrden alle stets nehmen, soviel sie wollten. Es ist ein klassisches Verfahren, das bereits im Mittelalter in englischen Commons eingesetzt wurde. Lewis Hyde schreibt dazu: \u00bbCommons waren nicht offen; sie waren <i>eingeschr\u00e4nkt<\/i>. Wenn Sie beispielsweise Commons-B\u00e4uerin im England des 17. Jahrhunderts waren, dann h\u00e4tten Sie vielleicht das Recht, auf der Allmende Schilf zu schneiden, aber nur zwischen Weihnachten und Mari\u00e4 Lichtmess (2. Februar). Oder Sie h\u00e4tten vielleicht das Recht, \u00c4ste von B\u00e4umen zu schneiden, aber nur bis zu einer bestimmten H\u00f6he und nur nach dem 10. November. Oder Sie h\u00e4tten vielleicht das Recht, Stechginster zu schneiden, aber nur so viel, wie Sie auf dem R\u00fccken tragen k\u00f6nnen, und nur, um ihr eigenes Haus zu heizen.\u00ab Hyde merkt an, dass es \u00bbNutzungseinschr\u00e4nkungen zum Zweck der Best\u00e4ndigkeit [der Ressource]\u00ab in allen langlebigen Commons gibt. \u00bbOhne sie gibt es keine echten Commons \u2026\u00ab.<sup>21<\/sup><\/p>\n<p>\u00bbGedeckelt\u00ab wird in allen m\u00f6glichen Kontexten \u2013 in l\u00e4ndlichen, st\u00e4dtischen und digitalen Bereichen. In trockenen Regionen Lateinamerikas oder der us-amerikanischen S\u00fcdstaaten, wo Bew\u00e4sserungswasser kostbar ist, werden in den <i>Acequias<\/i> die Mengen oder Zeiten der Wassernutzung so beschr\u00e4nkt, dass die Bed\u00fcrfnisse aller befriedigt werden k\u00f6nnen. Daten-Commons, die aus vielen Quellen Daten konsolidieren, setzen Grenzen bez\u00fcglich der Sammlung und Nutzung von Daten und beachten dabei Datenschutzbelange. In Wohnprojekten (nicht zu verwechseln mit Wohngemeinschaften) gibt es eine endliche Anzahl Wohneinheiten, die genutzt, gemietet oder erworben werden k\u00f6nnen \u2013 eine einfache physische Grenze, die die Aufnahmekapazit\u00e4t kappt. In Commons ist der konkrete Einsatz eines <i>caps<\/i> h\u00e4ufig elastisch, denn immer wieder gibt es M\u00f6glichkeiten noch etwas mehr aufzuteilen oder das Verf\u00fcgbare noch etwas intelligenter umzulegen, einer zus\u00e4tzlichen Person die Nutzung zu erm\u00f6glichen oder noch etwas mehr beizutragen; aber an einem bestimmten Punkt wird im Allgemeinen deutlich, dass nicht gen\u00fcgend Einnahmen, physischer Raum oder Infrastruktur vorhanden ist, um alle zu unterst\u00fctzen. Wenn etwa in der vielfach ausgezeichneten K\u00f6lner Kooperative SSM zu viele Anspr\u00fcche gestellt werden, ist der \u00fcbliche Weg, zun\u00e4chst den Ermessensspielraum zu pr\u00fcfen. Der erste Schritt ist zu schauen, welche K\u00fcrzungen m\u00f6glich sind: \u00bbDieser neue Fernseher wird dann einfach nicht gekauft.\u00ab Im n\u00e4chsten Schritt geht es darum, etwas genauer hinzuschauen, \u00bbtiefer zu gehen und zu fragen, was die Menschen wirklich brauchen\u00ab, erkl\u00e4rt uns Rainer Kippe, Mitgr\u00fcnder von SSM.<sup>22<\/sup> Grunds\u00e4tzlich gibt es in der Kooperative keine \u00bbEntlassungen\u00ab, genauso wenig, wie staatliche F\u00f6rdermittel beantragt werden.<\/p>\n<p>Das <i>Deckeln<\/i> ist ein klassisches Governance-Prinzip, das zum Beispiel im CO2-Emissionsrechtehandel zum Einsatz kommt. Zun\u00e4chst wird eine nach oben begrenzte Anzahl an Emissionsrechten festgelegt. Unternehmen erhalten oder kaufen diese Rechte in Form von Zertifikaten. Das erlaubt ihnen, bestimmte Emissionsmengen auszusto\u00dfen. Wenn sie ihre Emissionen senken, dann ben\u00f6tigen sie ihre \u00bbVerschmutzungsrechte\u00ab nicht und k\u00f6nnen sie an Unternehmen verkaufen, f\u00fcr die der Kauf der Rechte kosteng\u00fcnstiger ist als die Verringerung ihrer Emissionen. Das Prinzip hei\u00dft: <i>Cap &amp; Trade,<\/i> \u00bbDeckeln &amp; Handeln\u00ab. W\u00e4hrend der <i>cap<\/i>, also das Setzen von Obergrenzen, unerl\u00e4sslich ist, kann die Schaffung von M\u00e4rkten das eigentliche Anliegen desselben untergraben. Wenn beispielsweise ein Verschmutzungsrecht erst zur Ware und damit vermarktbar geworden ist, f\u00fchrt das h\u00e4ufig zu ausgekl\u00fcgelten Strategien, die Obergrenzen zu umgehen und das System zum eigenen Vorteil zu nutzen. Gr\u00f6\u00dfere Player k\u00f6nnen ihre Marktmacht ausspielen und Preise beeinflussen. Zudem werden durch den Handel Marktbewertungen \u00fcber andere Wertesysteme gestellt \u2013 \u00fcber den Eigenwert von \u00d6kosystemen oder die Wertvorstellungen der betroffenen Gemeinschaften. Das Preissystem gibt (f\u00e4lschlicherweise) vor, den \u00bbWert von Umweltdienstleistungen\u00ab abzubilden. Doch das tun sie nicht. Auch festgelegte Obergrenzen spiegeln nicht die tats\u00e4chliche Tragf\u00e4higkeit von \u00d6kosystemen. Vielmehr sind sie Ausdruck politischer Kompromisse angesichts widerstreitender \u00f6konomischer Interessen.<\/p>\n<p>Aus Commons-Perspektive ist es sinnvoller, auf andere Strategien zu setzen: <i>Deckeln &amp; (Auf-)Teilen<\/i> zum Beispiel oder <i>Deckeln &amp; Umlegen<\/i>. Etwas Verf\u00fcgbares zun\u00e4chst zu begrenzen und dann gemeinsam zu nutzen bzw. umzulegen hat den Vorteil, dass die Betroffenen daf\u00fcr gewonnen werden k\u00f6nnen, ihr intimes, situiertes Wissen, ihre Ideen und ihre Verhandlungsmacht gegen\u00fcber formell Gleichrangigen einzubringen, um diese Nutzungseinschr\u00e4nkungen durchzusetzen. Die Verantwortung daf\u00fcr wird nicht verkauft. Die Entlastung davon nicht eingekauft. Wenn solche Energien mobilisiert werden sollen, kann Geld eher wenig ausrichten.[\/vc_column_text][vc_column_text]<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1229\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.5_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Beitragen &amp; weitergeben<\/em><\/p>\n<p>Wenn Menschen Beitragen &amp; weitergeben, wird zun\u00e4chst alles Notwendige oder Verf\u00fcgbare von den Beteiligten ohne Zw\u00e4nge beigetragen(manchmal wird sanft nachgeholfen). Anschlie\u00dfend wird es weitergegeben, wobei die Vorteile f\u00fcr die Einzelnen nicht genau berechnet werden. Die Beteiligten senken auf diesem Wege ihre individuellen Kosten f\u00fcr die Herstellung von kreativen Werken, guten Designs oder Softwarecode und k\u00f6nnen mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit die Bed\u00fcrfnisse aller besser befriedigen. Zudem entwickeln sie ein Gef\u00fchl der Mitverantwortlichkeit und des Zusammenhalts. Wie bei poolen, deckeln &amp; aufteilen k\u00f6nnen alle mitmachen, ungeachtet ihrer finanziellen Mittel oder ihres sozialen Status.<\/p>\n<p>Beitragen &amp; weitergebenist grunds\u00e4tzlich in allen Lebensbereichen eine gute Idee, denn Informationen, Ideen, Wissen, Code und Design sind umso n\u00fctzlicher, je mehr sie weitergegeben und angepasst werden. Offene Netzwerke bieten daf\u00fcr eine besonders unterst\u00fctzende Umgebung, die das Weitergeben einfacher macht. Das Beitragen von Software-Code wird gelegentlich damit verglichen, Gem\u00fcse in einen gemeinsamen Kochtopf zu werfen, wozu alle beitragen, was sie haben, und von dem alle nehmen k\u00f6nnen, was sie m\u00f6chten.<sup>23<\/sup> Tats\u00e4chlich ist Beitragen &amp; weitergebeng\u00e4ngige Praxis unter Programmier- und Designfachleuten, die zu einem gemeinsamen Code- oder Designbestand beitragen. Es ist ebenfalls die Norm im globalen Open-Hardware-Design: hier werden Pl\u00e4ne erstellt, gemeinsam genutzt und weitergegeben, sei es f\u00fcr landwirtschaftliche Ger\u00e4te (Open Source Ecology, Atelier Paysan), M\u00f6bel (Open Desk), H\u00e4user (WikiHouse), Motorfahrzeuge (Wikispeed) oder Prothesen (Open Prosthetics Project).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1228\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.6_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Poolen, deckeln &amp; aufteilen<\/em><\/p>\n<p>Poolen, deckeln &amp; aufteilenist \u00e4quivalent zu beitragen &amp; weitergeben,bezogen auf den Umgang mit endlichen Ressourcen. Durch eine gemeinstimmig festgelegte Nutzungsbeschr\u00e4nkung (die nicht immer explizit formuliert ist), kann dem Problem potentieller \u00dcbernutzung vorgebeugt werden. Das gilt auch f\u00fcr Situationen, in denen die absolut verf\u00fcgbare Menge nicht ausreicht, um allen Beteiligten so viel zuzugestehen, wie sie gern m\u00f6chten. Poolen, deckeln &amp; aufteilenentspricht zeitlosen Erfahrungen und Erfordernissen. Die J\u00e4ger haben nur eine bestimmte Menge an Wild erlegt, aber alle m\u00fcssen satt werden; die Sammlerinnen tragen nur einen gewissen Vorrat an N\u00fcssen und Fr\u00fcchten zusammen, er muss aufgeteilt werden. Zu einem gemeinsamen Picknick bringen alle etwas mit, es gibt nicht alles f\u00fcr alle und reicht doch aus. B\u00e4uerinnen und Bauern sowie Viehh\u00fcterinnen und -h\u00fcter, die Land f\u00fcr den Anbau oder Weiden gemeinsam nutzen, legen h\u00e4ufig durch Regeln fest, wie viel und in welchen Monaten eine Person ernten oder ein Hirte seine Schafe weiden darf. In Commons ist es \u00fcblich, die Nutzung zu begrenzen, um eine \u00dcbernutzung des Landes zu verhindern. Wichtig ist, dass die Regeln f\u00fcr alle Beteiligten gleicherma\u00dfen gelten. Es gibt unz\u00e4hlige Methoden, die verf\u00fcgbare Menge an Wasser, Fischen, Fr\u00fcchten und Erntegut fair aufzuteilen. Deswegen geh\u00f6rt Poolen, deckeln &amp; aufteilenauch zu den h\u00e4ufigsten Kooperationsmustern. Das ist heute so und schon immer so gewesen. Trotzdem wird oft \u00fcbersehen, wie weitverbreitet dieses Muster ist, weil es nicht zu dem geh\u00f6rt, was in der vorherrschenden Erz\u00e4hlung unter \u00bbWirtschaft\u00ab verstanden wird. Wo zusammengelegt und aufgeteilt wird, wird nicht gehandelt. Hier flie\u00dft nicht unbedingt Geld. Hier sind Menschen nicht grunds\u00e4tzlich eigenn\u00fctzig und \u00bbrational\u00ab, sondern in der Lage, \u00fcber eine faire Aufteilung der Vorteile zu verhandeln. Hier geht es um andere Dinge als \u00bbin der richtigen Wirtschaft\u00ab. Das ist ein Grund, warum Rainer Kippe von der SSM zu dem Schluss kommt, dass \u00bbdie \u00d6konominnen und \u00d6konomen mit einem konventionellen Verst\u00e4ndnis von Wirtschaft gar nicht mehr sehen k\u00f6nnen, was wirklich funktioniert. Was wir tun, scheint einem typischen \u00d6konomen, der viele Lehrb\u00fccher gew\u00e4lzt hat, unm\u00f6glich. Theoretisch kann das, was wir machen, gar nicht funktionieren. Das tut es aber \u2026 wir machen es jeden Tag.\u00ab Sie poolen, deckeln &amp; teilen\u2013 wie Menschen das in allen Kulturen schon immer getan haben. Der International Land Coalition zufolge bewirtschaften bis zu 2,5 Milliarden Menschen in der ganzen Welt etwa acht Milliarden Hektar Land in gemeinschaftsbasierten Eigentumsstrukturen. Vieles davon \u00fcbersteigt den Horizont der herk\u00f6mmlichen Wirtschaftswissenschaften.<sup>24<\/sup> Poolen, deckeln &amp; aufteilenist f\u00fcr Land, Wasser, W\u00e4lder, Fischbest\u00e4nde, Wild und vieles mehr wohl die praktischste Strategie. Doch auch hier kommt es vor allem auf das \u00bb&amp;\u00ab an. Aufteilen ohne Beitragen in einem Commons ist wie Einkaufen ohne Geld im Kapitalismus: es funktioniert nicht. Man kann nur weitergeben, was erst einmal gepoolt, beigetragen oder gemeinsam produziert wurde.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1226\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.7_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Poolen, deckeln &amp; Umlegen<\/em><\/p>\n<p>Poolen, deckeln &amp; Umlegen ist eine weitere n\u00fctzliche Strategie f\u00fcr den Umgang mit begrenztem oder endlichem Verm\u00f6gen, das gemeinsam genutzt und (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaftet, aber nicht unbedingt aufgeteilt werden soll. Beim Umlegen bekommen nicht alle exakt die gleichen Anteile. Vielmehr entsteht ein Kooperationszusammenhang in dessen Rahmen eine bestimmte Gruppe von Menschen bestimmte Probleme solidarisch l\u00f6st. Es kann auch nicht mehr ausgegeben werden, als eingenommen wird, doch gilt dies nur bezogen auf das Ganze. Individuell sind Geben und Nehmen entkoppelt. Ich kann berechtigt sein, mehr zu entnehmen, als ich beigetragen habe, oder ich bekomme weniger als mein Beitrag ausmacht. Umlegen bedeutet Gegenseitigkeit behutsam auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Poolen, deckeln &amp; Umlegenist modern. Es ist allen Leserinnen und Lesern gel\u00e4ufig, die mit unseren Sozialversicherungssystemen vertraut sind. Doch nat\u00fcrlich ist es ein althergebrachtes Verfahren, das sich \u00fcberall findet. Schauen wir noch einmal auf die Sch\u00e4fereikultur im Lake District in England. Dort werden die h\u00f6her gelegenen Weiden in den Bergen gemeinsam (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaftet (= Poolen). Die Weiderechte auf den Bergr\u00fccken (<i>Fells<\/i>) werden seit Jahrhunderten durch Regeln bestimmt, die von den Commoners selbst festgelegt wurden. Im Winter hat jede Sch\u00e4ferei das Recht, eine bestimmte Anzahl Schafe (Deckeln) auf den Bergr\u00fccken grasen zu lassen, \u00bbsie richtet sich nach den Weidekapazit\u00e4ten auf dem <i>Fell<\/i> und gleichzeitig danach, wie viele Tiere die einzelnen H\u00f6fe den Winter \u00fcber von ihrem eigenen Heu ern\u00e4hren k\u00f6nnen\u00ab.<sup>25<\/sup> Alle tragen dazu bei, die regelkonforme und respektvolle Nutzung der Weiden zu \u00fcberwachen, alle kommen in den Genuss der Vorteile auf je individuelle Weise.<\/p>\n<p>Poolen, Deckeln &amp; Umlegengewinnt wie Poolen, Deckeln &amp; Teilenim Kontext von Commoning eher einen nachbarschaftlichen Charakter und erlaubt daher eine gr\u00f6\u00dfere Flexibilit\u00e4t bei der Erf\u00fcllung gemeinsamer Vereinbarungen. Es ist etwas Anderes als das Deckeln &amp; Handeln (<i>Cap &amp; Trade<\/i>), das wir aus dem Emissionsrechtehandel kennen. Es ist nicht nur anders, weil die Weiderechte nicht gehandelt werden, sondern auch weil die Nutzenden vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Beobachtungen selbst entscheiden, wo eine akzeptable Nutzungsgrenze liegt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die gemeinsamen Anliegen der Nutzenden immer wieder im Zentrum stehen und dort verhandelt werden k\u00f6nnen beziehungsweise m\u00fcssen. Das Handeln hingegen f\u00f6rdert die Ressourcenausbeutung bis zu den maximal zul\u00e4ssigen Grenzen (und dar\u00fcber hinaus). Wir kennen das als \u00bbTrag\u00f6die des Marktes\u00ab.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1224\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.8_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Preissouver\u00e4n Handel treiben<\/em><\/p>\n<p>Eine der St\u00e4rken von Commons-Strukturen ist es, dass sie den Beteiligten erlauben, sich Schritt f\u00fcr Schritt von M\u00e4rkten zu emanzipieren \u2013 und damit von den Preisen, die die M\u00e4rkte diktieren. Wer sich an einem Commons beteiligt, um irgendeinen Aspekt des eigenen Lebens zu organisieren \u2013 das Wohnen, die Lebensmittelversorgung, den Transport, die Bildung \u2013, muss sich in diesem Bereich den vielzitierten \u00bbBedingungen des Marktes\u00ab nicht unterwerfen. Commons erm\u00f6glichen es Menschen, eigene Wege zu gehen und dort, wo sie mit dem Markt interagieren wollen, st\u00e4rker die eigenen Belange und Bedingungen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Die us-amerikanische B\u00fcrgerrechtsaktivistin Fannie Lou Hamer hatte in den 1960er Jahren eine so einfache wie bestechende Idee, um der politischen und gesellschaftlichen Ohnmacht afroamerikanischer Gemeinschaften \u2013 Sp\u00e4tfolgen der Sklaverei sowie ausbeuterischer Arbeit in Unternehmen, die Wei\u00dfen geh\u00f6rten \u2013 etwas entgegen zu setzen. Hamer kaufte Hunderte Hektar Agrarland im Mississippi-Delta und gr\u00fcndete eine Lebensmittelkooperative, um verarmten Schwarzen zu erm\u00f6glichen, ihre eigenen Nahrungsmittel anzubauen. \u00bbWenn man 400 Liter Gem\u00fcse und Gumbo-Eintopf f\u00fcr den Winter eingekocht hat\u00ab, befand sie, \u00bbkann niemand einen herumschubsen oder herumkommandieren\u00ab.<sup>26<\/sup> Was w\u00e4re eigentlich m\u00f6glich, wenn Commoners konsequent dieser Strategie verfolgen w\u00fcrden? K\u00f6nnten sie dann ernsthaften Druck auf den Markt aus\u00fcben? Genau dies ist bei Cecosesola im Nordwesten Venezuelas zu beobachten.[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Cecosesola, oder wie man den Markt ignoriert<\/h4>\n<p>Cecosesola ist ein au\u00dfergew\u00f6hnlich robustes \u00bbOmni-Commons\u00ab, ein Verbund von etwa 30 Kooperativen und ebenso vielen Basisorganisationen mit insgesamt etwa 20.000 Mitgliedern.<sup>27<\/sup> Die st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Kooperativen, die im Andenvorland des venezolanischen Bundesstaates Lara verstreut sind, haben die schwierigsten \u00f6konomischen und politischen Verh\u00e4ltnisse \u00fcberdauert, die man sich vorstellen kann. Seit mehr als f\u00fcnf Jahrzehnten bieten sie Lebensmittel, (F\u00fcr-)Sorge, Transport und sogar Bestattungen an. Zentral aber geht es bei Cecosesola nicht um Dienstleistungen und Lebensmittelproduktion, sondern um das Leben und Lernen von dem, was wir in diesem Buch Ubuntu-Rationalit\u00e4t nennen. Es geht um Gemeinschaftsbildungsprozesse, die das Ganze transformieren \u2013 das Miteinander, die Organisationsformen, das T\u00e4tigsein, die Versorgung und die Menschen selbst. Cecosesola strukturiert und f\u00fcllt alle Prozesse so, dass Vertrauen und R\u00e4ume der Gemeinschaftlichkeit entstehen k\u00f6nnen. Zudem ist der Verbund seit seinen Anf\u00e4ngen Ende der 1960er Jahre tief in der lokalen \u00d6konomie verankert.<\/p>\n<p>Der Erfolg von Cecosesola lag und liegt in einer k\u00fchnen Strategie begr\u00fcndet \u2013 n\u00e4mlich Dinge bed\u00fcrfnisorientiert herzustellen und verf\u00fcgbar zu machen und dabei den Markt so weit wie m\u00f6glich zu ignorieren (der momentan allerdings am Boden liegt). Der Verbund \u00f6ffnete eigene R\u00e4ume f\u00fcr den Handel \u2013 vier riesige M\u00e4rkte im Norden, S\u00fcden, Osten und Westen von Barquisimeto, einer 1,25-Millionen-Metropole, der Hauptstadt des Bundesstaates. Und er setzt eigene Preise f\u00fcr das, was in den Kooperativen hergestellt wurde. Auf diesen M\u00e4rkten werden w\u00f6chentlich etwa 700 Tonnen frisches Obst und Gem\u00fcse zum Einheitskilopreis verkauft. Dieser Preis \u2013 derselbe f\u00fcr Tomaten und Kartoffeln \u2013 liegt deutlich niedriger als im konventionellen Lebensmittelhandel. Da Cecosesola rund 700.000 Menschen mit etwa der H\u00e4lfte ihres Bedarfs an frischen Lebensmitteln versorgt, bleibt die Wirkung nicht aus. Cecosesola hat letztlich auch die \u00bbMarktpreise\u00ab<sup>28<\/sup> in der Region gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, wie das m\u00f6glich ist, ohne Teil eines Unterbietungswettbewerbs zu werden. Die Antwort liegt in erster Linie darin, dass die Rollen der Herstellenden, der Vertreibenden und der Nutzenden nicht getrennt voneinander gedacht werden. Die Bed\u00fcrfnisse aller Beteiligten stehen im Mittelpunkt und werden nicht gegeneinander ausgespielt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Cecosesola \u2013 also formal die Zwischenh\u00e4ndler \u2013 stellen den B\u00e4uerinnen und Bauern sowie Dienstleisterinnen und Dienstleistern, zumeist Mitglieder des Verbandes, eine einfache Frage: was braucht Ihr, um eine Ernte einbringen zu k\u00f6nnen? (Das ist genau dieselbe Frage, die die SoLaWi-Mitglieder ihren SoLaWi-G\u00e4rtnerinnen und -Bauern stellen, sodass sie das Produktionsrisiko gemeinsam tragenk\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns den Vorgang sehr konkret vorstellen: Die Mitglieder der Produktionskooperative leben auf dem Land \u2013 mitunter abgelegen, nur mit dem Jeep zu erreichen und bewirtschaften dort ihre Felder. Cecosesola-Mitglieder, die in der Stadt in der Koordination, im Vertrieb oder im Krankenhaus t\u00e4tig sind, fahren hinaus. Man versammelt sich nach einem gemeinsamen Mittagessen auf einfachen Holzb\u00e4nken im Schatten eines Baumes. Allerlei Dinge werden diskutiert \u2013 das Wetter nat\u00fcrlich oder der Schulweg der Kinder. Nach und nach wendet sich das Gespr\u00e4ch ernsthaften Themen zu. Besonders wichtig ist abzusch\u00e4tzen, was f\u00fcr die Produktion notwendig ist: soundsoviele Tage Arbeit, soundsoviel Saatgut, soundsoviel Treibstoff, gen\u00fcgend Bew\u00e4sserungsrohre usw. Die erfahreneren Mitglieder erinnern die weniger Erfahrenen daran, dass Dinge auch kaputtgehen k\u00f6nnen und eventuell Ersatz gekauft werden muss, oder dass es sein kann, dass mehr Maultiere gebraucht werden, um das Gem\u00fcse sicher \u00fcber unwegsame Steilhangpfade hinunter zu befahrbaren Wegen zu transportieren. Peu \u00e0 peu bringen alle ihre Anliegen, aber auch ihr Wissen ein. Gemeinsam bestimmen sie dann die ganz konkreten Produktionskosten unter den spezifischen Bedingungen vor Ort. Das tun die Produzierenden und die \u00bbH\u00e4ndler\u00ab gemeinsam. Es ist eine Art Preisgestaltung vor aller Augen. Jede Kooperative im Cecosesola-Verbund geht genauso vor. Am Ende fasst der Verband die Ergebnisse all dieser Besprechungen zusammen und addiert etwas f\u00fcr Extraausgaben und Verluste dazu (Tomaten verderben auf dem langen Weg in die Hauptstadt, auf den M\u00e4rkten gibt es Schwund, auch Diebstahl). Am Schluss geht Cecosesola einen radikalen Schritt, der jeglicher Intuition zu widersprechen scheint: \u00bbWir entkoppeln den Preis des Gem\u00fcses vom Aufwand, den wir hineingesteckt haben\u00ab, erl\u00e4utert das Kooperativenmitglied Noel Vale Valera. \u00bbWir summieren alle produzierten Kilos \u2013 die gesamte Produktpalette<sup>29<\/sup> \u2013 einerseits und alle dadurch entstehenden Kosten andererseits. Dann dividieren wir das Eine durch das Andere. So erhalten wir unseren Einheitskilopreis. Unser Ma\u00dfstab sind einfach die Produktionskosten inklusive dem, was die Produzierenden zum Leben brauchen. \u2026 Worum es uns geht, ist, dass wir verdienen, was wir brauchen.\u00ab Vales Kollege Jorge Rath f\u00fcgt hinzu, dass durch die Transparenz des Verfahrens und die kooperative Form der Preisgestaltung, \u00bbdie Leute \u00fcbrigens eine ganze Menge Geld [sparen]. \u2026 Der Einheitspreis entb\u00fcrokratisiert, Zwischenhandel haben wir auch nicht, und von saisonalen Schwankungen lassen wir uns ebenso wenig beeindrucken.\u00ab<sup>30<\/sup> Der Einheitskilopreis f\u00fcr s\u00e4mtliches Obst und Gem\u00fcse ist in offenen Diskussionen entstanden, unter all denen, die produzieren, und den vielen anderen, die mit ihnen zusammenarbeiten. Daher \u00fcberrascht es nicht, dass die Preise deutlich niedriger sind als auf konventionellen M\u00e4rkten. Dank der Transparenz im VertrauensraumCecosesolas gibt es keine versteckten Kosten. Es gibt keine Kosten f\u00fcr Marketing und Werbung. Es gibt keinen Zwischenhandel, der f\u00fcr Gro\u00dfhandel oder Vertrieb \u00fcberzogene Preise berechnet. Cecosesola ist \u00bbgeldeffizient\u00ab und weitgehend preissouver\u00e4n.<\/p>\n<p>Wirklich verbl\u00fcffend ist die bemerkenswerte St\u00e4rke von Cecosesola in politischen und \u00f6konomischen Krisenzeiten seit mehr als einem halben Jahrhundert. Sie ist auf die F\u00e4higkeit des Verbundes zur\u00fcckzuf\u00fchren, sehr schnell auf sich dramatisch ver\u00e4ndernde Verh\u00e4ltnisse zu reagieren. Als wir die letzten Zeilen dieses Kapitels verfassten, k\u00e4mpften die Menschen in Venezuela mit der Hyperinflation \u2013 2.874 Prozent im Jahr 2017. Seit 2018 beschreibt der IWF die Situation im Land als \u00bb\u00e4hnlich wie Deutschland 1923 oder Simbabwe in den sp\u00e4ten 2000er Jahren\u00ab<sup>31<\/sup> Bisher war Cecosesola w\u00e4hrend der gesamten Wirtschaftskrise und der politischen Umw\u00e4lzungen in Venezuela erstaunlich stabil, weil es immer wieder gelungen ist, die operationellen Verfahren anzupassen. Ende 2016, bereits mitten in der Wirtschaftskrise, wurden zus\u00e4tzliche Fahrten in den l\u00e4ndlichen Teil des Bundesstaates organisiert, um neue M\u00f6glichkeiten der Lebensmittelversorgung ausfindig zu machen. Dadurch kamen mehr Menschen und Produzierende mit dem Ansatz Cecesesolas in Kontakt. Es ging nicht darum, K\u00e4ufer-Verk\u00e4ufer-Beziehungen aufzubauen (das w\u00e4re im Kontext der Giga-Inflation ohnehin sinnlos), sondern darum, Do-It-Together-Partnerschaften einzugehen. Nur dies w\u00fcrde es m\u00f6glich machen, mit der Situation im Land umzugehen. Gerade <i>weil<\/i> in Cecosesola seit Jahrzehnten eine Kultur des Vertrauens und der Beteiligung gepflegt wird, konnte sich der Verbund bislang der Unterst\u00fctzung der Commoners sowie der Bev\u00f6lkerung gewiss sein und so der wirtschaftlichen Krise standhalten. Bisher haben die Menschen von Cecosesola mit geringerer Schuldenlast und niedrigeren Fixkosten nachweisen k\u00f6nnen, dass eine Kultur des Commoning auch in gro\u00dfem Ma\u00dfstab ein Leben und Auskommen in W\u00fcrde \u00bbjenseits von Markt und Staat\u00ab sichern kann. Ob dies auch in Zukunft so bleiben wird, h\u00e4ngt nicht nur von Cecosesola ab.[\/vc_column_text][vc_column_text]Wer ein quasi-unabh\u00e4ngiges System der Produktion schafft, das weitgehend ohne R\u00fcckgriff auf konventionelle M\u00e4rkten funktioniert, muss nicht zwingend akzeptieren, was \u00bbder Markt\u00ab fordert, einschlie\u00dflich der Preise. Menschen k\u00f6nnen dann zu ihren eigenen Bedingungen wirtschaften. \u00bbPreissouver\u00e4n\u00ab zu werden, ist daher eine wesentliche Quelle der Macht. Sie schlie\u00dft die M\u00f6glichkeit ein, Produkte und Leistungen zu niedrigeren Preisen als auf dem Markt oder gar kostenlos anzubieten. Dies ist strategisch wichtig, denn Commoners k\u00f6nnen so trotz der formidablen Macht der Marktlogik und des Kapitals ihre eigene Agenda verfolgen, sie k\u00f6nnen Prozesse entkommodifizieren und st\u00e4rker in sozialer Praxis verankern. Und sie k\u00f6nnen als Teil dieser Praxis auch eigene Verfahren der Preisbildung entwickeln. Preise w\u00e4ren dann dem h\u00f6chst schwankungsanf\u00e4lligen Spiel von Angebot und Nachfrage weit weniger ausgesetzt, und sie w\u00e4ren nicht wettbewerbswidrig im Sinne des Kartellrechts. Bei Preissouver\u00e4nit\u00e4t geht es darum, die Kosten bed\u00fcrfnisorientierter Produktion zun\u00e4chst einmal transparent zu machen und entsprechend den tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnissen und dem realen Kontext genau zu erfassen. In solchen Preisen versteckt sich kein aufgebl\u00e4htes System: Werbung, Personalgewinnung und -bindung, komplizierte Wertsch\u00f6pfungsketten mit Liefernden und Zwischenhandel, Rechtsberatung, Marktforschung, Verpackung, Markenidentit\u00e4ten, Lobbyarbeit oder gar Wahlkampfspenden, um bessere Regulierung zu \u00bbkaufen\u00ab etc. All dies ist undurchsichtig und schl\u00e4gt doch auf die Preise durch. Im Gegensatz dazu ist die Kostenstruktur in Commons-Umgebungen schlanker, was die Rechenschaftslegung erheblich erleichtert.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte von <i>zwei<\/i> Ausdrucksformen der Preissouver\u00e4nit\u00e4t sprechen: die F\u00e4higkeit eines gemeinschaftsgetragenen Systems, durch eigene Verfahren die Preise zu bestimmen, und die F\u00e4higkeit, sich zu behaupten, wenn mit der \u00bbAu\u00dfenwelt\u00ab des Marktes Handel getrieben wird. In beiden F\u00e4llen geht es um so viel Autonomie wie m\u00f6glich, um Commons-Strukturen vor den Zw\u00e4ngen des Marktes zu sch\u00fctzen. Wenn etwa Commoners daf\u00fcr sorgen, dass ein Gro\u00dfteil ihrer Bed\u00fcrfnisse bereits im Commons-Verbund befriedigt ist, k\u00f6nnen sie selektiv mit Marktteilnehmenden handeln, im Wissen, dass dies die Integrit\u00e4t des Commons selbst nicht gef\u00e4hrdet. Das Ergebnis sind meist geringere Preise. Erinnern wir uns an das GNU\/Linux-Betriebssystem, das in der Vermarktung von Hardware, auf der es genutzt wird, Preissouver\u00e4nit\u00e4t behauptet. Da es allen kostenlos zur Verf\u00fcgung steht, kann im kommerziellen Vertrieb der Preis f\u00fcr die Markenversionen von Linux nicht willk\u00fcrlich festgesetzt werden. Illustrieren l\u00e4sst sich der Gedanke auch am Effekt, den Beitragen &amp; Weitergebenf\u00fcr die barrierearme, gemeinsame Nutzung von Forschungsergebnissen oder Datenbanken hat. Er sch\u00fctzt die Forschungswelt vor den oft \u00fcberzogenen Anforderungen und Preisen wissenschaftlicher Fachjournale. Manche Projekte, wie die Public Library of Science, stellen hochwertige, durch das Peer-Review-Verfahren gegangene wissenschaftliche Forschung kostenlos zur Verf\u00fcgung. Das hat seit Beginn der 2000er-Jahre Druck auf kommerzielle Wissenschaftsverlage ausge\u00fcbt, ihre eigenen Open-Access-Journale anzubieten (die jedoch h\u00e4ufig exzessive \u00bbGeb\u00fchren\u00ab von den Autorinnen und Autoren f\u00fcr die Publikation ihrer Werke verlangen). Wenn sie bei dieser Strategie bleiben, werden sie vermutlich irgendwann auskooperiert.<\/p>\n<p>Wenn Commoners beitragen oder poolen, was ihnen zur Verf\u00fcgung steht, sollen sie dies dann gemeinsam nutzen, weitergeben, aufteilen oder umlegen? Jede dieser M\u00f6glichkeiten bringt etwas Anderes mit sich. Alle aber tragen dazu bei, die Kosten f\u00fcr die Einzelnen zu verringern und zugleich die Mitverantwortung f\u00fcr den gesamten Prozess des bed\u00fcrfnisorientierten Wirtschaftens sichtbar zu machen. Die verschiedenen Zuteilungsm\u00f6glichkeiten, die wir bislang er\u00f6rtert haben, fassen wir \u2013 im Vergleich zur kapitalistischen Marktwirtschaft \u2013 noch einmal in folgenden Tabellen zusammen:<\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<caption><em>M\u00f6glichkeiten der Zuteilung gemeinsamen Verm\u00f6gens in Commons<\/em><\/caption>\n<colgroup>\n<col width=\"111\" \/>\n<col width=\"198\" \/>\n<col width=\"208\" \/><\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" rowspan=\"2\" width=\"111\" height=\"4\"><b>Art des <\/b><br \/>\n<b>Austauschs<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" colspan=\"2\" width=\"426\"><b>Art des Verm\u00f6gens<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"198\"><b>Kann aufgebraucht werden <\/b><br \/>\n<b>(Rivalit\u00e4t zwischen den Nutzenden)<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" width=\"208\"><b>Kann nicht aufgebraucht werden <\/b><br \/>\n<b>(keine Rivalit\u00e4t zwischen den Nutzenden)<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"111\" height=\"18\"><b>Beruht auf Gegenseitigkeit<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"198\">Umlegen<br \/>\noder<br \/>\nPreissouver\u00e4n Handel treiben<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"208\">Auf Gegenseitigkeit beruhender Austausch von dem, was mehr wird, wenn wir teilen, ist in Commons nicht sinnvoll.<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" width=\"111\"><b>Beruht nicht auf Gegenseitigkeit<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" width=\"198\">Aufteilen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"208\">Weitergeben<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%; text-align: left;\">\n<caption><em>M\u00f6glichkeiten der Ressourcenzuteilung in der Marktwirtschaft<\/em><\/caption>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" rowspan=\"2\" width=\"148\"><b>Art des Austauschs<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" colspan=\"2\" width=\"381\"><b>Art der Ressource<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"178\"><b>Rivalit\u00e4t zwischen den Nutzenden<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"183\"><b>Keine Rivalit\u00e4t zwischen den Nutzenden<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"148\" height=\"52\"><b>Gegenseitig<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"178\">Handel zu Marktpreisen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"183\">In Eigentum verwandeln &amp; dann zu Marktpreisen handeln.<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black;\" width=\"148\"><b>Nicht gegenseitig<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black;\" colspan=\"2\" width=\"381\">Dies ist in den konventionellen Wirtschaftswissenschaften ein blinder Fleck, denn (F\u00fcr-)Sorge, Helfen, gemeinsam Nutzen, Weitergeben und Aufteilen gelten per Definition nicht als Teil der \u00bbWirtschaft\u00ab.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1222\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.9_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Konviviale Werkzeuge nutzen<\/em><\/p>\n<p>Den Begriff \u00bbkonviviale Werkzeuge\u00ab hat der Gesellschaftskritiker und Philosoph Ivan Illich in seinem Buch <i>Tools for Conviviality<\/i> (1973, Deutsch: <i>Selbstbegrenzung: eine politische Kritik der Technik<\/i>, 1975) eingef\u00fchrt. Dort beschrieb er die Vision einer Welt, in der eine Gemeinschaft von Nutzenden ihre eigenen Werkzeuge entwickelt und pflegt. Von dieser Welt scheinen wir uns immer weiter zu entfernen. Zahlreiche heutige Werkzeuge und Technologien sind geschlossene Systeme, die uns dazu zwingen, sie in einer bestimmten Weise zu nutzen und eine T\u00e4tigkeit entsprechend des Designs dieses Werkzeugs oder dieser Technologie auszuf\u00fchren. Denken Sie an ein Flie\u00dfband, an gentechnisch ver\u00e4nderte Kulturpflanzen oder an eine verschl\u00fcsselte DVD. Solche Systeme strukturieren, wie wir arbeiten und mit anderen in Beziehung stehen d\u00fcrfen und machen uns zudem abh\u00e4ngig von der Kontrolle durch Konzerne oder B\u00fcrokratien. Konviviale Werkzeuge sind im Gegensatz dazu offene Systeme, die jeder Mensch auf die eigene Art und Weise nutzen und zu den eigenen Zwecken anpassen kann. Illich erl\u00e4utert den Gedanken wie folgt: \u00bbDas <i>Werkzeug ist konvivial<\/i> in dem Ma\u00df, als jeder es ohne Schwierigkeit benutzen kann, so oft oder so selten er will, und zwar zu Zwecken, die er selbst bestimmt. Der Gebrauch, den ein jeder davon macht, greift nicht in die Freiheit des anderen ein, es ebenso oder anders zu machen. Niemand braucht ein Diplom f\u00fcr das Recht, sich seiner zu bedienen; man kann es benutzen oder lassen. Zwischen dem Menschen und der Welt wirkt es als Vermittler von Sinn, als \u00dcbersetzer von Intentionalit\u00e4t.\u00ab<sup>32<\/sup><\/p>\n<p>Anbautechniken f\u00fcr die Landwirtschaft, etwa Permakultur und Agro\u00f6kologie, sind konviviale Werkzeuge, weil alle sie nutzen, weitergeben und zu ihrer Verbesserung beitragen k\u00f6nnen. Im Gegensatz dazu darf man patentiertes, gentechnisch ver\u00e4ndertes Saatgut nur so einsetzen, wie es der Konzern vorschreibt, dem es geh\u00f6rt. Ein freies oder Open-Source-Betriebssystem wie GNU\/Linux kann so genutzt, weitergegeben und modifiziert werden, wie die Nutzenden es wollen. Microsoft Windows\u00ae und iOS\u00ae von Apple hingegen verbieten den Nutzenden, den Quellcode des Programms ohne Erlaubnis auch nur anzusehen. Konviviale Werkzeuge gehen \u00bbmit dem Leben\u00ab, wie der Name schon sagt. Sie fordern uns deshalb immer wieder zu kreativen Anpassungen auf. Sie helfen, kleine, schrittweise und sozial angemessene Probleml\u00f6sungen herbeizuf\u00fchren und k\u00f6nnen genutzt werden, um Situationen zu entkommen, die uns v\u00f6llig abh\u00e4ngig machen (ja, in den 1980er-Jahren war es noch m\u00f6glich, das eigene Auto zu reparieren). Konviviale Werkzeuge zu nutzen, erweitert unsere Freiheit.<\/p>\n<p>Denn es kommt, auch wenn dieser Gedanke zun\u00e4chst fremd erscheint, auf den sozialen Charakter unserer Werkzeuge und Technologien an. In Illichs Worten: \u00bbDas Werkzeug wohnt der sozialen Beziehung wesentlich inne. Jedesmal wenn ich als Mensch handle, mache ich von Werkzeugen Gebrauch. Je nachdem, ob ich es beherrsche oder ob es mich beherrscht, bindet mich das Werkzeug an den Sozialk\u00f6rper oder verbindet mich mit diesem. Insoweit ich das Werkzeug beherrsche, erf\u00fclle ich die Welt mit Sinn; insofern das Werkzeug mich beherrscht, pr\u00e4gt mich seine Struktur und zwingt mir meine Vorstellung von mir selber auf.\u00ab<sup>33<\/sup><\/p>\n<p>Welche Folgen es hat, den sozialen Charakter unserer Werkzeuge und Technologien zu ignorieren, erkl\u00e4rt der Journalist und Jurist Chase Madar so: \u00bbDas Ergebnis vieler Bem\u00fchungen zur Wirtschaftsf\u00f6rderung ist sehr h\u00e4ufig nicht das Wohlergehen der Menschen, sondern \u203amodernisierte Armut\u2039, Abh\u00e4ngigkeit von einem nicht steuerbaren System, in dem die Menschen zu verschlissenen mechanischen Teilen werden.\u00ab<sup>34<\/sup><\/p>\n<p>Konviviale Werkzeuge m\u00fcssen zug\u00e4nglich und offen sein, entsprechend der W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse der Nutzenden ver\u00e4ndert werden und \u2013 vor allem im digitalen Raum \u2013 weitergegeben werden k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen zudem viele verschiedene Anwendungen erm\u00f6glichen; auch andere als die urspr\u00fcnglich intendierte Nutzung.<sup>35<\/sup><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1237\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.10_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Auf verteilte Strukturen setzen<\/em><\/p>\n<p>Es gibt keinen in den Commons liegenden Grund, warum sie nicht in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab funktionieren k\u00f6nnten. Damit Commons wachsen, braucht es jedoch nicht nur politische Unterst\u00fctzung, sondern auch diskriminierungsfreie Infrastrukturen sowie Kommunikationsstrukturen, die das Commoning erleichtern. Menschen m\u00fcssen relativ einfache M\u00f6glichkeiten der Beteiligung und Entscheidungsfindung haben. Sie brauchen Systeme, die vertrauensw\u00fcrdig sind, eine gemeinsame Ausrichtung abbilden k\u00f6nnen und Zusammenhalt st\u00e4rken. Es muss einfach sein, in verteilten Strukturen zu kommunizieren \u2013 zwischen Einzelnen (peer to peer), von Team zu Team (Buurtzorg) oder Knoten zu Knoten (FairCoop). Das hei\u00dft, dass die Strukturen es Gleichrangigen, Teams und lokalen Knoten erm\u00f6glichen, sich miteinander zu verbinden und semi-autonome Sph\u00e4ren des commons-zentrierten Wirtschaftens und der Governance zu schaffen. In verteilten Strukturen kann jeder Teil des Ganzen semi-autonom wirken, je nach den eigenen Regeln und Bed\u00fcrfnissen, und sich gleichzeitig mit den anderen semi-autonomen Gleichrangigen koordinieren.<\/p>\n<p><i>Verteilte<\/i> Strukturen unterscheiden sich dahingehend von <i>dezentralisierten<\/i> Strukturen, dass Letztere mit einem zentralen Knotenpunkt verbunden sind. Sie beziehen sich meist auf eine hierarchisch \u00fcbergeordnete K\u00f6rperschaft (Kommunen auf L\u00e4nder, L\u00e4nder auf die Bundesregierung; Franchise-Nehmerinnen und -Nehmer auf die Konzernzentrale). Verteilte Strukturen hingegen verkn\u00fcpfen Gleichrangige (Peers, Teams, Gruppen, Knoten oder lokale Commons), die ohne zentralen Knotenpunkt durch ein Netzwerk oder einen Verbund direkt miteinander in Beziehung stehen.<sup>36<\/sup> In verteilten Strukturen ist es meist einfacher, autonom zu agieren. Zudem genie\u00dfen die Beteiligten mehr Selbstbestimmung. Das tr\u00e4gt dazu bei, die Konzentration von Macht zu verhindern; Zwang und Befehlsgewalt er\u00fcbrigen sich. Initiative, Kreativit\u00e4t und Selbstverantwortung sind herausgefordert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2365\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"643\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-300x129.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-768x329.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-1482x635.jpg 1482w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-1116x478.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-806x346.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-558x239.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap6_verteilt-655x281.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nHeute werden Institutionen oder Werkzeuge wie das Recht, die B\u00fcrokratie oder das Internet eingesetzt, um das, was stabil und funktional ist, immer gr\u00f6\u00dfer werden zu lassen. Das hat zwar moderne Institutionen geschaffen, aber auch die Zentralisierung von Macht beg\u00fcnstigt \u2013 auf Kosten Einzelner und auf Kosten lokalen Wissens. Die Herausforderung liegt also darin, moderne Institutionen so zu transformieren, dass sie tats\u00e4chlich Menschen erm\u00e4chtigen und Konvivialit\u00e4t unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen Commons sehr viele Menschen \u00fcber gro\u00dfe geographische Bereiche hinweg koordinieren und gleichzeitig ein menschliches Ma\u00df wahren? Die Antwort lautet: Ja, aber dies erfordert eine Infrastruktur, die es den Beteiligten erm\u00f6glicht, sowohl von \u00bbverteilter Selbstbestimmung\u00ab als auch von der Kooperation in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab zu profitieren. Zahlreiche transnationale Projekte arbeiten im Grunde genommen so. Die Wikimedia Foundation beispielsweise finanziert und koordiniert mehr als ein Dutzend quasi-autonomer Wiki-Projekte mit Beitragenden aus aller Welt; die Stiftungen und gemeinsamen Plattformen gro\u00dfer Open-Source-Software-Gemeinschaften erm\u00f6glichen es kleinen Gruppen von Programmierenden initiativ zu werden. Auch Bewegungen wie Transition Towns arbeiten zwar vor allem lokal, koordinieren sich aber \u00fcber politische Grenzen hinweg digital. Immer geht es darum, die Koordination nicht einer zentralen Instanz zu \u00fcberlassen, sondern Erfolgreiches nachzuahmen und sich untereinander abzustimmen (vgl. nachahmen &amp; F\u00f6derationen bilden).Das geschieht oft mit Hilfe digitaler Netzwerke. Macht und Kreativit\u00e4t k\u00f6nnen wieder an den \u00bblokalen Ma\u00dfstab\u00ab zur\u00fcck verteilt werden, w\u00e4hrend man gleichzeitig wichtige Elemente der Koordinierung in gro\u00dfem Ma\u00dfstab beibeh\u00e4lt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1236\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C.jpg\" alt=\"\" width=\"1911\" height=\"1397\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C.jpg 1911w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-300x219.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-768x561.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-1612x1178.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-1116x816.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-806x589.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-558x408.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/PI_6.12_C-655x479.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1911px) 100vw, 1911px\" \/><br \/>\n<em>Kreativ anpassen &amp; erneuern<\/em><\/p>\n<p>Die moderne Industriekultur sch\u00e4tzt \u00bbInnovation\u00ab \u2013 von der rastlosen Suche nach Wettbewerbsvorteilen getrieben \u2013 derart hoch ein, dass selbige h\u00e4ufig zum Selbstzweck wird. In einer solchen Welt ist das Ziel von Innovation, dass Unternehmen oder Einzelne sich auf dem Wettbewerbsmarkt gegen andere durchsetzen und uns Konsumentinnen und Konsumenten dazu verleiten, einen schier endlosen Strom \u00bbnoch besserer\u00ab Produkte zu kaufen. In einer solchen Welt werden Commons oft als r\u00fcckst\u00e4ndig, vormodern oder maximal kleingruppentauglich betrachtet \u2013 als statisch, schwerf\u00e4llig, uninteressant und ganz und gar <i>nicht<\/i> innovativ. Das ist nat\u00fcrlich ein Zerrbild, genauer gesagt die Unwahrheit, denn Commons k\u00f6nnen sich sehr gut an sich ver\u00e4ndernde Bed\u00fcrfnisse, Bedingungen und Erfordernisse anpassen. \u00bbInnovation\u00ab, die lediglich auf Absatzsteigerung abzielt, ist in diesem Kontext eher uninteressant. In einem Commons m\u00fcssen weder Produktion noch Gewinn st\u00e4ndig steigen. Deshalb kann sich Kreativit\u00e4t auf das fokussieren, was wirklich wichtig ist: Qualit\u00e4tsverbesserungen, Langlebigkeit und Widerstandsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Eric von Hippel zeigt in seinem Buch <i>Democratizing Innovation<\/i> (Demokratisierung der Innovation) auf, dass alle m\u00f6glichen Gemeinschaften \u2013 Menschen, die Fahrrad oder Ski fahren, Drachen fliegen oder Extremsportarten betreiben \u2013 bahnbrechende Innovationen entwickelt haben, die sp\u00e4ter von konventionellen Unternehmen kommerzialisiert wurden.<sup>37<\/sup> Auch die Praktiken indigener V\u00f6lker, deren Gepflogenheiten lange als traditionell \u2013 also gewisserma\u00dfen unver\u00e4nderlich \u2013 galten, erweisen sich als immens kreativ in der Mitgestaltung robuster \u00d6kosysteme, sei es in der Z\u00fcchtung von Saatgut oder der Domestizierung von Tieren. So ist die ber\u00fchmte Schwarzerde, die <i>terra preta do indio<\/i> aus der Amazonasregion keine zuf\u00e4llige Anomalie. Sie wurde vielmehr von indigenen B\u00e4uerinnen und Bauern geschaffen, die in der Region seit langem Holz verkohlten. Eine bemerkenswerte Eigenschaft der <i>terra preta<\/i> ist ihre au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeit, sich selbst zu regenerieren, die der Wissenschaft zufolge Mikroorganismen im Boden zuzuschreiben ist\u00ab, schreibt der politische \u00d6konom James Boyce.<sup>38<\/sup> Oder schauen wir auf die schwerkraftgetriebene Acequia-Bew\u00e4sserung im oberen Rio-Grande-Tal: sie hat die semiaride Region in eine \u00fcppige Landschaft verwandelt \u2013 mit Feuchtgebieten, bewirtschafteten Feldern und an Flussufern gelegenen Korridoren, in denen sich zahlreiche Tierarten heimisch f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die ETC Group, eine Organisation, die die Entwicklung neuer Technologien seit Jahrzehnten verfolgt, nennt solche Kreativit\u00e4t \u00bbindigene Innovation\u00ab und \u00bbkooperative Innovation\u00ab,<sup>39<\/sup> weil indigene V\u00f6lker unz\u00e4hlige ethnobotanische und \u00f6kologische Entdeckungen gemacht haben. Transnationale Konzerne haben sp\u00e4ter versucht, sie sich kostenlos anzueignen und zu privatisieren (das Vorgehen ist bekannt als \u00bbBiopiraterie\u00ab).<\/p>\n<p>Commoners m\u00fcssen sich kreativ anpassen und erneuern, nicht zuletzt deshalb, weil sie mit dem auskommen m\u00fcssen, was verf\u00fcgbar ist. Auch Improvisation ist hier gefragt. Unter Armen sowie Kleinb\u00e4uerinnen und -bauern in Indien gibt es ein Wort daf\u00fcr: <i>Jugaad.<\/i> Es bezeichnet die Praxis, mit dem, was gerade verf\u00fcgbar ist, etwas Neues zusammenzuschustern oder ein Problem zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist kreative Anpassung Teil des menschlichen Daseins. Kampf und Notwendigkeit <i>erzwingen<\/i> Kreativit\u00e4t. Sie ist \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p>Wenn wir nun all dies zusammendenken, Wissen konsequent weitergeben, die Nutzung von Naturverm\u00f6gen selbstbestimmt begrenzen, auf den Innovationswettlauf verzichten, auf offene, verteilte Strukturen setzen und so weiter \u2013 entsteht dann nicht eine andere Art des Wirtschaftens? Und wie k\u00f6nnte man die Art zu produzieren nennen, die darin dominiert? Ein Vorschlag lautet: kosmo-lokale Produktion.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich kubanische B\u00e4uerinnen und Bauern vor, die mit Ihresgleichen in Indien und Peru zusammenarbeiten, um herauszufinden, wie sie ihre Reisertr\u00e4ge verbessern k\u00f6nnen. Genau das tun B\u00e4uerinnen und Bauern, die mit dem System of Rice Intensification (SRI) assoziiert sind. Oder stellen Sie sich Designfachleute in Amsterdam vor, die mit Technik- und Architekturfachleuten in Australien und den USA \u00fcber Entw\u00fcrfen f\u00fcr preisg\u00fcnstigen, modularen Wohnraum br\u00fcten, die Menschen \u00fcberall mit lokal vorhandenen Materialien bauen k\u00f6nnen \u2013 dann haben Sie die Designer von WikiHouse vor Augen. Es sind Beispiele f\u00fcr einen Trend, der \u00bbkosmo-lokal\u00ab genannt wird. Dabei stellen Menschen \u00bbleichte\u00ab Dinge wie Wissen und Design via Internet anderen zur Verf\u00fcgung, bauen jedoch \u00bbschwere\u00ab physische Dinge wie Maschinen, Autos, Wohnraum, M\u00f6bel und elektronische Ger\u00e4te vor Ort. In der Peer-Production-Community (<i>peer production<\/i> \u2013 wir erinnern uns \u2013 bedeutet Produktion durch Gleichrangige) hei\u00dft es: \u00bbWenn es leicht ist, stelle es global zur Verf\u00fcgung \u2013 wenn es schwer ist, produziere es lokal.\u00ab In der Landwirtschaft gibt es eine lange Tradition kosmo-lokaler Kooperation. Netzwerke wie Campesino a Campesino geh\u00f6ren dazu, ein internationales Projekt f\u00fcr gegenseitige Unterst\u00fctzung, das Kleinb\u00e4uerinnen und -bauern Anfang der 1970er-Jahre in Guatemala als Selbsthilfealternative zu den Interventionen multinationaler Entwicklungsorganisationen starteten.<sup>40<\/sup> Oder Masipag, eine globale Partnerschaft, die auf den Philippinen ihren Anfang nahm und inzwischen ressourcenarme B\u00e4uerinnen und Bauern auf den Philippinen und Fachleute in Forschungsinstitutionen in der ganzen Welt f\u00fcr Z\u00fcchtung und Anbau lokal angepassten Saatguts zusammenbringt.<sup>41<\/sup> Seit den 2010er-Jahren haben digitale Technologien globale Kollaborationen mit lokalen Ergebnissen au\u00dferordentlich voran gebracht. Fachleute in den Bereichen Design, Technik und Programmierung arbeiten online zusammen, um Designprototypen f\u00fcr alles M\u00f6gliche zu entwickeln: von landwirtschaftlichen Maschinen (Traktoren, Windturbinen, Bodenfr\u00e4sen, Pressen zur Herstellung verdichteter Lehmsteine)<sup>42<\/sup> bis hin zu High-End-wissenschaftlichen Mikroskopen (OpenSPIM)<sup>43<\/sup> und Segelroboter, die das Meer nach \u00d6lunf\u00e4llen s\u00e4ubern (PROTEI).<sup>44<\/sup> Alle diese Maschinen haben Lizenzen, die die Weitergabe des Wissens und Weiterentwicklung der Entw\u00fcrfe und Produkte erm\u00f6glichen. Das bedeutet, dass Interessierte aus der Landwirtschaft, der Wissenschaft und auch der \u00d6ffentlichkeit Weltklasseinnovationen nutzen k\u00f6nnen, indem sie modulare, anpassbare, lokal verf\u00fcgbare Materialien verwenden, um ihre eigenen Werkzeuge kosteng\u00fcnstiger zu bauen.<\/p>\n<p>Open Source Ecology (OSE) ist ein solches Projekt. Irgendwo in der Welt werden verschiedene nicht-propriet\u00e4re Maschinen entworfen \u2013 viele davon f\u00fcr den Einsatz im Bau und in der Landwirtschaft. Die Entw\u00fcrfe, Bauanleitungen, Materiallisten und vieles mehr werden ins Internet gestellt, um die lokale Produktion der Maschinen einfacher zu machen. Das Projekt begann 2003 in den USA. Heute gibt es in Deutschland, Guatemala und anderswo Ortsgruppen. WikiHouse hat einen \u00bbOpen-Source-Bausatz\u00ab entwickelt, eine Art gro\u00dfer, erschwinglicher IKEA-Bausatz f\u00fcr Ihr Haus, der leicht zusammenzubauen ist. Auch das Open Building Institute, das aus Open Source Ecology hervorgegangen ist, setzt Open-Source-, konviviale und verteilte Techniken ein, um kosteng\u00fcnstige, modulare H\u00e4user zu bauen, die \u00f6kologisch und energieeffizient sind. \u00c4hnlich interessant ist Vivihouse<sup>45<\/sup>, das die Idee konvivialer Technologien bereits im Namen tr\u00e4gt. Vivihouse ist stark von Commons-Ideen inspiriert. \u00bbExperten der TU Wien\u00ab \u2013 so die Referenz<sup>46<\/sup> \u2013 arbeiten seit Beginn der 2010er Jahre daran, auch gr\u00f6\u00dfere Mehrfamilienh\u00e4user im Selbstbaumodus zu erm\u00f6glichen. Diese k\u00f6nnen mit der k\u00fcnftigen Bewohnerschaft flexibel geplant und gebaut werden: \u00bb\u00d6kobau im offenen Baukastensystem\u00ab.<sup>47<\/sup> Jederzeit anpassbar, und zwar mit fast ausschlie\u00dflich nachhaltig produzierten Materialen (bei einigen Verbindungselementen ist das nicht so einfach). Im Gro\u00dfen und Ganzen aber \u2013 in den Wandfl\u00e4chen \u2013 spielt Stroh eine wichtige Rolle. Design, Raumaufteilung und die \u00bbStapelung\u00ab der Geschossmodule kann von den zuk\u00fcnftigen Nutzerinnen und Nutzern selbst festgelegt werden. Einfachheit bei der Instandhaltung wird gro\u00df geschrieben. Und am Ende verwirklicht sich der Anspruch von Vivihouse in der Abbaubarkeit und [sic!] Transportierbarkeit der Geb\u00e4ude. Was w\u00e4re, wenn auch der Wohnraum in unseren St\u00e4dten sich wieder \u00bbentsorgen\u00ab lie\u00dfe wie einst die Almh\u00fctte. Ein Vivihouse passt \u00bbauf jedes Grundst\u00fcck, vertr\u00e4gt unterschiedliche klimatische Bedingungen und kommt so ziemlich jedem Geschmack entgegen. Und es kann bis zu 6 Stockwerke besitzen!\u00ab<sup>48<\/sup> Im Jahr des Erscheinens dieses Buches soll das erste f\u00fcnfst\u00f6ckige Haus in der \u00f6sterreichischen Hauptstadt entstehen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen diese bemerkenswerten Formen des \u00bbkosmopolitischen Lokalismus\u00ab, in den Worten von Wolfgang Sachs,<sup>49<\/sup> ohne konviviale Werkzeuge nicht funktionieren.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Dynamiken der kosmo-lokalen, bed\u00fcrfnisorientierten Commons-Produktion finden sich bei Wikispeed. Dort werden u.a. ein Postzustellungsfahrzeug und ein Taxi der n\u00e4chsten Generation gebaut, auch hier nach Open-Source-Prinzipien. Interessant ist auch Arduino, eine globale Open-Source-Community, die leicht anzuwendende Hardware- und Software-Systeme f\u00fcr 3-D-Druck-, Bildungs-, Wearable Computing- (tragbare Datenverarbeitung) und andere Anwendungen entwickelt.<\/p>\n<p>Michel Bauwens, Gr\u00fcnder der P2P Foundation, teilt kosmo-lokale Produktion in drei unterschiedliche Phasen ein: Input, Prozess und Output. Der <i>Input<\/i> (Ressourcen, Talente, Kreativit\u00e4t) kommt von Menschen, die freiwillig mitmachen und daf\u00fcr nicht um Erlaubnis bitten m\u00fcssen. Sie k\u00f6nnen einfach zu offenem und \u00bbfrei zug\u00e4nglichem Ausgangsmaterial [beitragen], das keinem restriktiven Urheberrecht unterliegt\u00ab, schreibt Bauwens.<sup>50<\/sup> W\u00e4hrend des <i>Prozesses<\/i> \u2013 der von seiner Anlage her inklusiv sein soll \u2013 bestehen \u00bbniedrige Schwellen f\u00fcr die Teilnahme, frei zug\u00e4ngliche modulare Aufgaben anstelle von funktionalen Jobs und gemeinschaftliche Validierung der Qualit\u00e4t und Exzellenz der Alternativen\u00ab, schreibt Bauwens. Schlie\u00dflich ist der <i>Output<\/i> \u2013 also das Ergebnis oder Produkt \u2013 lizenziert. Das soll gew\u00e4hrleisten, dass der in Commons gesch\u00f6pfte Wert allen zur Verf\u00fcgung steht. Auch hier bedarf es keiner Erlaubnis. H\u00e4ufig verwendete Lizenzen sind u.a. die General Public License f\u00fcr Software, Creative-Commons-Lizenzen f\u00fcr verschiedene Inhalte oder die Commons-Based Reciprocity License. Was Menschen auf Augenh\u00f6he gemeinsam schaffen, kann weitergenutzt werden, um eine neue Schicht offenen und freien Materials herzustellen, das im n\u00e4chsten Durchlauf erneut verwendet werden kann.<\/p>\n<p>Offenes globales Design in Kombination mit lokaler Herstellung hat das Potenzial, den Materialdurchsatz in der Produktion und insbesondere den Energiebedarf f\u00fcr den Transport zu senken. Ein Bericht aus dem Jahr 2017 konstatiert, dass \u00bbUmlegen und Relokalisierung [\u2026] Antworten auf das Problem der nicht-erneuerbaren Materialien\u00ab bieten.<sup>51<\/sup><\/p>\n<p>Wieder einmal kommt es auf das \u00bb&amp;\u00ab an, denn es geht nicht um Offenheit \u2013 um Open Source und Open Design \u2013, um ihrer selbst willen, sondern um Offenheit in Verbindung mit verteilter Beteiligung, kreativer Anpassung, gemeinsamer Nutzung und vielem mehr. Nur dann, in Commons-Kontexten, wird digitale Suffizienz<sup>52<\/sup> m\u00f6glich sein.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Teil III: Das Commonsversum&#8220; tab_id=&#8220;Teil3&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Teil III \u2014 Das Commonsversum<\/h2>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<h4>Wie das Commonsversum wachsen k\u00f6nnte<\/h4>\n<p>Wir sind weit gekommen: in Teil I haben wir erkl\u00e4rt, wie wichtig ein <i>Onto-Wandel<\/i> ist, um die subversive Kraft der Commons zu verstehen. Wir haben Sprache als unabdingbares Instrument beschrieben, um \u00dcberkommenes hinter uns lassen und commons-freundliche Perspektiven kultivieren zu k\u00f6nnen. In Teil II haben wir mit Hilfe der <i>Triade des Commoning<\/i> beschrieben, wie Commons lebendig werden k\u00f6nnen. Mit Hilfe von Mustern haben wir erl\u00e4utert, wie Menschen \u2013 <i>innerhalb<\/i> eines Commons \u2013 eine freie, faire und lebendige Welt hervorbringen k\u00f6nnen. Mit diesen ersten sechs Kapiteln l\u00e4sst sich Commoning recht substanziell begreifen.<\/p>\n<p>Da jedoch der Kapitalismus angesichts seiner eigenen Widerspr\u00fcche so existenzielle Probleme wie den Klimawandel, soziale Ungleichheit und gewaltbereiten Nationalismus eher f\u00f6rdert als eind\u00e4mmt, liegt eine Frage auf der Hand: Wie kann das Commonsversum gr\u00f6\u00dfer werden? Kann es unsere Art zu wirtschaften ver\u00e4ndern und unsere Kultur transformieren? Ist es m\u00f6glich, staatliches Handeln und Recht aus der hier skizzierten Perspektive zu denken? K\u00f6nnen wir die Politik auf einen Commons-Ansatz gr\u00fcnden, der weit dar\u00fcber hinausgeht, die ein oder andere Reform <i>f\u00fcr<\/i> Commons vorzunehmen? Schlie\u00dflich geht es \u2013 wie wir gezeigt haben \u2013 nicht nur um das Pflegnutzen der Gemeing\u00fcter, sondern darum zu ver\u00e4ndern, <i>wie<\/i> wir in und mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Institutionen interagieren. Diese Fragen werden wir in Teil III aufgreifen.<\/p>\n<p>Der erste Schritt auf diesem Weg ist klein, die Erkenntnis schlicht: Die Muster des Commoning, besonders der Peer Governance, sind nicht nur <i>innerhalb<\/i> eines Commons hilfreich, sondern auch <i>zwischen<\/i> Commons. Die Triade des Commoning l\u00e4sst sich also auch in Verb\u00fcnden anwenden. Sie ist \u00fcberall dort n\u00fctzlich, wo sich unterschiedliche Akteure zusammentun, um Probleme zu l\u00f6sen, von denen alle betroffen sind. \u00dcberall dort sollte es gelingen, sich in Vielfalt gemeinsam auszurichten, gemeinstimmig zu entscheidenund Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugeben, statt sich im Wettstreit der Interessen gegenseitig zu \u00fcberstimmen und dabei Informationen manipulativ einzusetzen. Einzelne Projekte und Initiativen k\u00f6nnen lernen, sich auf Grundlage der in Teil II beschriebenen Ethik mit anderen zu koordinieren. Allerdings werden die Dinge dann auch komplexer. Neue Kooperationsformen sind gefragt, nicht nur <i>innerhalb<\/i> von Commons (auf der \u00bbMikroebene\u00ab), sondern eben auch <i>zwischen<\/i> einzelnen Commons (auf der \u00bbMesoebene\u00ab) und in komplizierten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (auf der \u00bbMakroebene\u00ab). Diese Dreiteilung ist hier nur ein Hilfsmittel. Sie ist \u00bbzu ordentlich\u00ab. Die Dynamiken aller Ebenen sind nicht so ordentlich geschichtet, sondern wirken durch die Verkn\u00fcpfung in und zwischen ihnen. Dennoch ist sie hilfreich, um Commons in einem gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Zusammenhang zu erkl\u00e4ren. Das ist (hoffentlich) nicht nur f\u00fcr Sie als Leserinnen und Leser aufschlussreich, sondern auch f\u00fcr die Commoners selbst. Schlie\u00dflich m\u00fcssen sie ihre Anliegen in einer politischen und \u00f6konomischen Ordnung behaupten, die dieser Seins- und Wirtschaftsweise typischerweise ablehnend, mindestens aber verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Folgende Strategien sind aus unserer Sicht besonders wichtig, um dieser Herausforderung zu begegnen. Erstens, Commoners m\u00fcssen lernen, sich vor Einhegungen und Vereinnahmung zu sch\u00fctzen. Voraussetzung daf\u00fcr ist, sich der eigenen (Au\u00dfen-)Grenzen gewahr zu werden. Das erinnert an die historische Praxis englischer Commoners: to \u00bbbeat the bounds\u00ab. Sie bestand \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 darin, einmal im Jahr gemeinsam die Grenze ihres Gebiets abzuschreiten. Sinn und Zweck war es, nicht nur die Z\u00e4une oder Hecken zu entfernen, die zu weit ins eigene Territorium vorgedrungen waren (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer), sondern auch das gemeinschaftliche Leben selbst zu feiern. Heute gibt es andere Formen, um Einhegungen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen: direkte Aktionen oder zivilen Ungehorsam. Diese Art des \u00bbAbschreitens\u00ab der \u2013 oft uneindeutigen \u2013 Grenzen des Commons erinnert an die \u00fcber 6 Jahre anhaltenden Aktionen im Hambacher Forst. Der 200 Hektar gro\u00dfe uralte Buchenwald in Nordrhein-Westfalen zwischen K\u00f6ln und Aachen wurde zum Symbol einer Bewegung, die sich f\u00fcr den Kohleausstieg engagiert. Im Herbst 2018 endeten die weitgehend friedlichen Proteste erfolgreich. Die Rodung des Waldes kam per Gerichtsbeschluss vor\u00fcbergehend zum Stillstand. \u00bbBeating the bounds\u00ab soll zun\u00e4chst ein gewisses Ma\u00df an Commoning wiederherstellen \u2013 und zwar bezogen auf Grund und Boden, Wasser, Saatgut, Code, kreative Werke und Kultur. Es st\u00e4rkt zudem die Identifikation der Beteiligten oder Betroffenen mit dem gemeinsamen Anliegen. Wie auch immer die Taktik aussieht, sie sollte in langfristige Strategien eingebettet sein. Das kann die Beeinflussung der Gesetzgebung sein<sup>1<\/sup>, die Entwicklung technologischer Standards oder die Ritualisierung sozialen Miteinanders \u2013 sie alle entfalten Wirkung. Zudem brauchen Commons eine gewisse institutionelle Stabilit\u00e4t und rechtliche Ankerkennung, um sich langfristig durchzusetzen. Doch das ist nur der Anfang. Sobald es in einem bestimmten Lebensbereich mehr Commons gibt, k\u00f6nnen Commoners, und das ist die zweite Strategie, ihr Tunnachahmen &amp; Verb\u00fcnde bilden. So entstehen \u00fcberregionale Kooperationen, Infrastrukturen werden gemeinsam genutzt und Wissen wird weiterverbreitet. Die solidarischen Landwirtschaften in Deutschland haben sich zum Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zusammengetan. Dar\u00fcber tauschen sie Ideen und Erfahrungen aus, finanzieren gemeinsame Forschungsarbeiten oder bringen SoLaWi-Interessierte und H\u00f6fe miteinander in Kontakt. Zudem wird freie Software, die spezifisch auf die Bed\u00fcrfnisse von SoLaWis ausgerichtet ist, \u00fcber das Netzwerk bekannt gemacht. Open Olitor hei\u00dft die von einem internationalen Team programmierte \u00bbeuropaweit einsetzbare OpenSource-Software<sup>2<\/sup>\u00ab, die \u00bbgrunds\u00e4tzlich allen zum Download und zur Nutzung zur Verf\u00fcgung [steht]\u00ab.<sup>3<\/sup> Wenn sie von den Nutzenden selbst gehostet und betrieben wird, entstehen den SoLaWis keine weiteren Kosten. Gerade in der digitalen Welt gibt es viele Beispiele daf\u00fcr, wie sich unterschiedliche Commons miteinander verbinden und gegenseitig st\u00e4rken k\u00f6nnen. Am Beispiel von Lehrmitteln l\u00e4sst sich zeigen, was damit gemeint ist.<\/p>\n<p>Das gute alte Schulbuch wird derzeit ad acta gelegt. \u00bbSchulbuch des Jahres\u00ab wurde 2018 erstmals ein Lehrwerk, das nicht mit Druckerschw\u00e4rze in Ber\u00fchrung kam \u2013 f\u00fcr das Fach Geschichte.<sup>4<\/sup> Geschichte kann man nicht auswendig lernen, man muss sie durchdringen. Das wiederum geschieht auf sehr individuelle Weise, was digitale Lehrb\u00fccher attraktiv macht. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen darin Anmerkungen hinterlassen, Texte markieren, eigene Fotos und Links oder Notizen speichern. Das ausgezeichnete Schulbuch aus dem Hause eines bekannten Lehrbuchverlages soll in der Nutzung k\u00fcnftig knapp 20 Euro pro Klasse und Monat (!) kosten.<sup>5<\/sup> Mit Commons w\u00e4re das anders. Dass es nicht nur denkbar, sondern auch machbar ist, ein Schulbuch als Commons herzustellen, zeigt das offene und freie Biologie-Buch vom Schul-O-Mat, das 2013 erstmals online war. Bei Schul-O-Mat entstehen auf kollaborative Weise \u00bboffene\u00ab Lehrwerke.<sup>6<\/sup> Das zentrale Muster in der Erstellung der Inhalte ist: Beitragen &amp; Weitergeben. Die Redaktion nutzt freie und quelloffene Software als Werkzeug. Creative-Commons oder andere freie Lizenzen dienen als Rechtsschutz. Speicherplatzsparsame Web-Anwendungen, die nicht an bestimmte Anwendungen (Apps) oder Herausgebervorgaben gebunden sind, werden zur Verbreitung genutzt. Schul-O-Mat ist Teil einer weltweiten Bewegung f\u00fcr Freie Lehrmittel,<sup>7<\/sup> die Impulse liefern kann, das Prinzip der Lernmittelfreiheit zu retten, welches seit Beginn der 2000er Jahre unter Druck ger\u00e4t.<sup>8<\/sup><\/p>\n<p>Dadurch, dass ein Projekt die Hardware-, Software-, Rechtsform oder Infrastruktur anderer Commons nutzt, wird es unabh\u00e4ngiger und st\u00e4rkt das Ganze: das Commonsversum. Und weil Commoners einander brauchen, der Erfolg eines Commons gar den Erfolg eines anderen Commons bedingt, bleiben die Beteiligten mehr oder weniger auf dem Laufenden \u00fcber Fortschritte der Anderen \u2013 neue Benutzeroberfl\u00e4chen, Sicherheitsprotokolle oder Verbreitungsm\u00f6glichkeiten werden ausprobiert und angewendet. Diese Verb\u00fcnde, ob gut organisiert oder lose formiert, sind keine formalen \u00bbVertretungen\u00ab. Es sind eher gemeinsame Strukturen und Arbeitszusammenh\u00e4nge, die Stabilit\u00e4t geben. Sie sind horizontal oder heterarchisch organisiert, in jedem Fall aber in Bewegung. Ihr Anliegen ist, die vielen Formen des commons-zentrierten Wirtschaftens zu st\u00e4rken und zugleich gemeinsame Kapazit\u00e4ten, Infrastrukturen oder Finanzierungswege aufzubauen, um unabh\u00e4ngiger von Markt und Staat zu werden. Das ist letztlich die Grundlage ihrer politischen Kraft.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber das nachahmen &amp; Verb\u00fcnde bildenhinaus, ist es f\u00fcr Commons strategisch wichtig, sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen und gemeinsame Anliegen voranzubringen. Wir nennen das <i>Intercommoning.<\/i> Es hilft jedem Projekt, die eigene Nische in einem gr\u00f6\u00dferen \u00d6kosystem kollegial arbeitender Gemeinschaften zu finden und belebt zugleich das ganze Feld \u2013 \u00fcber den eigenen Gestaltungsbereich hinaus. Intercommoning ist wichtig, um aus der Verschiedenheit heraus eine gemeinsame Kultur zu pflegen, neue Entwicklungen zu erfassen oder Strategien zu erarbeiten, die Commoning st\u00e4rken. Daf\u00fcr sind lediglich offene R\u00e4ume n\u00f6tig, in denen sich Menschen, die sich sonst nicht kennenlernen w\u00fcrden, begegnen und gemeinsam, selbstbestimmt und produktiv arbeiten k\u00f6nnen: Hackerinnen und Hacker mit B\u00e4uerinnen und Bauern, zum Beispiel, oder Menschen mit geringem Einkommen mit den Aktiven aus den Fablabs oder Aktivistinnen und Aktivisten f\u00fcr offene Bildungsressourcen (OER) mit Menschen aus Wohnprojekten. Wenn sie sich die <i>Sprache der Commons<\/i> (Kapitel 3) und die Muster des Commoning (Kapitel 4 bis 6) in Grundz\u00fcgen zu eigen machen<sup>9<\/sup>, werden sie allm\u00e4hlich einen pers\u00f6nlichen Onto-Wandel vollziehen.<\/p>\n<p>Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Warum ist all das n\u00f6tig? Weil Commoning sich den Bedingungen des Marktstaates zu stellen hat. Staatliche Macht ist nicht nur real, sie pr\u00e4gt auch viele Lebensbereiche und privilegiert dabei im Allgemeinen die Grundannahmen, die der kapitalistischen Marktwirtschaft zu Grunde liegen. Das zeigt sich an einem Rechtsrahmen, der Privateigentum, Markttransaktionen und Vertr\u00e4ge zwischen Rechtssubjekten hochh\u00e4lt. Wer also im Sinne des Onto-Wandels wirken m\u00f6chte, muss ausgekl\u00fcgelte Formen finden, mit den Voreingenommenheiten umzugehen, die in unserer Marktkultur tief verwurzelt sind und die sich in den Strukturen staatlicher Macht, in der Politik und im Recht widerspiegeln. Das ist eine immense Herausforderung!<\/p>\n<p>Das \u00dcberleben vieler Commons \u00fcber Jahrhunderte hinweg legt nahe, dass sie sehr robust sind und \u00fcber bemerkenswerte, kreative Kr\u00e4fte verf\u00fcgen, sich selbst zu sch\u00fctzen und zu expandieren. Was w\u00e4re m\u00f6glich, wenn sie daf\u00fcr ein f\u00f6rderliches Umfeld f\u00e4nden? Etwa jene Unterst\u00fctzung des konventionellen Rechts, der Finanzierung, der staatlichen Politik, die f\u00fcr die relevanten Akteure in der Marktwirtschaft bislang selbstverst\u00e4ndlich ist und die die selbstverst\u00e4rkende Dynamik entfaltet, die Commoning verbirgt und Einhegungen erzeugt. Mit dieser Frage im Gep\u00e4ck, begeben wir uns in den folgenden Kapiteln auf eine k\u00fchne Forschungsexpedition. Wir stellen uns vor, die Macht des Staates und des Rechts w\u00fcrde genutzt, um Commons sowohl operational als auch strukturell zu unterst\u00fctzen. Erwarten Sie bitte keine Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Gesetzes\u00e4nderungen, neue Gesetzesvorhaben, Verordnungen oder staatliche F\u00f6rderprogramme. Wer glaubt, damit die bestehenden Tiefenstrukturen von Markt oder Staat zu ver\u00e4ndern, wird zwangsl\u00e4ufig entt\u00e4uscht werden. Wir schlagen Strategien vor, die ihre Energie und St\u00e4rke aus dem Wandel im Seinsverst\u00e4ndnis und den Mustern des Commoning ziehen. Nicht Politik und Recht werden die Haupttreiber des Wandels sein, sondern das Commoning selbst wird es sein. Deswegen ist es so wichtig, eine Commons-Kultur zu st\u00e4rken. Schon heute l\u00e4sst sich \u2013 wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden \u2013 in dieser Hinsicht viel erreichen, ohne sich in Kompromisse und Vereinnahmungen durch die konventionelle Politik zu verstricken und ohne sich von der Z\u00e4higkeit rechtlicher Ver\u00e4nderungen l\u00e4hmen zu lassen. Es geht uns nicht darum, \u00bbPolitik, wie wir sie kennen\u00ab, zu ignorieren. Versuche, staatliche Machtaus\u00fcbung direkt zu beeinflussen, bleiben wichtig. Doch strategisch werden Transformationsbem\u00fchungen dann, wenn wir Commoning zu ihrem Kern machen \u2013 wenn wir damit anfangen. Wenn Politik kein Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck, dann muss dieser Zweck so klar wie m\u00f6glich gefasst werden: etwa in einer Gesellschaft zu leben, die frei, fair und lebendig (enkeltauglich) zugleich ist. Wenn dem ber\u00fchmten Prinzip der Alternativlosigkeit (TINA, steht f\u00fcr t<i>here<\/i> i<i>s<\/i> n<i>o<\/i> a<i>lternative<\/i>) die TAPAs (t<i>here<\/i> a<i>re<\/i> p<i>lenty of <\/i> a<i>lternatives<\/i>) entgegengesetzt werden sollen, dann m\u00fcssen wir konkrete Vorstellungen von diesen Alternativen entwickeln, sie erproben, umsetzen und st\u00e4rken. Nur dann werden die Diskussionen um Commons nicht wolkig bleiben. Klarheit dar\u00fcber, was Commoning ausmacht, ist zudem die beste M\u00f6glichkeit, die Fallstricke von Politik und Macht, die F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten vereinnahmen oder an denen soziale Bewegungen scheitern, zu umgehen. Sich eng an den Mustern des Commoning zu orientieren ist daher auch auf der Makroebene sinnvoll.<\/p>\n<p>Vermutlich dr\u00e4ngt sich Ihnen nun die Frage auf, ob die in Teil II beschriebene Macht des Commoning und die commons-freundlichen Politiken, die Sie auf den folgenden Seiten erwarten, wirklich die Kraft zur Ver\u00e4nderung haben. Woran machen wir fest, ob sich tats\u00e4chlich Ansatzpunkte f\u00fcr einen \u00bbGro\u00dfen Wandel\u00ab bieten, weg vom staatlich geh\u00e4tschelten Marktfundamentalismus und hin zu etwas Besserem? Die Humangeografin Dina Hestad von der Universit\u00e4t Oxford setzt sich mit dieser Frage auseinander. Sie erforscht, welche Eigenschaften Handlungen und Vorgehensweisen haben m\u00fcssen, wenn sie gesellschaftlich ver\u00e4ndernd sein sollen. Ihre Kriterienliste scheint uns hilfreich, um Praktiken, Institutionen und Politiken auf ihre Transformationskraft hin zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie sollten:<\/p>\n<ul>\n<li>auf eine Vision hinarbeiten, die die Grenzen der \u00f6kologischen Tragf\u00e4higkeit der Erde widerspiegelt;<\/li>\n<li>ber\u00fccksichtigen, dass Ver\u00e4nderungen in einem komplexen System nicht kon\u00adtrollierbar sind, das hei\u00dft mit Unsicherheit umgehen k\u00f6nnen;<\/li>\n<li>vermeiden, Probleme r\u00e4umlich oder zeitlich zu verlagern;<\/li>\n<li>die tieferen Ursachen von Beschleunigung und Wachstum angehen \u2013 die Resonanzkatastrophen in Regelsystemen also, die die meisten der heutigen \u00f6kologischen und sozialen Krisen verursachen;<\/li>\n<li>auf Systeme hinarbeiten, in denen Machtungleichgewichte nicht unkontrolliert blieben und (destruktive) alte Stammesd\u00fcnkel nicht getriggert werden;<\/li>\n<li>die Erkenntnis f\u00f6rdern, dass Menschen Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen sind,<\/li>\n<li>Resonanzr\u00e4ume f\u00fcr die Gestaltung sinnstiftender Beziehungen zwischen Mensch und Natur schaffen, in denen Emotionen Raum haben;<\/li>\n<li>individuelle und kollektive Handlungskompetenzen st\u00e4rken;<\/li>\n<li>unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten erweitern, statt verringern;<\/li>\n<li>eine \u00fcberzeugende und inspirierende Geschichte des Systemwandels kommunizieren, die sowohl Probleme benennt als auch angemessene Ansatzpunkte zu deren L\u00f6sung ausfindig macht und bei Menschen vielf\u00e4ltiger Couleur und Weltanschauung Anklang findet;<\/li>\n<li>sozialen Zusammenhalt und ein Gef\u00fchl des Miteinanders auf verschiedenen Ebenen beg\u00fcnstigen, was Vertrauen, Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und die Bereitschaft sich zu beteiligen, einschlie\u00dft; und<\/li>\n<li>kritisches Denken f\u00f6rdern sowie kulturelle Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und die Offenheit, von unterschiedlichen Ideen und Perspektiven zu lernen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Commoning hat reichlich Potenzial, diese Kriterien zu erf\u00fcllen. Ob das tats\u00e4chlich geschieht, h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Umsetzung ab! Und davon, ob Commoning auch aus einem vom Marktstaat gepr\u00e4gten politischen System heraus gest\u00e4rkt werden kann. Das ist zwar <i>sehr schwierig<\/i>, so glauben wir, aber zweifellos machbar, zumindest dann, wenn wir diese Kriterienliste als Ma\u00dfstab nutzen. Die folgenden vier Kapitel sollen das zeigen und dabei auf einige grunds\u00e4tzliche Hebel des Umsteuerns verweisen, die f\u00fcr die Verbreitung von Commons elementar sind.<\/p>\n<p>Wir beginnen in Kapitel 7 mit einer der grundlegendsten Institutionen der modernen Gesellschaft \u2013 dem Eigentum. Wenn Machtverh\u00e4ltnisse sich \u00e4ndern sollen \u2013 wir also Commoners erm\u00e4chtigen wollen \u2013, kann die Eigentumsfrage nicht unber\u00fccksichtigt bleiben. Wir werden daher einige der grundlegenden Annahmen, die mit dem modernen Eigentumsbegriff verbunden sind, genauer beleuchten. Diese sind sowohl in das Recht eingeschrieben als auch in die sozialen Normen, die wir verinnerlicht haben. Deshalb ist es nicht ganz trivial, sie freizulegen. Gegen\u00fcber dem modernen Eigentumsbegriff wurden andere Konzepte im Laufe der Jahrhunderte weitgehend verdr\u00e4ngt, obwohl sie weiterhin wichtig f\u00fcr die Frage bleiben, was wir uns <i>wie<\/i> aneignen: etwa die Rolle von Gebr\u00e4uchen als Form des \u00bbvernakul\u00e4ren Rechts\u00ab oder die zwingende Idee der Unverk\u00e4uflichkeit f\u00fcr die (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung von Commons. Aber auch der Unterschied zwischen (existentiellem) Besitz im Gegensatz zur Eigent\u00fcmerschaft ist f\u00fcr uns eine wichtige Quelle der Inspiration.<\/p>\n<p>Im Anschluss daran wird es zun\u00e4chst praktisch. In Kapitel 8 werden wir zeigen, wie Menschen \u00bbdie Beziehungshaftigkeit des Habens verankern\u00ab. Wir beschreiben \u00bbandere Formen des Habens\u00ab, jenseits des Eigentums, wie wir es kennen. Also jenseits der Idee von absoluter Verf\u00fcgungsgewalt (<i>dominium<\/i>) und der Vorstellung von Eigentum als Ding. Wir betrachten einige Beispiele, in denen eine Kultur des Zusammenlebens mit Rechtsformen kombiniert ist, aus denen sich ein anderes Eigentumsverst\u00e4ndnis ableiten l\u00e4sst. Jedes hat auf ausgekl\u00fcgelte Weise ein Commons etabliert und dabei ver\u00e4ndert, wie wir \u00bbEigentum\u00ab denken und bewirtschaften.<\/p>\n<p>Diese Ausfl\u00fcge in die Welt des Eigentums bringen uns nat\u00fcrlich zu der Frage, wie aus der Perspektive staatlichen Handelns frische Ideen zum \u00bbHaben\u00ab und zum Commoning insgesamt gest\u00e4rkt werden k\u00f6nnten. In Kapitel 9 beschreiben wir deshalb einige M\u00f6glichkeiten, innerhalb der existierenden politischen Systeme mehr Raum f\u00fcr Commoning zu erk\u00e4mpfen. Da moderne Nationalstaaten in ihrer Fixierung auf Wachstum und Kapital den Akteuren des Marktes kaum nachstehen, sind sie meist nicht offen f\u00fcr bed\u00fcrfnisorientiertes Wirtschaften und Regulieren, wie wir es aus Commons kennen. Wie also k\u00f6nnen wir staatliche Macht neu konfigurieren? Unter welchen Szenarien w\u00e4ren staatliche Beh\u00f6rden in der Lage, Commoning zu unterst\u00fctzen? Das ist der Fokus von Kapitel 9.<\/p>\n<p>In Kapitel 10 schlie\u00dflich konzentrieren wir uns auf drei Ans\u00e4tze, mit denen staatliche Macht wirksam eingesetzt werden kann, um Commoning zu unterst\u00fctzen. Dazu geh\u00f6ren: 1) St\u00e4rkung von Commons-Chartas als \u00bbkonstituierende Instrumente\u00ab bewusster Selbstorganisation; 2) der Ausbau von Infrastrukturen in und f\u00fcr bewusste(r) Selbstorganisation, um Commons statt propriet\u00e4re gewerbliche Aktivit\u00e4t zu unterst\u00fctzen; 3) Commons Public Partnerships (statt Private Public Partnerships), um die M\u00f6glichkeiten der \u00f6ffentlichen Hand und Verwaltung f\u00fcr Commons nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Infrastrukturen bieten neben gemeinsam genutzten Systemen, wie selbstverwalteten WLAN-Netzen und offenen Ver\u00f6ffentlichungsprotokollen, \u00bbDistributed-Ledger-Technik\u00ab ganz neue M\u00f6glichkeiten. Das sind Software-Systeme, die auf Blockchains aufbauen. Dieses digitale Werkzeug transpersonaler Koordination ist durch eine ihrer bahnbrechenden Anwendungen bekannt geworden, dem Bitcoin, einer W\u00e4hrung, die zum Handeln und Spekulieren nicht nur geeignet ist, sondern geradezu einl\u00e4dt. Doch k\u00f6nnen Distributed-Ledger-Technik auch so ausgestaltet werden, dass sie die M\u00f6glichkeiten der Commons ausbauen? K\u00f6nnen sie verteilte Infrastrukturen und Koordinationswerkzeuge bereitstellen, die die Potenziale st\u00e4rken?<\/p>\n<p>Wie wir mit dem \u00bbBeziehungseigentum\u00ab beschreiben werden, dienen diese Innovationen den Commons nur, wenn sie sich aus dem Onto-Wandel speisen \u2013 wenn Individuum und Kollektiv, Rationales und Nicht-Rationales, Kurzfristiges und Zeitloses tiefer integriert und als Ganzes begriffen werden. Ohne Onto-Wandel, sind strukturelle Ver\u00e4nderungen auf der Makroebene unwahrscheinlich. Wenn wir \u2013 wie beim Hausbau \u2013 nicht mit einem soliden Fundament beginnen, werden wir niemals in der Lage sein, institutionelle Strukturen wirklich anders, lebensn\u00e4her und lebensfreundlicher zu denken und zu gestalten.<\/p>\n<p>Da wir nun einmal vorschlagen, dass Commoning mit der Macht und den Mitteln des Staates unterst\u00fctzt werden sollte, ist es zur Einordnung wichtig, darauf hinzuweisen, was wir <i>nicht<\/i> vorschlagen. Wir versuchen nicht, das politische System neu zu denken. Wir versuchen nicht, den Nationalstaat neu zu erfinden, so notwendig das auch sein mag. Wir versuchen nicht, in einem traditionellen revolution\u00e4ren Sinne den \u00bbKapitalismus zu zerschlagen\u00ab, obwohl jeder Akt des Commoning dem Kapitalismus ein Schnippchen schl\u00e4gt. Die Ausweitung von Commons geht immer mit einem Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Macht der Geldvermehrung einher. Es gibt aus Commons-Perspektive zu diesen Herausforderungen viel zu sagen, philosophisch wie politisch. Nicht alles ist bereits durchdacht. Und nicht alles findet in diesem Buch Platz. Doch grunds\u00e4tzlich liegt es uns fern, eine grandiose, langfristige Agenda vorzuschlagen und dann daf\u00fcr in einer Weise \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten, als m\u00fcsse man nur den hier formulierten Erkenntnissen folgen. Solch ein Ansatz w\u00fcrde die tiefere Logik der Commons ignorieren, nach der aus der Lebendigkeit vielf\u00e4ltiger, unabh\u00e4ngiger Formen des Commoning die Kreativit\u00e4t und Verpflichtung hervorgeht, f\u00fcr jeden Kontext passende L\u00f6sungen zu entwickeln.<\/p>\n<p>In diesem Sinne setzen wir auf eine langfristige Agenda der \u00bbEmergenz der Alternativen durch Commoning\u00ab. Deswegen ist es so wichtig, die F\u00e4higkeit zu st\u00e4rken, wie Commoners zu denken. Deswegen m\u00fcssen wir Commoning sichtbar machen, unterst\u00fctzen und Commoners miteinander verbinden. Das ist die Saat der Kultur, der Praxis und der institutionellen Macht, die im Laufe der Zeit aufgehen kann. Es ist diese allm\u00e4hliche Entfaltung, die Commoning \u00fcberhaupt erst robust macht. Diese Dynamik gilt es zu f\u00f6rdern, anstatt uns voreilig oder naiv in Frontalangriffe auf ein h\u00f6chst bew\u00e4hrtes Markt-Staat-System zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Der \u00bbnat\u00fcrlichste\u00ab Verkn\u00fcpfungspunkt zwischen staatlichen Institutionen und Commoners ist die lokale Ebene. Es ist kein Zufall, dass die W\u00f6rter \u00bbCommons\u00ab und \u00bbKommune\u00ab den gleichen Ursprung haben. Das Lateinische <i>munus<\/i> steckt darin, was \u00bbAufgabe\u00ab, \u00bbPflicht\u00ab, aber auch \u00bbGabe\u00ab bedeutet. Auf Ebene der Gemeinde \u2013 der \u00bbCommunity\u00ab oder Kommune \u2013 wird weniger ideologisch oder parteipolitisch-kalkulierend regiert. Die schlichte Machbarkeit steht im Mittelpunkt. Was funktioniert, was nicht? Auf dieser Ebene ist es f\u00fcr Politikerinnen und Politiker schwieriger, Anliegen zu ignorieren oder sich hinter der Parteir\u00e4son zu verstecken. Menschen k\u00f6nnen ihrer Stimme leichter Geh\u00f6r verschaffen, effizienter Druck aus\u00fcben oder Ideen einbringen \u2013 wie die florierende \u00bbStadt als Commons\u00ab-Bewegung in Europa und Dutzende st\u00e4dtischer Commons-Initiativen, die im Magazin <i>Shareable<\/i> dokumentiert sind, zeigen.<sup>10<\/sup> Unsere Herausforderung ist, diese Ethik im Kontext der gr\u00f6\u00dferen, modernen staatlichen Strukturen, in die wir nun einmal eingebunden sind, zu denken. Genau darum geht es auf den folgenden Seiten.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Einleitung | Wie das Commonsversum wachsen k\u00f6nnte&#8220; tab_id=&#8220;Einleitung3&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Teil III \u2014 Das Commonsversum<\/h2>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<h4>Wie das Commonsversum wachsen k\u00f6nnte<\/h4>\n<p>Wir sind weit gekommen: in Teil I haben wir erkl\u00e4rt, wie wichtig ein <i>Onto-Wandel<\/i> ist, um die subversive Kraft der Commons zu verstehen. Wir haben Sprache als unabdingbares Instrument beschrieben, um \u00dcberkommenes hinter uns lassen und commons-freundliche Perspektiven kultivieren zu k\u00f6nnen. In Teil II haben wir mit Hilfe der <i>Triade des Commoning<\/i> beschrieben, wie Commons lebendig werden k\u00f6nnen. Mit Hilfe von Mustern haben wir erl\u00e4utert, wie Menschen \u2013 <i>innerhalb<\/i> eines Commons \u2013 eine freie, faire und lebendige Welt hervorbringen k\u00f6nnen. Mit diesen ersten sechs Kapiteln l\u00e4sst sich Commoning recht substanziell begreifen.<\/p>\n<p>Da jedoch der Kapitalismus angesichts seiner eigenen Widerspr\u00fcche so existenzielle Probleme wie den Klimawandel, soziale Ungleichheit und gewaltbereiten Nationalismus eher f\u00f6rdert als eind\u00e4mmt, liegt eine Frage auf der Hand: Wie kann das Commonsversum gr\u00f6\u00dfer werden? Kann es unsere Art zu wirtschaften ver\u00e4ndern und unsere Kultur transformieren? Ist es m\u00f6glich, staatliches Handeln und Recht aus der hier skizzierten Perspektive zu denken? K\u00f6nnen wir die Politik auf einen Commons-Ansatz gr\u00fcnden, der weit dar\u00fcber hinausgeht, die ein oder andere Reform <i>f\u00fcr<\/i> Commons vorzunehmen? Schlie\u00dflich geht es \u2013 wie wir gezeigt haben \u2013 nicht nur um das Pflegnutzen der Gemeing\u00fcter, sondern darum zu ver\u00e4ndern, <i>wie<\/i> wir in und mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Institutionen interagieren. Diese Fragen werden wir in Teil III aufgreifen.<\/p>\n<p>Der erste Schritt auf diesem Weg ist klein, die Erkenntnis schlicht: Die Muster des Commoning, besonders der Peer Governance, sind nicht nur <i>innerhalb<\/i> eines Commons hilfreich, sondern auch <i>zwischen<\/i> Commons. Die Triade des Commoning l\u00e4sst sich also auch in Verb\u00fcnden anwenden. Sie ist \u00fcberall dort n\u00fctzlich, wo sich unterschiedliche Akteure zusammentun, um Probleme zu l\u00f6sen, von denen alle betroffen sind. \u00dcberall dort sollte es gelingen, sich in Vielfalt gemeinsam auszurichten, gemeinstimmig zu entscheidenund Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugeben, statt sich im Wettstreit der Interessen gegenseitig zu \u00fcberstimmen und dabei Informationen manipulativ einzusetzen. Einzelne Projekte und Initiativen k\u00f6nnen lernen, sich auf Grundlage der in Teil II beschriebenen Ethik mit anderen zu koordinieren. Allerdings werden die Dinge dann auch komplexer. Neue Kooperationsformen sind gefragt, nicht nur <i>innerhalb<\/i> von Commons (auf der \u00bbMikroebene\u00ab), sondern eben auch <i>zwischen<\/i> einzelnen Commons (auf der \u00bbMesoebene\u00ab) und in komplizierten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (auf der \u00bbMakroebene\u00ab). Diese Dreiteilung ist hier nur ein Hilfsmittel. Sie ist \u00bbzu ordentlich\u00ab. Die Dynamiken aller Ebenen sind nicht so ordentlich geschichtet, sondern wirken durch die Verkn\u00fcpfung in und zwischen ihnen. Dennoch ist sie hilfreich, um Commons in einem gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Zusammenhang zu erkl\u00e4ren. Das ist (hoffentlich) nicht nur f\u00fcr Sie als Leserinnen und Leser aufschlussreich, sondern auch f\u00fcr die Commoners selbst. Schlie\u00dflich m\u00fcssen sie ihre Anliegen in einer politischen und \u00f6konomischen Ordnung behaupten, die dieser Seins- und Wirtschaftsweise typischerweise ablehnend, mindestens aber verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Folgende Strategien sind aus unserer Sicht besonders wichtig, um dieser Herausforderung zu begegnen. Erstens, Commoners m\u00fcssen lernen, sich vor Einhegungen und Vereinnahmung zu sch\u00fctzen. Voraussetzung daf\u00fcr ist, sich der eigenen (Au\u00dfen-)Grenzen gewahr zu werden. Das erinnert an die historische Praxis englischer Commoners: to \u00bbbeat the bounds\u00ab. Sie bestand \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 darin, einmal im Jahr gemeinsam die Grenze ihres Gebiets abzuschreiten. Sinn und Zweck war es, nicht nur die Z\u00e4une oder Hecken zu entfernen, die zu weit ins eigene Territorium vorgedrungen waren (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer), sondern auch das gemeinschaftliche Leben selbst zu feiern. Heute gibt es andere Formen, um Einhegungen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen: direkte Aktionen oder zivilen Ungehorsam. Diese Art des \u00bbAbschreitens\u00ab der \u2013 oft uneindeutigen \u2013 Grenzen des Commons erinnert an die \u00fcber 6 Jahre anhaltenden Aktionen im Hambacher Forst. Der 200 Hektar gro\u00dfe uralte Buchenwald in Nordrhein-Westfalen zwischen K\u00f6ln und Aachen wurde zum Symbol einer Bewegung, die sich f\u00fcr den Kohleausstieg engagiert. Im Herbst 2018 endeten die weitgehend friedlichen Proteste erfolgreich. Die Rodung des Waldes kam per Gerichtsbeschluss vor\u00fcbergehend zum Stillstand. \u00bbBeating the bounds\u00ab soll zun\u00e4chst ein gewisses Ma\u00df an Commoning wiederherstellen \u2013 und zwar bezogen auf Grund und Boden, Wasser, Saatgut, Code, kreative Werke und Kultur. Es st\u00e4rkt zudem die Identifikation der Beteiligten oder Betroffenen mit dem gemeinsamen Anliegen. Wie auch immer die Taktik aussieht, sie sollte in langfristige Strategien eingebettet sein. Das kann die Beeinflussung der Gesetzgebung sein<sup>1<\/sup>, die Entwicklung technologischer Standards oder die Ritualisierung sozialen Miteinanders \u2013 sie alle entfalten Wirkung. Zudem brauchen Commons eine gewisse institutionelle Stabilit\u00e4t und rechtliche Ankerkennung, um sich langfristig durchzusetzen. Doch das ist nur der Anfang. Sobald es in einem bestimmten Lebensbereich mehr Commons gibt, k\u00f6nnen Commoners, und das ist die zweite Strategie, ihr Tunnachahmen &amp; Verb\u00fcnde bilden. So entstehen \u00fcberregionale Kooperationen, Infrastrukturen werden gemeinsam genutzt und Wissen wird weiterverbreitet. Die solidarischen Landwirtschaften in Deutschland haben sich zum Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zusammengetan. Dar\u00fcber tauschen sie Ideen und Erfahrungen aus, finanzieren gemeinsame Forschungsarbeiten oder bringen SoLaWi-Interessierte und H\u00f6fe miteinander in Kontakt. Zudem wird freie Software, die spezifisch auf die Bed\u00fcrfnisse von SoLaWis ausgerichtet ist, \u00fcber das Netzwerk bekannt gemacht. Open Olitor hei\u00dft die von einem internationalen Team programmierte \u00bbeuropaweit einsetzbare OpenSource-Software<sup>2<\/sup>\u00ab, die \u00bbgrunds\u00e4tzlich allen zum Download und zur Nutzung zur Verf\u00fcgung [steht]\u00ab.<sup>3<\/sup> Wenn sie von den Nutzenden selbst gehostet und betrieben wird, entstehen den SoLaWis keine weiteren Kosten. Gerade in der digitalen Welt gibt es viele Beispiele daf\u00fcr, wie sich unterschiedliche Commons miteinander verbinden und gegenseitig st\u00e4rken k\u00f6nnen. Am Beispiel von Lehrmitteln l\u00e4sst sich zeigen, was damit gemeint ist.<\/p>\n<p>Das gute alte Schulbuch wird derzeit ad acta gelegt. \u00bbSchulbuch des Jahres\u00ab wurde 2018 erstmals ein Lehrwerk, das nicht mit Druckerschw\u00e4rze in Ber\u00fchrung kam \u2013 f\u00fcr das Fach Geschichte.<sup>4<\/sup> Geschichte kann man nicht auswendig lernen, man muss sie durchdringen. Das wiederum geschieht auf sehr individuelle Weise, was digitale Lehrb\u00fccher attraktiv macht. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen darin Anmerkungen hinterlassen, Texte markieren, eigene Fotos und Links oder Notizen speichern. Das ausgezeichnete Schulbuch aus dem Hause eines bekannten Lehrbuchverlages soll in der Nutzung k\u00fcnftig knapp 20 Euro pro Klasse und Monat (!) kosten.<sup>5<\/sup> Mit Commons w\u00e4re das anders. Dass es nicht nur denkbar, sondern auch machbar ist, ein Schulbuch als Commons herzustellen, zeigt das offene und freie Biologie-Buch vom Schul-O-Mat, das 2013 erstmals online war. Bei Schul-O-Mat entstehen auf kollaborative Weise \u00bboffene\u00ab Lehrwerke.<sup>6<\/sup> Das zentrale Muster in der Erstellung der Inhalte ist: Beitragen &amp; Weitergeben. Die Redaktion nutzt freie und quelloffene Software als Werkzeug. Creative-Commons oder andere freie Lizenzen dienen als Rechtsschutz. Speicherplatzsparsame Web-Anwendungen, die nicht an bestimmte Anwendungen (Apps) oder Herausgebervorgaben gebunden sind, werden zur Verbreitung genutzt. Schul-O-Mat ist Teil einer weltweiten Bewegung f\u00fcr Freie Lehrmittel,<sup>7<\/sup> die Impulse liefern kann, das Prinzip der Lernmittelfreiheit zu retten, welches seit Beginn der 2000er Jahre unter Druck ger\u00e4t.<sup>8<\/sup><\/p>\n<p>Dadurch, dass ein Projekt die Hardware-, Software-, Rechtsform oder Infrastruktur anderer Commons nutzt, wird es unabh\u00e4ngiger und st\u00e4rkt das Ganze: das Commonsversum. Und weil Commoners einander brauchen, der Erfolg eines Commons gar den Erfolg eines anderen Commons bedingt, bleiben die Beteiligten mehr oder weniger auf dem Laufenden \u00fcber Fortschritte der Anderen \u2013 neue Benutzeroberfl\u00e4chen, Sicherheitsprotokolle oder Verbreitungsm\u00f6glichkeiten werden ausprobiert und angewendet. Diese Verb\u00fcnde, ob gut organisiert oder lose formiert, sind keine formalen \u00bbVertretungen\u00ab. Es sind eher gemeinsame Strukturen und Arbeitszusammenh\u00e4nge, die Stabilit\u00e4t geben. Sie sind horizontal oder heterarchisch organisiert, in jedem Fall aber in Bewegung. Ihr Anliegen ist, die vielen Formen des commons-zentrierten Wirtschaftens zu st\u00e4rken und zugleich gemeinsame Kapazit\u00e4ten, Infrastrukturen oder Finanzierungswege aufzubauen, um unabh\u00e4ngiger von Markt und Staat zu werden. Das ist letztlich die Grundlage ihrer politischen Kraft.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber das nachahmen &amp; Verb\u00fcnde bildenhinaus, ist es f\u00fcr Commons strategisch wichtig, sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen und gemeinsame Anliegen voranzubringen. Wir nennen das <i>Intercommoning.<\/i> Es hilft jedem Projekt, die eigene Nische in einem gr\u00f6\u00dferen \u00d6kosystem kollegial arbeitender Gemeinschaften zu finden und belebt zugleich das ganze Feld \u2013 \u00fcber den eigenen Gestaltungsbereich hinaus. Intercommoning ist wichtig, um aus der Verschiedenheit heraus eine gemeinsame Kultur zu pflegen, neue Entwicklungen zu erfassen oder Strategien zu erarbeiten, die Commoning st\u00e4rken. Daf\u00fcr sind lediglich offene R\u00e4ume n\u00f6tig, in denen sich Menschen, die sich sonst nicht kennenlernen w\u00fcrden, begegnen und gemeinsam, selbstbestimmt und produktiv arbeiten k\u00f6nnen: Hackerinnen und Hacker mit B\u00e4uerinnen und Bauern, zum Beispiel, oder Menschen mit geringem Einkommen mit den Aktiven aus den Fablabs oder Aktivistinnen und Aktivisten f\u00fcr offene Bildungsressourcen (OER) mit Menschen aus Wohnprojekten. Wenn sie sich die <i>Sprache der Commons<\/i> (Kapitel 3) und die Muster des Commoning (Kapitel 4 bis 6) in Grundz\u00fcgen zu eigen machen<sup>9<\/sup>, werden sie allm\u00e4hlich einen pers\u00f6nlichen Onto-Wandel vollziehen.<\/p>\n<p>Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Warum ist all das n\u00f6tig? Weil Commoning sich den Bedingungen des Marktstaates zu stellen hat. Staatliche Macht ist nicht nur real, sie pr\u00e4gt auch viele Lebensbereiche und privilegiert dabei im Allgemeinen die Grundannahmen, die der kapitalistischen Marktwirtschaft zu Grunde liegen. Das zeigt sich an einem Rechtsrahmen, der Privateigentum, Markttransaktionen und Vertr\u00e4ge zwischen Rechtssubjekten hochh\u00e4lt. Wer also im Sinne des Onto-Wandels wirken m\u00f6chte, muss ausgekl\u00fcgelte Formen finden, mit den Voreingenommenheiten umzugehen, die in unserer Marktkultur tief verwurzelt sind und die sich in den Strukturen staatlicher Macht, in der Politik und im Recht widerspiegeln. Das ist eine immense Herausforderung!<\/p>\n<p>Das \u00dcberleben vieler Commons \u00fcber Jahrhunderte hinweg legt nahe, dass sie sehr robust sind und \u00fcber bemerkenswerte, kreative Kr\u00e4fte verf\u00fcgen, sich selbst zu sch\u00fctzen und zu expandieren. Was w\u00e4re m\u00f6glich, wenn sie daf\u00fcr ein f\u00f6rderliches Umfeld f\u00e4nden? Etwa jene Unterst\u00fctzung des konventionellen Rechts, der Finanzierung, der staatlichen Politik, die f\u00fcr die relevanten Akteure in der Marktwirtschaft bislang selbstverst\u00e4ndlich ist und die die selbstverst\u00e4rkende Dynamik entfaltet, die Commoning verbirgt und Einhegungen erzeugt. Mit dieser Frage im Gep\u00e4ck, begeben wir uns in den folgenden Kapiteln auf eine k\u00fchne Forschungsexpedition. Wir stellen uns vor, die Macht des Staates und des Rechts w\u00fcrde genutzt, um Commons sowohl operational als auch strukturell zu unterst\u00fctzen. Erwarten Sie bitte keine Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Gesetzes\u00e4nderungen, neue Gesetzesvorhaben, Verordnungen oder staatliche F\u00f6rderprogramme. Wer glaubt, damit die bestehenden Tiefenstrukturen von Markt oder Staat zu ver\u00e4ndern, wird zwangsl\u00e4ufig entt\u00e4uscht werden. Wir schlagen Strategien vor, die ihre Energie und St\u00e4rke aus dem Wandel im Seinsverst\u00e4ndnis und den Mustern des Commoning ziehen. Nicht Politik und Recht werden die Haupttreiber des Wandels sein, sondern das Commoning selbst wird es sein. Deswegen ist es so wichtig, eine Commons-Kultur zu st\u00e4rken. Schon heute l\u00e4sst sich \u2013 wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden \u2013 in dieser Hinsicht viel erreichen, ohne sich in Kompromisse und Vereinnahmungen durch die konventionelle Politik zu verstricken und ohne sich von der Z\u00e4higkeit rechtlicher Ver\u00e4nderungen l\u00e4hmen zu lassen. Es geht uns nicht darum, \u00bbPolitik, wie wir sie kennen\u00ab, zu ignorieren. Versuche, staatliche Machtaus\u00fcbung direkt zu beeinflussen, bleiben wichtig. Doch strategisch werden Transformationsbem\u00fchungen dann, wenn wir Commoning zu ihrem Kern machen \u2013 wenn wir damit anfangen. Wenn Politik kein Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck, dann muss dieser Zweck so klar wie m\u00f6glich gefasst werden: etwa in einer Gesellschaft zu leben, die frei, fair und lebendig (enkeltauglich) zugleich ist. Wenn dem ber\u00fchmten Prinzip der Alternativlosigkeit (TINA, steht f\u00fcr t<i>here<\/i> i<i>s<\/i> n<i>o<\/i> a<i>lternative<\/i>) die TAPAs (t<i>here<\/i> a<i>re<\/i> p<i>lenty of <\/i> a<i>lternatives<\/i>) entgegengesetzt werden sollen, dann m\u00fcssen wir konkrete Vorstellungen von diesen Alternativen entwickeln, sie erproben, umsetzen und st\u00e4rken. Nur dann werden die Diskussionen um Commons nicht wolkig bleiben. Klarheit dar\u00fcber, was Commoning ausmacht, ist zudem die beste M\u00f6glichkeit, die Fallstricke von Politik und Macht, die F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten vereinnahmen oder an denen soziale Bewegungen scheitern, zu umgehen. Sich eng an den Mustern des Commoning zu orientieren ist daher auch auf der Makroebene sinnvoll.<\/p>\n<p>Vermutlich dr\u00e4ngt sich Ihnen nun die Frage auf, ob die in Teil II beschriebene Macht des Commoning und die commons-freundlichen Politiken, die Sie auf den folgenden Seiten erwarten, wirklich die Kraft zur Ver\u00e4nderung haben. Woran machen wir fest, ob sich tats\u00e4chlich Ansatzpunkte f\u00fcr einen \u00bbGro\u00dfen Wandel\u00ab bieten, weg vom staatlich geh\u00e4tschelten Marktfundamentalismus und hin zu etwas Besserem? Die Humangeografin Dina Hestad von der Universit\u00e4t Oxford setzt sich mit dieser Frage auseinander. Sie erforscht, welche Eigenschaften Handlungen und Vorgehensweisen haben m\u00fcssen, wenn sie gesellschaftlich ver\u00e4ndernd sein sollen. Ihre Kriterienliste scheint uns hilfreich, um Praktiken, Institutionen und Politiken auf ihre Transformationskraft hin zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie sollten:<\/p>\n<ul>\n<li>auf eine Vision hinarbeiten, die die Grenzen der \u00f6kologischen Tragf\u00e4higkeit der Erde widerspiegelt;<\/li>\n<li>ber\u00fccksichtigen, dass Ver\u00e4nderungen in einem komplexen System nicht kon\u00adtrollierbar sind, das hei\u00dft mit Unsicherheit umgehen k\u00f6nnen;<\/li>\n<li>vermeiden, Probleme r\u00e4umlich oder zeitlich zu verlagern;<\/li>\n<li>die tieferen Ursachen von Beschleunigung und Wachstum angehen \u2013 die Resonanzkatastrophen in Regelsystemen also, die die meisten der heutigen \u00f6kologischen und sozialen Krisen verursachen;<\/li>\n<li>auf Systeme hinarbeiten, in denen Machtungleichgewichte nicht unkontrolliert blieben und (destruktive) alte Stammesd\u00fcnkel nicht getriggert werden;<\/li>\n<li>die Erkenntnis f\u00f6rdern, dass Menschen Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen sind,<\/li>\n<li>Resonanzr\u00e4ume f\u00fcr die Gestaltung sinnstiftender Beziehungen zwischen Mensch und Natur schaffen, in denen Emotionen Raum haben;<\/li>\n<li>individuelle und kollektive Handlungskompetenzen st\u00e4rken;<\/li>\n<li>unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten erweitern, statt verringern;<\/li>\n<li>eine \u00fcberzeugende und inspirierende Geschichte des Systemwandels kommunizieren, die sowohl Probleme benennt als auch angemessene Ansatzpunkte zu deren L\u00f6sung ausfindig macht und bei Menschen vielf\u00e4ltiger Couleur und Weltanschauung Anklang findet;<\/li>\n<li>sozialen Zusammenhalt und ein Gef\u00fchl des Miteinanders auf verschiedenen Ebenen beg\u00fcnstigen, was Vertrauen, Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und die Bereitschaft sich zu beteiligen, einschlie\u00dft; und<\/li>\n<li>kritisches Denken f\u00f6rdern sowie kulturelle Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und die Offenheit, von unterschiedlichen Ideen und Perspektiven zu lernen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Commoning hat reichlich Potenzial, diese Kriterien zu erf\u00fcllen. Ob das tats\u00e4chlich geschieht, h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Umsetzung ab! Und davon, ob Commoning auch aus einem vom Marktstaat gepr\u00e4gten politischen System heraus gest\u00e4rkt werden kann. Das ist zwar <i>sehr schwierig<\/i>, so glauben wir, aber zweifellos machbar, zumindest dann, wenn wir diese Kriterienliste als Ma\u00dfstab nutzen. Die folgenden vier Kapitel sollen das zeigen und dabei auf einige grunds\u00e4tzliche Hebel des Umsteuerns verweisen, die f\u00fcr die Verbreitung von Commons elementar sind.<\/p>\n<p>Wir beginnen in Kapitel 7 mit einer der grundlegendsten Institutionen der modernen Gesellschaft \u2013 dem Eigentum. Wenn Machtverh\u00e4ltnisse sich \u00e4ndern sollen \u2013 wir also Commoners erm\u00e4chtigen wollen \u2013, kann die Eigentumsfrage nicht unber\u00fccksichtigt bleiben. Wir werden daher einige der grundlegenden Annahmen, die mit dem modernen Eigentumsbegriff verbunden sind, genauer beleuchten. Diese sind sowohl in das Recht eingeschrieben als auch in die sozialen Normen, die wir verinnerlicht haben. Deshalb ist es nicht ganz trivial, sie freizulegen. Gegen\u00fcber dem modernen Eigentumsbegriff wurden andere Konzepte im Laufe der Jahrhunderte weitgehend verdr\u00e4ngt, obwohl sie weiterhin wichtig f\u00fcr die Frage bleiben, was wir uns <i>wie<\/i> aneignen: etwa die Rolle von Gebr\u00e4uchen als Form des \u00bbvernakul\u00e4ren Rechts\u00ab oder die zwingende Idee der Unverk\u00e4uflichkeit f\u00fcr die (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung von Commons. Aber auch der Unterschied zwischen (existentiellem) Besitz im Gegensatz zur Eigent\u00fcmerschaft ist f\u00fcr uns eine wichtige Quelle der Inspiration.<\/p>\n<p>Im Anschluss daran wird es zun\u00e4chst praktisch. In Kapitel 8 werden wir zeigen, wie Menschen \u00bbdie Beziehungshaftigkeit des Habens verankern\u00ab. Wir beschreiben \u00bbandere Formen des Habens\u00ab, jenseits des Eigentums, wie wir es kennen. Also jenseits der Idee von absoluter Verf\u00fcgungsgewalt (<i>dominium<\/i>) und der Vorstellung von Eigentum als Ding. Wir betrachten einige Beispiele, in denen eine Kultur des Zusammenlebens mit Rechtsformen kombiniert ist, aus denen sich ein anderes Eigentumsverst\u00e4ndnis ableiten l\u00e4sst. Jedes hat auf ausgekl\u00fcgelte Weise ein Commons etabliert und dabei ver\u00e4ndert, wie wir \u00bbEigentum\u00ab denken und bewirtschaften.<\/p>\n<p>Diese Ausfl\u00fcge in die Welt des Eigentums bringen uns nat\u00fcrlich zu der Frage, wie aus der Perspektive staatlichen Handelns frische Ideen zum \u00bbHaben\u00ab und zum Commoning insgesamt gest\u00e4rkt werden k\u00f6nnten. In Kapitel 9 beschreiben wir deshalb einige M\u00f6glichkeiten, innerhalb der existierenden politischen Systeme mehr Raum f\u00fcr Commoning zu erk\u00e4mpfen. Da moderne Nationalstaaten in ihrer Fixierung auf Wachstum und Kapital den Akteuren des Marktes kaum nachstehen, sind sie meist nicht offen f\u00fcr bed\u00fcrfnisorientiertes Wirtschaften und Regulieren, wie wir es aus Commons kennen. Wie also k\u00f6nnen wir staatliche Macht neu konfigurieren? Unter welchen Szenarien w\u00e4ren staatliche Beh\u00f6rden in der Lage, Commoning zu unterst\u00fctzen? Das ist der Fokus von Kapitel 9.<\/p>\n<p>In Kapitel 10 schlie\u00dflich konzentrieren wir uns auf drei Ans\u00e4tze, mit denen staatliche Macht wirksam eingesetzt werden kann, um Commoning zu unterst\u00fctzen. Dazu geh\u00f6ren: 1) St\u00e4rkung von Commons-Chartas als \u00bbkonstituierende Instrumente\u00ab bewusster Selbstorganisation; 2) der Ausbau von Infrastrukturen in und f\u00fcr bewusste(r) Selbstorganisation, um Commons statt propriet\u00e4re gewerbliche Aktivit\u00e4t zu unterst\u00fctzen; 3) Commons Public Partnerships (statt Private Public Partnerships), um die M\u00f6glichkeiten der \u00f6ffentlichen Hand und Verwaltung f\u00fcr Commons nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Infrastrukturen bieten neben gemeinsam genutzten Systemen, wie selbstverwalteten WLAN-Netzen und offenen Ver\u00f6ffentlichungsprotokollen, \u00bbDistributed-Ledger-Technik\u00ab ganz neue M\u00f6glichkeiten. Das sind Software-Systeme, die auf Blockchains aufbauen. Dieses digitale Werkzeug transpersonaler Koordination ist durch eine ihrer bahnbrechenden Anwendungen bekannt geworden, dem Bitcoin, einer W\u00e4hrung, die zum Handeln und Spekulieren nicht nur geeignet ist, sondern geradezu einl\u00e4dt. Doch k\u00f6nnen Distributed-Ledger-Technik auch so ausgestaltet werden, dass sie die M\u00f6glichkeiten der Commons ausbauen? K\u00f6nnen sie verteilte Infrastrukturen und Koordinationswerkzeuge bereitstellen, die die Potenziale st\u00e4rken?<\/p>\n<p>Wie wir mit dem \u00bbBeziehungseigentum\u00ab beschreiben werden, dienen diese Innovationen den Commons nur, wenn sie sich aus dem Onto-Wandel speisen \u2013 wenn Individuum und Kollektiv, Rationales und Nicht-Rationales, Kurzfristiges und Zeitloses tiefer integriert und als Ganzes begriffen werden. Ohne Onto-Wandel, sind strukturelle Ver\u00e4nderungen auf der Makroebene unwahrscheinlich. Wenn wir \u2013 wie beim Hausbau \u2013 nicht mit einem soliden Fundament beginnen, werden wir niemals in der Lage sein, institutionelle Strukturen wirklich anders, lebensn\u00e4her und lebensfreundlicher zu denken und zu gestalten.<\/p>\n<p>Da wir nun einmal vorschlagen, dass Commoning mit der Macht und den Mitteln des Staates unterst\u00fctzt werden sollte, ist es zur Einordnung wichtig, darauf hinzuweisen, was wir <i>nicht<\/i> vorschlagen. Wir versuchen nicht, das politische System neu zu denken. Wir versuchen nicht, den Nationalstaat neu zu erfinden, so notwendig das auch sein mag. Wir versuchen nicht, in einem traditionellen revolution\u00e4ren Sinne den \u00bbKapitalismus zu zerschlagen\u00ab, obwohl jeder Akt des Commoning dem Kapitalismus ein Schnippchen schl\u00e4gt. Die Ausweitung von Commons geht immer mit einem Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Macht der Geldvermehrung einher. Es gibt aus Commons-Perspektive zu diesen Herausforderungen viel zu sagen, philosophisch wie politisch. Nicht alles ist bereits durchdacht. Und nicht alles findet in diesem Buch Platz. Doch grunds\u00e4tzlich liegt es uns fern, eine grandiose, langfristige Agenda vorzuschlagen und dann daf\u00fcr in einer Weise \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten, als m\u00fcsse man nur den hier formulierten Erkenntnissen folgen. Solch ein Ansatz w\u00fcrde die tiefere Logik der Commons ignorieren, nach der aus der Lebendigkeit vielf\u00e4ltiger, unabh\u00e4ngiger Formen des Commoning die Kreativit\u00e4t und Verpflichtung hervorgeht, f\u00fcr jeden Kontext passende L\u00f6sungen zu entwickeln.<\/p>\n<p>In diesem Sinne setzen wir auf eine langfristige Agenda der \u00bbEmergenz der Alternativen durch Commoning\u00ab. Deswegen ist es so wichtig, die F\u00e4higkeit zu st\u00e4rken, wie Commoners zu denken. Deswegen m\u00fcssen wir Commoning sichtbar machen, unterst\u00fctzen und Commoners miteinander verbinden. Das ist die Saat der Kultur, der Praxis und der institutionellen Macht, die im Laufe der Zeit aufgehen kann. Es ist diese allm\u00e4hliche Entfaltung, die Commoning \u00fcberhaupt erst robust macht. Diese Dynamik gilt es zu f\u00f6rdern, anstatt uns voreilig oder naiv in Frontalangriffe auf ein h\u00f6chst bew\u00e4hrtes Markt-Staat-System zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Der \u00bbnat\u00fcrlichste\u00ab Verkn\u00fcpfungspunkt zwischen staatlichen Institutionen und Commoners ist die lokale Ebene. Es ist kein Zufall, dass die W\u00f6rter \u00bbCommons\u00ab und \u00bbKommune\u00ab den gleichen Ursprung haben. Das Lateinische <i>munus<\/i> steckt darin, was \u00bbAufgabe\u00ab, \u00bbPflicht\u00ab, aber auch \u00bbGabe\u00ab bedeutet. Auf Ebene der Gemeinde \u2013 der \u00bbCommunity\u00ab oder Kommune \u2013 wird weniger ideologisch oder parteipolitisch-kalkulierend regiert. Die schlichte Machbarkeit steht im Mittelpunkt. Was funktioniert, was nicht? Auf dieser Ebene ist es f\u00fcr Politikerinnen und Politiker schwieriger, Anliegen zu ignorieren oder sich hinter der Parteir\u00e4son zu verstecken. Menschen k\u00f6nnen ihrer Stimme leichter Geh\u00f6r verschaffen, effizienter Druck aus\u00fcben oder Ideen einbringen \u2013 wie die florierende \u00bbStadt als Commons\u00ab-Bewegung in Europa und Dutzende st\u00e4dtischer Commons-Initiativen, die im Magazin <i>Shareable<\/i> dokumentiert sind, zeigen.<sup>10<\/sup> Unsere Herausforderung ist, diese Ethik im Kontext der gr\u00f6\u00dferen, modernen staatlichen Strukturen, in die wir nun einmal eingebunden sind, zu denken. Genau darum geht es auf den folgenden Seiten.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;7. Eigent\u00fcmlich denken&#8220; tab_id=&#8220;kap7&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 7<br \/>\nEigent\u00fcmlich denken<\/h3>\n<p>Wer heute die Innenstadt von Florenz besucht, kann zwischen \u00fcberteuerten Caf\u00e9s und kitschigen Souvenirl\u00e4den schlendern, dabei liebevoll restaurierte Geb\u00e4ude und Pl\u00e4tze aus dem 14. bis 18. Jahrhundert genie\u00dfen und nach der Kopie der David-Statue im \u00f6ffentlichen Raum die originalen Kunstsch\u00e4tze in den Uffizien bewundern. Wer etwas genauer hinschaut, entdeckt vielleicht auch den letzten Teil der Altstadt, der noch nicht in ein Disneyland der Renaissance verwandelt wurde \u2013 auf der anderen Seite des Arno, direkt hinter der Karmeliterkirche, Santa Maria del Carmine, wo die Renaissance ihren Anfang nahm. Hier liegt der Pfarrbezirk San Frediano, nur wenige Schritte von der weltber\u00fchmten Ponte Vecchio entfernt. In San Frediano finden Sie den Nidiaci-Gemeinschaftsgarten \u2013 eigentlich ist es eher ein vielf\u00e4ltig genutztes Grundst\u00fcck als ein Garten \u2013, eine Oase, die von der voranschreitenden Gentrifizierung inmitten der Stadt Florenz noch nicht erfasst wurde. Wenn Sie zuf\u00e4llig nachmittags vorbeikommen, treffen Sie auf l\u00e4rmende Kinder und ihre Eltern. Sechsj\u00e4hrige rennen ausgelassen umher und schaukeln, w\u00e4hrend ihre \u00e4lteren Geschwister Fu\u00dfball spielen \u2013 bei den \u00bbLebowskis\u00ab, der einzigen selbstverwalteten Fu\u00dfballschule der Stadt. An manchen Nachmittagen gibt eine portugiesische Musikerin den Kindern Geigenunterricht. An anderen lehrt eine britische Schriftstellerin in einem Atelier, das zum Garten geh\u00f6rt, Englisch. Familien organisieren Tauschb\u00f6rsen f\u00fcr Kinderkleidung. Menschen aus der Nachbarschaft pflegen einen kleinen Gem\u00fcsegarten. Andere beteiligen sich an einem Projekt zur \u00dcberwachung der Umweltverschmutzung und des Verkehrs in der Stadt. Dieser Raum des Miteinanders \u2013 versteckt in einem Winkel der Innenstadt \u2013, wird als Commons von Menschen aus dem Viertel gepflegt. Wie er genutzt wird \u00bbh\u00e4ngt davon ab, was die Menschen entscheiden\u00ab, sagt Miguel Martinez, ein Amateurhistoriker und Mitstreiter des Nidiaci-Gartens. \u00bbEs ist schwierig zu erkl\u00e4ren, was wir hier machen, denn es kommt immer darauf an, was diejenigen tun wollen, die neu hinzukommen.\u00ab Doch was immer das auch ist: In einer Nachbarschaft, in der die Eltern von etwa 40 Prozent der Kinder nicht in Italien geboren wurden, sollte nicht untersch\u00e4tzt werden, wie wichtig es ist, \u00fcberhaupt einen Raum f\u00fcr Commoning zu haben.<\/p>\n<p>Wie kommt es, m\u00f6gen Sie fragen, dass dieser wundersch\u00f6ne Fleck mitten in Florenz \u2013 der auf dem Immobilienmarkt sicherlich mehrere Millionen Euro wert ist \u2013 noch nicht an die Meistbietenden verkauft und mit Eigentumswohnungen bebaut wurde? Wie wurde es m\u00f6glich, dass einige Anwohnerinnen und Anwohner diesen Ort tats\u00e4chlich (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaften? Als wir Antworten auf diese Fragen suchten, lernten wir Einiges \u00fcber Eigentumsrechte und dar\u00fcber, wie sie beitragen k\u00f6nnten, dass Menschen ein zufriedeneres Leben f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, wie das Eigentumsrecht dem untergeordnet werden kann, was gesellschaftlich und \u00f6kologisch notwendig ist. Es geht uns im Ergebnis nicht darum, (den Rechtsbegriff) Eigentum abzuschaffen, sondern die Dinge, die wir benutzen (meist ebenfalls als \u00bbEigentum\u00ab bezeichnet), in ihrem reichhaltigen, vielf\u00e4ltigen und sinnstiftenden Beziehungsnetz \u2013 sozial, wirtschaftlich, \u00f6kologisch und in der Zeit \u2013 zu verorten<sup>1<\/sup> und dann inklusivere Formen des Habens zu f\u00f6rdern. Die Konzepte \u2013 nicht gleichzusetzen mit derzeit g\u00fcltigen Rechtsbegriffen \u2013 Besitz, Gewohnheitsrecht und Unver\u00e4u\u00dferlichkeit werden uns helfen, Eigentum neu zu denken. Das hei\u00dft zun\u00e4chst zu erkennen, dass bekannte Formen <i>kollektiven Eigentums<\/i> \u2013 treuh\u00e4nderische Organisationen oder Genossenschaften \u2013 viel erreichen k\u00f6nnen. Letztlich aber \u00fcberwinden sie nicht die strukturellen Einseitigkeiten, die im Eigentum selbst eingebettet sind: das Recht, Dritte auszuschlie\u00dfen, blindes Vertrauen in M\u00e4rkte, die Gleichsetzung von Wert und Preis und die Macht von Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmern zu diktieren, wie mit Menschen und Natur umgegangen wird.<sup>2<\/sup><\/p>\n<p>Doch kommen wir zur\u00fcck zur Geschichte in Florenz. Das heute als Nidiaci-Gemeinschaftsgarten genutzte Land war urspr\u00fcnglich das Geschenk einer Witwe an die Karmeliterkirche. Im 19. Jahrhundert wurde es vom napoleonischen B\u00fcrgermeister von Florenz verstaatlicht. Er selbst erwarb es anschlie\u00dfend f\u00fcr die eigene Nutzung (zur\u00fcck). Was also zun\u00e4chst privat war, dann per Schenkung an die Kirche ging, sp\u00e4ter durch Verstaatlichung \u00f6ffentlich wurde, fiel wieder ins Privateigentum. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Land an andere Eigent\u00fcmer weiterverkauft. Einer der Eigent\u00fcmer \u00fcbergab es an die Stadt Florenz, die es f\u00fcr eine Grundschule nutzen wollte. Doch dann geschah etwas Entscheidendes, auch wenn nicht im Einzelnen gekl\u00e4rt ist, wie und warum. Im Jahr 1920 kaufte Edward Otis Bartlett das Land. Er war damals Missionsleiter des US-amerikanischen Roten Kreuzes in Italien. Bartlett \u00fcbergab das Grundst\u00fcck an zwei Treuh\u00e4nder zur Verwaltung mit der Auflage, es \u00bbf\u00fcr die allgemeine Bildung, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung von Kindern\u00ab zu nutzen. Das Eigentum war damit an einen sozialen Auftrag gebunden, n\u00e4mlich als Ort f\u00fcr die Kinder des Viertels erhalten zu werden. Im Jahr 1954, nachdem die Treuh\u00e4nderschaft bereits an die n\u00e4chste Generation \u00fcbergegangen war, entschied ein Treuh\u00e4nder, den gr\u00f6\u00dften Teil des Grundst\u00fccks der Stadt Florenz zu \u00fcbertragen. Dieser Teil wurde somit wieder \u00f6ffentlich. Da jedoch die alten Rechtsdokumente als verschollen galten, erinnerte sich sp\u00e4ter niemand der Zweckbindung. Jedenfalls lie\u00df die Stadtverwaltung Anfang der 2010er-Jahre den Verkauf eines Geb\u00e4udes und eines Teils des Gartens an Investoren zu, die dort Luxuswohnungen und einen Parkplatz errichten wollten. Dass die verschollenen Unterlagen aus den 1920er-Jahren letztlich wiedergefunden wurden, war nur der hartn\u00e4ckigen Detektivarbeit der Menschen aus der Nachbarschaft zu verdanken. Damit konnten sie darauf pochen, dass das Land dem Wohle der Kinder gewidmet war. Familien aus San Frediano organisierten \u00f6ffentliche Proteste, um die Treuh\u00e4nderschaft wiedereinzusetzen, was jedoch erfolglos blieb. Allerdings stimmte die Stadtverwaltung, die Geld sparen wollte und wegen der Proteste schlecht da stand, der Idee zu, dass die Bewohnerinnen und Bewohner den Garten selbst verwalten, auf eigenes Risiko, auf eigene Kosten und auf eigene Verantwortung. Eine Nachbarschaftsvereinigung wurde gegr\u00fcndet, damit eine rechtliche \u00bb\u00dcbereinkunft\u00ab mit der Stadtverwaltung unterzeichnet werden konnte. Das war die Rechtsgrundlage daf\u00fcr, dass der \u00f6ffentliche Raum \u00f6ffentlich blieb \u2013 ohne zu Lasten der Stadt zu gehen. Diese \u00dcbereinkunft \u00e4hnelt Vereinbarungen mit anderen Nachbarschaftsg\u00e4rten in Florenz \u2013 sie machen aus den Bewohnerinnen und Bewohnern die H\u00fcterinnen und H\u00fcter der G\u00e4rten. Die Stadtverwaltung behielt sich jedoch das Recht vor, die Schl\u00fcssel\u00fcbergabe an die Commoners zu jedem Zeitpunkt durch eine unanfechtbare Entscheidung zu widerrufen. Damit kann das Commoning im Nidiaci-Garten zun\u00e4chst weitergehen.<\/p>\n<p>Es gibt unz\u00e4hlige dieser Geschichten von Menschen, die versuchen, auch rechtlich abzusichern, was sie mit- und f\u00fcreinander tun. Sie alle sind unterschiedlich, \u00e4hneln sich aber zumindest in zweierlei Hinsicht. Erstens machen sie klar, wie wichtig Rechtsformen sind, denn sie privilegieren bestimmte soziale Beziehungen und bestimmte Nutzungen der Dinge und verdr\u00e4ngen andere. Und, zweitens, geht aus ihnen hervor, dass Commoning als soziale Wirklichkeit der Festlegung von Eigentumsformen vorausgehen muss. Dass das Grundst\u00fcck des Nidiaci-Gartens \u00fcberhaupt gerettet wurde, ist den Menschen aus der Nachbarschaft zu verdanken. Sie haben sich organisiert, ein gemeinsames Anliegen verfolgt und daf\u00fcr angemessene rechtliche und politische L\u00f6sungen gesucht.<\/p>\n<p>Auf die Rechtsformen kommt es also an: Die Geschichte des Nidiaci-Gartens hat beispielsweise deutlich gemacht, dass das Instrument der Treuh\u00e4nderschaft<sup>3<\/sup> geeignet war, um sowohl den Anliegen der bzw. des Schenkenden als auch jenen der Bev\u00f6lkerung des Viertels gerecht zu werden. Vorerst haben sich die Nidiaci-Commoners durchgesetzt. Seit 2013 bis zum Redaktionsschluss k\u00f6nnen sie das Grundst\u00fcck in die eigenen H\u00e4nde nehmen. Verstanden haben sie aber auch, dass es offenbar keine <i>per se <\/i> geeignete Form des Eigentumsrechts gibt, um die Praktiken und Sozialbeziehungen zu garantieren, die sie pflegen m\u00f6chten. Auch dies ist eine Erkenntnis, die sich immer wieder durchsetzt: Commoners m\u00fcssen in der Regel auf \u00bbfremde\u00ab, im Kern ungeeignete Rechtsformen zur\u00fcckgreifen, um ihr gemeinsames Verm\u00f6gen und die Kultur des Commoning zu sch\u00fctzen. So zeigt es auch das Beispiel der Software-Communities, die sicherstellen wollen, dass ihr Code als freie und quelloffene Software (FOSS) von allen weitergegeben und modifiziert werden kann. Sie verlegten sich darauf, das Urheberrecht \u00bbjuristisch zu hacken\u00ab (engl. <i>legal hack, <\/i> mehr dazu auf S. 241), das eigentlich gerade die individuelle Verf\u00fcgung \u00fcber kreative Werke absichern soll. Auch der US-amerikanische Unternehmer Douglas Tompkins, der mehr als 8.000 km<sup>2<\/sup> Wildnis in Chile und Argentinien unter Schutz stellen wollte, fand keine Rechtsform, die es erlaubte, das Land als Commons zu bewirtschaften. Schlie\u00dflich hat er das Land privat erworben und anschlie\u00dfend \u2013 \u00e4hnlich wie Edward Otis Bartlett vor 100 Jahren in Florenz \u2013 einer privatrechtlichen Treuhandorganisation geschenkt, die es wiederum den Regierungen dieser beiden L\u00e4nder \u00fcbergab, sodass es fortan \u00f6ffentlich verwaltet werden kann. Auch im Alltag reiben sich Bed\u00fcrfnisse von Commoners permanent mit dem Eigentumsrecht. So w\u00e4hlt eine Gruppe Aktiver ein bestimmtes Lokal als regelm\u00e4\u00dfigen Treffpunkt, Biker oder Fu\u00dfballfans machen eine bestimmte Bar zu \u00bbihrer Kneipe\u00ab. Solche Orte werden f\u00fcr diese Menschen zu einem sozialen Commons. Aber nat\u00fcrlich haben die tats\u00e4chlichen Eigent\u00fcmerinnen oder Eigent\u00fcmer ihre eigenen Vorstellungen, wie sie zu bewirtschaften sind. Sie bestimmen die Regeln.<\/p>\n<p>Eigentumsrecht und Commoning sind nicht f\u00fcreinander geschaffen. Das bekamen auch die Nidiaci-Commoners zu sp\u00fcren: Sie haben keinen eindeutigen Rechtstitel f\u00fcr das Land und auch kein Rechtsinstrument, das ihre Praktiken auf Dauer anerkennt. Dennoch ist es am Ende gut ausgegangen, denn der ausgehandelte Kompromiss erm\u00f6glicht es ihnen, das Grundst\u00fcck entsprechend der Bed\u00fcrfnisse der Kinder und zahlreichen (Migranten-)Familien zu nutzen sowie selbstorganisiert zu bewirtschaften. Die Erlaubnis, die sie sich sichern konnten, gen\u00fcgt f\u00fcr ihre Zwecke. Jedenfalls kurzfristig. Sie ist jedoch keine verl\u00e4ssliche Rechtsgrundlage auf lange Sicht. Weil der existierende Rechtsrahmen f\u00fcr Commons ungeeignet ist, haben Commoners, die sich rechtlich absichern wollen, kaum eine Alternative als die, das existierende Recht kreativ einzusetzen oder umzubauen, politischen und sozialen Druck auszu\u00fcben und \u2013 wenn das nicht gen\u00fcgt \u2013 zu zivilem Ungehorsam \u00fcberzugehen.<sup>4 <\/sup>\u00dcberraschend ist das nicht. Nat\u00fcrlich wird in der herrschenden Wirtschafts- und Sozialordnung das Eigentumsrecht so eingesetzt, dass sich vorrangig \u00f6konomische Interessen durchsetzen und umgekehrt. Dem Historiker E.P. Thompson zufolge \u00bbleistete [auch \u2013 S.H.] die politische \u00d6konomie dem Recht Vorschub\u00ab<sup>5<\/sup> \u2013 sonst w\u00e4ren im Fr\u00fchkapitalismus nicht so viele Commons eingehegt sowie Br\u00e4uche und Traditionen au\u00dfer Kraft gesetzt worden. Das Eigentumsrecht war stets das bestimmende Instrument der Enteignung. Heute ist eine \u00e4hnliche Dynamik am Werk. So zwingt die Handhabung des Urheberrechts durch Wissenschaftsverlage Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Situationen, in der sie sogar f\u00fcr den Zugriff auf ihre eigenen publizierten Artikel bezahlen m\u00fcssen. Das Patentrecht wird eingesetzt, um B\u00e4uerinnen und Bauern daran zu hindern, Saatgut weiterzugeben. Der bekannte kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph C.B. Macpherson erkl\u00e4rt den Zusammenhang zwischen Rechtsordnung und Wirtschaftssystem so: \u00bbWenn das liberale Eigentumsrecht so in Gesetze gegossen wird, dass die ausschlie\u00dfliche Nutzung und Verf\u00fcgung \u00fcber Anteile an durch die Natur bereitgestellte Ressourcen<sup>6<\/sup> sowie \u00fcber in der Vergangenheit durch Arbeit geschaffenes Kapital als individuelles Recht festgeschrieben wird und wenn dies dann kombiniert wird mit dem liberalen System der Marktanreize und der <i>Vertragsfreiheit<\/i>, f\u00fchrt dies fortw\u00e4hrend zu einer Konzentration von Eigent\u00fcmerschaft und zu einem <i>System<\/i> von Machtverh\u00e4ltnissen [\u2026], welches das ethische Ziel [liberaler Gesellschaften \u2013 S.H.] der <i>freien<\/i> und unabh\u00e4ngigen individuellen Entwicklung negiert\u00ab<sup>7 <\/sup>(Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p>Die Kombination dieses Verst\u00e4ndnisses von Eigentumsrecht mit kapitalistischen M\u00e4rkten und der staatlichen Durchsetzung von Vertr\u00e4gen hat ein machtvolles Narrativ von \u00bbFreiheit\u00ab geschaffen \u2013 allerdings ist es haupts\u00e4chlich die Freiheit der Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmer. Wenn wir also wirklich frei sein wollen und das f\u00fcr <i>alle<\/i> gelten soll, dann m\u00fcssen wir Eigentum neu denken.<\/p>\n<p>Das ist keine Kleinigkeit.<\/p>\n<h4>Ich, meine Freiheit und mein Eigentum<\/h4>\n<p>Es ist kaum \u00fcbertrieben zu behaupten, dass das Eigentum(srecht) unsere Idee vom Menschsein pr\u00e4gt und in jeden Winkel der Gesellschaft ausstrahlt. Eigentum beeinflusst unsere Identit\u00e4ten und Beziehungen, unser Verhalten, unsere Institutionen und unseren Umgang mit der Natur. Auch wenn dieser Aspekt in der Eigentumsforschung nicht im Zentrum steht, findet er doch Erw\u00e4hnung. So schreibt Margaret Jane Radin: \u00bbDie [\u2026] zugrundeliegende Pr\u00e4misse ist: um sich angemessen entwickeln zu k\u00f6nnen \u2013 um ein Mensch zu sein \u2013, braucht ein Individuum ein gewisses Ma\u00df an Kontrolle \u00fcber Ressourcen in der externen Umwelt. Die notwendigen Zusicherungen von Kontrolle nehmen die Form von Eigentumsrechten an.\u00ab<sup>8 <\/sup>Eigentum dreht sich jedoch nicht vorrangig um \u00bbein gewisses Ma\u00df an Kontrolle \u00fcber Ressourcen\u00ab, es<i> <\/i>dr\u00fcckt vor allem Sozialbeziehungen aus. Anders gesagt: Eigentum ist Konsequenz der rechtlichen Regelung unserer sozialen Beziehungen. Deshalb bestimmt die Art und Weise, wie wir Eigentum <i>rechtlich<\/i> verstehen, auch die tats\u00e4chlichen sozialen Beziehungen, die wir denken und entwickeln k\u00f6nnen. Heute geschieht das, w\u00e4hrend ein riesiger Marktapparat allt\u00e4glich eine Kultur des Eigentums befeuert. Das hei\u00dft, nicht nur unsere verk\u00fcrzte Vorstellung \u00bbder Wirtschaft\u00ab als Geldwirtschaft bestimmt, wie wir uns zueinander verhalten, sondern auch unser nicht minder verk\u00fcrztes Eigentumsverst\u00e4ndnis pr\u00e4gt unser Handeln.<\/p>\n<p>Seit 250 Jahren bestimmen liberale Vorstellungen von Eigentum in wesentlichem Ma\u00dfe unsere Gesellschaften. John Locke, Thomas Hobbes und andere fr\u00fchere Theoretiker des modernen Staates und der liberalen Eigentumsidee gingen vom Individuum aus und davon, dass jeder Mensch \u00bbwesentlich der Eigent\u00fcmer seiner eigenen Person oder seiner eigenen F\u00e4higkeiten\u00ab ist.<sup>9 <\/sup>Damit eng zusammen h\u00e4ngt die Freiheitsidee, die sich die westliche Kultur weitgehend zu eigen gemacht hat: \u00bbDas menschliche Wesen ist Freiheit von der <i>Abh\u00e4ngigkeit<\/i> vom Willen anderer, und Freiheit ist Funktion des Eigentums. Die Gesellschaft wird zu einer Anzahl freier und gleicher Individuen, die zueinander in Beziehung stehen als Eigent\u00fcmer ihrer eigenen F\u00e4higkeiten und dessen, was sie durch deren Anwendung erwerben. Die Gesellschaft besteht aus Tauschbeziehungen zwischen Eigent\u00fcmern\u00ab [Hervorhebung d. Verf.].<sup>10 <\/sup>Dieser moderne Katechismus der Freiheit verankert das in Ehren gehaltene kulturelle Ideal der individuellen Autonomie und des individuellen Eigentums tief in unserer Gesellschaft. Der Mensch wird als isoliertes Ich begriffen. Dieses Ich genie\u00dft absolute Freiheit, die durch Eigent\u00fcmerschaft zum Ausdruck kommt. Es ist eine Welt, in der wir als Selbst letztlich abgetrennt von allem anderen existieren \u2013 von Gemeinschaft, Tradition, Ethnizit\u00e4t, Religion, Natur. In einer solchen Welt bildet die Eigent\u00fcmerschaft ein institutionelles Bollwerk f\u00fcr die \u00bbFreiheit\u00ab des vollkommen autonomen Individuums. In den Grunds\u00e4tzen des freien Marktes und der westlichen Zivilisation sind die drei Vorstellungen \u2013 das isolierte Individuum, die individuellen Eigentumsrechte und die Freiheit \u2013 auf das engste miteinander verkn\u00fcpft. Aus dieser Verkn\u00fcpfung heraus wird eine Welt behauptet, in der individuelle Eigentumsrechte die \u00bbkonkrete Freiheit [der Menschen] und ihre konkrete Chance, all ihre M\u00f6glichkeiten zu entfalten\u00ab bestimmen.<sup>11<\/sup> Nachdem sich diese Vorstellungen mit dem modernen Liberalismus als dominante politische Theorie durchgesetzt hatten, wurden sie \u00bbnaturalisiert\u00ab, d.h. <i>in die Natur des Individuums hineininterpretiert<\/i>, als seien sie immer schon da gewesen und keine kulturelle Sch\u00f6pfung. Sie erscheinen als selbstverst\u00e4ndliche, universelle <i>Tatsache<\/i> \u2013 ungeachtet dessen, dass wir tats\u00e4chlich voneinander und von der Erde in vielfacher Weise <i>abh\u00e4ngig sind<\/i> (vgl. Kapitel 2). In unserem Freiheitsbegriff und im dominierenden Eigentumsbegriff sind diese Abh\u00e4ngigkeiten weitgehend getilgt. Indem das moderne Eigentumsrecht eine solche Vision des Menschseins auf den Sockel hebt, wirkt es wie ein riesiges System des Social Engineering. Es \u00fcberh\u00f6ht instrumentelle, gewerbliche Nutzungen der Natur. Es best\u00e4rkt uns darin, in Menschen vor allem die Arbeitskraft zu sehen, die sich auf dem Arbeitsmarkt vermarkten muss. Es schafft k\u00fcnstliche Knappheiten, um M\u00e4rkte zu kreieren, die sonst nicht existieren w\u00fcrden. Kurz, es richtet die Aufmerksamkeit auf das Verwertbare und l\u00e4sst das, worauf es beruht, im Dunkeln. Das Eigentumsrecht in seiner heutigen Form privilegiert zudem systematisch das Individuum gegen\u00fcber dem Kollektiv \u2013 umgekehrt w\u00e4re auch nicht besser \u2013 sowie Marktwert gegen\u00fcber Eigenwert oder Gebrauchswert. Das diktiert geradezu die von Macpherson beschriebenen Ergebnisse: Eigentumskonzentration, Machtkonzentration und die Preisgabe der Idee, dass wir uns alle <i>frei<\/i> und unabh\u00e4ngig individuell entfalten k\u00f6nnen, egal ob wir \u00fcber (viel) Geld oder Eigentum verf\u00fcgen oder nicht.<\/p>\n<p>Aus dem bisher Gesagten wird verst\u00e4ndlich, warum es so schwierig ist, Rechtsformen zu entwerfen, die eine breitere Palette von Anliegen, Werten, Praktiken und Organisationslogiken abbilden k\u00f6nnen. K\u00f6nnen wir dennoch \u2013 im Sinne des in Kapitel 2 skizzierten Onto-Wandels \u2013 Eigentum so konzeptualisieren, dass es der Beziehungsf\u00fclle des Lebens besser gerecht wird?<\/p>\n<h4>Die Beziehungswelten des Eigentums<\/h4>\n<p>Bereits in dem Moment, in dem wir uns als \u00bbIch-in-Bezogenheit\u00ab anerkennen, wird klar, dass die Grundfigur im Eigentumsrecht \u2013 der von anderen und der Erde getrennte autonome Einzelne \u2013 h\u00f6chst problematisch, wenn nicht sogar unsinnig ist. Die drei S\u00e4ulen der modernen liberalen Gesellschaft \u2013 1) das Individuum und 2) Eigentumsrechte als Basis f\u00fcr 3) Vertragsfreiheit \u2013 sind letztlich eine grobschl\u00e4chtige und einengende Vision f\u00fcr eine soziale Ordnung, in der wir unser menschliches Potenzial entfalten k\u00f6nnen. Wenn wir unser vielfaches Bezogensein ernst nehmen, m\u00fcssen wir auch neue Institutionen und \u00bbRechtsformen des Habens\u00ab (also neue Eigentumsrechte) entwickeln, die auf dieser Tatsache beruhen. Wenn wir das kulturelle Ideal des liberalen Individualismus als Fantasiebild begriffen haben, dann beginnen wir schon, die Begriffe \u00bbFreiheit\u00ab und \u00bbEigentum\u00ab neu zu denken. Liebgewonnene Vorstellungen geh\u00f6ren auf den Pr\u00fcfstand: Ist grenzenloser Individualismus wirklich befreiend? Sind Eigentumsrechte, so wie wir sie heute verstehen, wirklich ein Garant f\u00fcr \u00bbFreiheit\u00ab und soziales Wohlergehen? K\u00f6nnen wir in einer begrenzten Welt \u2013 mit Verweis auf die Freiheit der Eigent\u00fcmer \u2013 weiterhin dem Wachstum nachjagen? Um Eigentum zu hinterfragen, m\u00fcssen wir uns auf neues und schwieriges Terrain wagen. In seiner ber\u00fchmten Abhandlung aus dem Jahre 1753 schrieb der englische Jurist William Blackstone: \u00bbEs gibt nichts, das die Vorstellungskraft so allgemein befl\u00fcgelt und die Gewogenheit der Menschheit derart fesselt wie das Eigentumsrecht, jene alleinige und willk\u00fcrliche Verf\u00fcgungsgewalt, die ein Mensch \u00fcber die externen Dinge der Welt behauptet und aus\u00fcbt, unter v\u00f6lligem Ausschluss des Rechts jeglichen anderen Individuums im Universum.\u00ab<sup>12 <\/sup>Blackstones etwas zwanghaft selbstverliebter Eigent\u00fcmer<sup>13<\/sup> entspricht dem soeben kritisierten Zerrbild, das zumindest in euro-amerikanischen Kontexten nach wie vor weit verbreitet ist. Eigentum erscheint ihm vor allem als Beziehung zu Gegenst\u00e4nden, zu den \u00bbexternen Dinge der Welt\u00ab. Die relevante Beziehung, die durch Eigentum entsteht, wird beschrieben als Beziehung zwischen einer Person und einem Gegenstand, wie in: \u00bbDas ist mein Fahrrad. Ich bin seine Eigent\u00fcmerin.\u00ab Da das Eigentumsrecht diese beiden Vorstellungen \u2013 vom isolierten Einzelnen und vom \u00bbEigentum als Gegenstand\u00ab \u2013 privilegiert, stellt sich die Frage, was aus den Beziehungen wird, die Commoning und eigentlich auch das Leben selbst ausmachen.<\/p>\n<p>Auch Blackstone wirft einen Blick auf die Sozialbeziehungen. Er merkt scharfsichtig an: Entweder ist man Eigent\u00fcmer, oder man ist Nicht-Eigent\u00fcmer. Eigentumsrechte sorgen zun\u00e4chst einmal f\u00fcr diese Grenzziehung. Die Aussage: \u00bbDas ist mein Fahrrad. Ich bin seine Eigent\u00fcmerin\u00ab, lautet zutreffender und vollst\u00e4ndiger: \u00bbDas ist mein Fahrrad, <i>deswegen<\/i> kann ich entscheiden, ob <i>Sie<\/i> es benutzen d\u00fcrfen oder nicht.\u00ab Die rechtliche Verkn\u00fcpfung zwischen mir und dem Fahrrad rechtfertigt meine Anspr\u00fcche und schlie\u00dft die der anderen aus. Es liegt klar auf der Hand: die <i>rechtliche<\/i> Beziehung (Eigent\u00fcmerschaft) bestimmt und formt unsere <i>sozialen<\/i> Beziehungen \u2013 und zwar auf sehr grundlegende Art und Weise. Die Rechtsbeziehung erm\u00f6glicht dem Eigent\u00fcmer alles: ob das Fahrrad verkauft, zerst\u00f6rt, ver\u00e4ndert, mitbenutzt oder auf ewig in einer Garage geparkt werden darf. Und insbesondere bestimmt sie das Recht des Eigent\u00fcmers, andere auszuschlie\u00dfen. <i>Wie<\/i> wir Eigentumsrechte gestalten und anwenden, enth\u00fcllt eigentlich viel mehr \u00fcber uns und unsere Beziehungen zu anderen als \u00fcber unsere Beziehung zu der Sache, die uns geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es einige wichtige Ausnahmen zur unbegrenzten Freiheit des \u00bballeinigen und willk\u00fcrlichen\u00ab Eigent\u00fcmers. So schr\u00e4nkt etwa das Bauplanungsrecht ein, wie Land genutzt und bebaut werden darf. Es gibt Vorschriften, die Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmer daran hindern, zu viel L\u00e4rm zu machen oder Laub zu verbrennen. \u00d6ffentlich-rechtliche Vorschriften wie Baugesetzbuch und Bauordnungen beschr\u00e4nken die blackstonessche \u00bballeinige und willk\u00fcrliche Verf\u00fcgungsgewalt\u00ab, um die Gesundheit und Sicherheit der Allgemeinheit in vielen Bereichen zu sch\u00fctzen. Trotz dieser Schranken \u2013 die starke, durchsetzungsf\u00e4hige Institutionen voraussetzen \u2013, geht die Idee des Eigentums normativ von der absoluten Verf\u00fcgungsgewalt aus. In dieser Vorstellung steckt aber ein quasi unl\u00f6sbares Problem. In Wirklichkeit ist es n\u00e4mlich unm\u00f6glich, dass die Eigentumsrechte <i>aller<\/i> absolut und unbegrenzt sind. Konflikte \u00fcber den Umfang der eigenen Rechte sind damit unvermeidlich. \u00dcber das Recht allein k\u00f6nnen sie nicht gel\u00f6st werden; politische, im Grunde gesellschaftliche Entscheidungen sind hier gefragt.<sup>14 <\/sup>Das Recht spiegelt letztlich die politische und \u00f6konomische Ordnung wider.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Charakter des Eigentumsrechts. Im Grundgesetz regelt Artikel 14 Absatz 2: \u00bbEigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.\u00ab Auch der Philosoph John Locke, der die Hauptargumente f\u00fcr das gegenw\u00e4rtige Eigentumsrecht lieferte, erkennt die sozialen Auswirkungen individueller Eigent\u00fcmerschaft an. Nach Locke ist Eigentum legitim, insofern das Angeeignete eigene Anstrengung und Arbeit erforderte, denn \u00bbdiese Arbeit ist das unbestreitbare Eigentum des Arbeitenden, und niemand au\u00dfer ihm selbst kann ein Recht haben auf irgendetwas, was einmal mit seiner Arbeit verbunden ist \u2013 zumindest dort nicht, wo f\u00fcr die anderen bei gleicher Qualit\u00e4t noch genug davon in gleicher G\u00fcte vorhanden ist\u00ab.<sup>15<\/sup> Diese sogenannte \u00bbLockesche Bedingung\u00ab (engl. <i>Lockean proviso<\/i>) verweist also auf die Konsequenzen \u00bbje meines Eigentums\u00ab f\u00fcr das Leben anderer Menschen, doch in der Praxis wird dies weitgehend ignoriert.<sup>16<\/sup><\/p>\n<p>Angesichts dieses kurzen Ausflugs in die Geschichte des Eigentumsrechts ist die Idee, dass Eigentum vor allem soziale Beziehung pr\u00e4gt, gar nicht so bemerkenswert. Kontrovers wird sie erst dann, wenn es darum geht, bestimmte Einschr\u00e4nkungen oder den konkreten inhaltlichen und zeitlichen Umfang der Anspr\u00fcche Dritter (inklusiver k\u00fcnftiger Generationen) genau festzulegen. Daraus wird klar, dass der Gedanke, dass Eigentumsrecht unsere Sozialbeziehungen formt, kein allgemeiner Kommentar zur Verfasstheit der Gesellschaft ist. Er bedeutet, dass die \u00bbeigent\u00fcmlich\u00ab geformten Beziehungen dank staatlicher Durchsetzungsmacht auch <i>verwirklicht<\/i> werden. Das, was dann konkret real wird, ist nicht aus dem Eigentumsrecht selbst ableitbar, denn das Eigentumsrecht selbst hat keinen bestimmten Inhalt. Es ist Ergebnis politischer Auseinandersetzung. Es ist also Folge des Ringens darum, welche Bedeutungen \u00bbEigentum\u00ab zugeschrieben und wie sie rechtlich durchsetzbar gemacht werden. So spiegelt das Recht <i>soziale<\/i> Beziehungen \u2013 insbesondere Machtverh\u00e4ltnisse \u2013 wider, und zugleich gestaltet und bestimmt es diese stark mit. Wenn im staatlich gesetzten Recht bestimmte inhaltliche Vorstellungen kodiert werden \u2013 etwa die Idee, dass Land, Musik, Wasser oder Bilder Menschen geh\u00f6ren k\u00f6nnen wie ein Fahrrad oder ein Kleidungsst\u00fcck \u2013, dann geschieht etwas Wesentliches: Es wird schwierig, die normativen Begr\u00fcndungen der Eigent\u00fcmerschaft an solchen \u00bbDingen\u00ab in Frage zu stellen. Hat ein souver\u00e4ner Staat bestimmte Eigentumsobjekte erst einmal kodifiziert, ist faktisch jegliche weitere Diskussion \u00fcber die Legitimit\u00e4t von Eigent\u00fcmerschaft ausgeschlossen. Daraus resultiert eine verst\u00f6rende L\u00fccke zwischen <i>Legalit\u00e4t<\/i> und <i>Legitimit\u00e4t<\/i>, um diese hilfreiche Unterscheidung aufzugreifen, auf die sich auch der franz\u00f6sische Rechtswissenschaftler Etienne Le Roy bezieht.<sup>17<\/sup> Die Eliten in Politik und Wirtschaft machen sich \u00bbLegalit\u00e4t\u00ab (also formales Recht, b\u00fcrokratische Regeln und Rechtsdenken) zu eigen und ignorieren dabei die andersartige Erfahrungen der \u00bbLegitimit\u00e4t\u00ab wie die vernakul\u00e4ren Normen und Praktiken gew\u00f6hnlicher Menschen. B\u00e4uerinnen und Bauern in der ganzen Welt halten es beispielsweise f\u00fcr vollkommen legitim, ihr Saatgut aufzubewahren und weiterzugeben. Seit Tausenden von Jahren wurde das so gehandhabt. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Internetnutzerinnen und -nutzer wollen im Allgemeinen ihr Wissen einander zur Verf\u00fcgung stellen. Die H\u00fcterinnen und H\u00fcter der Legalit\u00e4t hingegen betrachten solche Aktivit\u00e4ten als kriminell, sobald das staatliche Recht diese Formen aufgrund von Eigentumsrechten f\u00fcr \u00bbillegal\u00ab erkl\u00e4rt. Legalit\u00e4t verdr\u00e4ngt also, was wir als \u00bbvernakul\u00e4res Recht\u00ab bezeichnen: die informellen, \u00bbinoffiziellen\u00ab Normen, Praktiken und Br\u00e4uche, dank derer die Menschen auf Augenh\u00f6he ihre Angelegenheiten regeln.<sup>18<\/sup> Nach dieser Logik genie\u00dft auch das Eigentum einen st\u00e4rkeren rechtlichen Status als Besitz, ungeachtet der Legitimit\u00e4t der Argumente, die f\u00fcr Letzteres sprechen. Da das Recht eine gewisse, durch staatliche Institutionen (Parlamente, B\u00fcrokratien, Gerichte) \u00bbgeweihte\u00ab Eigentumsordnung st\u00fctzt, k\u00f6nnen gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Praktiken, Traditionen und Besitz als \u00bbillegal\u00ab oder zumindest suspekt beiseitegeschoben werden.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>\u00dcber den Besitz<\/h4>\n<p>Paragraph 854 BGB definiert Besitz als \u00bbtats\u00e4chliche Gewalt\u00ab \u00fcber eine Sache. Damit wird \u00bbBesitz\u00ab genau wie Eigentum ungeachtet der sozialen Einbettung als Beherrschungsverh\u00e4ltnis eines Rechtssubjekts \u00fcber ein Objekt beschrieben. Wir verstehen \u00bbBesitz\u00ab in diesem Text hingegen in einem existentiellen Sinne. Wir kommen nicht umhin zu besitzen, worauf das Lateinische <i>possessio <\/i> (dt. Besitz) hinweist. Es ist von <i>sedere<\/i> abgeleitet, was \u00bbsitzen\u00ab bedeutet. Wir bewohnen diese Erde, \u00bbsitzen\u00ab also auf ihr und auf den vielen Dingen, die wir zum Leben brauchen. Wenn Menschen Wasser, Land, Holz, Landschaften, Saatgut und anderes mehr nutzen, kann aber etwas sehr Interessantes geschehen: sie k\u00f6nnen Zuneigung, Verantwortungsgef\u00fchl und ein sehr spezifisches Wissen gegen\u00fcber diesen Dingen entwickeln \u2013 genug, um sie in durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen zu verwandeln! Wenn wir uns also auf Besitz als existenzielle Tatsache und nicht als Rechtsform konzentrieren, k\u00f6nnen wir viele Erkenntnisse \u00fcber unterschiedliche \u00bbArten und Weisen des Habens\u00ab gewinnen, f\u00fcr die es vielleicht keine Rechtsform gibt, die aber dennoch gut funktionieren.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Nun ist das Eigentum der einen immer auch das Nicht-Eigentum der anderen. Der Rechtswissenschaftler Wesley N. Hohfeld formulierte Anfang des 20. Jahrhunderts diese Idee: jeder durch Eigentumsrecht verliehene Rechtstitel entspricht einem \u00bbNicht-Recht\u00ab. Wann immer ein Recht oder Privileg f\u00fcr eine Person rechtlich anerkannt wird, wird einer anderen ein entsprechendes Recht bzw. Privileg verweigert. Jeder Rechtstitel f\u00fcr eine Person ist mit einer rechtlichen Einschr\u00e4nkung f\u00fcr andere verbunden.<sup>19<\/sup> Der Eigentumsexperte Joseph Singer bringt es auf den Punkt: \u00bbRechtsanspr\u00fcche sind nicht einfach Anspr\u00fcche, sondern Rechtsbeziehungen.\u00ab<sup>20<\/sup> Eigentum umfasst ein recht komplexes B\u00fcndel von Rechtsbeziehungen, die stark in den Umgang der Menschen miteinander eingreifen. Daher \u00bbkann kein Mensch vollkommene Freiheit genie\u00dfen, jene Verm\u00f6genswerte zu nutzen, zu besitzen, zu genie\u00dfen oder zu \u00fcbertragen, die als sein Eigentum gelten\u00ab, schreibt Gregory Alexander. Das bedeute nicht, so Alexander weiter, die Idee der Eigent\u00fcmerschaft zu negieren, wohl aber, dass \u00bbein gewisses Ma\u00df an sozialer \u00dcberlagerung des Eigentumsinteresses einer Person [\u2026] <i>unvermeidlich<\/i> ist\u00ab<sup>21 <\/sup>(Hervorhebung im Original).<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis ist profunder, als sie zun\u00e4chst erscheint. Das Fahrradbeispiel wird es verdeutlichen. Eigentum begr\u00fcndet nicht nur eine Beziehung zwischen einer Fahrradeigent\u00fcmerin und einem Fahrrad und zwischen der Fahrradeigent\u00fcmerin und Nicht-Eigent\u00fcmern. Es etabliert indirekt ein dichtes Netz <i>vielf\u00e4ltiger Beziehungen<\/i> \u2013 mit den Menschen, die das Metall f\u00fcr das Fahrrad abbauten, mit jenen, die die Einzelteile produzierten, mit dem Hersteller und dem Einzelhandel, mit der Person, der Sie das Fahrrad vielleicht ausleihen, mit Menschen, die auf der Stra\u00dfe Auto und Fahrrad fahren oder zu Fu\u00df gehen usw. Ein als \u00bbEigentum\u00ab anerkannter Gegenstand ist nicht nur in ein Netz von Sozialbeziehungen verwickelt, sondern auch in <i>unz\u00e4hlige weitere Beziehungen<\/i>, etwa mit einer lokalen Gemeinschaft, dem \u00d6kosystem, dem nicht-menschlichen Leben und zuk\u00fcnftigen Generationen. Wenn unser modernes Eigentumsrecht also auf die Rechte der Eigent\u00fcmerin bzw. des Eigent\u00fcmers konzentriert ist und manchmal die direkten Auswirkungen auf Dritte in den Blick nimmt; so ist das im Grunde genommen eine kurzsichtige und engstirnige Perspektive.<\/p>\n<p>Die wirkm\u00e4chtigen Unzul\u00e4nglichkeiten von Eigentum, die der Vermarktwirtschaftlichung der <i>Gesellschaft<\/i> Vorschub leisten, werfen die Frage auf, ob wir uns andere \u00bbArten des Habens\u00ab vorstellen k\u00f6nnen. Solche, die auch lebendige Beziehungen au\u00dferhalb von Marktrelationen w\u00fcrdigen \u2013 und die bislang im Eigentumsrecht nicht wirklich anerkannt werden. Das zu ver\u00e4ndern ist eine Herausforderung inmitten einer kapitalistischen Wirtschaftsweise, die bestimmte Muster von Sozialbeziehungen \u2013 etwa Wettbewerb und Ausschluss \u2013 immer wieder neu hervorbringt und die \u2013 unter Nutzung des Eigentumsrechts \u2013 auf die Umwandlung von Natur, Arbeit und Geld in Waren ausgerichtet ist. Das Recht zeichnet diese Logik aggressiv nach und st\u00e4rkt die Logik, dass aus viel immer mehr wird. Letztlich entsteht ein selbstverst\u00e4rkender, in sich geschlossener Zyklus. Die politische und \u00f6konomische Ordnung spiegelt sich im Recht. Und das Recht st\u00e4rkt die politische und \u00f6konomische Ordnung. Dieser Teufelskreis muss irgendwie aufgebrochen werden.<\/p>\n<h4>Gemeineigentum versus Individualeigentum?<\/h4>\n<p>Eignet sich <i>Gemeineigentum <\/i> daf\u00fcr, mehr Beziehungen anzuerkennen, wenn wir das Haben verrechtlichen? Viele Progressive nutzen und erproben seit Langem entsprechende, je nach Kontext und Land unterschiedliche Rechtsformen wie Genossenschaften, Kooperativen, Stiftungen, treuh\u00e4nderische und gemeinn\u00fctzige Organisationen und andere mehr. Sie versuchen auf diese Weise geeignete Regelungen zu finden, um soziale oder \u00f6kologische Belange vor wirtschaftliche Interessen zu stellen. Innerhalb des Markt-Staat-Systems und des dominierenden Eigentumsrechts erscheint das logisch und attraktiv. Viele Debatten um Gemeineigentum versus Individualeigentum \u2013 insbesondere im historischen Kontext der Ost-West-Auseinandersetzung \u2013 haben jedoch die Vorstellung gen\u00e4hrt, dass sich Gemeineigentum <i>grunds\u00e4tzlich<\/i> vom Individualeigentum unterscheidet. Tats\u00e4chlich aber weisen beide mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Individualeigentum bedeutet, dass es <i>eine<\/i> Eigent\u00fcmerin bzw. einen Eigent\u00fcmer gibt.<sup>22 <\/sup>Gemeineigentum hat <i>mindestens zwei<\/i> (Mit-)Eigent\u00fcmerinnen bzw. (Mit-)Eigent\u00fcmer, es k\u00f6nnen aber auch Tausende sein. In beiden F\u00e4llen ist der Charakter der Eigentumsrechte weitgehend gleich. Die Eigent\u00fcmer haben das Recht, das Eigentum zu ver\u00e4u\u00dfern oder andere von dessen Nutzung auszuschlie\u00dfen. Der Hauptunterschied liegt in der Zahl der Eigent\u00fcmerinnen bzw. Eigent\u00fcmer, nicht in der Natur der Eigentumsrechte. Gemeineigentum unterscheidet sich also insofern nur graduell und nicht prinzipiell vom Eigentum von Einzelpersonen. Doch nur letzteres wird gemeinhin als Privateigentum bezeichnet. Die Etymologie des Wortes \u00bbprivat\u00ab ist hier erhellend. Privat geht auf das lateinische Wort <i>privare<\/i> zur\u00fcck. Es bedeutet \u00bbberauben\u00ab. Beide, individuelle und kollektive Eigentumsrechte, erm\u00f6glichen den Rechteinhabern <i>, andere zu berauben<\/i>, und zwar des Rechts, das Eigentum zu benutzen und Dritte auszuschlie\u00dfen. Das hei\u00dft nicht, dass Arrangements des Gemeineigentums nicht sehr viel Wichtiges und N\u00fctzliches leisten k\u00f6nnen. Es hei\u00dft auch nicht, dass wir naiverweise vorschlagen, alles solle immer allen geh\u00f6ren oder f\u00fcr alle jederzeit verf\u00fcgbar sein. Nur weil Individual- und Gemeineigentum sich nicht prinzipiell unterscheiden, liegt die L\u00f6sung nicht in der Abschaffung jeglicher Rechtsformen zur Regelung von Nutzungsrechten. Derart bin\u00e4rem Denken sollten wir nicht aufsitzen. Auch hier stellt sich die Frage, ob wir die vorgefundenen Probleme grunds\u00e4tzlich anders angehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir glauben, dass das m\u00f6glich ist, und schlagen deshalb eine Neukonzeptualisierung vor. Wir k\u00f6nnen <i>Eigentum so konzipieren (inhaltlich aufladen), dass Nutzungen sinnvoll eingeschr\u00e4nkt, Sozialbeziehungen gew\u00fcrdigt und Herrschaft verhindert werden. <\/i> Das ist es, was Commons brauchen. Wenn es uns gelingt, Eigentum tats\u00e4chlich neu zu denken, dann k\u00f6nnte das erheblich dazu beitragen, Commons zu unterst\u00fctzen und die totalisierenden Dynamiken des Kapitals abzuschaffen. Bevor wir in Kapitel 8 darauf zur\u00fcckkommen, wollen wir auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Individual- und Gemeineigentum noch einmal unter einem anderen Gesichtspunkt eingehen.<\/p>\n<p>Je nachdem, ob es sich um <i>einzelne<\/i> oder um <i>mehrere<\/i> Eigent\u00fcmerinnen bzw. Eigent\u00fcmer handelt, gibt es nat\u00fcrlich erhebliche Unterschiede in der Art, wie Eigentumsrechte tats\u00e4chlich ausge\u00fcbt werden. Gemeineigentum erfordert zumindest eine Vereinbarung zwischen allen Miteigent\u00fcmerinnen bzw. Miteigent\u00fcmern. Zudem vermeiden manche Formen des Gemeineigentums, etwa Genossenschaften und gemeinn\u00fctzige Organisationen, den strukturellen Zwang zur Profitmaximierung, dem Konzerne und herk\u00f6mmliche Unternehmen unterliegen. So kann viel gesellschaftlich Sinnvolles entstehen, obwohl auch diese Rechtsformen, philosophisch gesehen, in einer individualistischen Denkweise wurzeln. An Grenzen st\u00f6\u00dft das Potenzial gemeineigent\u00fcmlicher Rechtsformen dadurch, dass es die Welt wie gehabt aufteilt in \u00bbmein\u00ab und \u00bbdein\u00ab oder eben \u00bbnur f\u00fcr unsere Gruppe\u00ab (das entspricht in der Sprache der Wirtschaftswissenschaft den sogenannten \u00bbKlubg\u00fctern\u00ab). Auch Gemeineigentum kann mit gen\u00fcgend Geld \u00bbaufgekauft\u00ab werden. Oder es wird von Miteigent\u00fcmerinnen bzw. Miteigent\u00fcmern, die ihre gegenseitigen Verpflichtungen aufgeben, \u00bbausverkauft\u00ab. So k\u00f6nnen sich die Mitglieder einer Genossenschaft entscheiden, sich auszahlen zu lassen, wenn der Marktwert ihrer anteiligen Verm\u00f6genswerte steigt. Oder die Leitung einer treuh\u00e4nderischen Organisation entscheidet einseitig und ohne R\u00fccksicht auf die designierten Beg\u00fcnstigten, die Organisation aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns also eine Ordnung vorstellen wollen, die die Grundannahmen \u00fcberwindet, auf denen das moderne Eigentumsrecht und die Kultur des Kapitalismus beruhen, m\u00fcssen wir uns anderweitig umsehen. Hierf\u00fcr k\u00f6nnen wir zwei Richtungen verfolgen: die Spur der <i> Zeit vor dem Eigentum<\/i> (engl. <i>pre-property<\/i>), in der es allen m\u00f6glich war, ohne Einschr\u00e4nkung auf das zuzugreifen, was sie zum Leben brauchten, und die Idee <i>beziehungshafter Arten des Habens<\/i>, die Commoning anerkennen und unterst\u00fctzen.<i> <\/i>Vor-Eigentumsregime sind im Grunde genommen Regime des freien Zugangs. Ein solcher Ansatz ist nach wie vor f\u00fcr die Nutzung von Wissen, Ideen und Softwarecode attraktiv, weil deren Gebrauchswert steigt, wenn sie frei zug\u00e4nglich sind und geteilt sowie \u2013 am besten achtsam kuratiert \u2013 weiterentwickelt werden k\u00f6nnen. Im Fall endlicher G\u00fcter wie Land, Wald und Wasser, kann freier Zugang allerdings zur \u00dcbernutzung f\u00fchren. Die folgende Tabelle veranschaulicht die Unterschiede zwischen Individual- und Gemeineigentum sowie dem Nicht-Eigentum.<\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<caption><em>Die Unterschiede zwischen Individualeigentum und Gemeineigentum sind graduell. Der Unterschied zwischen Privateigentumsregimen (Individual-\/Unternehmens-\/Gemeineigentum) und Nicht-Eigentum sind prinzipiell.<\/em><\/caption>\n<colgroup>\n<col width=\"95\" \/>\n<col width=\"96\" \/>\n<col width=\"96\" \/>\n<col width=\"96\" \/>\n<col width=\"95\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\" height=\"51\"><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" colspan=\"3\" valign=\"top\" width=\"327\"><b>Privateigentumsregime<\/b><br \/>\ngradueller Unterschied<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\"><b>Nicht-<\/b><br \/>\n<b>Eigentum<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\" height=\"32\"><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\"><b>Individualeigentum<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\"><b>Unternehmenseigentum<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\"><b>Gemeineigentum<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\"><b>f\u00fcr alle offen<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\" height=\"59\">Zahl der Eigent\u00fcmer\u00adinnen bzw. Eigent\u00fcmer<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\">1 Person<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\">1 juristische Person<br \/>\nim \u00bbEigentum\u00ab vieler Aktion\u00e4rinnen bzw. Aktion\u00e4re<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"96\">1 + n<br \/>\nPersonen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"95\">niemand<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"left\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: FranklinGotItcT-BookCond, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Quelle: Ausarbeitung der Verfasserin und des Verfassers auf Grundlage der Klassifikationen in G. G. Stevenson: <i>Common Property Economics: A General Theory and Land Use Application,<\/i> Cambridge University Press, 1991, S.\u00a058.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>Unter <i> beziehungshaftem Haben<\/i> verstehen wir eine Art und Weise der Nutzung, die von den Beteiligten situationsgebunden und flexibel entschieden wird. Die Vorannahmen des konventionellen Eigentumsrechts werden hier aufgegeben. Keine Gruppe und kein Individuum hat absolute rechtliche Kontrolle \u00fcber gemeinsames Verm\u00f6gen, und niemand hat die Entscheidungsmacht, es zu verkaufen. Das sch\u00fctzt sowohl vor interner Inbeschlagnahme als auch vor dem Verkauf nach au\u00dfen. Dem Mechanismus, dass diejenigen mit mehr Geld auch mehr Einfluss und damit mehr Kontrolle \u00fcber andere haben, ist Einhalt geboten. Dem modernen Eigentumsrecht hingegen ist dieser Fehler \u00bbeingewoben\u00ab. Wenn davon ausgegangen wird, dass Wert = Geldwert = Geld ist und daher mehr Geldverm\u00f6gen = mehr Wert, dann ist unausweichlich, dass \u00bbGeld die Welt regiert\u00ab. Das ist nicht nur f\u00fcr Commoners ein Problem, sondern auch f\u00fcr Unternehmerinnen und Unternehmer, die im Kapitalismus gezwungen sind, nach den Bedingungen der Kapitalgeber zu agieren.<\/p>\n<p><i>Beziehungshaftes Haben<\/i> l\u00e4sst uns erkennen, wie wir die zahlreichen Beziehungen, die von Eigentum betroffen sind, pflegen k\u00f6nnen. Das Konzept macht klar, dass individuelle Nutzungsrechte und Gemeineigentumsregime sich nicht ausschlie\u00dfen, sondern aufeinander bezogen sind.&lt;<\/p>\n<p>Wir haben bereits in Kapitel 5 gesehen, wie Kl\u00f6ster gesch\u00fctzte R\u00e4ume f\u00fcr Einzelne mit gemeinsamen R\u00e4umen f\u00fcr alle verbinden. Auch in mittelalterlichen Commons, in denen Land und W\u00e4lder bewirtschaftet wurden, kamen die Beteiligten in den Genuss von Bereichen, die f\u00fcr die pers\u00f6nliche Nutzung reserviert waren, etwa um das eigene Haus herum (<i>Curtilage<\/i>-Recht)<sup>23<\/sup>, oder Streifen landwirtschaftlich nutzbarer Fl\u00e4che wurden f\u00fcr den individuellen Anbau ausgewiesen. Auch in zeitgen\u00f6ssischen Commons gibt es Raum f\u00fcr pers\u00f6nliche Anspr\u00fcche und Verantwortlichkeiten. Doch die verk\u00fcrzte Annahme, dass individuelle und kollektive Eigentumsrechte einander ausschlie\u00dfen und polar entgegengesetzt sind, hat uns leider f\u00fcr eine einfache soziale Wirklichkeit blind gemacht: Individuelle Nutzungsrechte sind <i>ein Schl\u00fcssel<\/i> f\u00fcr florierende Gemeineigentumsregime. Die Einzelnen brauchen nicht nur R\u00e4ume f\u00fcr individuelle Entscheidungen, sondern auch eine gesch\u00fctzte Privatsph\u00e4re.<\/p>\n<p>Und damit kommen wir zur letzten konzeptionellen Unterscheidung, die f\u00fcr unser Thema unerl\u00e4sslich ist.<\/p>\n<h4>Vom Unterschied zwischen Besitz und Eigentum<\/h4>\n<p>Sowohl dort, wo das Recht kodifiziert ist, als auch dort, wo das nicht der Fall ist, entsteht <i>Besitz<\/i> dadurch, dass man pers\u00f6nlich die Kontrolle \u00fcber etwas bekommt, indem man es (manchmal buchst\u00e4blich) \u00bbbe-sitzt\u00ab. So besitzen Sie als Mieterin bzw. Mieter beispielsweise eine Mietwohnung, die aber nicht Ihr Eigentum ist. Sie k\u00f6nnen sie nicht verschenken, an Ihre Kinder vererben, an Dritte abtreten oder verkaufen. Sie k\u00f6nnen nur Ihr Eigentum verkaufen, nicht Ihren Besitz. Das ist der entscheidende Unterschied.<\/p>\n<p>Eigentum \u00fcber Besitz zu privilegieren hat weitreichende Folgen. Es bedeutet, dass der Staat in Allianz mit Investoren, die Interessen von Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmern verficht. Es entstehen Anspruchshierarchien, Aktiengesellschaftsmentalit\u00e4ten und die Unterwerfung vieler Lebenswirklichkeiten unter kapitalistische Sozialbeziehungen. Die Geschichte zeigt, dass Staaten (Monarchien wie demokratisch gew\u00e4hlte Regierungen) ihre Macht nutzen, um indigene Rechte und traditionelle Nutzungsrechte hinwegzufegen und an ihrer Stelle moderne, liberale Eigentumsrechte und das Marktsystem einzuf\u00fchren. Die US-Regierung versuchte in den sp\u00e4ten 1880er Jahren, die gemeinschaftliche Bewirtschaftung des Landes durch die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner zu beenden, indem sie das Privateigentum an Grund und Boden einf\u00fchrte. Das Gesetz mit dem Titel Dawes Severalty Act (etwa: \u00bbDawes-Gesetz \u00fcber alleiniges Eigentum\u00ab), gew\u00e4hrte nur denjenigen die US-Staatsangeh\u00f6rigkeit, die sich \u00bbseparat und getrennt von allen St\u00e4mmen\u00ab niederlie\u00dfen, d.h. denjenigen, die ihre Stammesidentit\u00e4t aufgaben und Privateigent\u00fcmerinnen bzw. Privateigent\u00fcmer des Landes wurden, auf dem sie lebten. Das Gesetz trieb einen Prozess radikaler kultureller Enteignung voran. Der Hauptverfasser, Senator Henry Dawes, erl\u00e4uterte den Kerngedanken so: Wenn Dinge in gemeinsamem Besitz (oder in Gemeineigentum) sind, \u00bbgibt es keinen Anlass, dein Haus besser zu machen als die H\u00e4user deiner Nachbarn. Es gibt keinen Eigennutz, der aber der Zivilisation zugrunde liegt\u00ab.<sup>24<\/sup> Der europ\u00e4ische und amerikanische Kolonialismus hat dieses Muster unz\u00e4hlige Male wiederholt. Sie haben indigene Kulturen gezwungen, ihre (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung unverk\u00e4uflichen gemeinschaftlichen Landes aufzugeben. Sie haben sie \u00bbgelehrt\u00ab, ihr Land als \u00bbPrivateigentum\u00ab und Stammesmitglieder als Individuen zu behandeln. So beschreibt der Historiker E.P. Thompson, wie dieses Modell indigenen V\u00f6lkern in Nordamerika, Indien und dem S\u00fcdpazifik aufgezwungen wurde: \u00bbEigent\u00fcmerschaft an Land erforderte eine Landeigent\u00fcmerin bzw. einen Landeigent\u00fcmer, Bodenverbesserung erforderte Arbeitskr\u00e4fte. Um die Erde untertan zu machen, war es also erforderlich, auch die arbeitenden Armen untertan zu machen.\u00ab Thompson zitiert einen Lord Goderich, der 1831 erkl\u00e4rte: \u00bbOhne ein gewisses Ma\u00df an Arbeitsteilung, ohne eine Klasse Menschen, die bereit sind, f\u00fcr Lohn zu arbeiten \u2013 wie kann man verhindern, dass die Gesellschaft in einen Zustand fast primitiver Grobheit verf\u00e4llt, und wie sind die Annehmlichkeiten und Raffinessen des zivilisierten Lebens zu besorgen?\u00ab<sup>25<\/sup><\/p>\n<p><i>Eigent\u00fcmerschaft<\/i> zieht also eine andere soziale Ordnung und andere Beziehungen zum Land und zur Erde nach sich als <i>Besitz<\/i>. Beide gleichen sich darin, dass sie klare Zugangs- und Nutzungsrechte vorsehen. Beide sind nicht \u00bbf\u00fcr alle offen und ohne Einschr\u00e4nkungen gemeinsam nutzbar\u00ab. Wenn Sie Ihre Wohnung Ihr Eigentum nennen, haben Sie das Recht, sie zu verkaufen oder den Schl\u00fcssel an die Mieterin bzw. den Mieter zu \u00fcbergeben. Wenn Sie eine Wohnung nur besitzen (weil Sie sie gemietet haben), dann k\u00f6nnen Sie immer noch Zugangsrechte festlegen (Sie haben den Schl\u00fcssel), aber Sie k\u00f6nnen sie nicht verkaufen. Dieser Unterschied legt nahe, dass Besitz sich auf den konkreten Nutzen und den Gebrauchswert konzentriert (beides ist f\u00fcr Commoning entscheidend), w\u00e4hrend Eigent\u00fcmerschaft auf den Tauschwert ausgerichtet ist. Doch Br\u00e4uche, traditionelle Praktiken, heilige Orte, historische Gegenst\u00e4nde \u2013 all das, was wir als vernakul\u00e4res Recht bezeichnen \u2013 haben ihre eigene untersch\u00e4tzte Macht. Sie haben den Respekt vieler Menschen, eine unhintergehbare Autorit\u00e4t und organisatorisch-institutionelle Kraft, die sich aus ungez\u00e4hlten affektiven Bindungen erkl\u00e4rt und die die H\u00fcterinnen bzw. H\u00fcter des Eigentumsrechts nur ungern anerkennen oder konfrontieren. Vernakul\u00e4res Recht vermag situationsspezifische L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme anzubieten, die f\u00fcr B\u00fcrokratien und M\u00e4rkte schwierig zu l\u00f6sen sind. Aber schauen wir uns das etwas genauer an.<\/p>\n<h4>Vernakul\u00e4res Recht<\/h4>\n<p>In traditionellen Commons wurden Nutzungsrechte nicht unter Zuhilfenahme von Gesetzen durchgesetzt, sondern durch lebendige Traditionen. Den Brauch, die Grenzen des Commons abzuschreiten \u2013 <i>to beat the bounds<\/i> \u2013, haben wir bereits kennengelernt. \u00bbEs gab ein reges Gemeindeleben mit j\u00e4hrlich festlichem Umzug die Gemarkungsgrenzen entlang, dem feierlichen Umtrunk nach der Revision der Gemeindekasse und anderem mehr\u00ab, schreibt der Historiker Hartmut Z\u00fcckert. \u00bbVolksbr\u00e4uche verbanden sich mit der Allmendweide. Die Glocke, die der Dorfbulle auf der Weide um den Hals trug, t\u00f6nte in den Ohren der Bauern: \u203aDer Schulte k\u00f6mmt, der Schulte k\u00f6mmt!\u2039 (Der Schulthei\u00df hielt den Zuchtbullen f\u00fcr die Gemeinde.) Zu Neujahr bliesen die Hirten im Dorf auf ihren H\u00f6rnern, gingen von T\u00fcr zu T\u00fcr und sangen ihr Lied, das die Bauern aufforderte, ihnen etwas zu geben \u2013 am besten die ger\u00e4ucherten W\u00fcrste herauszur\u00fccken. Die Gaben galten als Ausdruck der Wertsch\u00e4tzung der Bauern f\u00fcr den sorgsamen Umgang der Gemeindeangestellten mit ihrem Vieh.\u00ab<sup>26<\/sup><\/p>\n<p>In allen Kulturen wurden (und werden) andere Rechtstraditionen genutzt, nach denen Menschen selbstbestimmt die eigenen Lebensbedingungen formen \u2013 haupts\u00e4chlich abseits des Augenmerks von Recht und Staaten. Sie sind nicht von der strengen Logik staatlichen Rechtsdenkens getrieben, und oft werden sie nicht einmal als \u00bbRecht\u00ab anerkannt, nur weil sie im Wortsinne \u00bbungeschriebenes\u00ab Gesetz sind. Doch die allt\u00e4glichen Praktiken, Rituale und ethischen Normen gew\u00f6hnlicher Menschen k\u00f6nnen ebenfalls <i>funktionieren <\/i> und sind dadurch eine machtvolle Quelle und Form des Rechts. Sie unterst\u00fctzen Menschen darin, ihr durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen nachhaltig zu bewirtschaften, so wie die morgendliche Yogastunde einen Menschen darin unterst\u00fctzt, in der Balance zu bleiben. Und zwar ohne zu zentralisieren, ohne staatlichen Machtapparat, ohne komplizierte Gesetzestexte und ohne Kontrolle von oben nach unten. \u00dcberall in der Welt vollziehen Fischereigemeinschaften Rituale, um ihren Dank f\u00fcr die R\u00fcckkehr der Fische auszudr\u00fccken. Erntefeste zelebrieren die ordnungsgem\u00e4\u00dfe Einbringung der Ernte. Die indonesischen <i>Subak<\/i>-Reisb\u00e4uerinnen und -bauern haben ausgefeilte religi\u00f6s unterlegte Regeln entwickelt, um zu koordinieren, wann bew\u00e4ssert und wann geerntet wird. Gemeinschaften, die von ihren W\u00e4ldern abh\u00e4ngig sind, verst\u00e4ndigen sich unabh\u00e4ngig vom \u2013 oft ohnehin inexistenten \u2013 Rechtsstaat dar\u00fcber, wie sie Wilderei und Diebstahl verhindern. Die mit der <i>International Association for the Study of Commons<\/i> assoziierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben hunderte Fallstudien dazu erstellt, wie Commoners ihre Angelegenheiten regeln, und bringen immer wieder interessante Praktiken ans Licht. Manchmal entscheidet sich der Staat daf\u00fcr, Gewohnheitsrecht anzuerkennen, es also \u00bbzu umarmen\u00ab und dadurch auch die Verwaltung zu vereinfachen. Das ist bei den <i>Ejidos<\/i> in Spanien und Mexiko der Fall, den <i>Acequias <\/i> f\u00fcr die Bew\u00e4sserung in Mexiko und den s\u00fcdlichen Staaten der USA, den <i>Ob\u015fte <\/i> von gemeinschaftlichem Land und W\u00e4ldern in Rum\u00e4nien,<sup>27 <\/sup>den <i>Iriaiken<\/i> f\u00fcr die Ernte von Waldfr\u00fcchten oder die Bewirtschaftung von Land in Japan oder bei ihrem \u00c4quivalent in der Schweiz, den Oberallmeindkorporationen.<sup>28 <\/sup>Sie alle bestehen schon l\u00e4nger als jeglicher Staat oder Nationalstaat in der Geschichte. Die Allmeindkorporationen gehen sogar bis auf das Jahr 1114 zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch wenn diese Formen bewusster Selbstorganisation durch Gleichrangige oft als informell, indigen, gemeinsam oder lokal bezeichnet werden, ziehen wir den Begriff des \u00bbvernakul\u00e4ren Rechts\u00ab vor. Er ist inspiriert von Ivan Illichs Gebrauch des Wortes \u00bbvernakul\u00e4r\u00ab, mit dem er auf den lebendigen, sozialen Charakter dieser Art der Regelfindung hinwies. Vernakul\u00e4res Recht gedeiht, schreibt Trent Schroyer, dort, \u00bbwo Menschen sich bem\u00fchen, gegen die Kr\u00e4fte der \u00f6konomischen Globalisierung Regeneration und soziale Restauration zu erzielen\u00ab.<sup>29 <\/sup><\/p>\n<p>Gewohnheitsrecht als Recht anzuerkennen hei\u00dft, die Moralvorstellungen, praktischen Erfahrungen und Weisheiten einfacher Menschen bez\u00fcglich der Nutzung ihres \u00bbEigentums\u00ab aufzuwerten. Es erlaubt uns, ihnen neben der politischen und \u00f6konomischen Logik des Markt-Staates und des staatlich \u00bbgesetzten\u00ab Rechts einen eigenst\u00e4ndigen Platz zuzuweisen. Gerade weil das Gewohnheitsrecht sich den Lockeschen Vorstellungen von Eigentum widersetzt, kann es eine gr\u00f6\u00dfere Vielfalt an Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt w\u00fcrdigen. Die mit dem Gewohnheitsrecht in Zusammenhang stehenden Praktiken geben den Menschen eine M\u00f6glichkeit, ihre existenziellen <i>und<\/i> affektiven Bindungen mitzuteilen \u2013 zu den Jahreszeiten, zu Fl\u00fcssen, W\u00e4ldern, Weiden, dem Wild und den Fischgr\u00fcnden, die sie ern\u00e4hren. Gesch\u00e4tzte und bew\u00e4hrte Rituale, Br\u00e4uche und Normen k\u00f6nnen legitime Quelle f\u00fcr Recht und Governance sein. Sie k\u00f6nnen gen\u00fcgend Anerkennung finden, um schlie\u00dflich zu einer funktionalen Form von Recht heranzureifen. Der Staat kann so klug sein, ihnen Rechtskraft zuzusprechen.<\/p>\n<p>Vernakul\u00e4res Recht ist wertvoll, weil es aus Beziehungsvielfalt heraus entsteht und weil es sich weiterentwickeln und ver\u00e4ndern kann, wenn sich die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern. Es spiegelt die Lebenswirklichkeit und Gef\u00fchle einfacher Menschen wider, nicht die Priorit\u00e4ten derer, die sie formal vertreten und auch nicht die Logik juristischen Denkens. Der amerikanische Jurist Oliver Wendell Holmes, Jr. schrieb bereits 1881 in seinem ber\u00fchmten Essay <i>Das gemeine Recht Englands und Nordamerikas<\/i>: \u00bbVielmehr entnimmt das Recht seine eigentliche Lebenskraft nicht der Logik, sondern ist ein Niederschlag von Erfahrungen.\u00ab<sup>30<\/sup><\/p>\n<p>In unserer modernen Welt werden Br\u00e4uche, Rituale und gewohnheitsrechtliche Praktiken h\u00e4ufig als r\u00fcckst\u00e4ndig, abergl\u00e4ubisch oder ineffizient abgetan. B\u00fcrokratische Systeme, die auf wissenschaftlicher Rationalit\u00e4t, einheitlichen Regeln und zentraler Verwaltung basieren, gelten als bessere Art und Weise, die Dinge zu handhaben. Wenn aber Br\u00e4uche geeignet sind, ungeschriebene Regeln mit ernsthafter Arbeit, Konvivialit\u00e4t und dem Feiern von Festen zu kombinieren, und so beitragen, den eigenen Lebensraum (f\u00fcr-)sorgend zu bewirtschaften, entfalten sie eine ganz eigene Wirksamkeit und Autorit\u00e4t. Das j\u00e4hrliche \u00bbAbschreiten der Gemarkungsgrenzen\u00ab, das Hartmut Z\u00fcckert beschreibt, war zugleich Happening mit Kuchen und Bier und ernsthafte Behauptung von Nutzungsanspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann Gewohnheitsrecht unn\u00f6tig unflexibel sein, aber oft kristallisiert sich darin die Weisheit von jahrzehntelanger allt\u00e4glicher Erfahrung in einer bestimmten Umgebung heraus. Es spiegelt das reiche Erbe t\u00e4glichen Experimentierens wider: Was funktioniert, was nicht? Wie k\u00f6nnen Menschen langfristig die gew\u00fcnschten Ergebnisse erzielen? In der Sprache der Evolution k\u00f6nnte man sagen, dass die Praktiken des Gewohnheitsrechts adaptiv sind, weil sie eine Vielzahl subtiler, dynamischer Beziehungen aufnehmen und ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Sie verk\u00f6rpern das situierte Wissen der Menschen, ihre ethischen \u00dcberzeugungen und ihre emotionalen Bindungen an ihr Land, ihre W\u00e4lder, Fl\u00fcsse und Berge.<sup>31<\/sup> F\u00fcr Carol Rose, Professorin f\u00fcr Eigentumsrechte, ist das Gewohnheitsrecht \u00bbein Medium, durch das eine scheinbar \u203anicht organisierte\u2039 \u00d6ffentlichkeit sich organisieren und handeln und in einem gewissen Sinne sogar mit der Kraft des Rechts \u203asprechen\u2039 kann\u00ab.<sup>32 <\/sup>Dies macht plausibel, warum der Staat dem Gewohnheitsrecht oft argw\u00f6hnisch begegnet und dessen moralische Autorit\u00e4t und Macht gar als Bedrohung der Staatsmacht auffassen kann. Im Jahre 1860 wies ein US-amerikanisches Gericht gewohnheitsrechtliche Anspr\u00fcche mit der Begr\u00fcndung ab, sie beruhten auf \u00bbFormen von Gemeinschaft, die in diesem Staat unbekannt sind\u00ab.<sup>33 <\/sup>Machen wir uns noch einmal bewusst, um welche Dimensionen es hier geht. Die Organisation <i>Land Rights Now<\/i> sch\u00e4tzt, dass etwa die H\u00e4lfte der bewirtschafteten Landfl\u00e4che der Erde von insgesamt rund 2,5 Milliarden Menschen kollektiv genutzt wird.<sup>34<\/sup> Dort spielt Gewohnheitsrecht h\u00e4ufig eine gro\u00dfe Rolle. Aus Sicht der Staatsmacht wirft dies das Problem auf, ob sie sozialen Praktiken, die derart informell sind, formale Anerkennung und Legitimit\u00e4t verleihen kann. \u00bb[W]enn eine Gemeinschaft in ihrer Eigenschaft als K\u00f6rperschaft Anspr\u00fcche stellen wollte, dann m\u00fcssten die Bewohnerinnen und Bewohner sich in einer vom Staat autorisierten Art und Weise organisieren\u00ab, erl\u00e4utert Carol Rose.<sup>35<\/sup> Doch wir k\u00f6nnen auch umgekehrt fragen: Kann staatliches Recht Legitimit\u00e4t genie\u00dfen und befriedigende Ergebnisse liefern <i>ohne<\/i> Gewohnheitsrechte anzuerkennen? Elinor Ostrom ber\u00fchrte diese Problematik in zwei ihrer acht Designprinzipien f\u00fcr langlebige Commons-Institutionen. Das siebte Prinzip sagt, dass ein Mindestma\u00df staatlicher Anerkennung des Rechts der Nutzer erforderlich ist, ihre eigenen Regeln zu bestimmen. Und das achte Prinzip f\u00fcr <strong>gro\u00dfe und komplexe Ressourcensysteme spricht von der Notwendigkeit \u00bbeingebetteter Institutionen, die auf mehreren Ebenen miteinander \u00bbverschachtelt\u00ab sind<\/strong>.<sup>36<\/sup><\/p>\n<h4>Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit:<br \/>\nEin Zentralbegriff des Commoning<\/h4>\n<p>Vernakul\u00e4res Recht fordert das geltende Eigentumsrecht heraus, das die einzigartigen Werte des Commoning unsichtbar macht. Nicht nur die totalisierende Eigentumslogik ist falsch, sondern auch, dass sie f\u00fcr s\u00e4mtliche Umst\u00e4nde gelten soll. Aus der Geschichte kennen wir einen Rechtsgrundsatz, der dieser Logik ebenfalls entgegensteht: die <i>Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit. <\/i> Die Urspr\u00fcnge dieses Gedankens liegen im R\u00f6mischen Recht. In den lateinischen Originaltexten ist die Rede von \u00bbDingen, deren Verkauf verboten ist\u00ab und \u00bbDinge, mit denen kein Handel betrieben wird\u00ab. Die grundlegende Idee der Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit ist also das <i>Verbot der Handelbarkeit.<\/i> Was unverk\u00e4uflich ist, kann nicht ver- und gekauft werden. Ein unverk\u00e4ufliches Ding kann auch nicht geerbt, mit einer Hypothek belastet, verpf\u00e4ndet oder besteuert werden.<\/p>\n<p>Heute hingegen wird fast alles zum quasi uneingeschr\u00e4nkten Eigentum gemacht: selbst Gene, W\u00f6rter, Ger\u00fcche und Klangschnipsel. In Kombination mit der sakrosankten \u00bbVertragsfreiheit\u00ab erm\u00f6glichen diese Eigentumsrechte, dass fast alles gehandelt wird. Der Markt-Staat f\u00f6rdert diese Dynamik nur allzu gern, da sie dem Wirtschaftswachstum dient und Steuereinnahmen sprudeln l\u00e4sst. Doch derlei Enthusiasmus f\u00fcr Handelsbeziehungen enth\u00e4lt immer eine antisoziale Dimension: wenn nach Marktlogik getauscht wird, stellt sich die \u00bbGrenze zwischen Dir und mir\u00ab, zwischen Habenden und Habenichtsen immer wieder neu her, und viele andere Verkn\u00fcpfungen, die uns als Teil der Gesellschaft miteinander verbinden, bleiben unsichtbar.<\/p>\n<p>Die Idee der Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit hat sich vermutlich auch deshalb erhalten, weil sie auf einer genuinen Einsch\u00e4tzung vieler Menschen beruht \u2013 n\u00e4mlich, dass die Aneignung mancher Dinge schlicht als Unrecht empfunden wird. In den meisten Gesellschaften wird der Verkauf von Nieren, Babys, K\u00f6rperteilen, Sex und Wahlstimmen als unmoralisch betrachtet. Es gibt in diesen F\u00e4llen einen ausreichend gro\u00dfen Konsens \u00fcber die tiefgreifende Bedeutung dieser Dinge f\u00fcr unser Leben und, dass ihre rechtlich legitimierte Verwandlung in eine Handelsware unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt schaden w\u00fcrde. Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit hei\u00dft auch (beziehungsweise setzt voraus), dass etwas nicht eigentumsf\u00e4hig ist. Sich nicht aneignen l\u00e4sst. Was dazu geh\u00f6rt, folgt zun\u00e4chst einem gesellschaftlichen Urteil. Erst danach verteidigen auch die Rechtssysteme den Gedanken, indem Ver\u00e4u\u00dferung formal verboten wird. Schon das R\u00f6mische Recht best\u00e4tigte die Auffassung, dass sich antike Orte, Theater, Stra\u00dfen, Fl\u00fcsse, Wasserleitungen usw. nicht in derselben Weise aneignen und handeln lassen sollten wie Brot und Butter. Warum sollten wir nicht noch einmal intensiver der Frage nachgehen, was dieser Gedanke heute bedeuten kann? Wie w\u00e4re es, wenn die Gesellschaft bestimmte kulturelle Verhaltensweisen und Sachen generell als unverk\u00e4uflich betrachtete? Unsere Eigentumsrechte gingen dann nicht mit absoluter Verf\u00fcgungsgewalt einher, die ja das Recht auf Verkauf einschlie\u00dft. Was w\u00e4re, wenn wir anerkennen, dass die Macht der Commons auch davon abh\u00e4ngt, ob es ihnen gelingt, \u00bbeine Norm der Nicht-Aneigenbarkeit [zu] definieren.\u00ab, wie die franz\u00f6sischen Rechtswissenschaftler und Philosophen Pierre Dardot und Christian Laval formulierten?<sup>37<\/sup> Wenn dies \u2013 die Nicht-Aneigenbarkeit als Norm \u2013 f\u00fcr bestimmte Lebensbereiche als rechtliche Ausgangsposition g\u00e4lte, k\u00f6nnte viel Schaden wieder gut gemacht werden: Schaden, der dadurch entstanden ist, dass so viel (aus-)verkauft wurde \u2013 wof\u00fcr es zun\u00e4chst zum handelbaren Eigentum gemacht werden musste. Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi hat dokumentiert, wie im Anfangsstadium des Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert Land, Geld und Arbeit mit Macht zu \u00bbWaren\u00ab umdefiniert wurden.<sup>38<\/sup> Polanyi nannte sie \u00bbfiktive Waren\u00ab, weil keine davon tats\u00e4chlich <i>f\u00fcr<\/i> den Verkauf <i>produziert<\/i> wird. Land ist genau genommen ein Geschenk der Natur, in dem es vor Lebewesen wimmelt. Arbeit ist menschliches Leben selbst. Geld ist lediglich ein Symbol f\u00fcr Kaufkraft. Es war ein <i>Mittel<\/i> des Handels, nicht dessen Objekt. Land, Geld und Arbeit zu Waren zu machen war Vorbedingung f\u00fcr die Schaffung der Marktgesellschaft. Heute reden wir \u00fcber Heilverfahren, Bildung oder Sport als Handelsware mit wahrlich erstaunlicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit. FC Bayern-Ikone Paul Breitner erkl\u00e4rt am Beispiel des wohl ber\u00fchmtesten deutschen Clubs: \u00bbWir haben mit der FC Bayern AG ein Unternehmen, das Fu\u00dfball produziert und verkauft [\u2026]\u00ab. \u00bbEs ist die AG, die <i>f\u00fcr<\/i> den FC Bayern Fu\u00dfball spielt.\u00ab<sup>39<\/sup> Und der Spiegel unterstreicht kurz darauf die Priorit\u00e4ten des Hauptaktion\u00e4rs dieser Aktiengesellschaft, des Vereins FC Bayern: \u00bbAuf der Jahreshauptversammlung gab es beeindruckende Umsatzzahlen zu verk\u00fcnden und neue Rekordfinanzen, und, na gut, der sportliche Durchh\u00e4nger in der Bundesliga, eine kleine Delle, nicht mehr.\u00ab<sup>40<\/sup> Dem Fu\u00dfball ist das Spiel abhandengekommen. Wenn Sport zur Handelsware wird, \u00e4ndert sich alles. Das gilt im Sport, wie in anderen Lebensbereichen.<\/p>\n<p>Daher sei noch einmal betont: nicht das existentielle Besitzen, Nutzen und Gebrauchen ist das Problem, sondern Handelbarkeit. Und Handelbarkeit wird erst durch vollumf\u00e4ngliche Eigentumsrechte verwirklicht. Was also w\u00e4re, wenn wir das Eigentum mit der Handelbarkeit als Grundprinzip \u00fcberdenken w\u00fcrden? Wenn wir anders mit Land, Arbeit und Geld, aber auch mit Wissen umgingen? Wie s\u00e4he unsere Gesellschaft aus, wenn wir anfingen, diese Dinge von Vornherein als \u00bbnicht eigentumsf\u00e4hig\u00ab und damit \u00bbnicht ver\u00e4u\u00dferbar\u00ab zu betrachten? Wenn wir beispielsweise zu der \u00dcberzeugung k\u00e4men, dass Softwarecode und Wissen nicht ausschlie\u00dflich individuell genutzt werden d\u00fcrfen, sondern <i>gleichzeitig<\/i> anderen zur Verf\u00fcgung stehen sollen?<\/p>\n<p>Es mag utopisch erscheinen, im modernen Leben Sph\u00e4ren der Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit schaffen zu wollen. Schlie\u00dflich hat die moderne Gesellschaft ein geradezu religi\u00f6ses Verh\u00e4ltnis zum Eigentum. Und doch ist es weder abwegig noch unpraktikabel. Als Dr. Jonas Salk, der den Impfstoff gegen Kinderl\u00e4hmung entwickelt hatte, 1955 gefragt wurde, wem das Patent auf den Impfstoff geh\u00f6re, antwortete er mit den vielzitierten Worten: \u00bbNun, den Menschen, w\u00fcrde ich sagen. Es gibt kein Patent. K\u00f6nnte man die Sonne patentieren?\u00ab Salk fand die Vorstellung absurd, dass ein lebensrettender Impfstoff mit Gewinnmaximierungsabsicht genutzt und f\u00fcr die Menschen, die ihn ben\u00f6tigten, unerschwinglich werden w\u00fcrde. Daher \u00fcbertrug er die Verantwortung f\u00fcr den Impfstoff der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sicherstellte, dass er m\u00f6glichst vielen Menschen zu Gute kam. In den folgenden Jahrzehnten hat sich ein anderes Ethos etabliert, demzufolge Nationalstaaten Patente f\u00fcr alle m\u00f6glichen lebensnotwendigen Medikamente gew\u00e4hren, ebenso f\u00fcr Algorithmen, Gesch\u00e4ftsmethoden und Wissen, das allen zur Verf\u00fcgung stehen sollte.<\/p>\n<p>Oder reisen wir zu einem der gr\u00f6\u00dften Binnenseen der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re, dem Lake Taupo in Neuseeland, der f\u00fcr seine See- und Regenbogenforellen bekannt ist. Trotz dieses Forellenreichtums stehen sie nicht auf den Speisekarten der anliegenden Restaurants. Die Angellizenzen f\u00fcr den Taupo und andere Seen in der Region enthalten nicht nur einen <i>cap<\/i>, definieren also eine Obergrenze, das \u00bbdaily bag limit\u00ab (t\u00e4glich darf so viel gefischt werden, wie in eine T\u00fcte passt); sie erkl\u00e4ren auch die geangelten Forellen f\u00fcr nicht-ver\u00e4u\u00dferbar. W\u00f6rtlich hei\u00dft es: \u00bbEs ist illegal, Forellen zu verkaufen oder zu erwerben\u00ab. Wer also Forellen in einem der aussichtsreichen Restaurants rund um den See speisen m\u00f6chte, muss sie selbst angeln, kann sie mitbringen und bekommt sie angelfrisch zubereitet.<sup>41<\/sup><\/p>\n<p><i>Res nullius<\/i> neu entdecken<\/p>\n<p>Wer auch immer die Idee der Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit wiederbelebt, tut gut daran, sich mit der Geschichte des <i>res nullius<\/i> auseinanderzusetzen. Diese Kategorie des R\u00f6mischen Rechts ist auch heute noch aufschlussreich. Nicht weniger aufschlussreich ist, dass die heutige Rechtswissenschaft sie \u2013 und die damit verbundenen Annahmen \u00fcber unsere gemeinsame Kultur \u2013 quasi vergessen hat. Die Wurzeln von <i>res nullius<\/i> liegen im fr\u00fchen 6. Jahrhundert. Damals ordnete Kaiser Justinian eine systematische Synthese aller bestehenden Gesetzestexte des Reichs an. Der zu schaffende Rechtsrahmen sollte sich auf die wichtigsten Werke der Rechtswissenschaft st\u00fctzen. Das Ergebnis, der zwischen 528 und 534 erlassene Codex Iustiniani \u2013 formal das Corpus Iuris Civilis<sup>42<\/sup> \u2013 hat das moderne Recht stark beeinflusst. Im Codex wird die Vielzahl an Dingen, die der Eigent\u00fcmerschaft unterworfen werden k\u00f6nnten, in Klassen eingeteilt und mit unterschiedlichen Zugangs- und Nutzungsrechten versehen (siehe Tabelle unten). Obwohl wir heute gemeinhin davon ausgehen, dass die Eigent\u00fcmerschaft in zwei grundlegende Kategorien zerf\u00e4llt \u2013 \u00f6ffentlich und <i>privat<\/i> \u2013, erinnern die Alten R\u00f6mer uns daran, dass es noch weitere gibt. Sie hatten eine Kategorie f\u00fcr <i>pers\u00f6nliche Eigentumsrechte \u2013 res privatae<\/i>. Dem Staat kam die Schutz- und Treuhandfunktion f\u00fcr die Kategorie der <i>res publicae<\/i> zu wie Grund und Boden, zivile Geb\u00e4ude und Infrastrukturen. Anerkannte Regime des gemeinsamen Eigentums an Wald, Land oder Gew\u00e4ssern waren sogenannte <i>res communis. <\/i> Und schlie\u00dflich gab es Dinge wie Luft und Wasser<sup>43<\/sup> \u2013 die zum <i>res nullius<\/i> erkl\u00e4rt wurden und kein Eigentum sein konnten.<\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%; cellpadding: 10;\">\n<caption><em>Klassifizierung (eigentums-)rechtlicher Angelegenheiten auf Grundlage von Definitionen der Institutiones Iustiniani.<\/em><\/caption>\n<colgroup>\n<col width=\"172\" \/>\n<col width=\"173\" \/>\n<col width=\"172\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\"><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"173\"><b>Eigent\u00fcmer\/Steward (Bewirtschafter)<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\"><b>Gegenstand der Eigent\u00fcmerschaft bzw. der (f\u00fcr-)sorgenden Bewirtschaftung<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\"><em>res publicae<\/em><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"173\">Der Staat ist Eigent\u00fcmer und bewirtschaftet im Auftrag der B\u00fcrger.<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\">Nationalparks, \u00f6ffentliche G\u00e4rten, Infrastruktur<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\"><em>res privatae<\/em><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"173\">Einzelperson<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\">Haus, Hausrat<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\"><em>res communis<\/em><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"173\">Gemeinschaft\/abgegrenzte Gruppe<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\">Grundst\u00fccke (z.B. Land oder Wald)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\" height=\"71\"><em>res nullius&lt;\/em<\/em><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"173\">niemand<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"172\">Atmosph\u00e4re, Meere, Fische und anderes fl\u00fcchtende Wild sowie alles, was als heilig galt.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Warum aber ist die Vorstellung, dass etwas \u00bbkein Eigentum sein kann\u00ab, im Laufe der Jahrhunderte praktisch verschwunden? Es w\u00fcrde den Rahmen dieses Buchs sprengen, in die Einzelheiten einzutauchen; doch wir k\u00f6nnen zumindest einige aufschlussreiche historische Spuren verfolgen. So \u00fcberrascht es nicht, dass w\u00e4hrend der Erarbeitung des neuen Codex Iustiniani, die urspr\u00fcnglich genutzten Begriffe aus den lateinischen Rechtsquellen neu interpretiert wurden. Schlie\u00dflich griffen die Rechtsgelehrten auf unterschiedliche Gesetzestexte mit unterschiedlichen Sprachregelungen und Kategorisierungen zur\u00fcck. Diese sollten in eine neue Ordnung gegossen werden. Anhand eines Textes von Gaius, dem gro\u00dfen r\u00f6mischen Juristen aus dem 2. Jahrhundert, k\u00f6nnen wir uns ein ungef\u00e4hres Bild davon machen, was das bedeutete. Gaius erkannte f\u00fcnf Eigentumskategorien an \u2013 \u00f6ffentlich und privat sowie heilig, religi\u00f6s, geheiligt (das waren tats\u00e4chlich drei unterschiedliche Bereiche!). Im Codex Iustiniani gab es aber nur vier Kategorien (siehe Tabelle oben). Hier wurde also etwas mit Eigentumsklassifikationen aus anderen Rechtsquellen abgeglichen, zusammengefasst und neu geordnet. Wie und mit welchen Absichten sich die vier Kategorien durchsetzten, kann man schwerlich mit Sicherheit sagen. Uns geht es hier darum, darauf hinzuweisen, dass neue Rechtskategorien erfunden und alte neu interpretiert wurden. Im Zuge der Erstellung des Codex Iustiniani wurden nichts weniger als die Grundlagen des Rechts neu gefasst. Dabei haben sich nicht nur die Kategorien verschoben, sondern auch die Vorstellungen davon, was Eigentum sein konnte und was nicht. Vor dem Codex war das Recht in g\u00f6ttliches Recht (<em>ius divinum<\/em>) und von Menschen gemachtes Recht unterschieden worden (<em>ius humanum<\/em>).<sup>44<\/sup> W\u00e4hrend letzteres offensichtlich auf einer sozialen Vereinbarung beruht, bezieht sich g\u00f6ttliches Recht auf jegliches Recht, das direkt von einer g\u00f6ttlichen Quelle abgeleitet wurde, etwa dem Willen eines oder mehrerer G\u00f6tter. Was heilig war und zum g\u00f6ttlichen Recht geh\u00f6rte, konnte weder angeeignet noch verkauft werden. Und um es noch etwas komplizierter zu machen, unterschieden manche pr\u00e4-iustinianische Quellen nicht <em>ius divinum<\/em> und <em>ius humanum<\/em>, sondern <em>patrimoniale<\/em> Dinge, die beispielsweise zum kulturellen Erbe geh\u00f6rten und unverk\u00e4uflich waren, von den <em>extrapatrimonialen<\/em>, mit denen gehandelt werden konnte. Das, was zur patrimonialen Sph\u00e4re oder zum g\u00f6ttlichen Recht geh\u00f6rte (je nachdem, welchen Text man gerade liest), galt per Definition als unver\u00e4u\u00dferlich. Es war also illegal, es zu verkaufen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die den Codex Iustiniani aus solch unterschiedlichen Quellen zusammenstellten, mussten sich also mit zwei grundlegend unterschiedlichen Klassifikationen auseinandersetzen, die <em>parallel zueinander<\/em> existierten \u2013 in manchen Quellen <em>ius divinum\/ius humanum<\/em> und in anderen <em>patrimonial\/extrapatrimonial<\/em>. Dass dies problematisch war, ist leicht vorstellbar. Die Klassifikationen haben sich nicht nur \u00fcberlappt, sondern waren miteinander inkompatibel. Wenn eine koh\u00e4rente Neuformulierung des Rechts gelingen sollte, musste nun entweder eine Denkweise (und die damit verbundenen Rechtskategorien) g\u00e4nzlich beiseitegeschoben oder ein ganz neues Klassifikationssystem geschaffen werden. Es war ungef\u00e4hr so, als wollte man die Designlogiken von Lego und Playmobil (beides modulare Systeme mit je eigenem Klemmverfahren) miteinander verkn\u00fcpfen. In jedem der beiden Systeme passt alles perfekt zusammen, aber sie funktionieren nicht miteinander. Vielleicht erkl\u00e4rt dies teilweise, warum die Vorstellung, dass etwas kein Eigentum sein kann, zunehmend in Vergessenheit geriet: die Idee, dass uns etwas heilig ist, die mit dem Konzept der Unver\u00e4u\u00dferlichkeit verbunden war, kam im neuen Codex nicht vor.<\/p>\n<p>Eine weitere Wendung, die uns noch heute betrifft, vollzog sich in diesem 6. Jahrhundert. Die Alten R\u00f6mer hatten klugerweise die Vorstellung der Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit zweifach gesch\u00fctzt. Der franz\u00f6sische Rechtshistoriker Yan Thomas bezeichnete dies als \u00bbdoppelten Modus, gleichzeitig \u00f6ffentlich und heilig zu sein\u00ab. Damit meinte er, dass die Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit auch deutlich machte, dass das \u00d6ffentliche in gewisser Weise heilig war. Mit anderen Worten: der r\u00f6mische Begriff des \u00bb\u00d6ffentlichen\u00ab enthielt die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Ewigkeit und das Heilige und bezeichnete somit etwas, das von allen nutzbar war und f\u00fcr alle Zeit der \u00f6ffentlichen Bewirtschaftung unterlag. Im Laufe der Jahrhunderte ist das Konzept des <em>Patrimonialen<\/em> (des gemeinsamen Erbes) im Recht besser erhalten geblieben als die Vorstellung der \u00bbHeiligkeit des \u00d6ffentlichen\u00ab. So wurde der Idee des gemeinsamen Erbes frisches Leben eingehaucht, als das Seerechts\u00fcbereinkommen der Vereinten Nationen (auch als UNCLOS III bekannt) 1982 ratifiziert wurde. Es erkl\u00e4rt, dass Ressourcen in Gew\u00e4ssern au\u00dferhalb der nationalen Gerichtsbarkeit, etwa Tiefseemineralien, als \u00bbgemeinsames Erbe der Menschheit\u00ab gelten. Allerdings liegt die Verbindung des Rechtsstatus des gemeinsamen Erbes mit dem Konzept der Unverk\u00e4uflichkeit in den Untiefen nationalstaatlicher Interessenskonflikte begraben. So geht es de facto in den Verhandlungen \u00fcber den Umgang mit diesem gemeinsamen Erbe vorwiegend darum, wie die Gewinne aus dem k\u00fcnftigen Tiefseebergbau verteilt werden.<\/p>\n<p>Das gemeinsame Erbe zu sch\u00fctzen ist auch Hauptzweck des UNESCO-\u00dcbereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturgutes der Welt. Es soll Teile der Natur sch\u00fctzen, \u00bbdie in \u00e4sthetischer oder wissenschaftlicher Hinsicht von au\u00dfergew\u00f6hnlichem universellem Wert sind\u00ab, sowie Meisterwerke sch\u00f6pferischer Genialit\u00e4t und kultureller Bedeutung wie den Serengeti-Nationalpark, die Chinesische Mauer und Machu Picchu in Peru.<sup>45<\/sup><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Die Meere als \u00bbgemeinsames Erbe der Menschheit\u00ab?<\/h4>\n<p>Artikel 136 des neuen Seerechts\u00fcbereinkommens erkl\u00e4rt die Ressourcen in den Gew\u00e4ssern au\u00dferhalb der nationalen Gerichtsbarkeit zum \u00bbgemeinsamen Erbe der Menschheit\u00ab. Dies bedeutet, dass kein Staat und keine Person Mineralien am Meeresboden, etwa Manganknollen, beanspruchen, sich aneignen oder als Eigentum bezeichnen darf. Solche Rechte \u00bbstehen der gesamten Menschheit zu, in deren Namen die Beh\u00f6rde<sup>46<\/sup> handelt\u00ab. (Artikel 137). Trotz der einst ambitionierten Anspr\u00fcche des Rechtsbegriffs des \u00bbgemeinsamen Erbes der Menschheit\u00ab ist seine Wirkung entt\u00e4uschend. Die V\u00f6lkerrechtswissenschaftlerin Prue Taylor merkt allerdings an, dass \u00bbRessourcen\u00ab im Meer \u00bbnur ein kleiner Teil der internationalen Commons\u00ab sind, und dass die alte Idee der \u00bbFreiheit der Hohen See\u00ab als Rechtsgrundsatz nicht wirklich ersetzt worden ist. Das Konzept des gemeinsamen Erbes der Menschheit verf\u00fcgt weder \u00fcber starke Unterst\u00fctzung seitens der Vereinten Nationen noch hat es eine rechtliche Revolution ausgel\u00f6st. Sogar der Diplomat Arvid Pardo, die treibende Kraft hinter dem Seerechts\u00fcbereinkommen, kommentierte sardonisch, dass die Anwendung des Grundsatzes sich nur noch auf \u00bbh\u00e4ssliche kleine Steine in den dunkelsten Tiefen der Sch\u00f6pfung\u00ab beziehe. Und de facto geht es nicht um deren Schutz, sondern darum, den Gewinn aus der F\u00f6rderung von Tiefseeressourcen einigerma\u00dfen gerecht aufzuteilen.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Vorstellung des gemeinsamen Erbes der Menschheit ein Rechtsbegriff, den wir wertsch\u00e4tzen sollten; er war revolution\u00e4r genug, dass die USA sich weigerten, das \u00dcbereinkommen zu ratifizieren.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Sie m\u00f6gen sich nun fragen, warum uns diese uralte Rechtsgeschichte heute interessieren soll. K\u00f6nnen Kategorien des R\u00f6mischen Rechts uns tats\u00e4chlich inspirieren, Eigentum neu zu denken? Wir glauben schon. Zun\u00e4chst erlauben sie uns herauszufiltern, welche Rechtsprinzipien zur Zerst\u00f6rung der Commons beitragen \u2013 etwa die Vorstellung von Eigentum als \u00bballeinige und willk\u00fcrliche Verf\u00fcgungsgewalt\u00ab. Dar\u00fcber hinaus hilft uns der Blick in die Vergangenheit, vergessene Rechtsbegriffe wie den <em>Nie\u00dfbrauch<\/em>, der genau wie der <em>Besitz,<\/em> die tats\u00e4chliche Nutzung privilegiert, wiederzuentdecken.<sup>47<\/sup> Auch Begriffe wie <em>Erbe, Nichtver\u00e4u\u00dferbarkeit, heilig, res nullius <\/em> machen es leichter, jene Rechtsformen zu benennen, die einen st\u00e4rkeren Status haben sollten. Und auch wenn die Vorstellung des \u00bbgemeinsamen Erbes der Menschheit\u00ab im internationalen Recht ein entt\u00e4uschendes Schicksal erfuhr, bleibt sie doch eine der wenigen, die Vertreter von Nationalstaaten veranlassten zu diskutieren, was das bedeuten und beinhalten w\u00fcrde. Zu w\u00fcnschen bleibt, dass das Konzept <em> der Unver\u00e4u\u00dferbarkeit<\/em> (oder des <em>res nullius in bonis<\/em>, das wir gleich vorstellen werden) wieder zu einem vielseitig genutzten Rechtsgedanken werden kann, \u00fcber den bestimmte Dinge aus dem Markt genommen und Commoning gest\u00e4rkt werden kann.<\/p>\n<h4>Eigentum als Verdinglichung der Sozialbeziehungen<\/h4>\n<p>Und damit kommen wir zu einer letzten grundlegenden Feststellung: Nicht nur das \u00bbGemeinsame Erbe der Menschheit\u00ab wurde als Rechtsbegriff marginalisiert und von der Idee der <em>Unver\u00e4u\u00dferbarkeit<\/em> getrennt; auch der Begriff des \u00d6ffentlichen hat seine Verkn\u00fcpfung mit dem Heiligen verloren. Es scheint, als w\u00e4ren <em>s\u00e4mtliche<\/em> Rechtskategorien aufgegeben worden, die auf Unverk\u00e4uflichkeit oder Verbote der bedingungslosen Aneignung abzielen. Daf\u00fcr gibt es viele Gr\u00fcnde, entscheidend ist vor allem der Aufstieg der kapitalistischen Marktwirtschaft und Kultur. Westliche Industriegesellschaften streben nach immer neuen Verkaufsrekorden, die das Wirtschaftswachstum f\u00f6rdern. Das gilt als \u00bbFortschritt\u00ab.<\/p>\n<p>Und noch eine weitere Tendenz ist zu beobachten und zu \u00fcberwinden: die Neigung, das Recht f\u00fcr eine verl\u00e4ssliche Landkarte der sozialen und \u00f6kologischen Wirklichkeit zu halten. Tatsache ist: Beide Welten \u2013 die des Rechts und die der gelebten Wirklichkeit \u2013 sind in st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung begriffen und sehr dynamisch. Fast nichts ist undenkbar. In seinem am\u00fcsanten Buch <em>Slide Mountain, or the Folly of Owning Nature<\/em> lotet Theodore Steinberg die \u00fcberspannten Ambitionen aus, die Natur mittels des Eigentumsrechts zu kontrollieren.<sup>48<\/sup> K\u00f6nnen B\u00e4uerinnen Rechtsanspr\u00fcche gegen ein Unternehmen geltend machen, das vorgibt, Regen zu machen, dies aber nicht tut? Wie k\u00f6nnen die Eigentumsrechte an Land behauptet werden, das an einer Flussbiegung liegt, dort stetig erodiert und sich daf\u00fcr andernorts neu bildet? Ganz \u00e4hnliche Fragen k\u00f6nnte man zu einem Recht stellen, das festgef\u00fcgte soziale Normen behauptet und mit formaler Logik zu argumentieren versucht. Werte und Normen sind st\u00e4ndig in Bewegung. Sie \u00e4ndern sich. Was gestern noch undenkbar war, findet heute gen\u00fcgend gesellschaftliche Unterst\u00fctzung um auch rechtlich anerkannt zu werden \u2013 so wie zuletzt die sogenannte \u00bbEhe f\u00fcr alle\u00ab. Menschen und Gesellschaften pulsieren und leben. Deswegen kann Recht nur scheitern, wenn es eingesetzt wird, um Sozialbeziehungen zu verdinglichen. Gleichwohl scheint dies ein Muster der modernen Rechtsgeschichte zu sein.<i> <\/i>Darauf weist die bereits beschriebene \u00bbEntkn\u00fcpfung\u00ab des \u00d6ffentlichen vom <em>Heiligen<\/em> hin. Auch die Vorstellung von <em>res nullius<\/em> hat sich im Laufe der Zeit gewandelt und der Verdinglichung von Sozialbeziehungen Vorschub geleistet. Verdinglichung hei\u00dft, Beziehungen als Ding, Fakt, Sache und Objekt anzusehen, statt als dynamische, soziale, lebendige Beziehung. Einen genaueren Blick auf <em>res nullius <\/em> zu wagen lohnt sich aus mindestens zwei Gr\u00fcnden. Erstens gab es interessanterweise im Laufe der Rechtsgeschichte mehr als eine Form davon, und zwar <em>res nullius<\/em> und <em>res nullius in bonis<\/em><sup>49<\/sup>. Bei Letzterem ging es um G\u00fcter, die nicht angeeignet werden sollen. Diese Kategorie ist passenderweise, sogar von den meisten Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern, vergessen worden.<sup>50<\/sup> Zweitens bezog sich der Begriff <em>res<\/em> in seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung auf eine (Rechts-)Angelegenheit \u2013 also auf etwas zu Verhandelndes \u2013 und nicht nur auf einen Gegenstand oder eine Eigentumsklasse.<\/p>\n<p>Der Begriff <em> res nullius<\/em> wird meist f\u00fcr ungenutztes Land oder Naturverm\u00f6gen verwendet, das rechtlich gesehen angeeignet werden <em>kann<\/em>. Die Kategorie lieferte in der Kolonialzeit eine wichtige rechtliche Rechtfertigung f\u00fcr die gewaltsame Beschlagnahmung von Land, das \u00bbniemandem geh\u00f6rte\u00ab. Die andere Kategorie, <em>res nullius in bonis,<\/em> verweist demgegen\u00fcber auf Bereiche, deren Aneignung rechtlich und ethisch betrachtet Unrecht w\u00e4re. Das \u00bbg\u00f6ttliche Recht\u00ab (<em>ius divinis)<\/em> hat f\u00fcr Dinge, die den Menschen heilig sind (oder sein sollten) \u00e4hnliche Verbote ausgesprochen. <em> Res nullius in bonis<\/em> bedeutet schlicht, dass etwas tats\u00e4chlich nicht angeeignet werden kann und daher heute und in Ewigkeit unverk\u00e4uflich ist. Warum, haben wir uns dann gefragt, hat nur die erste Version von <em>res nullius<\/em> die Zeiten \u00fcberdauert \u2013 jene, die ausdr\u00fcckt, dass \u00bbDinge, <em>noch<\/em> nicht angeeignet worden sind\u00ab, aber <em>angeeignet werden d\u00fcrfen<\/em>? Warum und wie genau die rechtliche Bedeutung von <em>res nullius in bonis<\/em> im Laufe der Jahrhunderte verschwunden ist, muss von Rechtshistorikern erforscht werden. Nicht undenkbar ist, dass es mit der Neuinterpretation des Begriffs <em>res <\/em> selbst zu tun hat. Als wir die Studien des franz\u00f6sischen Rechtshistorikers Yan Thomas lasen, wurde uns klar, dass <em>res<\/em> heutzutage meist als \u00bbSache, Gegenstand\u00ab \u00fcbersetzt wird. F\u00e4lschlicherweise. Vor dem Codex Iustiniani wurde <em>res<\/em> nicht als Sache oder Gegenstand verstanden, sondern als <em>Streitfall<\/em> oder <em>rechtliche Angelegenheit<\/em>. Das hei\u00dft, der Begriff bezog sich immer auf einen Gegenstand <em>im Kontext eines rechtlichen Verfahrens<\/em> und bezeichnete daher eher eine <em>Angelegenheit<\/em> als einen Gegenstand.<sup>51<\/sup> Dieser Unterschied ist alles andere als spitzfindig. In der Bedeutung \u00bbStreitfall\/Angelegenheit\u00ab ist die Beziehungsdimension offenbar. In der Bedeutung \u00bbGegenstand\/Sache\u00ab ist sie getilgt. Daher verpflichtet uns ein pr\u00e4ziseres Verst\u00e4ndnis von <em>res<\/em>, bestimmte soziale und rechtliche Realit\u00e4ten zu ber\u00fccksichtigen, die unter den Tisch fallen, wenn wir in <em>res<\/em> nur das Ding in jemandes Eigentum sehen.<\/p>\n<p>Wie oben beschrieben, war vor dem Codex Iustiniani eine der grundlegenden qualitativen Unterscheidungen diejenige zwischen <em>patrimonial<\/em> und <em>extrapatrimonial<\/em>. Wenn das entsprechende <em>res<\/em> zur patrimonialen Sph\u00e4re geh\u00f6rte (also als Erbe galt), konnte es niemals als Eigentum betrachtet und ver\u00e4u\u00dfert werden. Es war gesch\u00fctzt und konnte niemandem geh\u00f6ren. Rechtlich lie\u00df sich dann nur \u00fcber angemessene Nutzungsrechte diskutieren. Im Gegensatz dazu konnte ein <em>res<\/em>, das zur <em>extrapatrimonialen<\/em> Sph\u00e4re (gewerblich) geh\u00f6rte, in Beschlag genommen und zu Eigentum werden. Man k\u00f6nnte sagen: <em>res<\/em> wurde stets als \u00bbetwas in seinem Kontext\u00ab behandelt. Es bezog sich nicht auf eine unver\u00e4nderliche Eigenschaft eines \u00bbGegenstands\u00ab (im Eigentum von wem auch immer), sondern es bezog sich auf das strittige St\u00fcck Eigentum und gleichzeitig auf seinen angemessenen sozialen und rechtlichen Status. Dies ist kein triviales Detail, denn es macht deutlich: Lange bevor das moderne Recht sich anschickte, unser Denken zu bestimmen, <em>war das Netz an Beziehungen, in denen das jeweilige<\/em> res <em>eingebettet war, ein vorrangiges rechtliches Anliegen<\/em>. Man k\u00f6nnte sagen: Die rechtliche Angelegenheit war nicht verdinglicht. Versteht man hingegen <em>res<\/em> oder irgendetwas, das Eigentumsrechten unterliegt, relational, dann gibt es keinen \u00bbnat\u00fcrlichen Charakter des Dinges selbst\u00ab, das die angemessenen Eigentumsrechte bestimmen k\u00f6nnte. Und doch ist dieser Ansatz heute <em>en vogue<\/em><\/p>\n<p>In den Wirtschaftswissenschaften wird routinem\u00e4\u00dfig erkl\u00e4rt, dass bestimmte Klassen von G\u00fctern am besten als \u00f6ffentliches oder als Privateigentum bewirtschaftet werden.<sup>52<\/sup> Diese Mentalit\u00e4t wird in einer klassischen Grafik zusammengefasst, die die Existenz von vier G\u00fcterarten erkl\u00e4rt \u2013 private G\u00fcter, \u00f6ffentliche G\u00fcter, Klubg\u00fcter und Allmende- beziehungsweise Gemeing\u00fcter \u2013 deren Zuordnung zum jeweiligen Quadranten auf den vorgeblich intrinsischen Eigenschaften des Gutes selbst beruht.<sup>53<\/sup><\/p>\n<p>Diese Matrix mit ihren vier G\u00fcterarten und Governance-Regimen ist zutiefst irref\u00fchrend. Sie legt nahe, dass das, was tats\u00e4chlich eine gesellschaftliche Entscheidung ist, in den \u00bbG\u00fctern\u00ab selbst steckt. Mit anderen Worten: Die Grafik ist Ausdruck einer folgenreichen ontologischen Verwirrung \u2013 so wie sie in der modernen Welt der Wirtschaftswissenschaften gelehrt wird. Die konventionellen Wirtschaftswissenschaften schreiben physischen Ressourcen Eigenschaften zu, die tats\u00e4chlich gegen\u00fcber gesellschaftlichen Entscheidungen und Governance vollkommen offen sind. So ist es weder notwendig noch effizienter, einen Leuchtturm als \u00f6ffentliches Gut zu bewirtschaften. Infrastrukturen k\u00f6nnen auch als Commons betrieben werden, wie wir im ersten Kapitel am Beispiel von Guifi.net gesehen haben. Digitaler Code muss nicht als privates Gut und auch nicht als Klubgut behandelt werden; auch dies k\u00f6nnten Commons sein. Die neoklassisch gepr\u00e4gte Wirtschaftswissenschaft ist zur Monokultur geworden. Ihre Vertreter haben sich im B\u00fcndnis mit den Rechtsexperten des Markt-Staates entschlossen, die soziopolitischen Dimensionen der Ausgestaltung von Eigentumsrechten weitgehend zu ignorieren. Stattdessen haben sie ihre objektivierende Weltsicht auf das Feld der \u00bbG\u00fcter\u00ab \u00fcbertragen, \u00e4hnlich wie die Rechtswissenschaft eine gesellschaftliche Angelegenheit, <em>res<\/em>, in ein Objekt verwandelt hat. Heute betreibt das moderne Eigentumsrecht unter dem Deckmantel \u00bbnat\u00fcrlicher, universeller Prinzipien\u00ab reichlich \u00bbSocial Engineering\u00ab. Der Rechtsrahmen normalisiert eine Weltsicht, der zufolge menschliche Freiheit und Erf\u00fcllung aus individuellen Eigentumsrechten und Marktaustausch r\u00fchren. Doch obwohl der moderne Kapitalismus dazu tendiert, im Eigentum die sozialen Beziehungen zu verdinglichen, gibt es noch Eigentumsvorstellungen in der Welt, die andere Seinsweisen zum Ausdruck bringen. Einigen davon wollen wir nun in Kapitel 8, in dem wir den Gedanken und die Praxis einer <em>Beziehungshaftigkeit des Habens<\/em> erl\u00e4utern, auf den Grund gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;8. Haben &amp; Sein&#8220; tab_id=&#8220;kap8&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 8<br \/>\nHaben &amp; Sein<\/h3>\n<p>Unsere Vorstellungen von Eigentum bestimmen, wie wir uns aufeinander beziehen und wie wir werden. Sie pr\u00e4gen, welche Gesellschaft wir uns vorstellen k\u00f6nnen und f\u00fcr gestaltbar halten. Heute sind wir angehalten, hart zu arbeiten, uns in Konkurrenzverh\u00e4ltnissen durchzusetzen und Eigentum zu erwerben. Als erfolgreich gilt, wer m\u00f6glichst viel hat, egal ob das, was wir genau tun, besonders sinnvoll ist. Egal, ob wir uns in diesem Tun lebendig f\u00fchlen oder nicht \u2013 in Gesellschaften, die auf ein selbstbezogenes, wettbewerbs- und erwerbsorientiertes Leben ausgerichtet sind, ist es so \u00bbvern\u00fcnftig\u00ab wie funktional, im Hamsterrad zu laufen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verschwinden \u00bbnicht-kapitalistische\u00ab Verhaltensweisen \u2013 teilen, kooperieren, Mitverantwortung \u00fcbernehmen, Solidarit\u00e4t praktizieren, Dinge gemeinsam nutzen \u2013 auch im Kapitalismus nicht. Doch sie k\u00f6nnen \u2013 unter den Bedingungen unserer Marktgesellschaft \u2013 kaum aus sich heraus die Kraft entfalten, die ihnen innewohnt. So wundert es nicht, wenn solches Verhalten oft herablassend als idealistisch, vertrauensselig und irgendwie weltfremd abgetan wird. Sofern es sich nicht in den Dienst der Eigentums- und Kapitalinteressen stellen l\u00e4sst (ohne Kooperation geht auch in marktorientierten Unternehmen nichts), f\u00fchren sie ein Schattendasein am Rande dessen, was gemeinhin als \u00bbWirtschaft\u00ab bezeichnet wird. Die Commons-Idee ist auf den Kampfpl\u00e4tzen der Gegenwart, wo das Geld standardm\u00e4\u00dfig durchregiert, fast in Vergessenheit geraten.<\/p>\n<p>Wie im vorigen Kapitel deutlich wurde, wollen wir keine konkrete Reform des Eigentumsrechts vorschlagen. Wir wollen zeigen, was machbar ist, und aus diesem Machbaren heraus Eigentum neu denken. Deshalb beschreiben wir Wege, die Commoners gehen, um \u2013 wie wir das nennen \u2013 die \u00bbBeziehungshaftigkeit des Habens\u00ab zu verankern. Damit bezeichnen wir sozio-rechtliche Systeme, die konkreten Nutzungsrechten und vielf\u00e4ltigen Beziehungsqualit\u00e4ten mehr Bedeutung zumessen als der absoluten Verf\u00fcgung \u00fcber etwas. Anhand von f\u00fcnf Beispielen werden wir belegen, dass wir anderen M\u00f6glichkeiten des Habens Raum geben k\u00f6nnen, ohne zu beherrschen, ohne beherrscht zu werden und ohne jene Abh\u00e4ngigkeit zu erzeugen, die Eigent\u00fcmerschaft im Allgemeinen mit sich bringt. Es gibt kluge, ja faszinierende M\u00f6glichkeiten, Zugangs- und Nutzungsrechte zu \u00bbentkommodifizieren\u00ab, also dem Griff des Kommerzes und der Marktlogik zu befreien und damit lebensfreundlicher zu machen. Begleiten Sie uns nun in die USA, in virtuelle Welten, nach Deutschland und Japan, um zu sehen, wie Commoners Nutzungsrechte schaffen, andere Weisen des Habens leben und reale Bed\u00fcrfnisse befriedigen statt Macht \u00fcber Andere zu behaupten und Anlegerinteressen zu bedienen.<\/p>\n<h4>Einen Supermarkt dem Markt entziehen<\/h4>\n<p>Wer die Park Slope Food Coop (PSFC) im New Yorker Stadtteil Brooklyn besucht, erlebt einen Supermarkt als gro\u00dfe, quirlige, funktionierende Gemeinschaft. Die PSFC betreibt einen durchorganisierten und gut mit \u00bbPersonal\u00ab ausgestatteten Betrieb, wie viele andere Superm\u00e4rkte auch. Aber dieser Ort inmitten des gesch\u00e4ftigen und gesch\u00e4ftsorientierten New York (nur drei Kilometer vom Zentrum Manhattans entfernt) f\u00fchlt sich ganz anders an. Die \u00bbKooperative\u00ab<sup>1<\/sup> versucht nicht, ihre Kundschaft zu umgarnen. Es gibt weder Werbeschilder noch \u00fcppige Auslagen, die zu Impulsk\u00e4ufen verleiten sollen. Der Grund ist einfach. Menschen sollen hier nicht m\u00f6glichst viel einkaufen, sondern sich mit hochwertigen Lebensmitteln zu g\u00fcnstigen Preisen versorgen k\u00f6nnen, indem sie \u00bbbei sich selbst einkaufen\u00ab. Als wir im Eingangsbereich der Coop ankommen, nimmt uns Paula Segal, Mitglied der Park Slope Food Coop, zun\u00e4chst mit in die zweite Etage zum Empfang. Dort bekommen wir einen Ausweis, der zeigt, dass wir den Supermarkt betreten d\u00fcrfen. Um Trittbrettfahrerei zu verhindern, ist es nur Mitgliedern erlaubt, dort einzukaufen. Allerdings darf jede Person Mitglied werden. Also, den Ausweis an die Brust geheftet und auf ins Gewimmel! Tats\u00e4chlich dauert es einen Moment, bis G\u00e4ste wie wir begreifen, dass die konzentriert arbeitenden Kassiererinnen und Kassierer keine Angestellten sind. Sie sind selbst Mitglieder der PSFC. Mehr als 17.000 Mitglieder erledigen alles: sie entladen die Lkws, f\u00fcllen die Regale, packen Gew\u00fcrze ab, bedienen an der Fleischtheke und machen sauber \u2013 ohne Bezahlung.<\/p>\n<p>Die Park Slope Food Coop ist vieles zugleich. Sie ist physisches Geb\u00e4ude, soziale Institution, Vertriebsinfrastruktur, Gemeinschaftszentrum, Treffpunkt und Ort demokratischer Entscheidungsfindung (ohne jedoch die Grenzen der Repr\u00e4sentation oder des Mehrheitswahlrechts zu \u00fcberwinden). Commons sind immer multifunktional! Seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1973 ist die Coop zu einer stabilen Gemeinschaftsinstitution in Brooklyn gewachsen. Sie ist den Menschen wichtig geworden und vielen ans Herz gewachsen \u2013 und das nicht, weil die Lebensmittel dort preisg\u00fcnstiger sind als in typischen Superm\u00e4rkten. PSFC ist eine lebendige Institution, die die Mitglieder der Kooperative nicht nur \u00bbihr Gemeineigentum\u00ab nennen, sondern wo sie ihre Mit-Eigent\u00fcmerschaft sehr direkt verwirklichen k\u00f6nnen, ja m\u00fcssen, wie wir gleich sehen werden.<\/p>\n<p>Ein Teil der gemeinsamen sozialen Verantwortung und des besonderen Geistes, der hier gelebt wird, r\u00fchrt daher, dass PSFC eine sogenannte \u00bbMitarbeitskooperative\u00ab ist. Das ist etwas Anderes als Konsum- oder Produktionskooperativen beziehungsweise Genossenschaften, die oft f\u00fcr Commons gehalten oder mit Commons verwechselt werden. In Brooklyn tr\u00e4gt jedes Mitglied einmal im Monat genau zwei Stunden und 45 Minuten unbezahlte Arbeit bei.<sup>2<\/sup> Das ist ein, wenn nicht das Schl\u00fcsselelement des Erfolgs der PSFC. Auf diese Mitarbeit kann sich die Coop verlassen und dadurch den gr\u00f6\u00dften Ausgabeposten eines normalen Supermarkts, n\u00e4mlich die Personalkosten, drastisch reduzieren. Das senkt die Kosten f\u00fcr die Versorgung der Mitglieder und ihrer Angeh\u00f6rigen auf ein Minimum. Etwa 75 Prozent aller notwendigen Arbeiten werden auf diese Weise von den Mitgliedern der Coop selbst geleistet. Der Rest wird von etwa 60 bezahlten Angestellten \u00fcbernommen. Dieser Arbeitsleistung der Mitglieds-Eigent\u00fcmer entspricht keine direkte Gegenleistung. Indirekt aber kommen die Beteiligten auf eine durchschnittliche Ersparnis von 20 bis 40 Prozent f\u00fcr hochwertige, regionale Lebensmittel gegen\u00fcber dem \u00fcblichen Einzelhandel. F\u00fcr eine Familie, die sonst 500 US-Dollar pro Monat f\u00fcr Lebensmittel ausgibt, macht das eine Ersparnis von 100 bis 200 US-Dollar aus.<\/p>\n<p>Dieses Konzept der gut durchorganisierten Eigentumsbeteiligung durch Mitarbeit ist Teil einer klugen Strategie, die mindestens dreierlei leistet: sie entzieht Arbeit dem Markt, kultiviert ein Ethos des Gemeinsamen und praktiziert eine andere Form des Habens. Es geht hier nicht einfach darum, Mitglieder zu niedrigeren Preisen \u00bbzu bedienen\u00ab. Wie auch Cecosesola in Venezuela, ist die Park Slope Food Coop eine ernstzunehmende Gr\u00f6\u00dfe im Lebensmitteleinzelhandel geworden, die \u00bbden Konzernen einen Teil der Kontrolle wegnimmt\u00ab<sup>3<\/sup>. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt sie zu den gr\u00f6\u00dften Lebensmittel- sowie Mitarbeitskooperativen in den USA \u2013 mit Einnahmen von \u00fcber 56 Millionen US-Dollar im Jahr 2017. Die Arbeitseinheiten sind sehr gut durchgeplant und betreffen alle m\u00f6glichen Bereiche. In der N\u00e4he des Empfangs betreuen Mitglieder die Kinder anderer Mitglieder, w\u00e4hrend ihre Eltern einkaufen, Besorgungen erledigen oder ihren monatlichen Arbeitsbeitrag leisten. Die meisten Mitglieder geh\u00f6ren zu \u00bbTeams\u00ab, die sich alle vier Wochen am selben Ort und zur selben Zeit treffen und loslegen: Oliven eint\u00fcten, K\u00e4se aufschneiden und verpacken, Telefonate entgegennehmen, Mitglieder unterst\u00fctzen, die Verwaltungsarbeiten im B\u00fcro erledigen, Lieferungen pr\u00fcfen, die (K\u00fchl-)Regale f\u00fcllen, kassieren, putzen und vieles andere mehr. Teamleiterinnen und Teamleiter tragen zus\u00e4tzliche Verantwortung \u2013 auch dies als Teil ihres Arbeitsbeitrags. Durch das regelm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigsein in Teams, lernen sich Menschen kennen, die sonst nur als Kundinnen und Kunden hintereinander an der Kasse st\u00fcnden. Sie entwickeln eine Art nachbarschaftliches Verh\u00e4ltnis zur Coop-Gemeinschaft, auf deren Anliegen und Ausrichtung sich satzungsgem\u00e4\u00df alle pers\u00f6nlich verpflichten. Entsprechend muss auch der eigene Arbeitsbeitrag pers\u00f6nlich geleistet werden. Kein Mitglied kann einfach einen Ersatz schicken, und auch niemanden \u2013 etwa ein Kinderm\u00e4dchen oder einen Teenager \u2013 daf\u00fcr bezahlen. Dies ist eine Entscheidung der Mitgliedervollversammlung, die die meisten wichtigen Beschl\u00fcsse fasst. Der Zweck war, \u00bbMitglieder daran zu hindern, sich von ihrer Schicht freizukaufen und dadurch die Verbindung zur Coop zu verlieren, die sie als mitarbeitende Mitglieder haben\u00ab.<sup>4<\/sup> Wer eine Schicht vers\u00e4umt, darf erst wieder einkaufen, wenn er\/sie zwei zus\u00e4tzliche Schichten geleistet hat. Wenn Mitglieder ein Jahr lang bei der Coop weder einkaufen noch mitarbeiten, gibt es eine \u00bbAmnestie\u00ab-Regelung. Die betreffenden Personen k\u00f6nnen ganz von vorn beginnen, allerdings genie\u00dfen sie dieses Privileg nur einmal im Leben.<\/p>\n<p>Nach unserem Besuch in der Coop, trieb uns folgende Frage um: Warum gibt es nicht mehr \u00bbMitarbeitskooperativen\u00ab? Warum hat sich dieses Modell nicht weltweit verbreitet, so wie es <em>\u00bbnormale\u00ab Kooperativen und Genossenschaften getan haben, von denen allein in Deutschland \u00fcber 8.800 existieren?<\/em><sup>5<\/sup> Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig. Zu ihnen geh\u00f6rt, dass die meisten Kooperativen die Macht eines \u00bbTricks\u00ab ignorieren: t\u00e4tige Beitr\u00e4ge zum integralen Bestandteil des Eigentumsregimes zu machen. Die Menschen in der Park Slope Food Coop sind gleichzeitig Mitglieder und Eigent\u00fcmerinnen bzw. Eigent\u00fcmer. Beide Rollen haben unterschiedliche Rechte und Pflichten, sind aber eng und untrennbar miteinander verbunden. Wer der Coop beitritt, kann nicht nur Mitglied oder nur Eigent\u00fcmerin bzw. Eigent\u00fcmer werden; man muss beide Rollen zugleich annehmen. Im Mitgliederhandbuch klingt das so: \u00bbDie Mitgliedschaft wird durch die Beteiligung einer Person an dem sogenannten Arbeitsbeitragssystem definiert, w\u00e4hrend die Eigent\u00fcmerschaft formal durch den finanziellen Beitrag definiert ist. Dieser Beitrag hei\u00dft offiziell Mitglied-Firmenkapital-Investition.\u00ab Wenn man der Coop beitritt, ist eine einmalige Verwaltungsgeb\u00fchr von 25 US-Dollar zu zahlen. Au\u00dferdem sind 100 US-Dollar zu investieren. Dieser Betrag wird zur\u00fcckgezahlt, wenn man die Coop verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wirklich anders ist, was Eigent\u00fcmerschaft in der Park Slope Food Coop im Kern ausmacht: die Verkn\u00fcpfung der Anrechte und Pflichten, die die Menschen als Miteigent\u00fcmerin und Miteigent\u00fcmer genie\u00dfen, und t\u00e4tige Beitr\u00e4ge (Mitarbeit, nicht Lohnarbeit), durch die eine gemeinsame Ausrichtung immer wieder neu kultiviert wird. Das ist eine so einfache wie kluge Anwendung des Musters poolen, deckeln &amp; aufteilen, das wir in Kapitel 6 kennengelernt haben, im ungew\u00f6hnlichen Kontext eines Supermarkts. Gepoolt wird die Arbeitszeit. Gedeckelt wird ihre Dauer (2.45 h pro Person), und aufgeteilt werden die anstehenden Aufgaben je nach M\u00f6glichkeit, Kenntnissen und Bed\u00fcrfnissen. Die Quintessenz ist, dass die Eigent\u00fcmerschaft mit Vorteilen \u2013 kosteng\u00fcnstige, hochwertige, regionale Lebensmittel, Kinderbetreuung w\u00e4hrend des Einkaufs, Mitgestaltung des eigenen Umfelds und der eigenen Lebensbedingungen \u2013 aber auch Pflichten \u2013 zwei Stunden und 45 Minuten T\u00e4tigsein pro Monat \u2013 verbunden ist. Dieses Arrangement ist sowohl geld-light als auch rechtlich klug: Per Satzung wird die Idee der Eigent\u00fcmerschaft erweitert und insbesondere an nicht entlohnte Arbeitsbeitr\u00e4ge gekn\u00fcpft. Indem das geschieht, \u00e4ndern sich auch die institutionellen Bedingungen. Es entsteht ein Rahmen daf\u00fcr, dass Menschen miteinander in echten Kontakt kommen, auch emotionale Bindungen eingehen und einen Gemeinschaftsgeist entwickeln \u2013 ohne dabei aber jede und jeden Einzelnen kennen zu m\u00fcssen. Diese Eigent\u00fcmerschaft (<em>member-ownership<\/em>) wird zu einem sinnstiftenden Werkzeug, das dabei hilft, eine Commons-Kultur aufzubauen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndergeneration wollte \u00bbversuchen, das nachzumachen, was Einzelhandelsunternehmen tun: In unserem Laden bleiben und dort Lieferungen entgegennehmen. \u2026 Uns wurde klar: Um auf lange Sicht durchzuhalten, m\u00fcssten wir die Coop als richtigen Laden betreiben, mit festgelegten \u00d6ffnungszeiten\u00ab, erl\u00e4uterte Joe Holtz, ein Mitgr\u00fcnder der Coop. \u00bbWir haben untersucht, warum andere Kooperativen gescheitert sind. Meistens lag es daran, dass sie zu stark von \u00fcberaus engagierten Mitgliedern abh\u00e4ngig waren, die schlie\u00dflich einen Burnout hatten.\u00ab<sup>6<\/sup> Der verpflichtende Arbeitsbeitrag l\u00f6st also mehrere Probleme mit einem Schlag: Er verhindert \u00bbaltruistischen\u00ab Burnout, hohe Personalkosten und ein unverbundenes Nebeneinander aller Beteiligten. Somit hilft er, \u00bbdie Beziehungshaftigkeit des Habens zu verankern\u00ab. Was meinen wir genau damit?<\/p>\n<h4>Beziehungshaftigkeit des Habens?<\/h4>\n<p>Lassen Sie uns noch einmal die erdr\u00fcckenden sozialen Auswirkungen konventioneller Eigentumsregime Revue passieren, bevor wir dar\u00fcber nachdenken, wie Haben so geregelt werden kann, dass Beziehungsreichtum nicht zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Das herk\u00f6mmliche Eigentumsrecht hat eine Sozialordnung geschaffen, die einem Puppenspiel \u00e4hnelt. Die Eigent\u00fcmerin h\u00e4lt die F\u00e4den in der Hand und lenkt damit Arme, Beine und Kopf der Marionette \u2013 d.h. der Nicht-Eigent\u00fcmerin. Die Marionette wird so bewegt, wie es der Puppenspielerin sinnvoll, attraktiv oder profitabel erscheint. Kein Wunder, dass wir lieber Puppenspielerin und nicht Marionette sein wollen! Das Recht trennt uns in Habende und Habenichtse. Einige Habende sammeln dabei mehr und mehr Kapital und damit Macht in ihren H\u00e4nden. Das wiederum bietet ihnen Anreize, Mittel und Gelegenheiten von Nicht-Eigent\u00fcmerinnen bzw. Nicht-Eigent\u00fcmern sowie der Natur zu profitieren. Eine nach diesem Modell aufgebaute Gesellschaft kann gar nicht anders, als Eliten von Puppenspielerinnen bzw. Puppenspielern hervorzubringen. Wenn Eigentumsrechte \u2013 insbesondere in marktfundamentalistischen Gesellschaften \u2013 durchgesetzt werden, gehen sie zudem oft mit der Entrechtung anderer Menschen einher, die von ihren sozialen und \u00f6kologischen Lebensgrundlagen getrennt werden.<\/p>\n<p>Die Beziehungshaftigkeit des Habens zu verankern bedeutet, Nutzungsregeln systematisch so zu gestalten, dass unsere Beziehungen zueinander, zur nicht-menschlichen Welt und zu anderen Generationen intakt bleiben. Sie m\u00fcssten so angelegt sein, dass sie uns Verantwortung f\u00fcr all diese Beziehungen \u2013 und damit f\u00fcr das Gemeinwohl \u2013 nahelegen. Wenn Eigentumssysteme auf der Idee eines \u00bbisolierten Ichs\u00ab und der absoluten Verf\u00fcgungsgewalt (lat.: <em>dominium<\/em>) beruhen, k\u00f6nnen solche Grundz\u00fcge nicht Fu\u00df fassen. In Arrangements beziehungshaften Habens geht das sehr wohl; was uns zur Idee der <em>Angebote<\/em> zur\u00fcckf\u00fchrt (vgl. Kapitel 2). Rechtsformen des Habens m\u00fcssten das Angebot machen, ein breiteres Spektrum an Beziehungen, Handlungsweisen und Umgangsformen zu unterst\u00fctzen als die Eigentumsrechte, die wir derzeit erleben. Sie m\u00fcssen darauf ausgelegt sein zu kooperieren, (f\u00fcr-)sorgend zu wirtschaften, gemeinsam zu nutzen und zu teilen. Es muss einfach und attraktiv sein, <em>nicht<\/em> in die Rolle des Puppenspielers samt ihrer manipulierenden Kraft zu schl\u00fcpfen. Wo Beziehungshaftigkeit des Habens (auch) rechtlich verankert ist, wird einerseits anerkannt, dass wir aufeinander angewiesen sind; und andererseits leichter gemacht, sich nicht dem Willen anderer Personen (Eigent\u00fcmer) oder der (unpers\u00f6nlichen) Macht des Geldes zu beugen.<\/p>\n<p>Beziehungshaftes Haben hat nichts mit erzwungenem Kollektivismus zu tun. Wenn sich Eigentumsarrangements in einem Commons des 21. Jahrhunderts wie eine Zumutung anf\u00fchlen oder wie eine Falle wirken, aus der es kein Entrinnen gibt, dann w\u00fcrde etwas gewaltig schieflaufen. Bei Park Slope Food Coop wird jede Person aus freien St\u00fccken <em>member-owner<\/em> (Mitglied-Eigent\u00fcmerin bzw. Mitglied-Eigent\u00fcmer) und \u00fcbernimmt dadurch bewusst Verpflichtungen, die gemeinsam geschultert werden m\u00fcssen. Freiwilligkeit ist entscheidend! Es liegen Welten zwischen Lebenssituationen, in denen Menschen \u00bbsich aus freien St\u00fccken mit anderen verbinden\u00ab und solchen, in denen sie \u00bban andere gebunden werden\u00ab. Bei PSFC werden alle aus freien St\u00fccken Mitglied \u2013 die Verbindlichkeiten, die sie dadurch eingehen, f\u00f6rdern dann die sozialen Verbindungen, werden also auch durch das Eigentumsregime immer wieder gest\u00e4rkt. Wenn Menschen sich nur aus Not zusammentun oder weil Druck ausge\u00fcbt wurde, ist das mit PSFC nicht vergleichbar.<\/p>\n<p>Beziehungshaftes Haben kann unsere Handlungsoptionen erweitern und unsere Menschlichkeit entfalten und zugleich (Re-)Aktionen von Unterwerfung bzw. Dominanz sowie die damit einhergehenden Gef\u00fchle von Angst und Misstrauen abbauen. Es steht individuellen Nutzungsrechten nicht entgegen, wie wir am Beispiel der brasilianischen <em>Landlosenbewegung MST<\/em> in Kapitel 5 gesehen haben. Diese Rechte (das in das Ganze eingebettete \u00bbeigene\u00ab St\u00fcck Land) bleiben jedoch immer mit ihrer Entstehungsgeschichte verbunden. Sie sind nicht abstrakt, kontextfrei und von Verpflichtungen gegen\u00fcber anderen MST-Mitgliedern entkoppelt. Zudem k\u00f6nnen sich die Einzelnen nicht ihrer Mitverantwortung f\u00fcr das gemeinsam genutzte und bewirtschaftete Land entziehen. Es gibt also beides zugleich. Man k\u00f6nnte es den \u00bbIch-in-Bezogenheit-Ansatz\u00ab zum Eigentum nennen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Vorteil beziehungshaften Habens ist seine F\u00e4higkeit, alle m\u00f6glichen Beziehungen \u00bbaufzuschlie\u00dfen\u00ab, die unter konventionellen Eigentumsregimen verdr\u00e4ngt oder vermarktet werden. Anstatt die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Eigent\u00fcmer und Objekt zu legen und Eigentum wie ein Puppenspiel zu konfigurieren, was zu vielen Verwerfungen f\u00fchrt, verschafft beziehungshaftes Haben zwischenmenschlichen und Mensch-Natur-Beziehungen mehr Raum zum Atmen. Es erlaubt uns, der instrumentalisierenden Marktlogik zu entkommen, die modernen Eigentumsregimen anhaftet.<\/p>\n<p>Sortieren wir die Beziehungsvielfalt, von der hier die Rede ist, sind nicht nur, erstens, die Beziehung zum eigenen Selbst und, zweitens, Beziehungen unter Gleichrangigen gemeint, sondern mindestens vier weitere Ebenen. Da sind, drittens, unsere gelebten Erfahrungen (Erinnerungen, Traditionen, Gef\u00fchle, Orte). Diese Beziehungen inspirieren uns zur (f\u00fcr-)sorgenden Bewirtschaftung der Dinge, die uns wichtig und wertvoll sind. Da sind, viertens, unsere Beziehungen zu anderen Generationen, der Tribut, den wir fr\u00fchere Generationen \u00bbentrichten\u00ab genauso wie das \u00bbWeitergeben\u00ab an k\u00fcnftige Generationen.<sup>7<\/sup> Schlie\u00dflich gibt es, f\u00fcnftens, die Beziehungen zwischen Commons und anderen gesellschaftlichen Institutionen, etwa dem Staat und dem Markt; und, sechstens, unsere Beziehungen zu den Geheimnissen des menschlichen Daseins; zu dem, was Sinn stiftet. Die Beziehungshaftigkeit des Habens zu verankern bedeutet, all diese Beziehungsdimensionen auch <em>durch<\/em> Nutzungsrechte an \u00bbEigentum\u00ab zu respektieren, zu sch\u00fctzen und sogar zu vertiefen. Das gelingt unserer Meinung nach nur durch Commoning.<\/p>\n<p>Im beziehungshaften Haben existiert nat\u00fcrlich auch weiterhin die Verbindung zwischen der \u00bbEigent\u00fcmer\/in\u00ab und dem \u00bbEigentum\u00ab als Subjekt-Objekt-Beziehung. Sie steht aber nicht mehr im Zentrum. Damit wird schlicht die Tatsache anerkannt, dass alles, was als \u00bbEigentum\u00ab bezeichnet wird, an <em>zahllosen<\/em> Beziehungen beteiligt ist. Eben dies wird heute h\u00e4ufig ignoriert, verzerrt oder verdr\u00e4ngt. Es geht also darum, einen Rechtsrahmen her- oder wiederherzustellen, der diese Beziehungen reflektieren und respektieren kann, ohne die Rechte und M\u00f6glichkeiten des Einzelnen auf Autonomie aufzugeben. (F\u00fcr-)Sorge und Gewohnheiten bez\u00fcglich dessen, was wir haben und nutzen (ein Haus, ein Wald, ein \u00f6ffentlicher Platz, ein See) sollen einen Platz finden. Soziale, kulturelle und rituelle Momente, wie best\u00e4ndige Kulturen sie entwickeln m\u00fcssen, sollen geehrt werden \u2013 egal, ob wir etwas Materielles nutzen oder uns geistig austauschen. Ein im Wortsinne <em>grunds\u00e4tzlich<\/em> anderes \u00bbHabensrecht\u00ab k\u00f6nnte all das ber\u00fccksichtigen, was aus dem modernen, liberalen Eigentumsverst\u00e4ndnis verbannt wird, das mit der Idee absoluter Verf\u00fcgungsgewalt, Handelbarkeit und der Bewertbarkeit in Geld einhergeht.<\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\" cellpadding=\"10\">\n<caption><em>Sechs Schl\u00fcsselbeziehungen im beziehungshaften Haben<sup>8<\/sup><\/em><\/caption>\n<colgroup>\n<col width=\"12\" \/>\n<col width=\"163\" \/>\n<col width=\"163\" \/>\n<col width=\"152\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\"><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\"><b>Beziehung\/en<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\"><b>Leitfrage<\/b><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\"><b>Konviviales Werkzeug<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">1<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Zu sich selbst<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Werden meine Bed\u00fcrfnisse befriedigt?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">Selbstreflexion \u00fcber die Bedeutung von Eigentum im eigenen Leben<sup><em>9<\/em><\/sup><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">2<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Unter Gleichrangigen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Genie\u00dfen Gleichrangige dieselben Befugnisse und verhandeln sie Nutzungsrechte und -verantwortlichkeiten, die f\u00fcr alle Seiten langfristig akzeptabel sind (auch, wenn sie unterschiedlich aufgeteilt sein k\u00f6nnen)?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">System der Arbeitsbeitr\u00e4ge der Park Slope Food Coop als integraler Bestandteil der Mitglied-Eigent\u00fcmerschaft (<em>member ownership<\/em>)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">3<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Welt<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Respektieren und f\u00f6rdern die Regeln und Rechte, die vom beziehungshaften Haben abgeleitet sind, die Bindungen der Menschen zu z.B. Parks, Kunstwerken, Grab- und Andachtst\u00e4tten, Gew\u00e4ssern, Bergen und W\u00e4ldern?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">Tabus, Rituale und Feiern;<br \/>\n<em>res nullius in bonis<\/em>;<br \/>\ngemeinsames kulturelles und nat\u00fcrliches Erbe der Menschheit<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">4<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Zwischen Generationen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Reflektieren die Nutzungsrechte und -verantwortlichkeiten eine Perspektive des \u00bblangen Jetzt\u00ab<sup><em>10<\/em><\/sup>, insbesondere das Prinzip der intergenerationellen Gerechtigkeit?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">M\u00f6glichkeiten, um \u00bbin die Zukunft weiterzugeben\u00ab (statt \u00bbzur\u00fcckzuzahlen\u00ab, siehe S. 152); Rituale, Schenken, Weitergeben<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">5<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Zwischen Institutionen (unter Commons, aber auch zu Markt und Staat)<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Erkennen Rechtsformen beziehungshaften Habens eine halbdurchl\u00e4ssige Membran zum Schutz des Commons an?<br \/>\nErm\u00f6glichen sie den Commoners, Anrechte zu genie\u00dfen, die durch Teilnahme am Markt nicht erm\u00f6glicht werden?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">Lizenzen, die frei zug\u00e4ngliche Inhalte oder Commons sch\u00fctzen, etwa die General Public License (S. 242) oder Open-Source-Saatgut (S. 247)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"12\">6<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Zwischen einem Eigentumsregime und der Sinnsuche<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"163\">Schaffen die Nutzungsregelungen ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl?<br \/>\nStiftet Beziehungshaftes Haben Sinn?<br \/>\nTr\u00e4gt es zu einer freien, fairen und nachhaltigen Welt bei?<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"152\">?<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir schlagen also kein Eigentumsregime vor, das auf unver\u00e4nderten Pr\u00e4missen beruht und irgendwo zwischen Individual- und Gemeineigentum anzusiedeln w\u00e4re. Es geht auch nicht darum, diese beiden Welten \u00bbetwas harmonischer\u00ab nebeneinander stehen zu lassen. Wir wollen nicht den Streit dar\u00fcber fortsetzen, ob das eine besser ist als das andere, sondern \u00fcber neue Konfigurationen von Nutzungsrechten und neue Arten des Habens nachdenken. Anstatt nachtr\u00e4glich Vor- und Nachteile individueller und kollektiver Eigentumsformen auszugleichen, ist das Ziel, beide Aspekte von Anfang an zu integrieren und so Konflikten vorzubeugen. Nat\u00fcrlich wird es dennoch Konflikte geben. Spannungen und Nutzungsrivalit\u00e4ten verschwinden nicht einfach durch beziehungshaftes Haben. Daher sind die Muster des Commoning aus Kapitel 4 bis 6 so n\u00fctzlich: sie bieten eine M\u00f6glichkeit und Methode an, mit Konflikten beziehungswahrend umzugehen. Von \u00dcberzeugungen, (F\u00fcr-)Sorge und Traditionen belebte Beziehungen ver\u00e4ndern den Blick auf \u00bbEigentum\u00ab. Sie ver\u00e4ndern, wie wir es wahrnehmen und erleben. Der Gegenstand der Aufmerksamkeit \u2013 Landschaften, Gegenst\u00e4nde, Erbst\u00fccke und was sonst als \u00bbEigentum\u00ab gilt \u2013 wird aufgeladen mit Bedeutung, so wie handwerklich Hergestelltem die Sorgfalt und das pers\u00f6nliche Augenmerk anhaftet, die der Massenware fehlt. Die Park Slope Food Coop f\u00fchlt sich ganz anders an als ein Supermarkt, weil sie allen, die dort arbeiten, pers\u00f6nlich wichtig ist und weil die sozialen Rollen nicht darauf beschr\u00e4nkt sind, \u00bbKonsumentin und Konsument\u00ab oder \u00bbAngestellte\u00ab zu sein. So entsteht durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen: \u00bbcare-wealth\u00ab.<\/p>\n<p>Der Begriff des beziehungshaften Habens erinnert uns also \u2013 zusammengefasst \u2013 daran, dass Eigentumsbeziehungen nicht nur bilaterale Beziehungen zwischen der Eigent\u00fcmerin bzw. dem Eigent\u00fcmer und einer Sache sind, sondern \u00f6kologische, soziale, intergenerationelle, psychische und spirituelle Beziehungen einschlie\u00dft. Damit ist auch anerkannt, dass alles \u00bbEigentum\u00ab, alle Arten des Habens und alle Gesellschaften letztlich von einer lebendigen Erde und ihrem dichten Beziehungsnetz abh\u00e4ngen \u2013 oder, wie Thomas Berry schreibt: \u00bbDas Universum ist prim\u00e4r eine Gemeinschaft von Subjekten, keine Sammlung von Objekten.\u00ab<sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Schauen wir uns an, was dies in der Praxis bedeutet.<\/p>\n<h4>Verbundwiki \u2013 Plattform f\u00fcr kreatives DurchEinAnder<\/h4>\n<p>Die wichtigste Gestaltungsentscheidung der Zukunft k\u00f6nnte sein, uns zun\u00e4chst als Ich-in-Bezogenheit anzuerkennen und das Ubuntu-Ethos (vgl. Kapitel 2) mitzudenken. Was das bedeuten kann, zeigt die n\u00e4chste Wiki-Generation: das Verbundwiki (englisch: <em> Federated Wiki <\/em> oder kurz <em> FedWiki<\/em>). Sie geht vom individuellen Baustein aus, liefert aber die Verbundtechnik mit \u2013 \u00e4hnlich wie Lego das Klemmsystem. FedWiki basiert auf derselben Idee, die Wikipedia popul\u00e4r gemacht hat: \u00bbNiemensch wei\u00df alles, jede:r wei\u00df etwas\u00ab. Es ist eine spektakul\u00e4re Schreibumgebung, in der individuelle Kreativit\u00e4t und die gemeinsame Produktion von Inhalten nahtlos ineinander \u00fcbergehen, und zwar ohne administrativen Aufwand oder redaktionelle Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>Um das besser zu verstehen, hilft ein Vergleich mit der Wikipedia. Seit ihrem Gr\u00fcndungsjahr hat sich die freie Online-Enzyklop\u00e4die als erstaunlich robuste und flexible M\u00f6glichkeit erwiesen, Wissen zu zahllosen Themen zusammenzustellen, topaktuell zu halten und frei verf\u00fcgbar zu machen. Jede und jeder kann Informationen, Korrekturen und ganze Eintr\u00e4ge beitragen. Jederzeit. Damit am Ende <em>eine<\/em> koh\u00e4rente Fassung eines Beitrages auf dem Bildschirm erscheint, mit reichlich Platz f\u00fcr verschiedene Auffassungen und Perspektiven, ist jedoch Koordination notwendig. So kann \u00bbim Hintergrund\u00ab diskutiert werden; f\u00fcr die Nutzerinnen und Nutzer gibt es M\u00f6glichkeiten, diese Diskussionen abzurufen. Alles, was die Wikipedia bietet, beruht auf einem sogenannten Wiki. Es erm\u00f6glicht vielen Einzelpersonen \u2013 den \u00bbUsern\u00ab \u2013 auf einer einzigen Plattform \u2013 einer \u00bbWebseite\u00ab \u2013 miteinander zu interagieren. Damit letztlich ein Wikipedia-Artikel erscheint, ist manchmal Moderation n\u00f6tig. Besonders in Konfliktf\u00e4llen entscheiden letztlich besonders verdienstvolle Wikipedianerinnen und Wikipedianer, die sogenannten Admins, was gepostet wird. Das kann dazu f\u00fchren, dass sie diejenigen Inhalte ausw\u00e4hlen, die am wenigsten beanstandet werden, dass es zu Unmut gegen \u00bbdie Wikipedianer\u00ab<sup>12<\/sup>, zu Streitigkeiten und sogar \u00bbFlamewars\u00ab zwischen Beitragenden kommt.<\/p>\n<p>Ein Verbundwiki funktioniert anders. Hier haben alle Einzelpersonen ihr eigenes Wiki mit eigenen Seiten. Das ist so, als st\u00fcnden viele Versionen eines Wikipedia-Eintrags zun\u00e4chst gleichberechtigt nebeneinander. Allerdings kann jede am Verbund beteiligte Person unkompliziert auf die Inhalte anderer Verbundwikis zugreifen.<sup>13<\/sup> Sie kann Textbausteine, Videos oder Fotos, Graphiken und Tabellen oder was auch immer f\u00fcr die eigene Arbeit interessant ist, mit einem Mausklick auf die eigenen Seiten holen. Dort wiederum k\u00f6nnen sich ihrerseits die Anderen bedienen. So entstehen viele individuelle Seiten <em>durch<\/em> geteilte Inhalte \u2013 alle Stimmen k\u00f6nnen dabei in ihrer authentischen Vielfalt dargestellt und wahrgenommen werden. Die Beteiligten an einem Verbundwiki k\u00f6nnen auch entscheiden, ihre individuellen Wiki-Seiten miteinander zu verkn\u00fcpfen und eine gemeinsame Inhalte-Nachbarschaft entstehen zu lassen, um einen thematischen Konsens sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Dieser Wandel von <em>einem<\/em> zentralen Standard-Wiki, in dem <em>viele<\/em> mitschreiben, hin zu einem Schreibprozess, der dem Motto folgt \u00bbeine Person, ein Wiki und eine Verbundumgebung\u00ab, mag zun\u00e4chst wie ein Schritt zur\u00fcck klingen \u2013 weg vom Wikipedia-Stil der offenen Zusammenarbeit.<sup>14<\/sup> Die FedWiki-Plattform wirkt aber genau umgekehrt: Einzelnen Stimmen einen eigenen gesch\u00fctzten Raum zu geben und sie <em>zugleich<\/em> in einer \u00bbNachbarschaft\u00ab<sup>15<\/sup> von Wikis zusammenzubringen \u2013 dieses Verfahren erm\u00f6glicht mehr individuelle Redaktionsfreiheit <em>und<\/em> robustes Commoning, in dem Wissen gro\u00dfz\u00fcgig geteilt wird. Wir sprechen aus Erfahrung, denn als wir dieses Buch recherchiert haben und begannen, die Beispiele zu dokumentieren und die Muster zu formulieren, erschien uns das Verbundwiki schon nach kurzer Zeit unabdingbar.<\/p>\n<p>Was aber bedeutet es, in einer Verbundwiki-Welt etwas \u00bbzu haben\u00ab? \u00c4hnelt es konventioneller Eigent\u00fcmerschaft? Unterscheidet es sich von ihr? Wie f\u00fchlt sich das an, und womit k\u00f6nnen wir es vergleichen? Stellen Sie sich viele und vielf\u00e4ltige Wohnm\u00f6glichkeiten vor.<sup>16<\/sup> In manchen gibt es nur ein paar R\u00e4ume. In Wolkenkratzern hingegen gibt es Platz f\u00fcr Hunderte Mietwohnungen, gro\u00dfe und kleine, mit wenigen oder sehr vielen Zimmern. Manche dieser Wohnm\u00f6glichkeiten liegen eng beieinander. Andere sind eher isoliert. Insgesamt sind sie breit gestreut und verteilen sich \u00fcber einen ganzen Kontinent \u2013 aber es gibt immer wieder Korridore, Pfade und Stra\u00dfen, die potenziell alle miteinander verbinden. Eine Seite im Verbundwiki zu \u00bbhaben\u00ab ist so \u00e4hnlich wie eine dieser Wohnungen zu besitzen, sie zu m\u00f6blieren und zu dekorieren. Im Verbundwiki haben alle ein eigenes Zuhause. Doch wie in unserer richtigen Wohnung k\u00f6nnen auch hier andere vorbeischauen. Wir freuen uns dann \u00fcber Besuch, sch\u00e4tzen es aber auch, wenn er wieder geht. Unser Besuch kann etwas in seine eigene Wohnung mitnehmen. Eine Idee oder ein Geschenk. Zur\u00fcck bleibt ein eigener pers\u00f6nlicher Raum, meine gesch\u00fctzte Wohlf\u00fchlzone. Anders als in meinem tats\u00e4chlichen Zuhause k\u00f6nnen Besucherinnen und Besucher meiner Verbundwiki-Welt selbst entscheiden, wann sie eintreten und wie lange sie bleiben. Ward Cunningham, der Initiator der Verbundwiki-Software, findet: \u00bbIch sch\u00e4tze Besucherinnen und Besucher, weil ich von ihrer Anwesenheit etwas habe. Mein Vorteil ist nicht deren Verlust.\u00ab Denn da es ein virtueller und kein physischer Raum ist, k\u00f6nnen alle auf die Inhalte, die ich in meinen \u00bbR\u00e4umen\u00ab abgelegt habe, frei zugreifen und sie in ihre R\u00e4ume hineinkopieren. Die Software zeichnet dabei auf, woher die Inhalte kommen und macht dies durch farbliche Codierung in Form unterschiedlich bunter Flaggen kenntlich. So bleibt nachvollziehbar, wer Urheberin bzw. Urheber ist und von welcher Seite ein Beitrag stammt.<\/p>\n<p>Mit wenigen Klicks k\u00f6nnen Sie sich eine Wohnung im Verbundwiki-\u00d6kosystem zu eigen machen. Sie melden sich mit der eigenen Online-Identit\u00e4t an und \u00bbloggen sich auf ihre Seite ein, als w\u00fcrden Sie die Eingangst\u00fcr zu Ihrem Zuhause aufschlie\u00dfen\u00ab, erl\u00e4utert Cunningham. \u00bbDer Besitz des Schl\u00fcssels verleiht die Macht \u00fcber das, was drinnen ist.\u00ab Das hei\u00dft, die Software erlaubt nur Ihnen und niemand anderem, Texte, Bilder, Videos auf diesen Seiten \u2013 also in Ihren \u00bbZimmern\u00ab \u2013 hinzuzuf\u00fcgen. Nur Sie k\u00f6nnen dort schreiben, l\u00f6schen und bearbeiten. Andere schreiben entsprechend auf ihren eigenen Seiten. Dritte k\u00f6nnen allerdings auf alle Beitr\u00e4ge in Ihrer Seite in sehr unkomplizierter Weise zugreifen. Sie k\u00f6nnen einige M\u00f6bel- oder Dekost\u00fccke ausw\u00e4hlen und in ihren eigenen \u00bbZimmern\u00ab neu arrangieren. Sie k\u00f6nnen auch ganze Zimmer in die eigene Wohnung holen, indem sie die gew\u00fcnschten Wiki-Seiten auf ihre eigenen FedWikis ziehen und ablegen (engl. <em>forken<\/em>). Damit f\u00fcgen Sie gewisserma\u00dfen ihrer Wohnung mehr R\u00e4ume hinzu. Umgekehrt k\u00f6nnen Sie nat\u00fcrlich auch auf deren Seiten zugreifen \u2013 oder auch auf diejenigen anderer FedWiki-Nutzerinnen! Bei all diesem Hin- und Herschieben von Ideen, Textbausteinen, Bildern, Videos oder Tabellen bleibt jedoch ihr eigenes Zuhause immer so geordnet und aufger\u00e4umt, wie Sie es hinterlassen.<\/p>\n<p>Die Verbundwiki-Software schafft also gesch\u00fctzte R\u00e4ume f\u00fcr die individuelle Arbeit und f\u00f6rdert zugleich die Kultur, Wissen gro\u00dfz\u00fcgig zu teilen und gemeinsam \u2013 nicht unbedingt direkt und pers\u00f6nlich \u2013 an Inhalten zu arbeiten. Im gro\u00dfen Ma\u00dfstab. FedWiki macht es einfach, unsere eigenen Wissensbausteine zu organisieren, semantisch miteinander zu verkn\u00fcpfen und zudem anderen zur Verf\u00fcgung zu stellen. So entsteht allm\u00e4hlich ein Wissens-Commons ohne Moderation oder besondere redaktionelle Verantwortung Einzelner. Ein eigenes Verbundwiki anzulegen<sup>17<\/sup> ist, wie mit dem G\u00e4rtnern zu beginnen. Man kann so viele Beete anlegen, wie man will, und die Ernte der eigenen Arbeit auf der eigenen Verbundwiki-Seite einholen. Und andere k\u00f6nnen ihre Ernte nutzen, um die eigenen G\u00e4rten fruchtbarer zu machen. Die Schreibumgebung selbst ermuntert alle Beteiligten, auf kooperative Vorteile durch Commoning zu setzen.<\/p>\n<p><em>In einem konventionellen Wiki tragen zahlreiche Einzelpersonen zu einem einzigen Wiki auf einem einzigen Server bei (siehe in der Abbildung links). In einem Verbundwiki kann jede Einzelperson ihr eigenes Wiki betreiben und die Inhalte zahlreicher anderer Wikis, die auf vielen verschiedenen Servern liegen, auf dem eigenen Wiki nach Bedarf zusammenstellen (siehe in der Abbildung rechts).<\/em><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2841\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"946\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-300x189.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-768x484.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-1116x704.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-806x508.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-558x352.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_fedwiki-655x413.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>Ob Sie nur Ihre eigene Verbundwiki-Wohnung ausstatten oder sich einer Nachbarschaft mehrerer Seiten anschlie\u00dfen \u2013 Sie behalten die Kontrolle \u00fcber das, was auf Ihrem FedWiki passiert, und tragen doch zugleich zum Ganzen bei, da ihre Inhalte Teil des Verbundes sind. Reger Austausch l\u00e4sst sich unglaublich einfach realisieren: Inhalte m\u00fcssen lediglich \u00bbr\u00fcbergezogen und abgelegt\u00ab werden oder ganze Seiten \u00bbgeforkt\u00ab. Man kann sie also mit einem Klick auf das eigene FedWiki kopieren. Es ist, als w\u00fcrde die Technologie uns helfen, das Seinsverst\u00e4ndnis in die Welt zu bringen, von dem in diesem Buch viel die Rede ist. Die Verbundwiki-Plattform l\u00e4sst die vorgebliche Dualit\u00e4t von \u00bbIndividuum\u00ab und \u00bbKollektiv\u00ab verschwimmen. Beide Aspekte sind <em>by design<\/em> so verkn\u00fcpft, dass sie sich gegenseitig beleben und aufheben. Wenn ich zum Commons beitrage, dann widerspricht oder st\u00f6rt es nicht, dass ich \u00bbmein pers\u00f6nliches Wiki\u00ab habe. Ubuntu-Rationalit\u00e4t, wie sie leibt und lebt! Auch im FedWiki wird eine Idee m\u00e4chtiger, wenn sie mit anderen geteilt wird, nur ohne die vermittelnde Vorsortierung durch Algorithmen (wie bei Facebook), Administratorinnen bzw. Administratoren (Wikipedia) oder Bewertungen und Rankings (Yelp).<\/p>\n<p>Die Verbundwiki-Software schafft also eine digitale Umgebung, in der alle Beitragenden andere bereichern, dabei als Urheberin oder Urheber sichtbar bleiben und die Kontrolle \u00fcber die eigene Seite nicht aufgeben m\u00fcssen. Es ist, als w\u00fcrde man sagen: \u00bbKommen Sie herein, die T\u00fcr steht offen. Benutzen Sie in meiner Wohnung alles, was Sie m\u00f6chten, und machen Sie sich keine Sorgen, Sie k\u00f6nnen hier nichts durcheinanderbringen.\u00ab Die Software hindert Dritte daran, Ihre Inhalte zu ver\u00e4ndern, erlaubt ihnen jedoch, sie auf eigene Seiten zu \u00bb\u00fcbernehmen\u00ab. Das wiederum ist an einige Bedingungen gekn\u00fcpft: \u00bbWir bestehen darauf, dass die Nehmenden unser Zuhause als Quelle angeben\u00ab, schreibt Cunningham. Dies ist nicht wortw\u00f6rtlich gemeint. Man wird weder diskutieren noch streiten, auch keine Mails und Briefe mit Androhungen rechtlicher Schritte verschicken oder erhalten, denn in einer Art \u00bbLogbuch\u00ab, das den Ursprung jeder Wiki-Seite dokumentiert, ist jederzeit nachzulesen, wer jeden einzelnen Inhaltsbaustein verfasst hat. Im Verbundwiki erledigt also die Software den Hinweis auf die Quelle automatisch, indem sie jeder \u00c4nderung die Ihnen zugewiesene bunte Flagge in \u00bbIhrem\u00ab besonderen Farbton beif\u00fcgt. \u00bbEin Zuhause\u00ab, sagt Cunningham, \u00bbdefiniert uns und bietet gleichzeitig Raum f\u00fcr andere.\u00ab Diese gegenseitig f\u00f6rderliche Beziehung zwischen dem eigenen pers\u00f6nlichen Verbundwiki und dem Verbundwiki-Commons zeigt, wie \u00fcber \u00bbmein\u00ab, \u00bbdein\u00ab und \u00bbunser\u00ab neu nachgedacht werden kann. Die Inhalte k\u00f6nnen zwar auf dem eigenen Wiki weiter <em>exklusiv<\/em> kontrolliert werden, zugleich werden aber Anspr\u00fcche auf <em>exkludierende<\/em> Kontrolle in den Wiki-Commons eines Verbundes weitestgehend aufgegeben.<sup>18<\/sup> Das Eigene wird auch anderen zur Verf\u00fcgung gestellt. Das erfordert nichts weniger als eine durchgreifend neu gedachte Vorstellung von \u00bbEigent\u00fcmerschaft\u00ab an Inhalten. Anstatt in jedem Einzelfall zu entscheiden, unter welchen Bedingungen etwas weitergegeben wird<sup>19<\/sup>, setzt die Verbundwiki-Plattform die technologischen Gestaltungsm\u00f6glichkeiten so ein, dass die gro\u00dfz\u00fcgige Weitergabe von Inhalten der Normalfall ist. Wer sich f\u00fcr diese Software entscheidet, wird also aktiv etwas tun m\u00fcssen, um die Nutzung eigener Inhalte durch Dritte zu verhindern. \u00c4ndert sich die eigene Meinung dar\u00fcber, ob das notwendig ist oder nicht, gen\u00fcgt ein Mausklick, um alle Vorteile des Commons zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Inhalte, die in einem FedWiki hinterlegt werden, sind mit Ver\u00f6ffentlichung unter einer Creative-Commons-Lizenz Attribution \u2013 ShareAlike 4.0 lizenziert. Sie sind sozusagen \u00bbvon Geburt an zur Weitergabe freigegeben\u00ab. Die Achillesferse ist, dass auch Konzerne Inhalte aus dem Verbundwiki-Commons \u00bbheraussaugen\u00ab, f\u00fcr eigene Zwecke nutzen und anderen hinter ihrer Firewall vorenthalten k\u00f6nnten. Sind diese Inhalte aber erst einmal im Internet ver\u00f6ffentlicht, kann niemand urheberrechtliche Kontrolle dar\u00fcber behaupten.<sup>20<\/sup><\/p>\n<p>Das bemerkenswerte \u00bbEigentumsregime\u00ab der Verbundwiki-Welt ist im Grunde Ergebnis einer kreativen Kombination verschiedener Eigentumsrechte auf verschiedenen Ebenen. \u00bbLegal Hacks\u00ab setzen oft an diesem Punkt an; sie verbinden \u2013 mit eindrucksvoller Wirkung \u2013 Nutzungsrechte auf neue Art miteinander. Wir werden darauf weiter unten noch zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns diese Idee der Ebenen noch einen Moment verfolgen. In der physischen Welt etabliert das Eigentumsrecht oft unterschiedliche Nutzungsrechte auf unterschiedlichen Ebenen. So gilt etwa f\u00fcr Mineralien, Rohstoffe und Ressourcen unter der Erde ein anderes Eigentumsregime als \u00fcber der Erde. Die Rechtsordnung f\u00fcr die Infrastruktur ist eine andere als f\u00fcr das, was dank dieser Infrastruktur produziert wird. Eigentumsrechte f\u00fcr ein Geb\u00e4ude k\u00f6nnen von denen f\u00fcr Grund und Boden getrennt werden, und Eigentumsrechte an den Inhalten einer Website werden von den Eigentumsrechten am WLAN-Netzwerk und an den Telefonleitungen unterschieden. Weitreichende Auswirkungen hat, wie genau diese Ebenen miteinander verbunden werden. So ist in den meisten L\u00e4ndern Lateinamerikas verfassungsrechtlich geregelt, dass unterirdische Rohstoffe dem Nationalstaat geh\u00f6ren.<sup>21<\/sup> Dies erm\u00f6glicht den Regierungen, \u00d6l, Gas, Kohle, Gold, Silber, Kupfer, Aluminium und vieles mehr entweder durch staatliche Unternehmen f\u00f6rdern zu lassen oder privaten \u2013 meist transnationalen \u2013 Unternehmen F\u00f6rderkonzessionen zu gew\u00e4hren, was insbesondere im Bergbau \u00fcblich ist. Offensichtlich aber taugt diese Regelung <em>nicht<\/em>, um Raubbau zu verhindern; eher noch f\u00f6rdert sie eine Art neokolonialen Extraktivismus. Wenn nun Eigentumsrechte an der Oberfl\u00e4che anders geregelt werden als darunter, zeigt dies einmal mehr, dass sie nicht \u00bbnat\u00fcrlich\u00ab sind und dass sie politische und \u00f6konomische Interessen widerspiegeln. So gibt es im Prinzip keinen triftigen Grund daf\u00fcr, denjenigen, die \u00d6l f\u00f6rdern oder Metalle abbauen, auch exklusives Eigentum an dem zuzuerkennen, <em>was<\/em> sie f\u00f6rdern oder abbauen. Warum werden sie nicht einfach f\u00fcr die F\u00f6rderung entlohnt? Die Rechte am Rohstoff selbst w\u00e4ren im Prinzip genauso trennbar vom Anspruch auf Entlohnung der F\u00f6rderung und Verarbeitung wie die Rechte am Land von den Luftrechten \u00fcber dem Land. Fr\u00fcher geh\u00f6rten Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmern nicht nur ihre Grundst\u00fccke, sondern auch die \u00bbLuftrechte\u00ab, die bis zum Himmel reichten. Rechtlich gesehen bedeutete dies, dass Flugzeuge private Eigentumsrechte verletzten, was im Laufe der Jahrhunderte zu erheblichen Problemen f\u00fchrte. Und so wurde der aus dem R\u00f6mischen Recht stammende Grundsatz <em>cuius es solum, eius est usque ad coelum et ad inferos<\/em> (\u00bbWer den Grund besitzt, dem geh\u00f6rt er bis zum Himmel und zur H\u00f6lle.\u00ab)<sup>22<\/sup> radikal eingeschr\u00e4nkt, meist zugunsten von Nationalstaaten oder Konzernen.<\/p>\n<p>Die <em>Verkn\u00fcpfungen<\/em> zwischen Rechtsregimen auf unterschiedlichen Ebenen sind also potenziell umk\u00e4mpft. Und in diesem Konfliktfeld wurden in der Welt des Verbundwikis die verschiedenen Schichten an Eigentumsrechten geschickt neu arrangiert \u2013 genau genommen \u00fcberwunden. \u00bbWir unterscheiden das Eigentum und den Betrieb eines Servers<sup>23<\/sup> vom Eigentum und dem Betrieb einer Seite\u00ab, erl\u00e4utert Ward Cunningham. Wie sinnvoll das ist, zeigt sich schon daran, dass beim FedWiki \u2013 wie immer, wenn auf verteilte Strukturen gesetzt wird \u2013 die Inhalte aus vielen Quellen gleichzeitig stammen. Somit entziehen sie sich weitgehend der Kontrolle einzelner Seitenbetreiber. Zudem macht es die Software der Plattform technisch sehr einfach, Inhalte gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugeben, was \u2013 gemeinsam mit der Notwendigket von Creative-Commons-Lizenzen f\u00fcr gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Teilbarkeit der Inhalte \u2013 dazu beitr\u00e4gt, \u00bbjenseits von Eigentum\u00ab kreativ t\u00e4tig zu werden und dabei voneinander zu profitieren. In der Umgebung und Kultur der Verbundwikis wird das undurchdringliche Dickicht des Urheberrechts funktional irrelevant. Stattdessen werden Nutzerinnen und Nutzer erm\u00e4chtigt, ihre eigenen Ver\u00f6ffentlichungsbedingungen zu bestimmen und ihr Wiki selbst zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Das Verbundwiki-Commons hat allerdings eine Schwachstelle: die Authentifizierung der digitalen Identit\u00e4t. Cunningham und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nutzen u.a. die von Google und Twitter entwickelten Systeme, um sicherzustellen, dass eine Person tats\u00e4chlich die ist, als die sie sich ausgibt. Einige dieser M\u00f6glichkeiten zur Identifikation im Netz sind bei vielen Internetseiten voreingestellt. Und da es technisch kompliziert und aufw\u00e4ndig ist, zuverl\u00e4ssige Authentifizierungsverfahren zu entwickeln und dauerhaft zu betreuen, ist die Entscheidung, bereits Existierende zu nutzen, nachvollziehbar. Es hei\u00dft aber auch, dass derzeit das Verbundwiki von zwei Hightech-Giganten abh\u00e4ngig ist, wenn es einen einfachen Zugang bieten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Eigentumsfrage: Wir haben uns angeschaut, wie das Verbundwiki als neuartige Netzwerkplattform diese Frage angeht und sich dabei der Dynamik des konventionellen Eigentums entzieht (absolute Verf\u00fcgungsgewalt, Unterordnung von Gemeinwohlaspekten). Das Beispiel kann k\u00fcnftige commons-basierte Plattformen inspirieren, verteilte, commons-basierte Alternativen zu den zentralisierten, eigentumsbasierten Plattformen zu denken: solche, die weder sozial polarisieren noch Nutzerinnen und Nutzer manipulieren noch die Privatsph\u00e4re verletzen noch Entscheidungsmacht konzentrieren. Die Annahme, dass nur \u00fcber privates Eigentum (Urheberrecht, Patente) das Verhalten in der digitalen Welt geordnet und f\u00fcr \u00bbInnovation\u00ab gesorgt werden kann, ist einfach falsch.<\/p>\n<p>Interessanterweise \u00e4hnelt die im Verbundwiki verankerte Idee der Anlage vieler Kl\u00f6ster: sie bieten gute und unterst\u00fctzende Bedingungen f\u00fcr gemeinschaftliches Leben und sch\u00fctzen gleichzeitig pers\u00f6nliche R\u00e4ume (vgl. Kapitel 5). Und damit sind wir zur\u00fcck in der materiellen Welt, wo es zum Beispiel um die Nutzung von Grund und Boden geht. Auch dort wird das Recht kreativ angewandt, um Gemeinsames und Individuelles sowie das Wohl aller sorgsam aufeinander abzustimmen.<i><b> <\/b><\/i>Das Mietsh\u00e4user Syndikat ist daf\u00fcr ein eindrucksvolles Beispiel.\u00e7<\/p>\n<h4>Mietsh\u00e4user Syndikat \u2013<br \/>\nKapital neutralisieren und selbstbestimmt wohnen<\/h4>\n<p>Angesichts erbarmungsloser Immobilienm\u00e4rkte, auf denen es nicht ums Wohnen, sondern um Geldanlagen und mehr oder weniger skrupellose Spekulation geht, klingt schon die Idee von Wohnraum-Commons vision\u00e4r. Genau dieser Idee aber hat sich das Mietsh\u00e4user Syndikat<sup>24<\/sup> verschrieben.<i> <\/i>Das Syndikat ist ein Verbund von Wohnprojekten, das seit 1987 von Freiburg im Schwarzwald aus in ganz Deutschland und in Nachbarl\u00e4ndern (etwa \u00d6sterreich oder die Niederlande) Fu\u00df gefasst hat. Das grundlegende Anliegen des Mietsh\u00e4user Syndikats ist, Wohnraum dem Markt zu entziehen und dies in einem solidarischen Commons-Verbund von Wohnprojekten zu tun, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern als Gleichrangige verwaltet werden. Diejenigen, denen die Geb\u00e4ude geh\u00f6ren, zahlen eine sogenannte \u00bbKostenmiete\u00ab an sich selbst.<\/p>\n<p>In Deutschland als einem Land, in dem Grund und Boden vorwiegend Privateigentum sind und als Kapitalinvestition gehandelt werden, ist besonders beeindruckend, was das Mietsh\u00e4user Syndikat in den letzten Dekaden geschafft hat. \u00bbEigentlich\u00ab, so sagte uns ein Aktiver, \u00bbd\u00fcrfte es uns gar nicht geben, denn wir verletzen grunds\u00e4tzlich die \u203aRegeln des Marktes\u2039, jedenfalls nach standard\u00f6konomischen Vorstellungen\u00ab. Umso erfrischender ist es zu wissen, dass Dutzende Syndikats-Projekte florieren, die Menschen wohnen gern und selbstbestimmt dort. Niemand muss f\u00fcrchten, dass \u00bbder Markt\u00ab dazu zwingt, die eigene Wohnung aufzugeben oder dass das Syndikat Wohngeb\u00e4ude verkauft und Menschen auf die Stra\u00dfe setzen wird. Im Laufe von mehr als 30 Jahren hat das Mietsh\u00e4user Syndikat \u00fcber 130 Immobilien aus dem Markt genommen. Dadurch steht mehr als 2.900 Menschen dauerhaft erschwinglicher Wohnraum in kollektiver Eigent\u00fcmerschaft zur Verf\u00fcgung. Zwischen 2013 und 2015 hat sich die Zahl der Wohnprojekte fast verdoppelt, von 50 auf 95. Ende 2018 z\u00e4hlten schon 136 Hausprojekte und 17 Projektinitiativen zum Verbund.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick erscheint das Mietsh\u00e4user Syndikat wie ein Projekte-Sammelsurium. Es gibt klassische, vielf\u00e4ltige Wohngemeinschaften, ein Projekt f\u00fcr Seniorinnen und Senioren, umgewidmete Geb\u00e4ude, die einst gewerblich genutzt wurden, ein gro\u00dfes Wohngeb\u00e4ude f\u00fcr Alleinerziehende und eine umgebaute Kaserne, in der heute mehr als 200 Menschen wohnen. Auch wenn sich alle in Form, Gr\u00f6\u00dfe und Gestaltung unterscheiden und oft viele Kilometer voneinander entfernt liegen, eint sie die Idee, das, was Menschen zum Wohnen brauchen \u2013 Grund und Boden, Geb\u00e4ude und Wohnungen \u2013, dem Markt zu entziehen. Diese Idee, \u00bbH\u00e4user und Grundst\u00fccke als Gemeingut zu organisieren, ist nicht neu\u00ab, schreibt Stefan Rost, einer der Gr\u00fcnder, und verweist auf die historische Rolle von Wohnungsbaugenossenschaften und Bauvereinen.<sup>25<\/sup> Ungew\u00f6hnlich ist das Syndikat wegen seiner besonderen sozio-rechtlichen Struktur und der Ausrichtung auf dauerhafte Entkommodifizierung. So wurde es den \u00bbMieterinnen und Mietern\u00ab m\u00f6glich, die Zumutungen des gerade in den St\u00e4dten aus dem Ruder laufenden Wohnungsmarkts gegen gute Wohnqualit\u00e4t mit stabilen Zukunftsaussichten zur \u00bbKostenmiete\u00ab zu tauschen. Die monatlichen Beitr\u00e4ge sind keine \u00bbMieten\u00ab im herk\u00f6mmlichen Sinne. Sie entsprechen den laufenden Kosten f\u00fcr den Betrieb, den R\u00fccklagen f\u00fcr Reparaturen und Sanierungen zuz\u00fcglich der Beitr\u00e4ge zum Solidarit\u00e4tsfonds. Grunds\u00e4tzlich sind sie von den Preisen am Immobilienmarkt abgekoppelt.<\/p>\n<p>Kern ist also, dass der einmal dem Markt entzogene Wohnraum \u00fcber Generationen hinweg unverk\u00e4uflich bleibt. Das ist weder einfach noch selbstverst\u00e4ndlich. Wenn die Kalkulation aus der Gr\u00fcndungsphase eines Projektes nicht aufgeht, wenn Hypotheken abbezahlt werden m\u00fcssen oder steigende Immobilienpreise einen Verkauf des Objekts attraktiv erscheinen lassen, dann geraten auch Genossenschaften oder Hausprojekte in Versuchung, die Immobilie wieder zu verkaufen. Oft schon wurde das idealistische Erbe der Gr\u00fcndergeneration letztlich ver\u00e4u\u00dfert, weil nachfolgende Generationen entschieden, das \u00fcber Jahrzehnte gemeinsam aufgebaute Verm\u00f6gen zu Geld zu machen und unter sich aufzuteilen. Aus dieser wohlbekannten Dynamik ergab sich die entscheidende Frage: Wie kann ein selbstverwaltetes Commons daran gehindert werden, dauerhafte Verm\u00f6genswerte zu ver\u00e4u\u00dfern? \u00bbMan kann sich ja nicht einfach selbst \u00fcberwachen\u00ab<sup>26<\/sup>, sagt Jochen Schmidt, Mitglied des Syndikats. Andererseits k\u00f6nnen und wollen Commoners ihre Souver\u00e4nit\u00e4t nicht aufgeben und nicht auf externe Kontrolle setzen (so ist eines der leitenden Prinzipien des Syndikats die sogenannte \u00bbProjektautonomie\u00ab). Zudem w\u00e4re fraglich, wem gegen\u00fcber sie die eigenen Befugnisse aufgeben w\u00fcrden und wem sie sie \u00fcbertragen k\u00f6nnten? \u00bbWenn aber Commons Commons bleiben sollen, sind Regeln und Formen zu finden, die die [\u2026] R\u00fcckf\u00fchrung auf den Kapitalmarkt verhindern,\u00ab wie Stefan Rost treffend formuliert.<sup>27<\/sup> Diese Formen mussten aus dem Syndikat heraus gefunden werden. Und genau das ist geschehen.<\/p>\n<p>Das Mietsh\u00e4user Syndikat hat zu diesem Zweck ein ausgekl\u00fcgeltes Rechtskonstrukt entwickelt, das jeglicher Intuition zu widersprechen scheint. Den Eigentumstitel f\u00fcr jede Immobilie h\u00e4lt nicht <em>allein<\/em> der entsprechende Hausverein und auch keine Genossenschaft. Vielmehr wird f\u00fcr jedes Projekt eine Gesellschaft mit beschr\u00e4nkter Haftung (GmbH) gegr\u00fcndet. Jede dieser GmbHs hat <em>nur zwei<\/em> Gesellschafter: den entsprechenden Hausverein und das Mietsh\u00e4user Syndikat, das zu diesem Zweck eine Holding GmbH, die \u00bbMietsh\u00e4user Syndikat GmbH\u00ab gegr\u00fcndet hat. \u00dcber dieses Arrangement erh\u00e4lt das Mietsh\u00e4user Syndikat eine W\u00e4chterfunktion, wobei es \u00fcber inhaltlich stark begrenzte Stimmrechte verf\u00fcgt, die ausschlie\u00dflich Grundsatzfragen betreffen. Ansonsten behalten die Hausvereine volle Selbstbestimmungsrechte. Diese Eigent\u00fcmerstruktur \u2013 eine GmbH mit zwei Gesellschaftern \u2013 macht es also m\u00f6glich, dass alle wichtigen Ver\u00e4nderungen der Zustimmung von beiden bed\u00fcrfen: vom Hausverein und vom Mietsh\u00e4user Syndikat. Jeder der beiden hat Vetomacht. Auf diese Weise kann das Mietsh\u00e4user Syndikat als Kontrollinstanz fungieren, falls ein Hausverein zum Beispiel eine Immobilie verkaufen oder die Wohnungen zu Eigentumswohnungen machen m\u00f6chte. Zudem wird eine einseitige \u00c4nderung des Satzungszwecks \u2013 etwa durch die Hausvereine \u2013 verhindert, denn solch schwerwiegende Entscheidungen d\u00fcrfen nicht von einem einzigen stimmberechtigten Gesellschafter im Alleingang getroffen werden. Dank dieser gegenseitigen Vetomacht wird \u00bbKapital neutralisiert\u00ab. Den Begriff der Kapitalneutralisierung hat Matthias Neuling in den 1980er Jahren gepr\u00e4gt.<sup>28<\/sup> Er bringt auf den Punkt, worum es geht: Geld darf nicht durchregieren. Auf dieser Grundidee beruht das Rechtskonstrukt des Mietsh\u00e4user Syndikats, das seit Jahrzehnten erfolgreich verhindert, dass Verm\u00f6genswerte, die einmal als Commons etabliert wurden, wieder zur\u00fcck an den Markt fallen. Bemerkenswerterweise wurde s\u00e4mtliche f\u00fcr den Gesamtverbund notwendige Arbeit durch freiwillige Beitr\u00e4ge geleistet (gemeinhin Ehrenamt genannt), mit Ausnahme einer bezahlten Kraft, die halbtags die Buchhaltung, die Mitgliederverwaltung und andere administrative Aufgaben erledigt.<\/p>\n<p>Alle assoziierten Wohnprojekte nehmen ihre sozialen und wirtschaftlichen Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde; sie alle sind rechtlich unabh\u00e4ngig. Auf Mitgliederversammlungen wird demokratisch \u00fcber alle m\u00f6glichen Belange entschieden \u2013 die Nutzungen, Vermietungen und Vertragsgestaltung, Renovierung, Finanzierung und vieles mehr. Nur bei <em>fundamentalen <\/em> \u00c4nderungen bez\u00fcglich der Immobilie selbst oder der Satzung steht das Syndikat als W\u00e4chterinstanz und Mitgesellschafter in der GmbH in der Mitverantwortung. Nur dann entfaltet das Rechtskonstrukt der Zwei-Gesellschafter-GmbH seine Wirkung. 100-prozentige Sicherheit, dass eine Immobilie <em>nie<\/em> verkauft wird, gibt es nat\u00fcrlich nicht, doch die Vetokraft in dieser Rechtsform sorgt daf\u00fcr, dass alle gangbaren Alternativen zuvor genau ausgelotet werden. Der Erfolg gibt dem Modell recht. Bisher musste erst ein Projekt tats\u00e4chlich aufgegeben werden, und das lag eher an unsolider Grundfinanzierung als an Differenzen \u00fcber das Ziel der Kapitalneutralisierung.<\/p>\n<p>Und noch eine weitere Leistung ist bemerkenswert. Diese Rechtskonstruktion hilft dabei, aus vielen unterschiedlichen Wohn-Commons einen Verbund zu schaffen. Wenn alle beteiligten Wohnprojekte unterschiedlich sind, wenn sie alle auf Dauer sorgend &amp; selbstbestimmt wirtschaften und rechtlich unabh\u00e4ngig bleiben sollen, aber zugleich gemeinsam ein gr\u00f6\u00dferes Ziel verfolgen, ist fraglich, wie dieses Ziel auch dann verfolgt werden kann, wenn es unter den Projekten Unstimmigkeiten gibt. Auch daf\u00fcr gibt es eine unterst\u00fctzende Rechtsform: den nicht eingetragenen Verein (Mietsh\u00e4user Syndikat n.e.V.). Der n.e.V. ist Eigent\u00fcmer der Mietsh\u00e4user Syndikat GmbH und hat drei Gruppen von Mitgliedern: Einzelpersonen, die der Idee verbunden sind, unterschiedliche Gruppen, die nicht zu den Mietsh\u00e4user-Syndikats-Projekten geh\u00f6ren, sowie die Hausvereine der einzelnen Wohnprojekte, die zum Syndikat geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2844\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"1156\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser.jpg 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-300x231.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-768x592.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-1116x860.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-806x621.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-558x430.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_mietshauser-655x505.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>Mit konventionellen Begriffen ausgedr\u00fcckt sind die Bewohner \u00bbMit-Eigent\u00fcmer\u00ab der Geb\u00e4ude sowie \u00bbMieter\u00ab einzelner Wohnungen, f\u00fcr die sie \u00bbMiete\u00ab zahlen. Doch diese Begriffe klingen, als ginge es um einen Wohnungsmarkt und als existierte ein \u00bbPreismechanismus\u00ab. Tats\u00e4chlich ist beides im Kontext des Mietsh\u00e4user Syndikats weitgehend irrelevant. Die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen gemeinsam selbst, wie viel sie auf Grundlage dessen zahlen, was sie brauchen, um ein Geb\u00e4ude zu \u00fcbernehmen und zu sanieren<sup>29<\/sup>, um die Betriebskosten aufzubringen und um einen Beitrag zum Seinszweck des Mietsh\u00e4user Syndikats zu leisten. Damit behaupten sie Preissouver\u00e4nit\u00e4t, \u00e4hnlich wie wir das vom venezolanischen Kooperativenverbund Cecosesola kennen.<\/p>\n<p>In einem unserer Gespr\u00e4che beschrieb ein Bewohner dieses besondere Verst\u00e4ndnis des Habens so: \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich besitze ich mein Haus, und wir besitzen unseres.\u00ab<sup>30<\/sup> Es gilt beides zugleich. Einerseits hat seine Familie dauerhafte Nutzungsrechte an der Wohnung (ausgenommen das Recht, sie zu verkaufen), und andererseits haben alle im Wohnkomplex ein Gef\u00fchl und tragen Verantwortung f\u00fcr die gemeinsame Eigent\u00fcmerschaft am Geb\u00e4ude \u2013 wobei die H\u00fcrden, es zu verkaufen, sehr hoch liegen. Genau genommen ist der Kreis der Gemeineigent\u00fcmer noch gr\u00f6\u00dfer, weil im Prinzip alle Immobilien in allen 136 Wohnprojekten \u00fcber die Holding-Struktur auch <em>allen<\/em> Mitgliedern des Mietsh\u00e4user Syndikats geh\u00f6ren und damit all denen, die Mitglied des nicht eingetragenen Vereins sind. Die Ebenen sind so verschachtelt, dass \u00bbmein\u00ab immer auch \u00bbunser\u00ab bedeutet und umgekehrt. Das meinen wir, wenn wir davon reden, dass die Beziehungshaftigkeit des Habens rechtlich verankert wird. Dem Mietsh\u00e4user Syndikat ist das in gro\u00dfem Ma\u00dfstab gelungen. Seit \u00fcber 30 Jahren hat niemand einmal geschaffene kollektive Verm\u00f6genswerte verkauft und sich privat auszahlen lassen. Dies ist Ausdruck einer ver\u00e4nderten Einstellung zum Eigentum, in der es eher um \u00bbexistentiellen Mit-Besitz\u00ab als um \u00bbabsolute Verf\u00fcgungsgewalt\u00ab geht. Indem sie Wohnraum dem Markt entziehen und Verantwortung f\u00fcr dessen (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung gemeinsam tragen, haben die Beteiligten nicht nur ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu ihrem eigenen Wohn-Commons entwickelt, sondern auch zu Dutzenden Projekten im Syndikat.<\/p>\n<p>Der sogenannte \u00bbSolidartransfer\u00ab zeigt, dass dies alles nicht nur leeres Gerede ist. Das Prinzip ist klar und verst\u00e4ndlich: Bestehende Hausprojekte tragen zu einem Solidarfonds bei, aus dem neue Hausprojekte vor allem in der Anlaufphase unterst\u00fctzt werden. Es folgt dem Muster Poolen, Deckeln &amp; Aufteilen. Die Umsetzung ist unter anderem aus steuerrechtlichen Gr\u00fcnden im Einzelnen etwas komplizierter, weshalb der \u00bbSolidartransfer eine organisatorische Dauerbaustelle\u00ab<sup>31<\/sup> darstellt. Doch das Prinzip, in k\u00fcnftige Projekte zu investieren \u2013 Investitionen in die Zukunft weiterzugeben, statt \u00bbKredite abzuzahlen\u00ab \u2013, ist f\u00fcr Commons-Finanzierung ganz zentral. Es sorgt f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Unabh\u00e4ngigkeit der Syndikatsprojekte vom Finanzmarkt. Wie auch der \u00bbunbezahlbare Know-how-Transfer von Altprojekt zu Neuprojekt\u00ab<sup>32<\/sup> unterst\u00fctzt diese Zirkulation von Geld innerhalb des Verbundes nicht nur die Inklusivit\u00e4t, sondern auch, dass neue Projekte sich dem Verbund anschlie\u00dfen und gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen. In der konventionellen Finanzierung von Wohnraum haben Investorinnen und Investoren zu Beginn hohen Kapitalbedarf und beim sp\u00e4teren Verkauf hohe Gewinne. Das sorgt mit f\u00fcr die Explosion der Mieten insbesondere in den Ballungsr\u00e4umen. Demgegen\u00fcber tragen Wohnraum-Commons die Finanzierung ihrer Projekte soweit als m\u00f6glich gemeinsam (h\u00e4ufig kombiniert mit Bankdarlehen), wobei es \u2013 wie gesagt \u2013 nie darum geht, Profite zu generieren, sondern stets darum, mehr entkommodifizierten Wohnraum f\u00fcr selbstbestimmte Wohnformen verf\u00fcgbar zu machen.<\/p>\n<p>Diese Praxis der Solidartransfers im Syndikat unterstreicht, wie elementar die Unterst\u00fctzung <em>zwischen<\/em> verschiedenen Commons f\u00fcr das Gedeihen des Commonsversums ist.<\/p>\n<p>Der Erfolg des Mietsh\u00e4user Syndikats legt seit einiger Zeit nahe, dass eine \u00bbZellteilung\u00ab sinnvoll sein k\u00f6nnte. \u00bbJe gr\u00f6\u00dfer wir werden, umso komplexer werden wir, und umso mehr hat die W\u00e4chterorganisation zu tun\u00ab, \u00fcberlegt Jochen Schmidt. Vielleicht m\u00fcsse die Zahl der Projekte, die sich beteiligen k\u00f6nnten, irgendwann gedeckelt werden. Das sind keine schlechten Nachrichten. Im Gegenteil. So wird die Tatsache anerkannt, dass viel mehr Wohnraum-Commons auch mehrere Versionen von W\u00e4chter- und Verbundorganisationen brauchen und nicht nur eine einzige. Die Mitglieder des Syndikats diskutieren au\u00dferdem \u00fcber eine Regionalisierung des Verbunds; auch das macht deutlich: Der Syndikatsgedanke verbreitet sich am ehesten durch nachahmen &amp; dann F\u00f6derationen bilden.<\/p>\n<h4>Eigentum \u203ahacken\u2039 und Commons schaffen<\/h4>\n<p>In den drei bisherigen Beispielen konnten wir sehen, wie Commoners die Beziehungshaftigkeit des Habens verankern. Im Fall der Park Slope Food Coop wird per Satzung ein Konzept der Mitglied-Eigent\u00fcmerschaft definiert und dadurch die finanzielle Beteiligung an der Koop mit einem monatlichen, unbezahlten Arbeitsbeitrag verbunden. Nur beides zugleich sichert volle Mitbestimmungsrechte. In der Welt des Federated Wiki macht eine geschickte Software-Architektur das Weitergeben von Inhalten bei gleichzeitiger Kontrolle \u00fcber das eigene Wiki zur Voreinstellung. Die kluge Rechtsstruktur und die sozialen Praktiken im Mietsh\u00e4user Syndikatsverbund haben beigetragen, Immobilien dauerhaft dem Markt zu entziehen und Commoning zu unterst\u00fctzen. Jedes dieser Beispiele l\u00e4uft auf einen \u00bbEigentums-Hack\u00ab hinaus.<\/p>\n<p>Der Begriff des <em>Hackens<\/em> l\u00e4sst sich bis zum Tech Model Railroad Club am Massachusetts Institute of Technology in den 1960er Jahren zur\u00fcckverfolgen. Die Bastler suchten damals nach kreativen technischen L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme, die ihr Hobby \u2013 der Modelleisenbahnbau \u2013 mit sich brachte. Sie begannen, die Umsetzung ihrer findigen Ideen \u00bbhacken\u00ab zu nennen. Der Begriff wurde sp\u00e4ter in der Szene der Amateur-Computerprogrammierung aufgegriffen. Dort war es \u00fcblich, Rechner aus Hardware-Teilen zusammenzubasteln, die die Programmierinnen und Programmierer irgendwie erworben und ausgeschlachtet hatten. Improvisation war gefragt. Der Journalist Steven Levy schrieb 1984 in seinem bahnbrechenden Buch <em>Hackers: Heroes of the Computer Revolution<\/em>: \u00bbHacker glauben, dass man wesentliche Lektionen \u00fcber Systeme \u2013 \u00fcber die Welt \u2013 lernen kann, wenn man Dinge auseinandernimmt, wenn man sieht, wie sie funktionieren, und dieses Wissen nutzt, um neue und interessante Dinge hervorzubringen.\u00ab Wenn Sie von einem Gegenstand zun\u00e4chst \u00bbdie Bestandteile voneinander unterscheiden und bestimmen\u00ab und dann \u00bbversuchen, diese Teile in einzigartiger Weise zu kombinieren, um ein anstehendes Problem zu l\u00f6sen\u00ab,<sup>33<\/sup> dann hacken sie. Hackerinnen und Hacker haben Spa\u00df daran, f\u00fcr schwierige, komplexe Probleme m\u00f6glichst elegante L\u00f6sungen zu finden. Und sie sind zudem unter ihresgleichen durch eine bestimmte Ethik eng miteinander verbunden (daher die Rede von der <em>hacker-community<\/em>) und dem Allgemeinwohl verpflichtet. Eric Raymond schreibt in seinem Hacker-W\u00f6rterbuch: Hackerinnen und Hacker glauben, dass sie \u00bbeine ethische Verpflichtung haben [\u2026] ihr Fachwissen anderen zur Verf\u00fcgung zu stellen, indem sie [\u2026] wo immer m\u00f6glich den Zugang zu Informationen und zu Computerressourcen erleichtern.\u00ab<sup>34<\/sup><\/p>\n<p>Diese Praxis und Ethik des Hackens wurde sp\u00e4ter von einigen Juristinnen und Juristen aufgegriffen. F\u00fcr Commoners ist das wichtig, denn nicht selten m\u00fcssen Rechtsformen, wie wir gesehen haben, \u00bbkreativ umgenutzt\u00ab werden. Nicht minder selten ist Rechtsbeistand n\u00f6tig, um Commoning zu entkriminalisieren oder zum Durchbruch zu verhelfen. \u00bbJuristisches Hacking\u00ab (<em>legal hacking<\/em>) bedeutet im Grunde, <em>bestehende<\/em> Rechtsinstrumente so zu nutzen und zu kombinieren, dass sie einem anderen Zweck dienen als dem, f\u00fcr den sie urspr\u00fcnglich entwickelt wurden. Wer sich ihrer im Commons-Kontext bedient, hat \u00e4hnliche Ambitionen wie die Computerpioniere der 1970er und 1980er Jahre: unter R\u00fcckgriff auf das konventionelle Recht und \u00fcber einige kreative Umwege geeignete Rechtsformen zu finden, die Commoning unterst\u00fctzen. Wie auch immer sie umgesetzt werden, <em> legal hacking<\/em> erfordert in der Regel einigen Mut, viel Kreativit\u00e4t und sehr gute Rechtskenntnisse.<\/p>\n<p>Zwei ber\u00fchmte juristische Hacks hatten weitreichende Folgen: die General Public License (GPL) und die Creative-Commons-Lizenzen. Die GPL wurde in den 1980er Jahren vom inzwischen legend\u00e4ren Pionier der Freien Software Bewegung, Richard Matthew Stallman, entwickelt. Dies war eine Reaktion darauf, dass Software f\u00fcr PCs aus kommerziellen Gr\u00fcnden zunehmend privat kontrolliert wurde. Aus einst freier Software wurde propriet\u00e4re. So konnten die jeweiligen Inhaber des Urheberrechts bzw. Copyrights \u2013 meist nicht die Programmierenden selbst, sondern Unternehmen \u2013 andere Programmierfachleute daran hindern, den Softwarecode einzusehen, zu nutzen, fortzuschreiben oder weiterzugeben. F\u00fcr Menschen wie Stallman, damals am Massachusetts Institute of Technology besch\u00e4ftigt, war das immens frustrierend. Schlie\u00dflich wollte er das wichtigste Produktionsmittel des 21. Jahrhunderts, Softwarecode, der Allgemeinheit verf\u00fcgbar machen und mit anderen daran arbeiten, bessere Programme zu schreiben \u2013 zum Nutzen aller. Um dies inmitten einer Flut propriet\u00e4rer Software rechtlich abzusichern, nutzte Stallman \u2013 gut beraten von Juristen wie Eben Moglen \u2013 einen so einfachen wie einleuchtenden Trick. Mit der sogenannten General Public License (GPL) wurde eine Lizenz ver\u00f6ffentlicht, die genau wie andere Lizenzen zun\u00e4chst darauf beruht, dass die Programmierenden nach dem Urheberrecht klassischer Weise dar\u00fcber bestimmen, wie die Software weiter genutzt werden darf. Wenn sie ihren Code mit der GPL lizenzieren, verf\u00fcgen sie damit allerdings, dass allen anderen erlaubt ist, ihn kostenfrei zu kopieren, weiterzugeben und zu ver\u00e4ndern, ohne vorher die Erlaubnis der Urheberin oder des Urhebers einholen zu m\u00fcssen. Die einzige Bedingung: Jegliche Versionen, die aus derart freigegebener Software entwickelt werden, m\u00fcssen zu denselben Konditionen verf\u00fcgbar sein. Der Effekt der Lizenz ist also viral; einmal in der Welt, verbreitet sie sich immer weiter. Die GPL machte den Aufstieg von freier und quelloffener Software rechtlich m\u00f6glich. Sie hat daf\u00fcr gesorgt, dass zahllose Programme entstehen konnten, die die Informationstechnologien, das Internet, unsere Kommunikation und den Handel ver\u00e4ndert haben. Vor allem aber hat sie freie Software <em>als<\/em> freie Software gesch\u00fctzt. Das hei\u00dft, freie Lizenzen sorgen daf\u00fcr, dass Software frei bleibt und nicht wieder propriet\u00e4r wird. So wie das Mietsh\u00e4user Syndikat daf\u00fcr sorgt, dass die Immobilien nicht nur dem Markt entzogen werden, sondern auch dem Markt entzogen bleiben.<\/p>\n<p>Auch die vom GPL-Erfolg inspirierten Creative-Commons-Lizenzen sind ein wichtiges Rechtsinstrument, das Commoning leichter macht. CC-Lizenzen erm\u00f6glichen den Urheberinnen und Urhebern vorab, kenntlich zu machen, dass ihre Werke \u2013 Texte, Fotos, Grafiken, Musikst\u00fccke und vieles mehr \u2013 weitergegeben, kopiert und ver\u00e4ndert werden d\u00fcrfen. Diese Voraberlaubnis sieht das klassische Urheberrecht gar nicht vor. CC-Lizenzen sind kostenfrei, standardisiert und \u00f6ffentlich verf\u00fcgbar. Sie k\u00f6nnen von allen Kreativen genutzt werden, um das Weitergeben und Weiterentwickeln ihrer Inhalte und Werke zu erleichtern. Wie Richard Stallman suchte auch Lawrence Lessig, Juraprofessor an der Harvard University und einer der Mitentwickler der CC-Lizenzen, nach M\u00f6glichkeiten, das Copyright beziehungsweise Urheberrecht so zu nutzen, dass das Weitergeben und Remixen von Werken legal bleibt. Nach einem ausf\u00fchrlichen Beratungsprozess mit Rechtsexpertinnen und -experten sowie den Kreativen selbst hat die Nonprofit-Organisation Creative Commons schlie\u00dflich eine ganze Reihe unterschiedlicher Lizenzen publiziert, die die Wiedernutzung von Werken unter bestimmten Bedingungen erlauben, etwa:<\/p>\n<ul>\n<li>nur f\u00fcr nicht-kommerzielle Zwecke (das entsprechende K\u00fcrzel lautet NC, <em>non commercial<\/em>);<\/li>\n<li>nur, wenn keine \u00c4nderungen am urspr\u00fcnglichen Werk vorgenommen werden (das K\u00fcrzel f\u00fcr \u00bbKeine-Bearbeitung\u00ab ist ND, <em>no derivatives<\/em>);<\/li>\n<li>nur, wenn das Werk unter denselben Bedingungen weitergegeben wird (das K\u00fcrzel daf\u00fcr lautet SA, <em>share alike<\/em>).<\/li>\n<\/ul>\n<p>CC-Lizenzen sind heute weit verbreitet. Sie sind f\u00fcr die Publikation von Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung, f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung von Musik, Fotografie, Videos, Literatur und anderem mehr f\u00fcr viele Kreative unabdingbar geworden. Auch f\u00fcr die Autorin und den Autor dieses Buchs. Sie erleichtern die Weitergabe und Weiternutzung von Werken in inzwischen mehr als 170 Rechtssystemen in der ganzen Welt. Gesch\u00e4tzt stehen im Jahr 2018 mehr als eine Milliarde digitaler Dokumente unter CC-Lizenzen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Bis heute ist \u00bbjuristisches Hacken\u00ab eine der wenigen wirksamen Strategien, um Commons im Kontext von Markt und Staat zu \u00bbnormalisieren\u00ab. Die Wikipedia und tausende frei zug\u00e4ngliche wissenschaftliche Zeitschriften w\u00fcrden ohne den Schutz durch CC-Lizenzen beziehungsweise die GPL nicht existieren.<sup>35<\/sup> Mehr noch: \u00bbDer Code ist das Gesetz.\u00ab Mit diesem ber\u00fchmt gewordenen Satz machte Lawrence Lessig Anfang der 2000er Jahre deutlich, dass letztlich die Software bestimmt, was Nutzerinnen und Nutzer an ihrem Rechner und online machen k\u00f6nnen. Die Wirkung der Software ist derart tiefgreifend, dass sie ihre eigene Rechtswirklichkeit schafft. Code kann daher auch zur Grundlage neuer Formen vernakul\u00e4ren Rechts werden, wie wir im Falle der Verbundwiki-Plattform gesehen haben. Die FedWiki-Software erm\u00f6glicht gegen\u00fcber dem konventionellen Wiki ein flexibleres, gemeinschaftsfreundlicheres Schreiben und Kuratieren. Auch die Bewegung der Plattformkooperativen ist um commoning-freundliches Software-Design bem\u00fcht. Hier entstehen Internetplattformen und mobile Apps als kooperative Alternativen zu Uber, Airbnb und Dutzenden anderer propriet\u00e4rer, gewinnorientierter Plattformen.<sup>36<\/sup><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Plattform-Kooperativen<\/h4>\n<p>Digitale Netze bieten enorme M\u00f6glichkeiten, um sich auszutauschen und miteinander zu kooperieren. Leider haben Technologieunternehmen dieses Potenzial f\u00fcr ihre eigenen Zwecke genutzt. Sie lassen in \u00fcblich kapitalistischer Manier mit Hilfe digitaler Plattformen T\u00e4tigkeiten verrichten und Dienstleistungen koordinieren. Das Ganze nennen sie \u00bbSharing Economy\u00ab und \u00bbGig Economy\u00ab. In Wirklichkeit handelt es sich dabei einfach um eine neue Art des Marktwirtschaftens, die f\u00fcr (Mikro-)Vermietungen, St\u00fcckarbeit, Data-Mining und den Konsum entwickelt wurden.<\/p>\n<p>Plattformen wie TaskRabbit und Mechanical Turk haben die Akkordarbeit in gro\u00dfem Umfang wieder eingef\u00fchrt. Sie bieten Pennys f\u00fcr zahlreiche Mikroaufgaben an, die Computer nicht ausf\u00fchren k\u00f6nnen, wie Bildmarkierung, Transkription oder Datenbereinigung. Andere Plattformen veranlassen uns, unsere Autos, unsere Wohnungen und unsere Zeit in vermietbare Verm\u00f6genswerte zu verwandeln, um sinkende Einkommen auszugleichen oder existierende aufzubessern. Mit Hilfe ausgekl\u00fcgelter Computeralgorithmen nimmt in diesem Prozess der Druck auf die Bezahlung der \u00bbunabh\u00e4ngigen Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer\u00ab st\u00e4ndig zu.<\/p>\n<p>Diesem Trend wirkt seit 2015 die Plattform-Kooperativen-Bewegung entgegen, bislang ein Experimentierfeld. Ziel ist es, sozial konstruktivere Websites und mobile Apps zu entwickeln. Wenn Menschen ihre eigenen Plattformen als Kooperativen oder Genossenschaften besitzen und selbstverwalten k\u00f6nnen, argumentiert Trebor Scholz, einer der Protagonisten, werden sie angesichts gut kapitalisierter Technologieriesen wie Uber und Airbnb langfristig mehr Nutzen und Kontrolle ernten k\u00f6nnen. \u00bbWas w\u00e4re, wenn wir eine eigene Version von Facebook, Spotify oder Netflix besitzen w\u00fcrden\u00ab, fragt Scholz, \u00bbund wenn die Fotografen von Shutterstock.com die Plattform besitzen k\u00f6nnten, auf der ihre Fotos verkauft werden?\u00ab<sup>37<\/sup> Viele bem\u00fchen sich darum, genau das zu tun. Die Idee ist es, auf von Mitgliedern betriebene Websites und Plattformen f\u00fcr den Vertrieb von Fotos, Streaming-Musik und anderen Werken zu setzen, die die Produzierenden und Nutzenden selbst besitzen und kontrollieren k\u00f6nnen. Ein weiteres Beispiel f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen sind Apps, die von Stadtverwaltungen und lokalen Nutzerinnen und Nutzern gemeinsam entwickelt werden. So hat beispielsweise die s\u00fcdkoreanische Hauptstadt Seoul eine Munibnb-Plattform entwickelt, um Wohnungen zu g\u00fcnstigeren Konditionen als Airbnb vermieten zu k\u00f6nnen. Mit den Einnahmen werden \u00f6ffentliche Dienstleistungen unterst\u00fctzt. Munibnb soll zudem beitragen, die Umwandlung von Wohnquartieren in \u00bbGeisterquartiere\u00ab zu verhindern, die vor allem touristisch genutzt werden. Dieses Problem betrifft \u00bbSt\u00e4dte von Welt\u00ab wie Amsterdam, London und Barcelona.<\/p>\n<p>Obwohl sie noch in den Kinderschuhen stecken, sind Plattform-Coops ein vielversprechender Ansatz, um Monopolbildung, Ausbeutung und Daten\u00fcberwachung im digitalen Raum entgegenzuwirken. Sie st\u00e4rken Eigenverantwortung und stehen f\u00fcr mehr Selbstbestimmung \u00fcber die eigenen Arbeitsbedingungen.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Kunstgriffe, die juristischen Hacks \u00e4hneln, erlauben auch in anderen Bereichen einen commons-freundlichen Umgang mit dem konventionellen Recht. Die Quechua in Peru haben ein sogenanntes \u00bbGebiet des indigenen biokulturellen Erbes\u00ab (<em>Indigenous Biocultural Heritage Area)<\/em><sup>38<\/sup> entwickelt. Dadurch sch\u00fctzen sie ganze Landstriche von gro\u00dfer kultureller und agro\u00f6kologischer Bedeutung und die immense Vielfalt einheimischer Kartoffelsorten. In Indien wurde mit der Digitalen Bibliothek Traditionellen Wissens (TKDL)<sup>39<\/sup> ein riesiges Archiv zur Dokumentation traditioneller indischer Heilmethoden aufgebaut. Dahinter steckt die Analyse, dass auf internationaler Ebene etwa 2000 Patente f\u00e4lschlich anerkannt wurden und weiter anerkannt werden, nur weil das verf\u00fcgbare medizinische Wissen in Sprachen wie Sanskrit, Hindi, Urdu oder Tamil weitergegeben wird. TKDL nahm Anfang der 2000er Jahre seinen Anfang, als Indien f\u00fcr die Aufhebung eines Patents zur wundheilenden Eigenschaft von Kurkuma stritt, welches in der traditionellen Medizin seit Generationen zum Einsatz kommt. Durch die systematische Klassifikation und Sammlung alter indischer Texte aus Ayurveda, Siddha, Unani oder Yoga in b\u00fcrokratietauglichen Formaten und f\u00fcnf internationalen Sprachen, n\u00e4mlich Japanisch, Franz\u00f6sisch, Deutsch, Spanisch und Englisch, werden m\u00f6gliche Patentanmeldungen blockiert, die biomedizinisches Wissen, Pflanzen und therapeutische Praktiken privatisieren w\u00fcrden. TKDL basiert auf 359 B\u00fcchern aus der Indischen Medizin, die f\u00fcr insgesamt etwa 1.000 US-Dollar verf\u00fcgbar und rechtlich gemeinfrei sind und von allen interessierten Personen und Organisationen abgerufen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel ist der \u00bbGemeinschaftsfonds zur Rechtsverteidigung bei Umweltkonflikten\u00ab (<em>Community Environmental Legal Defense Fund<\/em>, CELDF)<sup>40<\/sup>, eine in Pennsylvania, USA, beheimatete Lobbyorganisation: Sie hat zahllose kommunale Satzungen und Chartas mitverfasst, um umweltsch\u00e4dliche Investitionen \u2013 etwa in Fracking \u2013 zu verhindern. Der Fonds hat zudem Musterstatuten f\u00fcr Bundesstaaten und Kommunen entwickelt, die die \u00bbRechte der Natur\u00ab sch\u00fctzen wollen. All dies sind Versuche, konventionelles Recht so einzusetzen, dass Selbstbestimmung m\u00f6glich bleibt und neue, bislang vernachl\u00e4ssigte Prinzipien zum Tragen kommen.<\/p>\n<p>Da Eigentum grundlegend daf\u00fcr ist, wie \u00bbRessourcen\u00ab genutzt werden d\u00fcrfen, sind wir besonders an M\u00f6glichkeiten interessiert, die das Recht bietet, die Beziehungshaftigkeit des Habens zu verankern. Daher wenden wir uns nun weiteren beeindruckenden Erfahrungen zu, in denen es darum geht, die Nutzungsrechte an Saatgut neu zu bestimmen, denn kaum etwas Anderes ist so tief ins Netzwerk unseres Lebens eingebunden und eigentumsrechtlich so umk\u00e4mpft.<\/p>\n<h4>Open-Source-Saatgut<\/h4>\n<p>Quasi aus dem Nichts, so scheint es, bringt Leben Leben hervor. Aus kleinsten Samen reift unsere Nahrung. Deshalb ist es keine \u00dcbertreibung zu sagen: Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert das Leben, denn wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Lebensmittelkette. Seit die Agrarkultur vor circa 10.000 Jahren Einzug hielt, ist Landwirtschaft ein kunstvolles Ringen mit den lebendigen Kr\u00e4ften der Natur \u2013 mit Erde, Wasser, der Tierwelt und dem gesamten \u00d6kosystem. Aus dieser Dynamik heraus erzeugen Menschen unter sehr verschiedenen Bedingungen unz\u00e4hlige Nahrungsmittel. Wenn Saatgut Leben ist, dann sind B\u00e4uerinnen und Bauern die H\u00fcterinnen des Lebens. Doch dieses lebendige Geflecht der Landwirtschaft befindet sich in einer Art Belagerungszustand: Gro\u00dfe multinationale Konzerne versuchen, so viel Saatgut wie m\u00f6glich ihr eigen zu nennen. Seit den fr\u00fchen 1980er Jahren r\u00fchren sie die Trommel f\u00fcr \u00bbgeistiges Eigentum\u00ab an pflanzengenetischen Ressourcen und setzen immer mehr Konzentration in der Z\u00fcchtung und damit auch in der landwirtschaftlichen Produktion durch. Heute werden global mehr als 60 Prozent des gewerblich genutzten Saatguts von vier Unternehmen kontrolliert.<sup>41<\/sup> Das hat die Vielfalt des Saatguts, das zur Aussaat gebracht wird, reduziert und macht so die Landwirtschaft gegen\u00fcber Sch\u00e4dlingen, Krankheiten und dem Klimawandel anf\u00e4lliger. In der Agrarindustrie wird Saatgut auf Profitabilit\u00e4t ausgerichtet und daher auf hohe Ertr\u00e4ge getrimmt, die sich aber oft nur unter idealen Bedingungen und auf gro\u00dfen Fl\u00e4chen erzielen lassen. Gegen diesen Ansatz hat die unabh\u00e4ngige Produktion und (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung vielf\u00e4ltigen, an die lokalen Bedingungen angepassten Saatguts oft keine Chance.<\/p>\n<p>Diese Konzentration auf dem Saatgutmarkt hat viele B\u00e4uerinnen und Bauern radikal entrechtet. Unternehmen wie DowDuPont und Monsanto\/Bayer benutzen seit Jahrzehnten ihre Oligopolmacht, um \u00bbNutzungseinschr\u00e4nkungen\u00ab an Saatgut durchzusetzen. Sie nutzen Rechtsinstrumente \u2013 Patente auf Pflanzen, Lizenzen, Material\u00fcbertragungs- und Nutzungsvereinbarungen \u2013, um festzulegen, wie B\u00e4uerinnen und Bauern das Saatgut verwenden d\u00fcrfen. So beinhaltet beispielsweise eine \u00bbeingeschr\u00e4nkte Benutzerlizenz\u00ab, dass Saatgut nicht aufbewahrt, nicht wiederholt ausges\u00e4t, nicht zur Z\u00fcchtung oder zu Forschungszwecken verwendet werden darf. Lediglich die einmalige Aussaat ist erlaubt. Die Lizenzvereinbarungen k\u00f6nnen das Saatgutunternehmen zudem berechtigen, das bewirtschaftete Land zu betreten oder durch Zugriff auf Internet-Protokolle festzustellen, welches Saatgut wo benutzt wird. Die Zeiten, in denen Saatgutunternehmen das Saatgut <em>verkaufen<\/em>, sind vorbei. Heute wird Saatgut zur einmaligen Verwendung <em>vermietet<\/em>! Der Kern dieses Gesch\u00e4ftsmodells liegt in der absoluten rechtlichen Verf\u00fcgung \u00fcber die Quelle unserer Nahrungsmittel: in der Idee quasi unbeschr\u00e4nkter Eigent\u00fcmerschaft \u00fcber Leben. Und als seien dies der Restriktionen nicht genug, behandelt die Saatgutbranche alle gleich. Der industrielle Landwirt in den USA, der 1.700 Hektar bewirtschaftet und landwirtschaftliches Ger\u00e4t mit 250 PS einsetzt, darf genauso viel oder wenig wie ein Campesino in Guatemala mit seinem Esel und seinen 2 Manzanas<sup>42<\/sup>. Beide k\u00f6nnen \u00bbgemietetes\u00ab Saatgut nur entsprechend der vom Konzern vorgegebenen Lizenzbedingungen verwenden, \u00e4hnlich wie Softwarenutzerinnen und -nutzer durch \u00bbSchutzh\u00fcllen\u00ab-Lizenzen der Softwarebranche eingeschr\u00e4nkt sind.<sup>43<\/sup><\/p>\n<p>Experten weisen darauf hin, dass die Privatisierung von Saatgut zu einem institutionalisierten Marktversagen f\u00fchrt, denn die private Kontrolle \u00fcber Saatgut geht systematisch mit Fehlentwicklungen wie diesen einher: Monokulturalisierung der Landwirtschaft, oligopolartige Kontrolle des globalen Saatgutmarktes, mangelnde Innovation bez\u00fcglich angepasster, standortbezogener, dem Klimawandel trotzender Sorten.<sup>44<\/sup> \u00bbDie Konzerne haben geistige Eigentumsrechte \u00fcber Genmaterial nicht nur benutzt, um Monopolrenten anwachsen zu lassen, sondern damit auch die Unabh\u00e4ngigkeit von B\u00e4uerinnen und Bauern sowie die Integrit\u00e4t und Leistungsf\u00e4higkeit der Agrarwissenschaften aktiv untergraben\u00ab, schreibt Jack Kloppenburg, Saatgutaktivist und Professor an der University of Wisconsin-Madison.<\/p>\n<p>Eigentumsanspr\u00fcche an Saatgut sind nicht nur f\u00fcr B\u00e4uerinnen und Bauern problematisch, sie betreffen uns alle, denn wir alle m\u00fcssen essen. Das wirft viele Fragen auf: Wie k\u00f6nnen wir Saatgut (f\u00fcr-)sorgend bewirtschaften? Wie k\u00f6nnen die Technologien, die Saatgut unfruchtbar machen, \u00fcberwunden werden? Wie kann man den \u00fcber das Patent- oder Vertragsrecht durchgesetzten Verboten, Saatgut weiterzugeben, am besten begegnen? Es geht darum, eine Ethik zu verteidigen, in der das Weitergeben von Saatgut und die Saatgutsouver\u00e4nit\u00e4t selbstverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p>Seit mehr als 30 Jahren haben sich B\u00e4uerinnen und Agronomen, \u00f6ffentliche Institutionen, Anw\u00e4ltinnen und Bef\u00fcrworter eines nachhaltigen Ern\u00e4hrungssystems diesen Fragen angenommen. Viele von ihnen versuchen, Saatgut von den Fesseln des Eigentumsrechts zu befreien; was h\u00e4ufig mit Auseinandersetzungen zu Grundbesitz- und Wasserrechten, Geschlechtergerechtigkeit und anderen Themen einhergeht. Zwei f\u00fchrende Organisationen in diesem Bereich sind La Via Campesina, ein internationales Netzwerk von Kleinb\u00e4uerinnen und Kleinbauern sowie indigenen Gruppen, und Navdanya, eine von Vandana Shiva gegr\u00fcndete Lobbyorganisation in Indien, die f\u00fcr \u00bbfreies Saatgut\u00ab streitet. Diese und andere Organisationen m\u00f6gen in Stil und Schwerpunktsetzung unterschiedlich sein, doch allen liegt daran, Saatgut als Commons zu sch\u00fctzen. Das beinhaltet, so Jack Kloppenburg, im Allgemeinen vier universelle Rechte:<\/p>\n<ul>\n<li>Saatgut soll aufbewahrt und erneut ausges\u00e4t werden d\u00fcrfen (seit Menschengedenken eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit!).<\/li>\n<li>Saatgut muss weitergegeben werden d\u00fcrfen.<\/li>\n<li>Saatgut muss f\u00fcr die Z\u00fcchtung neuer Sorten nutzbar sein.<\/li>\n<li>Es soll eine breite Beteiligung an der Gestaltung der Politik geben, die Saatgut betrifft.<sup>45<\/sup><\/li>\n<\/ul>\n<p>Gro\u00dfe Saatgutunternehmen untergraben diese Rechte <em>durch<\/em> die Nutzung des Eigentumsrechts, was ihnen erlaubt, Saatgut und alles, was damit verbunden ist, zu beherrschen. Wenn es also politisch und rechtlich so schwierig ist, Saatgut als Gemeingut zu behandeln, dann liegt die Selbsthilfe-Option nahe: die Schaffung eines eigenen, rechtlich gesch\u00fctzten Saatgut-Commons. Inspiriert vom Erfolg der GPL und der Freien und Open-Source-Software (FOSS), entschlossen sich daher einige Aktive der Saatgut-Szene, die Idee von \u00bbquelloffenem Saatgut\u00ab zu verfolgen. Daraus sind mit OSSI in den USA und OSSL in Europa unterschiedliche Richtungen des Engagements entstanden, die eigenst\u00e4ndig sind, doch kollegial zusammenarbeiten. Die einen verfolgen die Strategie, ein auf Selbstverpflichtung basierendes gemeinschaftliches Ethos im Umgang mit Saatgut zu pflegen. Die anderen verfolgen den Ansatz, neue, GPL-\u00e4hnliche Lizenzierungen f\u00fcr Saatgut zu entwickeln. Schauen wir uns das genauer an.<\/p>\n<p>Als der (Agro-)Chemiegigant Bayer die \u00dcbernahme des Biotechkonzerns Monsanto zum Juni 2018 bekanntgab, hat OpenSourceSeeds eine ganz besondere Antwort lanciert: eine Lizenz f\u00fcr \u00bbOpen-Source-Saatgut\u00ab. Sie untersagt den Nutzerinnen und Nutzern, Abk\u00f6mmlinge des lizenzierten Saatguts zu patentieren oder mit Sortenschutzrechten zu belegen. Dieselben Rechte und Pflichten gehen auch auf alle k\u00fcnftigen Nutzerinnen und Nutzer des Saatguts \u00fcber.<sup>46<\/sup> Die Open-Source-Saatgut-Lizenz (OSSL) garantiert also keine exklusiven Nutzungsrechte, wie das bei konventionellen Lizenzen der Fall ist; stattdessen berechtigt sie dazu, das Saatgut sowie daraus resultierende Z\u00fcchtungen und Verbesserungen weiterzugeben, vorausgesetzt, dass die Nutzenden sich verpflichten, auch die Weiterentwicklungen zu denselben Bedingungen \u2013 also \u00f6ffentlich \u2013 zug\u00e4nglich zu machen. Die Lizenz gilt implizit auch f\u00fcr die genetischen Informationen, die im Saatgut enthalten sind.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Was bedeutet Open-Source-Saatgut?<\/h4>\n<ul>\n<li>Jeder darf das Saatgut frei nutzen, es vermehren, weiterentwickeln, z\u00fcchterisch bearbeiten und es im Rahmen bestehender Gesetze weitergeben (Regel 1).<\/li>\n<li>Niemand darf das Saatgut und seine Weiterentwicklungen mit geistigen Eigentumsrechten wie Patenten und Sortenschutzrechten belegen (Regel 2).<\/li>\n<li>Jeder Empf\u00e4nger \u00fcbertr\u00e4gt zuk\u00fcnftigen Nutzern des Saatguts und seinen Weiterentwicklungen die gleichen Rechte und Pflichten (Regel 3).<\/li>\n<\/ul>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Die in den USA beheimatete, \u00e4ltere Open-Source-Seed-Initiative (OSSI)<sup>47<\/sup> geht anders vor. Sie hat sich aus praktischen wie prinzipiellen Gr\u00fcnden dagegen entschieden, rechtsverbindliche Lizenzvereinbarungen oder Vertr\u00e4ge zu nutzen. Einer dieser Gr\u00fcnde liegt in der Schwierigkeit, eine Bleiw\u00fcste komplexer Rechtsvorschriften auf einem Samenp\u00e4ckchen unterzubringen. Zudem sind juristische Formulierungen, die vor Gericht bestehen k\u00f6nnten, f\u00fcr die meisten B\u00e4uerinnen und Bauern ohnehin kaum verst\u00e4ndlich. Sie verunsichern eher. Und nicht zuletzt vertreten viele Menschen insbesondere aus indigenen Kontexten eine sehr plausible Position, der auch OSSI folgt. Sie finden bereits die Idee problematisch, dass Saatgut eigentumsrechtlich gesch\u00fctzt werden m\u00fcsse. Dies beruhe bereits auf der Vorstellung, dass Saatgut jemandes Eigentum sein <em>kann<\/em>. OSSI hat sich daher entschieden, die Weitergabe \u00bbfreien Saatguts\u00ab durch ein Ethos und eine soziale Praxis zu begr\u00fcnden und zu kultivieren, die auf Augenh\u00f6he und auf freiwilligen \u00bbVersprechen\u00ab beruht, sogenannten <em>pledges<\/em>. Damit etabliert OSSI ein vernakul\u00e4res Saatgutrecht. In den schriftlich niedergelegten \u00bbVersprechen\u00ab ist festgehalten, dass die Nutzenden \u00bbdie Freiheit [haben], OSSI-Saatgut nach Belieben zu nutzen. Im Gegenzug versprechen sie, die Verwendung des Saatguts oder seiner Abk\u00f6mmlinge durch Dritte nicht durch Patente oder anderweitig einzuschr\u00e4nken und dieses Versprechen jedem Transfer dieses Saatguts oder seiner Abk\u00f6mmlinge beizuf\u00fcgen.\u00ab Die <em>pledges<\/em> sind nicht rechtsverbindlich, k\u00f6nnen also nicht \u2013 wie staatliches Recht \u2013 vor Gericht durchgesetzt werden, sondern beziehen ihre Rechtskraft<sup>48<\/sup> aus den ethischen und sozialen Normen der B\u00e4uerinnen oder Z\u00fcchter, aus vorbildlichem Verhalten und auch aus der Scham, die damit einhergehen w\u00fcrde, ein gegebenes Versprechen zu brechen. Genau wie die GP-Lizenz f\u00fcr freie Software beinhaltet auch das OSSI-Versprechen f\u00fcr Saatgut, dass niemand selbiges kontrollieren will. Vielmehr geht es darum, beides so zu behandeln, dass es auch anderen verf\u00fcgbar ist. Ein solches Ethos und eine solche Praxis ist mindestens so wertvoll wie komplexe rechtliche Vereinbarungen. Letztere werfen f\u00fcr Bauern und Z\u00fcchterinnen in aller Welt nicht nur die Frage auf, ob sie ihre Tragweite wirklich verstehen. Die meisten Bauern bezweifeln auch, ob sie realistischerweise hoffen k\u00f6nnen, einen Rechtsstreit gegen Bayer\/Monsanto, DowDuPont oder ChemChina\/Syngenta zu gewinnen. Von der Finanzierung solcher Verfahren ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Freiwillige Versprechen unter tendenziell Gleichgesinnten scheinen daher eine durchaus passable Idee. Und sie funktioniert. Mitte 2018, res\u00fcmiert Kloppenburg, \u00bbhaben wir gut 400 Sorten, 51 Arten, 38 Z\u00fcchterinnen und Z\u00fcchter und mehr als 60 Unternehmen [die das Versprechen unterzeichnet haben]. Wir sind da. Es gibt uns wirklich. Wir machen das einfach. Ich habe nicht geglaubt, dass es in den USA Z\u00fcchter gibt, die Saatgut offenhalten. Und stellen Sie sich vor: Es gibt sie wirklich. Sie sind da, und sie \u00fcberleben. Wir haben sie nicht erfunden. Wir bauen vielmehr auf einem bereits existierenden Netzwerk auf. <em>Deswegen<\/em> funktioniert OSSI [\u2026], weil wir uns mit dem verbunden haben, was schon da war.\u00ab<sup>49<\/sup> Kloppenburg beschreibt hier, dass beziehungshaftes Haben bereits Wirklichkeit ist und nicht notwendigerweise erst geschaffen werden muss; sondern es muss gesch\u00fctzt werden, ob durch Recht, soziale Sanktionen, Normen oder alles zugleich.<\/p>\n<p>Trotz der unterschiedlichen Philosophien und Vorgehensweisen von OSSL und OSSI ist beiden gemein, dass sie Saatgut als Commons behandeln \u2013 als etwas, das niemandem allein geh\u00f6rt und dessen Wert daraus entsteht, dass es frei zirkulieren und weitergegeben werden kann. Die Bewegung f\u00fcr freies Saatgut versucht, Saatgut als beziehungshaften Kern des Naturverm\u00f6gens zu begreifen, mit dem man symbiotische Beziehungen zu anderen Aspekten des \u00d6kosystems und unseres Lebens unterh\u00e4lt. Sie will Saatgut in seiner ganzen, lebenspendenden Kraft erhalten und verhindern, dass es weiterhin zu gewinnmaximierenden Einheiten geistigen Eigentums degradiert wird. Diese Erkenntnis ist wichtig. Sie formuliert nicht nur einen moralischen Anspruch, den Commoners, die in der Z\u00fcchtung Besonderes leisten, und \u00f6ffentliche Institutionen, die Z\u00fcchtung h\u00e4ufig ko-finanzieren, erheben; sie ist auch eine funktionale Notwendigkeit: Wir sind auf vielf\u00e4ltiges, lebendiges Saatgut angewiesen. Genetische Vielfalt ist f\u00fcr eine robuste Landwirtschaft und gesunde Kulturpflanzen unerl\u00e4sslich. Der Klimawandel erfordert besonderes, lokal angepasstes Saatgut, das die gro\u00dfen Saatgutunternehmen nicht als profitabel erachten. Das macht die Erfahrungen und vernakul\u00e4ren wie formellen Rechtsformen von OSSI und OSSL so wichtig. Sie erlauben es, in einem kommerziell heftig umk\u00e4mpften Sektor, den vielf\u00e4ltigen Beziehungen des Lebens und Wirtschaftens gerecht zu werden.<\/p>\n<h4>Commoning von Pilzen und die Iriaiken-Philosophie<\/h4>\n<p>Genau das ist zweifellos einfacher \u2013 innerhalb eines Commons sowie jenseits seiner Grenzen \u2013, wenn konventionelle Eigentumsvorstellungen gar nicht erst akzeptiert werden. Eigens entwickelte sozio-rechtliche Praktiken, die anerkennen, dass wir von der nicht-menschlichen Welt abh\u00e4ngig sind, k\u00f6nnen ausreichen, um die (f\u00fcr-)sorgende Bewirtschaftung des Naturverm\u00f6gens zu sichern. Eine Quelle der Inspiration ist hier das traditionelle japanische Recht auf Commons, <em>Iriaiken<\/em>. Der Wortstamm <em>Iriai<\/em> bedeutet buchst\u00e4blich \u00bbgemeinsam eintreten\u00ab. Der Begriff verweist demnach auf \u00bbdas Recht, gemeinsam einzutreten\u00ab. Von Iriaiken getragene Rechtsformen beziehen sich, wie auch bei \u00e4hnlichen Rechtsphilosophien anderswo in der Welt, auf kollektive Eigent\u00fcmerschaft an landwirtschaftlich nicht nutzbarem Land, etwa Berge, (Bambus-)W\u00e4lder, S\u00fcmpfe, Flussbetten, und Fischgr\u00fcnde. Vom 17. Jahrhundert bis 1868 erlaubten japanische Dorfgemeinschaften einzelnen Personen, dort Holz, essbare Pflanzen, Heilkr\u00e4uter, Pilze und anderes zu ernten. Allerdings galt diese Erlaubnis nur, wenn sie strenge Nutzungsregeln befolgten, die von den anderen Gemeindemitgliedern durchgesetzt wurden. In der Praxis dr\u00fcckt sich die Iriaiken-Philosophie in unterschiedlichen, kontextspezifischen Formen gemeinsamer Eigent\u00fcmerschaft aus. Da gibt es zum Beispiel <em>S\u00f2y\u00f9<\/em> (gemeinsame Rechte) und <em>G\u00f2y\u00f9<\/em> (gemeinsame Eigent\u00fcmerschaft). Letztere kamen am h\u00e4ufigsten als <em>Mura-mura-iriai<\/em> vor. Das bedeutet so viel wie \u00bbGemeineigentum an einem Gebiet durch die Einwohnerschaft mehrerer benachbarter D\u00f6rfer\u00ab. Dies ist faszinierend, denn anders als die meisten europ\u00e4ischen Commons, die eine bestimmte menschliche Siedlung und ein bestimmtes St\u00fcck Land umfassten, erstreckten und erstrecken sich Iriaiken-Rechte \u00fcber mehrere D\u00f6rfer. Sie waren demnach f\u00fcr die ganze Gegend so wesentlich, dass sie nicht nur einzelnen D\u00f6rfern zugebilligt werden konnten. Das Recht auf Commons wurde also nicht von der \u00bbBev\u00f6lkerung eines Dorfes\u00ab ausge\u00fcbt, sondern von einem \u00bbVerband mehrerer D\u00f6rfer\u00ab.<\/p>\n<p>Als in der Meiji-Zeit des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts ein neues Rechtssystem mit modernen Rechtsprinzipien eingef\u00fchrt wurde, wurde das Recht auf Commons nicht abgeschafft, sondern als Gewohnheitsrecht anerkannt. Iriaiken hat also im modernen japanischen Recht seine Geltung bewahrt; es wird dort als \u00bbmit dem Charakter der gemeinsamen Eigent\u00fcmerschaft\u00ab definiert. Dass dabei die Rechtsauffassungen des modernen und des vernakul\u00e4ren Rechts (der Commons), besonders hinsichtlich des Eigentumsrechts in Konflikt geraten, \u00fcberrascht nicht.<\/p>\n<p>Je mehr quasi unbeschr\u00e4nktes Privateigentum anerkannt wurde, je mehr ausschlie\u00dfende Landrechte sich verbreiteten, desto schneller der Niedergang von Iriaiken-basierten Rechtsformen des Habens. Dennoch sind sie auch heute noch in Japan zu finden. Zu den faszinierendsten Beispielen geh\u00f6rt der (f\u00fcr-)sorgende Umgang in japanischen D\u00f6rfern mit dem wohl ber\u00fchmtesten Pilz der Welt.<\/p>\n<p>Matsutake sind k\u00f6stliche Waldpilze, die wild wachsen und nicht angebaut werden k\u00f6nnen. Nicht nur deswegen sind sie sehr teuer. Manche Sorten gehen regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr mehr als 1.000 US-Dollar pro Kilogramm \u00fcber den Ladentisch, besonders seltene sogar f\u00fcr das Doppelte. In den 1950er Jahren erreichten die j\u00e4hrlichen Erntemengen ihren H\u00f6hepunkt und sind seitdem haupts\u00e4chlich aufgrund von zwei Faktoren stetig gesunken:<sup>50<\/sup> der Schrumpfung ihres Lebensraums (besonders aufgrund einer Krankheit der Japanischen Rotkiefer, mit der Matsutake in Gemeinschaft leben) und der Niedergang traditioneller Erntepraktiken, die immer wieder neu f\u00fcr gute Wachstumsbedingungen der Pilze sorgten: durch kollektive Sammelzeiten, die Beseitigung von Unterholz, eine umsichtige Durchforstung oder das Aufsammeln herabgefallener Bl\u00e4tter, die als Brennstoff oder D\u00fcngemittel genutzt wurden. Interessanterweise handelt es sich bei W\u00e4ldern, in denen Matsutake-Pilze gut gedeihen, oft um verw\u00fcstet wirkende Landschaften mit jungen B\u00e4umen. Menschliche Eingriffe und Aktivit\u00e4ten sind zahlreich, dazu geh\u00f6ren auch \u00bbsaisonale Einhegungen\u00ab w\u00e4hrend der Pilzsammelzeit, erl\u00e4utert die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch <em>Der Pilz am Ende der Welt<\/em>. Die Anwesenheit der Menschen \u00bbh\u00e4lt die W\u00e4lder offen und macht sie attraktiv f\u00fcr Kiefern. Die humose Schicht bleibt d\u00fcnn, die B\u00f6den arm. So kann der Matsutake sein gutes Werk tun und die B\u00e4ume n\u00e4hren\u00ab, schreibt sie.<sup>51<\/sup><\/p>\n<p>Insbesondere die japanische Pr\u00e4fektur Kyoto ist f\u00fcr ihre Matsutake-Produktion ber\u00fchmt. Dort, beim Kamigamo-Schrein, entwickelte sich ab 1665 ein einzigartiges traditionelles System zur Versteigerung der Sammelrechte f\u00fcr Matsutake, welches von fast allen D\u00f6rfern in der Pr\u00e4fektur \u00fcbernommen wurde. 200 Jahre sp\u00e4ter, w\u00e4hrend der Meiji-Zeit, griffen die Menschen in den D\u00f6rfern in Reaktion auf die Privatisierung und Aufteilung kommunaler W\u00e4lder dieses sogenannte \u00bbganzheitliche Versteigerungssystem\u00ab<sup>52<\/sup> auf, das den Iriaiken-Geist in sich tr\u00e4gt.<sup>53<\/sup><\/p>\n<p>Der Kern dieses Verfahrens ist aus heutiger Sicht schon deswegen erstaunlich, weil Ernterechte und Eigent\u00fcmerschaft an Land nicht \u00fcbereinstimmen. Die \u00d6konomen Haruo Saito und Gaku Mitsumata erl\u00e4utern: \u00bbSelbst wenn einem Dorfbewohner ein <em>Matsutake-yama<\/em> (ein Wald oder ein Berg, wo Matsutake wachsen) geh\u00f6rt, muss er an der Versteigerung des Rechts, die auf diesem Land wachsenden Matsutake zu sammeln, teilnehmen \u2026 so bewirkt dieser Versteigerungsprozess, dass von Jahr zu Jahr immer wieder andere \u00fcber die f\u00fcr einen kurzen Zeitraum exklusiven Sammel- und Vermarktungsrechte an Matsutake verf\u00fcgen.\u00ab<sup>54<\/sup> Dies bedeutet, dass die Eigent\u00fcmerin bzw. der Eigent\u00fcmer eines Grundst\u00fccks auf diesem Grundst\u00fcck keine Pilze ernten darf. Aber gleichzeitig ist es ihm oder ihr auch nicht absolut <em>verboten<\/em>, Pilze zu ernten, denn sie bzw. er k\u00f6nnen sich am Versteigerungs- beziehungsweise Bieterverfahren beteiligen und den Zuschlag erhalten und haben zudem Anteil an dem, was aus diesem Verfahren der Gemeinschaft zukommt.<\/p>\n<p>Wie entstehen solch \u00bbungew\u00f6hnliche\u00ab Nutzungsrechte und was bedeuten sie? Die Antwort liegt in der Iriai-Philosophie, genauer gesagt in der Vorstellung, die die meisten Dorfbewohnerinnen und -bewohner davon haben, wie die Elemente im Gesamtsystem aufeinander bezogen sind. Sie liegt darin, dass die unaufl\u00f6sbaren, gegenseitigen Verkn\u00fcpfungen zwischen den \u00fcberwiegend unsichtbaren Matsutake-Myzele im Boden und den Pilzen, die daraus wachsen, anerkannt werden \u2013 genau wie die Beziehungen zwischen den Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmern verschiedener Grundst\u00fccke und den \u00fcbrigen Dorfbewohnern. Wie auch in anderen Beispielen, die wir in diesem Kapitel vorgestellt haben, gibt es auch hier mehrere \u00bbSchichten\u00ab von Verf\u00fcgungsrechten, die sich gegenseitig \u00fcberlappen und die ineinander eingebettet sind.<\/p>\n<p>Schauen wir uns das f\u00fcr das Dorf Oka in der Pr\u00e4fektur Kyoto etwas n\u00e4her an. Dort war die Iriai-Philosophie immer stark gewesen und pr\u00e4gte die Art und Weise, wie die Dorfbev\u00f6lkerung der Herausforderung begegnet, die Pilzernte zusammenzutragen und m\u00f6glichst fair aufzuteilen, obwohl sie ja \u00fcber die vielen verschiedenen Privatgrundst\u00fccke ungleichm\u00e4\u00dfig verteilt sind. Die Pilze gelten in Oka als gemeinsames Verm\u00f6gen, weil sie einfach wachsen, ohne dass irgendjemand sie kultiviert \u2013 und weil die Myzele ein riesiges unterirdisches System bilden, das sich \u00fcber das gesamte Dorf erstreckt, ohne R\u00fccksicht auf Eigentumsrechte an der Erdoberfl\u00e4che. Wie also kann etwas fair und gerecht zugewiesen werden, das sowohl als Gemeineigentum (unterirdisch) als auch als Individualeigentum (an der Oberfl\u00e4che) gilt? Wesentlicher Teil der Antwort ist das \u00bbganzheitliche Versteigerungsverfahren\u00ab beziehungsweise Bieterverfahren. Diese Bezeichnung ist leicht irref\u00fchrend, denn anders als bei den Bieterrunden der Solidarischen Landwirtschaften geht es hier nicht darum, Geld einzusammeln, um die Pilze f\u00fcr die kommende Saison anzubauen. Vielmehr soll das Verfahren gew\u00e4hrleisten, dass alle von den Pilzen etwas haben \u2013 entweder direkt durch die Ernte oder durch einen Anteil am Einkommen f\u00fcr die Gemeinschaft. Zudem steht es im Zusammenhang mit anderen Elementen \u2013 etwa der Zuweisung von Fl\u00e4chen f\u00fcr die gemeinschaftliche Nutzung.<\/p>\n<p>Im ersten Schritt wird das gesamte Terrain in f\u00fcnf Parzellen aufgeteilt, ohne dabei die formale Eigent\u00fcmerschaft am Boden zu beachten. Dann werden in Oka (wie auch in anderen D\u00f6rfern) die Sammelrechte f\u00fcr drei der f\u00fcnf Parzellen versteigert. Die beiden \u00fcbrigen Parzellen sind w\u00f6chentlichen Pilzsammelausfl\u00fcgen vorbehalten, die die Mitglieder der entsprechenden Kooperative w\u00e4hrend der Matsutake-Saison jeden Sonntag unternehmen. \u00bbAlle, die mitmachen, steigen gleichzeitig zum Wald hinauf und sammeln Matsutake. Im Jahre 2003 war die gr\u00f6\u00dfte Menge, die an einem Tag gemeinsam geerntet wurde, 28 kg. Danach werden die geernteten Matsutake zusammengetragen und an alle Beteiligte in gleicher Menge verteilt, es sei denn, dass sie f\u00fcr ein gemeinsames Festessen zur\u00fcckgelegt werden.\u00ab<sup>55<\/sup> (ganz nach dem Muster Poolen, Deckeln &amp; Aufteilen).<\/p>\n<p>Um die Sache fairer (und komplizierter) zu machen, rotieren die beiden Nutzungstypen f\u00fcr die Parzellen jedes Jahr. So kann es sein, dass eine Parzelle, die in einem Jahr versteigert wird, im n\u00e4chsten Jahr f\u00fcr die gemeinsame Ernte vorgesehen ist. Am Treffen zur Versteigerung selbst und an den gemeinsamen Sammelaktivit\u00e4ten d\u00fcrfen ausschlie\u00dflich Mitglieder der Kooperative teilnehmen. Jedoch k\u00f6nnen alle Dorfbewohnerinnen und -bewohner ein Gebot abgeben. Die Gemeinschaft wird letztlich der oder dem H\u00f6chstbietenden die Ernterechte zuteilen, sie gelten exklusiv bis zum Beginn der Jagdsaison am 15. November. \u00bbW\u00e4hrend dieser Zeit \u2026 darf niemand, auch nicht die Grundeigent\u00fcmerinnen und -eigent\u00fcmer, ohne Erlaubnis in den eigenen Wald gehen, auch wenn er nicht Matsutake-yama ist\u00ab, schreiben Saito und Mitsumata. \u00bbVersuchen sie, sich ohne Erlaubnis dem Waldgebiet zu n\u00e4hern, werden sie m\u00f6glicherweise verd\u00e4chtigt, Matsutake stehlen zu wollen.\u00ab<sup>56<\/sup><\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den meisten Versteigerungen oder Bieterrunden geht es \u2013 wie gesagt \u2013 nicht darum Geld f\u00fcr Investitionen zu sammeln oder die Produktion von Kulturpflanzen zu finanzieren. Es geht darum, die auf Privatland (\u00fcber der Erde) wachsenden Pilze gewisserma\u00dfen zuerst in einen gemeinsamen Topf zu werfen und dann zum Vorteil aller neu aufteilen zu k\u00f6nnen. Im Wesentlichen werden hier Einnahmen aus den Verkaufsrechten von drei F\u00fcnfteln der j\u00e4hrlichen Pilzernte f\u00fcr die Dorfbev\u00f6lkerung generiert, die diese wiederum f\u00fcr Aktivit\u00e4ten und Ger\u00e4te ausgibt, die den Lebensraum der Matsutake-Pilze verbessern helfen. Insofern unterscheidet sich diese Art der Versteigerung von einer normalen Versteigerung, denn sie wird eingesetzt, um das potenzielle Einkommen aus Pilzen umzuverteilen, weil Matsutake niemandem allein geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Die \u00bbteilweise Monetarisierung\u00ab der Ernte durch die Versteigerung gilt immer nur f\u00fcr eine Saison und wird j\u00e4hrlich wiederholt. Das gemeinsame Einkommen aus der Matsutake-Ernte in Oka schwankt von Jahr zu Jahr. Einer Studie aus dem Jahr 2004 zufolge nahm das Dorf 2003 rund 329.000 Yen bzw. ca. 2.600 EUR ein.<sup>57<\/sup> Dieses Einkommen wird nicht unter den Mitgliedern aufgeteilt,<sup>58<\/sup> sondern benutzt, um zumindest teilweise die Kosten einer Gruppenreise oder einer Feier zu decken. Andernorts flie\u00dft das Geld in die Infrastruktur oder die Bildung. In Oka beteiligen sich zudem alle Mitglieder seit 1962 (!) an den <em>Deyaku<\/em> \u2013 das sind verpflichtende Arbeitseins\u00e4tze, ganz \u00e4hnlich wie im ber\u00fchmten <em>Minga<\/em>-System in den Andenstaaten, bei den Ufers\u00e4uberungen deutscher Fischereivereine oder der Instandhaltung der <em>Acequias-Bew\u00e4sserungsgr\u00e4ben<\/em> in New Mexico. Die Beteiligten k\u00f6nnen einen von zwei vorgegebenen Tagen f\u00fcr ihr Deyaku ausw\u00e4hlen. Wer nicht mitmacht, muss 7.000 Yen (ca. 55 EUR) Strafe zahlen. Es kommt jedoch selten vor, dass die Kooperative jemanden sanktionieren muss. Die gemeinsamen Sammelaktivit\u00e4ten und Deyaku tragen viel dazu bei, Rituale des Miteinanders zu etablieren und Gemeinschaftssinn beziehungsweise ein Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit zu kultivieren. Als die Wissenschaftler, auf deren Arbeit wir uns hier beziehen, sich 2004 an diesen Arbeitseins\u00e4tzen beteiligten, \u00bbwar die Arbeit leicht, und es herrschte eine gesellige Atmosph\u00e4re \u2013 insbesondere die beteiligten Frauen sprachen gern miteinander, und alle 30 Minuten wurde eine Pause eingelegt\u00ab.<sup>59<\/sup> Die Dorfbev\u00f6lkerung hat offensichtlich ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis davon, wem was zukommen soll, und verkn\u00fcpft dabei unterschiedliche Protokolle auf unterschiedliche Ebenen miteinander. Grundeigent\u00fcmerinnen und -eigent\u00fcmer stimmen diesem Arrangement zu, weil es Gewohnheitsrecht ist, weil sie diesen Prozess mitgestalten und weil sie gemeinstimmig entscheiden. Der so geregelte Zugang wird nicht als Verbot betrachtet, sondern vielmehr als vern\u00fcnftige Vereinbarung im Konsens (hier handelt es sich offenbar nicht um die westliche Eigentumsmentalit\u00e4t). Untersuchungen zufolge geh\u00f6rt \u00bbauf einer unterbewussten Ebene\u00ab das Land dem ganzen Dorf, was Anna Tsing so erkl\u00e4rt: \u00bbDer Pilz als Privateigentum ist der Spross eines gemeinschaftlich lebenden unterirdischen K\u00f6rpers, der aus M\u00f6glichkeiten geformt wurde, die den latenten Allmenden innewohnen, Allmenden menschlicher oder nichtmenschlicher Natur.\u00ab<sup>60<\/sup> Die Allmende ist in diesem Fall das, was <em>unter der Erde<\/em> liegt, dort, wo die Myzele der Pilze wachsen, die jedoch ihren Wert als Fruchtk\u00f6rper <em>auf der Erde <\/em> offenbaren.<\/p>\n<p><em>Land in Gemeinbesitz koexistiert mit individuellen Nutzungs- und Eigentumsrechten. F\u00fcr die Matsutake-Ernte betrachtet die Bev\u00f6lkerung im japanischen Dorf Oka den Boden unter der Erdoberfl\u00e4che, dort, wo sich die Myzele der Pilze befinden, als Land in Gemeinbesitz, das nicht verkauft oder in Individualeigentum umgewandelt werden kann. \u00dcber der Erde wird gemeinstimmig und in bewusster Selbstorganisation entschieden, wie die Pilze gesammelt und genutzt werden d\u00fcrfen.<\/em><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2847\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken.jpg\" alt=\"\" width=\"1111\" height=\"1200\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken.jpg 1111w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken-278x300.jpg 278w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken-768x830.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken-806x871.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken-558x603.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_iriaiken-655x707.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1111px) 100vw, 1111px\" \/><\/p>\n<p>Die Dorfbev\u00f6lkerung versteht im Grunde die \u00bbWertsch\u00f6pfung\u00ab in latenten Commons und behandelt deshalb das, was unter der Erde ist, anders als das, was darauf w\u00e4chst. Ersteres war schon lange dort, bevor irgendjemand irgendetwas beigetragen oder geleistet hat. Deswegen halten es die Matsutake-Commoners in Oka f\u00fcr falsch, wenn Einzelne sich diesen Wert aneignen. Diese Idee erhellt auch einen wesentlichen Aspekt bez\u00fcglich des Eigentums selbst \u2013 n\u00e4mlich, dass \u00bbprivate Verm\u00f6genswerte fast immer aus uneingestandenen Allmenden erwachsen\u00ab, schreibt Tsing. \u00bbUm \u00fcberhaupt Wert sch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen, ist sie [die Privatisierung] auf gemeinschaftliche R\u00e4ume angewiesen. Darin liegt das Geheimnis des mit Eigentum einhergehenden Diebstahls.\u00ab \u00bbDer Kick, den man aus Privateigentum bezieht, ist die Frucht einer untergr\u00fcndigen Allmende.\u00ab<sup>61<\/sup> Aus diesem tiefen Verst\u00e4ndnis heraus erkl\u00e4rt sich, warum die gesamte Dorfbev\u00f6lkerung, einschlie\u00dflich derer, denen das Land geh\u00f6rt, bereit ist, ihre \u00bblatenten Commons\u00ab in einer f\u00fcr alle akzeptablen Art und Weise zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>Nun stellt sich die Frage, warum diese Ethik nicht auch f\u00fcr die Ausbeutung von Kohle-, Gas- und \u00d6lvorkommen tief unter der Erdoberfl\u00e4che gelten soll. Offensichtlich besteht ein Unterschied zwischen dem Wert dessen, was unber\u00fchrt von Menschenhand im Boden existiert, und den Kosten f\u00fcr Erkundung, F\u00f6rderung oder Raffinierung dieser Rohstoffe. Es gibt also etwas, das unabh\u00e4ngig von uns und zun\u00e4chst \u00bbanstrengungslos\u00ab und somit \u00bbkostenlos\u00ab existiert. Und es gibt Kosten die entstehen, um diese Dinge der Nutzung durch uns Menschen verf\u00fcgbar zu machen. Dieser Unterschied ist wichtig, denn von diesem \u00bbVerf\u00fcgbar-machen\u00ab h\u00e4ngt ab, ob etwas in ein Gemeingut, in durch (F\u00fcr-)Sorge gepr\u00e4gtes Verm\u00f6gen verwandelt werden kann \u2013 oder lediglich als Ressource gilt, die auf allen m\u00f6glichen M\u00e4rkten verh\u00f6kert wird. Stellen Sie sich einmal vor, wie unser Wirtschaftssystem aussehen w\u00fcrde, wenn Konzerne oder Nationalstaaten sich nicht den gesamten Wert des Erd\u00f6ls aneignen k\u00f6nnten, nur, weil sie es f\u00f6rdern. Was w\u00e4re, wenn ausschlie\u00dflich der Aufwand honoriert w\u00fcrde, der f\u00fcr die F\u00f6rderung und Verwandlung in nutzbare Treibstoffe wirklich notwendig sind. Die Begr\u00fcndung f\u00fcr ein solches Eigentumsregime ist einfach: \u00d6l und andere Rohstoffe wurden ohne jeglichen menschlichen Beitrag \u00fcber Millionen von Jahren hinweg gebildet. Warum sollte irgendjemand berechtigt sein, sie exklusiv anzueignen?<sup>62<\/sup> Daf\u00fcr gibt es nur einen pekuni\u00e4ren Grund.<\/p>\n<p>Einer \u00e4hnlichen \u00dcberlegung folgen die Matsutake-Commoners in Oka; sie haben eine faire und \u00f6kologisch sinnvolle Rechtspraxis geschaffen, mit dem durch <em>latente Commons<\/em> erzeugten Verm\u00f6gen (f\u00fcr-)sorgend umzugehen. Allerdings ist das Iriaki-System seit einigen Jahren unter Druck. J\u00fcngere Menschen, die nicht in den D\u00f6rfern arbeiten, identifizieren sich nicht mehr damit. Auch die Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmer der Matsutake-yama sind, was wenig \u00fcberraschend ist, mit den jahrhundertealten Regelungen unzufrieden. Selbst in japanischen D\u00f6rfern, etwa in Kanegawachi und Takatsu, werden die klassischen Locke\u2019schen Argumente vorgebracht, die wir alle kennen: Jede Grundeigent\u00fcmerin bzw. jeder Grundeigent\u00fcmer habe \u00bbdas Recht auf die Fr\u00fcchte des eigenen Grundst\u00fccks und sollte eine vorab festgelegte Steuer auf Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde [d.h. auf Grundst\u00fccke] zahlen\u00ab. Zudem wird argumentiert, dass das vernakul\u00e4re Recht \u00bbden Matsutake-yama-Eignern nicht gen\u00fcgend Rechte\u00ab garantiert und es deswegen an Anreizen fehle, f\u00fcr \u00bbdie Verbesserungen des Lebensraums zu sorgen, die zur Steigerung der Matsutake-Produktion erforderlich sind\u00ab.<sup>63<\/sup> Untermauert werden diese Argumente nicht, was darauf verweist, dass sie unbegr\u00fcndet sein k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich sprechen die Fakten eine andere Sprache: die wichtigsten Programme zur Lebensraumverbesserung in der Pr\u00e4fektur Kyoto wurden \u00f6ffentlich subventioniert und vom Verband zur F\u00f6rderung der Matsutake-Produktion unterst\u00fctzt. Sieben Jahre danach stellte eine Studie zu den Ergebnissen dieser Programme fest: Dies geschah \u00bban 405 Standorten mit insgesamt 310 Hektar in 15 Distrikten, und in fast allen F\u00e4llen handelte es sich um Gemeinschaftsw\u00e4lder, nicht um Land in Privateigentum.\u00ab<sup>64<\/sup> Das ist durchaus logisch, denn die Verbesserung des Matsutake-Habitats erfordert spezifisches, situiertes Wissen, regelm\u00e4\u00dfige Aktivit\u00e4ten und vor allem Geduld. Die meisten privaten Eigner aber unterbrechen ihre Aktivit\u00e4ten zur Pflege der Matsutake-W\u00e4lder bereits nach ein oder zwei Jahren. Die Matsutake-yama als Gemeinbesitz zu betrachten, dessen Bewirtschaftung gemeinstimmig verantwortet werden sollte, ist also nicht nur philosophisch, sondern auch ganz praktisch sinnvoll.<\/p>\n<p>Die Forschung hat gezeigt, dass sich der Niedergang des Iriaiken-Landnutzungssystems negativ auf die Finanzen des Dorfes und auf die Matsutake-Ertr\u00e4ge auswirkt. D\u00f6rfer, die sich f\u00fcr andere Systeme als in Oka entschieden haben und beispielsweise Grundeigent\u00fcmern erlauben, auf Parzellen ihrer Wahl zu ernten, sofern sie 60 oder 70 Prozent der \u00fcblichen Versteigerungseink\u00fcnfte zahlen, haben mittlerweile Mitglieds- oder andere Beitr\u00e4ge einf\u00fchren m\u00fcssen, um die Einnahmen f\u00fcr das Dorf zu sichern oder gemeinsame Infrastrukturen in Stand zu halten. Seitdem zum Beispiel in Kanegawachi das ganzheitliche Versteigerungssystem 1999 in ein sogenanntes \u00bbteilweises Versteigerungssystem\u00ab verwandelt wurde, \u00bbsind die Einnahmen aus der Versteigerung um mehr als 75 Prozent gesunken \u2013 von 250.000 Yen Anfang der 1990er Jahre auf 60.000 Yen 2004.<sup>65<\/sup> Zeitgleich ist die Bereitschaft von Matsutaka-yama-Eigent\u00fcmern zur\u00fcckgegangen, zur Verbesserung des Matsutake-Lebensraums beizutragen. Der \u00fcbliche Teufelskreis rein individueller Nutzung nahm seinen Lauf \u2013 im krassen Gegensatz zur Situation in Oka, wo Matsutake als Commons betrachtet und bewirtschaftet werden.<\/p>\n<p>Diese Oka-Geschichte ist aufschlussreich. Sie hilft uns zu verstehen, wie Eigentum, das typischerweise als absolute Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber einen klar definierten Gegenstand betrachtet wird, sozial und praktisch neu gedacht und gemacht werden kann. Nicht per Gesetz oder Verordnung, sondern durch ein anderes Ethos. Dieses wiederum kommt nur dadurch in die Welt, dass wir tun, was wir f\u00fcr richtig halten und so neue Handlungskompetenzen entwickeln. Es entsteht durch eine Verpflichtung auf das gemeinsam genutzte \u00d6kosystem (oder die Infrastruktur) \u2013 das latente Commons, das Wert erzeugt \u2013 und gleichzeitig durch Raum, um soziale Beziehungen sowie Beziehungen zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Welt zu n\u00e4hren. Bemerkenswerterweise schlie\u00dft dies individuelle Nutzungsrechte <em>nicht<\/em> aus. Nicht einmal das Recht, eine erneuerbare Ressource (hier: verderbliche Pilze) zu verkaufen. Dies wird Nie\u00dfbrauch genannt und ist das Recht, etwas zu nutzen, das Anderen geh\u00f6rt, in diesem Fall das unterirdische Myzel der Pilze.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt das Matsutake-Beispiel, dass beziehungshaftes Haben vorteilhaft <em>und<\/em> machbar ist. Es ist kein Hexenwerk, Eigentumsbeziehungen so zu regeln, dass Nachhaltigkeit und soziale Bindungen gest\u00e4rkt werden. Genau wie die eigent\u00fcmliche Geschichte des Nidiaci-Gartens aus Kapitel 7 deutlich machte, dass eine Parzelle st\u00e4dtischen Bodens eigentumsrechtlich unterschiedlich behandelt werden kann \u2013 und entsprechend ganz unterschiedliche Ergebnisse hervorbringt \u2013, zeigt die Matsusake-Geschichte, dass <em>qualitativ unterschiedliche Arten von Wert<\/em> m\u00f6glich werden, sofern Land als Commons gedacht und benutzt wird. Dieser durch Beziehungen aufgeladene Wert ist gleichzeitig pers\u00f6nlich, sozial und \u00f6kologisch sowie \u00f6konomisch.<\/p>\n<p>Dinge \u00bbmein\u00ab <em>und<\/em> \u00bbunser\u00ab eigen zu nennen, ist also nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch m\u00f6glich. Sie kann so ausgef\u00fcllt werden, dass wir <em>Freiheit in Bezogenheit <\/em> respektieren, Zugangs- und Nutzungsrechte <em>fairer<\/em> gestalten und <em>lebendige Gemeinschaften <\/em> st\u00e4rken, die ihre Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde nehmen.<\/p>\n<h4>Commons durch beziehungshaftes Haben st\u00e4rken<\/h4>\n<p>Die Idee des beziehungshaften Habens mag unverst\u00e4ndlich f\u00fcr jene sein, die sie durch die Brille des konventionellen Eigentums betrachten. Wer der dominanten Weltsicht verhaftet bleibt, wird sich weigern, andere M\u00f6glichkeiten anzuerkennen, die Welt zu erleben und zu gestalten. Daher haben wir anhand von f\u00fcnf Beispielen versucht, anschaulich zu machen, wie unsere Ideen vom Haben herk\u00f6mmliche Eigentumsformen \u00fcberwinden k\u00f6nnen, die zu viel ausschlie\u00dfen und trennen. Beziehungshaftes Haben er\u00f6ffnet R\u00e4ume, alle m\u00f6glichen Beziehungen zu vertiefen, weil es nicht auf Eigent\u00fcmerschaft oder den Markt ausgerichtet ist. Diese Beziehungen nehmen viele Formen an: mit anderen Commoners, mit sich selbst, mit der nicht-menschlichen Welt, mit fr\u00fcheren und zuk\u00fcnftigen Generationen, mit externen Institutionen und der Welt als Ganzem. Praktiken, die beziehungshaftes Haben verankern, k\u00f6nnen zwar nachgeahmt, nicht aber eins-zu-eins kopiert werden. Jedes Beispiel, jeder Fall ist einzigartig. Kein Rechtsinstrument oder -modell passt immer und \u00fcberall. Doch eine Frage muss jegliche Gestaltung von Rechtsregimen f\u00fcr beziehungshaftes Haben leiten: \u00bbWas <em>brauchen<\/em> wir, um unser Commons <em>als<\/em> Commons zu sch\u00fctzen?\u00ab<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Eigentum und Rechtsgeschichte<\/h4>\n<p><em>Die Illustration veranschaulicht, wie Eigentumsrecht mit bestimmten Sozialordnungen einhergeht. Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmer (die in jeder Skizze die Quadrate besetzen) werden gest\u00e4rkt und Nicht-Eigent\u00fcmerinnen und -Eigent\u00fcmer verdr\u00e4ngt oder entrechtet. <\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2850\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"1177\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad.jpg 1200w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-300x294.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-768x753.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-1116x1095.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-806x791.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-558x547.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/cap8_propiedad-655x642.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/p>\n<p><em>Privateigentum<\/em> und <em>Unternehmenseigentum<\/em> sind zwei bekannte Formen, durch die absolute Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber Dinge (unter Vernachl\u00e4ssigung der Bed\u00fcrfnisse Anderer) behauptet wird. Das Markt-Staat-System als politische Ordnung und Rechtssystem privilegiert diese Formen gegen\u00fcber anderen. Selbst Gemeineigentum ist Ausdruck dieser Dynamik, wenngleich in entsch\u00e4rfter Form, weil auch dieses die Habenden belohnt und die Habenichtse ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p><em>Die Zeit vor dem Eigentum<\/em> bezeichnet soziale Beziehungen vor der Etablierung formaler Eigentumsregeln. Die resultierende soziale Ordnung mag kooperativ, egalit\u00e4r und fair sein \u2013 oder auch nicht. Hobbes argumentierte, dass ein sogenannter \u00bbNaturzustand\u00ab, vor der Entstehung von Staaten, einem Krieg aller gegen alle gleichkam; der Anarchismus und der Kommunitarismus sehen diesen Vor-Eigentums-Zustand eher positiv. Jedenfalls gab es keine gr\u00f6\u00dfere politische Autorit\u00e4t, der alles unterstand. Wir haben zwar beschrieben, wie die Doktrin <em>res nullius in bonis<\/em> Land und weiteres Naturverm\u00f6gen sch\u00fctzen kann, das alle Menschen brauchen \u2013 gestern, heute und morgen \u2013, doch wir sind nicht so naiv zu glauben, dass dies in der Welt ausreichen wird, um Commons abzusichern. Deswegen sind rechtliche Innovationen gefragt.<\/p>\n<p><em>Beziehungshaftes Haben<\/em> beinhaltet den (f\u00fcr-)sorgenden Umgang mit Naturverm\u00f6gen zugunsten von Commoners (und anderen). Es bezeichnet Eigentumsregelungen, die die Kapazit\u00e4tsgrenzen \u00f6ko-sozialer Systeme respektieren und von Strukturen bewusster Selbstorganisation getragen werden k\u00f6nnen. Die Linie, die das Commons umgibt, bildet keine starre, trennende Grenze, die Eigent\u00fcmerschaft abgrenzt. Sie symbolisiert als gestrichelte Linie eine halbdurchl\u00e4ssige Membran, die selektive Interaktion mit der Umgebung erlaubt.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Eigentumsregime umgibt ein handgezeichnetes <em>Ens\u014d.<\/em> Dieses Bild aus dem Zen-Buddhismus symbolisiert St\u00e4rke, Eleganz, das Universum, die Leere und Erleuchtung. Wir weisen mit diesem Symbol darauf hin, dass Formen beziehungshaften Habens mit dem gr\u00f6\u00dferen Ganzen \u2013 also mit allem anderen \u2013 verbunden sind. Ein lebendiges Ganzes umfasst <em>alle<\/em> Eigentumsregime. Jedoch erkennt allein beziehungshaftes Haben diese Tatsache des Verbundenseins an.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Wenn unsere Ausf\u00fchrungen zum beziehungshaften Haben etwas verwickelt klingen, mag das daran liegen, dass die Idee noch so fremd ist. Zudem ist es viel schwieriger, etwas Neues zu beschreiben, als es zu erleben \u2013 so wie es schwieriger ist zu beschreiben, wie man Fahrrad f\u00e4hrt, als es einfach zu tun. Noch gibt es kein wohlgeordnet geschn\u00fcrtes Paket an Rechtsformen, das die Beziehungshaftigkeit des Habens verankert. Deswegen m\u00f6chten wir am Schluss dieses Kapitels den Begriff pr\u00e4zisieren, so dass er als eigene Eigentumsklasse, genau genommen als etwas \u00bbjenseits von Eigentum\u00ab, anerkannt werden kann.<\/p>\n<p>Keines unserer Beispiele ist einem anderen genau gleich. In jedem zeigt sich eine einzigartige \u00bbSchichtung\u00ab von ineinandergreifenden Eigentumsformen, die geschickt miteinander verkn\u00fcpft sind. Jedes einzelne gr\u00fcndet in einem Commons-Ethos und in lebendiger Praxis. Kernidee solch verschachtelter Rechtsformen ist es, einen gesch\u00fctzten Raum zu schaffen, in dem Commoning stattfinden kann. Es geht also um Wege, die es erlauben, die \u00fcblichen \u00bbeigent\u00fcmlichen\u00ab Machtverh\u00e4ltnisse zu neutralisieren, insbesondere die Ungleichheit zwischen Habenden und Nicht-Habenden sowie die beherrschende Kraft des Geldes. Eigentumsrechte, die heute so eng mit Kapitalinteressen und Aufrechnung verkn\u00fcpft sind, d\u00fcrfen die Bedingungen unserer gesellschaftlichen Ordnung nicht vorschreiben. Im Kontext liberaler Demokratien im Kapitalismus k\u00f6nnte beziehungshaftes Haben eine moderne Art des <em>res nullius in bonis<\/em> sein, das gemeinsam genutztes Verm\u00f6gen \u2013 Wohnh\u00e4user, eine Software-Plattform, ein Supermarkt, Saatgut, Pilzmyzele \u2013 unverk\u00e4uflich macht.<\/p>\n<p>Mit den Eigenschaften beziehungshaften Habens, die wir im Folgenden beschreiben, sollen die besonderen Angebote dieses Konzepts verallgemeinert beschrieben werden, sprich: was es leisten kann.<\/p>\n<p><strong>Die Grenze zwischen Habenden und Habenichtsen neu bestimmen. <\/strong> Anstelle strikt kontrollierter Grenzen, ist die Grenze um ein Commons eine halbdurchl\u00e4ssige Membran. So k\u00f6nnen die Bed\u00fcrfnisse aller eher ber\u00fccksichtigt und einbezogen werden.<sup>66<\/sup><\/p>\n<p><strong>Die Verkn\u00fcpfung individueller Nutzungsrechte mit Gemeinbesitz bzw. -eigentum zur Norm machen. <\/strong> Wenn individuelle Nutzungsrechte und \u00bbgemeinsames Haben\u00ab (das immer relativ ist) st\u00e4rker aneinander ausgerichtet sind und auseinander hervorgehen, entsteht eine Dynamik der Kooperation und des Vertrauens. Sie kann eine Dynamik ersetzen, in der sich Selbstverwirklichung und Selbstbereicherung auf Kosten anderer realisieren, so wie das im Wettbewerbsmodus geschieht. So umgeht ein Verbundwiki die Flame Wars, die so viele konventionelle Wikis plagen, und das Mietsh\u00e4user Syndikat unterst\u00fctzt Menschen, die ihre Wohnumgebung selbst bestimmen dabei, der Spekulation, steigenden Preisen und unsicheren Wohnungsm\u00e4rkten zu entkommen. Wenn gemeinsame Interessen durch die Ber\u00fccksichtigung individueller Bed\u00fcrfnisse realisiert werden und umgekehrt, schafft dies mehr Stabilit\u00e4t und Fairness; und es verringert das Konfliktpotenzial. Exzessive Konflikte verweisen in der Regel auf strukturelle Probleme, etwa auf Designprobleme in den Eigentumsregimen selbst.<\/p>\n<p><strong>Das Durchregieren des Geldes und die Kontrolle durch Eigent\u00fcmer verhindern. <\/strong> Rechtsformen beziehungshaften Habens umgehen diesen zentralen Fehler konventionellen Eigentums, das Wohlhabende privilegiert und ihnen erm\u00f6glicht, sich \u00fcber die Anliegen der Vielen hinwegzusetzen. Auch in Nonprofit-Organisationen und Genossenschaften, kann es ein Problem sein, dass das Geld \u00bbdurchregiert\u00ab, weil der Vorstand oder F\u00f6rdernde \u00fcberproportional viel zu sagen, manchmal sogar Vetomacht haben.<\/p>\n<p><strong>Konventionelle Eigentumsvorstellungen neutralisieren.<\/strong> Anstelle eines Systems, das Privateigentum gegen die Interessen der Allgemeinheit und Habende gegen Habenichtse ausspielt, er\u00f6ffnet beziehungshaftes Haben sichere R\u00e4ume f\u00fcr Commoning. Das sch\u00fctzt Menschen beispielsweise vor Zwangsr\u00e4umungen.<\/p>\n<p><strong>Existentiellen Besitz und tats\u00e4chliche Nutzung rechtlich klarer verankern<\/strong> anstatt absolute Verf\u00fcgungsgewalt zu st\u00e4rken. Wenn Commoners auf beziehungshaftes Haben setzen, k\u00f6nnen sie angepasste Governance-Systeme entwickeln, in denen die Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen im Mittelpunkt steht statt der Erwerb von Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nden. Sie k\u00f6nnen eine Kultur (f\u00fcr-)sorgender Bewirtschaftung, bewusster Selbstorganisation und achtsamer Interaktion mit der mehr-als-menschlichen Welt aufbauen. Die Park Slope Food Coop funktioniert wie \u00bbNicht-Eigentum\u00ab in dem Sinne, dass sich niemand die Verm\u00f6genswerte der Kooperative aneignen oder sie verkaufen kann. Dasselbe gilt f\u00fcr Saatgut, dessen \u00bbQuelloffenheit\u00ab durch Lizenzen gesch\u00fctzt ist: alle k\u00f6nnen es nutzen, und niemand kann es auf Kosten anderer monetarisieren. Formale Erkl\u00e4rungen, Chartas oder Satzungen reichen nicht aus; zentral ist, dass das Recht durch die soziale Praxis und die Kultur am Leben erhalten wird.<\/p>\n<p><strong>Den Wert selbstbestimmt ausgehandelter Nutzungsrechte anerkennen. <\/strong> Bereits existierende Eigentumsregelungen, etwa durch Gewohnheitsrecht oder vernakul\u00e4re Praktiken, k\u00f6nnen sich zu Rechtsformen entwickeln, die die Beziehungshaftigkeit des Habens verankern. Dies ist wichtig, weil die Legitimit\u00e4t und Rechtskraft vor allem aus dem Commoning resultiert und nicht aus dem Recht. Beziehungshaftes Haben kann gut funktionieren, weil es sich auf viele Muster des Commoning st\u00fctzt (Kapitel 4 bis 6), etwa beitragen &amp; weitergeben; poolen, deckeln &amp; aufteilen; situiertem Wissen vertrauen oder auf den Wunsch, Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugeben, Rituale des Miteinanders zu etablieren und Naturverbundensein zu vertiefen. All dies gibt den Menschen mehr Sicherheit und Freiheit. Commoning geht also der M\u00f6glichkeit, beziehungshaftes Haben zu verankern, voraus. Oder deutlicher: Es kann kein beziehungshaftes Haben ohne Commoning geben.<\/p>\n<p><strong>Selbstbestimmung in Vielfalt st\u00e4rken.<\/strong> Wie wir <em>haben<\/em>, das ist Ausdruck dessen, wie wir <em>leben<\/em>. Wenn Eigentumsbeziehungen in lebendigen Systemen tief verwurzelt bleiben, sind sie (zum Zwecke des Selbsterhalts) weniger auf den Markt oder auf staatliche Unterst\u00fctzung ausgerichtet. Aus den Energien der Commoners heraus, k\u00f6nnen sich commons-freundliche Regelungen selbst heilen, nachbilden und verb\u00fcnden. Sie k\u00f6nnen sich weiterentwickeln. Dadurch sinkt das Risiko des Systemversagens und die Notwendigkeit externer Kontrolle, was unsere Abh\u00e4ngigkeit vom Markt und vom Staatsapparat reduziert und f\u00fcr mehr Resilienz sorgt. Lebendige Formen beziehungshaften Habens streben \u2013 besonders im<b> <\/b>Verbund \u2013 nach Vielfalt und Autonomie zugleich. So wie jedes Wohnprojekt des Mietsh\u00e4user Syndikats seine eigene Besonderheit und Autonomie beh\u00e4lt, funktioniert jedes Commons am besten, wenn Zugangs- und Nutzungsrechte vor Ort selbst bestimmt werden k\u00f6nnen. Beziehungshaftes Haben st\u00e4rken hei\u00dft Machtkonzentration und Monokultur verhindern.<\/p>\n<p><strong>Konflikte \u00fcber Nutzungsrechte m\u00f6glichst vor Ort bearbeiten,<\/strong> so dass Verfahren und Schlichtungen kosteng\u00fcnstiger und allen Menschen besser zug\u00e4nglich sind. Formale Rechtssysteme m\u00f6gen edlerweise Rechte f\u00fcr alle behaupten, aber die Kosten und Schwierigkeiten, sie durchzusetzen, sind oft enorm. Wo staatliche Rechtsprechung zu einer Charade von Gerechtigkeit und Gleichheit verkommt, k\u00f6nnen Probleme in bewusster Selbstorganisation durch Gleichrangige angegangen werden.<\/p>\n<p><strong>Die Sinnhaftigkeit von \u00bbForks\u00ab und Nachahmungen anerkennen, um gr\u00f6\u00dfenbedingte Probleme zu vermeiden. <\/strong> Irgendwann wird bei jedem Commons, das w\u00e4chst und gedeiht, die Komplexit\u00e4t so gro\u00df und die Selbstorganisationskraft so \u00bbd\u00fcnn\u00ab, dass die Aufspaltung bzw. die Neuordnung von Energien notwendig und sinnvoll ist. Die Park Slope Food Coop funktioniert, weil sie in Brooklyn, ihrer lokalen Gemeinschaft, tiefe Wurzeln hat. Die Kooperative ist riesig, aber es besteht keine Notwendigkeit, immer gr\u00f6\u00dfer zu werden. Auch f\u00fcr das Mietsh\u00e4user Syndikat ist es nicht zwingend notwendig, weitere Wohnprojekte aufzunehmen. In Commons gibt es keinen Zwang zum st\u00e4ndigen Wachstum, anders als bei Unternehmen in der kapitalistischen Markt\u00f6konomie. Sowohl die Park Slope Food Coop als auch das Syndikat k\u00f6nnen sich regionalisieren oder w\u00fcrden es gar begr\u00fc\u00dfen, wenn andere ihre Erfahrung nachahmen. Im Commonsversum ist es logisch und sinnvoll, die Gr\u00f6\u00dfe von Eigentumsregimen zu begrenzen. So bleiben sie \u00fcberschaubar, einfach, funktional und betriebskostentechnisch g\u00fcnstiger \u2013 kurz: elegant.<\/p>\n<p>Einen Schritt in diese Richtung geht die Gesetzesinitiative f\u00fcr eine neue, sozialgebundene Rechtsform \u00bbGesellschaft in Verantwortungseigentum\u00ab. Sie wurde explizit im Sinne von Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes auf den Weg gebracht. \u00c4hnlich der \u00bbCommunity Interest Company\u00ab in Gro\u00dfbritannien (eingef\u00fchrt 2005) oder der \u00bbCommunity Contribution Corporation, CCC\u00ab in Kanada (eingef\u00fchrt 2013 in British Columbia) soll auch gemeinwohlorientierten Unternehmen in Deutschland eine Rechtsform zur Verf\u00fcgung stehen, die ihnen \u00bbweder das Korsett des Gemeinn\u00fctzigkeitsrechts anlegt noch eine Form, die sie zu rein privat-n\u00fctzigen Unternehmen macht\u00ab. Somit ginge es um \u00bbeine neue \u00bbGesellschafts-N\u00fctzigkeit\u00ab.<sup>67<\/sup> Konzept und Gesetzesinitiative wurden im November 2018 der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Die Rechtsform soll sicherstellen, dass Nachfolgen nicht an Vererbung oder Verkauf gebunden sein m\u00fcssen, sondern an F\u00e4higkeiten und Werteverwandtschaft; dass Stimmrechte und damit die Kontrolle \u00fcber eine Firma im Normalfall nicht verk\u00e4uflich sind (somit bliebe \u00bbdas Steuerrad\u00ab des Unternehmens dem Markt entzogen); und dass Gewinne nach Deckung der Kapitalkosten reinvestiert oder gespendet werden k\u00f6nnen statt sie, wie bei den Aktiengesellschaften, an die Shareholder aussch\u00fctten zu m\u00fcssen.<sup>68<\/sup><\/p>\n<h4>Sinnstiftendes Recht neu erfinden<\/h4>\n<p>Beziehungshaftes Haben wirkt weit \u00fcber das Eigentumsrecht hinaus; es offenbart, wie Commoning nicht nur eigene Welten schaffen, sondern auch Recht pr\u00e4gen und ver\u00e4ndern kann. Commoning bietet viele Wege, der Entfremdung und Vereinzelung des modernen Menschen etwas entgegenzusetzen \u2013 und ber\u00fchrt dadurch den Kern gesellschaftlicher Debatten um Zusammenhalt, Eigentum und Recht. Aus dem Commoning selbst k\u00f6nnen lebendige Beziehungen und Normen hervorgehen, die sich dann im Recht niederschlagen. Nach wie vor sind Commoners in Subsistenzgemeinschaften auf der ganzen Welt in der Lage zu erkennen, dass der Weide die \u00dcberweidung oder dem Fischgrund die \u00dcberfischung drohen kann. Sie brauchen daf\u00fcr keine gesetzlich vorgegebenen Grenzwerte und Regelungen, sondern k\u00f6nnen angemessene und in Selbstbestimmung durchsetzbare Formen entwickeln, eben diese zu verhindern. Auch wenn dieser Prozess h\u00e4ufig schwierig ist, st\u00e4rkt er doch gemeinsames Handeln, richtet es auf einen sinnvollen Zweck aus und st\u00e4rkt vielf\u00e4ltige Bindungen: der Menschen untereinander, der Menschen zu ihren Landschaften oder zu fr\u00fcheren und k\u00fcnftigen Generationen. Kurz: Commoning stifte<\/p>\n<p>Mit dem Aufstieg des modernen Staates und der begleitenden B\u00fcrokratie wurde das Recht aus gemeinschaftlichen Bindungen gel\u00f6st. Wenn Recht gar selbstreferentiell wird, dreht es sich am Ende mehr um die Verfahren selbst als um taugliche Ergebnisse. Wenn beispielsweise Ihre Anw\u00e4ltin einen Verfahrensfehler macht oder irgendeine obskure Formalie nicht erf\u00fcllt wird, dann verlieren Sie! Es geht nicht um \u00bbGerechtigkeit\u00ab, wie ein Professor und Experte f\u00fcr Zivilprozessrecht einmal sagte, sondern es geht darum, ob gen\u00fcgend Beweismaterial und prozedurale Integrit\u00e4t f\u00fcr die Aus\u00fcbung der Rechtspflege vorliegen. Der franz\u00f6sische Romancier Anatole France formuliert einen \u00e4hnlichen Gedanken mit scharfer Zunge. Es gehe um \u00bb\u2026 die majest\u00e4tische Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Br\u00fccken zu schlafen, auf den Stra\u00dfen zu betteln und Brot zu stehlen\u00ab.<sup>69<\/sup><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erscheint das moderne Recht zu oft von der sozialen Wirklichkeit abgekoppelt. Es wird zum abstrakten Regelwerk, das sich selbst als neutral und unpers\u00f6nlich pr\u00e4sentiert. \u00bbJustitia ist blind\u00ab, hei\u00dft es knapp. Und diejenigen, die Rechtspflege aus\u00fcben, haben sich diese Idee so tief zu eigen gemacht, dass sie dabei die Welt nur durch die Kategorien des Rechts erkennen. Das aber wird dem Leben nicht gerecht. Recht als Instrument von Staatsmacht erscheint letztlich oft dem Leben einfacher Menschen fern, besonders ihrem Innenleben, und zwar nicht nur, weil es durch zu viele umst\u00e4ndliche und manipulationsanf\u00e4llige Prozesse vollzogen wird. Nat\u00fcrlich bieten uns die existierenden Rechtsformen auch viele M\u00f6glichkeiten, sie f\u00fcr unsere eigenen Zwecke zu nutzen (Vertragsrecht, Vereinsrecht, Unternehmensrecht etc.), doch als robuste und erfahrbare Quelle der Sinnbildung erfahren wir Recht kaum. Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Nur wenige Menschen k\u00f6nnen tats\u00e4chlich an der Rechtssetzung teilhaben oder seinen Charakter beeinflussen. Recht tr\u00e4gt das Siegel staatlicher Macht, der zu folgen ist. Dies erkl\u00e4rt teilweise, warum sich so viele Menschen von staatlicher B\u00fcrokratie und deren Rechtspraktiken abwenden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat die L\u00f6sung des Rechts aus gemeinschaftlichen Bindungen unsere Freiheit vergr\u00f6\u00dfert, zumindest im engen, individualistischen Sinne. Das moderne, liberale Recht hat dazu beigetragen, viele erdr\u00fcckende und ungerechte (feudale, patriarchale, autorit\u00e4re) Formen von Herrschaft und Kontrolle zu \u00fcberwinden. Doch im Zuge dessen wurden auch Menschen von Welten getrennt, die sie wertsch\u00e4tzen oder die ihnen Zugeh\u00f6rigkeit vermittelten \u2013 nicht selten geschah das gewaltsam und im Namen der Freiheit. Ungez\u00e4hlte indigene V\u00f6lker haben im Laufe der Geschichte gelernt, dass es sich bei der \u00bbFreiheit\u00ab, als Individuum behandelt zu werden, zugleich um einen Akt radikaler Enteignung handelt, der die Trennung vom Gemeinsamen bedeutet \u2013 von Anderen, von Territorien und vom gemeinsamen kulturellen Erbe. In subtilerer Weise geschieht das auch uns modernen Menschen: Das Recht zwingt uns in abstrakte, formale Kategorien, die die F\u00fclle des Lebens und die Welten in unserem Inneren nicht angemessen ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Wenn Recht und Rechtssetzung nicht verm\u00f6gen, auf elementare Bed\u00fcrfnisse einzugehen, wenn sie nicht in der Lage sind, neue Umst\u00e4nde und Gerechtigkeitsvorstellungen aufzunehmen, dann verlieren sie ihre Legitimit\u00e4t. Dann beginnt die Nation \u2013 diese erfundene Gemeinschaft, die der Nationalstaat zu repr\u00e4sentieren vorgibt und die auch \u00fcber das Recht hergestellt wird \u2013, auseinanderzufallen.<sup>70<\/sup> Das sollte nicht \u00fcberraschen. Schon die Idee des Nationalstaats ist ein k\u00fcnstliches Konstrukt, das sich den sozialen Realit\u00e4ten widersetzt. Darauf werden wir im n\u00e4chsten Kapitel zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Commoning und Formen beziehungshaften Habens, so wie sie in diesem Kapitel vorgestellt wurden, wirken diesen Trends entgegen. Sie setzen wichtige Impulse, um Recht als Mittel der Sinnstiftung neu zu denken, denn Commoning bringt Demokratie und \u00bbRechtsetzung\u00ab wieder mit dem Alltag der Menschen zusammen. Es kann Beziehungen w\u00fcrdigen, die im modernen (Rechts-)Leben verk\u00fcmmern \u2013 zwischenmenschliche Beziehungen oder solche zur \u00bbmehr-als-menschlichen Welt\u00ab. Es kann beitragen, neue Br\u00fccken zwischen dem modernen Recht und vernakul\u00e4ren Rechtsformen zu schlagen und es kann die H\u00fcterinnen und H\u00fcter des Rechts lehren, was es bedeutet, die dynamische Natur des vernakul\u00e4ren Rechts anzuerkennen. Bedenken Sie, wie schnell sich soziale Normen in Online-Communities entwickeln und ver\u00e4ndern. Da kommt staatliches Recht oft nicht nach. Deshalb ist es wichtig, Menschen zu bef\u00e4higen, diese Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke f\u00fchrt uns geradezu in ein Dilemma: Kann man Commons mit Unterst\u00fctzung eines ihm im Grunde wesensfremden Staatsapparats voranbringen? Kann Commoning in einem Kontext staatlicher Macht gedeihen, die mit Kapital und M\u00e4rkten eng verb\u00fcndet ist, obwohl diese Allianz die Welt fest im Griff hat? Lassen sich Commons unter R\u00fcckgriff auf die Handlungsmacht des Staates sch\u00fctzen, obwohl sie entschlossen ihre eigenen M\u00f6glichkeiten behaupten?<\/p>\n<p>In den letzten beiden Kapiteln wenden wir uns diesen Fragen zu.<br \/>\n[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;9. Commons im Staat&#8220; tab_id=&#8220;kap9&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 9<br \/>\nCommons im Staat<\/h3>\n<p>Wir haben gesehen, wie eine kreative Nutzung des Eigentumsrechts und historischer Rechtsgrunds\u00e4tze konventionelles Eigentum neutralisieren und in Folge den modernen Markt-Staat in die Schranken weisen kann. Was aber w\u00e4re m\u00f6glich, wenn die Staatsmacht Commoning und beziehungshaftes Haben sogar aktiv <em>unterst\u00fctzte<\/em>? K\u00f6nnten bewusste Selbstorganisation und die Muster sorgenden &amp; selbstbestimmten Wirtschaftens mit Mitteln des Staates vorangetrieben werden? W\u00e4re eine Unverk\u00e4uflichkeitsdoktrin f\u00fcr gemeinsam genutztes Verm\u00f6gen rechtlich durchsetzbar? K\u00f6nnten wir Rechtsregime, Infrastrukturen und Programme entwerfen, die Commoning f\u00f6rdern? Das sind viele Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, doch an einer Auseinandersetzung mit dem Staat \u2013 dem Begriff, den Institutionen, den Vorstellungen und der Macht \u2013 f\u00fchrt kein Weg vorbei. Allerdings ist dabei strategische Vorsicht geboten. Die meisten Politikerinnen und Politiker der rund 200 Nationalstaaten dieser Welt, egal welcher Couleur, ob Demokratinnen oder Autokraten, sind sich einig, dass anderes wichtiger ist: \u00dcberall hat das Wirtschaftswachstum Priorit\u00e4t. Die Politik glaubt (und wir oft auch), dass unsere Bed\u00fcrfnisse nur durch ununterbrochene Kapitalakkumulation bzw. Wachstum befriedigt werden k\u00f6nnen. Daher gilt die Aufmerksamkeit der Politik den M\u00e4rkten (und ihrer Ausweitung), der Ausbeutung nat\u00fcrlicher \u00bbRessourcen\u00ab (selbst im Mariannengraben und auf dem Mars) und der Ankurbelung des Konsums, auch wenn daf\u00fcr zun\u00e4chst funktionst\u00fcchtige Waren verschrottet und neue Bed\u00fcrfnisse k\u00fcnstlich geweckt werden m\u00fcssen. All das h\u00e4lt die kapitalistische Maschinerie am Laufen und sorgt f\u00fcr sprudelnde Steuereinnahmen. Verst\u00e4ndlicherweise gibt es \u2013 im Markt-Staat \u2013 eher kein Interesse an Commons. Wir sollten uns deswegen keine Illusionen \u00fcber die Natur staatlicher Macht und ihrer Verkn\u00fcpfung mit Kapital und M\u00e4rkten machen. Wer heute in staatlichen Institutionen Entscheidungen trifft, wird im besten Fall zwiegespalten reagieren, wenn die Unverk\u00e4uflichkeit unseres Natur- oder Kulturverm\u00f6gens verteidigt werden soll. Die Politik will jede Gelegenheit nutzen, um Investitionen \u00bbanzulocken\u00ab, um aus Investitionskapital politisches Kapital schlagen und Marktaktivit\u00e4ten f\u00f6rdern zu k\u00f6nnen. Und selbst dort, wo dies dem Wortlaut nach anders klingt, setzt sich letztlich dieses Grundmotiv durch. Wie wir in Kapitel 7 gesehen haben, f\u00fchrte die internationale Gemeinschaft 1979 den Rechtsgrundsatz des \u00bbgemeinsamen Erbes der Menschheit\u00ab ein. Rechtsrahmen war das \u00dcbereinkommen der Vereinten Nationen zum Mond und anderen Himmelsk\u00f6rpern; ein Jahr sp\u00e4ter geschah dasselbe mit dem \u00dcbereinkommen zum Schutz der Meere. Es ging darum, bestimmte Elemente \u2013 in der Tiefsee lagernde Rohstoffe, in der Antarktis, auf dem Mond \u2013 heute und in der Zukunft wie Gemeing\u00fcter zu behandeln. Doch nur wenige Staaten haben mit Begeisterung an diesem Prinzip gearbeitet. Insbesondere die USA zeigte sich wenig motiviert.<\/p>\n<p>Die \u00dcbereinkommen hatten mit der Grundidee zu tun, dass etwas, das als \u00bbgemeinsames Erbe der Menschheit\u00ab gilt, keinem einzelnen Nationalstaat und keinem anderen Akteur allein geh\u00f6ren kann. Nationalstaaten k\u00f6nnen keine nationale Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber dieses \u00bbgemeinsame Erbe\u00ab behaupten oder es <em>allein<\/em> f\u00fcr milit\u00e4rische oder kommerzielle Zwecke beanspruchen.<sup>1<\/sup> Sie m\u00fcssen den Nutzen teilen. Tats\u00e4chlich ist das Prinzip des sogenannten \u00bbAccess und Benefit Sharing\u00ab (gerechter Zugangs- und Vorteilsausgleich)<sup>2<\/sup> zur zentralen Figur der Debatten um das Gemeinsame Erbe der Menschheit geworden. Das klingt prinzipiell hilfreich und schiebt dem \u00bbWer zuerst kommt, mahlt zuerst\u00ab, einen Riegel vor. Einen schlichten allerdings. Denn \u00fcberspitzt gesagt dreht es sich bei der Diskussion um das \u00bbGemeinsame Erbe der Menschheit\u00ab vor allem um \u00f6konomische Interessen. Es geht darum zu sagen: Wenn wir schon die wenigen noch nicht durchkommerzialisierten Gebiete der Erde ausbeuten \u2013 etwa durch Tiefseebergbau \u2013, dann soll der Nutzen etwas besser verteilt werden. Wobei unter \u00bbNutzen\u00ab nur das verstanden wird, was Menschen nutzen k\u00f6nnen und was sich in Zahlen ausdr\u00fccken l\u00e4sst. Die Idee der Unverk\u00e4uflichkeit des Gemeinsamen ist in den jahrzehntelangen Debatten um das Gemeinsame Erbe der Menschheit v\u00f6llig verloren gegangen.<\/p>\n<p>Das gilt f\u00fcr den Meeresgrund genau wie f\u00fcr den Weltraum. Heute drohen zahlreiche privat finanzierte Projekte zur Erforschung des Weltraums, sich \u00fcber die Prinzipien des 1979 ratifizierten Weltraumvertrags hinwegzusetzen. Pr\u00e4sident Trumps Handelsminister Wilbur Ross schlug 2018 vor, \u00bbden Mond zu einer Art Tankstelle f\u00fcr den Weltraum zu machen\u00ab. Da es sich bei den dunklen Fl\u00e4chen auf dem Mond eigentlich um dicke Schichten Eis handelt, sei \u00bbder Plan, das Eis in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten [und] diese als Treibstoff zu nutzen\u00ab.<sup>3<\/sup> Die Trump-Regierung erkundet zudem bis 2020 die Machbarkeit der \u00bbwirtschaftlichen Entwicklung des Weltraums im gro\u00dfen Ma\u00dfstab\u00ab, einschlie\u00dflich \u00bbprivater Mondlandefahrzeuge, die de facto \u203aEigentumsrechte\u2039 f\u00fcr die USA behaupten sollen\u00ab sowie das Recht, Edelmetalle aus Asteroiden abzubauen.<sup>4<\/sup><\/p>\n<p>Die Geschichte der letzten (mindestens) 40 Jahre ist ern\u00fcchternd. Sie zeigt auf, wie wohlklingende Erkl\u00e4rungen zum \u00bbgemeinsamen Erbe der Menschheit\u00ab zwar symbolisch gehaltvoll sein m\u00f6gen, aber kaum taugen, um Commons ernsthaft zu sch\u00fctzen. Daf\u00fcr gibt es eine einfache Erkl\u00e4rung: Das Markt-Staat-System ist prinzipiell anders konfiguriert. Gemeinsam genutztes Verm\u00f6gen als Commons zu erhalten steht nicht im Programm, denn dies beeintr\u00e4chtigt die Gewinnerwartungen privater Investitionen und die Marktrenditen.<sup>5 <\/sup>So setzt der Griff nach dem Reichtum im Weltraum lediglich die kommerzielle Ausbeutung der Erde fort und dr\u00fcckt zugleich aus, wie stark M\u00e4rkte und Staaten voneinander wechselseitig abh\u00e4ngig sind. Sie bedingen einander, wenngleich sie jeweils eine Sph\u00e4re relativer Autonomie behalten. Wer am Markt agiert, nutzt die in unserer politischen Ordnung gr\u00fcndende Legitimit\u00e4t des Staates und setzt auf Planungssicherheit durch Rechtsstaatlichkeit; Staaten ben\u00f6tigen im Gegenzug die Steuereinnahmen, den geopolitischen Einfluss und die Infrastrukturen, die sich aus einem Wirtschaftssystem speisen, das unaufh\u00f6rlichem Wachstum verpflichtet ist. Innerhalb derart struktureller Schranken verf\u00fcgen sowohl die Akteure des Marktes als auch jene des Staates \u00fcber grob definierte Zust\u00e4ndigkeitsbereiche, in denen sie nach Ermessen entscheiden k\u00f6nnen. Doch wird dabei das Markt-Staat-System zum Dilemma f\u00fcr die Strategie all jener, die politische Entscheidungen treffen. Ihr Zwiespalt ist fast zwangsl\u00e4ufig, wollen sie Investorinnen und Investoren daran hindern, die Verm\u00f6genswerte der Erde (und des Weltalls!) zu monetarisieren. Kein Wunder, dass die Regierungen der f\u00fchrenden Industriel\u00e4nder der Erde es in den vergangenen 30 Jahren vers\u00e4umt haben, entschieden gegen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen vorzugehen. Als tats\u00e4chlich versucht wurde, \u00bbdas \u00d6l im Boden zu lassen\u00ab \u2013 die Regierung Ecuadors legte einen Plan vor, mit finanzieller Unterst\u00fctzung der L\u00e4nder des Nordens Teile seiner \u00d6lvorkommen nicht zu f\u00f6rdern \u2013, hat die internationale Gemeinschaft der Politikerinnen und Politiker dies weitgehend ignoriert.<sup>6<\/sup><\/p>\n<p>Wenn wir also versuchen wollen, Commons mit Mitteln des Staates zu st\u00e4rken, sollten wir uns keine Illusionen \u00fcber deren Quellen, Grundlagen und die damit verbundenen Absichten machen. So wie Staaten heute konstituiert sind, ist es f\u00fcr deren H\u00fcterinnen und H\u00fcter nicht nur schwierig, Commons zu unterst\u00fctzen. Sie k\u00f6nnen kaum <em>die Idee selbst<\/em> begreifen! Staatliche Macht ist, zumindest in liberalen Demokratien, auf eine individualistische Weltsicht festgelegt, die mit dem Marktkapitalismus Hand in Hand geht. Unsere politische Ordnung erhebt die Rechte der Einzelnen als Vereinzelte und deren \u00f6konomische Freiheit \u00fcber alles andere (au\u00dfer vielleicht \u00fcber die Idee souver\u00e4ner staatlicher Macht selbst).<\/p>\n<p>Wenn wir die Commons-Idee ernst nehmen und M\u00f6glichkeiten finden wollen, staatliche Macht im Sinne der Commoners zu nutzen, m\u00fcssen wir mit einer derart konfigurierten Staatsmacht umgehen. Das ist gewiss eine gewaltige Aufgabe. In diesem Buch k\u00f6nnen wir nur damit beginnen, sie in Angriff zu nehmen. Aber eins ist klar: Die vorherrschende Form staatlicher Macht als Governance-System \u2013 der Nationalstaat \u2013 wird sich zu diesem Zweck \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<h4>\u00bbStaat\u00ab und \u00bbVolk\u00ab<\/h4>\n<p>Dies ist keine Abhandlung zur Staatstheorie, doch zwei Anmerkungen zu unserem Staatsverst\u00e4ndnis sind uns wichtig.<\/p>\n<p>Erstens ist der Staat nicht wirklich ein Subjekt oder eine Einheit, wie die verbreitete Rede von \u00bb<em>dem<\/em> Staat\u00ab unterstellt. Das Konzept des Staates selbst ist relational. Genau wie die Vorstellung vom \u00bbIch\u00ab ohne ein \u00bbDu\u00ab wenig sinnvoll ist \u2013 beide definieren sich gegenseitig und existieren in Beziehung zueinander \u2013, ist auch der \u00bbStaat\u00ab ein Beziehungsbegriff (\u00bbCommons\u00ab desgleichen). Staat kann also immer als ein Gegen\u00fcber von etwas Anderem betrachtet werden, was er <em>nicht<\/em> ist, oder wie der Staatstheoretiker Bob Jessop schreibt: \u00bbDer Staat ist als Trennung zwischen sich und dem jeweils <em>Anderen<\/em> konstituiert.\u00ab<sup>7<\/sup> Dies bedeutet, dass der \u00bbStaat\u00ab im Unterschied (und somit im Verh\u00e4ltnis) zu \u00bbMarkt\u00ab, \u00bbZivilgesellschaft\u00ab, \u00bbReligion\u00ab und \u00bbFamilie\u00ab existiert, auch wenn kein Staat <em>ohne<\/em> diese anderen Sozialsysteme vorstellbar ist. Der Staat steht in <em>Beziehung<\/em> zu ihnen. Er ist genauer zu verstehen als die Macht, die diese Beziehungen gestaltet. Daher sprechen wir lieber \u00fcber <em>staatliche Macht<\/em> \u2013 am Besten im Plural. Dies hilft zu erkennen, dass \u00bb<em>der<\/em> Staat\u00ab als solcher nicht existiert. Er ist kein gro\u00dfes, einheitliches Gebilde, sondern eine Konfiguration zahlreicher verschiedener Machtverh\u00e4ltnisse, die stets neugeordnet und (re)produziert werden. Einfacher gesagt: Nicht \u00bbder Staat\u00ab als solcher handelt; sondern bestimmte Gruppen mit bestimmten Interessen mit bestimmten Funktionen und ausgestattet mit einer gewissen Macht handeln. Dabei bedienen sie sich der Instrumente der Staatsmacht \u2013 etwa der Gesetze, der Polizei oder der Verwaltung. Und dennoch ist <em>der <\/em> Staat auch real beziehungsweise wird als real empfunden. Er ist es insofern, als das Ensemble staatlicher Institutionen \u2013 Verwaltung, Milit\u00e4r, Gerichte etc. \u2013 unser Leben direkt beeinflusst. Diese Institutionen wirken auf unsere Selbstwerdung in besonderer Weise \u2013 n\u00e4mlich indem sie uns als \u00bbStaatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger\u00ab definieren, was mit bestimmten Rechten und Verantwortlichkeiten einhergeht. \u00bbCommoner\u00ab zu sein ist etwas v\u00f6llig anders. Es muss nicht vom Staat anerkannt werden und bringt andere Anspr\u00fcche und Verantwortlichkeiten mit sich. Das Konzept des \u00bbCommoners\u00ab ist so lokal verwurzelt wie transkulturell. Es existiert \u00fcberall und jenseits aller Staatsformen, das hei\u00dft unabh\u00e4ngig von ihnen. Dabei bestimmt es nicht einfach eine Identit\u00e4t irgendwo zwischen \u00bbStaatsb\u00fcrgerin\u00ab und \u00bbIndividuum\u00ab. Commoner zu sein bedeutet vielmehr, die soziale Wirklichkeit auf andere Art und Weise zu verstehen und zu erkennen, dass das individuelle <em>Ich<\/em> immer mit anderen verbunden ist, und zwar in einem vorpolitischen Sinne. Die ungel\u00f6ste Frage lautet, wie staatliche Macht so genutzt und gegebenenfalls ver\u00e4ndert werden kann, dass sie commons-freundliche Modi der Selbstwerdung anerkennt und unterst\u00fctzt, dass sie den Commoner f\u00f6rdert, der in uns allen steckt.<\/p>\n<p>Zweitens wollen wir auf eine Problematik hinweisen, die mit dem Begriff \u00bbNationalstaat\u00ab einhergeht. Um die Macht des modernen Staates zu verstehen, sollten wir uns bewusst sein, dass dieser Begriff irref\u00fchrend ist. In \u00bbNationalstaat\u00ab werden Volkszugeh\u00f6rigkeit (ein anthropologischer Begriff) und Staat (ein staatstheoretisch, politikwissenschaftliches Konzept) auf das Engste miteinander verkn\u00fcpft. Der Begriff Nation vom Lateinischen <em>natio <\/em> war im deutschen Sprachraum schon um 1400 herum gel\u00e4ufig. Er ist abgeleitet von <em>nasci<\/em>, das hei\u00dft <em> \u00bbgeboren werden\u00ab. Natio<\/em> bedeutet nichts Anderes als \u00bbVolk, Sippschaft, Menschenschlag\u00ab und bezeichnete eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Herkunft, gemeinsamer Sprache, Sitten und Br\u00e4uche. Noch heute wird Nation gern als Volk verstanden, wird \u2013 oft aus politischen Gr\u00fcnden \u2013 ethnisch homogen gedacht und entsprechend aufgeladen. Als Selbstbezeichnung f\u00fcr ein Volk <em>mit<\/em> politisch-staatlicher Einheit taucht der Begriff <em>nation<\/em> im Franz\u00f6sischen im 16. Jahrhundert auf und verbreitet sich im \u00fcbrigen Europa erst nach der Franz\u00f6sischen Revolution. Heute, nur gut zwei Jahrhunderte sp\u00e4ter, ist uns \u00bbNation\u00ab als Bezeichnung f\u00fcr ein Staatsvolk sehr gel\u00e4ufig; so gel\u00e4ufig, dass wir vergessen, dass die \u00bbB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger eines Staates\u00ab nicht unbedingt \u00bbein Volk\u00ab (im anthropologischen Sinne) sind. \u00bbVolk\u00ab und \u00bbStaat\u00ab kleben in unserem Denken fest zusammen und sind in unserer Sprache derart tief verwurzelt, dass die hier geschilderte Differenz wie Wortklauberei erscheint. Doch sobald wir einen Moment innehalten, werden wir feststellen, dass fast kein territorialer Nationalstaat auf einer einzigen gemeinsamen Vergangenheit und einem einzigen Volke (im urspr\u00fcnglichen Sinne von <em>natio<\/em>) beruht \u2013 nicht im Irak, in Mexiko, in Indien oder Bolivien und auch nicht in anderen modernen territorialen Nationalstaaten. In der Regel finden wir Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger verschiedener V\u00f6lker (Ethnien) samt ihren sozialen Traditionen und Kulturen in einem Territorialstaat. Bolivien ist der einzige Staat der Welt, der diese Vielfalt in der Verfassung von 2009 anerkennt. Dort wird das Land als vereinter <em>plurinationaler<\/em> Staat definiert.<\/p>\n<p>Viele politische Akteure n\u00e4hren heute \u2013 genau wie staatliche Institutionen \u2013 die Idee und das Gef\u00fchl nationaler Identit\u00e4t. Moderne Staatsmacht wird nicht selten darauf gegr\u00fcndet und gest\u00fctzt. Nach jahrelanger Debatte hat Israel im Jahre 2018 die Verschmelzung von staatlicher Macht und nationaler<sup>8<\/sup> Identit\u00e4t in verfassungs\u00e4hnlichen Rang erhoben. In dem allgemein als Nationalstaatsgesetz bekannt gewordenen Gesetzestext wird Israel als \u00bbNationalstaat des j\u00fcdischen Volkes\u00ab definiert.<sup>9<\/sup><\/p>\n<p>Die Vermischung von \u00bbNation\u00ab und \u00bbStaat\u00ab ist eine endlose Quelle f\u00fcr Konflikte und politische Traumata, weil sie die Erfahrungen unterschiedlicher Volkszugeh\u00f6rigkeiten und Kulturen \u00fcbergeht. Letztlich heizt sie rassistische, nationalistische und auch bis hin zu faschistische soziale Bewegungen an, wie man aktuell beispielsweise an Brasilien sehen kann. Die Philosophin Hannah Arendt kam bereits 1963 zu dem Schluss: \u00bbDie Lebensunf\u00e4higkeit gerade dieser Staatsform [des Nationalstaats \u2013 S.H.] in der modernen Welt ist l\u00e4ngst erwiesen, und je l\u00e4nger man an ihr festh\u00e4lt, um so b\u00f6ser und r\u00fccksichtsloser werden sich die Pervertierungen nicht nur des Nationalstaats, sondern auch des Nationalismus durchsetzen.\u00ab<sup>10 <\/sup>Wenn wir diesen Unterschied zwischen \u00bbNation\u00ab und \u00bbStaat\u00ab noch einmal bewusstmachen, dann weil vielen Menschen, aber auch jenen, die staatliche Macht aus\u00fcben, das Narrativ der gemeinsamen Identit\u00e4t eines Volkes in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist. Im Gegensatz dazu bietet Commoning eine M\u00f6glichkeit, die tats\u00e4chliche soziale, ethnische, kulturelle und religi\u00f6se Vielfalt anzuerkennen. Identit\u00e4tsstiftende Prozesse entstehen durch Commoning in autonomer Weise. Sie m\u00fcssen daf\u00fcr nicht in das Korsett eines politischen Gebildes \u2013 wie die Staatsb\u00fcrgerschaft eines Nationalstaates \u2013 gezw\u00e4ngt werden. So gesehen dient Commoning als eine Art \u00bbVorraum\u00ab, in dem transnationale, post-staatliche Identit\u00e4ten entstehen, die weder Nationalismus n\u00f6tig haben noch den Missbrauch eines wohlmeinenden Patriotismus.<\/p>\n<p>In unseren letzten beiden Kapiteln wollen wir der Frage nachgehen, wie Commoning einen OntoWandel katalysieren, dabei staatliche Macht nutzen und potenziell ver\u00e4ndern kann (dieses Kapitel). Wir wollen zudem neue Rechtsformen, Infrastrukturen und Politiken vorschlagen, deren sich Commoners bedienen und die von staatlichen Institutionen auf den Weg gebracht und gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen (Kapitel 10). Wenn wir \u2013 wie zu Beginn dieses Kapitels erw\u00e4hnt \u2013 nicht von \u00bb<em>dem<\/em> Staat\u00ab sprechen k\u00f6nnen und damit die in Kapitel 2 skizzierte Weltsicht auf unser Verst\u00e4ndnis vom Funktionieren staatlicher Macht \u00fcbertragen, dann weitet dies unseren Blick f\u00fcr strategische M\u00f6glichkeiten zum Umgang mit dieser Macht. Es erlaubt die Konzentration auf bestimmte institutionelle und b\u00fcrokratische Prozesse. Es hilft zu verstehen, wie eine Gruppe gegen\u00fcber einer anderen privilegiert wird, ungeachtet der Gleichheit vor dem Gesetz.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Gleichheit vor dem Gesetz<\/h4>\n<p>Auch wenn moderne Staaten alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger als rechtlich Gleiche ansehen, h\u00e4ngt die konkrete Aus\u00fcbung b\u00fcrgerlicher Freiheiten und Rechte in der Praxis h\u00e4ufig vom Wohlstand, dem Ruf oder den politischen Verbindungen eines Menschen ab. Auch gesellschaftsstrukturelle Diskriminierung spielt eine Rolle. Etwa wenn sie so tief in unserem Denken, unserer Sprache und unseren Institutionen verankert ist, dass Benachteiligungen geschehen, weil unterschiedliche Ausgangspositionen entweder gar nicht gesehen oder f\u00fcr irrelevant gehalten werden. Kein Mensch scheint dann direkt und unmittelbar daf\u00fcr verantwortlich. Niemand ist \u00bbschuld\u00ab. Am Ende aber sind es Menschen aus Afrika, die nachts die B\u00fcros putzen, und (osteurop\u00e4ische) Frauen, die wenig prestigetr\u00e4chtige (F\u00fcr-)Sorget\u00e4tigkeiten leisten.<\/p>\n<p>Die Gleichheit vor dem Gesetz kann gar brillante Tarnung sein, um letztlich bestimmte Gruppen zu bevorzugen. So m\u00f6gen Verfahrensbestimmungen und Regulierungen vorgeblich neutral sein, faktisch dienen sie dennoch bestimmten Unternehmen mehr als anderen. Und einige sind einfach <em>too big to fail<\/em> oder zu relevant f\u00fcr das Bruttoinlandsprodukt, um f\u00fcr eigene Verantwortungslosigkeiten tats\u00e4chlich gerade stehen zu m\u00fcssen. Das gilt f\u00fcr den Finanzsektor genauso wie f\u00fcr die Automobilindustrie oder den internationalen Agrarhandel. Anatole France hatten wir zu diesem Thema bereits zitiert (vgl. S. 261) Im 17. Jahrhundert verfasste ein unbekannter Autor im Kontext der vom englischen Parlament durchgesetzten Einhegungen des Landes ein Gedicht, dass sich in der Commons-Literatur weit verbreitet hat. Wir geben hier die \u00dcbersetzung der ersten Strophe wieder.<\/p>\n<p>Das Gesetz sperrt ein M\u00e4nner und Frau\u2019n<br \/>\nDie der Allmende G\u00e4nse klau\u2019n<br \/>\nDoch dem gr\u00f6\u00df\u2019ren Schurken es erlaubt,<br \/>\nDass der Gans er die Allmende raubt.<\/p>\n<p>[Der vollst\u00e4ndige Text sowie die englische Originalfassung sind abrufbar unter: http:\/\/keimform.de\/2010\/the-goose-and-the-commons\/]<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen versuchen zu fassen, welche staatliche Macht mit welcher anderen Macht in Beziehung steht \u2013 ihr in die H\u00e4nde spielt oder sie blockiert. Ein <em>beziehungshaftes Verst\u00e4ndnis staatlicher Macht<\/em> hilft uns, viele unterschiedliche, aber vorteilhafte Wege f\u00fcr Commons auszumachen. In Kapitel 10 beschreiben wir nur drei davon. Sie alle tragen zur Neukonfiguration von Machtbeziehungen bei, und zwar 1) innerhalb staatlicher Institutionen und 2) zwischen staatlichen Institutionen und Commoners. Wenn wir uns auf konkrete Handelnde und spezifische Ebenen oder Formen staatlicher Macht konzentrieren, statt auf das vermeintlich gro\u00dfe einheitliche Gebilde namens \u00bbStaat\u00ab, k\u00f6nnen wir konkrete Formen des \u00bbRegierens\u00ab ver\u00e4ndern. Einen Eindruck davon bekommt, wer Plattformen betrachtet, auf denen Menschen eingeladen werden, ihre Kommunalregierungen in der Stadtplanung zu unterst\u00fctzen. Das ist sogenannte partizipative Politik und geht in die richtige Richtung. \u00c4hnliches geschieht, wenn B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auf amtlichen Websites ermuntert werden, Feedback zu \u00f6ffentlichen Dienstleistungen zu geben, wenn Programme f\u00fcr sogenannte Partizipative Haushalte aufgelegt werden oder die Schaffung von selbstverwaltetem, gemeinsam genutztem Wohnraum von einzelnen Kommunen oder L\u00e4ndern unterst\u00fctzt wird. Auch die Zusammenarbeit zwischen Commoners und staatlichen Beh\u00f6rden kann ergiebig sein, unter anderem, weil Commoners Dinge leisten k\u00f6nnen, die weder kommerzielle Unternehmen noch die Verwaltung leisten k\u00f6nnen oder wollen. Der Internetdienstleister Guifi.net in Katalonien, den wir in Kapitel 1 vorgestellt haben, ist daf\u00fcr ein Beispiel. Er hat eine konstruktive Beziehung zur Kommunalverwaltung aufgebaut und st\u00f6\u00dft auf reges Interesse in der Politik, weil Guifi.net eine infrastrukturelle L\u00f6sung f\u00fcr ein Problem anbietet, von dem Politikerinnen und Politiker nicht wussten, wie es anzugehen ist: Konnektivit\u00e4t hoher Qualit\u00e4t im l\u00e4ndlichen Raum und in sp\u00e4rlich besiedelten Gegenden anzubieten. Zu Beginn hat Guifi.net, \u00bbeine Verbindung zwischen einer Schweine- und einer Rinderfarm hergestellt\u00ab. Nach wenigen Jahren versorgte das Netzwerk Zehntausende Menschen.<sup>11<\/sup> Was also w\u00e4re, wenn Regierungen noch einen Schritt weitergingen und \u00bbden Menschen zutrauten, sich direkt an der Regierungsarbeit zu beteiligen?\u00ab fragte Geoff Mulgan 2012 in einem wichtigen Bericht des britischen Think-Tanks NESTA<sup>12<\/sup>. Dar\u00fcber einen intensiven und vielf\u00e4ltigen Dialog zwischen der B\u00fcrgerschaft und (Kommunal-)Regierungen zu f\u00fchren, ist sicher sinnvoll und kann zweifellos das Vertrauen in und die Legitimit\u00e4t von staatlichem Handeln st\u00e4rken. Was aber \u2013 werden Sie zu Recht fragen \u2013 bedeutet dar\u00fcber hinaus ein \u00bbstrategisch-beziehungshaftes Verst\u00e4ndnis von staatlicher Macht\u00ab<sup>13<\/sup> praktisch? Wie sieht das aus? Und w\u00fcrde es wirklich zur Folge haben, dass, wie die britische Labour-Abgeordnete Tessa Jovells schreibt, staatliche Akteure \u00bbder \u00dcbergabe von Macht an Individuen und Gemeinschaften Priorit\u00e4t einr\u00e4umen [\u2026], indem sie der Bev\u00f6lkerung vor Ort erm\u00f6glichen, Dienstleistungen selbst in Auftrag zu geben, Nachbarschaften und Gemeinden die Chance geben, die Schwerpunkte f\u00fcr finanzielle Ausgaben zu bestimmen, oder Menschen miteinander in Kontakt bringen, die ihre Zeit schenken und ihre F\u00e4higkeiten beitragen k\u00f6nnen\u00ab. Das ist sicherlich m\u00f6glich, aber nur, \u00bbwenn die Politik bereit ist, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Bev\u00f6lkerung vor Ort das Vertrauen entgegenzubringen, dass sie Entscheidungen treffen k\u00f6nnen\u00ab.<sup>14<\/sup> Letztlich dreht sich alles ums Vertrauen! Diese Erkenntnis ist so einfach wie fundamental wie herausfordernd. Denn die Verh\u00e4ltnisse sind anders. Wer die Staatsmacht vertritt, benutzt gemeinhin Zahlen, Standardeinheiten und ganze B\u00fcrokratien, um Vorgaben zu entsprechen, Kontrolle zu behaupten oder Bericht erstatten zu k\u00f6nnen. Daf\u00fcr muss Ma\u00df genommen und vereinheitlicht werden, obwohl wir alle verschieden sind, obwohl wir in bestimmten Landschaften mit einzigartiger Geschichte leben, unsere eigenen Pers\u00f6nlichkeiten und sozialen Netzwerke haben.<\/p>\n<p>Staatsmacht und lebendige soziale Systeme passen strukturell nicht zusammen. Wenn die Aus\u00fcbung staatlicher Macht Vertrauen genie\u00dfen soll, dann gewiss nicht durch das Aufoktroyieren b\u00fcrokratischer Masterpl\u00e4ne. Wo immer sie ausge\u00fcbt wird, sollte sie die Beziehungen zwischen realen Menschen f\u00f6rdern, die ihre je eigene kreative Handlungskompetenz haben. Dies setzt voraus, uns von der Idee zu verabschieden, dass Menschen Bed\u00fcrfniseinheiten oder \u00bbbelieferungsbed\u00fcrftige M\u00e4ngelwesen\u00ab (Ivan Illich) sind. Denn auch dieser Dienstleistungsfokus bringt Beh\u00f6rden und Dienstleistende dazu, die kreativen Talente der Menschen, ihren Wunsch, Eigenes beizutragen, und ihre F\u00e4higkeiten zum Commoning abzutun. Kurz: weder ihre Daseinsm\u00e4chtigkeit zu sehen noch sie zu st\u00e4rken. Viele Menschen pflegen ihrerseits \u2013 in dieser \u00bbwaren- und marktintensiven Gesellschaft\u00ab<sup>15 <\/sup>\u2013 ein Selbstbild der \u00bbKonsumentinnen und Konsumenten\u00ab professioneller, \u00f6ffentlicher Dienstleistungen. Sie betrachten sich nicht als potenziell Beteiligte an bewusster Selbstorganisation beziehungsweise \u00bbam Regieren\u00ab.<\/p>\n<p>Im Kern hat diese Mentalit\u00e4t eine entmenschlichende, entmachtende Institutionalisierung hervorgebracht, die Ivan Illich so pointiert kritisiert hat.<sup>16<\/sup>&lt;<\/p>\n<p>Die zentrale Herausforderung besteht also tats\u00e4chlich darin, staatliche Macht dergestalt <em>neu zu denken<\/em>, dass sie Commoning unterst\u00fctzt. Daf\u00fcr gibt es genug M\u00f6glichkeiten und Gelegenheiten. Menschen k\u00f6nnen rechtliche Befugnisse erhalten oder R\u00e4ume, Ausr\u00fcstung und Organisationsberatung zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen.<sup>17<\/sup><\/p>\n<h4>Anmerkungen zur staatlichen Macht<\/h4>\n<p>Ein eher lineares Verst\u00e4ndnis von der sozialen Entwicklung ist keine Seltenheit: das Jagen und Sammeln in nomadischen St\u00e4mmen und Klans wurde abgel\u00f6st von kleinen landwirtschaftlichen Siedlungen und fr\u00fchen Staatsgebilden, Monarchien und Feudalgesellschaften, um schlie\u00dflich die zivilisatorische Spitze zu erreichen, den modernen Nationalstaat. Dazu kommt die etwas selbstbeweihr\u00e4uchernde Erz\u00e4hlung der liberalen Demokratien als beste Governance-Form in der Geschichte der Menschheit. Wer hingegen diese Ansicht kritisiert oder gar die Regierungsf\u00fchrung <em>durch<\/em> Staaten zu \u00fcberwinden sucht, gilt als unwissend, primitiv und r\u00fcckst\u00e4ndig, ja pr\u00e4historisch oder als Schmalspuranarchist mit Hang zur Staatsfeindschaft.<\/p>\n<p>Was aber, wenn moderne Staatlichkeit in ihrer Verquickung mit dem Kapital tats\u00e4chlich eine Sackgasse ist? Ist dieses hierarchische Machtsystem zu br\u00fcchig oder gar dysfunktional geworden, um die Komplexit\u00e4t lokaler Bedinungen und menschlicher Vielfalt zu koordinieren, obwohl es sich den neuen Bedingungen der vernetzten Gesellschaft und hybrider Governance-Institutionen gut angepasst hat? Hat es sich von der nichtmenschlichen Welt zu weit entfremdet, ist es ihren Bedingungen und Zw\u00e4ngen gegen\u00fcber blind geworden? Es wird manchmal kritisch angemerkt, dass die Zivilisation nicht nur mit Peak Oil \u2013 der schwindenden Verf\u00fcgbarkeit kosteng\u00fcnstiger fossiler Energietr\u00e4ger \u2013 konfrontiert ist, sondern auch mit \u00bbPeak Hierarchy\u00ab, der schwindenden Wirksamkeit zentralisierter, hierarchischer Verwaltungsstrukturen. Der P2P-Theoretiker Michel Bauwens schreibt: \u00bbHorizontalit\u00e4t [in sozialen und \u00f6konomischen Beziehungen] beginnt, Vertikalit\u00e4t zu \u00fcbertrumpfen; verteilte Strukturen werden wettbewerbsf\u00e4higer als (de)zentralisierte. Peak Oil und Peak Hierarchy zusammengenommen werden die Welt, in der wir leben, dramatisch ver\u00e4ndern.\u00ab<sup>18<\/sup>Angesichts dieses nicht nachlassenden Drucks auf traditionelle Formen staatlicher Macht, ist es an der Zeit, \u00fcber neue Koordinations-, Regulierungs- und Regierungsformen nachzudenken. Am besten so, dass sich daraus eine konstruktive Beziehung zu Commoning ergibt. Die intensivste Theoriearbeit zur Macht und Wirkung staatlichen Handelns aus Sicht von Commoners hat wohl der Anthropologe und Politikwissenschaftler James C. Scott vorgelegt. Scott lehrt an der Yale-Universit\u00e4t und diskutiert dort, genau wie in seinen historischen Analysen, die Ergebnisse seiner weltweiten Forschung. Scott zeigt, dass zahllose Bev\u00f6lkerungsgruppen im Laufe der Geschichte \u2013 insbesondere in der Fr\u00fchphase der Staatenbildung \u2013 versucht haben, sich staatlicher Macht zu entziehen. Sie taten das, um der Zwangsrekrutierung zu entgehen oder der Besteuerung, um sich gegen autokratische Mandate und ihren Hang zur Versklavung zu wehren. Aber auch, um sich Lebensformen und Arbeitsverh\u00e4ltnissen zu entziehen, die neue Krankheiten, gar Pandemien mit sich brachten.<sup>19<\/sup> In unserer Vorstellung vom Leviathan<sup>20<\/sup> ist der Staat f\u00fcr seine B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger da, Rechte und Freiheiten zu garantieren und zu sch\u00fctzen; mit dem Aufstieg des Markt-Staates stieg aber auch die Macht staatlicher Institutionen, die Menschen zu <em>kontrollieren<\/em>. Heute setzen L\u00e4nder wie Indien, China und die USA digitale Technologien ein, die panoptische Formen der \u00dcberwachung erm\u00f6glichen \u2013 von In- wie Ausl\u00e4ndern gleicherma\u00dfen. Allzu oft reglementiert staatliche Macht unsere Lebensgestaltung durch zentralisierte, b\u00fcrokratische Systeme. In <em>Seeing Like a State<\/em> erl\u00e4utert Scott:<\/p>\n<p><em>[D]er moderne Staat versucht, durch seine Funktion\u00e4re [\u2026], ein Terrain und eine Bev\u00f6lkerung zu schaffen, die genau jene standardisierten Eigenschaften aufweisen, die am leichtesten zu \u00fcberwachen, zu z\u00e4hlen, zu bewerten und zu verwalten sind. Das utopische, staatlicher Macht innewohnende und immer wieder scheiternde Ziel ist, die chaotische, ungeordnete, sich permanent ver\u00e4ndernde soziale Wirklichkeit, auf die sich die Staatsmacht st\u00fctzt, auf etwas zu reduzieren, das dem Beobachtungsraster der Verwaltung n\u00e4her kommt.<sup>21<\/sup><\/em><\/p>\n<p>Viele Versuche, durch staatliches Handeln das gesellschaftliche Leben zu ordnen, haben durchaus ihren Wert. Es kann f\u00fcr eine Gesellschaft sinnvoll sein, wenn ein Staat seine eigene W\u00e4hrung in Umlauf bringt, wenn die Beh\u00f6rden wissen, wer zur Bev\u00f6lkerung geh\u00f6rt, um Steuern zu erheben, wenn Grenzen kontrolliert werden, eine offizielle Sprache besteht oder Ma\u00dfe und Gewichte festgelegt werden, um die Landnutzung und die Produktion \u00bblesbar\u00ab zu machen. Zugleich aber kann die Normierungs- und Standardisierungsobsession immer bessere Kontrollm\u00f6glichkeiten schaffen, um eine Regel- und Gesetzesbefolgung sicherzustellen. Und das kann h\u00f6chst repressiv sein. Staatliche Macht setzt auf Gesetze und Polizei, um konforme Verhaltensweisen und Normen durchzusetzen. Auch B\u00fcrokratien erweisen sich hier als n\u00fctzlich. Dank ihrer zentral verwalteten Systeme kann aus b\u00fcrokratischer Perspektive leichter \u00fcber die vielen Unterschiede zwischen Menschen und Situationen hinweggegangen werden. Im Laufe der Zeit bringen Staaten ihre B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dazu, sich Werte und Anspr\u00fcche zu eigen zu machen, um aus dem, was als Chaos und \u00bbBarbarei\u00ab der vorstaatlichen Zeit anzusehen ist, eine gesetzm\u00e4\u00dfige Ordnung zu schaffen. Zwar gelingt es modernen, liberalen Staatswesen, die Freiheit gew\u00f6hnlicher Menschen zu erweitern, aber dies hat auch einen Preis: besondere Privilegien f\u00fcr wenige und f\u00fcr die Marktmacht des Kapitals.<\/p>\n<p>Das eigentliche Drama des modernen, liberalen Nationalstaats ist jedoch seine Unf\u00e4higkeit, innerhalb seines Territoriums <em>tats\u00e4chlich<\/em> alles zu kontrollieren. Zahllose ethnische Subkulturen und kulturelle oder soziale Aktivit\u00e4ten sind nicht kontrollierbar, genauso wenig wie die Eigendynamik von \u00d6kosystemen, der grenz\u00fcberschreitende Fluss von Informationen, Software-Code, Drogen oder Finanzkapital, die organisierte Kriminalit\u00e4t und vieles andere mehr. \u00bbDer Staat\u00ab, der sich als stabile, langlebige Autorit\u00e4t und Macht aus verl\u00e4sslichen Institutionen darstellt, entkommt der Wirklichkeit nicht. Er bleibt eingebettet in ein Auf und Ab, ein Hin und Her sich st\u00e4ndig \u00e4ndernder Verh\u00e4ltnisse und Machtkonstellationen. Dabei besteht er aus einer Vielfalt an B\u00fcrokratien, jede von Funktion\u00e4ren gef\u00fchrt, die ihrerseits in politische und berufliche Netzwerke eingebunden sind. Diese k\u00f6nnen verschiedene politische und technokratische Agenden verfolgen. Obwohl also alle modernen Staaten das Leben zu regeln suchen, geschieht dies \u00fcberall auf unterschiedliche Weise. Man k\u00f6nnte von verschiedenen <em>Schattierungen<\/em> der Staatsmacht sprechen \u2013 etwa einer sozialen, die sich auf Fairness, gleiche Bildungschancen und eine allgemein bessere Verteilung des Reichtums konzentriert, oder eine konservative, die auf traditionelle Werte eingeschworen ist und die \u00bbwirtschaftliche Freiheit\u00ab verteidigt. Es gibt liberale oder autorit\u00e4re Schattierungen. Je nachdem, womit wir es zu tun haben, sind die Ergebnisse f\u00fcr die Gesellschaft von Land zu Land unterschiedlich, aber die wesentlichen politischen Funktionen bleiben dieselben. Und eben dies hindert jene, die \u00bbwie ein Staat sehen<sup>22<\/sup>\u00ab, daran, die vielf\u00e4ltigen Formen der Selbstbestimmung zu w\u00fcrdigen oder Macht tats\u00e4chlich zu delegieren. Stears schreibt: \u00bbStaaten funktionieren am besten, wenn es tats\u00e4chlich eine technische, mechanische Probleml\u00f6sung gibt, die in einem gemeinsamen geographischen Gebiet \u00fcberall eingesetzt werden kann. Sie funktionieren am schlechtesten, wenn sie auf lokale Eigenheiten flexibel reagieren m\u00fcssen, wenn es um flinkes oder nuanciertes Handeln geht, [\u2026]. Alles, was mit Unterscheidung, Zuf\u00e4lligkeit und grundlegender Unberechenbarkeit zu tun hat, liegt nicht in der besonderen Kompetenz des Staates\u00ab.<sup>23<\/sup> Man k\u00f6nnte sagen, dass Staaten an einer Art <em>methodologischem Nationalismus<\/em> leiden, im Guten wie im Schlechten; gleichg\u00fcltig, ob sie die \u00bbZivilisation\u00ab und die Demokratie verbreiten wollen oder koloniale und imperiale Eroberungsattit\u00fcden pflegen. Wer aus (national-)staatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t einen Fetisch macht, wird blind f\u00fcr die pluriversalen, selbstregierten Welten, in denen wir tagein, tagaus leben. Es \u00fcberrascht nicht, dass die durch Commoning geschaffenen Welten aus der Perspektive staatlicher B\u00fcrokratien meist unsichtbar sind. Eine \u00bbCommons-Brille\u00ab aufzusetzen schafft Abhilfe, denn sie sch\u00e4rft unseren Blick f\u00fcr eine F\u00fclle von L\u00f6sungen f\u00fcr konkrete Probleme und erweitert dabei unsere Handlungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Wenn wir erkennen, dass \u00bbder Staat\u00ab kein allm\u00e4chtiges, einheitliches Gebilde ist, sondern eine Konfiguration sehr unterschiedlicher Machtbeziehungen, die mitunter sogar verletzlich sind, k\u00f6nnen wir uns besser vorstellen, <em>welche<\/em> Beziehungen innerhalb der Gef\u00fcge staatlicher Macht sich ver\u00e4ndern lassen; und zwar St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, insbesondere dann, wenn die Gelegenheit g\u00fcnstig ist. Wir k\u00f6nnen soziale Praktiken mit den Absichten staatlicher Macht verkn\u00fcpfen und jene dadurch zumindest teilweise verwandeln. Auch wenn die Regierungsf\u00fchrung und die Funktionsweise von Beh\u00f6rden \u00fcberall unterschiedlich sind, gilt fast immer, dass es in lokalen, \u00fcberschaubaren Zusammenh\u00e4ngen einfacher ist, Zugang zur Politik zu finden. Auf kommunaler Ebene k\u00f6nnen Dinge leichter angepasst und Regierende leichter zur Rechenschaft gezogen werden. Daher spielen St\u00e4dte und Gemeinden, ob gro\u00df oder klein, eine bedeutende Rolle in der Verwandlung staatlicher Macht. Der Politikwissenschaftler Benjamin Barber h\u00e4lt B\u00fcrgermeisterinnen und B\u00fcrgermeister f\u00fcr Schl\u00fcsselfiguren gesellschaftlicher Transformation.<sup>24<\/sup> So hat der Globale B\u00fcrgermeisterkonvent f\u00fcr Klima und Energie gro\u00dfen Einfluss darauf, dass politische Entscheidungstr\u00e4gerinnen und Entscheidungstr\u00e4ger auf wertvolle Initiativen aufmerksam werden.<sup>25<\/sup> Der libert\u00e4re Begr\u00fcnder des \u00d6ko-Anarchismus, Murray Bookchin, ist der Ansicht, ein \u00bblibert\u00e4rer Kommunalismus\u00ab sei am besten geeignet, einen sozialen Wandel herbeizuf\u00fchren. Der Grund? Libert\u00e4rer Kommunalismus st\u00e4rkt insbesondere eine demokratische Versammlungskultur und verleiht Konf\u00f6derationen freier Kommunen mehr Macht.<sup>26<\/sup> Aus dieser Perspektive ist wenig \u00fcberraschend, dass zu den robustesten Kr\u00e4ften des Wandels in einigen L\u00e4ndern Europas die Bewegung eines \u00bbneuen Munizipalismus\u00ab geh\u00f6rt.<sup>27<\/sup><\/p>\n<p>Im herk\u00f6mmlichen Verst\u00e4ndnis von \u00bb\u00d6konomie\u00ab und \u00bbPolitik\u00ab wird lokales Handeln oft bel\u00e4chelt. Es sei zu kleinteilig, um von Bedeutung zu sein. Doch in unserer modernen Welt ist nicht nur alles klein und lokal (das war es immer schon). Es ist <em>auch<\/em> offen und miteinander verbunden.<sup>28<\/sup> So k\u00f6nnen einzelne, abgegrenzte Handlungen wichtige Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen geben. Eine zun\u00e4chst wenig prominente Demonstration unter dem Motto \u00bbOccupy Wall Street\u00ab im Zuccotti-Park in Manhattan wurde im Jahr 2011 zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr Dutzende Occupy-Demonstrationen in der ganzen Welt. Sie r\u00fcckten die skandal\u00f6sen finanziellen Ungleichheiten wieder ans Licht der \u00d6ffentlichkeit. Wenn sich Aktivistinnen und Aktivisten im brasilianischen S\u00e3o Paolo f\u00fcr erschwinglichen Wohnraum einsetzen oder in Barcelona Airbnb-Wohnungen in Sozialwohnungen verwandeln, dann hat dies einen Nachhall. In vielen St\u00e4dten, Parlamenten und internationalen Foren werden diese Impulse aufgenommen. \u00bbWas manche Menschen als \u203aLokalismus\u2039 bel\u00e4cheln ist nichts weniger als das Fundament transformativen Wandels\u00ab, konstatiert das Symbiosis Research Collective.<sup>29<\/sup> Das ist plausibel. Nicht nur, weil lokale politische R\u00e4ume \u00fcbersichtlicher und zug\u00e4nglicher sind, sondern auch weil hier mit neuen Formen vernetzter Basisorganisation jenseits politischer Parteien experimentiert wird. In Spanien etwa hat die 15-M-Bewegung einigen Einfluss auf die Kommunalpolitik bekommen. Sie hat der Idee einer \u00bbPolitik der ersten Person\u00ab zu Sichtbarkeit und \u00bbAnfassbarkeit\u00ab verholfen. Darin wird die individuelle, konkrete Erfahrung ernst genommen und \u2013 statt theoretischer oder strategischer Erw\u00e4gungen \u2013 zum Ausgangspunkt von Politik. Das ist etwas grunds\u00e4tzlich anderes als \u00bbPolitik gemeinhin als \u203afachgerechtes\u2039 Management der \u203aunausweichlichen\u2039 Notwendigkeiten des globalen Kapitalismus\u00ab zu begreifen, wie der Journalist und Schriftsteller Amador Fern\u00e1ndez-Savater es ausdr\u00fcckt.<sup>30<\/sup><\/p>\n<p>Wenn Aktivistinnen und Aktivisten radikal-demokratische Erfahrungen sammeln, einfache Dinge wie die \u00bbVerfahrensformen von 15-M \u2013 basisdemokratische Versammlungen, die Moderationsmethoden, Arbeitsgruppen, Handzeichen oder konsensorientierte Entscheidungsfindung\u00ab<sup>31<\/sup> \u2013, dann k\u00f6nnen sie dies auf kommunaler Ebene einbringen. Wenn sie sich mit \u00e4hnlich Gesinnten anderswo zusammentun, k\u00f6nnen sie letztlich auch R\u00e4ume erk\u00e4mpfen und mitgestalten, in denen Commoning mit rechtlicher Anerkennung und Unterst\u00fctzung seitens der Verwaltung gelingen kann.<\/p>\n<h4>Jenseits von Reform oder Revolution<\/h4>\n<p>Commoners wollen nicht in erster Linie durch Revolution oder Wahlen die staatliche Macht erobern. Sie suchen eher nach stabilen unabh\u00e4ngigen R\u00e4umen, in denen sie die Freiheit haben, sich selbst zu organisieren und anders zu produzieren \u2013 also jene Commons-Welten herzustellen, von denen wir hier schreiben. Das mag mit ihrem Blick auf die j\u00fcngere Geschichte zu tun haben: Auch wenn linksgerichtete, sozial und \u00f6kologisch orientierte Parteien auf demokratischem Wege an die Macht kommen, ist ihr Einsatz f\u00fcr einen Systemwandel nicht gerade von Erfolg gekr\u00f6nt. Seit 2015 hat die politische Koalition in Griechenland unter F\u00fchrung von Syriza sp\u00fcren m\u00fcssen, dass der Wahlsieg, der ihr nominell die Kontrolle \u00fcber einen souver\u00e4nen Staat einbrachte, nicht gen\u00fcgte, um den Staat tats\u00e4chlich zu kontrollieren. Vielmehr wurde der griechische Staat den politischen und \u00f6konomischen Interessen anderer Staaten und der Macht des internationalen Kapitals untergeordnet. Der Aufstieg von Evo Morales, einem ehemaligen Aktivisten mit indigenen Wurzeln, zum Pr\u00e4sidenten von Bolivien hat \u00e4hnliches offenbart: auch politisch geschickt agierende soziale Bewegungen, denen Wahlsiege gelingen und die voller guter Vors\u00e4tze an die Macht kommen, f\u00e4llt es schwer, die Zw\u00e4nge abzusch\u00fctteln, die staatliche Macht mit sich bringt \u2013 unter anderem, weil der Staat von der internationalen Finanzarchitektur und im besonderen Fall Boliviens von Rohstoffgewinnung und -handel abh\u00e4ngig ist. Pablo Sol\u00f3n Romero, langj\u00e4hriger Aktivist und ehemaliger Botschafter des Plurinationalen Staates Bolivien bei den Vereinten Nationen (2009-2011), erz\u00e4hlt eine Geschichte, die als Warnung dienen kann: \u00bbVor 15 Jahren [in den fr\u00fchen 2000er Jahren] gab es in Bolivien viel Commoning \u2013 f\u00fcr W\u00e4lder, Wasser, Gerechtigkeit usw. Als der Staat unser Feind war und alles privatisierte, haben wir entschieden, den Staat zu \u00fcbernehmen, um Commoning zu erhalten. Und wir waren erfolgreich! Wir konnten Gutes tun. Jetzt haben wir einen plurinationalen Staat. Das ist gut. <em>Aber<\/em> \u2026 Was ist 10 Jahre danach? Sind unsere Gemeinschaften st\u00e4rker oder schw\u00e4cher? Sie sind schw\u00e4cher. Wir k\u00f6nnen nicht alles, was wir wollten, mit Hilfe des Staates tun. Der Staat und seine Strukturen haben ihre eigene Logik. Wir waren naiv. Es war uns nicht klar, dass diese Strukturen <em>uns<\/em> ver\u00e4ndern w\u00fcrden.\u00ab<sup>32<\/sup><\/p>\n<p>Dies legt nahe, dass Politik, die sich an Machtgewinn durch Wahlsiege orientiert, zwar Einiges erreichen kann, aber auch in ihren M\u00f6glichkeiten deutlich begrenzt ist. Wer staatliche Macht in den H\u00e4nden h\u00e4lt, wird tendenziell versuchen, die Kultur zu st\u00e4rken oder auszuweiten, auf der sie gr\u00fcndet: n\u00e4mlich auf der \u00dcberh\u00f6hung von Patriotismus und Staatsb\u00fcrgerschaft, den Bau bestimmter Infrastrukturen, der Schaffung b\u00fcrokratischer Institutionen, auf Geld und Handel und nat\u00fcrlich der Wachsamkeit gegen\u00fcber Gegnern und subversiven Strategien. Wer <em>Reformen<\/em> anstrebt, wird mit einem \u00bballm\u00e4hlichen Wandel\u00ab durch den staatlichen Machtapparat selbst zufrieden sein. Wer <em>Revolution<\/em> will, scheint genau das Gegenteil anzustreben \u2013 die jeweilige politische Macht zu st\u00fcrzen. Und dennoch \u00bbist der Gehalt moderner Revolutionstheorien leider d\u00fcnn\u00ab, schreiben die deutschen Commons-Theoretiker Simon Sutterl\u00fctti und Stefan Meretz.<sup>33<\/sup> Wer einen revolution\u00e4ren Ansatz verfolgt, konzentriert sich auf die alten Strukturen und muss den eigenen Platz <em>darin<\/em> festlegen, um dann zu versuchen, sie zu st\u00fcrzen oder abzuschaffen. Aus revolution\u00e4rem Munde vernehmen wir zudem oft wenig dar\u00fcber, wie die neue Ordnung aussehen soll. Und schlie\u00dflich geht es viel um Fragen von Wirtschaft und Politik, um Klassenverh\u00e4ltnisse, Eigentumsformen und andere Arten zu produzieren. So wichtig das ist \u2013 die daf\u00fcr notwendigen internen, pers\u00f6nlichen Transformationen, die wir brauchen, um eine neue Kultur und politische Ordnung zu leben und am Leben zu halten, bleiben in Revolutionstheorien weitgehend unber\u00fchrt. Sutterl\u00fctti und Meretz kommen (wenngleich mit anderen Begr\u00fcndungen) zu dem Schluss: \u00bbReform und Revolution zeigen sich als Kinder des traditionellen Marxismus: Sie k\u00f6nnen die politische Machtergreifung und die staatliche Neugestaltung denken, nicht jedoch den Aufbau einer freien Gesellschaft.\u00ab<sup>34<\/sup><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen aber jenseits von \u00bbReform oder Revolution\u00ab denken! Vielleicht in Richtung dessen, was der deutsche Politikwissenschaftler Joachim Hirsch als \u00bbradikalen Reformismus\u00ab bezeichnet.<sup>35<\/sup> \u00bbRadikaler Reformismus kann auf Staatsfixierung verzichten. Der Begriff verweist auf die kaum \u00fcbersch\u00e4tzbare Rolle kultureller, gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen. Erst kam die 1968er-Revolte. Danach kamen die Ver\u00e4nderungen in der Gesetzgebung. Nicht umgekehrt! \u00bbReformismus\u00ab bleibe es dennoch, \u00bbweil es nicht um revolution\u00e4re Machtergreifung geht, \u203aradikal\u2039, weil auf die gesellschaftlichen Beziehungen gezielt wird, die die dominanten Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse hervorbringen\u00ab. Radikal ist die Idee auch, weil sie die Selbstver\u00e4nderung der Menschen einschlie\u00dft. Das wiederum sei nur m\u00f6glich \u00bbwenn es gelingt, Formen der politisch-sozialen Selbstorganisation jenseits und unabh\u00e4ngig von den bestehenden Herrschaftsapparaten, von Staat und Parteien, zu schaffen und einen Politikbegriff zu praktizieren, der das \u00bbPolitische\u00ab am \u00bbPrivaten\u00ab zu seinem Gegenstand macht\u00ab. Joachim Hirsch f\u00fchrt uns hier vor Augen, dass Commons auch bedeutet, das Politische und Politik neu zu denken. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns in der aktuellen, verfahrenen Lage eine Verwandlung der Welt vorstellen, die die Fallstricke von \u00bbReformen oder Revolution\u00ab umgeht. Diese Vorstellung sollte nicht utopisch sein, in dem Sinne, dass sie \u00bbnirgends\u00ab existiert (die w\u00f6rtliche Bedeutung von Utopie). Sie sollte auf erfolgreichen Erfahrungen gr\u00fcnden und von echten Menschen praktiziert werden. Eine solche Vorstellung und Praxis haben wir in den Kapiteln 4 bis 6 skizziert. Die <em>tats\u00e4chliche Dynamik<\/em> des sozialen Lebens in Commons, die Muster der bewussten Selbstorganisation sowie des sorgenden &amp; selbstbestimmten Wirtschaftens sind die (vorerst groben) Umrisse einer neuen Ordnung. Wir brauchen nun viele konkrete Initiativen auf allen Ebenen, um dieser Vision praktisch n\u00e4herzukommen und dabei zu pr\u00fcfen, ob es tats\u00e4chlich gelingt, alle mitzunehmen. Murray Bookchin bezeichnete es einmal als das \u00bbvielleicht gr\u00f6\u00dfte Vers\u00e4umnis\u00ab sozialer Bewegungen f\u00fcr einen gesellschaftlichen Wandel \u2013 er bezog sich dabei explizit auf linke, radikal-\u00f6kologische-Gruppen oder auf Organisationen, die vorgeben, f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten zu sprechen \u2013, \u00bbdass es ihnen an einer Politik mangelt, die Menschen jenseits der vom Status quo etablierten Grenzen mitnimmt\u00ab.<sup>36<\/sup><\/p>\n<p>Die Fragen, die hier aufgeworfen sind, lauten also: Kann Commoning potenziell eine humanere Sozialordnung verwirklichen? Kann Commoning das Zusammenleben \u2013 ungeachtet der staatlichen Macht \u2013 so koordinieren sowie auf sch\u00f6pferisch-produktive Weise unsere Bed\u00fcrfnisse so befriedigen, dass wir Freiheit, Fairness und \u00d6ko-Verantwortlichkeit verpflichtet bleiben? Und gelingt es, dass wir uns dabei lebendig f\u00fchlen, anstatt teils willig, teils st\u00f6rrisch wie Puppen nach der Nase einer totalit\u00e4ren Mega-Maschine<sup>37<\/sup> zu tanzen? Kann dadurch eine Souver\u00e4nit\u00e4t wiedergewonnen werden, die aus der Systemkraft der Megamaschine heraus verdr\u00e4ngt worden ist? Ja, denken wir ganz unbescheiden. Ja, das ist m\u00f6glich! Das ist die Macht des Commoning. Die Ver\u00e4nderung beginnt damit, die Revolution zu <em>sein<\/em> anstatt sie zu <em>machen.<\/em> Dieser Ansatz ist als \u00bbpr\u00e4figurative Politik\u00ab bekannt. Leben. Ausprobieren. Reflektieren. Korrigieren. Wir m\u00fcssen uns nicht notwendigerweise auf staatliche Politik konzentrieren (auch wenn das nicht ganz vermeidbar ist), sondern auf die gr\u00f6\u00dfere Aufgabe: eine freie, faire und lebendig-nachhaltige Gesellschaft aufzubauen. Das wird kaum aus einem politischen Prozess heraus gelingen, der in staatliche Strukturen eingebettet ist, denn beide \u2013 Prozess und Strukturen \u2013 sind geradezu abh\u00e4ngig davon, dass die Dinge nun einmal so funktionieren wie sie funktionieren. Sich auf die Art zu verlassen, wie die Dinge \u00bbfunktionieren\u00ab, wird aber die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft nicht ver\u00e4ndern. Und ebenso wenig frischen Wind in die Gedanken bringen, die wir uns \u00fcber die Zukunft machen und \u00fcber die Frage, welche Gesellschaft wir \u00fcberhaupt f\u00fcr vorstellbar halten. Wirklicher Wandel muss bei den Grundlagen ansetzen, die wir in den ersten Kapiteln dieses Buchs skizziert haben. Von dort aus sind gestalterische Ideen zu entwickeln und in eigenst\u00e4ndige Strukturen zu \u00fcbersetzen, so dass <em>ein sozialer Prozess entsteht, der mit der Zeit auf allen Ebenen \u2013 individuell, gemeinschaftlich, gesellschaftlich \u2013 eine alternative Ordnung begr\u00fcnden<\/em> kann. Behalten wir den Rat von J.K. Gibson-Graham in Erinnerung: \u00bbWenn uns selbst zu ver\u00e4ndern bedeutet, unsere Welten zu ver\u00e4ndern, und wenn die Beziehung wechselseitig ist, dann ist das Projekt, Geschichte zu machen, niemals fern, sondern immer unmittelbar hier, an den Grenzen unserer sp\u00fcrenden, denkenden, f\u00fchlenden, sich bewegenden K\u00f6rper.\u00ab<sup>38<\/sup><\/p>\n<p>Mit staatlicher Macht umzugehen ist in jeder Hinsicht fordernd. Vielleicht k\u00f6nnen wir diese Herausforderung am besten bew\u00e4ltigen, wenn wir Commons aufbauen. Zumindest ist das ein Transformationspfad, den wir <em>trotz<\/em> der Beharrungskr\u00e4fte des Markt-Staats gehen k\u00f6nnen, weil er <em>sowohl<\/em> uns <em>als auch<\/em> politische und institutionelle Strukturen verwandelt. Beides muss zugleich geschehen.<\/p>\n<p>Die Ambition, \u00bbstaatliche Macht zu nutzen\u00ab, birgt also \u2013 aus Commons-Perspektive \u2013 ein hohes Desillusionierungspotenzial, denn der kapitalistische Staat ist einfach zu stark auf Eigentum, Individualismus und Warenintensit\u00e4t festgelegt. Auch diejenigen Politikerinnen und Politiker, die postkapitalistische M\u00f6glichkeiten ausloten wollen, stellen fest, dass sie sich letztlich in einem globalen System von Staaten bewegen, die selbst in einen Weltmarkt eingeschlossen sind. \u00bbDas wird Arbeitspl\u00e4tze schaffen\u00ab ist somit das st\u00e4rkste Argument, das weltweit <em>alle<\/em> Politikerinnen oder Politiker vorbringen k\u00f6nnen, wenn sie f\u00fcr bestimmte Ma\u00dfnahmen werben wollen. Mit anderen Worten: Wer in diesem System Entscheidungen f\u00e4llt, muss sich immer wieder neu auf das vorherrschende \u00f6konomische Modell verpflichten und dessen \u00bbKollateralsch\u00e4den\u00ab verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<h4>Zur Macht des Commoning<\/h4>\n<p>Wie k\u00f6nnten also Commoners das Commonsversum wachsen lassen, w\u00e4hrend sie <em>innerhalb<\/em> eines Markt-Staat-Systems leben? Dies zu beantworten verlangt die Auseinandersetzung mit einem Paradoxon: Staatliche Macht ist zu gewaltig und beruht zu stark auf Zwang (also der Aus\u00fcbung staatlicher Gewalt), als dass wir sie ignorieren k\u00f6nnten. Zugleich werden konventionelle Versuche, sie zu \u00e4ndern, tendenziell unbefriedigend sein. Vielmehr m\u00fcssen die Begriffe von Politik, Governance und Recht selbst neu gedacht und deren Wirklichkeiten ver\u00e4ndert werden. Um nichts Geringeres geht es. K\u00fchne Manifeste oder geschliffene Rhetoriken werden nicht ausreichen. Wirklich vorankommen k\u00f6nnen wir nur durch eine \u00bbPraxis des Sozialen\u00ab und eine \u00bbKultur des Lebendigen\u00ab. Wem dies zu verbohrt klingt, mag sich an Hannah Arendts Machtbegriff erinnern: \u00bbMacht aber besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen\u00ab.<sup>39<\/sup> Wenn Macht im Zusammenkommen von Menschen entsteht, dann ist es immer m\u00f6glich, Macht zu \u00bbschaffen\u00ab. Sie steckt nicht in staatlichen Institutionen selbst; sie ist keine fixe, irgendeiner Institution oder Person inh\u00e4rente F\u00e4higkeit, die gespeichert werden kann. Macht ist nicht notwendigerweise Macht \u00fcber jemanden oder etwas. Macht kann auch bedeuten, dass Menschen sich erm\u00e4chtigen (und erm\u00e4chtigt werden), ihr Leben in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen, anstatt gegen\u00fcber der Allmacht \u00bbder Machthabenden\u00ab Ohnmacht zu sp\u00fcren, was machtlos macht. Aus dieser Perspektive erkennen wir: <em>Commoning ist ein Instrument der Erm\u00e4chtigung. Mit der Zeit kann es vielleicht auch ein Mittel werden, um die Allmacht von Staat und Markt in Frage zu stellen. Wie? Indem es ihnen den Treibstoff entzieht und der Mega-Maschine genau das vorenth\u00e4lt, was sie antreibt und aufrechterh\u00e4lt \u2013 n\u00e4mlich uns selbst.<\/em> Wir selbst geben dem Markt-Staat Nahrung. Die gr\u00f6\u00dfte Macht der Commons k\u00f6nnte darin liegen, dass sich die Energien der Menschen auf etwas anders richten und dadurch die Motoren der Macht moderner M\u00e4rkte und Nationalstaaten leerlaufen. Das gelingt, indem Commoning alternative M\u00f6glichkeiten der Bed\u00fcrfnisbefriedigung bietet und quasi-autonome Modi der Macht aufbaut. Man muss bei den Bedingungen ansetzen, die die Macht des Markt-Staates erhalten. Also bei uns. Wir erm\u00f6glichen seine Existenz und n\u00e4hren seine Logik. Auch das hat nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde; unter anderem ist es \u2013 individuell betrachtet \u2013 funktional, bei dem Spiel mitzumachen, das gerade gespielt wird. Sonst verlieren wir Einkommen und Ansehen, gewohnte Formen der Sicherheit oder gar den Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die meisten Commoners nicht direkt danach streben, auf M\u00e4rkten zu \u00bbkonkurrieren\u00ab, hat ihr Tun dennoch langfristige Auswirkungen f\u00fcr die Art, wie wir wirtschaften. Sie helfen dabei, Macht umzuverteilen. Commoning schafft gute Bedingungen daf\u00fcr, nicht-staatliche Macht aufzubauen. Und zwar einfach dadurch, dass hier Menschen zusammenkommen und zusammenarbeiten. Wir k\u00f6nnen die langfristige Wirkung dieser Kooperation etwa daran sehen, wie GNU\/Linux und andere quelloffene Programme den enorm einflussreichen Bereich der Softwarem\u00e4rkte \u2013 wenn auch indirekt \u2013 gepr\u00e4gt haben. Heute w\u00fcrde niemand mehr auf die Idee kommen, eine Enzyklop\u00e4die in klassisch strukturierter, bezahlter und durchorganisierter Manier von oben nach unten als kostspielige Ware zu produzieren. Die Wikipedia, die in verteilter Produktion und freier Kooperation als Alternative entstanden ist, bietet mit ihren flexiblen, dezentralen Strukturen, ihrer Vielsprachigkeit, Vielseitigkeit und Aktualit\u00e4t einfach zu viele Vorteile. Lokale \u00f6kologische Landwirtschaft und die damit verbundenen Bewegungen bauen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ein alternatives Universum zukunftsf\u00e4higer Landwirtschaft auf. (Man stelle sich vor, sie w\u00fcrden daf\u00fcr so viel Unterst\u00fctzung erhalten wie die industrielle Landwirtschaft.) Auch dies hat dazu beigetragen, dass in der konventionellen Landwirtschaft mehr Wert auf den \u00f6kologischen Anbau von Obst und Gem\u00fcse und einen geringeren Verarbeitungsgrad der Nahrungsmittel gelegt wird. Gerade bei Lebensmitteln liegt der Zusammenhang auf der Hand: Je mehr Nahrungsmittel-Commons (engl. <em>food commons<\/em>) die Welt \u00bbcrowd-ern\u00e4hren\u00ab<sup>40<\/sup> und je mehr SoLaWis frische, lokal erzeugte Nahrungsmittel produzieren, desto weniger Menschen werden von der industriellen Landwirtschaft oder von Spenden abh\u00e4ngig sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1215\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2424\" height=\"2428\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c.jpg 2424w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-150x150.jpg 150w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-300x300.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-768x769.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-468x468.jpg 468w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-1612x1615.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-1116x1118.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-806x807.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-558x559.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.1_c-655x656.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2424px) 100vw, 2424px\" \/><br \/>\n<em>Commons verbinden<\/em><\/p>\n<p>Soziale Bewegungen k\u00f6nnen dann wirklich emanzipatorisch wirken und transformativ sein, wenn sie mit \u00bbParallel\u00f6konomien\u00ab einhergehen, die vom konventionellen Markt-Staat <em>strukturell unabh\u00e4ngig<\/em> sind. Das hei\u00dft, die auch dann \u00fcberdauern, wenn kaum Unterst\u00fctzung von \u00bbau\u00dfen\u00ab kommt. F\u00fcr Commons gilt \u00e4hnliches. Sie k\u00f6nnen nur dann ihre Unabh\u00e4ngigkeit bewahren, wenn sie <em>weniger<\/em> mit der konventionellen \u00d6konomie und der staatlichen Macht verwoben sind und f\u00fcr ihre Widerstandsf\u00e4higkeit auf \u00bbinterne\u00ab Systeme (bewusste Selbstorganisation, Weitergabe von Wissen, Unterst\u00fctzung im Verbund mit anderen Commons) setzen. Gleichzeitig bleibt die Auseinandersetzung mit der auf Wahlen fokussierten Politik und auf spezielle Themenanwaltschaft (sprich: Lobbyarbeit) notwendig, und sei es nur, weil dadurch die Bedingungen ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen, um R\u00e4ume des Gemeinsamen auszuweiten. Institutionelle Politik ist zu folgenreich, als dass man sie ignorieren k\u00f6nnte. Commoners m\u00fcssen immer zweigleisig fahren.<\/p>\n<h4>Staatliche Macht f\u00fcr Commoning einsetzen<\/h4>\n<p>Unsere bisherigen Ausf\u00fchrungen drehten sich um das Verh\u00e4ltnis zwischen Commons und Staat. Der Frage, wie staatliche Macht Commoning unterst\u00fctzen kann, sind wir noch nicht nachgegangen \u2013 und welche konkreten Ansatzpunkte im Recht, in der Politik oder im lokalen Regierungshandeln wie genutzt werden k\u00f6nnen, um lebensf\u00e4hige Felder f\u00fcr Commoning zu sichern bzw. zu etablieren, wird noch intensiv zu diskutieren sein. Das Folgende ist unser Beitrag zu dieser Debatte.<\/p>\n<p>Das Wichtigste ist zun\u00e4chst, dass staatliche Institutionen sich raushalten. Erinnern wir uns an die Weisheit, die Elinor Ostrom in ihrem siebten Designprinzip f\u00fcr langlebige Commons (Vgl. Anhang I) formulierte. Nach Jahrzehnten vergleichender Forschung gelangte die Nobelpreistr\u00e4gerin zu einer schlichten Erkenntnis: Beh\u00f6rden sollten das Recht von Commoners anerkennen, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln.<sup>41<\/sup> Au\u00dfenstehende \u2013 etwa die Verwaltung \u2013 sollten diejenigen, die Naturverm\u00f6gen gemeinsam nutzen (Ostrom nannte sie \u00bbAneigner\u00ab), ihre eigenen Regeln und Governance-Regime bestimmen lassen. Das ist eine Mindestanforderung, und es ist unser Ausgangspunkt. Wir k\u00f6nnten daraus ein Prinzip der Nichteinmischung ableiten. Der Staat muss zun\u00e4chst \u00bbden Weg frei machen\u00ab, sodass Commoners all den Dingen und wertschaffenden T\u00e4tigkeiten nachgehen k\u00f6nnen, die sie umtreiben. Dabei werden sie mitunter feststellen, dass sie rechtliche Anerkennung seitens des Staates ben\u00f6tigen. Etwa dann, wenn staatliche Institutionen das Weitergeben von Wissen als Vergehen betrachten \u2013 z.B. im Saatgutbereich oder im Umgang mit Software. Commoning muss also entkriminalisiert und \u00bbnormalisiert\u00ab werden. Das ist so wichtig wie die Ber\u00fccksichtigung der moralischen und politischen Legitimit\u00e4t selbstbestimmter Regulierungsformen, die bereits vor und unabh\u00e4ngig von modernen Staaten bestanden hat und auch weiterhin besteht.<sup>42<\/sup> Nichteinmischung, Entkriminalisierung, Normalisierung, Wertsch\u00e4tzung \u2013 das sind die Grundlagen.<\/p>\n<p>Wenn wir nun bedenken, wie oft staatliche Macht eingesetzt wurde, um Firmengr\u00fcndungen zu erleichtern, vorgeblich, weil dies dem Allgemeinwohl dient, dann ergibt sich eine weitere Forderung. Fr\u00fcher hielten die Monarchien, heute die demokratisch gew\u00e4hlten Regierungen und Parlamente, Konzerne f\u00fcr eine M\u00f6glichkeit, das bereitzustellen, was \u00bbder Staat\u00ab selbst nicht bereitstellen kann oder will. Unternehmen wie die British East India Company, entwickelten \u2013 im Investoreninteresse \u2013 koloniale Handelsregime, f\u00f6rderten Rohstoffe, beuteten billige Arbeitskr\u00e4fte aus und bauten Eisenbahnen und Wasserwege. Sie erwies dem British Empire einen enormen Dienst und \u00fcberwies nicht weniger enorme Profite an die britische Krone. Daf\u00fcr erhielte sie rechtliche und politische Anerkennung sowie zahlreiche Privilegien.<sup>43<\/sup> Zwar sind die Zeiten der British East India Company vorbei, aber an diesem Grundmechanismus hat sich wenig ge\u00e4ndert. Warum sollte staatliche Macht eigentlich nicht ebenfalls den immensen Wert anerkennen, den Commoners erzeugen? Das w\u00fcrde einen Perspektivwechsel voraussetzen, und das wiederum ist schwer zu bewerkstelligen. Ein Grund ist, dass sich viele Verantwortliche in Politik und Verwaltung vor dem herrschenden \u00f6konomischen Diskurs bewusst oder unbewusst verneigen. Es f\u00e4llt ihnen daher schwer, andere Arten von Wert \u00fcberhaupt wahrzunehmen. Hinzu kommt ein Problem mit der Struktur moderner staatlicher Institutionen. Sie sind bisweilen so konzipiert, dass ihre Einnahmen direkt vom Markt abh\u00e4ngigen. Beispielsweise finanziert das Europ\u00e4ische Patentamt \u2013 eine zwischenstaatliche K\u00f6rperschaft, die gem\u00e4\u00df dem Europ\u00e4ischen Patent\u00fcbereinkommen die Patente pr\u00fcft und verleiht \u2013 den gr\u00f6\u00dften Teil seines Haushalts in H\u00f6he von 1 Milliarde Euro durch Geb\u00fchren <em>f\u00fcr<\/em> Patentanmeldungen und -verfahren. Das hei\u00dft: Je mehr Patente das Patentamt bearbeitet und gew\u00e4hrt, desto mehr Geld nimmt es ein: ein wahrlich starker innerinstitutioneller Anreiz, um wissenschaftliches und technisches Wissen propriet\u00e4r zu machen! Nat\u00fcrlich ist es durchaus nachvollziehbar, dass k\u00fcnftige Patentinhaberinnen und -inhaber die Arbeit des Patentamtes bezahlen \u2013 und nicht etwa die Allgemeinheit. Aber darin verbirgt sich auch ein Fehler: Ein solcher Mechanismus wirkt der Idee, eine Welt (der Commons) zu unterst\u00fctzen, systematisch entgegen. Er bietet staatlichen Institutionen einen Anreiz, Wissen zu privatisieren anstatt Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weiterzugeben. In staatlichen B\u00fcrokratien und wettbewerbsfixierten Patentamtswelten gilt ein solches gesellschaftliches Ideal geradezu als l\u00e4cherlich \u2013 ebenso zahlreiche Bem\u00fchungen, die sozialen Zusammenhalt und intergenerationelle Kontinuit\u00e4t stiften oder das kulturelle Erbe pflegen. Auch wir \u2013 gew\u00f6hnliche moderne Menschen \u2013 stellen uns nicht selten die Beitr\u00e4ge von Subsistenzgemeinschaften oder Nomadenst\u00e4mmen zu umweltfreundlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen als primitiv, unzivilisiert und hoffnungslos r\u00fcckst\u00e4ndig vor (und sie als solche dar).<sup>44<\/sup> Wir sind in einem \u00bbNarrativ des Fortschritts\u00ab gefangen, das auch von staatlichen Institutionen reproduziert wird: Wir m\u00fcssen wachsen (nach in Konzernetagen erfundenen Zielmarken), damit wir uns am Weltmarkt gegen die anderen durchsetzen. Wir sollen uns an der Weltspitze orientieren, damit wir nicht zur\u00fcckbleiben. Und beim technologischen Fortschritt abgeh\u00e4ngt zu werden gilt als potenzielle H\u00f6chststrafe in Wirtschaft und Politik. Eine (hochtechnologische) Innovation um die andere wird durch die Amtsstuben gepaukt \u2013 nicht immer bleibt da Zeit, den gesellschaftlichen Nutzen und die gesellschaftlichen Kosten abzuw\u00e4gen. All dies macht es den H\u00fcterinnen und H\u00fctern staatlicher Macht schwer, sich die Idee eines kulturellen und gesellschaftlichen Wandels hin zu mehr Commons zu eigen zu machen. Geschweige denn, sich eine commons-basierte Gesellschaft auch nur vorzustellen. Und \u2013 auch das ist nachvollziehbar \u2013 warum sollten die Repr\u00e4sentantinnen und Repr\u00e4sentanten der Staatsmacht <em>\u00fcberhaupt<\/em> Befugnisse an Akteure \u00bbjenseits von Markt und Staat\u00ab abtreten? Warum sollten sie ein Tun unterst\u00fctzen, das wenig Marktwert hat oder zumindest nicht darauf ausgerichtet ist? Warum sollten Menschen im Zentrum der Wirtschaftspolitik stehen, die nicht verd\u00e4chtig sind, beim Rennen um Platz Eins in der Exportweltmeisterschaft irgendeinen \u2013 geschweige denn den ersten \u2013 Platz belegen zu wollen? Das k\u00f6nnte ja die \u00f6konomischen Eliten ver\u00e4rgern und die politische Ordnung st\u00f6ren. Menschen zu erlauben, sich aus dem Kreislauf des Markt-Staat-Systems zur\u00fcckzuziehen, k\u00f6nnte auch die Sehnsucht nach Selbstbestimmung st\u00e4rken. Es w\u00fcrde bedeuten, Kontrolle aufzugeben, Experimente zu f\u00f6rdern und in deren Windschatten vielleicht Forderungen nach mehr Autonomie unterstreichen. Wenn Menschen ihr Alltagsleben dem Markt entziehen und sich abgew\u00f6hnen, vom Staat abh\u00e4ngig zu sein, dann k\u00f6nnte das nicht nur der beh\u00f6rdlichen Autorit\u00e4t schaden, sondern auch die Steuereinnahmen verringern. Umgekehrt aber w\u00fcrde es viele staatliche Ausgaben \u00fcberfl\u00fcssig machen.<\/p>\n<p>In der B\u00fcrokratie und der Politik muss demnach eine tiefsitzende Skepsis gegen\u00fcber Commoning \u00fcberwunden werden, wenn Commons sich als alternative Matrix von Governance und sorgendem &amp; selbstbestimmtem Wirtschaften entfalten sollen. Doch Zwischenetappen sind denkbar. Wie bereits gesagt, ist \u00bbder Staat\u00ab keine monolithische Institution. Auch wenn Funktion\u00e4re gern ihre Autorit\u00e4t verteidigen, k\u00f6nnte es manchen vorteilhaft erscheinen, Commoning zu unterst\u00fctzen und zu autorisieren. Auf lokaler Ebene bedeutet das: Gemeinschaftsg\u00e4rten Land zuweisen, Commoners Baugenehmigungen erteilen, ihnen den Zugang und den Betrieb von Geb\u00e4uden erlauben, Freie Software in die Verwaltung holen, Gemeinschafts-WLAN und Freifunk \u00fcberall, Open Educational Resources (OER) im Unterricht einsetzen, die besten Lagen f\u00fcr Umsonst-L\u00e4den, Reparaturcaf\u00e9s und Offene Werkst\u00e4tten und vieles mehr. Wer staatliche Macht aus\u00fcbt, der ist sich durchaus bewusst, wie notwendig \u00f6ffentlicher R\u00fcckhalt f\u00fcr die eigene Daseinsberechtigung ist. Auf internationaler Ebene unterst\u00fctzen engagierte Politikerinnen und Politiker angesichts teils erbitterter sozialer Proteste gegen Extraktivismus und das internationale Handelsregime die Suche nach glaubw\u00fcrdigen M\u00f6glichkeiten, den Zw\u00e4ngen des neoliberalen Kapitalismus zu entkommen. Sie gestehen die Vers\u00e4umnisse der kapitalistischen Marktwirtschaft und des Fortschrittsnarrativs ein. Hohe Energie- und Transportaufw\u00e4nde, Klimazusammenbruch, soziale Spaltung, Ausgrenzung und strukturelle Diskriminierungen sind in einem \u00bbWeiter wie bisher\u00ab nicht zu vermeiden. Gleichzeitig f\u00fcrchten sie mit den Dogmen \u00bbfreier M\u00e4rkte\u00ab und \u00bbnationaler Identit\u00e4ten\u00ab zu brechen. In vielen L\u00e4ndern haben autorit\u00e4re Bewegungen einige der Vers\u00e4umnisse des Markt-Staat-Systems aufgegriffen, um nationalistische Tendenzen zu befeuern. Auch wenn es hier um komplizierte und vielschichtige Prozesse geht, die in den 2010er Jahren etliche nicht minder autorit\u00e4re und nationalistische Regierungen durch freie, demokratische Wahlen an die Macht sp\u00fclte, ist festzuhalten, dass dieser Trend auch teilweise von einer Suche nach Sinn, Zweck und Zugeh\u00f6rigkeit angetrieben wird, die der Markt-Staat nicht erf\u00fcllen kann. In dieser Situation klammern sich die politische Linke und die politische Mitte einstweilen an die \u00fcblichen Instrumente: neue Gesetze, Ma\u00dfnahmenpakete und Verfahrensreformen. Das wirkt nicht selten wie Politik im fernen Staatstheater (Parlamente, Beh\u00f6rden, Gerichte), von der sich die Menschen nicht pers\u00f6nlich mitgenommen f\u00fchlen. Zudem bleiben viele liberale und progressive Kr\u00e4fte der herrschenden Fortschrittserz\u00e4hlung verbunden und zeigen wenig Enthusiasmus f\u00fcr einen tieferen kulturellen Wandel. Die kulturellen Dimensionen commons-basierter Initiativen in der Agrar\u00f6kologie, den Plattformkooperativen, der Transition-Town-Bewegung, der kosmo-lokalen Produktion, in vielen spirituellen Praktiken und den unz\u00e4hligen Selbsthilfeorganisationen stehen nicht auf der politischen Tagesordnung. Sie gelten als zu unbedeutend, um ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>Wenn wir es recht bedenken, \u00fcberl\u00e4sst der politische Mainstream die \u00bbPolitik des Lokalen und Vernakul\u00e4ren\u00ab den Autorit\u00e4ren und Identit\u00e4ren. Derweil ist sie besch\u00e4ftigt mit inner- und interinstitutionellen Logiken, Machtkalk\u00fclen und den \u00fcblichen <em>Formen<\/em> von Recht und Politik \u2013 ohne Kompass f\u00fcr grunds\u00e4tzlich andere M\u00f6glichkeiten, gew\u00f6hnliche Menschen in ihrem Tun so zu unterst\u00fctzen, dass es Sinn stiftet sowie Beziehungen kn\u00fcpft und st\u00e4rkt, statt uns weiter auseinanderzutreiben. Der Anthropologe David Graeber hat einmal gesagt, das Problem der Linken sei, dass sie keine glaubw\u00fcrdige Alternative zur B\u00fcrokratie anbieten kann.<sup>45<\/sup> Er hat recht, die Progressiven haben ein Problem, und wir brauchen eine Alternative. Deswegen sollten wir uns ernsthaft der Frage widmen, wie Menschen sich als daseinsm\u00e4chtig erleben k\u00f6nnen. Daseinsm\u00e4chtigkeit als politische Kernaufgabe. Es sind Formen zu finden, die unseren Sinn f\u00fcr lokale Identit\u00e4t mit einbeziehen, ohne Gemeinschaften der Rechtschaffenen und Verbitterten zu schaffen. Wir haben auf einige dieser Formen in Teil II dieses Buches hingewiesen und zu zeigen versucht, wie in Commons viele Herausforderungen konstruktiv und demokratischer angepackt werden. Das sollte ein \u00fcberzeugender Grund f\u00fcr die Politik sein, diesen Weg zu unterst\u00fctzen und eine noch in den Kinderschuhen steckende Agenda auf eine neue Ebene zu heben. Viele Befugnisse k\u00f6nnten direkt an Commoners \u00fcbertragen und damit b\u00fcrokratischer Aufwand (und Kontrolle) minimiert werden. Rechtliche Befugnisse sind nicht so einfach \u00fcbertragbar. Doch auch das ist m\u00f6glich. Jedenfalls kann staatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr Commoning viele neue M\u00f6glichkeiten der Koordination, innovative Rechtsformen, andere Infrastrukturen, Bildungsma\u00dfnahmen und -inhalte umfassen. Vier M\u00f6glichkeiten staatlicher Unterst\u00fctzung konnten wir identifizieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1216\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1565\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-300x166.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-768x424.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-1612x890.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-1116x616.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-806x445.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-558x308.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.2_c-655x362.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><br \/>\n<em><strong>Katalysieren &amp; Weitertragen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Stellen Sie sich eine Stadt vor, in der Superm\u00e4rkte als Mitarbeits-Kooperativen betrieben werden und es der Mehrheit nicht nur m\u00f6glich, sondern zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit wird, hochwertige Lebensmittel zu kaufen, die lokal, fair und \u00f6ko-verantwortlich hergestellt werden. Plattformkooperativen vermitteln den \u00f6rtlichen Taxiservice genauso wie die Unterk\u00fcnfte f\u00fcr G\u00e4ste. Davon haben sowohl die Haushalte etwas als auch die Nachbarschaften, St\u00e4dte und Gemeinden. Eine heterarchisch strukturierte Organisation, die (F\u00fcr-)Sorge in den Mittelpunkt stellt \u2013 wie Buurtzorg (Kapitel 1) \u2013 sorgt f\u00fcr die h\u00e4usliche Pflege. Solaranlagen auf den D\u00e4chern erzeugen Strom, der durch \u00bbDistributed-Ledger-Technik\u00ab (vgl. Kapitel 10) gepoolt und weiterverteilt wird.<sup>46<\/sup> Das reduziert die Stromkosten und erm\u00f6glicht der \u00f6ffentlichen Hand, ihre Beteiligungen an fossilen Energietr\u00e4gern und der Atomkraft zu ver\u00e4u\u00dfern. Daneben gibt es in einigen St\u00e4dten und Gemeinden Prozesse f\u00fcr wegweisenden Klimaschutz+, durch die \u00bbnicht nur die Energiequellen ver\u00e4ndert werden, sondern auch die Energieindustrie Richtung Gemeinwohl statt shareholder value\u00ab.<sup>47<\/sup> Klimaschutz+ hei\u00dft \u2013 wie etwa im norddeutschen Bremen \u2013 nicht nur 100 Prozent erneuerbare Energien, sondern mitstiften, global umverteilen und \u00fcber Zukunftsinvestitionen mitentscheiden.<sup>48<\/sup> Auf allen Ebenen stellen staatliche Institutionen Infrastrukturen, Finanzierung und technische Beratung zur Verf\u00fcgung, sodass Menschen ihre eigenen offenen Werkst\u00e4tten und Fablabs, SoLaWis, Gesundheitszentren, Gemeinschaftsg\u00e4rten, Reparaturcaf\u00e9s und Zeitbanken gr\u00fcnden k\u00f6nnen.<sup>49<\/sup><\/p>\n<p>Dieses Szenario mag utopisch erscheinen (ausgenommen vielleicht im belgischen Geel<sup>50<\/sup> und anderen St\u00e4dten und Gemeinden). Das liegt aber vor allem daran, dass sich staatliche Institutionen deutlich und doch oft unsichtbar darauf festgelegt haben, das Marktsystem zu st\u00fctzen, weshalb f\u00fcr andere Szenarien kein Platz mehr zu existieren scheint. Angesichts der enormen Kosten dieses Ansatzes sowie der Ungleichheiten und Unsicherheiten, die es produziert (das Klagelied \u00fcber fehlende Haushaltsmittel als Dauerbrenner) \u2013 m\u00fcssten scharfsinnige H\u00fcter der Staatsmacht den Commons-Ansatz sehr reizvoll finden. Sie k\u00f6nnten die Kreativit\u00e4t vieler Menschen einbeziehen. Sie k\u00f6nnten das wirken lassen, was Leute wirklich gerne tun und worin sie Sinn sehen und gleichzeitig erreichen, dass unsere Bed\u00fcrfnisse in einer Weise befriedigt werden, die fair, selbstbestimmt und verantwortungsvoll ist und oft auch effizienter und kosteng\u00fcnstiger. Ein Staat kann einen Teil der gewaltigen Kapazit\u00e4ten in die F\u00f6rderung von Commons stecken, die sonst in zentralisierte Infrastrukturen, die Rettung von Banken- und Finanzsystemen und in Gesetzeswerke gesteckt werden, die ausschlie\u00dflich Wettbewerbsf\u00e4higkeit f\u00f6rdern sollen, als w\u00e4re dies der Stein der Weisen. Auch Gesetze k\u00f6nnten commons-freundlicher werden: So k\u00f6nnte der Gesetzgeber beschlie\u00dfen, dass alle Inhalte, zu deren Erarbeitung \u00f6ffentliche Finanzierung beigetragen hat, frei lizensiert werden m\u00fcssen. Beziehungshaftes Eigentum an Land k\u00f6nnte rechtlich ebenso gest\u00e4rkt werden wie kooperative oder P2P-Finanzierungsformen. Eine im Gesetz verankerte Privilegierung von CSX, das hei\u00dft von <em>community supported everything<\/em> (also gemeinschaftsgetragenen Initiativen aller Art, analog zu Artabana oder zur Solidarischen Landwirtschaft) w\u00e4re erfolgversprechend, denn dort greifen andere, unmittelbare Kontrollmechanismen, was dem Staat erlaubt, sich zur\u00fcckzuziehen. Es kann Programme f\u00fcr infrastrukturelle, rechtliche und technische Unterst\u00fctzung aller Art geben. Kurz gesagt: Macht und Mittel staatlicher Institutionen k\u00f6nnten vielf\u00e4ltig eingesetzt werden, um Commons zu katalysieren &amp; weiterzutragen.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Kontaktstellen f\u00fcr Commons?<\/h4>\n<p>Eine Kontaktstelle, statt zu jeder Beh\u00f6rde und Amtsstube extra laufen m\u00fcssen! F\u00fcr viele Projekte w\u00e4re dies wie ein F\u00fcnfer im Lotto. In einer solchen Kontaktstelle muss spezifisches Wissen zusammengetragen werden, um den \u00bbundurchsichtigen Dschungel von Regeln und Regulierungen [zu durchdringen]\u00ab mit dem Commoners konfrontiert sind. Sie muss zudem unabh\u00e4ngig agieren und agieren d\u00fcrfen, etwa weil sie direkt beim B\u00fcrgermeisteramt angesiedelt ist. Die Kontaktpersonen w\u00e4ren sehr weitgehend befugt, Genehmigungen zu erteilen und finanzielle F\u00f6rderung zu gew\u00e4hren. Ein Schritt in diese Richtung geht Amsterdam mit den sogenannten \u00bbgebieds-makelaars\u00ab. Die \u00bbMakler\u00ab pflegen die Beziehungen zu den B\u00fcrgerinitiativen und vermitteln Wissen und Information zwischen Verwaltung und B\u00fcrgerschaft. Allerdings fehlt ihnen die entsprechende, unabh\u00e4ngige Verortung in der B\u00fcrokratie sowie die Macht und die Ausstattung, sie zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Quelle: Jens Kimmel, Till Gentzsch und Sophie Bloemen: URBAN COMMONS SHARED SPACES, Commons Network &amp; raumlaborberlin, November 2018, Berlin-Amsterdam, www.commonsnetwork.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/SharedSpacesCommonsNetwork.pdf<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Die Herausforderung ist gewaltig, denn Commons st\u00e4rker sichtbar zu machen und dadurch ein umfassendes Narrativ von Kooperation, Weitergabe und gemeinsamer Nutzung zu entwickeln, das ist haupts\u00e4chlich eine kulturelle Frage. Staatlich unterst\u00fctzte Institutionen k\u00f6nnten als Kontaktstellen (siehe obigen Kasten) dienen. Diese bieten Beratung zu Technik, Recht und Finanzierung der Selbstorganisation durch Gleichrangige und f\u00f6rdern so sorgendes &amp; selbstbestimmtes Wirtschaften in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen (Landwirtschaft, soziale Dienstleistungen, Energie, alternative W\u00e4hrungen etc.). Ein \u00fcberregionales B\u00fcro f\u00fcr Zeitbanken k\u00f6nnte solch ein System deutlich ausweiten. Staatliche Unterst\u00fctzung k\u00f6nnte bei der Etablierung von SoLaWis, dem Kauf von Land f\u00fcr Wohn-Commons, der Finanzierung von Dienstleistungen in der Nachbarschaft, der technischen Beratung bei der Gr\u00fcndung von Fab Labs und der F\u00f6rderung wenig bekannter Innovationen abseits des Rampenlichts unermessliche Hilfe leisten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1213\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c.jpg\" alt=\"\" width=\"1656\" height=\"1124\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c.jpg 1656w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-300x204.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-768x521.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-1612x1094.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-1116x757.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-806x547.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-558x379.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.3_c-655x445.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1656px) 100vw, 1656px\" \/><br \/>\n<em><strong>Commons auf der Makroebene etablieren<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Staatliche Institutionen sind auch deshalb f\u00fcr Commons wichtig, weil sie Koordination im Gro\u00dfem leisten k\u00f6nnen. W\u00e4lder, Wasserwege, Weideland und Rohstoffvorkommen erstrecken sich h\u00e4ufig \u00fcber gro\u00dfe Gebiete und \u00fcber politische Grenzen hinweg. Das zwingt zu rechtlicher und administrativer Abstimmung auf Makroebene, denn es muss Einigung \u00fcber die verschiedenen \u2013 oft im Konflikt miteinander liegenden \u2013 Nutzungsanspr\u00fcche hergestellt werden. Es zwingt auch dazu, die Einzugsbereiche verschiedener Commons oder anderer Arrangements zu definieren und gegebenenfalls voneinander abzugrenzen. Ein Beispiel f\u00fcr solch ein \u00bbMacro-Projekt\u00ab, das sich an Grenzen von \u00d6kosystemen (und nicht von L\u00e4ndern) orientiert, begann in den Niederlanden. Es tr\u00e4gt den Namen \u00bbK\u00f6nig der Wiesen\u00ab,<sup>51<\/sup> denn viele Menschen fanden das Verschwinden der einst h\u00e4ufig vorkommenden Uferschnepfe alarmierend. Die Landwirtschaft hatte ihren Lebensraum \u2013 die Wiesen \u2013 vernichtet. Das Projekt brachte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus der Land- und Milchwirtschaft, der Musik, der Kunst, der Wissenschaft und dar\u00fcber hinaus zusammen und zielte darauf ab, sich wieder mit der Landschaft selbst zu verbinden und Formen der \u00bbnaturnahen Landwirtschaft\u00ab zu f\u00f6rdern. Man wollte so der Uferschnepfe die Wiederansiedelung erm\u00f6glichen, die Verbindung zwischen biologischer und kultureller Vielfalt sichtbar machen und \u2013 im Wortsinne \u2013 feiern. Inzwischen ist die Initiative robust und \u00fcberregional vernetzt, denn die \u00f6kologischen Probleme enden nicht an den Landesgrenzen.<\/p>\n<p>In solchen F\u00e4llen k\u00f6nnen staatliche Institutionen sich n\u00fctzlich machen, etwa indem sie gemeinsam nutzbare \u00bbMakro-Plattformen\u00ab bereitstellen, die die Koordination von Aktivit\u00e4ten erleichtern, die \u00fcber die Probleml\u00f6sungsf\u00e4higkeiten einzelner Commons hinausgehen. Auch niederschwellige Konfliktl\u00f6sungsangebote (Mediation) oder Unterst\u00fctzung bei Verhandlungen \u00fcber Grenzen hinweg als \u00bbehrlicher Makler\u00ab bieten sich als Rolle an. Nat\u00fcrlich muss die politische Chemie stimmen, damit eine solche Funktion im Sinne der Commons (und nicht-nationalstaatlicher Interessen) ausgef\u00fcllt werden kann. Das wiederum ist von vielen Faktoren abh\u00e4ngig, die im Einzelfall zu pr\u00fcfen w\u00e4ren \u2013 doch insgesamt ist eine Vermittlungs- und Schlichtungsrolle f\u00fcr \u00bbden Staat\u00ab machbar und plausibel.<\/p>\n<p>Wenn es deutlich sichtbare Unterst\u00fctzung durch die \u00d6ffentlichkeit gibt, dann gehen Beh\u00f6rden auch einmal neue Wege. Nach einer langanhaltenden Kontroverse \u00fcber die Bewirtschaftung des Siuslaw-Nationalwaldes in Oregon\/USA in den 1990er Jahren hat die U.S.-Forstverwaltung entschieden, die \u00fcblichen b\u00fcrokratischen Verfahren aufzugeben, in denen bis dahin parlamentarische Politik und Lobbying seitens der Industrie immer eine gro\u00dfe Rolle spielten. Stattdessen lud sie alle, die irgendein Nutzungsinteresse an den W\u00e4ldern haben, zu offenen \u00bbGespr\u00e4chen am runden Tisch\u00ab ein. Es ging darum zu diskutieren, wie die Waldpolitik die konkurrierenden Interessen von Holzunternehmen, Umweltschutz, Sportfischerei, ortsans\u00e4ssigen Gemeinschaften, Erholungssuchenden und anderen unter einen Hut bringen k\u00f6nnte. Die Beh\u00f6rde richtete einen Rat f\u00fcr das Wassereinzugsgebiet ein, der Interessengruppen, die miteinander im Streit lagen, dabei unterst\u00fctzte, das Misstrauen zu \u00fcberwinden und einen dauerhaft tragf\u00e4higen Konsens (etwa \u00fcber Zust\u00e4ndigkeitsfragen) zu erzielen. Wenn zum Beispiel Lachse in Nordamerika in einem Teil des Wassereinzugsgebiets laichen und sp\u00e4ter hunderte Kilometer zum Meer schwimmen, \u00fcberqueren sie Grenzen zwischen Bundesstaaten. Das macht es f\u00fcr einzelne Bundesstaaten schwer, verbindliche L\u00f6sungen zu entwickeln, die dem Gesamtsystem gerecht werden. Die Mediationsangebote ermutigten die Menschen auch, langfristige Pl\u00e4ne in Erw\u00e4gung zu ziehen, die im Normalbetrieb b\u00fcrokratischen Handelns oder im Zuge von Rechtsstreitigkeiten nie entwickelt worden w\u00e4ren. So wurden alte Forststra\u00dfen stillgelegt, Holz in \u00f6kologisch verantwortlicher Weise geschlagen und der Lebensraum von Fischen in B\u00e4chen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt.<sup>52<\/sup><\/p>\n<p>In den letzten Jahren sind einige bemerkenswerte neue Rechtsinstrumente geschaffen worden, die Commoning sch\u00fctzen. So ist die Regierung von Neuseeland den Forderungen der Maori nachgekommen, dem Whanganui-Fluss eine Rechtspers\u00f6nlichkeit zuzugestehen (mehr rechtliche Anerkennung unseres Seins als Beziehung mit der \u00bbmehr-als-menschlichen Welt\u00ab ist kaum m\u00f6glich). Die Regierung erkannte den Fluss dabei als \u00bbunteilbares und lebendes Ganzes [an] \u2026 von den Bergen bis zum Meer, unter Einbeziehung all seiner physischen und metaphysischen Elemente\u00ab.<sup>53<\/sup> Das Gesetz erkennt auch das Volk der Whanganui iwi als H\u00fcter des Flusses an und unterst\u00fctzt damit die fortdauernde Aus\u00fcbung traditioneller Commoning-Praktiken rund um denselben. In Peru hat das Volk der Quechua ein Gebiet des indigenen biokulturellen Erbes, auch Kartoffelpark genannt, eingerichtet, das von den Quechua bewirtschaftet wird.<sup>54<\/sup> Da dieses Rechtsinstrument von peruanischen Gerichten anerkannt wird, haben die Quechua mehr Sicherheit, dass ihre eng mit dem Land, der Gemeinschaft und spirituellen Ritualen verbundene Lebensweise respektiert wird. Am bemerkenswertesten ist jedoch, dass die rechtlichen Schutzmechanismen den Quechua helfen, sich gegen Biopiraterie zu sch\u00fctzen \u2013 etwa gegen Versuche von Biotechnologiekonzernen, die genetischen Informationen seltener Kartoffelsorten zu patentieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1214\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c.jpg\" alt=\"\" width=\"2835\" height=\"1253\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c.jpg 2835w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-300x133.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-768x339.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-1612x712.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-1116x493.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-806x356.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-558x247.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.4_c-655x289.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 2835px) 100vw, 2835px\" \/><br \/>\n<em><strong>Infrastrukturen f\u00fcr Commoning bereitstellen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt immer Mittel und Wege, wie staatliche Institutionen verschiedene Unternehmungen unterst\u00fctzen k\u00f6nnen: etwa durch geeignete Infrastrukturen oder technische Standards, die Interoperabilit\u00e4t erm\u00f6glichen und Sicherheit bieten. Infrastrukturen, die nach Commons-Prinzipien gestaltet werden \u2013 oder m\u00f6glichst so, dass Commoners sie selbst betreiben k\u00f6nnen \u2013, machen es leichter und billiger, dass Menschen ihre eigenen Strukturen aufbauen. Das klassische Beispiel ist die Entwicklung der technischen Protokolle TCP\/IP durch die US-Regierung. Dank dieser Protokolle wurde es m\u00f6glich, unterschiedliche Rechnernetzwerke miteinander zu einem einzigen, integrierten Netzwerk, dem Internet, zu verbinden. Instanzen des Staats k\u00f6nnten heute \u00c4hnliches tun, indem sie offene technische Standards akzeptieren oder sogar die Begrenzung propriet\u00e4rer Kontrolle fordern. Zugleich k\u00f6nnte daf\u00fcr Sorge getragen werden, dass die machtvollsten Unternehmen nicht einfach diese offenen Standards nutzen, um den Innovationsraum zu besetzen. Genau das meinen wir, wenn wir sagen: Wir brauchen \u00bboffene, aber gesch\u00fctzte\u00ab Commons (siehe S. 68 und 124), denn Offenheit soll den Wettbewerb nicht noch anheizen, wohl aber Interoperabilit\u00e4t erm\u00f6glichen und diskriminierungsfreien Zugang gew\u00e4hrleisten (wie Plattformneutralit\u00e4t es tut).<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte offene technische Standards zur Bedingung f\u00fcr Beschaffungen der \u00d6ffentlichen Hand machen und so freie und quelloffene Software zum Normalfall in allen Beh\u00f6rden und vor allem Schulen. Statt auf propriet\u00e4re Software gepolt, w\u00fcrden Sch\u00fcler kenntnisreich im Umgang mit GNU\/Linux und Freier Software ihren Schulabschluss machen. Schulen w\u00e4ren nicht zum verl\u00e4ngerten Arm der Marketing-Abteilung gro\u00dfer Software-Konzerne degradiert. Das h\u00e4tte Folgen f\u00fcr die Bildung, das Hochschulwesen, die kommunale Verwaltung und mithin f\u00fcr die Allgemeinheit. Wenn staatliche Institutionen bestimmte Protokolle f\u00fcr Textverarbeitungs-, Datenbank- und Mail-Software sowie Programmierschnittstellen (die technischen Verkn\u00fcpfungen zwischen Softwareprogrammen und Betriebssystemen) bef\u00fcrworten, f\u00f6rdern sie damit die Entwicklung in diesem Bereich und umgehen propriet\u00e4re Plattformen, die Apple und Google geh\u00f6ren. Open-Design-Protokolle f\u00fcr Energienetze k\u00f6nnten den Erfolg des Internets nachbilden und Kommunalverwaltungen Plattformkooperativen f\u00fcr Wohnraum, taxi-\u00e4hnliche Verkehrsdienstleistungen und Informationsdienste aufbauen helfen, die der Bev\u00f6lkerung zugutekommen.<\/p>\n<p>Staatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr commons-basierte Infrastrukturen bedeutet, die private Machtkonzentration zu neutralisieren. Wenn Infrastrukturen der Allgemeinheit dienen sollen, dann m\u00fcssen sie \u2013 und das ist entscheidend \u2013 diskriminierungsfrei sein. Das hei\u00dft, keine Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern kann willk\u00fcrlich vom Zugang ausgeschlossen werden.<sup>55<\/sup> Aus diesem Grund hat das NIH (National Institutes of Health, die wichtigste Institution f\u00fcr staatlich gef\u00f6rderte biomedizinische Forschung in den USA) f\u00fcr aus Steuergeldern finanzierte Forschung vorgeschrieben, dass Protokolle und Publikationen frei zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen. So wird au\u00dferdem die transparente Verwendung \u00f6ffentlicher Mittel gew\u00e4hrleistet.<sup>56<\/sup> Das Leitprinzip ist einfach: Was \u00f6ffentlich finanziert wurde, muss \u00f6ffentlich bleiben.<\/p>\n<p>Direkte Infrastrukturinvestitionen, um Commoning zu unterst\u00fctzen, sind immer eine attraktive Option. Gemeinden k\u00f6nnen WLAN an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen einrichten oder Serverkapazit\u00e4ten f\u00fcr Websites, E-Mail und Daten kostenlos zur Verf\u00fcgung stellen. In vielen St\u00e4dten der Welt \u2013 von Tel Aviv bis Mexiko City \u2013 gibt es das bereits. Besonders bemerkenswert ist die Stadt Linz mit ihrer Initiative Open Commons Linz.<sup>57<\/sup> Oder Staaten k\u00f6nnten Initiativen wie Freifunk unterst\u00fctzen, ein Netzwerk von Menschen, das in ganz Deutschland ein kostenloses WLAN-Netzwerk in etwa 400 Gemeinden und mehr als 41.000 Zugangspunkten aufgebaut hat.<sup>58<\/sup><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1211\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c.jpg\" alt=\"\" width=\"1779\" height=\"1776\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c.jpg 1779w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-150x150.jpg 150w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-300x300.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-768x767.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-468x468.jpg 468w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-1612x1609.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-1116x1114.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-806x805.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-558x557.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_9.5_c-655x654.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1779px) 100vw, 1779px\" \/><br \/>\n<em><strong>Neue Finanzierungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Commons schaffen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Staatliche Instanzen k\u00f6nnen vielf\u00e4ltigste Commoning-Praktiken durch die Einf\u00fchrung Commons-freundlicher Finanzierungsformen unterst\u00fctzen. Schlie\u00dflich operieren Commons als nicht-marktliche Systeme im Kontext des kapitalistischen Marktes. Sie ben\u00f6tigen also Kredite oder Finanzierungen, um eigene Einrichtungen und Infrastrukturen aufzubauen, Arbeitsleistungen zu bezahlen oder einzukaufen, was sie nicht selbst herstellen k\u00f6nnen. Dabei versuchen sie, keine Schulden zu machen und jene Geldgeber zu vermeiden, durch die sie in die Welt des Wettbewerbs und Wachstums hineingezogen werden. Beispiele f\u00fcr diesen Gedanken kennen wir alle aus dem Alltag. Nehmen wir Neudenau an der Jagst. Seit Beginn der 2000er Jahre wird das dortige Freibad vereinsgef\u00fchrt \u2013 nachdem sich die Stadt \u00bbdas Bad nicht mehr leisten konnte\u00ab, leisten sich nun die Neudenauerinnen und Neudenauer selbst ein Bad. Auch im Jahr des Erscheinens dieses Buches sind wieder Sanierungsarbeiten f\u00e4llig. Circa 200.000 Euro dieses Mal. Das wird nicht kreditfinanziert. M\u00fcsste der Verein einen Kredit aufnehmen, dann w\u00e4ren entweder stark steigende Einnahmen n\u00f6tig, um die Zinsen zu bedienen. Oder sehr viel \u00f6ffentliche F\u00f6rderung. Der Verein hat aber das Ziel des Erhalts und nicht des Wachstums. Die Stadt kann dieses Ziel unterst\u00fctzen (das tut sie auch). Immerhin hat sie noch ein Bad (verf\u00fcgt aber nicht mehr dar\u00fcber), w\u00e4hrend in anderen St\u00e4dten des reichen Baden-W\u00fcrttemberg weitere Freib\u00e4der schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich gilt: Wenn finanzielle Hilfe an \u00bbCommons-fremde\u00ab Bedingungen gekn\u00fcpft ist, dann ist es besser, sie abzulehnen, denn sie geht mit einem Verlust an Freiheit und Selbstbestimmung einher. Problematisch sind auch Finanzierungsformen, die es privaten Akteuren erlauben, sich die in Commons geschaffenen Werte anzueignen (etwa durch Kapitalbeteiligungen, die Banken bzw. Investorinnen und Investoren das Recht einr\u00e4umen, Gewinne abzusch\u00f6pfen oder gemeinsame Verm\u00f6genswerte f\u00fcr sich zu beanspruchen). Die Logik im Umgang mit externer Finanzierung muss immer dieselbe bleiben: Was im Commons geschaffen wurde, muss Commons bleiben.<\/p>\n<p>Commons-Finanzierung ist ein Feld f\u00fcr Experimente und Innovationen. Zwar gibt es einige Institutionen, die Kredite an soziale, \u00f6kologische und gemeinwohlorientierte Unternehmen vergeben (Institutionen zur F\u00f6rderung der Kommunalentwicklung, einige Kreditgenossenschaften, soziale und ethische Banken<sup>59<\/sup>), aber meist sind solche Finanzierungen darauf ausgerichtet, am Markt agierenden Unternehmen weniger belastende Kreditbedingungen (niedrigere Zinss\u00e4tze, leichtere Kreditbewilligung etc.) zu gew\u00e4hren. Wir brauchen aber mehr Finanzierungen, die es erm\u00f6glichen, dem Kraftfeld von M\u00e4rkten und Kreditwirtschaft (Wettbewerb, Wachstum und Gewinnerwartungen) \u00fcberhaupt zu entgehen. Wir brauchen Finanzierungen, die das Ziel verfolgen, Commons als Commons zu unterst\u00fctzen \u2013 zu ihren eigenen Bedingungen, statt nur als \u00bbethische Juniorplayer\u00ab im Gesamtsystem. Solche Finanzierungen, wie sie von einigen Stiftungen oder treuh\u00e4nderischen Organisationen sozial-ethischer Banken m\u00f6glich gemacht werden, k\u00f6nnen verst\u00e4rkt vom Staat ausgehen \u2013 mit geringen administrativen H\u00fcrden und m\u00f6glichst ohne wettbewerbsbasierte Ans\u00e4tze z.B. durch Risikob\u00fcrgschaften, wie es in der F\u00f6rderung politisch gew\u00fcnschter Handelsbeziehungen durch Hermes-B\u00fcrgschaften Gang und G\u00e4be ist. Das hei\u00dft, die Konditionen und Grundkonzeptionen von Ausschreibungen m\u00fcssen sich \u00e4ndern. Weniger vordefinierte Ziele und Indikatoren, weniger Wettbewerbsmodus im Antragsverfahren, weniger Antragslyrik und \u00bbThe winner takes it all\u00ab-Mentalit\u00e4t, bei der alle anderen Kraft und Motivation daf\u00fcr verschwenden, um Gelder zu bitten, die sie nicht bekommen. Die Einen \u2013 vor Ort \u2013 bitten um Gelder. Die Anderen \u2013 in Amtstuben \u2013 gew\u00e4hren sie. Ablehnung und Gew\u00e4hrung erfolgen ohne Kenntnis der Situation vor Ort. K\u00f6nnen wir uns Vergabeverfahren denken, die grunds\u00e4tzlich mit offenen, vertrauensbildenden Gespr\u00e4chen einhergehen? Verfahren, die f\u00fcr alle Beteiligten als Lernprozess angelegt sind, statt Antragstellende in der Situation der Bittsteller zu wissen, die einen m\u00e4chtigen Vergabeausschuss um Mittel anflehen, die sie mit leb-(und meist sinn-)losen Kennzahlen und oft oberfl\u00e4chlichen \u00bbErfolgsindikatoren\u00ab nachweisen?<\/p>\n<p>Andere Optionen sind noch besser; und sie k\u00f6nnen durch aktive staatliche Unterst\u00fctzung wachsen. Commoners k\u00f6nnen selbst Kreditgeber sein und sich einander, im Verbund oder im Netzwerk, Geld leihen wie bei den Kreditgesellschaften auf Gegenseitigkeit im 19. Jahrhundert. Heute wird das oft \u00bbP2P- Kredit\u00ab<sup>60<\/sup> genannt. Die Beteiligten k\u00f6nnen selbst die R\u00fcckzahlung \u00fcberwachen, \u00e4hnlich wie bei Mikrokreditsystemen, aber ohne hohe Zinsen an externe Kapitalquellen zu zahlen. Selbstverst\u00e4ndlich muss es dabei immer wirksame interne Instrumente geben, um f\u00fcr Transparenz zu sorgen und die Zahlungsfl\u00fcsse zu \u00fcberwachen. Solche Formen der Selbstfinanzierung und des \u00bbIn-die-Zukunft-Weitergebens\u00ab (anstelle des Zur\u00fcckzahlens) haben viel Potenzial, Commoners langfristig unabh\u00e4ngiger vom Markt-Staat-System zu machen. Wir haben am Beispiel des Mietsh\u00e4user Syndikats gesehen, wie das funktioniert: Mittel der Mieterinnen und Mieter werden gepoolt und dann f\u00fcr den Kauf weiterer \u00bbMietsh\u00e4user\u00ab verwendet.<\/p>\n<h4>Commons und Subsidiarit\u00e4t<\/h4>\n<p>Mehr gesellschaftlicher R\u00fcckhalt f\u00fcr Commons ist ein Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr deren Erfolg. Er wird gebraucht, um Commons voranzubringen und um sicherzustellen, dass \u00bbder Staat\u00ab selbstbestimmte Initiativen nicht \u00fcberrennt, entwertet oder vereinnahmt. Das ist ein schwieriges Feld. Wer aktive staatliche Unterst\u00fctzung sucht, kann jedoch in vertrackten politischen Situationen enden. Denn Commons und Staat <em>sind<\/em> heute eng miteinander verbunden. Der Grat zwischen F\u00f6rderung und Einmischung ist wirklich schmal. Deswegen sollte die Rolle des Staates gering und auf Allgemeines beschr\u00e4nkt bleiben, so dass Commoners gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Ermessensspielraum und gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Befugnisse haben, ihre eigenen Regeln zu bestimmen und zu ver\u00e4ndern. \u00c4hnlich wie das in der staatlichen Forschungsf\u00f6rderung \u00fcber die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), den SNF (Schweizerischen Nationalfonds) oder den \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) gehandhabt wird. Hier werden jeweils Milliardenbetr\u00e4ge einer Selbstorganisation der Wissenschaft zur Verf\u00fcgung gestellt, w\u00e4hrend staatlicher Einfluss auf die Verwendung unterbleibt. Das steht im Einklang mit dem Prinzip der Subsidiarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die von Elinor Ostrom inspirierte wissenschaftliche Arbeit zu Commons, die katholische Soziallehre und sogar der Vertrag von Lissabon, die verfassungsm\u00e4\u00dfige Grundlage der Europ\u00e4ischen Union, nehmen auf dieses Prinzip Bezug. Tats\u00e4chlich wird Subsidiarit\u00e4t jedoch mehr beschworen als gelebt. Grund ist unter anderem, dass sich Mechanismen, durch die das Geld regiert, sowie ein Denken in vertikalen Organisations- und Repr\u00e4sentationsstrukturen \u00fcber die Erm\u00e4chtigungsversuche vor Ort hinwegsetzen. Die Geschichte der Subsidiarit\u00e4t \u2013 mit gro\u00dfem Anspruch und selten erreichter Wirklichkeit \u2013 legt uns folgende Erkenntnis nahe: <em>Ohne Commons gibt es keine wirkliche Subsidiarit\u00e4t!<\/em> Beide haben nahezu denselben Anwendungsbereich und dieselben Grenzen. Sie sind gewisserma\u00dfen deckungsgleich, weil Commoning aus sich selbst heraus ist, was Subsidiarit\u00e4t einfordert: eine Form von Governance, die dort angesiedelt ist, wo die Probleme am besten gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, und die keinen externen Machtquellen verpflichtet ist. Von traditionellen, hierarchisch aufgebauten Regierungsebenen (Bundes-, Provinz- oder Bundesstaaten-, Gemeindeebene) l\u00e4sst sich das nicht behaupten.<\/p>\n<p>Wenn es uns mit der Subsidiarit\u00e4t ernst ist, dann m\u00fcssen Commoners \u00fcber gesch\u00fctzte R\u00e4ume verf\u00fcgen und befugt sein, sich selbst zu regieren \u2013 nat\u00fcrlich im Einklang mit allgemeinen Prinzipien unserer Verfassungsordnung wie den Menschenrechten. Sie m\u00fcssen sich also zun\u00e4chst auf Mikroebene selbst organisieren und dann auf Mesoebene Verb\u00fcnde (F\u00f6derationen) bilden, um sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. So k\u00f6nnen sie zu einer politischen Kraft werden, die der Idee der Subsidiarit\u00e4t alle Ehre macht.<\/p>\n<h4>Commons brauchen Rechte<\/h4>\n<p>\u00dcber Rechte zu sprechen bedeutet in der Regel, staatliche Institutionen als deren obersten Garanten zu betrachten. Doch die Durchsetzung dieser Rechte ist immer etwas problematischer als deren Gew\u00e4hrung. Zweifellos stellen die universellen Menschenrechte, etwa das Recht auf ein faires Verfahren, und verschiedene B\u00fcrgerinnen- und B\u00fcrgerrechte einen enormen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit dar. Juristinnen und Juristen haben eine \u00bbzweite Generation\u00ab der Menschenrechte entwickelt. Das Recht auf Nahrung, Wohnung und Bildung gelten als Menschenrechte<sup>61<\/sup>, aber dennoch lebt ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Indiens beispielweise ohne eine Implementierung genau dieser Grundrechte. Auch eine \u00bbdritte Generation\u00ab folgte (das Recht auf eine gesunde Umwelt, auf Teilhabe am eigenen kulturellen Erbe und intergenerationelle Gerechtigkeit).<sup>62<\/sup> Die Menschenrechtsvereinbarungen sollten Staaten und internationale K\u00f6rperschaften dazu bringen, diese Ideale zu erf\u00fcllen. So begr\u00fc\u00dfenswert das ist, bleibt die Frage im Raum, ob staatliche B\u00fcrokratien in der Lage sind, das Versprechen zur Erf\u00fcllung dieser Rechte einzul\u00f6sen. Und zwar nicht nur im Falle eines Rechtsstreits, sondern als gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit. Es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass das Recht auf symbolischer Ebene benutzt wird (also nicht rechtsverbindlich ist) \u2013 so wie die Ziele f\u00fcr nachhaltige Entwicklung oder das Pariser Abkommen zum Klimaschutz bestimmte Anspr\u00fcche formulieren, etwas auf nationalstaatlicher Ebene zu leisten. Es handelt sich dabei manchmal nur um Gesten (\u00bbRahmenkonventionen\u00ab); die Durchsetzung kann problematisch sein; und gut organisierte Branchen der Wirtschaft sowie Investorinnen und Investoren erhalten in der Praxis meist ein Vetorecht.<\/p>\n<p>Commoners sprechen meist nicht \u00fcber \u00bbRechte\u00ab, weil Rechte im klassischen Verst\u00e4ndnis davon abh\u00e4ngig sind, dass eine externe Institution sie garantiert. Sie unterstellen eine (meist fremde) politische Ordnung, in der \u00bbisolierte Ichs\u00ab wie Bittsteller an einen m\u00e4chtigen Leviathan herantreten. Und dennoch erreichen Commons \u2013 so k\u00f6nnte man argumentieren \u2013 viel mehr als edle Ziele, die Staaten sich nominell zu eigen machen und in Vereinbarungen niederlegen; viel mehr als diese, wenn sie den Zugang zu grundlegenden Subsistenzmitteln sichern.<sup>63<\/sup> Gerade das, was Grundrechte behaupten, n\u00e4mlich wirklich allen Menschen Zugang zum Lebensnotwendigen zu gew\u00e4hren, ist in Commons das Allerwichtigste. Gleichzeitig ist klar, dass viele traditionelle Commons, etwa im l\u00e4ndlichen Indien<sup>64<\/sup>, nicht unbedingt auf die Gleichberechtigung oder Inklusion von Ethnien oder verschiedenen Geschlechtern setzen. Sie erkennen auch nicht notwendigerweise staatliche Autorit\u00e4ten in ihrer Rolle als Konfliktschlichter an. Kurz: Es gibt jede Menge ungel\u00f6ste Fragen und Konflikte zwischen Commons und den Institutionen des modernen Staates \u2013 bez\u00fcglich der Weltsichten, der Governance-Systeme und der Rollenverteilung.<\/p>\n<p>Einige Akteure der Staatsmacht verstehen aber immerhin, dass es funktionierende Mittel der Gesetzgebung gibt, die Souver\u00e4nit\u00e4t des Staates mit der Souver\u00e4nit\u00e4t von Commons zu verbinden. In manchen L\u00e4ndern wird (zumindest teilweise) den Forderungen indigener V\u00f6lker \u2013 der Maori, der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Kanadas und der USA \u2013 Rechnung getragen. Anderswo werden Open-Source-Gemeinschaften und commons-basierte Netzwerke als gemeinwohlf\u00f6rdernd begriffen. Wieder andere L\u00e4nder w\u00fcrdigen die \u00f6kologischen und sozialen Verdienste traditioneller Subsistenz-Commons. Es w\u00fcrde hier den Rahmen sprengen, \u00fcber eine gro\u00dfe Vers\u00f6hnung der unterschiedlichen philosophischen Ans\u00e4tze zu philosophieren. An dieser Stelle muss es gen\u00fcgen, auf das riesige Spektrum m\u00f6glicher Wechselwirkungen hinzuweisen, die sich f\u00fcr Staat und Commons als \u00e4u\u00dferst n\u00fctzlich erweisen k\u00f6nnen. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten; sie m\u00fcssen nur ergriffen werden.<\/p>\n<p>Wir haben jetzt ein klareres Verst\u00e4ndnis vom Verh\u00e4ltnis zwischen staatlicher Macht und Commoning. Wir haben auch ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten staatlicher Institutionen, Commons stark zu machen. Manchmal werden aus diesen M\u00f6glichkeiten Wirklichkeiten. Neue Energien k\u00f6nnen ganz unerwartet mobilisiert werden \u2013 durch die Wechself\u00e4lle kultureller Dynamiken oder wenn die Initiativen einer oder mehrerer Einzelpersonen bei anderen Menschen neue Motivationen freisetzen. Es gibt, das sei noch einmal betont, keine \u00fcbergreifende Master-Strategie, um Commons im gro\u00dfen Ma\u00dfstab (ob mit oder ohne staatliche Unterst\u00fctzung) voranzubringen. Doch es gibt einige vielversprechende Wege, sie so zu st\u00e4rken, dass der politische und wirtschaftliche Mainstream Commons nicht mehr ignorieren kann. In Kapitel 10 erkunden wir einige davon.<br \/>\n[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;10. Commons erM\u00e4chtigen&#8220; tab_id=&#8220;kap10&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Kapitel 10<br \/>\nCommons erM\u00e4chtigen<\/h3>\n<p>Commoning wird h\u00e4ufig mit kleinen, \u00fcberschaubaren Gruppen in Verbindung gebracht. Das ist ein Fehler; doch Menschen k\u00f6nnen sich oft nicht vorstellen, wie Commons in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab \u00fcberhaupt funktionieren, geschweige denn die Verh\u00e4ltnisse wandeln k\u00f6nnen. Diesem Thema widmen wir uns in unserem letzten Kapitel.<\/p>\n<p>Die Skepsis, der wir immer wieder begegnen, beruht auf der Annahme, dass Commons einfach \u00bbzu klein\u00ab sind, um dem Klimawandel, Peak Oil, Armut, Ungleichheit und zahllosen weiteren Problemen begegnen zu k\u00f6nnen. Massive globale Probleme erforderten gro\u00dfe L\u00f6sungen, \u00bbder Staat\u00ab m\u00fcsse ran \u2013 so das Denken. Nach dieser Logik haben Commons tats\u00e4chlich nur wenig anzubieten. Allerdings ist solch eine Einsch\u00e4tzung bereits Teil des Problems. Sie l\u00e4sst unber\u00fccksichtigt, dass nicht die \u00bbGr\u00f6\u00dfe\u00ab das Entscheidende ist, sondern L\u00f6sungen mitunter versagen, weil ihre Grundannahmen oder gesellschaftliche Grundstrukturen falsch angelegt sind. Ein Geb\u00e4ude aber, dessen Fundament nicht solide gegossen ist, wird zwangsl\u00e4ufig br\u00f6ckeln und irgendwann zusammenbrechen. Eine Gesellschaft, die auf uneingeschr\u00e4nkter individueller Freiheit beruht, sollte nicht \u00fcberrascht sein, wenn letztlich Raubbau an der Erde betrieben und soziale Normen zerst\u00f6rt werden. In Wahrheit geht es nicht darum, etwas \u00bbim gro\u00dfen Ma\u00dfstab\u00ab zu reparieren, sondern darum, zu \u00fcberpr\u00fcfen, worauf wir bauen, die Statik und die Bauteile des ganzen Geb\u00e4udes zu \u00fcberdenken und gegebenenfalls neu zu erfinden. Das ist unser Verst\u00e4ndnis von sozialem und politischem Wandel, der die Krankheitsbilder des modernen Markt-Staates zu kurieren vermag.<\/p>\n<p>Zweifellos, sind auch \u00bbinnerhalb des Systems\u00ab viele lohnenswerte Reformen denkbar. Entsprechend konzentrieren sich progressive Kr\u00e4fte darauf, neue Rechtsformen und Institutionen zu schaffen wie die in Kapitel 8 vorgestellte Gesellschaft in Verantwortungseigentum, wie Genossenschaften oder Gemeinwohlunternehmen (die sowohl die Interessen der Kapitaleignerinnen und -eigner als auch jene der Arbeitskr\u00e4fte, der lokalen Wirtschaft und Umweltbelange ber\u00fccksichtigen). Oder sie legen Programme auf, die Umweltfragen in den Mittelpunkt stellen und f\u00fcr eine bessere Vor- oder Umverteilung<sup>1<\/sup> gesellschaftlichen Reichtums sorgen sollen. Menschen streiten f\u00fcr sozialen Wohnungsbau, stabile Sozialkassen, einen vielf\u00e4ltigen \u00d6ffentlichen Nahverkehr, das Bedingungslose Grundauskommen<sup>2<\/sup> und vieles mehr. Einiges davon tr\u00e4gt zu dem tiefgreifenden Wandel bei, um den es auch uns geht. Wir m\u00f6chten daher auf den folgenden Seiten skizzieren, wie Commoning langfristig transformierend wirken und seine Reichweite vergr\u00f6\u00dfern kann, ohne seine Integrit\u00e4t zu verlieren. Allzu oft wurden progressive Initiativen von Investorinnen und Investoren gekapert oder vereinnahmt. So hat sich Couchsurfing von einer Schenk\u00f6konomie und einem Gastfreundschafts-Commons, in dem Reisende bei Fremden, die ihnen ihre T\u00fcren \u00f6ffnen, Unterkunft finden, in einen kommerziellen Reisedienst verwandelt.<sup>3<\/sup> Das Management kam zu dem Schluss, dass mehr Geld f\u00fcr den Betrieb der Website n\u00f6tig war und akzeptierte Risikokapital, samt der damit einhergehenden Verlagerungen der Priorit\u00e4ten und einer neuen Rechtsform. Auch andere Websites, die urspr\u00fcnglich aufgesetzt wurden, um die Zusammenarbeit zu f\u00f6rdern und Wissen weiterzugeben, wurden in Silicon-Valley-Manier vereinnahmt und in lukrative Mikro-Vermietungsm\u00e4rkte verwandelt. Kommerzielle Vermietplattformen gibt es heute f\u00fcr vieles: Unterkunft (Airbnb), Transport (Uber) und Leiharbeit f\u00fcr Klein- und Kleinstauftr\u00e4ge. Immer wieder werden sie mit dem englischen Begriff <em>sharing<\/em> in Verbindung gebracht, doch geteilt wird hier wenig. Beeinflusst von einflussreichen Branchen der Wirtschaft, erschwert staatliches Handeln oftmals selbst das Wachstum commons-freundlicher Systeme und Strukturen. Das jedenfalls ist die Erfahrung bei der \u00f6kologischen Landwirtschaft, der Verbreitung quelloffener und freier Software \u2013 gerade in unseren Verwaltungen und \u00f6ffentlichen Institutionen \u2013 oder bei denjenigen, die sich f\u00fcr die Open-Access-Publikation wissenschaftlicher Arbeiten einsetzen. Dabei sollte Letzteres f\u00fcr unsere Universit\u00e4ten l\u00e4ngst Standard sein \u2013 denn was mit \u00f6ffentlichen Mitteln finanziert wurde, sollte \u00f6ffentlich bleiben.<\/p>\n<p>Commons brauchen Freir\u00e4ume und Mittel, um einzeln und in Verb\u00fcnden nach ihren eigenen Bedingungen zu wachsen \u2013 gerade innerhalb der Mainstream-\u00d6konomie, denn das ist nun einmal der Kontext, in dem sie heute existieren und gedeihen m\u00fcssen. Daf\u00fcr ist zun\u00e4chst innen eine robuste Kultur inklusive bewusster Selbstorganisation wichtig. Das schafft ein leistungsf\u00e4higes \u00bbImmunsystem\u00ab. Was aber w\u00e4re, wenn Commons in den Genuss substanzieller staatlicher F\u00f6rderung k\u00e4men \u2013 durch technische Unterst\u00fctzung, die Bereitstellung von Infrastruktur und geeignete politische Ma\u00dfnahmen? Was w\u00fcrde m\u00f6glich, wenn sie volle rechtliche Anerkennung und eine finanzielle Grundausstattung erhielten? Und was, wenn wir von Grund auf Institutionen so gestalteten, dass sie \u00bbcommons-freundlich\u00ab sind? Wir wollen Sie einladen, sich das vorzustellen und beschreiben zu diesem Zweck \u2013 nur exemplarisch \u2013 drei Strategien, um Commons als Sozialform zu st\u00e4rken: 1) Chartas als Instrumente zur Konstituierung von Commons und Commoning; 2) neue M\u00f6glichkeiten der Kooperation und Koordination in digitalen Netzwerken dank der Distributed-Ledger-Technik; 3) Commons-\u00d6ffentliche-Partnerschaften (im Englischen: Commons Public Partnerships, CPP). Das Ende dieser Vision, das Commonsversum auf diesen Wegen auszubauen, ist zwangsl\u00e4ufig offen. Mit Ausnahme der Chartas sind die Ans\u00e4tze noch recht neu. Es gibt daher noch keine ausreichenden Erfahrungen, in die wir uns vertiefen und von denen wir lernen k\u00f6nnten. Dennoch glauben wir, dass in Commons-Chartas, in der Distributed Ledger Technik und in Commons-\u00d6ffentlichen-Partnerschaften viel Potenzial steckt, Commons <em>trotz <\/em> der uns umgebenden politischen Kultur zum Durchbruch zu verhelfen.<\/p>\n<h4>Commons-Chartas<\/h4>\n<p>Commons-Chartas oder Chartas f\u00fcr Commoning \u2013 machmal auch \u00bbSoziale Charta\u00ab oder \u00bbGemeinschaftscharta\u00ab genannt \u2013 sind machtvolle Instrumente, um sich in Vielfalt gemeinsam auszurichten und eine entsprechende Community zu konstituieren. Sie fungieren gewisserma\u00dfen als Verfassung. In Chartas legen Commoners ihre Anspr\u00fcche, Ziele, zentralen Aktivit\u00e4ten und Prinzipien dar. Das Verfassen von Chartas geht oft mit eingehenden Diskussionen und \u00dcberlegungen sowie ungez\u00e4hlten Aus- und Verhandlungen einher. Das Ergebnis bringt das Grundlegende auf den Punkt und dient als Kompass und Pr\u00fcfstein f\u00fcr die Akteurinnen und Akteure, insbesondere dann, wenn sie vor neuen Herausforderungen stehen, mehrere Wahlm\u00f6glichkeiten haben oder mit R\u00fcckschl\u00e4gen konfrontiert sind. Eine Charta beschreibt, wie Commoners sich selbst regieren und welche Kultur sie schaffen m\u00f6chten. Gut gemachte Chartas sollten keine schwammigen Leitbilder voller hochtrabender Worte sein, sondern die Identit\u00e4t und praktischen Vollz\u00fcge einer Gruppe oder eines Netzwerks recht genau fassen. So erkl\u00e4rt die Open-Source-Designgemeinschaft WikiHouse, die wir in Kapitel 1 kennengelernt haben, in ihrer knappen, aber aussagekr\u00e4ftigen Charta, dass die Beteiligten alle Designs global zur Verf\u00fcgung stellen und lokal bauen, dass sie offene Standards verwenden und auf Modularit\u00e4t<sup>4<\/sup> Wert legen und dass sie in den Entw\u00fcrfen den gesamten Lebenszyklus der H\u00e4user ber\u00fccksichtigen, M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Reparaturen inbegriffen.<sup>5<\/sup> Die Permakulturwelt hat sich 12 ethische und Design-Prinzipien zu eigen gemacht, etwa \u00bbkeinen Abfall produzieren\u00ab, \u00bbauf kleine und langsame L\u00f6sungen setzen\u00ab und \u00bbVielfalt nutzen und wertsch\u00e4tzen\u00ab.<sup>6<\/sup> Die franz\u00f6sische Organisation Terre de Liens, die Land kauft, um es f\u00fcr die Landwirtschaft zu erhalten, hat sich auf folgende Leits\u00e4tze verst\u00e4ndigt: \u00bbLand auf Dauer dem Markt entziehen\u00ab, \u00bbdie Entwicklung einer Graswurzellandwirtschaft vorantreiben\u00ab, und \u00bbdie Zusammenarbeit zum Thema Fl\u00e4chennutzung f\u00f6rdern, und Werkzeuge, Gelder und Erfahrungen poolen\u00ab.<sup>7<\/sup> \u00bbDa jedes Commons einzigartig ist\u00ab, schreibt James Quilligan,\u00ab \u00bbgibt es keine allgemeing\u00fcltige Vorlage f\u00fcr soziale Chartas \u2013 aber es gibt so etwas wie Mindestanforderungen.\u00ab Eine Charta solle mindestens \u00bbeine Kurzdarstellung traditioneller oder sich herauskristallisierender Legitimit\u00e4tsbehauptungen [enthalten], eine Kl\u00e4rung der Rechte und Anspr\u00fcche der Nutzenden und Produzierenden, einen Verhaltenskodex, eine Darstellung gemeinsamer Werte und Standards, [\u2026] Hinweise zu Anspr\u00fcchen auf Schadensersatz oder die Neufestlegung von Grenzen\u2026\u00ab Kurz, eine Charta bildet den praktischen Rahmen der Zusammenarbeit. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen all diese Elemente ein unterschiedliches Format haben: Ein Verhaltenskodex kann eher als Wertebekenntnis ausfallen oder auch in Form spezifischer Handlungsmuster notiert werden. Wie auch immer diese Aspekte konkret ausformuliert werden: Sinn und Zweck einer Charta ist es, Gleichrangigen zu helfen, sich auf ein Gemeinsames auszurichten. Die meisten Chartas beschreiben dabei Peer Governance als Ausdruck demokratischer Beteiligung und transparenter Entscheidungsfindung, als Versuch, administrative Macht dauerhaft zu dezentralisieren und Commoners ihren Zugang zu und ihre Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber ihr gemeinsames Verm\u00f6gen zu sichern.<sup>8<\/sup> Ein internationales Netzwerk von Menschen, die sich mit der Kartierung alternativen Wirtschaftens befassen, hat eine <em>Charta f\u00fcr DatenCommons<\/em> entwickelt. Darin wird den Beteiligten nahegelegt u.a. \u00bbgemeinsam \u00fcber die eigenen Anspr\u00fcche zu reflektieren\u00ab, \u00bbCommons und Kommerz zu trennen\u00ab, \u00bbim Design auf Interoperabilit\u00e4t<sup>9<\/sup> zu achten\u00ab und Arbeitsprozesse \u00bbtransparent zu dokumentieren\u00ab.<sup>10<\/sup> Man kann dar\u00fcber diskutieren, ob das Leitbild f\u00fcr das j\u00e4hrliche \u00bbBurning Man\u00ab-Festival eine Commons-Charta ist, aber seine zehn Prinzipien funktionieren recht \u00e4hnlich. Die 60.000 Menschen, die jedes Jahr im November in die W\u00fcste Nevadas ziehen, dr\u00fccken ihr Ethos und ihre Kultur durch ihre Verpflichtung auf folgende Kernwerte aus: radikale Inklusion, Schenken, Entkommodifizierung der Kultur, radikale Selbstentfaltung und Unmittelbarkeit der Erfahrung. Die Charta beschreibt nicht nur die Identit\u00e4t dieser riesigen \u00bbPop-up-Gemeinschaft\u00ab Burning Man w\u00e4hrend des Festivals selbst, sondern leitet auch die Arbeit des \u00bbBurners\u00ab-Netzwerks im Raum San Francisco das ganze Jahr hindurch. Commoners lassen ihre Chartas im Allgemein nicht vom Staat anerkennen, anders als gemeinn\u00fctzige Organisationen oder viele Vereine<sup>11<\/sup>, die zwar in ethischer und praktischer Hinsicht Commons \u00e4hneln, aber rechtlich und organisatorisch unterschiedlich sind. Hier sind nicht Gerichte oder Beh\u00f6rden in der Pflicht, eine Charta durchsetzen, sondern die Beteiligten beziehen und verlassen sich lieber aufeinander. Die Charta fungiert dabei als soziale \u00dcbereinkunft, die von ihnen selbst durchgesetzt werden muss. Ansehen und Kraft einer Charta leiten sich aus ihrer ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rten Absicht ab, die niedergeschriebenen Vereinbarungen fortdauernd zu erf\u00fcllen. Die Macht einer Charta resultiert letztlich aus der Vielfalt und der Qualit\u00e4t der Unterst\u00fctzung, die sie in der t\u00e4glichen Praxis erh\u00e4lt. Wenn vernakul\u00e4re Praktiken und Loyalit\u00e4ten gegen\u00fcber der gemeinsamen Ausrichtung eine gewisse Intensit\u00e4t erreichen, bringen sie \u2013 so James Quilligan \u2013 \u00bbCommons-Rechte\u00ab hervor. Sie \u00bbunterscheiden sich von Menschenrechten und B\u00fcrgerrechten, weil sie nicht durch die Gesetzgebung eines Staates entstehen, sondern durch Gewohnheitsrecht oder die allm\u00e4hliche Identifikation mit einer Umgebung, einem Gebiet, einem kulturellen Element, einem sozialen Bed\u00fcrfnis oder einer Form gemeinsamen Tuns. [\u2026] Soziale Chartas schaffen einen vollkommen neuen Kontext f\u00fcr gemeinsames Handeln. Anstatt auf staatlicher Ebene individuelle und Menschenrechte einzuklagen, k\u00f6nnen Menschen langfristig Befugnisse \u00fcber Ressourcen, Governance und soziale Werte als Rechte behaupten, die ihnen zustehen, einfach weil sie auf diesem Planeten geboren wurden \u2013 ob auf Gemeinschafts- oder auf globaler Ebene.\u00ab<sup>12 <\/sup>Solche \u00bbCommons-Rechte\u00ab k\u00f6nnen die Souver\u00e4nit\u00e4t des Staates und \u00bbdas g\u00f6ttliche Recht des Kapitals\u00ab (Marjorie Kelly) \u2013 zumindest indirekt \u2013 in Frage stellen und daher als politisch anfechtbar gelten. Wenn also Menschen bereit sind, f\u00fcr ein St\u00fcck Land, einen Fluss oder st\u00e4dtische R\u00e4ume direkte Verantwortung zu \u00fcbernehmen, dann werden sie mitunter bei Staat und Unternehmen anecken. Somit ist eine Charta nicht nur ein wichtiges Instrument bewusster Selbstorganisation; sie kann sehr n\u00fctzlich sein, um die Aufmerksamkeit der Beh\u00f6rden (die Commons tendenziell ignorieren) zu bekommen und sie zu einem ernsthaften Dialog zu bewegen.<\/p>\n<p>So bedienen sich Commoners des Potenzials von Chartas, um Probleme aufzugreifen, die der Markt-Staat ignoriert, wie die schottische Aktivistin Isabel Carlisle anmerkt. Einige Bewegungen \u2013 besonders gegen Bergbau und Fracking \u2013 setzen sie als Kristallisationspunkte ihrer politischen Aktivit\u00e4ten ein. Etwa das Community Chartering Network in Gro\u00dfbritannien, an dem Carlisle f\u00fchrend beteiligt ist, Lock the Gate in Australien, die Bewegung Community Bill of Rights in den USA, das globale Netzwerk La Via Campesina und die Bewegung der Transition-Initiativen<sup>13<\/sup>. Charta-basierte Bewegungen versuchen typischerweise eine positive, langfristige Vision zu formulieren. In den Worten von Isabel Carlisle: \u00bbWas Gemeinschaften fehlt, ist eine M\u00f6glichkeit, sich zusammenzutun, und zwar auf Grundlage einer [\u2026] Vision, die beschreibt, <em>wof\u00fcr<\/em> ihre Gemeinschaften stehen, hinsichtlich nachhaltiger Landwirtschaft und Energieversorgung, nachhaltigen Wirtschaftens, tats\u00e4chlichen Umweltschutzes sowie der Verbesserung von Gesundheit, Sicherheit und Wohlergehen [\u2026]. Die Menschen vor Ort sind diejenigen, die am besten daf\u00fcr ger\u00fcstet sind zu verstehen, was ihren lokalen \u00d6konomien und \u00d6kologien n\u00fctzt\u00ab.<sup>14 <\/sup>Als im Jahr 2013 Bergbauunternehmen ins schottische Falkirk und umliegende Ortschaften kamen, um Fl\u00f6zgas zu f\u00f6rdern (mit einem dem Fracking \u00e4hnlichen Prozess), setzten sich Menschen aus der Region zusammen, um eine erste Gemeinschaftscharta zu schreiben. Darin hei\u00dft es: \u00bbWir erkl\u00e4ren, dass unser Kulturelles Erbe aus der Gesamtheit der materiellen und immateriellen Verm\u00f6genswerte besteht, die unserer gemeinsamen \u00dcberzeugung nach f\u00fcr die Gesundheit und das Wohlergehen unserer heutigen und zuk\u00fcnftigen Generationen grundlegend ist.\u00ab<sup>15<\/sup> Daraus leiten sich ihre Priorit\u00e4ten ab \u2013 eine saubere Umwelt, Ern\u00e4hrungssicherheit und eine \u00bbgesunde Wirtschaft\u00ab. Mit der Charta von Falkirk, konnte die schottische Regierung \u00fcberzeugt werden, ein Moratorium auf die Gewinnung von nicht-konventionellem Gas zu erlassen. Auch in anderen Ortschaften Gro\u00dfbritanniens \u2013 Glasgow, Edinburgh, Dartington Parish in Devon, St. Ives in Cornwall \u2013 wurden Chartas entwickelt, um in den jeweiligen Gemeinden und Nachbarschaften gemeinsame Positionen zu entwickeln, die B\u00fcrgerschaft zu mobilisieren und die Vision f\u00fcr lokale Selbstbestimmung in Worte zu fassen.<\/p>\n<p>Aber, werden Sie jetzt fragen, sind nicht die Kommunen, die St\u00e4dte und Gemeinden die besseren Orte f\u00fcr solche Chartas? Theoretisch ja, aber wie in Kapitel 9 angemerkt, ist staatliche Macht in ihren konventionellen Formen oft etablierten \u00f6konomischen und politischen Interessen verpflichtet und zudem in b\u00fcrokratischen Entscheidungsfindungen verstrickt. Gemeinschaftschartas sind ein Versuch, dem etwas entgegen zu setzen und politische Legitimit\u00e4t und Energie f\u00fcr verteilte Entscheidungsfindung zu erzeugen. Tats\u00e4chlich gibt es einige interessante Experimente, in denen Chartas genutzt werden, um der Politik auf kommunaler Ebene neue Impulse zu verleihen. Nachdem die Organisation Barcelona en Com\u00fa (etwa \u00bbBarcelona gemeinsam\u00ab) im Mai 2015 die Wahl einer Aktivistin zur B\u00fcrgermeisterin unterst\u00fctzt hatte, erschienen vier Dokumente, in der eine neue Vision f\u00fcr Kommunalpolitik dargelegt wurde: ein Verhaltenskodex, ein \u00bbSchockplan\u00ab (zur Gew\u00e4hrleistung grundlegender sozialer Rechte), ein Verwaltungsprogramm sowie ein B\u00fcrgerinnen- und B\u00fcrgerbeteiligungsverfahren.<sup>16<\/sup> Obwohl sie formal gesehen keine Charta sind, skizzieren diese Dokumente ehrgeizige Ziele, \u00bbanders Politik zu machen\u00ab. Die Idee war, \u00e4hnlich wie bei Gemeinschaftschartas, f\u00fcr alle Beteiligten \u2013 also Stadtverwaltung und Bev\u00f6lkerung \u2013 einen neuen Raum f\u00fcr die \u00bbKo-Produktion von Politik\u00ab zu er\u00f6ffnen. Einige Chartas sind \u00bbvon oben\u00ab entwickelt worden. So haben regionale Bl\u00f6cke wie die Europ\u00e4ische Union, die S\u00fcdasiatische Vereinigung f\u00fcr Regionale Zusammenarbeit (SAARC) oder ASEAN sogenannte Sozialchartas verfasst. Das ist schon deswegen problematisch, weil, wie James Quilligan angemerkt hat, nationale oder regionale Chartas \u00bbtypischerweise von Verb\u00fcnden einzelner Regierungen in Absprache mit wenigen ausgew\u00e4hlten Interessengruppen verfasst werden. Sozialchartas, die von Staaten ausgehen, entrechten oft diejenigen, die lokale Commons nutzen und bewirtschaften. [Sie] legen die Macht in die H\u00e4nde der Regierung und fungieren eher als Beschwerdemechanismus oder Verfahren zur Qualit\u00e4tskontrolle denn als Mittel, um die Rechte von Menschen auf ihr Commons zu w\u00fcrdigen.\u00ab<sup>17<\/sup> Sie bedeuten zudem, dass die Justiz zum Ort wird, an dem Streitigkeiten \u00fcber Commons beigelegt werden und so staatliche Rechtsprechung den Befugnissen der Commoners standardm\u00e4\u00dfig<i> <\/i>\u00fcbergeordnet wird.<\/p>\n<h4>Distributed-Ledger-Technik als Sprungbrett f\u00fcr Commoning<\/h4>\n<p>Lang und anektodenreich ist die Geschichte der Amateurinnen und Amateure, die Pionierarbeit in der Entwicklung neuer Informationstechnologien leisten. Sobald aber das Verwertungspotenzial ihrer Entwicklungen offenbar wird, treten Kapitalinteressen auf den Plan und \u00fcbernehmen die Kontrolle. Der Jurist Tim Wu nennt dies den \u00bbZyklus\u00ab<sup>18<\/sup>. Fast alle informationstechnologischen Systeme, so Wu, haben idealistisch begonnen, waren anfangs offen und wurden dann zu geschlossenen Systemen, die von teilweise oligopolen Strukturen kontrolliert wurden. Dies scheint der Gang der Dinge zu sein, wenn Commons &amp; Kommerz nicht auseinandergehalten werden. Vision\u00e4re versuchen neue Technologien in den Dienst sozialer Emanzipation zu stellen \u2013 Radio, Fernsehen, Kabel-TV, das Web, Open-Source-Software, die Blogosph\u00e4re, WiFi, Wikis \u2013, doch immer gelingt es irgendwem, diese Technologien zwecks gewinnbringender Vermarktung zu domestizieren. Sie werden dann so umgestaltet, dass Unternehmen ein m\u00f6glichst gro\u00dfes Publikum nicht nur anziehen, sondern auch halten k\u00f6nnen. Sie werden darauf optimiert, uns Nutzerinnen und Nutzer durch Werbung oder Data-Mining in den Gewinnstrom einzubinden. Dabei \u00fcben gro\u00dfe Kommunikationsunternehmen und m\u00e4chtige Rundfunkunternehmen \u00bb\u00fcber einen Hauptschalter, den \u00bbMaster Switch\u00ab, das Exklusivrecht auf die Redefreiheit aus\u00ab<sup>19<\/sup>. Tats\u00e4chlich nutzt heute eine Handvoll Unternehmens-Leviathane \u2013 Google, Facebook, YouTube, Twitter, Amazon \u2013 ihre Plattformen, um zu manipulieren, was wir zu sehen bekommen, L\u00fcgen und Desinformationen eine B\u00fchne zu bieten, uns mit Werbung zu fluten und uns anf\u00e4lliger f\u00fcr Identit\u00e4tsdiebstahl zu machen. Und kaum haben wir das begriffen, stehen wir bereits an der Schwelle zu einer weiteren Wende des \u00bbZyklus\u00ab. Dieses Mal beruht sie auf leistungsstarker netzwerkbasierter Software, besser bekannt als Blockchain. Blockchain ist jedoch nur eine Version der sogenannten Distributed-Ledger-Technik (DLT). So wie andere neue Informationstechnologien zu ihrer Zeit, hat auch diese im Prinzip emanzipatorisches Potenzial. DLTs k\u00f6nnten Commoning weit \u00fcber die begrenzten Formen der Zusammenarbeit hinaus unterst\u00fctzen, die derzeit im Netz m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Distributed-Ledger-Technik<\/h4>\n<p>Wir nutzen auch im Deutschen den Begriff Distributed-Ledger-Technik (DLT). Er bezeichnet digitale, verteilte \u00bbKassenb\u00fccher\u00ab,<i> <\/i>mit deren Hilfe im gro\u00dfen Ma\u00dfstab verschiedenartige Transaktionen dokumentiert und \u00bbverbucht\u00ab werden k\u00f6nnen. \u00bbVerteilt\u00ab (engl. <em>distributed<\/em>) ist diese Technik deshalb, weil hier beliebig viele einander gleichgestellte Kopien des \u00bbKassenbuches\u00ab (engl. <em>ledger<\/em>) von allen Beteiligten unterhalten werden k\u00f6nnen. Ganz anders in der klassischen Verwaltung: Dort wird <em>ein<\/em> Haupt(kassen)buch durch nur <em>eine<\/em> Instanz kontrolliert.<\/p>\n<p>Die Software sorgt in der Regel daf\u00fcr, dass jede neu hinzugef\u00fcgte Transaktion in <em>allen<\/em> Kopien des Ledgers \u00fcbernommen wird \u2013 so als w\u00fcrden alle Buchungen aus dem Hauptbuch sofort in alle existierenden Kassenb\u00fccher eines Staatswesens \u00fcbertragen. Das ist arbeits-, also energieaufw\u00e4ndig. Doch genau auf diesem Weg wird \u00dcbereinkunft \u00fcber den jeweils aktuellen Stand des Ledgers von allen Beteiligten signalisiert. Es gibt \u00f6ffentliche und private Distributed-Ledger-Techniken. Bei den \u00f6ffentlichen k\u00f6nnen sich prinzipiell alle am Netzwerk beteiligen und die Daten einsehen, bei privaten nicht.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Als erste bedeutende Version der Distributed-Ledger-Technik galt die Blockchain. Sie markierte den Durchbruch, denn nun war bewiesen, dass im Internet sicher Peer-to-Peer \u2013 von Knoten zu Knoten \u2013 kommuniziert werden konnte. Zentrale, externe \u00dcberwachungsinstanzen werden dadurch \u00fcberfl\u00fcssig. Diese durchaus epische Leistung f\u00fchrte zur ersten sicheren, vollst\u00e4ndig digitalen W\u00e4hrung, die ohne R\u00fcckhalt eines Staates oder einer Bank genutzt werden kann. Die Rede ist von Bitcoin, was sinngem\u00e4\u00df \u00bbdigitale M\u00fcnze\u00ab bedeutet. Im Fachjargon gilt Bitcoin als \u00bbselbstsouver\u00e4n\u00ab, denn die Software \u00fcberpr\u00fcft selbstst\u00e4ndig die Integrit\u00e4t jedes einzelnen Bitcoins. Wenn jemand ein Bitcoin zum Einkauf verwendet, wird genau diese spezifische digitale Zahlungseinheit in der Blockchain erfasst. Das geschieht fast zeitgleich auf allen Knoten, welche laufend aktualisiert werden. Das Verfahren ist redundant und effektiv zugleich, denn w\u00e4hrend F\u00e4lscher oder Cracker die Computer einer Bank hacken k\u00f6nnen, ist es unm\u00f6glich, das informationsgleiche \u00bbKassenbuch\u00ab auf Tausenden von Computern zu hacken. Das Peer-to-Peer Netzwerk selbst wird so zu einem robusten Authentifizierungssystem f\u00fcr jede einzelne Transaktion. Keine Bank. Keine Aufsichtsbeh\u00f6rde. Stattdessen werden alle Beteiligten gewisserma\u00dfen selbst zur Bank und zum Banknutzenden zugleich.<\/p>\n<p>Ende 2018, zehn Jahre nach der Einf\u00fchrung von Bitcoin \u2013 dessen Gesamtwert zu diesem Zeitpunkt mehr als 65 Milliarden US-Dollar betrug \u2013, war es noch niemandem gelungen, den Bitcoin-Code zu knacken.<sup>20<\/sup> Doch funktional betrachtet ist Bitcoin eine W\u00e4hrung wie jede andere. Durchaus sicher als Aufbewahrungsmittel, aber auch beliebtes Spekulationsobjekt. Der Bitcoin-Wert ist im Laufe der Jahre stark gestiegen, Investorinnen und Investoren konnten in kurzer Zeit enorme Summen verdienen oder verlieren. Das hat selbstredend mit Commons zun\u00e4chst gar nichts zu tun. Interessant aber ist, dass der Bitcoin-Erfolg seit den 2010er Jahren viele Menschen inspiriert hat, die Distributed-Ledger-Technik f\u00fcr alle erdenklichen Nutzungen einzusetzen. Meist sind die Projekte kommerziell motiviert, eigene Token (digitale Wertmarken) werden entworfen; sie erhalten kreative Namen wie Ether, Stellar, Nano, Monero oder Faircoin und werden dann durch einen sogenannten ICO-Prozess (englisch <em>Initial Coin Offering<\/em>) in Umlauf gebracht, um neue Produkte zu finanzieren und Gesch\u00e4fte abzuwickeln. Andere DLT-Anwendungen versuchen, rechtlich bindende Vertr\u00e4ge aufzusetzen, die in digitalen Netzwerken automatisch implementiert werden k\u00f6nnen \u2013 so genannte \u00bbSmart Contracts\u00ab; oder sie arbeiten an geeigneten Werkzeugen zur Entscheidungsfindung und Abstimmung. In der Regel wird f\u00fcr solche DLT-Projekte mit Argumenten wie \u00bbmehr Effizienz\u00ab oder \u00bbgr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit von staatlicher B\u00fcrokratie\u00ab geworben.<sup>21<\/sup> Das ist ein wichtiger Aspekt. Zudem bietet die Digital-Ledger-Technik Commoners eine M\u00f6glichkeit, dem Kapital die Kontrolle \u00fcber den \u00bbHauptschalter\u00ab zu entziehen. Kurz: DLT schafft neue Angebote! Wird die Technik mit den richtigen Governance-Mustern kombiniert, k\u00f6nnte sie Commoning im digitalen Zeitalter erheblich erleichtern. Das ersetzt nat\u00fcrlich nicht die Notwendigkeit f\u00fcr eine Gruppe oder ein Netzwerk, eng zusammenzuarbeiten und die eigene Governance zu reflektieren; doch DLT kann helfen, neue, flexiblere Wege zu gehen, die konventionelle Mittel \u2013 etwa das Eigentumsrecht, Geld oder \u00bbanaloge\u00ab Organisationsstrukturen (Nonprofits, Genossenschaften) \u2013 nicht vorzeichnen. Eine Peer-to-Peer-Plattform kommt ohne Hierarchien aus. Dank des hohen Automatisierungsgrades vereinfacht sie demokratische Kooperationsformen, die in der Regel kraftraubend sind, sehr viel Energie verschlingen und daher oft als unpraktikabel gelten. W\u00e4hrend also das kapitalistische Spekulationsdrama um und mit Bitcoin so viel Aufmerksamkeit erregt, wird die wichtigere Geschichte stiefm\u00fctterlich behandelt: Die Distributed-Ledger-Technik hat das Potenzial, gemeinwohlorientierte, selbstbestimmte Regulierung und Koordination im gro\u00dfen Ma\u00dfstab zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Holochain geh\u00f6rt zu den potenziell transformativsten Rechenplattformen und damit zu den ehrgeizigsten Versuchen, dieses Potenzial auszusch\u00f6pfen. Holochain ist \u2013 wie die Techies sagen w\u00fcrden \u2013 skalierbar, agentenzentriert und verteilt.<sup>22<\/sup> Die technischen Details k\u00f6nnen Laien schnell \u00fcberfordern und werden hier nicht ausgiebig gew\u00fcrdigt, aber sie sind wichtig f\u00fcr die \u00bbSkalierbarkeit\u00ab der Plattform und die potenziellen Kosten, die mit der Nutzung von Holochain(s) entstehen. Im Gegensatz zu Bitcoin und Ethereum (zwei der f\u00fchrenden DLT-Projekte) ist Holochain nicht nur energieeffizienter, sondern auch flexibler in der \u00bbBezeugung\u00ab (Authentifizierung) digitaler Objekte im Netzwerk.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Blockchain \u00bbschwerf\u00e4llig\u00ab ist, weil sie sich auf ein \u00bbHauptkassenbuch\u00ab verl\u00e4sst, was voraussetzt, dass unz\u00e4hlige Computer im Netzwerk \u00bbmitarbeiten,\u00ab<sup>23<\/sup> ist Holochain ein \u00bbleichtg\u00e4ngiger\u00ab Ansatz. Hier k\u00f6nnen alle Beteiligten ihr jeweils eigenes \u00bbKassenbuch\u00ab anlegen und so ein verteiltes Speichersystem f\u00fcr Daten und digitale Identit\u00e4ten herstellen, denn es ist nicht immer notwendig, dass alle alles bezeugen, wie das im Grunde bei der klassischen Blockchain der Fall ist.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Holochain nutzt daher sogenannte <em>Hashchains<\/em>. Hier kann \u2013 und das ist entscheidend \u2013 <em>jede \u00bbAgentin\u00ab und jeder \u00bbAgent\u00ab eine eigene <\/em> Hashchain besitzen. Dieser \u00bbagentenzentrierte\u00ab Ansatz macht Holochain besonders und rechtfertigt den Slogan \u00bbthink outside the blocks\u00ab. Auf jeder individuellen Hashchain werden die individuellen Transaktionen des jeweiligen Agenten aufgezeichnet. Die \u00bbAgenten\u00ab bleiben gleichrangig. Das ist anders als in der klassischen Blockchain, wo einige \u00bbKnoten\u00ab machtvoller sind als andere (engl. <em> full nodes<\/em>) und eine Art Knotenhierarchie entsteht.<sup>24<\/sup><\/p>\n<p>Alles was ein Agent in der Holochain festh\u00e4lt, wird (wie in der Blockchain \u00fcblich) durch einen individuellen privaten Schl\u00fcssel signiert. Das macht das Ganze verl\u00e4sslicher gegen Identit\u00e4tsdiebstahl, denn die Daten der Beteiligten sind auf mehreren Servern in einem Netzwerk verteilt (im Fachjargon: \u00bbgestreut\u00ab) und werden nicht in einer einzigen, zentralisierten Datenbank konsolidiert. Ein solch zentraler Datenspeicher n\u00e4mlich ist f\u00fcr potenzielle Angriffe und Manipulationen interessant, weshalb es sinnvoll ist, dass er gar nicht erst existiert.<\/p>\n<p>Die Datenarchitektur in Holochain-Netzwerken verhindert \u2013 \u00e4hnlich wie eine klassische Blockchain \u2013, dass Technologieriesen und Drittanbieter wie Cambridge Analytica unsere Daten kontrollieren und missbrauchen k\u00f6nnen. Doch anders als die Blockchain ist diese Architektur auch in technischer Hinsicht verteilt, so dass es (daten-)leichter ist, Protokolle f\u00fcr individuelle Nutzungen und Dienste zu entwickeln. Die Blockchain gilt zwar als Version der <em>Distributed<\/em>-Ledger-Technik, aber technisch gesehen tr\u00e4gt die verteilte Rechenkraft letztlich zu <em>einer<\/em> gro\u00dfen Kette (<em>chain<\/em>) bei. Verteilte Rechenkraft schafft einen Strang! Das h\u00e4ngt mit der Entstehung und \u00bbVerkettung\u00ab der Datenbl\u00f6cke zusammen. Die einzelnen Blocks, werden \u00bbgesch\u00f6pft\u00ab (Fachjargon: <em>mining<\/em>), indem beteiligte Rechner versuchen, eine mathematische bzw. kryptographische Aufgabe zu l\u00f6sen. W\u00e4hrenddessen schreiben sie alle Transaktionsdaten auf. Wer die Aufgabe zuerst gel\u00f6st hat, darf den Block ver\u00f6ffentlichen. In Millisekunden \u00fcberpr\u00fcfen alle beteiligten Rechner, ob die aufgezeichneten Transaktionsdaten \u00fcbereinstimmen, und \u00bbvalidieren\u00ab so den ver\u00f6ffentlichten Block. Und schon stellt sich die n\u00e4chste Aufgabe. Der Prozess beginnt erneut. Ein Block nach dem anderen entsteht und wird \u2013 wie mit Uhu-Kleber \u2013 auf den vorangehenden Block geklebt. So als w\u00fcrden die Seiten unterschiedlicher Kassenb\u00fccher zum Hauptkassenbuch \u00fcbereinander geklebt (nat\u00fcrlich so, dass die Daten lesbar bleiben). Auf diese Weise wird das Ganze sicherer. Block f\u00fcr Block. Schicht f\u00fcr Schicht. Denn alle beteiligten Rechner \u2013 zumindest jene mit \u00bbMining-Status\u00ab \u2013 sind immer im Spiel und bezeugen immer alles. Es ist wie in einer Vollversammlung, bei der immer alle anwesend und einverstanden sein <em>m\u00fcssen<\/em>. Holochain-Protokolle beruhen dagegen auf einer offenen Datenarchitektur. Nicht alle m\u00fcssen immer alles mitmachen und bezeugen. Wenn es in einem spezifischen Kontext f\u00fcr das Vertrauen ausreicht, dass nur wenige Rechner kleinere Transaktionen bezeugen, kann die Holochain solchen konkreten Nutzungsw\u00fcnschen angepasst werden. Es gibt also nicht nur einen Strang, sondern so viele Str\u00e4nge, wie die unterschiedlichen Aufgaben erfordern.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Hash \u2013 Hashchain \u2013 Blockchain \u2013 Holochain<\/h4>\n<p>Ein <strong> Hash <\/strong> (engl. <em> to hash<\/em> = zerhacken) ist der Wert, der entsteht (Hash-Wert), wenn gr\u00f6\u00dfere Datenmengen in ein System eingegeben, anschlie\u00dfend durch eine sogenannte \u00bbHash-Funktion\u00ab geschickt und am Ende digital lesbar und stark verk\u00fcrzt ausgegeben werden. Daten in unterschiedlichen Formen \u2013 z.B. ein Name in voller L\u00e4nge \u2013 werden gewisserma\u00dfen zerhackt und \u00bbkleingekocht\u00ab, das hei\u00dft, auf einen kurzen Wert in einheitlichem Format reduziert. So entsteht eine Art digitaler Fingerabdruck, eine <em>nahezu eindeutige<\/em> Kennzeichnung, die die Agierende identifizierbar macht. Eine \u00bbgute\u00ab Hash-Funktion gibt Werte so aus, dass zwei unterschiedliche Eingaben auch zu unterschiedlichen Ausgabewerten f\u00fchren.<\/p>\n<p>Als <strong> Hashchain <\/strong> (Hash-Kette) wird der Vorgang bezeichnet, Daten immer wieder neu durch eine Hash-Funktion zu schicken. So lassen sich Einmalschl\u00fcssel (<em>one time keys<\/em>) erzeugen und Daten schnell validieren. Nach mehreren Durchg\u00e4ngen entsteht eine Art \u00bbdigitaler Fingerabdruck\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Blockchain: <\/strong> Verteilte Rechenkraft schafft ein gro\u00dfes \u00bbKassenbuch\u00ab. Die klassische Blockchain ist wie <em>ein<\/em> gro\u00dfes Netzwerk, wie die gro\u00dfe Matrjoschka, die alles enth\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Holochain:<\/strong> Verteilte Rechenkraft schafft viele \u00bbKassenb\u00fccher\u00ab, die miteinander kommunizieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Letztlich ist Blockchain Ausdruck einer undifferenzierten, Holochain Ausdruck einer differenzierten relationalen Ontologie (vgl. Kapitel 2).<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Wie f\u00fcr andere DLT-Versionen auch, sind W\u00e4hrungen \u2013 monet\u00e4re wie nicht-monet\u00e4re \u2013 ein Anwendungsfeld, wobei gerade Letztere neue soziale Koordinationsmuster st\u00e4rken. So k\u00f6nnten die Anwenderinnen und Anwender die Reputation, spezifische F\u00e4higkeiten und ganz unterschiedliche Energiefl\u00fcsse innerhalb einer Gemeinschaft sichtbar machen, denn prinzipiell wird von den Beteiligten selbst bestimmt, zu welchen Bedingungen, bestimmte Aspekte, Energiefl\u00fcsse und Werte sichtbar gemacht werden. So k\u00f6nnen Commoners Wertsouver\u00e4nit\u00e4t herstellen, beziehungshaftes Haben st\u00e4rken und die Kapitalkonzentration begrenzen. Arthur Brock, einer der Mitbegr\u00fcnder des Metacurrency Project, aus dem Holochain hervorging, spricht daher von <em>current-see<\/em>, statt von <em>currency<\/em> (engl. f\u00fcr W\u00e4hrung). Mit <em>current-see<\/em> ist der eigentliche Zweck einer W\u00e4hrung benannt: etwas zwischen den Beteiligten Flie\u00dfendes sichtbar zu machen. Das betrifft auch jene \u00bbStr\u00f6me\u00ab (engl. <em>currents<\/em>), welche von staatlichen W\u00e4hrungen wie Dollar, Euro und Yen nicht abgebildet werden \u2013 etwa \u00f6kologische Str\u00f6me oder der soziale Austausch in Geschenk\u00f6konomien. Tats\u00e4chlich sollen Holochain-basierte <em>current-sees <\/em> bestenfalls so verwendet werden, dass auch Reputation oder freiwillige Beitr\u00e4ge zum Gemeinsamen sichtbar gemacht werden k\u00f6nnen und dass auf dieser Basis Kreditsysteme im Gleichrang (das hei\u00dft auf Augenh\u00f6he und nicht von Bank zu Kundin bzw. Kunde) aufbaubar sind. Das w\u00fcrde der in der kapitalistischen Wirtschaft \u00fcblichen Kapitalakkumulation und dem Durchregieren des Geldes entgegenwirken, k\u00f6nnte selbstbestimmte Grenzen f\u00fcr individuelle Wohlstandsmehrung setzen und grundlegende Fairness im Austausch f\u00f6rdern. Holochain-basierte \u00bbW\u00e4hrungen\u00ab sind also besser ger\u00fcstet, commons-freundliche Systeme zu verwirklichen, weil sie auf dem Prinzip \u00bbgegenseitiger Souver\u00e4nit\u00e4t\u00ab basieren, das individuelle Kontrolle genauso erm\u00f6glicht wie gemeinschaftliche. Ubuntu-Rationalit\u00e4t und das Bewusstsein unseres Abh\u00e4ngigseins voneinander sowie der gegenseitigen Rechenschaftspflicht sind hier bereits in das Design der DLT-Version eingeschrieben.<\/p>\n<p>Seit Ende der 2000er Jahre arbeiten Brock und das Holochain-Entwicklungsteam an den Protokollen. Sie k\u00f6nnten zur Infrastruktur einer sorgenden &amp; selbstbestimmten Wirtschaft werden \u2013 was nat\u00fcrlich ein kompliziertes und im Ausgang offenes Unterfangen ist. Immerhin aber haben die Holochain-Vision\u00e4re beeindruckend viele Technologieentwicklerinnen und Investoren davon \u00fcberzeugt, dass es um mehr geht als nur darum, neue Anwendungen zu entwickeln. Das Potenzial f\u00fcr sozialen Wandel steht im Vordergrund und nicht neue Gesch\u00e4ftsmodelle. Wer sich engagiert, wird Teil einer sozio-technischen Umgebung, innerhalb derer verschiedene Akteure dieselben Softwareprotokolle zur Kommunikation verwenden, um miteinander zu kommunizieren. Das ist so, als d\u00fcrfte Duplo Duplo bleiben, Lego Lego, Playmobil Playmobil \u2013 und doch lie\u00dfen sich alle Bauteile miteinander verbinden.<\/p>\n<p>Als Anfang 2019 der Holochain-Code freigegeben wurde, war der Beweis erbracht, dass ein agentenzentrierter Ansatz zur Kontrolle von Daten und Identit\u00e4ten machbar ist. So k\u00f6nnen Einzelpersonen die Sicherheit und Authentizit\u00e4t ihrer Daten direkt verwalten, ohne Drittanbieter zu ben\u00f6tigen.<sup>25<\/sup> Das Holochain-Design zielt darauf ab, dass App-Entwickler ihre eigenen verteilten Protokolls\u00e4tze erstellen k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen sich nicht auf einen einzigen Satz von Protokollen verlassen, der zentral gesteuert wird. So k\u00f6nnen P2P-Communities ihre eigenen Anwendungen und Daten kontrollieren und sind nicht gezwungen, sich auf Unternehmensriesen wie Google, Apple oder Facebook zu st\u00fctzen, wie wir das beim Verbundwiki gesehen haben.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Instrument zur Einf\u00fchrung des Holochain-Systems ist das Unternehmen Holo. Holo ist die dezentrale Hosting-Kooperation, die den ersten gro\u00dfen Einsatz des Systems \u00fcberwachen wird. Ziel von Holo ist es, dass \u2013 wer immer einen Computer hat \u2013 seine ungenutzte Rechenleistung f\u00fcr holochain-basierter Software \u00bbvermieten\u00ab kann und im Gegenzug Holo Fuel (die W\u00e4hrung) erh\u00e4lt. Holo Fuel wiederum erm\u00f6glicht den Austausch mit anderen Menschen innerhalb des Netzwerks, aber auch den Aufbau paralleler Wirtschaftskreisl\u00e4ufe, \u00e4hnlich wie wir das von Regional- und Lokalw\u00e4hrungen kennen.<sup>26<\/sup> Im Gegensatz zu vielen anderen W\u00e4hrungen ist der Holo Fuel durch einen realen Verm\u00f6genswert gedeckt: der Rechen- bzw. Hosting-Leistung der teilnehmenden Computer. Der Erwerb von Holo Fuel ist zudem direkt mit dem Engagement f\u00fcr die Gemeinschaft verbunden, so dass er als sogenannter \u00bbProof of Service\u00ab-Token funktioniert. Wer Holo Fuels hat, hat \u00bbbewiesen\u00ab (engl. <em>proof<\/em>), dass eine bestimmte Rechenleistung in das Netzwerk eingebracht wurde. Im Prinzip ist Holo Fuel ein Kreditsystem, in dem Schuldner und Gl\u00e4ubiger im Wesentlichen die gleichen Personen sind, wenn auch innerhalb eines gro\u00dfen, weitverzweigten Systems. Aus diesem Grunde ist auch die Gefahr geringer, dass Holo Fuel zu einem Spekulationsobjekt wie Bitcoin wird, obwohl Holo Fuel prinzipiell gegen konventionelle W\u00e4hrungen getauscht werden kann. Eine W\u00e4hrung, die durch einen realen Verm\u00f6genswert gedeckt ist (Rechenleistung), wird auf Dauer eher als wertstabil gelten.<\/p>\n<p>In gleicher Weise, so die Hoffnung des Holochain-Teams, k\u00f6nnen \u00bbKredite auf Gegenseitigkeit\u00ab durch die Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fcr Lebensmittel (z.B. SoLaWis), f\u00fcr den Transport (P2P-Car-Sharing), die Energieerzeugung (SolarCommons<sup>27<\/sup> oder Klimaschutz+) oder der Altenpflege geschaffen werden. Wenn immer mehr Commons-Projekte und Unternehmen Holo Fuel nutzen und ihren Wert durch reale Verm\u00f6genswerte und Dienstleistungen sichern, kann das dem sorgenden &amp; selbstbestimmten Wirtschaften einen kr\u00e4ftigen Schub geben. Um diesen Prozess zu unterst\u00fctzen, wurde eigens eine \u00bbCommons Engine\u00ab entwickelt. Sie dient dazu, Nachbarschaften, Netzwerke und Gruppen in der Entwicklung von auf Holochain basierten Apps (den <em>hApps<\/em>) zu unterst\u00fctzen, W\u00e4hrungen zu entwerfen, Open-Source- und Krypto\u00f6konomie-Projekte auf den Weg zu bringen und dabei Commoning nicht zu vernachl\u00e4ssigen. Die Konzentration liegt insbesondere auf den Bereichen Wasser, Energie, Nahrung, Land, Wissen und Gemeinschaftsbildung. Die Holochain-Architektur soll in all diesen Feldern dezentrale Anwendungen erm\u00f6glichen, \u00bbdie Governance, Zusammenarbeit und Organisation selbst betreffend, f\u00fcr soziale Netzwerke und Medien, f\u00fcr die Verwaltung von Handelsbeziehungen, f\u00fcr Plattform-Kooperativen, Sharing Economy Apps, das Management von Lieferketten, den Umgang mit Leistungen und Verm\u00f6genswerten in den Nachbarschaften, Kryptow\u00e4hrungen auf Gegenseitigkeit und tokenlose Reputationssysteme\u00ab.<sup>28<\/sup> Alle Elemente dieser \u00bbalternativen Wirtschaft\u00ab k\u00f6nnten sich auf gemeinsame W\u00e4hrungen st\u00fctzen und synergetisch funktionieren, w\u00e4hrend sie unabh\u00e4ngig von konventionellen Banken und Investoren bleiben. Schon diese kurze Tour durch das im Entstehen befindliche Holochain-Universum zeigt, wie vielseitig eine solche, commons-affine Ausgestaltung der <em>Distributed Ledger Technology<\/em> gegen\u00fcber auf Blockchain basierten Anwendungen wie Bitcoin oder Ethereum ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1244\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c.jpg\" alt=\"Holochain vs. Blockchain\" width=\"1754\" height=\"1240\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c.jpg 1754w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-300x212.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-768x543.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-1612x1140.jpg 1612w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-1116x789.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-806x570.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-558x394.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/I_10.1_c-655x463.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1754px) 100vw, 1754px\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr Eric Harris-Braun, einen der Mitgr\u00fcnder von Holochain, geht es letztlich darum, dass Holo Fuel und andere auf Holochain basierte W\u00e4hrungen Menschen helfen, \u00bbtats\u00e4chlich alle Arten von Wert innerhalb eines Commons-Bezugsrahmens sichtbar zu machen und abzubilden sowie eine stabile Sprache zu haben, um mit all diesen Werten im gro\u00dfen Ma\u00dfstab ad\u00e4quat umzugehen\u00ab. Die Holochain-Protokolle bieten daf\u00fcr gewisserma\u00dfen die Grammatik an. So k\u00f6nnten Apps uns auch jene Wertfl\u00fcsse \u00bbsehen\u00ab (<em>current-sees<\/em>) lassen und \u00bbbenennen\u00ab helfen, die in der kapitalistischen Marktwirtschaft \u2013 wie der Kiel des Eisbergs \u2013 im Verborgenen liegen: soziales Engagement, sch\u00f6pferische Beitr\u00e4ge aller Art, Sorget\u00e4tigkeiten, sogar emotionale Zust\u00e4nde. F\u00fcr Harris-Braun wird Holo Fuel nicht einfach der Ersatz f\u00fcr Geld sein, der den Kapitalismus beerdigt, sondern ein Instrument, das \u00bbeine andere Wert(e)-Grammatik\u00ab propagiert. So wie uns auch in der menschlichen Sprache unterschiedliche grammatikalische Strukturen helfen, verschiedene Ph\u00e4nomene und Perspektiven auszudr\u00fccken, soll die Holochain-Grammatik ein Werkzeug sein, das auch Energie- und Wertfl\u00fcsse abbildet, die durch Marktpreise nicht dargestellt werden k\u00f6nnen. Der Geldwert verliert dadurch seine Dominanz. Hier ist nicht das isolierte Individuum einzige Quelle von Handlungsmacht und Wertsch\u00f6pfung, sondern Holochain vollzieht den OntoWandel und webt in das Design ein, dass wir Ich-in-Bezogenheit sind. Harris-Braun hat es so ausgedr\u00fcckt: \u00bbUnser Modell basiert auf \u203agegenseitiger Souver\u00e4nit\u00e4t\u2039, Individuum und Kollektiv sind aufeinander bezogen. Keines wird vom jeweils anderen verdr\u00e4ngt. Wer handelt (<em>agent<\/em>), kann sagen, was immer sie oder er will. Die Gemeinschaft wird \u2013 indem sie die Holochain-Grammatik nutzt \u2013 pr\u00fcfen, welche Informationen gesendet wurden und \u203asehen\u2039, ob \u203ader Spielzug\u2039 den Spielregeln entspricht. Alle Verbindungen zwischen Individuum und Kollektiv, Kollektiv und Individuum sind da, um den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Im Grunde ist die ganze reale Welt, in der wir leben \u00bbagentenzentriert\u00ab. Schlie\u00dflich ist die Wirklichkeit immer von unserer eigenen Sichtweise beeinflusst. Was wir hier tun, ist, auf Grundlage einer gemeinsamen Grammatik [\u2026] eine gemeinsame Wirklichkeit zu schaffen. Bezogen auf diese Grammatik \u00fcberpr\u00fcfen wir uns gegenseitig und legen uns gegenseitig Rechenschaft ab. Daf\u00fcr wurde Holochain entwickelt.\u00ab<\/p>\n<p>Durch die Anerkennung dieser \u00bbgegenseitigen Souver\u00e4nit\u00e4t\u00ab der Akteure, so die Hoffnung, sollen lebendige Systeme entstehen, die dem Ganzen verschrieben sind: \u00bbAls Gesellschaft haben wir ja ein ziemlich gutes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Dinge und daf\u00fcr, wie man sie manipuliert, aber mit (Energie-\/Wert-)Fl\u00fcssen ist das nicht so\u00ab, sagt Arthur Brock, Projektgr\u00fcnder von MetaCurrency<sup>29<\/sup>. Holochain verwendet f\u00fcr die \u00bbW\u00e4hrungen\u00ab (denken Sie dabei an <em>current-sees<\/em>) verschiedene \u00bbMuster, Prinzipien und Protokolle, um alle erdenklichen \u203aFl\u00fcsse\u2039 abzubilden, zu teilen, zu messen und zu erm\u00f6glichen\u00ab. Die Schl\u00fcsselkonzepte dabei sind: verteilt, gerecht und regenerativ; denn, so schildert uns Harris-Braun: \u00bbAn Monetarisierung von Wert bin ich \u00fcberhaupt nicht interessiert! Ich arbeite f\u00fcr eine post-monet\u00e4re Welt. Mich interessiert, wie wir [\u2026] Systeme so formalisieren k\u00f6nnen, dass wir \u203aWert sehen\u2039 k\u00f6nnen. Das ist nicht dasselbe wie Monetarisierung.\u00ab<sup>30<\/sup> <em>Current-sees<\/em> sollen vielmehr genutzt werden, um der Pl\u00fcnderung der Erde, der Konzentration von Kapital und der sozialen Spaltung entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Diese neue Art \u00bbWertstr\u00f6me zu sehen\u00ab, zeigt sich auch in der \u00bbSelbstkapitalisierungsstrategie\u00ab von Holo. Das Unternehmen wurde zun\u00e4chst durch ein sogenanntes \u00bbInitial Community Offering\u00ab<sup>31<\/sup> finanziert. Die Investorinnen und Investoren erhielten f\u00fcr ihre Dollareinlagen Holo Fuels. Ihre Anlageertr\u00e4ge erzielen sie ausschlie\u00dflich in der Kryptow\u00e4hrung. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Wert der Ertr\u00e4ge mit dem Wert des Holo-Web-Hosting-Netzwerks und der gesamten Holo-Welt w\u00e4chst. \u00bbDann geht es um ein Muster zunehmender Selbstreplikation von produktiven Kapazit\u00e4ten in ein Commons\u00ab, erkl\u00e4rt Harris-Braun. Das bedeutet, dass die Beteiligten in ihre eigene Infrastruktur und Wirtschaft investieren und dass der in diesem System geschaffene Wert wieder in dieses System gesteckt wird. Die Vision steckt an: Selbstkapitalisierung und Commons im Gro\u00dfformat, ohne die Zw\u00e4nge des konventionellen Markt-Staats-Systems! Aber es gibt starke Indizien, dass das m\u00f6glich ist: ein funktionsf\u00e4higer Code, hohe, breit gestreute Anfangsinvestitionen, das Interesse vieler App-Entwickler an Holochain und daran, sich an der Holo-Fuel-Wirtschaft zu beteiligen (CSA-Bauern und Kooperativen).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden am Ende viele Faktoren die weitere Entwicklung von Holochain beeinflussen. Das Projekt kann sich so entfalten, wie die Gr\u00fcndergeneration es sich erhofft hat oder auch nicht, denn jede Infrastruktur kann auch daf\u00fcr genutzt werden, den schier uners\u00e4ttlichen Durst nach Gewinnmaximierung und Kontrolle zu stillen, wie Ferananda Ibarra, Co-Direktorin der Commons Engine anmerkt. Die Erfindung der Druckmaschine erm\u00f6glichte die Verbreitung der Bibel und gro\u00dfartiger Literatur genauso wie jene des Boulevardjournalismus und der Pornografie. Entscheidend aber ist, dass wir uns dessen bewusst sind, was \u00fcberhaupt technisch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Wer die verf\u00fcgbaren Mittel zuerst und am einflussreichsten nutzt, wird sich zeigen. Nur eines ist sicher: Die Distributed-Ledger-Technik setzt sich durch. Schon deshalb, weil sie jenen Problemen etwas entgegenzusetzen hat, die zentralisierte Datensysteme gro\u00dfer Unternehmen typischerweise verursachen: mangelnde Benutzerfreiheit, Datenschutz, Sicherheitsrisiken und verk\u00fcmmernde Kreativit\u00e4t. Commoners m\u00fcssen sich mit der Weiterentwicklung dieser Ans\u00e4tze und technologischen Architekturen befassen, wenn sie der Macht des Kapitals Einhalt gebieten wollen. Holochain ist der Versuch, einen \u00bbPfahl\u00ab f\u00fcr Commoners in die Erde zu rammen \u2013 auch wenn diese Technik genauso f\u00fcr weniger noblere Zwecke eingesetzt werden kann. Der Reiz der Distributed-Ledger-Technik jedenfalls liegt darin \u2013 gleich ob Holochain oder andere \u2013, neue, dauerhafte und gro\u00dfma\u00dfst\u00e4bliche Angebote zu schaffen, die der Ethik des Commoning entsprechen.<\/p>\n<h4>Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften<\/h4>\n<p>Angesichts der engen Verflechtung zwischen Markt und Staat, erstaunt es nicht, dass sogenannte \u00d6ffentlich-Private Partnerschaften (\u00d6PP)<sup>32<\/sup> <em>en vogue<\/em> sind. Dabei geht es um \u2013 oft gutgemeinte \u2013 Versuche, Probleme durch eine vertragsbasierte Kooperation zwischen privaten Unternehmen und der \u00f6ffentlichen Hand anzugehen. Infrastrukturen werden ausgebaut (in der Wasserversorgung, im Stra\u00dfen- oder Br\u00fcckenbau), Geb\u00e4ude errichtet (Schulen oder Krankenh\u00e4user), Einrichtungen betrieben (Schwimmb\u00e4der, Gef\u00e4ngnisse<sup>33<\/sup>, Sport- und Rastst\u00e4tten) und wichtige Aufgaben wie die M\u00fcllentsorgung ausgelagert. Meist geht es um Kernaufgaben der sogenannten Daseinsvorsorge. \u00d6PPs k\u00f6nnen viele Rechtsformen annehmen: etwa das \u00bbBetreibermodell\u00ab, f\u00fcr das eine Einzweckgesellschaft gegr\u00fcndet wird. \u00dcber diese Gesellschaft plant, errichtet, finanziert und betreibt ein privates Unternehmen ein Infrastrukturprojekt auf eigenes Risiko. Das kommt einer Privatisierung gleich. Oder das Inhabermodell, bei dem das entsprechende Objekt \u2013 ob Stra\u00dfe, Schwimmbad oder Geb\u00e4ude in \u00f6ffentlicher Nutzung \u2013 dem privaten Partner geh\u00f6ren und die \u00f6ffentliche Hand ein regelm\u00e4\u00dfiges Entgelt f\u00fcr die Nutzung zahlt, was bei Vertragsabschluss festgesetzt wird. \u00d6PPs gelten nach wie vor als Win-Win-Szenarien. Die Standardargumente? Arbeitsteilung, Effizienz in der Erbringung der erforderlichen Leistung und geringere Kosten f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand. Dass jedoch bereits in das Konstrukt ein Zielkonflikt eingebaut ist \u2013 n\u00e4mlich Gemeinwohlorientierung, f\u00fcr die der Staat zu sorgen hat einerseits und Gewinnorientierung des privaten Partners andererseits \u2013 bleibt in der Praxis nicht folgenlos. Die NDR-Fernsehdokumentation \u00bbDer gepl\u00fcnderte Staat\u00ab (2013) belegte detailliert einige typische Nachteile von \u00d6PP-Projekten, darunter die Geheimhaltung der Vertr\u00e4ge, die mangelnde parlamentarische Kontrolle, die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Korruption und fragw\u00fcrdige Wirtschaftlichkeit. Tats\u00e4chlich funktionieren einige \u00f6ffentlich-private Kooperationen weniger als Partnerschaften, sondern eher als getarnte Werbegeschenke. In Chicago \u00fcberlie\u00df die Stadtverwaltung tats\u00e4chlich den Betrieb ihrer Tausenden von Parkuhren einem privaten Unternehmen, was zu h\u00f6heren Preisen, schlechterem Service und \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung f\u00fchrte. \u00dcber \u00d6PP-Konstruktionen k\u00f6nnen Unternehmen f\u00fcr einen langen Zeitraum \u2013 15, 30 oder sogar 99 Jahre \u2013 \u00f6ffentliche Infrastrukturen \u00fcbernehmen und betreiben. Daf\u00fcr werden sie (nicht selten gro\u00dfz\u00fcgig) entlohnt.<sup>34<\/sup> Die versteckten, langfristigen Kosten k\u00f6nnen \u00d6PPs jedoch zu einem, im Wortsinne, schlechten Gesch\u00e4ft f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand machen. Dann muss \u00bbnachgeschossen\u00ab werden. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist nur ein drastisches Beispiel. In zehnj\u00e4hriger Bauzeit verzehnfachten sich die Fertigstellungskosten. Tatsache ist, dass nach solchen \u00bbFastprivatisierungen\u00ab die Leistungen oft teurer werden, Qualit\u00e4tsprobleme entstehen, an der \u00f6ffentlichen Sicherheit gespart oder die Wartung vernachl\u00e4ssigt wird.<sup>35<\/sup> Dennoch gelten \u00d6PPs weiterhin als vern\u00fcnftig, robust und sinnvoll \u2013 so als w\u00fcrden sie tats\u00e4chlich allen zugutekommen und noch dazu die Probleme knapper Kassen l\u00f6sen. Statt aber hinzunehmen, dass das \u00d6ffentliche zu Markte getragen und Rechenschaftspflicht sowie \u00f6ffentliche Kontrollm\u00f6glichkeiten neutralisiert werden, sollten wir nach anderen Kooperationsformen Ausschau halten: jenseits von Markt und Staat, jenseits von \u00d6PP.<\/p>\n<p>Noch bevor wir dieser \u00dcberlegung nachgehen ist zu fragen: Welche Dienste und Infrastrukturen dienen wem und welchem Zweck? Was brauchen wir eigentlich wirklich? Geht es um reale Bed\u00fcrfnisse oder werden diese von Wirtschaftswachstumsfantasien \u00fcberlagert; wird letztlich nur noch mehr transportintensiver internationaler Handel gef\u00f6rdert? Es ist immer mit dieser Frage zu beginnen: Was wird hier vor Ort wirklich gebraucht, um die Lebensqualit\u00e4t zu sichern, ohne die Kontrolle aufzugeben? Ausgehend von diesem engen Bezug stellt sich dann die Frage, ob wir nicht commons-freundliche Infrastrukturen aufbauen k\u00f6nnen, die dem Wachstumszwang, den Kapitalinteressen und der Verwaltungslogik entgehen. Die Antwort ist ja! Das ist durchaus m\u00f6glich. Viele Probleme k\u00f6nnen durch lokal verankerte, aber regional und gar international vernetzte Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften, C\u00d6P (<em>Commons-Public Partnerships<\/em>) gel\u00f6st werden. Damit dieser Gedanke greifbarer wird, sollten Sie daran denken, wie wir in Deutschland die Brandbek\u00e4mpfung organisieren. Rund 97 Prozent aller Feuerwehrleute sind nicht in Berufsfeuerwehren organisiert, sondern in sogenannten Freiwilligen Feuerwehren. Fast eine Million Menschen \u2013 Lehrer, Landwirte, Ladenbesitzer, Handwerker, Kraftfahrer (meist M\u00e4nner) \u2013 sind bereit anzupacken, wenn immer es notwendig ist. In ganz Deutschland gibt es nur 107 Berufsfeuerwehren \u2013 ausschlie\u00dflich in mittelgro\u00dfen und gro\u00dfen St\u00e4dten.<sup>36<\/sup> In allen anderen Gebieten haben wir, genau wie in \u00d6sterreich und Polen, eine Feuerwehrgemeinschaft. Selbst in der Bastion der globalen Marktkultur, den Vereinigten Staaten von Amerika, sind beeindruckende 67 Prozent der gut 1,1 Millionen Feuerwehrleute des Landes, also circa 815.000 Menschen<sup>37<\/sup>, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Nun geh\u00f6ren Brandschutz und Brandbek\u00e4mpfung grunds\u00e4tzlich zu den Pflichtaufgaben des Staates. Insofern ist der Begriff \u00bbfreiwillig\u00ab etwas irref\u00fchrend, denn so ganz freiwillig kommen Freiwillige Feuerwehren nicht zustande. Sie m\u00fcssen organisiert werden. Gelingt das nicht, k\u00f6nnen die Kommunen einige B\u00fcrger verpflichten, sich der Feuerwehr anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Worin besteht nun die Partnerschaft? Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen stellt der Staat hier keine Beamten ein. Er schlie\u00dft auch keine Vertr\u00e4ge mit Brandbek\u00e4mpfungsunternehmen. Das ganze System beruht auf dem Gedanken, dass die Menschen unterst\u00fctzt werden, diese Angelegenheit in ihre eigenen H\u00e4nde zu nehmen. Die Befugnisse der \u00f6ffentlichen Hand werden hier kreativ mit den Motivationen von Gleichrangigen, also <em>peers<\/em>, und deren Selbstorganisation verkn\u00fcpft. Jede Gemeinde ist verpflichtet, \u00bbauf ihre Kosten eine den \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnissen entsprechende leistungsf\u00e4hige Feuerwehr aufzustellen, auszur\u00fcsten und zu unterhalten\u00ab, hei\u00dft es etwa im baden-w\u00fcrttembergischen Feuerwehrgesetz vom M\u00e4rz 2010.<sup>38<\/sup> Bekleidung, pers\u00f6nliche Ausr\u00fcstung und Fortbildung werden genauso finanziert wie die Feuerwehrausr\u00fcstungen, -einrichtungen, L\u00f6schmittel und Fahrzeuge sowie die notwendige Kommunikationsinfrastruktur. Auch f\u00fcr den Versicherungsschutz ist staatlicherseits gesorgt. Die tats\u00e4chliche Arbeit aber vollzieht sich in Selbstverwaltung. Man k\u00f6nnte das als \u00d6ffentliche-Commons-Partnerschaft bezeichnen. Der Staat schafft einen rechtlichen und administrativen Rahmen daf\u00fcr, dass unz\u00e4hlige Menschen sich engagieren. Er stellt die notwendigen Mittel bereit und sorgt zudem daf\u00fcr, dass die Feuerwehrleute durch ihre Eins\u00e4tze keine Einkommensverluste hinnehmen m\u00fcssen. Ansonsten aber organisieren sich die Menschen selbst, um \u00bbdas Handwerk zu lernen\u00ab, sich die notwendigen Erste-Hilfe Kenntnisse anzueignen, die Aufgaben untereinander zu verteilen und die Eins\u00e4tze zu absolvieren.<\/p>\n<p>Eine wirkliche Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaft (C\u00d6P) ist das noch nicht, weil hier zun\u00e4chst staatliche Macht und Verantwortung an die B\u00fcrger delegiert wird und sich diese dem Ganzen nicht entziehen k\u00f6nnen. Doch was in Freiwilligen Feuerwehren geschieht, ist einem Commons \u00e4hnlich. So wie Ehrenamt oder Freiwilligenarbeit viel mit Commoning gemein haben und doch etwas Anderes sind. Freiwilligenarbeit geschieht h\u00e4ufig im Kontext einer Organisation und ist begrenzt auf deren spezifisches Aufgabengebiet. Sie wird meist zus\u00e4tzlich erledigt (\u00bbnach Feierabend\u00ab) und hat nicht selten einen stark karitativen Zug. W\u00e4hrend Commoners etwas zu ihrer eigenen Sache machen, darin sch\u00f6pferisch und produktiv t\u00e4tig werden, als Alternative zum Markt, und dabei \u00fcber den ganzen Prozess selbst bestimmen \u2013 zu ihren eigenen Bedingungen.<sup>39<\/sup> Wenn Sie nun von der Freiwilligen Feuerwehr ausgehen und sich vorstellen, dass diese strukturelle und verl\u00e4ssliche Unterst\u00fctzung seitens der Beh\u00f6rden erhalten bleibt, noch mehr Befugnisse delegiert und das Handeln an weniger Bedingungen und Auflagen gekn\u00fcpft w\u00e4re und die Ausrichtung des gesamten Vorhabens \u2013 egal in welchem Bereich \u2013 tats\u00e4chlich von den Commoners selbst bestimmt werden kann, dann haben wir eine Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaft (C\u00d6P).<\/p>\n<p>Utopisch? Das h\u00e4tten wir vielleicht vor 150 Jahren auch \u00fcber die heutige Brandschutzorganisation gesagt. Als die Deutsche Feuerwehr 1851 in Berlin gegr\u00fcndet wurde, bestand sie aus Profis. Die Tradition der freiwilligen Brigaden hat sich erst 70 Jahre sp\u00e4ter, in den 1920ern, etabliert. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter sichern die insgesamt 24.000 Freiwilligen Feuerwehren den Brandschutz f\u00fcr nahezu das gesamte Land. 2017 existierten in ganz Deutschland \u2013 und das ist mehr als bemerkenswert \u2013 nur vier F\u00e4lle, in denen nicht gen\u00fcgend \u00bbFreiwillige\u00ab bereit waren, vor Ort f\u00fcr die Brandbek\u00e4mpfung zu sorgen. In diesen F\u00e4llen beauftragt die Kreisverwaltung die Bildung sogenannter \u00bbPflichtfeuerwehren\u00ab. W\u00e4hrend unser moderner Geist dazu neigt, \u00bbPflicht\u00ab und \u00bbFreiwilligkeit\u00ab als bin\u00e4re Gegens\u00e4tze zu sehen, verschwimmen diese Polarit\u00e4ten, sobald ein Anliegen mit intrinsischen Motivationen oder existentiellen Fragen verbunden wird. So wie in diesem Fall: Der Staat verlangt, dass in allen Gemeinden eine Feuerwehr existiert, und zugleich gibt es viel Autonomie und Selbstorganisation. Die Meisten f\u00fchlen sich nicht unter Druck gesetzt, der Feuerwehr beizutreten. Gef\u00fchlt beteiligen sie sich freiwillig. Das Framing \u00bbfreiwillig\u00ab versus \u00bbPflicht\u00ab wird dem nicht gerecht. Es ist wie ein Ausdruck von Freiheit in Bezogenheit. Verantwortungsbewusste Eltern denken auch nicht daran, sich f\u00fcr das Eine oder Andere zu entscheiden, wenn es darum geht, f\u00fcr ihre Kinder zu sorgen. Es ist beides: Vergn\u00fcgen, aber auch Pflicht und Verantwortung. Viele Menschen empfinden freiwillige Arbeit ebenso wenig als Verpflichtung. Es ist einfach genau das, was getan werden muss. Die Beteiligten sind nicht selten stolz auf das, was sie leisten (wobei explizite Anerkennung immer wieder guttut). Zudem schafft \u00bbehrenamtliches Engagement\u00ab nicht weniger als Commoning in der Regel ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Die Feuerwehrleute zum Beispiel etablieren Rituale des Miteinanders, sie feiern gemeinsam und \u00f6ffnen die Tore des Feuerwehrhauses beim \u00bbTag der offenen T\u00fcr\u00ab f\u00fcr alle Interessierten. Sie leisten \u2013 wie nebenbei \u2013 Jugendarbeit. Rund 250.000 Jugendliche geh\u00f6ren einer Jugendfeuerwehr an. Diese Multifunktionalit\u00e4t, die Marktl\u00f6sungen nie mitliefern, ergibt sich gerade aus dem selbstorganisierten Charakter. Ein anderer Vorteil ist, dass die T\u00e4tigkeiten der Einzelnen nicht in formalen Stellenbeschreibungen definiert werden. Sie k\u00f6nnen flexibel und situationsbedingt an die Gegebenheiten angepasst werden. Zwar bringen Fachleute (etwa in den Berufsfeuerwehren) in der Regel noch einmal F\u00e4higkeiten und Erfahrungen mit, die Freiwillige kaum erwerben k\u00f6nnen, andererseits w\u00e4ren Berufsfeuerwehren im ganzen Land undenkbar. 24 Milliarden Euro pro Jahr m\u00fcssten f\u00fcr Personalkosten aufgewendet werden, wenn jede und jeder nur den Einstiegslohn eines Bundeswehrsoldaten erhielte. Und selbst bei Mindestl\u00f6hnen w\u00e4re das nicht wirklich klug und sehr kostspielig, denn hauptberufliche Feuerwehrleute verbringen viel Zeit mit Warten. Sie werden f\u00fcr ihre Einsatzbereitschaft bezahlt. Ihre Spezialisierung und besondere Qualifikation wird daher routinem\u00e4\u00dfig in Wartungs- und Kontrollaufgaben gebunden.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zur Reflexion gesellschaftlicher Strukturen: \u00d6ffentliche-Commons-Partnerschaften (\u00d6CP) sind f\u00fcr die Suche nach Alternativen zu \u00d6PPs wichtig, weil es nicht darum geht, den Menschen vorzuschreiben, x oder y zu tun. Es geht darum, die Bedingungen zu schaffen, damit es f\u00fcr alle einfacher wird, ihre pers\u00f6nlichen Energien und Talente tats\u00e4chlich einzubringen. Und es geht darum, Commons in gro\u00dfem Ma\u00dfstab zu erm\u00f6glichen. Staatlichen Institutionen kann das nur gelingen, wenn sie Gemeinwohlbelange und individuelle Interessen aufmerksam aufeinander beziehen. Der Schl\u00fcssel ist nicht, die \u00bbrichtigen Anreize\u00ab oder gar Geh\u00e4lter anzubieten. Der Schl\u00fcssel ist, den Menschen echte Befugnisse zu \u00fcbertragen, damit sie ihre Angelegenheiten in die eigenen H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnen; daf\u00fcr sollten sie mit einer geeigneten Infrastruktur und einer passenden Ausr\u00fcstung ausgestattet werden. Ein eher konventioneller politischer Ansatz w\u00e4re, im Haushalt einen Posten f\u00fcr die Leistungen der Daseinsvorsorge vorzusehen und diese dann an externe Dienstleister zu vergeben oder eben Personal einzustellen. Mit solch einer Denkweise wird mitunter viel Potenzial verschenkt. Wenn es stimmt, dass eine Freiwillige Feuerwehr Energien und Talente auch deswegen zu mobilisieren vermag, weil gerade keine formalen Arbeitsverh\u00e4ltnisse bestehen, wenn zudem die Kraft der Selbstorganisation mehr als nur der Brandbek\u00e4mpfung dient, sondern auch \u00bbsozialen Kitt\u00ab erzeugt, dann ist dar\u00fcber nachzudenken, was das f\u00fcr Institutionenbildung bedeutet. Nat\u00fcrlich ist auch das Dasein der \u00bbFreiwilligen\u00ab Feuerwehrleute mit H\u00e4rten verbunden. Sie m\u00fcssen zu jeder Tages- und Nachtzeit einsatzbereit sein, egal ob es brennt, ob nach St\u00fcrmen umgest\u00fcrzte B\u00e4ume von den Stra\u00dfen entfernt werden m\u00fcssen oder medizinische Notf\u00e4lle zu bew\u00e4ltigen sind. Aber diese Opfer sind offenbar f\u00fcr die Allermeisten ertr\u00e4glich und werden durch das gemeinsame Handeln und das Bewusstsein, genau die Arbeit zu tun, die einfach notwendig ist, kompensiert. Noch einmal: Hier geht es nicht um Commoning. Der Staat bleibt im Arrangement der \u00bbFreiwilligen\u00ab Feuerwehr noch immer der \u00bbSeniorpartner\u00ab. Es geht aber auch nicht um einen klassischen Fall von \u00bbB\u00fcrgerbeteiligung\u00ab, im Fachjargon: \u00bbPartizipation\u00ab. Hier nehmen die Menschen nicht an einem Prozess teil, den die Beh\u00f6rden steuern. Staatliche Institutionen fordern niemanden auf, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu ausgew\u00e4hlten Fragen in einen weitgehend vorstrukturierten (Planungs-)Prozess einzubringen (nicht selten, um dessen Ergebnisse zu legitimen). Vielmehr hat der Staat tats\u00e4chlich viel Verantwortung (und Aufgaben) abgegeben und zugleich betr\u00e4chtliche Ressourcen gebunden, um die Menschen zu bef\u00e4higen, die Brandbek\u00e4mpfung weitgehend selbst zu organisieren. Das ist ein deutlicher Hinweis auf das gro\u00dfe Potenzial von C\u00d6Ps, in denen der beschriebene Zielkonflikt aus den \u00d6ffentlich-Privaten Partnerschaften \u2013 Gemeinwohl versus Gewinnorientierung \u2013 nicht existiert.<\/p>\n<p>Unter Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaft (C\u00d6P) verstehen wir eine langfristige Kooperationsvereinbarung zwischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern einerseits und staatlichen Institutionen andererseits. Sie sollen verl\u00e4ssliche Bedingungen schaffen, so dass Commoners langfristig und rechtlich abgesichert Aufgaben f\u00fcreinander, aber auch f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Seniorpartner sind die Commoners. C\u00d6P sollen flexible, auf die lokalen Bedingungen angepasste L\u00f6sungen erm\u00f6glichen, etwa um offene und diskriminierungsfreie Infrastrukturen zu schaffen, \u00fcber die die Menschen die Kontrolle behalten. So muss und will Guifi.net \u2013 das gemeinschaftsgetragene regionale WiFi-Netzwerk, das wir in Kapitel 1 kennengelernt haben \u2013 nicht auf die Interessen externer Investoren und Investorinnen R\u00fccksicht nehmen. Guifi.net hat auch kein Interesse daran, die eigene Rendite auf Kosten der Nutzenden zu maximieren. Es geht um langfristige Stabilit\u00e4t und guten Service. Die Akteure verlieren sich nicht auf dem Spielfeld der Finanzen (auf der \u00fcber Fusionen und \u00dcbernahmen sowie \u00bbkreative Finanzinstrumente\u00ab nachgedacht wird). Das sollte Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften gerade f\u00fcr die lokale und regionale Ebene attraktiv machen. Eine C\u00d6P neigt nicht wie eine \u00d6ffentlich-Private Partnerschaft dazu, in allem ein Gesch\u00e4ftsmodell zu sehen und die eigenen Aktivit\u00e4ten mit Gewinninteresse zu verbinden. M\u00f6glichst \u00fcppige staatliche Finanzierungen und millionenschwere Kreditprogramme stehen auch nicht auf dem Wunschzettel. Es geht einfach darum, die Bedingungen f\u00fcr Selbstorganisation zu verbessern und im Gegenzug Subventionen und rechtliche Privilegien f\u00fcr \u00bbden Markt\u00ab abzubauen. C\u00d6Ps sind g\u00fcnstiger und multifunktionaler als PPPs, da Commons sehr flexibel sind und einer anderen institutionellen Logik folgen als Akteure, die sich am Markt durchsetzen m\u00fcssen. Auch die immensen Kosten eines schwerf\u00e4lligen b\u00fcrokratischen Apparates k\u00f6nnen vermieden werden, weil es \u00fcber Commons einfacher ist, selbst kleine Beitr\u00e4ge im Open-Source-Stil nutzbar zu machen. Es gibt eine ganze Menge Gemeinschaften und Netzwerke, die sich dringender Probleme annehmen \u2013 und das zu einem Bruchteil der Kosten herk\u00f6mmlicher \u00bbDienstleistungen\u00ab. Sie tun dies mit gro\u00dfer Sorgfalt und Aufmerksamkeit f\u00fcr individuelle Belange. Was w\u00e4re, wenn staatliche Institutionen beispielsweise das gemeinschaftsbasierte Versicherungssystem Artabana, deren Regionalgruppen ihre Mittel Poolen, Deckeln &amp; Umlegen und so f\u00fcreinander Sorge tragen, mit grundlegender Infrastruktur unterst\u00fctzte? Was w\u00e4re, wenn geeignete L\u00e4ndereien und Geb\u00e4ude f\u00fcr Netzwerke wie zum Beispiel Vipassana zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden, deren Arbeit der Selbstheilung von Tausenden von Menschen dient \u2013 und zwar ausschlie\u00dflich mit \u00bbnichtkommodifizierter\u00ab Arbeit? Die Antwort liegt auf der Hand. Das w\u00fcrde nicht nur die Kosten f\u00fcr die Gesundheitsversorgung senken, sondern gleichzeitig auch eine Kultur des Gemeinsamen und des Zugeh\u00f6rigseins schaffen.<\/p>\n<p>Die Aufgabe besteht also zun\u00e4chst darin, staatliche Institutionen dazu zu bringen, Commoners als legitime Partner anzuerkennen. B\u00fcrokratien sind den Umgang mit den \u00fcblichen juristischen Personen gewohnt \u2013 Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, Universit\u00e4ten. Dort gibt es Vorstandsvorsitzende, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrende und Pr\u00e4sidenten. Ein Netzwerk von Commoners gilt hingegen als zu instabil und \u00bbunorganisiert\u00ab. Aber auch die Pflegeorganisation Buurtzorg (S. 23) ist nicht hierarchisch organisiert. Ihre Strukturen sind kleinteilig und einfach; und in den Koordinationsprozessen spielt der Blog des Gr\u00fcnders Jos de Blok eine au\u00dfergew\u00f6hnlich wichtige Rolle als Ort der Inspiration zur Selbstorganisation, nicht als Instrument der Steuerung. Es ist also durchaus m\u00f6glich, verbindliche Vereinbarungen mit selbstorganisierten Strukturen zu treffen. Das ist auch die Erfahrung der zahlreichen Kooperationen, die in Folge der \u00bbBologna-Verordnung zur Pflege und Regeneration st\u00e4dtischer Gemeing\u00fcter\u00ab entstanden sind. In diesem Rahmen leisten die Beh\u00f6rden rechtliche, finanzielle und technische Unterst\u00fctzung f\u00fcr konkrete Projekte, die von den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern initiiert wurden. Dieses innovative Rechtsinstrument wurde durch die Co-City-Protokolle weiterentwickelt, eine vom italienischen Think Tank LabGov entwickelte Methodik zur Rahmung sogenannter \u00bbCo-Governance-Initiativen\u00ab. Die Protokolle beruhen auf \u00bbFeldstudien, die Labgov in verschiedenen italienischen St\u00e4dten designed, analysiert und ausgewertet sowie mit mehr als 200 Fallstudien und Forschungsprojekten in \u00fcber 100 St\u00e4dten aus verschiedenen geopolitischen Kontexten abgeglichen hat\u00ab.<sup>40<\/sup> Sie enthalten f\u00fcnf Designprinzipien: \u00bbkollektive Regierungsf\u00fchrung, erm\u00f6glichender Staat, beitragendes Wirtschaften, Experimentierfreude und technologische Gerechtigkeit\u00ab.<sup>41<\/sup><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>TEAL-Organisationen<\/h4>\n<p>Der Organisationsentwicklungsexperte Fr\u00e9deric Laloux spricht in seinem Bestseller <em>Reinventing Organizations<\/em> von TEAL-Organisationen (<em>teal<\/em> bedeutet petrol oder blaugr\u00fcn, dem Cyano \u00e4hnlich). TEAL-Organisationen zeichnen sich aus durch Selbstorganisation, Ganzheitlichkeit, evolution\u00e4ren Sinn. Als Metapher nutzt Laloux den \u00bblebendigen Organismus\u00ab. Laloux\u2019 Beschreibung der Eigenschaften von TEAL-Organisationen entspricht der Peer Governance in Commons:<\/p>\n<ul>\n<li>selbstorganisierende Teams,<\/li>\n<li>fast keine Funktionszuweisung f\u00fcr Einzelpersonen,<\/li>\n<li>Koordinierung und Ad-hoc-Sitzungen bei Bedarf,<\/li>\n<li>radikal vereinfachtes Projektmanagement,<\/li>\n<li>Mindestpl\u00e4ne und Mindestbudgets,<\/li>\n<li>rotierende oder \u00bbflie\u00dfende\u00ab und granulare Rollen,<\/li>\n<li>Entscheidungsfindung ist vollst\u00e4ndig dezentralisiert (konstante Beratungsprozesse),<\/li>\n<li>transparenter Informationsaustausch in Echtzeit inkl. finanzieller Fragen,<\/li>\n<li>alle k\u00f6nnen beliebige Geldbetr\u00e4ge einbringen, vorausgesetzt, der Governance- und Beratungsprozess bleibt davon unber\u00fchrt,<\/li>\n<li>formale mehrstufige Konfliktl\u00f6sungsverfahren,<\/li>\n<li>Fokus auf Teamleistung und peer-basiertes Feedback f\u00fcr die Einzelnen,<\/li>\n<li>selbst festgelegte Geh\u00e4lter mit Peer-Kalibrierung,<\/li>\n<li>keine Boni, faire Aufteilung von Gewinnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach Fr\u00e9d\u00e9ric Laloux: Reinventing Organizations: <em>Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit,<\/em> Vahlen: M\u00fcnchen, 2015.<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>Solche Beispiele zeigen, dass Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften durchaus m\u00f6glich sind (die Juristinnen und Juristen sollten an einem entsprechenden Rechtsrahmen arbeiten). Das einzige wirkliche Problem scheint zu sein, dass es keine Vorlagen und Protokolle gibt, auf die einfach zur\u00fcckgegriffen werden kann. Wenn staatliche Institutionen sich \u00f6ffnen und erkennen k\u00f6nnen, dass die bewusste Selbstorganisation und soziales Miteinander in Commons eine potenzielle Quelle kreativer Energie ist, dann kann sich das \u00e4ndern. Um \u00fcber Commons mehr zu erfahren, hat die belgische Stadt Gent im Jahr 2017 eine Studie in Auftrag gegeben, um sich der Existenz und Leistungen gemeinschaftsbasierter Projekte innerhalb des eigenen Stadtgebietes bewusst zu werden. Die Stadt wollte wissen, wie die Arbeit eines von der Nachbarschaft selbstverwalteten Kirchengeb\u00e4udes, einer Genossenschaft f\u00fcr Erneuerbare Energien oder eines tempor\u00e4ren st\u00e4dtischen Commons-Labors, das verschiedenen Projekten Platz bietet, erg\u00e4nzt und unterst\u00fctzt werden konnte.<sup>42<\/sup><\/p>\n<p>F\u00fcr die Entwicklung einer Commons-\u00d6ffentlichen Partnerschaft reicht es nicht aus, dass staatliche Institutionen ein Commons explizit anerkennen oder \u00bbgenehmigen.\u00ab Es geht darum, der Macht der Commons gegen\u00fcber tats\u00e4chlich aufgeschlossen zu sein, sie wirklich st\u00e4rken zu wollen. Etwa so wie die indische Regierung Dorfgemeinschaften dadurch st\u00e4rkte, dass sie 2006 den Forest Rights Act in Kraft setzte. Das Gesetz zielte ausdr\u00fccklich auf die Selbstbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner \u00fcber ihre Gemeinschaftsw\u00e4lder ab. Sie sollten in traditioneller Weise, dezentral und demokratisch von den Betroffenen selbst verwaltet werden.<sup>43<\/sup> Ein solcher Politikwechsel ist zwar kompliziert, aber er verbessert die Lebensbedingungen und die regionale Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t und tr\u00e4gt dazu bei, dass vor Ort Verantwortung f\u00fcr die Umwelt \u00fcbernommen wird. Leider hat sich die festgefahrene B\u00fcrokratie der Umsetzung des Gesetzes oft widersetzt und die lokalen Gemeinschaften nicht wirklich unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Auch wenn C\u00d6Ps sich f\u00fcr die kommunale Ebene besonders anbieten, sind sie keineswegs auf \u00fcberschaubare, lokale Aufgaben beschr\u00e4nkt, sondern auch f\u00fcr \u00bbdie gro\u00dfen Themen\u00ab relevant. Das hei\u00dft, sie lassen sich auf Situationen \u00fcbertragen, in denen staatliche Institutionen mit Commons-Verb\u00fcnden oder Koordinierungsstellen zusammenarbeiten. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi). \u00dcbersetzt bedeutet das: Initiative f\u00fcr Medikamente gegen vernachl\u00e4ssigte Krankheiten. DNDi ist eine gemeinn\u00fctzige Organisation, die mit verschiedenen Staaten, Forschungsinstituten und Geberorganisationen zusammenarbeitet, um Engp\u00e4sse in der Entwicklung dringend ben\u00f6tigter Medikamente zu \u00fcberwinden.<sup>44<\/sup> Technisch gesehen handelt es sich um eine <em> Commons Public Private Partnership<\/em> (CPPP), weil hier alle drei Institutionstypen eng zusammenarbeiten: Nichtregierungsorganisationen, die Betroffenen selbst, Regierungsinstitutionen und private Forschungsinstitutionen sowie Pharmaunternehmen. Die Partnerschaft funktioniert, weil sich die Beteiligten in Vielfalt gemeinsam ausrichten. Und diese Ausrichtung besteht vor allem darin, kommerzielle Interessen aus der Medikamentenproduktion zu verbannen. Das aber ist nicht nur f\u00fcr \u00bbvernachl\u00e4ssigte Krankheiten\u00ab wichtig. Viele davon sind Tropenkrankheiten, kommen vor allem im S\u00fcden vor und werden deswegen vernachl\u00e4ssigt, weil es in den entsprechenden L\u00e4ndern keine Kaufkraft gibt. DNDi widmet sich deshalb zwar vor allem der Arzneimittelforschung in den Bereichen, die die Arzneimittelindustrie v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt. In j\u00fcngster Zeit ist jedoch auch der Einsatz f\u00fcr Krebsmedikamente hinzugekommen, denn beide Ph\u00e4nomene, \u00bbvernachl\u00e4ssigte Forschung einerseits und \u00fcbertriebene Forschung andererseits\u00ab, seien \u00bbErgebnis einer marktorientierten Medikamentenpolitik\u00ab, sagt die Spezialistin f\u00fcr Gesundheitspolitik Spring Gombe-G\u00f6tz<sup>45<\/sup>. Das Ergebnis sind in der Regel \u00fcberteuerte Medikamente, die sich Menschen entweder \u00fcberhaupt nicht leisten k\u00f6nnen oder die die Budgets der Gesundheitssysteme stark belasten. Die Organisation hat ihren Sitz in Genf (Schweiz) und unterh\u00e4lt weltweit neun Niederlassungen etwa in Kenia, Malaysia oder Japan. Gemeinsam mit Regierungsinstitutionen, Gesundheitsorganisationen sowie Pharmaunternehmen (\u00bbsorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt\u00ab) werden Wege gefunden und finanziert, um die medizinische Forschung voranzutreiben \u2013 inklusive der klinischen Studien, die f\u00fcr die Zulassung neuer Medikamente notwendig sind. Im Jahr 2015 lieferte DNDi sechs neue Behandlungsmethoden und brachte daf\u00fcr 350 Millionen Euro auf. Bis 2023 sollen 16 bis 18 Medikamente mit einem Gesamtbudget von 650 Millionen Euro entwickelt werden.<sup>46<\/sup> Mit von der Partie sind \u00fcber 160 Partner weltweit. Die Forschungsergebnisse n\u00fctzen einer HIV-positiven Mutter in S\u00fcdafrika genauso wie einer jungen Frau in Bolivien, die an der Chagas-Krankheit leidet oder einem Arbeiter eines tropischen Landes, gegen dessen Malaria es dadurch eine bezahlbare Behandlung gibt. DNDi kann ein Leben f\u00fcr 1 Dollar retten, wie der Titel eines Films \u00fcber DNDi es ausdr\u00fcckt.<sup>47<\/sup> DNDi kann zudem die Wirksamkeit von neuen Krebstherapien besser \u00fcberpr\u00fcfen und auch daf\u00fcr die Kosten deutlich senken. Der Grund: Kein einziges Unternehmen oder Forschungsinstitut darf ein Medikament, das in Kooperation mit DNDi entwickelt wurde, sein eigen nennen. Stattdessen hat die Initiative, die vor allem auf Transparenz im gesamten Forschungs- und Produktionsprozess wert legt, Formen der \u00bbsozialvertr\u00e4glichen Lizenzierung\u00ab<sup>48<\/sup> entwickelt. Sie erlauben es, dass Medikamente zum Beispiel auch in jenen L\u00e4ndern hergestellt werden, in denen die betreffenden Krankheiten weit verbreitet sind \u2013 zu in der Regel minimalen Kosten. Das wiederum erleichtert den Menschen den Zugang zu den Medikamenten. Nebeneffekt: die Anreize f\u00fcr F\u00e4lschungen sinken. F\u00fcr all das bedarf es weder verschwenderischer Subventionen noch monet\u00e4rer \u00bbAnreize\u00ab, so dass Unternehmen produzieren, was tats\u00e4chlich gebraucht wird.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][vc_column_text css=&#8220;.vc_custom_1562325208634{padding: 20px !important;background-color: #eaeaea !important;}&#8220;]<\/p>\n<h4>Medikamente f\u00fcr alle: Das Beispiel ASAQ<\/h4>\n<p><strong>ASAQ<\/strong>: WHO-empfohlene Kombinationstherapie (Fixed-Dose-Kombination, FDC) von Artesunat und Amodiaquin gegen Malaria. Zwei Wirkstoffe in einer Tablette. Es ist die erste Behandlungsform, die von DNDi in Zusammenarbeit mit Sanofi in vier gewichtsspezifischen Dosierungen entwickelt wurde.<br \/>\n\u25ba\u20092002: initiiert u.a. von \u00c4rzte ohne Grenzen<br \/>\n\u25ba\u20092003-04: pharmakologische und klinische Entwicklung durch akademische Gruppen in Europa, Afrika und Asien, Biotechnologie-Unternehmen in Europa, \u00c4rzte ohne Grenzen u.a., Zulassungsstudie in Burkina Faso zur Pr\u00fcfung von Wirksamkeit und Vertr\u00e4glichkeit bei Kindern<br \/>\n\u25ba\u20092007: Erstzulassung in Marokko, Produktion in Marokko, sp\u00e4ter auch in Tansania (Technologietransfer)<br \/>\nASAQ soll in allen L\u00e4ndern zug\u00e4nglich gemacht werden, in denen die Resistenzraten gegen Amodiaquin niedrig sind<br \/>\n\u25ba\u2009ab 2007: Sammlung hochqualitativer Daten \u00fcber die Wirksamkeit und Sicherheit von ASAQ als Teil des Risikomanagementplans der WHO nach der Zulassung, u.a. Studien-Standorte in Liberia (1.300 Patientinnen und Patienten)<br \/>\n\u25ba\u20092010: ASAQ erh\u00e4lt WHO-Genehmigung mit der l\u00e4ngsten Haltbarkeitsdauer unter allen pr\u00e4qualifizierten ACTs gegen Malaria (3 Jahre).<\/p>\n<p><strong>Kosten f\u00fcr die Entwicklung und Begleitung der Einf\u00fchrung:<\/strong> 12 Millionen Euro.<br \/>\nBehandlungen in den ersten 4 Jahren: &gt; 250 Millionen, bis 2018 sind es mehr als 500 Millionen Behandlungen in \u00fcber 30 afrikanischen L\u00e4ndern<br \/>\nIm \u00f6ffentlichen Sektor entspricht das weniger als 1 US-Dollar f\u00fcr Erwachsene und 0,5 US-Dollar f\u00fcr Kinder pro Behandlung.<br \/>\n\u25ba\u2009ASAQ wird zu Herstellungskosten vertrieben<br \/>\n\u25ba\u2009ASAQ darf nicht patentiert werden<\/p>\n<p>Quelle: DNDi: Forschung und Entwicklung f\u00fcr vernachl\u00e4ssigte Patienten innovativ angehen. Zehn Jahre DNDi \u2013 Erfahrungen und Lessons Learned, Januar 2014, S.\u00a08 sowie: https:\/\/www.dndi.org\/achievements\/asaq\/<br \/>\n[\/vc_column_text][vc_column_text]<\/p>\n<p>\u00dcber solche Partnerschaften k\u00f6nnen demnach Risiken gemeinsam getragen, komplexe Forschungs- und Entwicklungsprozesse angegangen und auch Infrastrukturen gemeinsam entwickelt werden. Das senkt die Gesamtkosten erheblich. So wird es m\u00f6glich, Probleme zu l\u00f6sen und Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, denen sich gewinnorientierte Unternehmen in der Regel nicht widmen, weil \u00bbes sich nicht rechnet\u00ab. Die Eigentumsrechte sind auch hier der Schl\u00fcssel. Der Erfolg von DNDi gr\u00fcndet zum einen darin, dass f\u00fcr die Medikamente keine Lizenzgeb\u00fchren zu zahlen sind, und zum anderen gibt es die M\u00f6glichkeit, Lizenzen f\u00fcr bestimmte Gebiete zu vergeben, in denen eine Krankheit weit verbreitet ist. Da zudem weltweite Forschungs- und Produktionsrechte garantiert sind (was den Technologietransfer erleichtert), k\u00f6nnen die Medikamente dezentral produziert werden. Es werden also mehrere Produktionsstandorte zugelassen, ohne dass ein Rechteinhaber daraus einen besonderen Gewinn schlagen kann. Alle Partner verpflichten sich, in allen endemischen L\u00e4ndern unabh\u00e4ngig vom Einkommensniveau, das Medikament zum Selbstkostenpreis zuz\u00fcglich einer minimalen Marge anzubieten. Das ist nichts Anderes als kosmo-lokal zu produzieren.<\/p>\n<p>Wenn die Vorteile von Commons-\u00d6ffentlichen Partnerschaften oder von Commons-\u00d6ffentlich-Privaten Partnerschaften zum Tragen kommen sollen, wird sich unser Denken \u00fcber Politik und Verwaltung \u00e4ndern m\u00fcssen. Wichtig ist zun\u00e4chst, die besondere Governance in Commons und die Logik des Commoning wirklich zu verstehen, dann kann das Kooperationspotenzial aller Beteiligten ausgelotet werden \u2013 immer bezogen auf die spezifischen Probleme, Bed\u00fcrfnisse und Bedingungen vor Ort. Wenn ein Staatsapparat versucht, Politik aus einem Gu\u00df zu liefern, wird er unweigerlich schwerf\u00e4llig, ineffizient und starr. Mit \u00d6PPs hingegen kann das, was wirklich gebraucht wird, in \u00bbverteilter\u00ab Produktion und auf menschlichere Weise hergestellt und verf\u00fcgbar gemacht werden \u2013 jenseits gewohnter institutioneller oder machtpolitischer Imperative. Eine \u00d6PP kann organisch wachsen, sich auf verteilte Infrastrukturen st\u00fctzen und bietet vielf\u00e4ltige Einsatzm\u00f6glichkeiten. Staatliche Institutionen k\u00f6nnten auch die Aufgabe \u00fcbernehmen, verschiedene \u00d6PPs miteinander zu verbinden, so dass sie voneinander lernen und \u00fcberregional kooperieren k\u00f6nnen. All das bringt nat\u00fcrlich neue Herausforderungen mit sich. Politik und B\u00fcrokratie sind es \u2013 genau wie wir selbst \u2013 gewohnt, dass das gesellschaftliche Leben \u00bbvon oben\u00ab gesteuert wird. Wir haben zu vieles an die Politik und staatliche Institutionen wegdelegiert. Das sollte sich \u00e4ndern. Den Wert von Commoning zu erkennen und anzuerkennen wird auch f\u00fcr staatliche Institutionen von Vorteil sein: es stiftet Vertrauen, st\u00e4rkt das vielzitierte b\u00fcrgerschaftliche Engagement, erm\u00f6glicht mehr Unabh\u00e4ngigkeit dadurch, dass geld-light gearbeitet wird, und profitiert von lokalem, situiertem Wissen.<\/p>\n<h4>Zum Schluss: Commons im Gro\u00dfformat<\/h4>\n<p>Commons auf eine neue Ebene zu heben, ist, wie wir gesehen haben, zwar \u00bbein anderes Kaliber\u00ab, aber nicht unm\u00f6glich. Es gibt zwar Beispiele, aber keine Standardvorlage f\u00fcr deren gro\u00dfformatige Entwicklung. Es kann sie auch nicht geben. Doch klar ist, dass bessere Gesetze und Verordnungen allein zwar wichtig sind, aber nicht ausreichen. Top-down-L\u00f6sungen haben sehr begrenzte Wirkungen, wenn sie an den Lebenswirklichkeiten vorbeigehen und die intrinsischen Motivationen und Energien unber\u00fchrt lassen. Politik kann nicht vom Commoning selbst getrennt werden.<\/p>\n<p>Am dringendsten ist daher, dass wir lernen, Politik jenseits parteipolitischer Logiken und wettbewerbs- sowie mehrheitsfokussierter Grundstrukturen zu denken. Commoning ist politisch, es tr\u00e4gt dazu bei, das Politische neu zu fassen. Der Politik ist aufgetragen, institutionelle Formen zu entwickeln, die auf Praktiken des Commoning beruhen. Sie sollte Intercommoning f\u00f6rdern, so dass die Strukturen der Mikro-, Meso- und Makroebene, auf Grundlage der in Teil I skizzierten Ideen zusammenwirken und nicht \u00bbgegeneinander arbeiten\u00ab. Dieser Gedanke findet seinen Ausdruck in unserem Bild vom Onto-Wandel (S. 51). Es veranschaulicht, dass im Kern unser Seins- und Weltverst\u00e4ndnis zur Debatte steht. Von diesem Kern aus verzweigt sich eine Commons-Ethik auf unvorhersehbare, adaptive Weise in alle Richtungen, treibt nach au\u00dfen und reicht bis hinein in die operative Ebene.<\/p>\n<p>Wir sind nach intensiver Besch\u00e4ftigung mit dem Thema zu dem Schluss gekommen, dass es wirklich sehr wenig gibt, was nicht aus Commons-Perspektive gedacht und gemacht werden kann. So vieles hat uns zun\u00e4chst \u00fcberrascht. Ein Commons f\u00fcr die Nachbarschaftspflege? Buurtzorg. F\u00fcr die regionale Versorgung mit frischen Lebensmitteln? Cecosesola, SoLaWis, Park Slope Food Coop. F\u00fcr Wohnraum? Mietsh\u00e4user Syndikat. F\u00fcr den generationen\u00fcbergreifenden Schutz von Ackerland? Terre de Liens. F\u00fcr den Neubau von H\u00e4usern? WikiHouse, Vivihouse. F\u00fcr Maschinen? Open Source Ecology und Atelier Paysan. F\u00fcr Lehrmittel: Open Educational Resources. F\u00fcr Finanzierung? Goteo. Eine commons-affine Alternative zu Blockchain? Holochain. Und so weiter.<\/p>\n<p>Der wichtigste Grund, warum all dies verwirklicht wurde, ist, dass die Beteiligten wirklich frei, fair und lebendig kooperieren konnten. Anstatt sich ideologisch festzufahren oder an mechanischen Skizzen festzuhalten und zu tun, was vermeintlich getan werden <em>muss<\/em>, waren sie mutig genug, sich der komplexen Realit\u00e4t zu stellen und die Ansichten aller Beteiligten und potenziell Betroffenen zu ber\u00fccksichtigen. Anstatt blind zentralisierter Macht und hierarchischen Organisationsformen zu vertrauen oder selbstbetr\u00fcgerischen Vorstellungen von \u00bbRationalit\u00e4t\u00ab und \u00bbEffizienz\u00ab aufzusitzen, konnten sie darauf vertrauen, dass alle gebraucht werden, um Probleme zu l\u00f6sen und diese L\u00f6sungen durch die Zeit zu tragen. Sie konnten eine Kultur des Gemeinsamen \u2013 des Commoning \u2013 aufbauen. Mit Worten und Absichtserkl\u00e4rungen allein ist das nicht getan. Wir haben mit unserer Triade versucht, die Kerndimensionen des Commoning (Soziales Miteinander, Selbstorganisation durch Gleichrangige, Sorgendes &amp; selbstbestimmtes Wirtschaften) herauszuarbeiten. Das sind sehr grundlegende Aspekte, auf denen alles andere aufbaut, auch in gro\u00dfem Ma\u00dfstab. Zwar k\u00f6nnen Recht, Tech-Protokolle, Infrastrukturen und anderes eine wichtige Rolle bei der Energiesteuerung des Commoning spielen, aber letztlich ist es unsere Vorstellungskraft und die Praxis des Commoning selbst, die alles antreibt. Deshalb ist es auch f\u00fcr jene, die \u00bbwie Commoners denken\u00ab, schwierig, sich von ganzem Herzen mit einer politischen Partei zu identifizieren \u2013 zumal in einem Kontext, in der Politik selbst als Wettbewerb konzipiert ist. Parteien sind darin zu sehr den je eigenen programmatischen Linien und ideologischen Prinzipien verpflichtet (die nat\u00fcrlich selektiv aufgegeben werden!). Sie sind allgemein betrachtet mehr auf die politische Macht selbst und auf die Auseinandersetzung innerhalb der Berufspolitik ausgerichtet als auf jene von uns, die die Grenzen der repr\u00e4sentativen Demokratie problematisieren, wenn es um das Gelingen eines tats\u00e4chlichen sozialen und kulturellen Wandels geht.<\/p>\n<p>Vielleicht erscheint Ihnen Commoning auch nach der Lekt\u00fcre dieses Bandes noch immer als eher illusorisches Mittel einer ambitionierten Transformationsagenda. Vielleicht halten Sie Commons noch immer f\u00fcr zu klein und zu vage, zu unorthodox und zu marginal. Oder Sie denken, es sei \u00bbzu viel von uns Menschen verlangt\u00ab oder brauche zu viel Zeit zu wachsen. Doch die aufr\u00fchrerische Macht der Commons, n\u00e4mlich der Wunsch nach einer freien, gerechten und lebendigen Welt, ist kein utopischer Traum. Die Macht der Commons ist real! Das haben wir in diesen 10 Kapiteln zeigen wollen. Die Leistungen von Commoners sind beachtlich. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass der politische Mainstream und die Mainstream-Kultur andere Priorit\u00e4ten haben, sie kaum wahrnehmen und sich f\u00fcrs Erste mit \u00fcberkommenen Fantasien und Begriffen bet\u00e4uben. Um den Sprung in das Commonsversum zu schaffen, kommen wir nicht umhin, die Welt mit neuen Ideen im Kopf anzuschauen und sie mit neuen Begriffen zu beschreiben. So kann Commoning und die Praxis einer Ubuntu-Kultur beginnen. Wer sich auf den Weg macht, wird eventuell das bisherige politische Zuhause verlassen m\u00fcssen. Doch wird er zugleich Teil einer Bewegung, einer Welt und einer Weltanschauung, die uns tats\u00e4chlich durch die kommenden Zeiten tragen kann.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Anhang I: \u00bbElinor\u2019s Law\u00ab Design-Prinzipien f\u00fcr Commons-Institutionen&#8220; tab_id=&#8220;Anhang1&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Anhang<\/h2>\n<h3>Anhang I: \u00bbElinor\u2019s Law\u00ab<br \/>\nDesign-Prinzipien f\u00fcr Commons-Institutionen<\/h3>\n<p><em>nach Elinor Ostrom<\/em><\/p>\n<p>Diese Prinzipien hat Elinor Ostrom bereits 1990 in ihrem Hauptwerk, Governing the Commons (Die Verfassung der Allmende), ver\u00f6ffentlicht. In ihrer Nobelpreisrede 2009 stellte sie eine gemeinsam mit Michael Cox, Gwen Arnold und Sergio Villamayor-Tom\u00e1s pr\u00e4zisierte Fassung vor, die hier stichpunktartig wiedergegeben wird:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Grenzen:<\/strong> Es existieren klare und lokal akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzern und Nicht-Nutzungsberechtigten. Es existieren klare Grenzen zwischen einem spezifischen Gemeinressourcensystem und einem gr\u00f6\u00dferen sozio-\u00f6kologischen System.<\/li>\n<li><strong>Kongruenz<\/strong>: Die Regeln f\u00fcr die Aneignung und Reproduktion einer Ressource entsprechen den \u00f6rtlichen und den kulturellen Bedingungen. Aneignungsund Bereitstellungsregeln sind aufeinander abgestimmt; die Verteilung der Kosten unter den Nutzern ist proportional zur Verteilung des Nutzens.<\/li>\n<li><strong>Gemeinschaftliche Entscheidungen:<\/strong> Die meisten Personen, die von einem Ressourcensystem betroffen sind, k\u00f6nnen an Entscheidungen zur Bestimmung und \u00c4nderung der Nutzungsregeln teilnehmen (auch wenn viele diese M\u00f6glichkeit nicht wahrnehmen).<\/li>\n<li><strong>Monitoring der Nutzer und der Ressource:<\/strong> Es muss ausreichend Kontrolle \u00fcber Ressourcen geben, um Regelverst\u00f6\u00dfen vorbeugen zu k\u00f6nnen. Personen, die mit der \u00dcberwachung der Ressource und deren Aneignung betraut sind, m\u00fcssen selbst Nutzer oder den Nutzern rechenschaftspflichtig sein.<\/li>\n<li><strong>Abgestufte Sanktionen:<\/strong> Verh\u00e4ngte Sanktionen sollen in einem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zum verursachten Problem stehen. Die Bestrafung von Regelverletzungen beginnt auf niedrigem Niveau und versch\u00e4rft sich, wenn Nutzer eine Regel mehrfach verletzen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Konfliktl\u00f6sungsmechanismen:<\/strong> Konfliktl\u00f6sungsmechanismen m\u00fcssen schnell, g\u00fcnstig und direkt sein. Es gibt lokale R\u00e4ume f\u00fcr die L\u00f6sung von Konflikten zwischen Nutzern sowie zwischen Nutzern und Beh\u00f6rden [z.B. Mediation].<\/li>\n<li><strong>Anerkennung:<\/strong> Es ist ein Mindestma\u00df staatlicher Anerkennung des Rechtes der Nutzer erforderlich, ihre eigenen Regeln zu bestimmen.<\/li>\n<li><strong>Eingebettete Institutionen (f\u00fcr gro\u00dfe Ressourcensysteme):<\/strong> Wenn eine Gemeinressource eng mit einem gro\u00dfen Ressourcensystem verbunden ist, sind Governance-Strukturen auf mehreren Ebenen miteinander \u00bbverschachtelt\u00ab (Polyzentrische Governance).<\/li>\n<\/ol>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p>Elinor Ostrom: \u00bbBeyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems\u00ab, Nobelpreisrede vom 8. Dezember 2009, online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.nobelprize.org\/prizes\/economic-sciences\/2009\/ostrom\/lecture\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.nobelprize.org\/nobel_prizes\/economics\/laureates\/2009\/ostrom-lecture.html<\/a>.<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Anhang II: Die Entstehung der Triade des Commoning&#8220; tab_id=&#8220;Anhang2&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Anhang II: Die Entstehung der Triade des Commoning<br \/>\nMethod(olog)ische Anmerkungen<\/h3>\n<p>Jenseits des wissenschaftlichen Betriebs forschen wir seit Jahren zu Commons. Entsprechend skizzieren wir hier, <em>wie<\/em> wir unseren Bezugsrahmen, die <em>Triade des Commoning<\/em>, entwickelt haben.<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Es ging uns nicht darum, Commons zu definieren. Das w\u00fcrde weder dem Thema noch unserem Forschungsverst\u00e4ndnis gerecht. Commons sind keine dingfest zu machende Entit\u00e4t! Es ging uns darum, Commons genauer zu beschreiben \u2013 und zwar als spezifische Art zu handeln, Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, das eigene Umfeld und die Gesellschaft zu gestalten. Wir wollten Commoning inhaltlich fassen. Das taten wir, indem wir die <em>gemeinsamen<\/em> Grundz\u00fcge aufsp\u00fcrten, die das Handeln in <em>verschiedenen<\/em> Commons kennzeichnen. Anders gesagt, wir stellten die Frage, ob es Handlungslogiken gibt, die typisch f\u00fcr Commoning sind.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt war der Gedanke, dass die Welt in Mustern geordnet ist. Darin folgen wir der Mustertheorie und -methodologie des Mathematikers, Architekten und Philosophen Christopher Alexander. Sie ist in seinem vierb\u00e4ndigen Hauptwerk, <em>The Nature of Order<\/em><sup>2<\/sup>, detailliert beschrieben. In unserem 2015 erschienenen Sammelband, <em>Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns<\/em>, hatten wir bereits in das Thema eingef\u00fchrt.<sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Muster werden gefunden, nicht erfunden. Das ist eine wichtige Erkenntnis aus der Musterforschung. Sie machen etwas Latentes sichtbar. Dies bedarf der geduldigen Beobachtung, der \u00dcbung und \u2013 zumindest in unserem Fall \u2013 der Kombination verschiedener methodischer Schritte. Methodologisch gilt dabei: Wer immer <em>lebendige<\/em> Prozesse begreifbar machen will, darf die Vernunft nicht vom F\u00fchlen trennen und die kognitive Erkenntnisgewinnung nicht von konkreten Erfahrungen.<sup>4<\/sup> Im Mustern \u2013 wie wir es im Deutschen nennen \u2013 gelingt beides. Die reine Abstraktion jedenfalls wird dem Leben nicht gerecht. Zudem vermag das Mustern das stille, implizite und vor allem untersch\u00e4tzte Wissen der Laien zu ber\u00fccksichtigen (vgl. Polanyi und auch Finke)<sup>5<\/sup>. So erlaubte es auch uns, in der Entwicklung der Muster des Commoning Situiertem Wissen [zu] Vertrauen.<\/p>\n<p>Zu mustern erfordert, auf die Verbindung zwischen dem Unterschiedlichen zu schauen, statt auf das Unterschiedliche. Ein Ph\u00e4nomen oder Problem wird dabei nicht als <em>abgegrenzt und isoliert <\/em> betrachtet, sondern erh\u00e4lt seine Bedeutung erst in seinem Kontext. Entsprechend gilt ein Muster nur in diesem beziehungsweise in \u00e4hnlichen Kontexten. Elementar ist deshalb, dass die Verbindung zwischen Kontext und Problem nie zerrissen wird.<sup>6<\/sup> Im Mustern sozialer Ph\u00e4nomene geht es darum zu identifizieren, durch welche Handlungen (abstrakter: Handlungslogiken) Interaktionen gelingen und Beziehungen gest\u00e4rkt werden. Da Beziehungen multidirektional sind, also auf einen Aspekt positiv und <em>zugleich<\/em> auf einen anderen negativ wirken k\u00f6nnen, sieht die <em>formale<\/em> Notierung von Mustern, auf die wir in diesem Buch bewusst verzichtet haben, die Figur des <em>Anschlussmusters<\/em> vor. Darin werden die Verkn\u00fcpfungen der Muster untereinander deutlicher, die wir im Text nur andeuten konnten. Aber die Leserschaft wird ohnehin erahnen: Einzelne Muster h\u00e4ngen mit anderen zusammen. In ihren Zusammenh\u00e4ngen bilden sie eine sogenannte (noch auszuformulierende) Mustersprache.<\/p>\n<p>Auf erkenntnistheoretischer Ebene sichert dieses Vorgehen ab, dass Geist und K\u00f6rper als Erkenntnisinstrumente in Verbindung bleiben. Das bewusste, sprachliche, begriffliche Erfassen wird durch Resonanzerlebnisse begleitet: im mehrfachen Umkreisen des gleichen Problems und in der Ann\u00e4herung an das, was latent ist, was schon gesp\u00fcrt, aber noch nicht versprachlicht wurde.<sup>7<\/sup> Resonanz erfahren wir, wenn sich nach m\u00fchevollem Suchen und geduldigem Abtasten vieler Optionen<i> <\/i>eine besondere Energie, ein \u00bbgemeinsames Kopfnicken\u00ab einstellt: Es ist eine Kongruenz zwischen Erfahren, Ersp\u00fcren und Erkennen. Die Kenntnisse und Erfahrungen verschiedener Beteiligter<sup>8<\/sup> werden gewisserma\u00dfen \u00fcbereinandergelegt und abgeglichen, bis sich eine \u00dcbereinstimmung ergibt, die es erlaubt, ein Muster zu formulieren. So kann eine hohe Qualit\u00e4t der Muster gesichert werden. Und doch ist das Ergebnis prinzipiell offen und adaptierbar; auch weil sich der Kontext sozialen Handelns st\u00e4ndig \u00e4ndert (vgl. die Hinweise zur Geltung weiter unten).<\/p>\n<p>Nach diesen methodologischen Anmerkungen ist zu fragen, mit welchen Methoden die Triade des Commoning entstanden ist. Auch dies kann nur in stark verk\u00fcrzter Form geschehen.<\/p>\n<p>Zwischen Juni 2014 und Dezember 2017 haben insgesamt <strong>neun Muster-Workshops<\/strong> (<em>pattern mining workshops<\/em>) stattgefunden, an denen zumeist gemeinschaftserfahrene Menschen zwischen 20 und 70 Jahren aus unterschiedlichen Kontexten und Kulturen teilgenommen haben. Die Workshops selbst waren nach der dem Musteransatz inh\u00e4renten Logik strukturiert. Grob skizziert erfolgte die Problembearbeitung somit in folgenden Schritten:<\/p>\n<ul>\n<li>Was ist der Kontext?<\/li>\n<li>Was genau ist in diesem Kontext der Kern eines immer wiederkehrenden Problems?<\/li>\n<li>Welche L\u00f6sungen gibt es f\u00fcr dieses Problem?<\/li>\n<li>Worin liegt der gemeinsame Kern gelingender L\u00f6sungen?<\/li>\n<li>Wie l\u00e4sst sich dieser gemeinsame Kern als Mustername formulieren?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bezogen auf Muster sozialer Praktiken ist ein gelungener Mustername zun\u00e4chst kurz und knackig. Er ist satzzeichenfrei, erfreut sich einleuchtender Neologismen und Doppelbedeutungen, vertr\u00e4gt eing\u00e4ngige K\u00fcrzel wie \u00bbFAQ\u00ab, bedarf eines Verbs, um den Vorgang (die Praxis) hervorzuheben, und begn\u00fcgt sich nicht mit ethischen Floskeln. Ein guter Mustername ist aber auch anpassungsf\u00e4hig. Ausnahmen von diesen Qualit\u00e4tskriterien sind deshalb normal.<\/p>\n<p>Neben den Workshops wurden zw\u00f6lf <strong>teilstrukturierte Interviews<\/strong> mit einer bis vier Personen durchgef\u00fchrt; darunter zwei Intensivinterviews. Wie in den Workshops ging es darum herauszufinden, inwiefern sich unterschiedliche Praktiken, die mit \u00e4hnlichen Problemen konfrontiert sind, \u00fcberlagern und ob gemeinsame Handlungsmuster in gelingenden L\u00f6sungen erkennbar werden. Setting, Charakter der Interviews sowie die Art der Fragestellungen sind in Helfrichs <em>Lebensform Commons<\/em> detailliert beschrieben. Die Interviewten waren zumeist Akademikerinnen und Akademiker. Alle sind seit langem \u2013 in einigen F\u00e4llen 50 Jahre \u2013 in Commons-Projekten aktiv. Erfragt wurde, was <em>wie getan<\/em> wird, und nicht, was <em>gedacht<\/em> wird. Schlie\u00dflich wollten wir Handlungsbeschreibungen erfassen und dokumentieren und keine Meinungen. Die Interviews waren durch unsere Einteilung in die drei Bereiche \u2013 Soziales, Governance und \u00d6konomie (vgl. Kapitel 4-6) \u2013 vorstrukturiert. Die im Folgenden dokumentierten Fragen sowie die jeweilige Version der bereits gefundenen Muster lenken die Aufmerksamkeit schlie\u00dflich auf typische Problemfelder. Wurden Muster getestet, so fragten wir, ob sich die Interviewten darin wiederfinden; ob sie \u00bbsich richtig anf\u00fchlen\u00ab (Resonanztest).<\/p>\n<h4>Die Interviewfragen<\/h4>\n<p>Da Verhalten statt Werthaltungen erfragt werden sollte,<sup>9 <\/sup>waren sowohl Ja-Nein-Fragen zu meiden als auch solche, die dazu zwingen, Verhaltensweisen zu rationalisieren.<sup>10<\/sup> Es dominierten die Wie-Fragen. Sie sollten das Problemfeld eingrenzen, keine Antworten nahelegen und so konkret wie m\u00f6glich sein. Die Fragen zum sozialen Miteinander beziehen sich auf vielfach beobachtete Problemfelder dieses Miteinanders. Die Fragen zur Peer Governance sind neben eigenen Beobachtungen angelehnt an die acht Designprinzipien von Elinor Ostrom (vgl. Anhang I). Und die Fragen zur Commons-Produktion wurden aus der \u00dcberlegung heraus entwickelt, welche einzelnen Elemente f\u00fcr jeglichen sch\u00f6pferisch-produktiven Prozess n\u00f6tig sind (z.B. Natur, Wissen\/Information, Arbeitskraft usw.).<\/p>\n<h4>Fragen zum sozialen Miteinander<\/h4>\n<ul>\n<li>Wie gelingt Euch eine gemeinsame Ausrichtung? Welche Rolle spielen Werte?<\/li>\n<li>Wie erhaltet Ihr die n\u00f6tigen Beitr\u00e4ge?<\/li>\n<li>Wie gestaltet Ihr das Verh\u00e4ltnis von Geben und Nehmen?<\/li>\n<li>Wie erhaltet Ihr die soziale Qualit\u00e4t? Gibt es Gepflogenheiten?<\/li>\n<li>Auf welche Arten von Wissen bezieht Ihr euch?<\/li>\n<li>Wie lebt Ihr Naturbezug?<\/li>\n<li>Wie geht Ihr Konflikte an?<\/li>\n<li>Wodurch bleiben Regeln und Strukturen angemessen und wandlungsf\u00e4hig?<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Fragen zur Governance<\/h4>\n<ul>\n<li>Wie bewegt Ihr Euch im Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Verwertungsdruck und Commoning? Und wie sch\u00fctzt Ihr Commons davor, dass das Geld durchregiert?<\/li>\n<li>Wie bringt Ihr Absichten und Werte zusammen?<\/li>\n<li>Setzt Ihr Grenzen? Wie durchl\u00e4ssig sind sie?<\/li>\n<li>Wie kommen Eure Entscheidungen zustande?<\/li>\n<li>Wie handhabt Ihr Informationen, Kenntnisse, Code und Design?<\/li>\n<li>Wie sind Eure Organisationsstrukturen aufgebaut? Und sch\u00fctzen sie vor Machtmissbrauch?<\/li>\n<li>Wie sind Eure Eigentumsverh\u00e4ltnisse geregelt?<\/li>\n<li>Wie erm\u00f6glicht Ihr die Nachvollziehbarkeit Eurer Handlungen?<\/li>\n<li>Welche Finanzierungsformen nutzt Ihr? Und sind sie selbst Ausdruck des Commoning? Und werden durch Geldfl\u00fcsse Commons gest\u00e4rkt?<\/li>\n<li>Wie kontrolliert Ihr die Einhaltung von Regeln?<\/li>\n<li>Wie geht Ihr mit Regel\u00fcbertritten um?<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Fragen zum sorgenden und selbstbestimmten Wirtschaften<\/h4>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Gibt es eine Trennung zwischen Produzierenden und Nutzenden?<\/li>\n<li>Wie versteht Ihr T\u00e4tigsein und Arbeit? Welche T\u00e4tigkeiten geh\u00f6ren dazu?<\/li>\n<li>Wer tr\u00e4gt das Produktionsrisiko?<\/li>\n<li>Wie sind die Rollen definiert und ausgef\u00fcllt?<\/li>\n<li>Bezogen auf Dinge, die mehr werden, wenn viele sie nutzen (z.B. Wissen):<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8211; Wie wird zugeteilt was verf\u00fcgbar ist?<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Bezogen auf Dinge, die weniger werden, wenn viele sie nutzen (z.B. Lebensmittel oder Geld):<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8211; Wie wird zugeteilt was verf\u00fcgbar ist?<br \/>\na) im \u00fcberschaubaren, zumeist interpersonalen Rahmen<br \/>\nb) im nicht \u00fcberschaubaren, anonymen, transpersonalen Rahmen<\/p>\n<ul>\n<li>Wer bestimmt auf welcher Grundlage den Preis, wenn marktf\u00f6rmiger Handel betrieben wird?<\/li>\n<li>Wie begreift Ihr Arbeit? Wie verteilt Ihr Aufgaben, und wie wertsch\u00e4tzt Ihr alle T\u00e4tigkeiten?<\/li>\n<li>Wem n\u00fctzen Eure Werkzeuge und Instrumente? Wof\u00fcr sind sie dienlich?<\/li>\n<li>Welche der vorhandenen Infrastrukturen nutzt Ihr und warum? Dienen sie Euren Anliegen?<\/li>\n<li>Wie schafft Ihr Neues?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Anschlie\u00dfend begann der Feedback-Prozess. F\u00fcr jedes der generischen<sup>11<\/sup> Muster (Kapitel 4-6), die wir in Reflexion unseres Vorwissens, vielf\u00e4ltiger Commons-Literatur, der Workshops und Interviews entwickelt haben, sah er etwas anders aus. Doch gab es f\u00fcr alle Muster mindestens sechs systematische Durchg\u00e4nge mit Personen unterschiedlicher Qualifikation \u2013 vom Nachhaltigkeitswissenschaftler bis zur Studentin, die mit Mustern arbeitet, von der P\u00e4dagogin, die selbst Motor einer Commons-Community ist, bis zu den Teilnehmenden an der 6. deutschsprachigen Commons-Sommerschule. Wir selbst diskutierten die Musternamen ein ums andere Mal. Jeder Durchgang f\u00fchrte zu Korrekturen, Verschiebungen, Erg\u00e4nzungen und Streichungen, kurz: zu einer gro\u00dfen Zahl von Anpassungen. Diese Iterationen sowie die Methodenkombination sorgen aus unserer Sicht f\u00fcr belastbare Ergebnisse.<\/p>\n<p>Im Folgenden zeigen wir den typischen Forschungsverlauf an einem Beispiel. Dies soll verdeutlichen, <em>wie<\/em> wir die Methoden kombinierten, was in jedem Falle etwas anders geschah, je nach Anzahl und Art der kritischen Entscheidungssituationen (vgl. Flussdiagramm). Ausgew\u00e4hlt haben wir das Muster Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten, das zum Bereich der Peer Governance geh\u00f6rt. Es illustriert nicht nur den Fortgang unserer Arbeit, sondern erhellt auch den Stellenwert \u00bbgemeinsamer Werte\u00ab in Commons-Kontexten.<i> <\/i>Uns interessierte, welche Rolle die vielbeschworenen \u00bbgemeinsamen Werte und Ziele\u00ab in gelingenden Commons tats\u00e4chlich spielen, und wie Commoners ihre Absichten und Werte zusammenbringen.<\/p>\n<h4>Kurzbeschreibung der Schrittfolge<\/h4>\n<ol>\n<li>Beschreibung der Problemstellung: <em>Identifikation der Rolle von Zwecken und Werten<\/em><\/li>\n<li>Ableitung eines Musternamens (1. Iteration, hier durch Deduktion). Mit dem Namen wollten wir ausdr\u00fccken, dass im Commoning gemeinsame Zwecke und Werte klar sein sollten: Gemeinsamen Zweck &amp; Gemeinsame Werte Verdeutlichen<\/li>\n<li>Einbettung des Musternamens in den Kontext; Begr\u00fcndung anhand von Beispielen, um die praktische Relevanz bewusst zu machen; Produktion eines Flie\u00dftextes \u25ba Zusendung an Expertinnen (Testlesende) und Interviewpartner<\/li>\n<li>Teilstrukturiertes Telefoninterview mit GE am 04.12.2017<br \/>\nEs ergibt sich ein <strong>Konflikt<\/strong>. In der Erfahrung des Sozialforschers und Commons-Praktikers k\u00f6nnen gemeinsame Zwecke und Werte nicht <em>vorausgesetzt<\/em> werden. Auch sei deren \u00bbExistenz\u00ab oder Deklarieren f\u00fcr das Funktionieren gemeinsamen Handelns nicht entscheidend. Vielmehr sei die Vielfalt der Perspektiven und Wertvorstellungen eine soziale Tatsache, mit der Commoners umzugehen haben. Man teile Motivationen und Gr\u00fcnde zusammenzukommen, setze aber keine \u2013 langfristigen \u2013 gemeinsamen Zwecke und Werte voraus.<em>\u00bbWe may assume specific short-term goals or purposes. For example, \u203acollecting signatures [\u2026] before the second week of February.\u2039 But these \u203agoals\u2039 or \u203apurposes\u2039 are not ends in themselves. We have motives, compelling forces pushing us in a certain direction. We can express those \u203amotives\u2039 as reasons. Instead of asking \u203aWhat for?\u2039 we ask \u203aWhy?\u2039\u00ab (Auszug aus dem Interview)<\/em><\/li>\n<li>Kollektive Reflexion der Autoren \u25ba Ableitung des Musternamens (2. Iteration): Vielfalt f\u00fcr Commons-Zwecke aufgreifen<\/li>\n<li>Fachgespr\u00e4ch, Reflexion der sprachlichen Fassung (mit SL am 20.03.2018) \u25ba Mustername, 3. Iteration: Vielfalt zu Commons-Zwecken nutzen.<\/li>\n<li>Fachgespr\u00e4ch mit HP und Resonanztest. Es ergibt sich ein Konflikt. Die Fassung des Musternamens \u00bbf\u00fchlt sich nicht richtig an.\u00ab Sie trifft noch nicht den Kern dessen, was sich ausdr\u00fccken m\u00f6chte \u25ba Mustername, 4. Iteration: Vielfalt zum Gemeinsamen verweben.<\/li>\n<li>Peer Review aller Musternamen (WS, am 26.03.2018). Es gibt Feedback zu anderen Mustern, aber nicht zu diesem. Schritt 7 weist jedoch darauf hin, dass ein weiterer Durchgang n\u00f6tig ist.<\/li>\n<li>Kollektive Reflexion und Resonanztest im Gruppengespr\u00e4ch mit Praktiker\/innen und Theoretikerinnen, induktive Elemente werden gest\u00e4rkt (Teilnehmende der Sommerschule, Juni 2018) \u25ba Mustername, 5. Iteration: Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Version entspricht den in den verschiedenen Schritten und Feedbackschleifen \u00fcbereinandergelegten Kenntnissen und Erfahrungen <em>und<\/em> f\u00fchlt sich gut an. Sie wird ver\u00f6ffentlicht (vgl. Kapitel 5).<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise verliefen alle Musterfindungsprozesse. Die Schritte werden im Folgenden noch einmal schematisch abgebildet, wobei das Erkenntnisverfahren mitbenannt wird.<\/p>\n<p><strong>Darstellung des Forschungsprozesses am Beispiel des Musters <\/strong> Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2863\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1.jpg\" alt=\"\" width=\"1203\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1.jpg 1203w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-241x300.jpg 241w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-768x958.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-1116x1392.jpg 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-806x1005.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-558x696.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_1-655x817.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1203px) 100vw, 1203px\" \/><br \/>\nQuelle: Eigene Erarbeitung, Silke Helfrich 2018<\/p>\n<h4>Geltung und Ableitungsverfahren<\/h4>\n<p>Beim Mustern ist eine subjektive Einstufung der Geltung der Muster \u00fcblich, denn \u00bbmanche sind richtiger, profunder, gewisser als andere\u00ab.<sup>12<\/sup> Diese Einstufung haben wir auch f\u00fcr die in Kapitel 4-6 dargestellten Muster vorgenommen und sie daher folgenderma\u00dfen gekennzeichnet. Bei Mustern <strong>ohne *<\/strong> glauben wir, etwas gefunden zu haben, das tats\u00e4chlich die <em>Merkmale<\/em> zusammenfasst, die <em>allen m\u00f6glichen Arten<\/em>, das Problem zu l\u00f6sen, gemeinsam sind.<\/p>\n<p>Bei Mustern <strong>mit *<\/strong>, gehen wir davon aus, dass eine richtige L\u00f6sung des Problems nur m\u00f6glich ist, wenn die Umwelt in der einen oder anderen Weise entsprechend des Musters gestaltet wird.<\/p>\n<p>Muster <strong>mit **<\/strong> kennzeichnen, dass sich eine weitere Untersuchung empfiehlt, um das Muster zu verbessern.<\/p>\n<p>In der zweiten Spalte sind erg\u00e4nzend die Ableitungsverfahren verzeichnet, die im Findungsprozess dominant waren, sowie die abstrakten Konzepte, von denen (so Deduktion eine dominierende Rolle spielte) abgeleitet wurde.<\/p>\n<p><strong>Validierung und Ableitungsverfahren<\/strong><\/p>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<colgroup>\n<col width=\"274\" \/>\n<col width=\"275\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\"><strong>Soziales Miteinander<\/strong><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\"><strong>Ableitungsverfahren<\/strong><br \/>\nnach Reihenfolge ihrer Dominanz<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">gemeinsame Absichten &amp;<br \/>\nWerte pflegen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">ohne Zw\u00e4nge beitragen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Gegenseitigkeit behutsam aus\u00fcben<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv (vom Konzept der Reziprozit\u00e4t\/Gegenseitigkeit)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Rituale des Miteinanders etablieren<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv&lt;<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">situiertem Wissen vertrauen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (vom Konzept des situierten Wissens) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Naturverbundensein vertiefen**<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (vom relationalen Grundverst\u00e4ndnis, Mensch-Natur-Beziehung) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Konflikte beziehungswahrend bearbeiten*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">eigene Peer-Governance reflektieren*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"7\">\n<colgroup>\n<col width=\"274\" \/>\n<col width=\"275\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\"><strong>Peer Governance<\/strong><\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Commons &amp; Kommerz auseinanderhalten<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv (vom Menschenbild)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Commons mit halbdurchl\u00e4ssigen Membranen umgeben*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (vom 1. Designprinzip Elinor Ostroms) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">gemeinstimmig entscheiden*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv (vom 3. Designprinzip Elinor Ostroms)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Wissen gro\u00dfz\u00fcgig weitergeben<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">auf Heterarchie bauen*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (von Governance-Theorie, der Kritik an Hierarchie) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Beziehungshaftigkeit des Habens verankern*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">im Vertrauensraum transparent sein<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Commons-Produktion finanzieren*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">Regeleinhaltung commons-intern beobachten &amp; stufenweise sanktionieren<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv (vom 4. und 5. Designprinzip Elinor Ostroms)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<table style=\"border: 1px solid black; border-collapse: collapse; width: 100%;\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"7\">\n<colgroup>\n<col width=\"274\" \/>\n<col width=\"275\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" colspan=\"2\" valign=\"top\" width=\"100%\"><strong>Commons herstellen<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">gemeinsam erzeugen &amp; nutzen<br \/>\n(F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<br \/>\ninduktiv \u2013 deduktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">das Produktionsrisiko gemeinsam tragen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">gemeinsam erzeugen &amp; nutzen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">beitragen &amp; weitergeben<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">poolen, deckeln &amp; aufteilen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv&lt;<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">poolen, deckeln &amp; umlegen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">preissouver\u00e4n Handel treiben*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">(F\u00fcr-)Sorge leisten &amp; Arbeit dem Markt entziehen*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (vom Care-Konzept, Lohnarbeitskritik) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">konviviale Werkzeuge nutzen*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">deduktiv (vom Konzept der Konvivialit\u00e4t\/konvivialer Werkzeuge nach Ivan Illich und Andrea Vetter) \u2013 induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">auf verteilte Strukturen setzen<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">kosmo-lokal produzieren*<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv \u2013 deduktiv (vom Konzept der Kosmo-Lokalen Produktion nach)<\/td>\n<\/tr>\n<tr style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\">\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"274\">kreativ anpassen &amp; erneuern<\/td>\n<td style=\"border: 1px solid black; text-align: left;\" valign=\"top\" width=\"275\">induktiv<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h4>Forschungsverlauf<\/h4>\n<p>In einem letzten Schritt soll anhand eines Flussdiagramms gezeigt werden, welche Entscheidungen im Verlauf des Forschungsprozesses zu treffen waren. Die Darstellung beginnt mit dem Erfassen eines immer wiederkehrenden Problems in einem Commons-Kontext und endet mit der eben beschriebenen Bewertung. Auch dieses Flussdiagramm ist auf das Beispiel Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten abgestimmt, doch die Vorgehensweise ist auf alle Muster \u00fcbertragbar.<\/p>\n<p><em>Entscheidungsverl\u00e4ufe im Forschungsprozess<\/em><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2866\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2.jpg\" alt=\"\" width=\"1077\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2.jpg 1077w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2-215x300.jpg 215w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2-768x1070.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2-806x1123.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2-558x777.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_2-655x912.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1077px) 100vw, 1077px\" \/><br \/>\nQuelle: Eigene Erarbeitung, Silke Helfrich 2018<\/p>\n<p>Die Dokumentation aller Schritte ist jeweils zeitnah und in verschiedenen Formen erfolgt: als Gesamtdokumentationen der Workshops, Einzeldokumentationen der Workshopergebnisse nach formaler Musternotierung, Dokumentation der Interviews im sogenannten Federated Wiki (Verbundwiki), Mitschriften und Notizen von Workshops, Fach- bzw. Redaktionsgespr\u00e4chen.<\/p>\n<h4>Vom Seinsverst\u00e4ndnis zu Methoden<\/h4>\n<p>Wichtig ist uns abschlie\u00dfend die Feststellung, dass das gesamte Vorgehen an theoretische Grundlagen gebunden ist und eine relationale sowie prozessuale Ontologie \u00bbin sich aufnimmt\u00ab beziehungsweise reflektiert. Dies erkl\u00e4rt folgende Vorz\u00fcge:<\/p>\n<ul>\n<li>Kontextbezogenheit<\/li>\n<li>Konkretheit (im Sinne der Fundierung in konkreten Lebenswelten)<\/li>\n<li>Methodologie stimuliert individuelle und kollektive Selbstreflexion<\/li>\n<li>Ergebnis ist prinzipiell offen und adaptierbar<\/li>\n<\/ul>\n<p>Schematisch ausgedr\u00fcckt:<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2869\" src=\"https:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3.jpg\" alt=\"\" width=\"1100\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3.jpg 1100w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3-300x158.jpg 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3-768x405.jpg 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3-806x425.jpg 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3-558x294.jpg 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/buchgrafik_3-655x345.jpg 655w\" sizes=\"(max-width: 1100px) 100vw, 1100px\" \/><\/p>\n<p>Das bedeutet auch: Muster sind nicht wie Legosteine, die nur in vorgegebener Art und Weise zusammenpassen. Die M\u00f6glichkeiten der Verbindung einzelner Elemente \u2013 etwa von gelungenen L\u00f6sungen \u2013 sind nicht vorstrukturiert. Aus der kreativen Kombination von Ideen kann daher etwas Neues entstehen, das in den Einzell\u00f6sungen nicht angelegt war.<\/p>\n<h4>Zum Umgang mit Mustern<\/h4>\n<p>F\u00fcr alle Interessierten und f\u00fcr Forschende \u2013 f\u00fcr Praxis und Theorie \u2013 ist die Verkn\u00fcpfung von Mustern und Commons deshalb so fruchtbar, weil das Mustern nicht nur erlaubt, in der Vielfalt der <em>Commoning-<\/em>Prozesse eine Ordnung zu erkennen und damit<b> <\/b>Commoning inhaltlich zu bestimmen, sondern Muster unterst\u00fctzen die Commoners dabei, diese Ordnung <em>herzustellen<\/em>.<\/p>\n<p>Praktikerinnen und Praktiker k\u00f6nnen Muster einsetzen um\u2026<\/p>\n<ul>\n<li>Sprache zu finden f\u00fcr das, was sie ohnehin schon tun;<\/li>\n<li>Selbstreflexion zu strukturieren und eigene St\u00e4rken und Schw\u00e4chen zu identifizieren;<\/li>\n<li>gute Ideen aufzugreifen und f\u00fcr eigene Probleml\u00f6sungen einzusetzen \u2013 das hei\u00dft, Muster in angepasster Form im eigenen Kontext anzuwenden;<\/li>\n<li>auf den je eigenen Kontext zugeschnittene spezifische Muster zu entwickeln.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Forschende k\u00f6nnen Muster einsetzen um<\/p>\n<ul>\n<li>sie zu \u00fcberpr\u00fcfen und weiterzuentwickeln, um so zur Konzeptualisierung von Commoning beizutragen;<\/li>\n<li>Interviews und Forschungsfragen f\u00fcr die Feldforschung zu konzipieren;<\/li>\n<li>alle generischen Muster gemeinsam als Forschungsrahmen einzusetzen; sie erm\u00f6glichen, die sozialen, institutionellen und \u00f6konomischen Vorg\u00e4nge in einem konkreten Kontext aus Commons-Perspektive zu erfassen, \u00e4hnlich wie die Designprinzipien nach Elinor Ostrom genutzt werden, um institutionelle Regeln abzugleichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Anhang III: Zur visuellen Grammatik der Illustrationen&#8220; tab_id=&#8220;Anhang3&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Anhang III: Zur visuellen Grammatik der Illustrationen<\/h3>\n<p>Jede Illustration enth\u00e4lt Information auf zwei Ebenen. Die erste Ebene ist die Kugel, um die sich Punkte oder Quadrate bewegen. Diese Ebene repr\u00e4sentiert die Umgebung\/den Kontext. Die zweite Ebene enth\u00e4lt Punkte und Quadrate. Sie liegen \u2013 in vielf\u00e4ltigen Anordnungen \u2013 auf der Kugel. Diese Ebene repr\u00e4sentiert Subjekte\/ Handelnde und Pr\u00e4dikate\/Handlungen.<\/p>\n<hr \/>\n<h4>Ebene 1: Kugel<\/h4>\n<p>Alles geschieht in Beziehung zu einer oder mehreren semi-transparenten Kugeln, innerhalb dieser Kugeln, zwischen ihnen beziehungsweise und um sie herum.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-514 size-full aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Layer 1: Sphere\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_01-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p><strong>Commons<\/strong><br \/>\n<em>Commons sind komplexe, adaptive, lebendige Prozesse, in denen Verm\u00f6genswerte geschaffen und Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden.<\/em><\/p>\n<p>Die Kugel ist das Bild f\u00fcr Commons, geformt durch eine dynamische Textur, die im Wesentlichen aus Punkten und Quadraten besteht. Diese Elemente stehen f\u00fcr verschiedene Realit\u00e4ten und\/oder die Teilhabe von Commoners an den interdependenten Beziehungen mit der Welt au\u00dferhalb des Commons.<\/p>\n<p>Im Kontrast dazu werden das kapitalistische System oder seine Elemente durch Quadrate dargestellt \u2013 in unterschiedlichen Schattierungen und Texturen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-513 size-full aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Commons\" width=\"1500\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-300x82.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-768x209.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-1116x304.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-806x219.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-558x152.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_02-655x178.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Commoning<\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-510 size-full alignnone\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Commoning - Inside \/ Outside\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_03-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p><strong>Innen<\/strong><\/p>\n<p><em>Commoning ist ein offener Prozess, in dem Menschen situationsspezifische Formen bewusster Selbstorganisation (Peer Governance) erkunden und verwirklichen. Sie stellen zugleich selbstbestimmt N\u00fctzliches und Sinnvolles f\u00fcr sich und andere her.<\/em>Innerhalb derselben Commoning-Erfahrung.Lokal<\/p>\n<p><strong>Au\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p><em>Menschen, Dinge oder Ideen, die von au\u00dfen kommen oder nach au\u00dfen gehen (z.B. vom\/zum Markt).<\/em><\/p>\n<p>Zwischen verschiedenen Commoning-Erfahrungen.<\/p>\n<p>Global, Netzwerk, Verbund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kugel und Punkte sind abstrakte Repr\u00e4sentationen \u00e4hnlicher Ph\u00e4nomene. Sie repr\u00e4sentieren also verschiedene Commons (Kugel) und verschiedene Subjekte\/Handelnde (Punkte). Beide sind dynamisch (nicht-statisch) und kreisf\u00f6rmig; und beide existieren je einzeln und doch bezogen aufeinander und in Pluralit\u00e4t.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-512 size-full aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04.png\" alt=\"FREE, FAIR &amp; ALIVE \u2014 Visual Grammar \/ Layer 1: Commoning \" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_04-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\n<em>Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, deshalb bin ich.<\/em><br \/>\n<em>Das Individuum ist Teil eines \u00bbWir\u00ab \u2013 genau genommen vieler \u00bbWirs\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h4><\/h4>\n<h4>Ebene 2: Punkte &amp; Quadrate, Verl\u00e4ufe &amp; Fl\u00e4chen<\/h4>\n<p><strong>Commoners<\/strong><br \/>\n<em>Eine Identit\u00e4t und soziale Rolle, die Menschen annehmen, wenn sie Commoning prak- tizieren.<\/em><\/p>\n<p><strong>Communion<\/strong><br \/>\n<em>Sie beschreibt unsere Beziehungsvielfalt zur Mehr-als-menschlichen-Welt: vom ungl\u00e4ubi- gen Staunen zur unbedingten Abh\u00e4ngigkeit, zum Teil-Sein.<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-511 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Layer2: Communion - Individuals \/ Commoners\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_05-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Punkte und Quadrate gruppieren sich zu Verl\u00e4ufen und Fl\u00e4chen und deuten so die (r\u00e4umlichen) Beziehungen innerhalb und au\u00dferhalb der Kugel\/n an.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-509 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Layer2\" width=\"1500\" height=\"647\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-300x129.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-768x331.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-1116x481.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-806x348.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-558x241.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_06-655x283.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Verl\u00e4ufe miteinander gruppierter Punkte und Quadrate stehen f\u00fcr Verbindungen\/Beziehungen, f\u00fcr die Richtung konkreter Handlungen und eine r\u00e4umliche Dimension. Solche Verl\u00e4ufe gehen in gr\u00f6\u00dferen Fl\u00e4chen auf.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-508 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07.png\" alt=\"Visual Grammar \/ Layer2\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_07-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>Miteinander gruppierte Punkte und Quadrate liegen \u2013 in vielf\u00e4ltigen Anordnungen \u2013 auf der Kugel, h\u00fcllen sie ein, gehen durch sie hindurch und schaffen so dynamische Formen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Punkte und Quadrate, Verl\u00e4ufe und Fl\u00e4chen haben unterschiedliche Eigenschaften:<\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-507 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Size = diverse realities\" width=\"1500\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-300x63.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-768x160.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-1116x233.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-806x168.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-558x116.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_08-655x137.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gr\u00f6\u00dfe = verschiedene Realit\u00e4ten<\/strong><br \/>\nDie Gr\u00f6\u00dfe der Elemente dr\u00fcckt unterschiedliche Realit\u00e4ten aus.<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-506 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Density = power\" width=\"1500\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-300x79.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-768x202.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-1116x293.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-806x212.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-558x147.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_09-655x172.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dichte = Kraft\/Macht<\/strong><br \/>\nDichte wird durch ein gr\u00f6\u00dferes Volumen der Elemente erreicht und dadurch, dass zwischen ihnen weniger Freiraum bleibt oder dass sie \u00fcberlappen.<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-505 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Movement\/shift = aliveness\" width=\"1500\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-300x73.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-768x187.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-1116x272.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-806x196.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-558x136.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_10-655x159.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bewegung\/Wandel = Lebendigkeit<\/strong><br \/>\nRichtung wird dadurch sichtbar gemacht, dass die dargestellten Elemente in ihrer Gr\u00f6\u00dfe, Anzahl und Dichte st\u00e4ndig weniger werden und \u00bbauslaufen\u00ab. Der \u00bbKopf\u00ab des \u00bbSchweifes\u00ab ist durch volumin\u00f6sere und dichter angeordnete Punkte geformt.<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-504 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Organic vs. ordered configurations = Free vs. ruled activities\/relations\" width=\"1500\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-300x59.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-768x151.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-1116x219.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-806x159.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-558x110.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_11-655x129.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Organische vs. geordnete Anordnung = Freie vs. geregelte Handlungen\/Beziehungen<\/strong><br \/>\nAus all diesen Elementen entstehen graphisch Beziehungsdynamiken.<\/p>\n<p><em>Zu sagen, die Welt sei ein Pluriversum, beinhaltet, dass es nicht nur eine einzige Quelle des Daseins gibt und dass kein Wissenssystem anderen inh\u00e4rent \u00fcberlegen ist. Ein Pluriversum ist \u00bbeine Welt, in die viele Welten passen\u00ab.<\/em><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-503 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_12-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Graphische Darstellung unterschiedlicher Beziehungsdynamiken in den Muster-illustrationen:<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-502 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_13-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nKonvergenz: ausgedr\u00fcckt durch eine spiralf\u00f6rmige Anordnung<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-499 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"566\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-300x113.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-768x290.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-1116x421.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-806x304.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-558x211.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_16-655x247.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nWeitergeben\/Aufteilen: ausgedr\u00fcckt durch eine wellenf\u00f6rmige Anordnung<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-501 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_14-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nGemeinsam herstellen und bereitstellen: ausgedr\u00fcckt durch Verflechtungen, eine zopf\u00e4hnliche Anordnung<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-498 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"570\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-300x114.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-768x292.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-1116x424.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-806x306.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-558x212.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_17-655x249.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nLiebevolle Beziehungen (Vertrauen, (F\u00fcr-)Sorge&#8230;): ausgedr\u00fcckt durch eine konkave, wiegenf\u00f6rmige Anordnung (eingebettet\/gen\u00e4hrt sein)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-500 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15.png\" alt=\"Visual Grammar \u2014 Relational Dynamics\" width=\"1500\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15.png 1500w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-300x160.png 300w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-768x410.png 768w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-1116x595.png 1116w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-806x430.png 806w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-558x298.png 558w, https:\/\/freefairandalive.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/VG_15-655x349.png 655w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><br \/>\nAnalyse und Reflexion: ausgedr\u00fcckt durch konzentrische Kreise oder eine augenf\u00f6rmige Anordnung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Die Darstellungen sind von \u00a9 Merc\u00e8 M. Tarr\u00e9s, basierend auf einem Entwurf von Federica di Pietro und Chiara Rovescala.<\/em><br \/>\n<em><br \/>\nBarcelona, Spain January 2019<br \/>\nN.B. All images \u00a9 Merc\u00e8 M. Tarr\u00e9s, 2019, licensed under a Peer Production License (https:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/Peer_Production_ License).<\/em>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Anmerkungen&#8220; tab_id=&#8220;Anmerkungen&#8220;][vc_column_text el_id=&#8220;Anmerkungen&#8220;]<\/p>\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n<h3><strong>Einleitung<\/strong><\/h3>\n<p>1 | Horst Eberhard Richter: Der Gotteskomplex, Reinbek: Rowohlt, 1979, S. 25.<\/p>\n<p>2 | Siehe: <a href=\"https:\/\/www.sciencemag.org\/news\/2018\/11\/researcher-who-created-crispr-twins-defends-his-work-leaves-many-questions-unanswered\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.sciencemag.org\/news\/2018\/11\/researcher-who-created-crispr-twins-defends-his-work-leaves-many-questions-unanswered<\/a>.<\/p>\n<p>3 | Wie formulierte es der Anthropologe David Graeber: \u00bbJeden Morgen stehen wir auf und machen Kapitalismus. Warum machen wir nicht mal etwas Anderes?\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Teil I<\/strong><\/h3>\n<h4><em>Kapitel 1<\/em><\/h4>\n<p>1 | Dieses und die folgenden Zitate aus den Vortr\u00e4gen von Tomasello: \u00bbWhat Makes Us Human?\u00ab, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9vuI34zyjqU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9vuI34zyjqU<\/a> und \u00bbWhat Makes Human Beings Unique?\u00ab, https:\/\/www.youtube.com\/watchv=RQiINQiAn4o. Siehe auch: Michael Tomasello:Warum wir kooperieren, Berlin: Suhrkamp, 2010.<\/p>\n<p>2 | Samuel Bowles und Herbert Gintis: The Cooperative Species: Human Reciprocity and Its Evolution, Princeton: University Press, 2011.<\/p>\n<p>3 | Garrett Hardin: \u00bbThe Tragedy of the Commons\u00ab, Science 162, Nr. 3859, Dezember 1968, S. 1243.<\/p>\n<p>4 | Lewis Hyde: Common as Air: Revolution, Art and Ownership, New York: Farrar, Straus and Giroux, 2010, S. 44.<\/p>\n<p>5 | Die Aussterberate von Fauna und Flora hat sich auf Grund der intensiven Nutzung der Erdoberfl\u00e4che und der Ausbeutung der Ressourcen unter der Erde im Vergleich zu ruhigeren erdgeschichtlichen Zeiten um das 100- bis 1000fache erh\u00f6ht. Vgl. <a href=\"https:\/\/www.naturefund.de\/wissen\/atlas_des_wissens\/atlas_des_klimas\/ursachen\/massensterben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.naturefund.de\/erde\/atlas_des_klimas\/ursachen\/das_sechste_massensterben_der_erdgeschichte.html<\/a>.<\/p>\n<p>6 | Auch: Allmendeg\u00fcter.<\/p>\n<p>7 | Commons-Muster schreiben wir in Kapit\u00e4lchen.<\/p>\n<p>8 | \u00bbHome Care by Self-Governing Nursing Teams: The Netherlands\u2019 Buurtzorg Model,\u00ab The Commonswealth Fund, 29. Mai 2015, <a href=\"https:\/\/www.commonwealthfund.org\/publications\/case-study\/2015\/may\/home-care-self-governing-nursing-teams-netherlands-buurtzorg-model\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.commonwealthfund.org\/publications\/case-studies\/2015\/may\/home-care-nursing-teams-netherlands<\/a>.<\/p>\n<p>9 | http:\/\/www.buurtzorg-in-deutschland.org\/2017\/05\/26\/care4me-in-berlin-ent-steht-ein-pflegedienst\/.<\/p>\n<p>10 | F\u00fcr das Jahr 2018 gibt die Website Buurtzorgs Einsparungen von bis zu 40 Prozent an.<\/p>\n<p>11 | Fabrikation mit computergest\u00fctzter numerischer Steuerung.<\/p>\n<p>12 | Alastair Parvin: \u00bbArchitecture for the People by the People\u00ab, TED Talk, ver\u00f6ffentlicht am 23. Mai 2013, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Mlt6kaNjoeI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Mlt6kaNjoeI<\/a>.<\/p>\n<p>13 | Die Autorin ist Mitglied dieser SoLaWi: <a href=\"https:\/\/SoLaWi-erleben.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/SoLaWi-erleben.de\/<\/a>.<\/p>\n<p>14 | Ware hier als sozio-\u00f6konomische Kategorie verstanden.<\/p>\n<p>15 | Hier wird Commons als Gegenbegriff zur \u00f6konomischen Kategorie der Ware verwendet.<\/p>\n<p>16|Karte der Solidarischen Landwirtschaften in Deutschland: <a href=\"https:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\/SoLaWis-finden\/karte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\/SoLaWis-finden\/karte<\/a>. Die Zahlen sind verschiedenen Quellen ent- nommen: dem Newsletter des Netzwerks, sowie <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-wissen\/2015\/03\/solidarische-landwirtschaft-bauern-lebensmittel\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.zeit.de\/zeit-wissen\/2015\/03\/solidarische-landwirtschaft-bauern-lebensmittel\/komplettansicht<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\/das-netzwerk\/ueber-uns\/entstehung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\/das-netzwerk\/ueber-uns\/entstehung\/<\/a>.<\/p>\n<p>17 | Eine Karte findet sich hier: <a href=\"https:\/\/www.localharvest.org\/csa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.localharvest.org\/csa\/<\/a>.<\/p>\n<p>18 | <a href=\"http:\/\/www.joaa.net\/english\/teikei.htm#ch3-1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.joaa.net\/english\/teikei.htm#ch3-1<\/a> .<\/p>\n<p>19 | Vortrag von Ramon Roca w\u00e4hrend des Workshops im EU Parlament zu: Community Networks and Telecom Regulation, am 17. Oktober 2017, organisiert vom netCommons und Commons Network. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Cu88NnigBU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Cu88NnigBU<\/a>.<\/p>\n<p>20 | Dan Gillmor: \u00bbForget Comcast. Here\u2019s the DIY Approach to Internet Access\u00ab, Wired, 20. Juli 2016, <a href=\"https:\/\/www.wired.com\/2016\/07\/forget-comcast-heres-the-diy-approach-to-internet-access\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.wired.com\/2016\/07\/forget-comcast-heres-the-diy-approach-to-internet-access<\/a>.<\/p>\n<p>21 | Diesen Begriff verdanken wir Wolfgang Sachs.<\/p>\n<p>22 | Ebd.<\/p>\n<p>23 | Andreas Weber: Enlivenment: Towards a Fundamental Shift in the Concepts of Na- ture, Culture and Politics, Berlin: Heinrich B\u00f6ll Foundation, 2013, <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/en\/2013\/02\/01\/enlivenment-towards-fundamental-shift-concepts-nature-culture-and-politics\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.boell.de\/en\/2013\/02\/01\/enlivenment-towards-fundamental-shift-concepts-nature-culture-and-politics<\/a>.<\/p>\n<p>24 | Christopher Alexander: The Nature of Order: An Essay on the Art of Building and the Nature of the Universe, B\u00e4nde 1-4, Center for Environmental Structure, 2002 &#8211; 2012.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 2<\/em><\/h4>\n<p>1 | Nancy Pick: Curious Footprints: Professor Hitchcock\u2019s Dinosaur Tracks &amp; Other Natural History Treasures at Amherst College, Amherst College Press, 2006.<\/p>\n<p>2 | Elisabeth Wehling: Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet \u2013 und daraus Politik macht, edition medienpraxis, 2016, S. 104.<\/p>\n<p>3 | Dieses Zitat wird h\u00e4ufig dem Richter Oliver Wendell Holmes, Jr., aber auch anderen, zugeschrieben: <a href=\"https:\/\/quoteinvestigator.com\/2012\/04\/13\/taxes-civilize\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/quoteinvestigator.com\/2012\/04\/13\/taxes-civilize<\/a>.<\/p>\n<p>4 | Thurman Arnold: The Folklore of Capitalism, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 1937, S. 118.<\/p>\n<p>5 | Siehe z.B. Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken ein- redet \u2013 und daraus Politik macht, K\u00f6ln, 2016, S. 191: Frames haben einen ideologisch selektiven Charakter. Siehe auch George Lakoff: Don\u2019t Think of an Elephant: Know Your Values and Frame the Debate, White River Junction, Vermont: Chelsea Green Publishing, 2014.<\/p>\n<p>6 | John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Besch\u00e4ftigung, des Zinses und des Geldes, 1936; \u00dcbersetzung von Fritz Waeger, verbessert und um eine Erl\u00e4uterung des Aufbaus erg\u00e4nzt von J\u00fcrgen Kromphardt und Stephanie Schneider, 11., erneut verbesserte Auflage, Berlin: Duncker &amp; Humblot, 2009, Vorwort zur englischen Ausgabe, S. XI.<\/p>\n<p>7 | E.P. Thompson: Customs in Common, London: Penguin Books, 1993, S. 159.<\/p>\n<p>8 | Uskali M\u00e4ki: The Economic World View: Studies in the Ontology of Economics, Cambridge, England: Cambridge University Press, 2001.<\/p>\n<p>9 | Margaret Stout: \u00bbCompeting Ontologies: A Primer for Public Administration\u00ab, Public Administration Review, 72(3), Mai\/Juni 2012, S. 388-398.<\/p>\n<p>10 | Feministische Politologinnen, wie Carole Pateman in ihrem Buch The Sexual Contract (1988), haben darauf hingewiesen, dass bereits die Idee eines modernen Gesellschaftsvertrags patriarchale Setzungen widerspiegelt: etwa die Autonomie des Einzelnen, die vorgebliche Gleichheit aller beim Aushandeln eines fairen Vertrags oder die angenommene Abgetrenntheit und Minderwertigkeit des privaten Bereichs.<\/p>\n<p>11 | Eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Evolution des westlichen Denkens in Wissenschaft und Recht sowie ihrem Bezug zu Commons findet sich in Fritjof Capra und Ugo Mattei: The Ecology of Law: Toward a Legal System in Tune with Nature and Community, Oakland, California: Berrett-Koehler, 2015.<\/p>\n<p>12 | Carl Schmitt in Der Begriff des Politischen: \u00bbAlle pr\u00e4gnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind s\u00e4kularisierte theologische Begriffe. Nicht nur ihrer historischen Entwicklung nach, weil sie aus der Theologie auf die Staatslehre \u00fcbertragen wurden, indem zum Beispiel der allm\u00e4chtige Gott zum omnipotenten Gesetzgeber wurde, sondern auch in ihrer systematischen Struktur [&#8230;]\u00ab. Carl Schmitt: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souver\u00e4nit\u00e4t, 8. Auflage, Berlin: Duncker &amp; Humblot, 2004, S. 43.<\/p>\n<p>13 | Stout, Public Administration Review, a.a.O., S. 393.<\/p>\n<p>14 | James Buchanan: The Economics and the Ethics of Constitutional Order, Ann Arbor, Michigan: University of Michigan Press, 1991, S. 14.<\/p>\n<p>15 | Andreas Karitzis: \u00bbThe Decline of Liberal Politics\u00ab, in: Anna Grear und David Bollier, The Great Awakening (im Erscheinen, 2019).<\/p>\n<p>16 | Arturo Escobar: Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds, Durham, North Carolina: Duke University Press, 2018.<\/p>\n<p>17 | Stout, a.a.O., S. 389.<\/p>\n<p>18 | Sam Lavigne: \u00bbTaxonomy of Humans According to Twitter\u00ab, The New Inquiry, 7. Juli 2017, <a href=\"https:\/\/thenewinquiry.com\/taxonomy-of-humans-according-to-twitter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/thenewinquiry.com\/taxonomy-of-humans-according-to-twitter<\/a>.<\/p>\n<p>19 | Cathy O\u2019Neil: Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, New York: Crown, 2016.<\/p>\n<p>20 | Brian Massumi: Ontopower: War, Powers and the State of Perception, Duke University Press, 2015.<\/p>\n<p>21 | Anne Salmond: \u00bbDer Urquell der Fische. Ontologische Kollisionen auf See\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld: transcript Verlag, 2015, S. 297-316, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a><\/p>\n<p>22 | Andrea J. Nightingale: \u00bbSubjektivit\u00e4t, Emotion und (nicht) rationale Commons\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld: transcript Verlag, 2015, S. 285-296, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a><\/p>\n<p>23 | Das ist eine Metapher, die Ludwig Wittgenstein in Bezug auf Ontologien verwendete.<\/p>\n<p>24 | Siehe z.B. Vijaya Nagarajan: \u00bbOn the Multiple Language of the Commons: A Theoretical View\u00ab, Worldviews 21, 2017 S. 41-60.<\/p>\n<p>25 | Marilyn Strathern: The Gender of the Gift, Berkeley: University of California Press, 1988, S. 13. Wir sind Lewis Hyde daf\u00fcr zu Dank verpflichtet, dass er uns auf die Arbeiten von Strathern, Marriott und LiPuma aufmerksam gemacht hat.<\/p>\n<p>26 | Ebd., S. 349.<\/p>\n<p>27 | Ebd., S. 165.<\/p>\n<p>28 | Walt Whitman: Grashalme, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1956, S. 86.<\/p>\n<p>29 | Aus dem Briefwechsel Goethes mit Friedrich Soret, hrsg. Weimar 1905.<\/p>\n<p>30 | Thomas Widlok: Anthropology and the Economy of Sharing, New York: Routledge, 2016, S. 24.<\/p>\n<p>31 | \u00d6kofeministische Philosophinnen, u.a. Donna Haraway und Val Plumwood, haben die Vorstellung des autonomen Individuums angegriffen und dabei die tiefgreifenden gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeiten zwischen Menschen und Natur sowie situativer Gemeinschaften unterstrichen. Plumwood schreibt: \u00bbInsofern als wir uns von der Natur hyper-separieren und sie begrifflich reduzieren, um Herrschaft zu rechtfertigen, verlieren wir nicht nur die F\u00e4higkeit, uns einzuf\u00fchlen und die nicht-menschliche Sph\u00e4re in ethischen Kategorien zu betrachten, sondern bekommen auch eine missverstandene Wahrnehmung unserer eigenen Natur und unserer eigenen Position, zu der eine illusorisches Gef\u00fchl der Autonomie geh\u00f6rt.\u00ab Environmental Culture: The Ecological Crisis of Reason, New York, NY: Routledge, 2002, S. 9.<\/p>\n<p>32 | Andreas Weber, pers. Mitteilung, 27. Oktober 2018<\/p>\n<p>33 | Andreas Weber: Lebendigkeit: eine erotische \u00d6kologie, M\u00fcnchen: K\u00f6sel, 2014, S. 45.<\/p>\n<p>34 | Siehe auch: Mike Telschow: Kapstadts townships und der Geist von Ubunut, clifton publications, Kapstadt 2003.<\/p>\n<p>35 | John Mbiti: Afrikanische Religion und Weltanschauung, Berlin\/New York: de Gruyter, 1974, S. 183.<\/p>\n<p>36 | Rabindranath Tagore: The Religion of Man, Eastford: Martino Fine Books, 2013.<\/p>\n<p>37 | Martin Buber: Ich und Du, Leipzig: Insel Verlag, 1923.<\/p>\n<p>38 | Martin Luther King, Jr.: \u00bbLetter from a Birmingham Jail\u00ab, 16. April 1963, <a href=\"http:\/\/web.cn.edu\/kwheeler\/documents\/Letter_Birmingham_Jail.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/web.cn.edu\/kwheeler\/documents\/Letter_Birmingham_Jail.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>39 | Stout, a.a.O., S. 392-393.<\/p>\n<p>40 | Vertreterinnen und Vertreter sind etwa: Mary Parker Follet, Jeannine M. Love oder John Dewey (der amerikanische Pragmatismus).<\/p>\n<p>41 | Siehe z.B.: Massimo De Angelis: Omnia Sunt Comunia, London: Zed Books, 2017; Wolfgang Hoeschele: Wirtschaft neu erfinden: Grundlegung f\u00fcr eine \u00d6konomie der Lebensf\u00fclle, M\u00fcnchen: oekom Verlag, 2017; Daniel Christian Wahl: Designing Regenerative Cultures, Axminster, England: Triarchy Press, 2016.<\/p>\n<p>42 | Wesley J. Wildman: \u00bbAn Introduction to Relational Ontology\u00ab, 15. Mai 2006, <a href=\"http:\/\/www.wesleywildman.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/docs\/2010-Wildman-Introduction-to-Relational-Ontology-final-author-version-Polkinghorne-ed.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.wesleywildman.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/docs\/2010-Wildman-Introduction-to-Relational-Ontology-final-author-version-Polkinghorne-ed.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>43 | Vgl. Eric D. Beinhocker: Die Entstehung des Wohlstands: wie Evolution die Wirtschaft antreibt, Landsberg am Lech: mi, 2007).<\/p>\n<p>44 | Diese Idee ist eng mit dem von Christopher Alexander entwickelten und in Kapitel 1 erl\u00e4uterten Konzept der Muster verwandt.<\/p>\n<p>45 | Stuart Kauffman: The Origins of Order, Oxford: Oxford University Press, 1993.<\/p>\n<p>46 | Die Begriffe \u00bbSelbstorganisation\u00ab und \u00bbAutopoiesis\u00ab m\u00f6gen problematisch sein, sofern sie autonome Handlungsf\u00e4higkeit von Individuen unterstellen. Da tats\u00e4chlich alles in gr\u00f6\u00dfere Kontexte von gegenseitigen Verbindungen und Abh\u00e4ngigkeiten eingebettet ist, verwenden wir den Begriff \u00bbPeer Governance\u00ab, statt \u00bbSelbst-Governance\u00ab. Wenn man sich jedoch vom Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluz\u00e4n der Philosophin Donna Haraway inspirieren l\u00e4sst, wird Autopoiesis durch Sympoiesis (\u00bbmachen-mit\u00ab) erg\u00e4nzt. Das Ergebnis ist eine produktive Reibung zwischen interaktiven und intra-aktiven Wesen.<\/p>\n<p>47 | Siehe z.B. Terrence W. Deacon: Incomplete Nature: How Mind Emerged from Matter, New York, NY: W.W. Norton, 2012; Zusammenfassung auf Englisch: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Incomplete_Nature\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Incomplete_Nature<\/a>. Siehe auch Andreas Weber: Alles f\u00fchlt: Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, Klein Jasedow: ThinkOya, 2014.<\/p>\n<p>48 | Deacon, a.a.O., S. 310.<\/p>\n<p>49 | Andreas Weber, a.a.O.<\/p>\n<p>50 | Ein weiterer Grund: Was er beschrieb, war kein Commons, sondern ein offenes Land ohne jegliche Nutzungsregelungen.<\/p>\n<p>51 | Stacey Kerr: \u00bbThree-Minute Theory: What is Intra-Action\u00ab, 19. November 2014, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=v0SnstJoEec\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=v0SnstJoEec<\/a>.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 3<\/em><\/h4>\n<p>1 | Frank Seifart: \u00bbThe structure and use of shape-based noun classes in Mira\u00f1a [North West Amazon]\u00ab, Dissertation, 2005, <a href=\"http:\/\/pubman.mpdl.mpg.de\/pubman\/item\/escidoc:402010:3\/component\/escidoc:402009\/mirana_seifart2005_s.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/pubman.mpdl.mpg.de\/pubman\/item\/escidoc:402010:3\/component\/escidoc:402009\/mirana_seifart2005_s.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>2 | David Bollier: \u00bbThe Rise of Netpolitik: How the Internet is Changing International Politics and Diplomacy\u00ab, Aspen Institute Communications and Society Program, Washington, D.C.: 2003, S. 27-28, <a href=\"http:\/\/www.bollier.org\/files\/aspen_reports\/NETPOLITIK.PDF\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.bollier.org\/files\/aspen_reports\/NETPOLITIK.PDF<\/a>.<\/p>\n<p>3 | Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Basel: Schwabe 1935, alle Zitate nach der Ausgabe von 1980, Frankfurt: Suhrkamp, S. 41.<\/p>\n<p>4 | Ebd., S. 40.<\/p>\n<p>5 | Ebd.<\/p>\n<p>6 | Siehe die bahnbrechende Arbeit von Gary Becker in: Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis, with Special Reference to Education, 3. Auflage, University of Chicago Press, 1964\/1993.<\/p>\n<p>7 | Wibke Bergemann: Was wir verlieren, wenn eine Sprache stirbt, 1. Mai 2018, <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/letzte-worte-was-wir-verlieren-wenn-eine-sprache-stirbt.740.de.html?dram:article_id=416634\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/letzte-worte-was-wir-verlieren-wenn-eine-sprache-stirbt.740.de.html?dram:article_id=416634<\/a>.<\/p>\n<p>8 | Robert Macfarlane: Landmarks, London: Penguin Books, 2015, S. 39.<\/p>\n<p>9 | Ebd., S. 311.<\/p>\n<p>10 | Ebd., S. 18.<\/p>\n<p>11 | Ebd., S. 20.<\/p>\n<p>12 | Jonathan Rowe: \u00bbIt\u2019s All in a Name\u00ab, 26. Januar 2006, <a href=\"http:\/\/jonathanrowe.org\/its-all-in-a-name\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/jonathanrowe.org\/its-all-in-a-name<\/a>.<\/p>\n<p>13 | Daniel Nettle und Suzanne Romaine: Vanishing Voices: The Extinction of the World\u2019s Languages, New York, NY: Oxford University Press, 2000.<\/p>\n<p>14 | Tim Dee: \u00bbNaming Names\u00ab, Caught by the River, 24. Juni 2014, <a href=\"https:\/\/www.caughtbytheriver.net\/2014\/06\/naming-names-tim-dee-robert-macfarlane\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.caughtbytheriver.net\/2014\/06\/naming-names-tim-dee-robert-macfarlane\/<\/a>, zitiert nach Macfarla- ne, a.a.O., S. 24.<\/p>\n<p>15 | Sprache ist eines der wichtigsten Instrumente der Vergesellschaftung.<\/p>\n<p>16 | Siehe z.B. George Lakoff: Moral Politics: How Liberals and Conservatives Think, 3. Auflage, University of Chicago Press, 2016; Lakoff und Mark Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme 1998.<\/p>\n<p>17 | Jeremy Lent: The Patterning Instinct: A Cultural History of Humanity\u2019s Search for Meaning, Amherst, NY: Prometheus Books, 2017, S. 277-292.<\/p>\n<p>18 | Elisabeth Wehling: Politisches Framing, a.a.O.<\/p>\n<p>19 | Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, a.a.O., S. 111 f.<\/p>\n<p>20 | Raymond Williams: Keywords: A Vocabulary of Culture and Society, Fontana, 1976.<\/p>\n<p>21 | John Patrick Leary: \u00bbKeywords for the Age of Austerity: Innovation\u00ab [Blogbeitrag], 27. Februar 2014, <a href=\"http:\/\/jpleary.tumblr.com\/post\/78022307136\/keywords-for-the-age-of-austerity-innovation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/jpleary.tumblr.com\/post\/78022307136\/keywords-for-the-age-of-austerity-innovation<\/a>.<\/p>\n<p>22 | Miki Kashtan: Reweaving Our Human Fabric: Working Together to Create a Nonviolent Future, Fearless Heart Publications, 2015, S. 379.<\/p>\n<p>23 | Wolfgang Sachs: \u00bbDevelopment: The Rise and Decline of an Ideal\u00ab, Artikel f\u00fcr die Encyclopedia of Global Environmental Change, Wuppertal Paper Nr. 108, Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie, August 2000, <a href=\"https:\/\/epub.wupperinst.org\/frontdoor\/deliver\/index\/docId\/1078\/file\/WP108.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/epub.wupperinst.org\/frontdoor\/deliver\/index\/docId\/1078\/file\/WP108.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>24 | Miki Kashtan, a.a.O., S. 181.<\/p>\n<p>25 | Empfehlenswert und sicher auch bald im Deutschen verf\u00fcgbar: Ted J Rau und Jerry Koch-Gonzalez: Many Voices One Song: Shared Power with Sociocracy, 2018.<\/p>\n<p>26 | Wikipedia-Eintrag, \u00bbHolokratie\u00ab, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holokratie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holokratie<\/a>.<\/p>\n<p>27 | C. Otto Scharmer: The Essentials of Theory U.: Core Principles and Applications, Berrett-Koehler Publishers, 2018.<\/p>\n<p>28 | Siehe Eintrag zu \u00bbScale\u00ab in David Fleming: Lean Logic: A Dictionary for the Future and How to Survive It, White River Junction, Vermont: Chelsea Green Publishers, 2017, S. 412- 414.<\/p>\n<p>29 | Siehe Eintr\u00e4ge zu \u00bbIntermediate Economy\u00ab, \u00bbRegrettable Necessities\u00ab und \u00bbIntensification Paradox\u00ab, in: David Fleming: Lean Logic, S. 224-227, S. 389-391 und S. 219-220.<\/p>\n<p>30 | Alain Rosenblith: \u00bbScarcity Is an Illusion, No Reality\u00ab, 30. September 2010, <a href=\"http:\/\/alanrosenblith.blogspot.com\/2010\/09\/scarcity-is-illusion-no-really.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/alanrosenblith.blogspot.com\/2010\/09\/scarcity-is-illusion-no-really.html<\/a>.<\/p>\n<p>31 | James Suzman: Affluence Without Abundance: The Disappearing World of the Bushmen, New York, NY: Bloomsbury, 2017.<\/p>\n<p>32 | Dieses Konzept hat sich seit Anfang der 1990er Jahre von Brasilien aus weit verbreitet.<\/p>\n<p>33 | Arturo Escobar: \u00bbCommons im Pluriversum,\u00ab in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld: transcript Verlag, 2015, S. 334-345, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>. Siehe auch Escobar: Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds, Durham, NC: Duke University Press, 2018.<\/p>\n<p>34 | Kate Reed Petty: \u00bbIs It Time to Retire the Word \u203aCitizen\u2039?\u00ab in: LA Review of Books, Blog, 22. April 2017, <a href=\"http:\/\/blog.lareviewofbooks.org\/essays\/time-retire-word-citizen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/blog.lareviewofbooks.org\/essays\/time-retire-word-citizen<\/a>.<\/p>\n<p>35 | In ihrem Buch Ecommony (Ulrike Helmer Verlag, 2016) erl\u00e4utert Friederike Habermann im Kapitel \u203a\u00dcbermorgen\u2039 weitere Dichotomien, die in die Irre f\u00fchren. Darunter: Gerechtigkeit \u2013 Ungleichheit, Arbeit \u2013 Faulheit, Spezialistentum \u2013 \u203aAlle machen alles\u2039, \u203aoben\u2039 \u2013 \u203aunten\u2039, lokal \u2013 global, Knappheit \u2013 \u00dcberfluss, Kultur \u2013 Natur, Autorit\u00e4t haben \u2013 anti-autorit\u00e4r sein.<\/p>\n<p>36 | Zur UNESCO-Definition von OER vgl.: <a href=\"https:\/\/www.unesco.de\/bildung\/open-educational-resources\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.unesco.de\/bildung\/open-educational-resources<\/a>.<\/p>\n<p>37 | <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/use-remix\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/creativecommons.org\/use-remix\/<\/a>.<\/p>\n<p>38 | Wie verwirrend der Fokus auf Offenheit (openness) ist, l\u00e4sst sich auch an den cleveren Vermarktungsstrategien bestimmter wissenschaftlicher Verlage, etwa Elsevier und Sage, erkennen. So erlauben sie zwar die Publikation wissenschaftlicher Artikel unter Creative-Commons-Lizenzen, verlangen aber zuvor exorbitante Geb\u00fchren von den Autorinnen und Autoren selbst oder\/und hohe Abonnementpreise. Sie nennen es \u00bbOpen Access\u00ab, aber es ist eine degradierte Form des \u00bbfreien Zugangs\u00ab, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausnutzt, um Gewinne zu maximieren. Im Gegensatz dazu versucht ein commons-basiertes Verlagswesen, die Kosten f\u00fcr alle Beteiligten zu senken, m\u00f6glichst viele Inhalte zu geringen oder keinen Kosten zur Verf\u00fcgung zu stellen und die Vorteile f\u00fcr alle zu maximieren, indem eine m\u00f6glichst breite Verf\u00fcgung \u00fcber Inhalte, Werke, Code und Informationen unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>39 | In Made With Creative Commons (2017) untersuchen Paul Stacey und Sarah Hinchliff Pearson verschiedene kreative Werke, die als Creative Commons lizenziert sind und erfolgreich verkauft werden: <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/use-remix\/made-with-cc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/creativecommons.org\/use-remix\/made-with-cc<\/a>.<\/p>\n<p>40 | Dardot und Laval, 2015. Commun. Essai sur la r\u00e9volution au XXIe si\u00e8cle, S. 23. (\u00bbnon seulement ce qui est \u203amis en commun,\u2039 mais aussi et surtout ceux que ont des \u203acharges en commun.\u2039\u00ab).<\/p>\n<p>41 | Sie k\u00f6nnen direkt greifbar und messbar sein oder auch nicht.<\/p>\n<p>42 | Das englische K\u00fcrzel w\u00fcrden wir beibehalten.<\/p>\n<p>43 | Lynn Margulis: \u00bbSymbiogenesis and Symbionticism\u00ab, in: L. Margulis und R. Fester, Symbiosis as a Source of Evolutionary Innovation: Speculation and Morphogenesis, Boston: MIT Press, 1991, S. 1-14.<\/p>\n<p>44 | <a href=\"http:\/\/www.openstreetmap.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.openstreetmap.org<\/a>.<\/p>\n<p>45 | Lewis Hyde: Common as Air, New York: Farrar Straus Giroux, 2012, S. 35.<\/p>\n<p>46 | Peter Barnes: Kapitalismus 3.0: ein Leitfaden zur Wiederaneignung der Gemein- schaftsg\u00fcter, Hamburg: VSA-Verlag, 2008.<\/p>\n<p>47 | \u00bbDer ausschlie\u00dflich auf Kosten basierende Prozess ist &#8230; implizit ein lebenszerst\u00f6render Prozess\u00ab, schreibt Christopher Alexander, denn \u00bber greift in unsere Freiheit ein, das Richtige zu tun.\u00ab Chr. Alexander: The Nature of Order, Bd. II, New York: Routledge, 2004, S. 501\/502.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Teil II<\/strong><\/h3>\n<h4><em>Einleitung<\/em><\/h4>\n<p>1 | Eine Arbeit zu diesem Thema befindet sich in Planung.<\/p>\n<p>2 | Peter Prechtl: Axiom, in: Helmut Gl\u00fcck (Hrsg.), Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart: J.B. Metzler Verlag, 2016, S. 81.<\/p>\n<p>3 | Alle Muster in den Kapiteln 4-6 sind allgemeine.<\/p>\n<p>4 | Eine eingehendere Darstellung universeller Muster menschlichen Zusammenlebens ist nachzulesen bei David West: \u00bbPatterns of Humanity\u00ab, Pr\u00e4sentation bei der PurplSoc Conference, Krems 2017, <a href=\"http:\/\/davewest.us\/papers-of-dave-west\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/davewest.us\/papers-of-dave-west\/<\/a>.<\/p>\n<p>5 | Ein Muster hat normalerweise eine strukturierte Notierung, die wir in diesem Text nur ansatzweise verwenden. Sie besteht aus mehreren Elementen: dem Namen des Musters, einer Beschreibung des Kontexts, einer Beschreibung des Problems, eventuell einer kurzen Erl\u00e4uterung des Problems, einem Beispiel, die Erw\u00e4hnung positiver und negativer Kr\u00e4fte, Anschlussmuster sowie anderer Elemente. Solche strukturierten Beschreibungen variieren je nach Interessengebiet. Das erste Element einer formellen Musterbeschreibung ist jedoch immer dasselbe, n\u00e4mlich der Mustername als pr\u00e4gnanter Ausdruck f\u00fcr den Kern guter L\u00f6sungen f\u00fcr ein wiederkehrendes Problem. In diesem Buch verwenden wir h\u00e4ufig das Wort \u00bbMuster\u00ab als Kurzbezeichnung f\u00fcr das, was in der formalen Musterbeschreibung \u00bbMustername\u00ab hei\u00dft.<\/p>\n<p>6 | Zum Beispiel beziehen sich die in Kapitel 6 beschriebenen Muster beitragen &amp; weiter-geben; poolen, deckeln &amp; aufteilen; und poolen, deckeln &amp; umlegen aufeinander; jedes der drei Muster weitet die anderen aus. Manche Muster machen bestehende Spannungen deutlich, etwa commons &amp; kommerz auseinanderhalten und preissouver\u00e4n handel treiben. Andere erg\u00e4nzen sich gegenseitig, beispielsweise sich in vielfalt gemeinsam ausrichten und gemeinsame ab-sichten und werte kultivieren.<\/p>\n<p>7 | International Journal of the Commons, <a href=\"https:\/\/www.thecommonsjournal.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.thecommonsjournal.org<\/a>.<\/p>\n<p>8 | Vgl. Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O.<\/p>\n<p>9 | John C. Thomas: \u00bbA Socio-Technical Pattern Language for Sustainability\u00ab, Vancouver: IBM T.C. Watson Research, 2011.<\/p>\n<p>10 | Christopher Alexander: The Nature of Order, Band II, a.a.O., S.176.<\/p>\n<p>11 | Eine etwas ausf\u00fchrlichere Darstellung des methodischen Vorgehens findet sich im An- hang.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 4<\/em><\/h4>\n<p>1 | Pascal Gielen: \u00bbIntroduction: There\u2019s a Solution to the Crisis\u00ab, in: Pascal Gielen (Hrsg.), No Culture, No Europe \u2013 On the Foundations of Politics, Amsterdam: Antennae Valiz, 2015, S. 22.<\/p>\n<p>2 | J.K. Gibson-Graham: The End of Capitalism (As We Knew It): A Feminist Critique of Political Economy, Minneapolis, MN: University of Minnesota Press, 1996\/2006, S. xvi.<\/p>\n<p>3 | Pascal Gielen, a.a.O., S. 14.<\/p>\n<p>4 | Im Kartoffelpark, im Cusco Tal, werden circa 7.000 Kartoffelsorten durch Anbau gesch\u00fctzt. Kultiviert werden aber auch weitere einheimische Lebensmittel aus der Andenregion: Bohnen, Mais, Quinoa, Weizen, Andenlupinen, die knollige Kapuzinerkresse oder der knollige Sauerklee, auch Oka oder Yam genannt.<\/p>\n<p>5 | In seinem Buch Lean Logic \u00fcber Vorstellungen einer postkapitalistischen Kultur hebt David Fleming die Bedeutung des Karnevals hervor: \u00bbFeiern mit Musik, Tanz, Fackelschein, Pantomime, Spielen, Festessen und Narrheiten sind stets f\u00fcr das Leben von Gemeinschaften zentral gewesen, au\u00dfer in den Zeiten, in denen die Anspr\u00fcche der gro\u00dfma\u00dfst\u00e4blichen Zivilisation sich wie ein Frost auf die \u00f6ffentliche Freude niederlegte.\u00ab Er benannte die Wichtigkeit, einen \u00bbradikalen Bruch\u00ab mit \u00bbder Normalit\u00e4t des Arbeitstages\/Arbeitsalltags\u00ab zu in- szenieren; die Notwendigkeit, \u00bbdie Lebhaftigkeit des Herzens des gez\u00e4hmten, domestizierten B\u00fcrgers\u00ab zum Ausdruck zu bringen; sowie Rituale von \u00bbOpfer-und-Nachfolge\u00ab, die die Geburt und Erneuerung der Gemeinschaft symbolisieren, obwohl Individuen aus der Gemeinschaft sterben. David Fleming: Lean Logic, White River Junction, Vermont: Chelsea Green Publishing, 2016, S. 30.<\/p>\n<p>6 | <a href=\"https:\/\/konglomerat.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/konglomerat.org\/<\/a>.<\/p>\n<p>7 | Das Projekt \u00bbMein Grundeinkommen\u00ab begann 2014. F\u00fcnf bedingungslose Grundeinkommen \u2013 1.000 Euro monatlich \u00fcber ein Jahr, steuerfrei \u2013 konnten in diesem Startjahr verlost werden. Heute tragen vor allem 70.000 sogenannte \u00bbCrowdh\u00f6rnchen\u00ab, das hei\u00dft Dauerspendende, zum F\u00fcllen des Lostopfes und zur Finanzierung des Grundeinkommens-Teams bei. Jeden Monat werden circa 12 Grundeinkommen verlost, das sind etwa 240 im Jahr. <a href=\"https:\/\/www.mein-grundeinkommen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.mein-grundeinkommen.de\/<\/a>.<\/p>\n<p>8 | Lewis Hyde: Die Gabe: wie Kreativit\u00e4t die Welt bereichert, Frankfurt\/M.: S. Fischer, 2008, S. 40.<\/p>\n<p>9 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 1999, S. 57.<\/p>\n<p>10 | Michael Polanyi: Personal Knowledge (1958) und Implizites Wissen, Frankfurt\/M.: Suhrkamp, 1967, S. 14., Hervorhebung im Original, siehe auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Implizites_Wissen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Implizites_Wissen<\/a>.<\/p>\n<p>11 | Donna Haraway: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Priviledge of Partial Perspective, in: Feminist Studies, Vol. 14, 1988, S. 575-599.<\/p>\n<p>12 | Ebd., S. 584.<\/p>\n<p>13 | James Suzman: Affluence Without Abundance: The Disappearing World of the Bushman, London, UK: Bloomsbury, 2017, S. 121.<\/p>\n<p>14 | M. Kat Anderson: Tending the Wild: Native American Knowledge and the Management of California\u2019s Natural Resources, Berkeley, California: University of California Press, 2002.<\/p>\n<p>15 | Frank Fischer: Citizens, Experts and the Environment: The Politics of Local Knowledge, Durham: Duke University Press, 2000.<\/p>\n<p>16 | David Holmgren: Permakultur: Gestaltungsprinzipien f\u00fcr zukunftsf\u00e4hige Lebensweisen, Klein Jasedow: Drachen Verlag, 2016.<\/p>\n<p>17 | Finanzialisierung bezeichnet einen allm\u00e4hlichen Wandel in der Funktionsweise kapitalistischer Wirtschaft, der seit etwa einem Vierteljahrhundert zu beobachten ist. Immer mehr wird zum Finanzprodukt oder f\u00fcr Finanzakteure wichtig, deren Einfluss auf die Gesellschaft w\u00e4chst. Es wird auf bislang un\u00fcbliche Weise finanzieller Reichtum geschaffen, ohne dass daf\u00fcr realwirtschaftliche Produktion n\u00f6tig ist. Der Begriff bezeichnet somit auch eine Machtverschiebung zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft. Aus einer Idee wird ein Finanzprodukt. Aus einem Finanzprodukt eine neue Klasse von Finanzinstrumenten. David Bowie hatte als erster die Idee des Investmentbankers David Pullman umgesetzt, die k\u00fcnftigen Einnahmen aus 25 seiner Alben zu \u203averbriefen\u2039 und damit zu einer handelbaren Anleihe zu machen. Nicht f\u00fcr Fans, sondern f\u00fcr Investoren (tats\u00e4chlich wurden die gesamten Wertpapiere im Wert von 55 Millionen US-Dollar von einem einzelnen institutionellen Anleger aufgekauft). Diese Investoren w\u00fcrden die k\u00fcnftigen Tantiemen einnehmen. Aus dem Produkt \u2013 Bowie Bond \u2013 wurde das Instrument: Celebrity Bond \u2013 die Prominenten-Anleihe. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Celebrity_bond\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Celebrity_bond<\/a>. Solche Instrumente verbreiten sich explosionsartig, so wie sich Kreditund Anlagegesch\u00e4fte f\u00fcr Privatkunden in Form vom Hypotheken, Konsumentenkrediten und der privaten Alterssicherung dramatisch ausbreiten.<\/p>\n<p>18 | Dieses Argument wird in einer Reihe von Essays herausgearbeitet, in: James K. Boyce, Sunita Narain und Elizabeth A Stanton (Hrsg.): Reclaiming Nature: Environmental Justice and Ecological Restoration, London: Anthem Press, 2007.<\/p>\n<p>19 | Elizabeth Malkin: \u00bbIn Guatemala, People Living Off Forests Are Tasked with Protecting Them\u00ab, New York Times, 25. November 2015, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2015\/11\/26\/world\/americas\/in-guatemala-people-living-off-forests-are-tasked-with-protecting-them.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.nytimes.com\/2015\/11\/26\/world\/americas\/in-guatemala-people-living-off-forests-are-tasked-with-protecting-them.html<\/a>.<\/p>\n<p>20 | Shri Krishna Upadhyay: Frischer Wind in den W\u00e4ldern. Gemeinschaftliche Waldbewirtschaftung und Lebenssicherung in Nepal, in: Silke Helfrich: Commons. F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld: transcript, 2012, S.321-327.<\/p>\n<p>21 | David Abram: Im Bann der sinnlichen Natur \u2013 die Kunst der Wahrnehmung und die Mehr-als-menschliche Welt, Klein Jasedow: ThinkOya, 2012.<\/p>\n<p>22 | Andreas Weber: Alles f\u00fchlt: Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, Klein Jasedow: ThinkOya, 2014.<\/p>\n<p>23 | John Swansburg: \u00bbThe Self-Made Man: The story of America\u2019s most pliable, pernicious, irrepressible myth\u00ab, Slate, 29. September 2014, <a href=\"http:\/\/www.slate.com\/articles\/news_and_politics\/history\/2014\/09\/the_self_made_man_history_of_a_myth_from_ben_franklin_to_andrew_carnegie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.slate.com\/articles\/news_and_politics\/history\/2014\/09\/the_self_made_man_history_of_a_myth_from_ben_franklin_to_andrew_carnegie.html<\/a>.<\/p>\n<p>24 | Widlok, a.a.O., S. 24.<\/p>\n<p>25 | Siehe auch: Mike Telschow: Kapstadts Townships und der Geist von Ubuntu, Kapstadt: Clifton Publications, 2003.<\/p>\n<p>26 | John Mbiti: Afrikanische Religion und Weltanschauung, Berlin\/New York: de Gruyter, 1974 S. 183.<\/p>\n<p>27 | Siddhartha Mukherjee: \u00bbThe Invasion Equation\u00ab, The New Yorker, 11. September 2017, S. 40-49, <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2017\/09\/11\/cancers-invasion-equation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2017\/09\/11\/cancers-invasion-equation<\/a>.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 5<\/em><\/h4>\n<p>1 | Robert C. Ellickson: Order Without Law: How Neighbors Settle Disputes, Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 1994.<\/p>\n<p>2 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt, a.a.O., 1999, S. 117.<\/p>\n<p>3 | Christopher Alexander: The Nature of Order, Band II, a.a.O., S. 176.<\/p>\n<p>4 | Ebd. S. 177.<\/p>\n<p>5 | Das mag sich mit der rasanten Zunahme von Datenverarbeitungskapazit\u00e4ten \u00e4ndern.<\/p>\n<p>6 | Guy Abeille, ehemaliger Mitarbeiter im franz\u00f6sischen Finanzministerium.<\/p>\n<p>7 | Christian Schubert, 26.09.2013, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/3-prozent-defizitgrenze-wie-das-maastricht-kriterium-im-louvre-entstand-12591473.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/3-prozent-defizitgrenze-wie-das-maastricht-kriterium-im-louvre-entstand-12591473.html<\/a>.<\/p>\n<p>8 | Wenig belastbare \u00f6konomische Begr\u00fcndungen wurden nachtr\u00e4glich konstruiert.<\/p>\n<p>9 | Luxemburg, Estland und das Nicht-Euro-Land Schweden, vgl. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/europaeische-waehrungsunion-fuenf-antworten-zum-maastricht-vertrag-ld.133407\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/europaeische-waehrungsunion-fuenf-antworten-zum-maastricht-vertrag-ld.133407<\/a><\/p>\n<p>10 | Simone Cicero, Entwickler digitaler Plattformen, glaubt, dass Online-Plattformen nur dann gelingen k\u00f6nnen, wenn sie Menschen \u00bberweiterte M\u00f6glichkeiten [bieten], ihr verf\u00fcgbares Potenzial (die ihnen zug\u00e4nglichen Ressourcen und F\u00e4higkeiten) einzusetzen; auf den vielf\u00e4ltigen Druck zu reagieren, den sie (in einer techno-sozial gest\u00f6rten Welt) erfahren; ihre strategischen Ziele zu erreichen; und wenn sie ihnen relevante Vorz\u00fcge bieten (leichtere, billigere, schnellere M\u00f6glichkeiten zum Ziel zu kommen).\u00ab Simone Cicero: \u00bbStories of Platform Design\u00ab, <a href=\"https:\/\/stories.platformdesigntoolkit.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/stories.platformdesigntoolkit.com<\/a>.<\/p>\n<p>11 | Der offizielle Name von Unitierra [Universit\u00e4t der Erde] ist Centro de Encuentros y Di\u00e1logos Interculturales, A.C.<\/p>\n<p>12 | Interview mit Gustavo Esteva, 4. Dezember 2017.<\/p>\n<p>13 | Henry David Thoreau: Walden: oder Leben in den W\u00e4ldern, Z\u00fcrich: Diogenes, 1979, S. 457.<\/p>\n<p>14 | Jukka Peltokoski, Niklas Toivakainen, Tero Toivanen und Ruby van der Wekken: \u00bbDie Zeitbank von Helsinki: W\u00e4hrung als Commons\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld: transcript Verlag, 2015, S. 187-190, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>.<\/p>\n<p>15 | Eric Nanchen und Muriel Borgeat: \u00bbBisse de Savi\u00e8se: Eine Zeitreise zu den Bew\u00e4sserungskan\u00e4len des Wallis\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), ebd., S. 61-64.<\/p>\n<p>16 | Gloria Chang: In einem Atemzug \u2013 Auf Tauchgang mit den Frauen der Insel Cheju vor S\u00fcdkorea. Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv archive.is, in: Readers Digest Ex- klusiv, Leseecke.<\/p>\n<p>17 | Im Dezember 2016 wurde die Kultur der Seefrauen von der UNESCO auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes gesetzt, <a href=\"https:\/\/ich.unesco.org\/en\/RL\/culture-of-jeju-hae-nyeo-women-divers-01068\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/ich.unesco.org\/en\/RL\/culture-of-jeju-hae-nyeo-women-divers-01068<\/a>.<\/p>\n<p>18 | Arthur Brock: \u00bbCryptocurrencies are Dead\u00ab, Medium, 15. September 2016, <a href=\"https:\/\/medium.com\/metacurrency-project\/cryptocurrencies-are-dead-d4223154d783\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/medium.com\/metacurrency-project\/cryptocurrencies-are-dead-d4223154d783<\/a>. Siehe auch Mike Hearn: \u00bbWhy is Bitcoin Forking?\u00ab Medium, 15. August 2015, <a href=\"https:\/\/medium.com\/faith-and-future\/why-is-bitcoin-forking-d647312d22c1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/medium.com\/faith-and-future\/why-is-bitcoin-forking-d647312d22c1<\/a>.<\/p>\n<p>19 | Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation, Wie wir lernen, die Welt zu ver\u00e4ndern, Freiburg: Herder Verlag, 2016, S. 56.<\/p>\n<p>20 | Ebd.<\/p>\n<p>21 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 122.<\/p>\n<p>22 | Christopher M. Kelty: Two Bits: The Cultural Significance of Free Software, Durham, NC: Duke University Press, 2008, S. 118.<\/p>\n<p>23 | Analog von der Linux-Philosophie, etc.<\/p>\n<p>24 | C.M. Kelty, a.a.O., S. 142.<\/p>\n<p>25 | Lewis Thomas: Das Leben \u00fcberlebt, K\u00f6ln: Kiepenheuer &amp; Witsch, 1976, S. 193.<\/p>\n<p>26 | Kate Chapman: Commoning in Katastrophenzeiten. Das \u00bbOpen Street Map\u00ab-Team f\u00fcr humanit\u00e4re Eins\u00e4tze, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 200-203, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>.<\/p>\n<p>27 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 121.<\/p>\n<p>28 | Das gilt online f\u00fcr Open-Access-Plattformen wie <a href=\"https:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/<\/a> f\u00fcr geisteswissenschaftliche Literatur, einem Projekt des Leibniz-Instituts f\u00fcr Sozialwissenschaften genau wie f\u00fcr das inzwischen gigantische, gemeinn\u00fctzige Internet-Archiv, archive. org, welches bereits 1996 von Brewster Kahle gegr\u00fcndet wurde. Heute ist es nicht nur Archiv f\u00fcr digitalisierte Texte, sondern sammelt auch Audiodateien, Videos, Bilder und Software. Das Ziel ist die Langzeitarchivierung und die Sicherung des (barriere-)freien Zugangs. Es gilt aber auch f\u00fcr sogenannte Schattenbibliotheken wie Sci-Hub und Library Genesis (LibGen), die einige Millionen wissenschaftlicher Artikel aus allen Fachgebieten bereithalten oder auf Anfrage bereitstellen: <a href=\"https:\/\/sci-hub.se\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/sci-hub.se\/<\/a> und <a href=\"http:\/\/gen.lib.rus.ec\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/gen.lib.rus.ec\/<\/a>. Letzte sind als Reaktion auf eine Situation entstanden, die der Ideengeschichtler und Direktor der Universit\u00e4tsbibliothek der Harvard Universit\u00e4t so beschreibt: \u00bbWir alle haben es mit einem Paradox zu tun. Wir, an den Fakult\u00e4ten, forschen, verfassen die Artikel, begutachten die Texte anderer, sitzen in Herausgebergremien \u2013 alles gratis &#8230; und dann kaufen wir die Ergebnisse unserer Arbeit zu unerh\u00f6rten Preisen [von den Wissenschaftsverlagen \u2013 S.H.] zur\u00fcck\u00ab, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2012\/apr\/24\/harvard-university-journal-publishers-prices\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.theguardian.com\/science\/2012\/apr\/24\/harvard-university-journal-publishers-prices<\/a>.<\/p>\n<p>29 | J. Stephen Lansing: Perfect order: Recognizing Complexity in Bali, Princeton, NJ: Princeton University Press, 2006.<\/p>\n<p>30 | Ebd.<\/p>\n<p>31 | Richard Bartlett und Marco Deseriis: \u00bbLoomio and the Problem of Deliberation\u00ab, Open Democracy, 2. Dezember 2016, <a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/en\/digitaliberties\/loomio-and-problem-of-deliberation\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.opendemocracy.net\/en\/digitaliberties\/loomio-and-problem-of-deliberation\/<\/a>.<\/p>\n<p>32 | Ted J. Rau und Jerry Koch-Gonzalez: Many Voices, One Song: Shared Power with Sociocracy, Amherst: Sociocracy for All, 2018. Vgl.: <a href=\"https:\/\/www.sociocracyforall.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.sociocracyforall.org<\/a>.<\/p>\n<p>33 | Vgl. diese Begr\u00fcndung f\u00fcr einen commons-affinen Umgang mit Soziokratie <a href=\"https:\/\/www.sociocracyforall.org\/glossary\/sociocracy\/#whySoFA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.sociocracyforall.org\/sociocracy\/#whySoFA<\/a>.<\/p>\n<p>34 | F\u00fcr weitere Informationen siehe <a href=\"http:\/\/www.sk-prinzip.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.sk-prinzip.eu<\/a>.<\/p>\n<p>35 | \u00bbWir sind ein gro\u00dfes Gespr\u00e4ch\u00ab in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 255-261, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>.<\/p>\n<p>36 | Zum Zeitpunkt, als dieses Interview gef\u00fchrt wurde, 2014.<\/p>\n<p>37 | Ebd.<\/p>\n<p>38 | Nicolas Kristof: \u00bbThe Bankers and the Revolutionaries\u00ab, The New York Times, 1. Oktober 2011, <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2011\/10\/02\/opinion\/sunday\/kristof-the-bankers-and-the-revolutionaries.html?_r=1&amp;partner=rssnyt&amp;emc=rss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.nytimes.com\/2011\/10\/02\/opinion\/sunday\/kristof-the-bankers-and-the-revolutionaries.html?_r=1&amp;partner=rssnyt&amp;emc=rss<\/a>.<\/p>\n<p>39 | Weitere Ideen dazu in Teil III dieses Buches.<\/p>\n<p>40 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 123.<\/p>\n<p>41 | F. Cleaver: \u00bbMoral Ecological Rationality, Institutions and the Management of Common Property Resources\u00ab, Development and Change, 31(2): 374 (2000), in: Michael Cox, Gwen Arnold und Sergio Villamayor Tom\u00e1s, \u00bbA Review of Design Principles of Community-Based Natural Resource Management\u00ab, Ecology &amp; Society 14(4): 38, <a href=\"http:\/\/www.ecologyandsociety.org\/vol15\/iss4\/art38\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.ecologyandsociety.org\/vol15\/iss4\/art38<\/a>.<\/p>\n<p>42 | R.Y. Siy Jr. (1982): Community Research Management: Lessons from the Zanjeras, Quezon City: University of the Philippines Press, S. 101, zitiert in: Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 113.<\/p>\n<p>43 | Boyd v. United States, 116 U.S. 616, 630 (1886). Das Zitat im Original: \u00bbintimate activity associated with the sanctity of a man\u2019s home and the privacies of life.\u00ab<\/p>\n<p>44 | Nach der Encyclopedia Britannica, hielt die Bewegung im Jahr 2014 mehr als 2.500 ungenutzte L\u00e4ndereien besetzt. Mehr als 370.000 Familien waren an den Besetzungen beteiligt, und Landtitel f\u00fcr fast 7,5 Millionen Hektar konnten erstritten werden.<\/p>\n<p>45 | Die Katholische Soziallehre wurde insbesondere seit der Enzyklika von Papst Leo XIII,Rerum novarum, im Jahr 1891 schrittweise als sozialethische Lehre entwickelt. Siehe auch: Charles C. Geisler und Gail Daneker (Hrsg): Property and values: alternatives to public and private ownership, Washington DC: Island Press, 2000, S. 31.<\/p>\n<p>46 | International Co-operative Alliance: \u00bbWorld Co-operative Monitor\u00ab, <a href=\"https:\/\/monitor.coop\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/monitor.coop<\/a>.<\/p>\n<p>47 | Mako Hill: \u00bbProblems and Strategies in Financing Voluntary Free Software Projects\u00ab, 10. Juni 2005, <a href=\"https:\/\/mako.cc\/writing\/funding_volunteers\/funding_volunteers.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/mako.cc\/writing\/funding_volunteers\/funding_volunteers.html<\/a>.<\/p>\n<p>48 | Hill verweist auf Forschungsarbeiten von Bernard Enjolras am Institute for Social Research in Oslo, Norwegen. Enjolras hat die Rolle und den Charakter der Freiwilligenarbeit in norwegischen Sportorganisationen erforscht, nachdem die monet\u00e4re Verg\u00fctung bestimmter buchhalterischer und organisatorischer T\u00e4tigkeiten eingef\u00fchrt wurde. Das Ergebnis war, dass weniger Menschen freiwillig mitarbeiteten, und diejenigen, die es taten, arbeiteten weniger. Bernard Enjolras: \u00bbDoes the Commercialization Of Voluntary Organizations \u203aCrowd Out\u2039 Voluntary Work?\u00ab, Annals of Public and Cooperative Economics 73:3 (2002), S. 375-398.<\/p>\n<p>49 | Vgl.: <a href=\"https:\/\/discourse.transformap.co\/t\/separate-commons-and-commerce-to-make-it-work-for-the-commons\/625\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/discourse.transformap.co\/t\/separate-commons-and-commerce-to-make-it-work-for-the-commons\/625<\/a>.<\/p>\n<p>50 | Encommuns: \u00bbSeparate Commons and Commerce to Make it Work for the Commons,\u00ab <a href=\"http:\/\/encommuns.org\/#\/economique\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/encommuns.org\/#\/economique<\/a>.<\/p>\n<p>51 | <a href=\"https:\/\/wiki.guerrillamediacollective.org\/index.php\/Commons-Oriented_Open_Cooperative_Governance_Model_V_2.0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/wiki.guerrillamediacollective.org\/index.php\/Commons-Oriented_Open_Cooperative_Governance_Model_V_2.0<\/a>.<\/p>\n<p>52 | Mehr Informationen auf: <a href=\"https:\/\/nextcloud.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/nextcloud.com\/<\/a>.<\/p>\n<p>53 | Nachzuh\u00f6ren unter: <a href=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/bub2018-240-digitalisierung_und_degrowth_wege_zu_einem_enkeltauglichen_wirtschaften#t=1117\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/media.ccc.de\/v\/bub2018-240-digitalisierung_und_degrowth_wege_zu_einem_enkeltauglichen_wirtschaften#t=1117<\/a>.<\/p>\n<p>54 | Vgl.: <a href=\"https:\/\/karlitschek.de\/2016\/04\/big-changes-i-am-leaving-owncloud-inc-today\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/karlitschek.de\/2016\/04\/big-changes-i-am-leaving-owncloud-inc-today\/<\/a><\/p>\n<p>55 | Lorenz Hilty: Keynote, Bits &amp; B\u00e4ume, 17. November 2018, Berlin.<\/p>\n<p>56 | Die Website gibt es auch in deutscher Sprache: <a href=\"https:\/\/de.goteo.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.goteo.org\/<\/a>. Letzter Zugriff am 21.11.2018. Die folgenden Angaben entsprechen diesem Zeitpunkt.<\/p>\n<p>57 | Mehr zu Goteo: Enric Senabre Hidalgo: \u00bbMit vereinten Kr\u00e4ften. Wie man Commons per Crowdfunding finanziert\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 223-227, <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>.<\/p>\n<p>58 | Name ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>59 | Vgl.: <a href=\"https:\/\/www.quora.com\/How-many-complementary-currency-systems-exist-worldwide\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.quora.com\/How-many-complementary-currency-systems-exist-worldwide<\/a>. Es existieren unterschiedliche Sammlungen und \u00bbKredit\u00ab-Karten. Eine der wichtigsten wird vom Complementary Currency Resource Center kuratiert: <a href=\"http:\/\/complementarycurrency.org\/cc-world-map\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/complementarycurrency.org\/cc-world-map<\/a>.<\/p>\n<p>60 | Philippe Aigrain: <a href=\"http:\/\/paigrain.debatpublic.net\/docs\/internet_creation_1-3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/paigrain.debatpublic.net\/docs\/internet_creation_1-3.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>61 | <a href=\"https:\/\/www.telecommons.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.telecommons.org\/<\/a>.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 6<\/em><\/h4>\n<p>1 | <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Eating_your_own_dog_food\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Eating_your_own_dog_food<\/a>.<\/p>\n<p>2 | Donald E. Knuth: \u00bbThe Errors of TeX\u00ab, Software: Practice and Experience, 19(7), Juli 1989, S. 622.<\/p>\n<p>3 | <a href=\"https:\/\/openprosthetics.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/openprosthetics.org\/<\/a>.<\/p>\n<p>4 | Thomas Berry: Evening Thoughts, Reflecting on Earth as Sacred Community, San Francisco: Sierra Club Books, 2006, S. 17.<\/p>\n<p>5 | Deswegen hei\u00dft das Betriebssystem richtig GNU\/Linux.<\/p>\n<p>6 | Wenngleich dort andere Commoning-Muster eher keine Rolle spielen.<\/p>\n<p>7 | Vgl.: <a href=\"http:\/\/cedifa.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/04-FabLabs.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/cedifa.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/04-FabLabs.pdf<\/a>, S. 14<\/p>\n<p>8 | Auch die offenen Werkst\u00e4tten haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen: <a href=\"https:\/\/www.offenewerkstaetten.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.offenewerkstaetten.org\/<\/a>.<\/p>\n<p>9 | <a href=\"https:\/\/repaircafe.org\/de\/uber\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/repaircafe.org\/de\/uber\/<\/a>, siehe Landkarte: <a href=\"https:\/\/repaircafe.org\/de\/besuchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/repaircafe.org\/de\/besuchen\/<\/a><\/p>\n<p>10 | Siehe zum Stichwort Care: Ursula Knecht, Caroline Kr\u00fcger et al.: ABC des Guten Lebens. Eine postpatriarchale Ethik in 56 Stichw\u00f6rtern, R\u00fcsselsheim: C. G\u00f6ttert Verlag, 2012, <a href=\"https:\/\/abcdesgutenlebens.wordpress.com\/category\/care\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/abcdesgutenlebens.wordpress.com\/category\/care\/<\/a>.<\/p>\n<p>11 | Neera Singh: \u00bbThe Affective Labor of Growing Forests and the Becoming of Environmental Subjects: Rethinking Environmentality in Odisha, India\u00ab, Geoforum (2013) 47, S. 189-198. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.geoforum.2013.01.010\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.geoforum.2013.01.010<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.academia.edu\/3106203\/The_affective_labor_of_growing_forests_and_the_becoming_of_environmental_subjects_Rethinking_environmentality_in_Odisha_India\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.academia.edu\/3106203\/The_affective_labor_of_growing_forests_and_the_becoming_of_environmental_subjects_Rethinking_environmentality_in_Odisha_India<\/a>.<\/p>\n<p>12 | <a href=\"https:\/\/wemakeit.com\/projects\/wirtschaft-ist-care\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/wemakeit.com\/projects\/wirtschaft-ist-care<\/a>.<\/p>\n<p>13 | Das bedeutet: Gesichtspflege und Rasieren 5-10 Minuten, K\u00e4mmen 1-3 Minuten, Wasserlassen 2-3 Minuten, Stuhlgang 3-6 Minuten und so weiter. Ausf\u00fchrlicher nachzulesen unter: <a href=\"https:\/\/www.pflege-durch-angehoerige.de\/orientierungswerte-fuer-die-bemessung-der-pflegezeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.pflege-durch-angehoerige.de\/orientierungswerte-fuer-die-bemessung-der-pflegezeiten\/<\/a>.<\/p>\n<p>14 | <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/feministische-oekonomie-unbezahlte-arbeit-ist-milliarden.976.de.html?dram:article_id=331172\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/feministische-oekonomie-unbezahlte-arbeit-ist-milliarden.976.de.html?dram:article_id=331172<\/a>.<\/p>\n<p>15 | Der Titel (2015) steht zum kostenlosen Download zur Verf\u00fcgung, <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2015\/02\/19\/wirtschaft-ist-care-oder-die-wiederentdeckung-des-selbstverstaendlichen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.boell.de\/de\/2015\/02\/19\/wirtschaft-ist-care-oder-die-wiederentdeckung-des-selbstverstaendlichen<\/a>. Es existiert auch ein Verein \u00bbWirtschaft ist Care\u00ab, der sich insbesondere im deutschsprachigen Raum f\u00fcr \u00bbdie Reorganisation der \u00d6konomie um ihr Kerngesch\u00e4ft, die Befriedigung tats\u00e4chlicher menschlicher Bed\u00fcrfnisse weltweit\u00ab einsetzt. Weitere Informationen auf: <a href=\"https:\/\/wirtschaft-ist-care.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/wirtschaft-ist-care.org\/<\/a>.<\/p>\n<p>16 | Viele haben sich in der International Association for Feminist Economics zusammengeschlossen, siehe: <a href=\"http:\/\/www.feministeconomics.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.feministeconomics.org<\/a>.<\/p>\n<p>17 | Samuel Bowles diskutiert zahlreiche entsprechende Studien in seinem Buch The Moral Economy: Why Good Incentives Are No Substitute for Good Citizens, New Haven, CT: Yale University Press, 2016.<\/p>\n<p>18 | Menschen spenden dann aus anderen Gr\u00fcnden. Blutspende gegen Geld spricht \u00f6fter Menschen mit Drogenund Alkoholproblemen an. Richard M. Titmuss: The Gift Relationship: From Human Blood to Social Policy, New York: Pantheon, 1971.<\/p>\n<p>19 | <a href=\"http:\/\/opensourceecology.org\/wiki\/LifeTrac\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/opensourceecology.org\/wiki\/LifeTrac<\/a>.<\/p>\n<p>20 | Wir verwenden hier den Begriff so, wie er in den Wirtschaftswissenschaften genutzt wird.<\/p>\n<p>21 | Lewis Hyde: Common as Air, New York: Farrar Straus Giroux, 2012, S. 43.<\/p>\n<p>22 | Silke Helfrich, Interview mit Rainer Kippe, 20. August 2017.<\/p>\n<p>23 | Rishab Aiyer Ghosh, \u00bbCooking Pot Markets: An Economic Model for the Trade in Free Goods and Services on the Internet\u00ab, First Monday 3(3), <a href=\"https:\/\/www.firstmonday.org\/ojs\/index.php\/fm\/issue\/view\/90\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.firstmonday.org\/issues\/issue3_3\/ghosh\/index.html<\/a>.<\/p>\n<p>24 | Fred Pearce: \u00bbCommon Ground: Securing Land Rights and Safeguarding the Earth\u00ab, Land Rights Now, International Land Coalition, Oxfam, Rights + Resources, 2016, <a href=\"https:\/\/www.landrightsnow.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/GCA_REPORT_EN_FINAL.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.landrightsnow.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/GCA_REPORT_EN_FINAL.pdf<\/a>. Der Bericht kommt zu dem Schluss: \u00bbBis zu 2,5 Milliarden Menschen sind auf Gemeinschaftsund indigenes Land angewiesen, das mehr als 50 Prozent der Landfl\u00e4che der Erde ausmacht; rechtlich gesehen geh\u00f6rt ihnen nur ein F\u00fcnftel. Die \u00fcbrigen f\u00fcnf Milliarden Hektar sind ungesch\u00fctzt und durch Landraub seitens m\u00e4chtigerer Regierungen und Konzerne gef\u00e4hrdet. F\u00fcr die Erhaltung der kulturellen Vielfalt und die Bek\u00e4mpfung von Armut und Hunger, politischer Instabilit\u00e4t und Klimawandel ist es von zentraler Bedeutung, dass indigene V\u00f6lker und lokale Gemeinschaften \u00fcber vollst\u00e4ndige Eigentumsrechte an Land verf\u00fcgen. Daf\u00fcr gibt es immer mehr Belege.\u00ab<\/p>\n<p>25 | James Rebanks: Mein Leben als Sch\u00e4fer, M\u00fcnchen: Random House, 2016, S. 37.<\/p>\n<p>26 | John T. Edge: \u00bbThe Hidden Radicalism of Southern Food\u00ab, New York Times, 6. Mai 2017, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/05\/06\/opinion\/sunday\/the-hidden-radicalism-of-southern-food.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.nytimes.com\/2017\/05\/06\/opinion\/sunday\/the-hidden-radicalism-of-southern-food.html<\/a>.<\/p>\n<p>27 | Die vollst\u00e4ndige Bezeichnung von Cecosesola ist Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara (<a href=\"http:\/\/www.cecosesola.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.cecosesola.org<\/a>). Siehe Profil, \u00bbWir sind ein gro\u00dfes Gespr\u00e4ch\u00ab in Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 255-261, <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/<\/a><\/p>\n<p>28 | F\u00fcr die Zeit der Hyperinflation 2017\/2018 lassen sich dazu keine gesicherten Angaben machen.<\/p>\n<p>29 | Von allen beteiligten Kooperativen.<\/p>\n<p>30 | \u00bbWir sind ein gro\u00dfes Gespr\u00e4ch\u00ab in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 255-261, hier: S. 259, <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/<\/a>.<\/p>\n<p>31 | Die erwartete Inflation f\u00fcr 2018 wurde symbolisch auf 1 Million Prozent gesetzt. Viele Menschen verlassen das Land. Die Situation zehrt auch an Cecosesola.<\/p>\n<p>32 | Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1975, S. 53.<\/p>\n<p>33 | Ebd., S. 51.<\/p>\n<p>34 | Chase Madar: \u00bbThe People\u2019s Priest\u00ab, in The American Conservative, 1. Februar 2010, <a href=\"https:\/\/www.theamericanconservative.com\/articles\/the-peoples-priest\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.theamericanconservative.com\/articles\/the-peoples-priest<\/a>.<\/p>\n<p>35 | Andrea Vetter: \u00bbThe Matrix of Convivial Technologies\u00ab, 2017. <a href=\"http:\/\/konvivialetechnologien.blogsport.de\/images\/Vetter_JcP2017_MatrixConvivialTechnology.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/konvivialetechnologien.blogsport.de\/images\/Vetter_JcP2017_MatrixConvivialTechnology.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>36 | In einem Netzwerk haben einzelne Personen bzw. Knoten miteinander episodische Transaktionen ohne fortdauernde soziale Verbindungen, wohingegen die Mitglieder eines Verbundes ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Verpflichtungen teilen.<\/p>\n<p>37 | Eric von Hippel: Democratizing Innovation, Cambridge, Mass.: MIT Press, 2005, <a href=\"http:\/\/web.mit.edu\/evhippel\/www\/books\/DI\/DemocInn.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/web.mit.edu\/evhippel\/www\/books\/DI\/DemocInn.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>38 | James K. Boyce, Peter Rosset und Elizabeth A. Stanton: \u00bbLand Reform and Sustainable Development\u00ab, Kapitel 5, in: James K. Boyce et al., Reclaiming Nature: Environmental Justice and Ecological Restoration, New York, NY: Anthem Press, 2007, S. 140.<\/p>\n<p>39 | Die Idee ist auch als \u00bbindigene Innovation\u00ab und \u00bbinformelle Innovation\u00ab bezeichnet worden. Siehe Peter Drahos und Pat Mooney: Indigenous Peoples\u2039 Innovation: Intellectual Property Pathways to Development, Canberra, Australia: Australian National University Press, 2012, <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctt24hfgx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctt24hfgx<\/a>. Siehe auch \u00bbFarmers\u2039 Rights\u00ab, in: Rural Advancement Fund International Newsletter, Mai\/Juni 1989, <a href=\"https:\/\/www.etcgroup.org\/sites\/www.etcgroup.org\/files\/publication\/555\/01\/raficom17farmersrights.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.etcgroup.org\/sites\/www.etcgroup.org\/files\/publication\/555\/01\/raficom17farmersrights.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>40 | Campesino a Campesino, <a href=\"https:\/\/foodfirst.org\/publication\/campesino-a-campesino-voices-from-latin-americas-farmer-to-farmer-movement-for-sustainable-agriculture\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/foodfirst.org\/publication\/campesino-a-campesino-voices-from-latin-americas-farmer-to-farmer-movement-for-sustainable-agriculture\/<\/a>.<\/p>\n<p>41 | <a href=\"http:\/\/masipag.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/masipag.org<\/a>.<\/p>\n<p>42 | Open Source Ecology, <a href=\"http:\/\/opensourcecology.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/opensourcecology.org<\/a>.<\/p>\n<p>43 | OpenSPIM, at <a href=\"http:\/\/openspim.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/openspim.org<\/a>. Siehe auch Jacques Paysan, \u00bbOpenSPIM: Ein Hightech-Commons f\u00fcr Forschung und Lehre\u00ab in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 165-170, <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons<\/a>.<\/p>\n<p>44 | PROTEI, <a href=\"https:\/\/protei.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.protei.com<\/a>.<\/p>\n<p>45 | Vgl.: <a href=\"https:\/\/www.vivihouse.cc\/en\/home-en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.vivihouse.cc<\/a><\/p>\n<p>46 | Ebd.<\/p>\n<p>47 | Ebd.<\/p>\n<p>48 | Vgl.: <a href=\"https:\/\/www.trendsderzukunft.de\/urbanes-wohnen-selbstbauhaus-vivihouse-aus-nachhaltigem-material-mit-bis-zu-6-etagen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.trendsderzukunft.de\/urbanes-wohnen-selbstbauhaus-vivihouse-aus-nachhaltigem-material-mit-bis-zu-6-etagen\/<\/a>.<\/p>\n<p>49 | Wolfgang Sachs: The Development Dictionary: A Guide to Knowledge as Power, London, UK: Zed Books, 2nd edition, 2009, und Wie im Westen so auf Erden. Ein polemisches Handbuch zur Entwicklungspolitik, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993, S. 122.<\/p>\n<p>50 | Michael Bauwens: \u00bbThe Emergence of Open Design and Open Manufacturing,\u00ab We magazine, 2009, at <a href=\"https:\/\/snuproject.wordpress.com\/2011\/12\/17\/the-emergence-of-open-design-and-open-manufacturing-we_magazine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/snuproject.wordpress.com\/2011\/12\/17\/the-emergence-of-open-design-and-open-manufacturing-we_magazine<\/a>. Siehe auch Vasilis Kostakis et al.: \u00bbDesign Global, Manufacture Local: Exploring the Contours of an Emerging Productive Model\u00ab, Futu- res 73 (2015), S. 126-135; und P2P Foundation Wiki-Eintrag, \u00bbDesign Global, Manufacture Local\u00ab, <a href=\"http:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/Design_Global,_Manufacture_Local\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/Design_Global,_Manufacture_Local<\/a>.<\/p>\n<p>51 | Celine Piques und Xavier Rizos: \u00bbPeer to Peer and the Commons: A Path Toward Transition: A Matter, Energy and Thermodynamic Perspective\u00ab, P2P Foundation, 2017, <a href=\"http:\/\/commonstransition.org\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Report-P2P-Thermodynamics-VOL_1-web_2.0.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/commonstransition.org\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Report-P2P-Thermodynamics-VOL_1-web_2.0.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>52 | Vgl. Steffen Lange, Tilman Santarius: Smarte gr\u00fcne Welt? Digitalisierung zwischen \u00dcberwachung, Konsum und Nachhaltigkeit, M\u00fcnchen: oekom 2018.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Teil III<\/strong><\/h3>\n<h4><em>Einleitung<\/em><\/h4>\n<p>1 | So ist es \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 zumindest gelungen, im Jahr 2018 einen Verweis auf Commons-Praktiken in der Landwirtschaft in das Regierungsprogramm der Gro\u00dfen Koalition auf Bundesebene aufzunehmen: \u00bbWir wollen im Rahmen der Modell- und Demonstrations- projekte (Best-Practice) Vorhaben zur regionalen Wertsch\u00f6pfung und Vermarktung f\u00f6rdern, z.B. Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi): https:\/\/koms-bw.de\/cms\/content\/ media\/Koalitionsvertrag_2018_gekuerzt.pdf.<\/p>\n<p>2 | AGPL v3 lizenziert.<\/p>\n<p>3 | http:\/\/openolitor.org\/openolitor-nutzen\/.<\/p>\n<p>4 | Es ist ein Geschichtsbuch f\u00fcr die 7. und 8. Klasse, abgestimmt auf den Lernplan von Baden-W\u00fcrttemberg, https:\/\/mbook.schule\/digitale-schulbuecher.<\/p>\n<p>5 | Gesch\u00e4tzte 250 Millionen Euro gibt der deutsche Staat j\u00e4hrlich f\u00fcr die Finanzierung von Schulb\u00fcchern aus.<\/p>\n<p>6 | Die inhaltliche Pr\u00fcfung liegt genau wie in der propriet\u00e4ren Variante bei den Kultusministerien.<\/p>\n<p>7 | Eine Weltkarte zu Projekten, Forschung und wichtigen Personen aus diesem Bereich be- findet sich im Aufbau. https:\/\/oerworldmap.org\/.<\/p>\n<p>8 | In Deutschland geht die Lernmittelfreiheit auf Forderungen von 1848 zur\u00fcck. Das Grund- prinzip: diskriminierungsfreien Zugang zu Bildung \u2013 unabh\u00e4ngig vom Einkommen der Eltern \u2013 zu erm\u00f6glichen. Noch besteht in vielen Bundesl\u00e4ndern weitgehende Lernmittelfreiheit. Im finnischen Schulsystem herrscht Lernmittelfreiheit bis zur neunten Klasse, also bis zum Ende der obligatorischen Grundschule.<\/p>\n<p>9 | Interessanterweise bedarf es f\u00fcr die Mustersprache kaum solcher Begriffe wie \u00bbCom- mons\u00ab oder \u00bbCommoning\u00ab.<\/p>\n<p>10 | Shareable: Sharing Cities: Activating the Urban Commons, San Francisco, California, Tides Center\/Shareable, 2018, https:\/\/www.shareable.net\/sharing-cities.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 7<\/em><\/h4>\n<p>1 | All dies sind Themen, mit denen sich die Institutionen\u00f6konomie auseinandersetzt.<\/p>\n<p>2 | Wenn sich die Frage nach dem Urheber der Idee stellt, den Begriff des Eigentums zu wan- deln, n\u00e4mlich von Beziehungen zwischen Menschen und Gegenst\u00e4nden (Blackstone) hin zu Beziehungen zwischen Menschen und Menschen, wird am h\u00e4ufigsten auf Wesley N. Hohfeld verwiesen.<\/p>\n<p>3 | Nicht zu verwechseln mit der Treuhandanstalt, die das einst volkseigene Verm\u00f6gen der ehemaligen DDR privatisiert, reorganisiert und \u00bbabgewickelt\u00ab hat.<\/p>\n<p>4 | Eduardo Mois\u00e9s Penalver und Sonia K. Katyal: Property Outlaws: How Squatters, Pirates, and Protesters Improve the Law of Ownership, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 2010.<\/p>\n<p>5 | E.P. Thompson: Customs in Common. Studies in Traditional Popular Culture, New York: The New Press, 1992, S. 162.<\/p>\n<p>6 | Und eben nicht durch menschliche Arbeit, wie vom liberalen Eigentumsrecht gefordert.<\/p>\n<p>7 | C.B. Macpherson: Property, Mainstream and Critical Positions, University of Toronto, 1978, S. 199-200.<\/p>\n<p>8 | Margaret Jane Radin: Reinterpreting Property, Chicago, Illinois: University of Chicago Press, Kapitel 1, S. 35.<\/p>\n<p>9 | C.B. Macpherson: Die politische Theorie des Besitzindividualismus, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1967, S. 15.<\/p>\n<p>10 | Ebd., S. 15.<\/p>\n<p>11 | Ebd.<\/p>\n<p>12 | Sir William Blackstone: Commentaries on the Laws of England in Four Books. Notes se- lected from the editions of Archibold, Christian, Coleridge, Chitty, Stewart, Kerr, and others, Barron Field\u2019s Analysis, and Additional Notes, and a Life of the Author by George Sharswood. In Two Volumes, Philadelphia: J.B. Lippincott Co., 1893, Erstausgabe 1753, http:\/\/oll.liber tyfund.org\/titles\/blackstone-commentaries-on-the-laws-of-england-in-four-books-vol-1. Band 1, Buch 2, Kapitel 1, 2. Absatz.<\/p>\n<p>13 | Es darf davon ausgegangen werden, dass Blackstone vor allem an M\u00e4nner dachte.<\/p>\n<p>14 | Zum Gedanken, dass das Recht die \u00f6konomische und politische Ordnung widerspie- gelt, vgl. auch Gregory Alexander, Commodity &amp; Propriety. Competing Visions of Property in American Legal Thought 1776 \u2013 1970, Chicago, Illinois: University of Chicago Press, 1997. Was Eigent\u00fcmerinnen bzw. Eigent\u00fcmern und allen anderen erlaubt bzw. verboten ist, sei im Grunde eine \u00bbpolitische Entscheidung, keine Angelegenheit neutraler, deduktiver Argumen- tation\u00ab durch Gerichte, merkt der Rechtsanwalt und Autor an. Ebd. S. 321.<\/p>\n<p>15 | John Locke: \u00dcber die Regierung, Stuttgart: Reclam, 1983 (engl. 1689), S. 22f.<\/p>\n<p>16 | Zur Lockean proviso gibt es eine umfangreiche wissenschaftliche Diskussion, die we- sentlich angesto\u00dfen wurde, als Robert Nozick in seinem Buch Anarchie, Staat, Utopia, M\u00fcn- chen: Olzog 2006, Englisch: 1974, den Begriff pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>17 | \u00c9tienne Le Roy: \u00bbWie ich drei\u00dfig Jahre zu Commons forsche, ohne es zu wissen\u00ab, in: Sil- ke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 267-284.<\/p>\n<p>18 | Mehr zum vernakul\u00e4ren Recht in Burns H. Weston und David Bollier: Green Governance: Ecologial Survival, Human Rights and the Law of the Commons, Cambridge: Cambridge University Press, 2013, S. 104-112.<\/p>\n<p>19 | Siehe Gregory Alexander: Commodity and Propriety, a.a.O., S. 322, Fu\u00dfnote 41.<\/p>\n<p>20 | Joseph Singer: \u00bbThe Legal Rights Debate in Analytical Jurisprudence from Bentham to Hohfeld\u00ab, 1982, Wisconsin Law Review, S. 987. Hohfeld wird von Anna Di Robilant und Syed Talha als Begr\u00fcnder des Eigentumsverst\u00e4ndnisses als Sozialbeziehung beschrieben, in: Hoh- feld in Europe and Beyond: The Fundamental Building Blocks of Social Relations Regarding Resources, The Legacy Of Wesley Hohfeld, hg. von Shyam Balganesh, Ted Sichelman und Henry Smith, 2018.<\/p>\n<p>21 | Gregory Alexander: Commodity and Propriety, a.a.O., S. 323.<\/p>\n<p>22 | Eigentum von Konzernen wird h\u00e4ufig mit individuellem Eigentum zusammengebracht und verwechselt, sodass die erheblichen Unterschiede dazwischen nicht herausgestellt wer- den. Man wird dahingehend in die Irre gef\u00fchrt, dass man Unternehmenseigentum wie das Eigentum von Privatpersonen betrachtet.<\/p>\n<p>23 | Franciscus C.M. Vera: Grazing Ecology and Forest History, Centre for Agriculture and Biosciences International, 2000, S. 386.<\/p>\n<p>24 | Diese Darstellung folgt Lewis Hyde: Common as Air: Revolution, Art, and Ownership, a.a.O., S. 169-173.<\/p>\n<p>25 | E.P. Thompson: Customs in Common, New York, NY: New Press, 1993, S. 167.<\/p>\n<p>26 | Helmut Z\u00fcckert: \u00bbAllmende: Von Grund auf eingehegt\u00ab, in: Silke Helfrich und Hein- rich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Commons \u2013 F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, a.a.O., S. 158-165, S. 162, https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2835-7\/com mons\/?number=978-3-8394-2835-1.<\/p>\n<p>27 | Heute gibt es allein in den rum\u00e4nischen Karpaten mehr als 1.500 sogenannte Obste, Wald- und Weide-Commons. Siehe Monica Vasile: Formalizing commons, registering rights: The making of the forest and pasture commons in the Romanian Carpathians from the 19th century to post-socialism, International Journal of the Commons, 12(1), S. 170-201. DOI: http:\/\/doi.org\/10.18352\/ijc.805.<\/p>\n<p>28 | http:\/\/oak-schwyz.ch.<\/p>\n<p>29 | Trent Schroyer: Beyond Western Economics: Remembering Other Economic Cultures, New York, NY: Routledge, 2009, S. 69.<\/p>\n<p>30 | Oliver Wendell Holmes, Jr.: Das gemeine Recht Englands und Nordamerikas, Berlin: Duncker und Humblot, 2006 (Nachdruck der ersten deutschen Ausgabe von 1912; Englisch 1881), S. 1.<\/p>\n<p>31 | Eine der ausf\u00fchrlichsten Betrachtungen des Gewohnheitsrechts geben Alison Dundes Rentln und Alan Dundes (Hrsg.): Folk Law: Essays in the Theory and Practice of Lex Non Scripta (1994) \u2013 eine Anthologie, die zeigt, wie ungeschriebenes, informelles Recht im Laufe der Geschichte in unterschiedlichen Kontexten florierte.<\/p>\n<p>32 | Carol Rose: \u00bbComedy of the Commons: Custom, Commerce, and Inherently Public Pro- perty\u00ab, in: Property and Persuasion: Essays on the History, Theory, and Rhetoric of Owner- ship, Boulder, Colorado: Westview Press, 1994, S. 134.<\/p>\n<p>33 | Graham v. Walker (1905), 62 Atlantic Reporter, S. 99.<\/p>\n<p>34 | Land Rights Now, www.landrightsnow.org\/en\/home und https:\/\/pbs.twimg.com\/me dia\/DZXa7iCX4AAkgQI.jpg.<\/p>\n<p>35 | Carol Rose: Property and Persuasion, S. 123-124.<\/p>\n<p>36 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 118, vgl. auch das Konzept der Polyzentrischen Governance.<\/p>\n<p>37 | Pierre Dardot und Christian Laval: Commun. Essai sur la r\u00e9volution au XXIe si\u00e8cle, \u00c9di- tions La D\u00e9couverte, 2014, S. 583.<\/p>\n<p>38 | Karl Polanyi: The great transformation: politische und \u00f6konomische Urspr\u00fcnge von Ge- sellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien: Europa Verlag, 1977, englische Erstausgabe 1944.<\/p>\n<p>39 | Paul Breitner in Blickpunkt Sport am 21.10.2018.<\/p>\n<p>40 | Florian Kinast: \u00bbBayern-Jahreshauptversammlung. Pfeifkonzert im eigenen Wohn- zimmer\u00ab, www.spiegel.de\/sport\/fussball\/fc-bayern-muenchen-buhrufe-fuer-uli-hoeness- bei-jahreshauptversammlung-a-1241436.html. Die FC Bayern M\u00fcnchen AG wurde 2001 ge- gr\u00fcndet, neben dem Verein sind Audi, Adidas und Allianz SE Aktion\u00e4re. Die AG vermarktet vor allem die Fu\u00dfballmannschaften. Von Profifu\u00dfballern wird geredet wie von einer Handelswa- re. Die Entwicklung ihres \u00bbMarktwertes\u00ab wird in Rankings verglichen; vgl. das CIES Football Observatory.<\/p>\n<p>41 | Zur Regulierung der Fischereirechte durch den Lake Taupo Trust von 2017: https:\/\/ www.doc.govt.nz\/parks-and-recreation\/places-to-go\/central-north-island\/places\/tau po-trout-fishery\/licences-access-rules-and-regulations\/rules-and-regulations\/.<\/p>\n<p>42 | Deutsch: der \u00bbK\u00f6rper\u00ab, also der Gesamt-Bestand des zivilen Rechts.<\/p>\n<p>43 | \u00bbNach den Gesetzen der Natur sind diese Dinge allen Menschen gemeinsam: die Luft, das flie\u00dfende Wasser, das Meer und folglich auch die K\u00fcsten des Meeres\u00ab, nach Institutes of Justinian, Book II, Of Things, Section I Divisions of Things, No. 1, Gutenberg e-book, #5983.<\/p>\n<p>44 | Gaius \u2013 Inst. 2, 2 ap. Digest. 1, 8, 1: \u00bbSumma itaque rerum divisio in duos articulos diducitur: nam aliae sunt divini iuris, aliae humani.\u00ab<\/p>\n<p>45 | Die vollst\u00e4ndige Liste der Weltkulturerbest\u00e4tten: https:\/\/www.unesco.de\/kultur-und- natur\/welterbe\/welterbe-weltweit.<\/p>\n<p>46 | Die Beh\u00f6rde ist ISA, die Internationale Meeresbodenbeh\u00f6rde.<\/p>\n<p>47 | Nie\u00dfbrauch ist in Deutschland der zivilrechtliche Begriff f\u00fcr das Recht, den (erneuer- baren) Ertrag einer Ressource, etwa einer Pflanze oder eines Waldes oder einer Wohnung, zu nutzen, vorausgesetzt, die zugrundeliegende Lebensquelle selbst wird nicht vermindert.<\/p>\n<p>48 | Theodore Steinberg: Slide Mountain, or the Folly of Owning Nature, Berkeley, California: University of California Press, 1995.<\/p>\n<p>49 | Das Wort bonum bedeutet \u00bbdas Gut\u00ab.<\/p>\n<p>50 | Vgl. Dardot\/Laval, a.a.O., S. 264-268; zu nullius in bonis: Gaius, II, 7, Marcien, 4 instu- tionum, D. 1, 8, 6, 2; Die Hauptquelle, die uns jedoch nicht im Original zur Verf\u00fcgung stand, ist: Ubaldo Robbe, La differenza sostanziale fra res nullius e res nullius in bonis e la distin- zione delle res pseudo-marcianee, Milan: Giuffr\u00e8, 1979.<\/p>\n<p>51 | Yan Thomas: La valeur des choses, S. 1449 und 1454; res vermittelt eher die Bedeu- tung des griechischen ta pragmata.<\/p>\n<p>52 | Der Begriff \u00bbGemeingut\u00ab, so wie er heute meist verwendet wird (auch in der Com- mons-Literatur und auch in unseren eigenen Beitr\u00e4gen), spiegelt im Grunde ein verdinglich- tes Verst\u00e4ndnis von res wieder. Mit dem Wort Ressource ist es nicht anders, obgleich die beiden Begriffe sich in ihrer Etymologie unterscheiden: Ressource in seiner Bedeutung des 17. Jahrhunderts hei\u00dft \u00bbMittel, einen Bedarf oder Mangel zu befriedigen\u00ab. Es stammt vom franz\u00f6sischen resource, \u00bbQuelle, Ursprung\u00ab und vom lateinischen resurgere, \u00bbsich wieder erheben\u00ab.<\/p>\n<p>53 | Silke Helfrich: \u00bbGemeing\u00fcter sind nicht, sie werden gemacht\u00ab, in: Silke Helfrich und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.), Commons \u2013 F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, a.a.O., S. 85-91, https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2835-7\/commons\/?num ber=978-3-8394-2835-1.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 8<\/em><\/h4>\n<p>1 | Es ist keine gew\u00f6hnliche Kooperative, wie wir im Folgenden sehen werden, daher die Anf\u00fchrungszeichen.<\/p>\n<p>2 | Einzelheiten zu dieser Regelung finden sich im \u00f6ffentlich frei zug\u00e4nglichen Mitglieder- handbuch der PSFC, https:\/\/www.foodcoop.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Mem bershipManual_2018_12_10_FINAL_WEB.pdf.<\/p>\n<p>3 | Website der Park Slope Food Coop: https:\/\/www.foodcoop.com.<\/p>\n<p>4 | Park Slope Food Coop, Handbuch f\u00fcr Mitglieder, S. 28.<\/p>\n<p>5 | Eine Art Schwester-Kooperative, La Louve, entstand 2016 in Paris.<\/p>\n<p>6 | Max Falkowitz: \u00bbBirth of the Kale\u00ab, Grub Street, 19. April 2018, www.grubstreet. com\/2018\/04\/history-of-the-park-slope-food-coop.html.<\/p>\n<p>7 | Letzteres spielt auch im gegenw\u00e4rtigen Eigentumsregime in Form des Erbes eine heraus- ragende Rolle, weswegen Menschen bereits als Habende oder Habenichtse geboren werden.<\/p>\n<p>8 | Vgl. Karl Marx: Pariser Manuskripte, 1. Manuskript Nr. 4, \u00bbEntfremdete Arbeit\u00ab, in dem Marx vier Aspekte der Vergegenst\u00e4ndlichung (nach unserem Verst\u00e4ndnis entspr\u00e4che dies einer Beeintr\u00e4chtigung der \u00bbBeziehungshaftigkeit\u00ab) als Folge der entfremdeten Arbeit be- nennt: die Entfremdung von den Produkten ihrer eigenen Arbeit, von ihren eigenen physi- schen und geistigen Energien (Selbstentfremdung), von ihrem Wesen als \u00bbGattung\u00ab und ihrer spirituellen Natur sowie von ihrem eigenen K\u00f6rper. Online: https:\/\/www.marxists.org\/ deutsch\/archiv\/marx-engels\/1844\/oek-phil\/1-4_frem.htm.<\/p>\n<p>9 | Instruktiv dazu sind Erich Fromms Ausf\u00fchrungen besonders in seinem Buch Haben oder Sein? Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Stuttgart: Deutsche Verlags-An- stalt, 1976.<\/p>\n<p>10 | Das \u00bblong now\u00ab ist eine von Zukunftsforscher Steward Brand und der Long Now Founda- tion propagierte Idee. Die Stiftung wurde gegr\u00fcndet, \u00bbum langfristiges Denken und Verant- wortung im Rahmen der n\u00e4chsten 10.000 Jahre zu f\u00f6rdern\u00ab. Vgl. Stewart Brand: Das Ticken des langen Jetzt: Zeit und Verantwortung am Beginn des neuen Jahrtausends, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2000.<\/p>\n<p>11 | Thomas Berry: Evening Thoughts: Reflecting on Earth as a Sacred Community, San Francisco, California: Counterpoint, S. 17.<\/p>\n<p>12 | Dies geschieht h\u00e4ufig, wenn die Admins Artikelversionen sperren, l\u00f6schen oder Versio- nen aus nicht sofort nachvollziehbaren Gr\u00fcnden zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>13 | Sofern diese nicht komplett \u00bbauf privat\u00ab gestellt und damit im Grunde noch nicht Teil des Verbundes sind.<\/p>\n<p>14 | Auf Wikipedia k\u00f6nnen die Beitr\u00e4ge Einzelner nur im Journal des Artikels nachverfolgt werden, nicht auf der Hauptseite des Wiki-Eintrags.<\/p>\n<p>15 | Das ist der Ausdruck, der bei Federated Wiki verwendet wird.<\/p>\n<p>16 | Dieser Vergleich wurde von den Ideen zur Eigent\u00fcmerschaft des Erfinders des Verbund- wikis wie auch des ersten Wikis, Ward Cunningham, inspiriert: http:\/\/own.fed.wiki\/welco- me-visitors.html.<\/p>\n<p>17 | Probieren Sie es gerne einmal selbst aus. Auf http:\/\/federated.wiki sind verschiedene Einf\u00fchrungen zusammengetragen. Ein eigenes Wiki l\u00e4sst sich bequem durch Voranstellen des gew\u00fcnschten Themas vor die Adresse erstellen, bspw. der eigene Vorname: http:\/\/vor name.federated.wiki.<\/p>\n<p>18 | Sie bleiben aber grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, etwa indem private Wikis eingesetzt werden, deren Zugriff im Sinne eines \u00bbOpen Secret\u00ab eingeschr\u00e4nkt ist: Bei Kenntnis der Adresse kann ein \u00bbprivates Wiki\u00ab abgerufen werden, ansonsten verbleibt es unbekannt. Au\u00dferdem l\u00e4sst sich ein Verbundwiki auch ohne Internetzugriff einrichten.<\/p>\n<p>19 | Das entspricht der Strategie der Creative-Commons-Lizenzen.<\/p>\n<p>20 | Legt ein Unternehmen Inhalte Dritter auf einer Website hinter einer Firewall ab, gilt dies dort, wo das Copyright und nicht das Urheberrecht regiert, rechtlich gesehen als private Nut- zung und nicht als untersagte Kopie. W\u00e4hrend Creative-Commons-Lizenzen vorsehen, spezi- fische Nutzungen einzeln zu erlauben oder abzulehnen (z.B. die Nutzung zu kommerziellen Zwecken oder die Erstellung von abgeleiteten Werken \u2013 etwa \u00dcbersetzungen dieses Buches), kann im konventionellen Copyright nicht ohne Weiteres zwischen verschiedenen Anliegen von Nutzerinnen oder Nutzern differenziert werden. Mit der Peer Production License (PPL) soll solch eine Differenzierung m\u00f6glich werden. Sie ist ein Derivat der Creative-Commons-Li- zenzen, die ausschlie\u00dflich anderen Commoners und Nonprofit-Organisationen erlaubt, die Inhalte wieder zu nutzen und weiterzugeben, nicht jedoch gewinnorientierten Unterneh- men. Es sei denn, sie geben tats\u00e4chlich etwas in die Commons zur\u00fcck. Siehe https:\/\/wiki. p2pfoundation.net\/Peer_Production_License.<\/p>\n<p>21 | In fast allen L\u00e4ndern Lateinamerikas beruht die Eigentumsordnung im Grundsatz auf dem r\u00f6mischem Recht. Allerdings wurde dies meist so umgesetzt, dass kodifizierte (nieder- geschriebene) und nicht-kodifizierte Ans\u00e4tze aufgenommen wurden: das kanonische Recht(Eigentum, das von Gott kommt), das indigene Recht (im Eigentum des jeweiligen Monar- chen) das spanische Recht (Eigentum, das vom K\u00f6nig \u00bbabgeleitet\u00ab ist; die sogenannten Re- galien, aus denen sich noch heute das Eigentum der Nationalstaaten an dem begr\u00fcndet, was unter der Erde liegt). Siehe Jos\u00e9 Juan Gonz\u00e1lez: \u00bbCivil Law Treatment of the Subsurface in Latin American Countries\u00ab, in: The Law of Energy Underground: Understanding New Developments in Subsurface Production, Transmission and Storage, London, UK: Oxford University Press, 2014, S. 59-74. Jos\u00e9 Guadalupe Z\u00fa\u00f1iga Alegr\u00eda, Juan Antonio Castillo L\u00f3pez: Miner\u00eda y propiedad del suelo y del subsuelo en M\u00e9xico, in: Alegatos, Nr. 87, M\u00e9xico, Mai\/August 2014, http:\/\/132.248.9.34\/hevila\/Alegatos\/2014\/no87\/7.pdf.<\/p>\n<p>22 | Als der Code Napol\u00e9on verfasst wurde, erkl\u00e4rte Artikel 552, dass Eigent\u00fcmerschaft an Land auch das umfasste, was sich dar\u00fcber und darunter befand.<\/p>\n<p>23 | Wir konzentrieren uns hier auf die Beziehung zwischen individueller Kontrolle der eige- nen Seite und dem Recht Dritter, sie zu nutzen und Inhalte von ihr zu \u00fcbernehmen. Die Eigen- t\u00fcmerschaft an den Servern problematisieren wir nicht.<\/p>\n<p>24 | Zur Webseite: www.syndikat.org. Zudem gibt es einen empfehlenswerten Film von der Seeland Medienkooperative, abrufbar unter https:\/\/das-ist-unser-haus.de\/.<\/p>\n<p>25 | Stefan Rost: \u00bbDas Mietsh\u00e4user Syndikat\u00ab, in: Silke Helfrich und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung,Commons. F\u00fcr eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, a.a.O., S. 285-287, S. 285f. http:\/\/band1.dieweltdercommons.de\/essays\/stefan-rost-das-mietshauser-syndikat.<\/p>\n<p>26 | Interview mit Jochen Schmidt, am 15. Mai 2018.<\/p>\n<p>27 | Ebd.<\/p>\n<p>28 | Den Begriff der \u00bbKapitalneutralisierung\u00ab hat Matthias Neuling in den 1980er Jahren gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>29 | Die Kosten werden in dem Ma\u00dfe geringer, wie (Direkt-)Kredite und Darlehen abbezahlt werden.<\/p>\n<p>30 | Interview mit Jochen Schmidt, 15. Mai 2018.<\/p>\n<p>31 | https:\/\/www.syndikat.org\/de\/solidartransfer\/. Von 1992 bis 2002 haben alle Miete- rinnen und Mieter \u00e4lterer Syndikatsprojekte monatlich 25 Cent je Quadratmeter Nutzfl\u00e4che in den Solidarfonds eingezahlt. Seit 2002 entrichten Projekte, die den Hauskauf erfolgreich bew\u00e4ltigt haben, anfangs 10 Cent je Quadratmeter Nutzfl\u00e4che im Monat. Der Betrag steigt j\u00e4hrlich um 0,5 Prozent der Vorjahreskaltmiete. Sollte die Kostenmiete in einem Projekt 80 Prozent der orts\u00fcblichen Miete \u00fcbersteigen, kann die Erh\u00f6hung des Solidarbeitrags ausge- setzt werden.<\/p>\n<p>32 | Ebd.<\/p>\n<p>33 | Dan Lear: \u00bbHacking the Law\u00ab, American Bar Association, 24. Januar 2014.<\/p>\n<p>34 | Eric Raymond: The New Hacker\u2019s Dictionary, 3. Auflage, Cambridge, Massachusetts: MIT Press, 1996. Vgl. den Unterschied zwischen hacker und cracker in Chad Perrin: \u00bbhacker vs. cracker\u00ab, techrepublic, 17. April 2009, https:\/\/www.techrepublic.com\/blog\/it-security\/ hacker-vs-cracker.<\/p>\n<p>35 | Ein Blick auf die letzten Zeilen auf jeder aufgerufenen Wikipedia-Seite gen\u00fcgt, um sich davon zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>36 | Trebor Sholtz und Nathan Schneider (Hrsg.): Ours to Hack and to Own, OR Books, 2017. Siehe auch die Website der Platform Cooperative, https:\/\/platform.coop und die Website von Internet of Ownership, https:\/\/ioo.coop.<\/p>\n<p>37 | Trebor Scholz: \u00bbPlatform Cooperativism: Challenging the Sharing Economy\u00ab, Rosa-Lu- xemburg-Stiftung, New York Office, Januar 2016, www.rosalux-nyc.org\/wp-content\/files_ mf\/scholz_platformcoop_5.9.2016.pdf; siehe auch Trebor Scholz und Nathan Schneider:Ours to Hack and Own, New York: OR Books, 2017, https:\/\/www.orbooks.com\/catalog\/ours- to-hack-and-to-own.<\/p>\n<p>38 | https:\/\/biocultural.iied.org\/about-biocultural-heritage.<\/p>\n<p>39 | www.tkdl.res.in.<\/p>\n<p>40 | https:\/\/celdf.org\/.<\/p>\n<p>41 | Mehr zu den Entwicklungen auf dem Saatgutmarkt findet sich unter anderem im Kon- zernatlas \u2013 Daten und Fakten \u00fcber die Agrar- und Lebensmittelindustrie, sowie auf der in- formativen Website von Phil Howard, zur graphischen Darstellung der Entwicklungen zwi- schen 1996 \u2013 2018, siehe https:\/\/philhoward.net\/2018\/12\/31\/global-seed-industry-chan ges-since-2013\/.<\/p>\n<p>42 | Eine Manzana ist ein Fl\u00e4chenma\u00df in Mittelamerika, das f\u00fcr die Angabe von Grund- und Flurst\u00fccken verbindlich ist. In Guatemala bezeichnet 1 Manzana = 10.000 Quadrat-Varas (Quadrat-Ellen). Ein Hektar, also 10.000 Quadratmeter entsprechen 1,43 manzanas.<\/p>\n<p>43 | Schutzh\u00fcllen-Lizenzen, auch \u00bbAufrei\u00dfLizenz\u00ab genannt, sind genau wie EULAs (Endbe- nutzer-Lizenzvereinbarungen) einseitige Vertr\u00e4ge, die rechtlich gesehen als von der Nutzerin bzw. dem Nutzer akzeptiert gelten, wenn diese die Schutzh\u00fclle einer Softwareverpackung oder das Saatgutp\u00e4ckchen \u00f6ffnen oder auf einer Website die Softwarelizenz durch Anklicken akzeptieren.<\/p>\n<p>44 | Johannes Kotschi und Klaus Rapf: \u00bbLiberating Seeds with an Open Source Seed Licen- se\u00ab, AGRECOL, Juli 2016, www.agrecol.de\/files\/OSS_Licence_AGRECOL_eng.pdf.<\/p>\n<p>45 | Jack Kloppenburg: \u00bbRe-purposing The Master\u2019s Tools: The Open Source Seed Initiative and the Struggle for Seed Sovereignty\u00ab, Journal of Peasant Studies, 2014.<\/p>\n<p>46 | https:\/\/www.opensourceseeds.org.<\/p>\n<p>47 | http:\/\/osseeds.org.<\/p>\n<p>48 | Zum Begriff, vgl. Andreas Fischer-Lescano: Rechtskraft, Berlin: August Verlag, 2013.<\/p>\n<p>49 | Jack Kloppenburg: \u00bbEnacting the New Commons: the Global Progress, Promise and Possibilities of Open Source Seed\u00ab, \u00f6ffentliche Pr\u00e4sentation beim International Association for the Study of Commons Workshop, \u00bbConceptualizing the New Commons: The Examples of Knowledge Commons &amp; Seed and Variety Commons\u00ab, Oldenburg, 6.-8. Juni 2018.<\/p>\n<p>50 | Hiroyuki Kurokochi et al.: \u00bbLocal-Level Genetic Diversity and Structure of Matsutake Mushroom (Tricholoma matsutake) Populations in Nagano Prefecture, Japan, Revealed by 15 Microsatellite Markers\u00ab, J. Fungi (Basel), 2017, Juni, 3(2): 23, https:\/\/www.ncbi.nlm.nih. gov\/pmc\/articles\/PMC5715919.<\/p>\n<p>51 | Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt: \u00dcber das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Berlin: Matthes &amp; Seitz, 2018, S. 362.<\/p>\n<p>52 | Auch \u00bbganzheitliches Bieterverfahren\u00ab. Dies ist eine eigene \u00dcbersetzung und Inter- pretation, basierend auf der Reflexion des im Folgenden beschriebenen Arrangements. Die alternative Benennung \u00bbGanzes Versteigerungssystem\u00ab versus \u00bbPartielles Versteigerungs- system\u00ab w\u00fcrde den Unterschied nicht wiedergeben.<\/p>\n<p>53 | Haruo Saito und Gaku Mitsumata: \u00bbReviving Lucrative Matsutake Mushroom Harves- ting and Restoring the Commons in Contemporary Japan\u00ab, bei \u00bbGoverning Shared Resources: Connecting Local Experience to Global Challenges\u00ab, der Zw\u00f6lften Konferenz der International Association for the Study of Commons, Cheltenham, England, 14.-18. Juli 2008, https:\/\/ dlc.dlib.indiana.edu\/dlc\/bitstream\/handle\/10535\/1552\/Saito_155501.pdf?sequen ce=1&amp;isAllowed=y.<\/p>\n<p>54 | Ebd., S. 3.<\/p>\n<p>55 | Ebd., S. 14.<\/p>\n<p>56 | Ebd., S. 5.<\/p>\n<p>57 | Ebd., S. 14.<\/p>\n<p>58 | Solche Versteigerungssysteme gibt es auch in China. Die Anthropologin Tsing berichtet aus der chinesischen Provinz Yunnan, in den Bergen der Pr\u00e4fektur Chuxiong, wo Matsutake das wertvollste Waldprodukt ist. \u00bbIn der Region, die wir in Yunnan besucht haben, werden die aus den Auktionen erzielten Gelder an die einzelnen Haushalte verteilt und stellen dort einen bedeutenden Anteil der Bareink\u00fcnfte dar.\u00ab Tsing, a.a.O., S. 359.<\/p>\n<p>59 | Saito und Mitsumata, a.a.O.<\/p>\n<p>60 | Tsing, a.a.O., S. 363.<\/p>\n<p>61 | Ebd., S. 369.<\/p>\n<p>62 | Zu diesem Thema siehe Ulrich Steinvorth: Nat\u00fcrliche Eigentumsrechte, Gemeineigen- tum und geistiges Eigentum, in: Deutsche Zeitschrift f\u00fcr Philosophie, 52, 2004 (5), S. 717- 738.<\/p>\n<p>63 | Saito und Mitsumata, a.a.O., S. 16.<\/p>\n<p>64 | Ebd., S. 8.<\/p>\n<p>65 | Ebd., S. 10.<\/p>\n<p>66 | Diese Idee ist mit unserer Er\u00f6rterung in Kapitel 5 \u00fcber die Notwendigkeit, commons mit halbdurchl\u00e4ssigen membranen zu umgeben, verwandt (siehe S. xy).<\/p>\n<p>67 | Arbeitsgemeinschaft Unternehmen in Verantwortungseigentum, Armin Steuernagel, Dr. Till Wagner und Benjamin B\u00f6hm: Unternehmen in Verantwortungseigentum, Policy Brief, S. 3.<\/p>\n<p>68 | Ebd. S. 4.<\/p>\n<p>69 | Anatole France: Le Lys Rouge [Die rote Lilie], (1894), Kapitel 7.<\/p>\n<p>70 | Benedikt Andersson: Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines erfolgreichen Kon- zepts, Frankfurt a.M.\/New York: Campus, 1988, engl. 1983.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 9<\/em><\/h4>\n<p>1 | www.unoosa.org\/pdf\/gares\/ARES_34_68E.pdf.<\/p>\n<p>2 | Es kommt auch im \u00dcbereinkommen \u00fcber die biologische Vielfalt (Convention on Biologi- cal Diversity, CBD) zur Anwendung.<\/p>\n<p>3 | CNBC Transcript: CNBC Transcript: \u00bbUS Commerce Secretary Wilbur Ross Speaks with Joe Kernen and CNBC\u2019s \u00bbSquawk Box Today\u00ab, 23. Februar 2018, https:\/\/www.cnbc. com\/2018\/02\/22\/cnbc-transcript-u-s-commerce-secretary-wilbur-ross-speaks-with- joe-kernen-on-cnbcs-squawk-box-today.html. Siehe auch Wilbur Ross: \u00bbThe Moon Colony Will Be a Reality Sooner Than You Think, The New York Times, 24. Mai 2018, https:\/\/www. nytimes.com\/2018\/05\/24\/opinion\/that-moon-colony-will-be-a-reality-sooner-than-you- think.html.<\/p>\n<p>4 | Rich Hardy: \u00bbTrump, the Lunar Economy, and Who Owns the Moon\u00ab, New Atlas, 13. February 2017, https:\/\/newatlas.com\/who-owns-moon-trump-lunar-economy\/47897.<\/p>\n<p>5 | Prue Taylor: \u00bbCommon Heritage of Mankind Principle\u00ab, in: Klaus Bosselmann, Daniel S. Fogel und J.B. Ruhl (Hg.), Berkshire Encyclopedia of Sustainability: The Law and Politics of Sustainability, 2010, S. 64-69.<\/p>\n<p>6 | Im Jahr 2007 schlug die ecuadorianische Regierung vor, auf die H\u00e4lfte der erwarteten Einnahmen aus der F\u00f6rderung von 20 Prozent seiner \u00d6lvorkommen zu verzichten, etwa 3,6 Milliarden US-Dollar, wenn internationale Partner diesen Betrag zur Verf\u00fcgung stellen w\u00fcr- den, um Ecuador zu helfen, Entwicklungsstrategien ohne fossile Energietr\u00e4ger zu erkunden. Weiterf\u00fchrende Informationen in deutscher Sprache \u00fcber den Wikipedia Eintrag zu Yasu- ni ITT Initiative, https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yasun %C3 %AD-ITT-Initiative; zur Rolle der internationalen Gemeinschaft vgl. Juan Falconi Puig, \u00bbThe World Failed Ecuador in its Yasuni Initiative\u00ab, The Guardian, 19. September 2013, https:\/\/www.theguardian.com\/global-deve- lopment\/poverty-matters\/2013\/sep\/19\/world-failed-ecuador-yasuni-initiative.<\/p>\n<p>7 | Bob Jessop, zitiert in: David Bollier: \u00bbState Power and Commoning: Transcending a Pro- blematic Relationship\u00ab, Bericht \u00fcber einen von der Commons Strategies Group in Zusam- menarbeit mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung veranstalteten Workshop, 2016, http:\/\/commonss trategies.org\/state-power-commoning-transcending-problematic-relationship. Siehe auch Bob Jessop: State Power: A Strategic-Relational Approach, Cambridge: Polity Press, 2008, und ders.: The State: Past, Present, Future (Keyconcepts), Cambridge: Polity Press, 2015.<\/p>\n<p>8 | So wie sich die israelische Staatsf\u00fchrung auf die Grunds\u00e4tze des Judentums beruft, um ihre Politik zu rechtfertigen, st\u00e4rkt auch staatliche Macht die \u00c4u\u00dferungen und den Einfluss von religi\u00f6sen Institutionen und der Halacha (der Gesamtheit der j\u00fcdischen Gesetze, die aus der schriftlichen und m\u00fcndlich \u00fcberlieferten Tora abgeleitet sind).<\/p>\n<p>9 | Zur Einordnung vgl. Peter Lintl und Stefan Wolfrum: Israels Nationalstaatsgesetz, SWP-aktuell, Nr. 50, September 2018, https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/ products\/aktuell\/2018A50_ltl_wlf.pdf.<\/p>\n<p>10 | Hannah Arendt: \u00bbNationalstaat und Demokratie\u00ab, Ausf\u00fchrungen in einer Diskussion mit dem Politikwissenschaftler und Publizisten Eugen Kogon zum Thema \u00bbNationalismus \u2013 ein Element der Demokratie?\u00ab, www.hannaharendt.net\/index.php\/han\/article\/view\/94\/154, 1963.<\/p>\n<p>11 | Ramon Roca: \u00bbLandline Networks and the Commons\u00ab, Video vom Workshop des Euro- p\u00e4ischen Parlaments zu gemeinschaftsbasierten Netzwerken und der Regulierung der Tele- kommunikation vom 17. Oktober 2017, https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Cu88NnigBU.<\/p>\n<p>12 | Geoff Mulgan: \u00bbGovernment With the People: The Outlines of a Relational State\u00ab, in:The Relational State: How Recognising the Importance of Human Relationships Could Revolutionise the Role of the State, London: Institute for Public Policy Research, 2012.<\/p>\n<p>13 | Engl: strategic relational approach to state power.<\/p>\n<p>14 | Graeme Cooke und Rick Muir (Hrsg.): The Relational State: How Recognizing the Im- portance of Human Relationships Could Revolutionzie the Role of the State, London, UK: Institute for Public Policy Research, November 2012, https:\/\/www.ippr.org\/files\/images\/ media\/files\/publication\/2012\/11\/relational-state_Nov2012_9888.pdf?noredirect=1. Das kurze Statement von Jovell ist auf S. 61.<\/p>\n<p>15 | Ivan Illich: Fortschrittsmythen. Sch\u00f6pferische Arbeitslosigkeit. Energie und Gerechtig- keit. Wider die Verschulung, Reinbek: Rowohlt, 1978, S. 15.<\/p>\n<p>16 | Siehe z.B. Ivan Illich: Die Enteignung der Gesundheit, Reinbek: Rowohlt, 1975, engl. 1975; Entschulung der Gesellschaft, M\u00fcnchen: K\u00f6sel, 1972, engl. 1971; Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, Reinbek: Rowohlt, 1975, engl. 1973. Zum Gegenbegriff der Daseinsm\u00e4chtigkeit auch Marianne Gronemeyer: Die Macht der Bed\u00fcrfnisse \u00dcberfluss und Knappheit, Darmstadt: WBG, 2002.<\/p>\n<p>17 | Marc Stears: \u00bbThe Case for a State that Supports Relationships, not a Relational State\u00ab, in: Cooke und Muir (Hrsg.), The Relational State, a.a.O.<\/p>\n<p>18 | Peer to Peer Foundation: \u00bbCommons Transition Primer\u00ab, 2017, https:\/\/primer.com- monstransition.org\/archives\/glossary\/peak-hierarchy.<\/p>\n<p>19 | James C. Scott: Against the Grain: A Deep History of the Earliest States, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 2017, besonders Seiten 93-115, 150-182 sowie 232.<\/p>\n<p>20 | Der Leviathan (1651) wurde von Thomas Hobbes w\u00e4hrend des Englischen B\u00fcrgerkriegs verfasst. Hobbes reflektiert in diesem Buch \u00fcber die Struktur der Gesellschaft und einer le- gitimen Regierung. Er pl\u00e4diert f\u00fcr einen Gesellschaftsvertrag und die Herrschaft durch einen absoluten Souver\u00e4n. Leviathan gilt als eines der einflussreichsten B\u00fccher f\u00fcr die Theorie eines Gesellschaftsvertrags.<\/p>\n<p>21 | James C. Scott: Seeing Like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 1998, S. 81-82.<\/p>\n<p>22 | Vgl. den Titel von Scotts Buch.<\/p>\n<p>23 | Marc Stears, a.a.O., S. 39.<\/p>\n<p>24 | Siehe z.B. Benjamin Barber: If Mayors Ruled the World: Dysfunctional Nations, Rising Cities, New Haven, Conneticut: Yale University Press, 2014, und Barbers TEDxGlobal Talk aus dem Jahr 2013, www.smart-csos.org\/images\/Documents\/Systemic-Activism-in-a-Po larised-World.pdf.<\/p>\n<p>25 | Symbiosis Research Collective, \u00bbHow Radical Municipalism Can Go Beyond the Local\u00ab,The Ecologist, 8. Juni 2018, https:\/\/theecologist.org\/2018\/jun\/08\/how-radical-municipa- lism-can-go-beyond-local.<\/p>\n<p>26 | Murray Bookchin: \u00bbLibertarian Municipalism: An Overview\u00ab, Green Perspectives, Nr. 24, Burlington, Vermont, Oktober 1991, http:\/\/dwardmac.pitzer.edu\/Anarchist_Archives\/book chin\/gp\/perspectives24.html.<\/p>\n<p>27 | Vgl. zum Beispiel: Christoph Brunner, Niki Kubaczek, Kelly Mulvaney, Gerald Runig et al. (Hrsg.): Die neuen Munizipalismen: Soziale Bewegung und die Regierung der St\u00e4dte, transversals texts, 2017.<\/p>\n<p>28 | Der Begriff SLOC \u2013 \u00bbsmall and local, but open and connected\u00ab \u2013 wurde vom italieni- schen Designer Ezio Manzini gepr\u00e4gt. Weitere Erl\u00e4uterungen in englischer Sprache finden sich auf der Webseite der P2P Foundation: https:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/Small,_Local,_ Open_and_Connected_As_Way_of_the_Future.<\/p>\n<p>29 | Ebd.<\/p>\n<p>30 | Vgl.: https:\/\/walbei.wordpress.com\/2015\/06\/15\/was-bleibt-vier-jahre-nach-der-pro testbewegung-15-m-in-spanien\/.<\/p>\n<p>31 | Vgl. Nikolai Huke: Politik der ersten Person. Chancen und Risiken am Beispiel der Bewe- gung 15-M in Spanien, in: Sozial.Geschichte Online, Heft 21, 2017, S. 226, https:\/\/duepubli- co.uni-duisburg-essen.de\/servlets\/DerivateServlet\/Derivate-44168\/10_Huke_Politik.pdf<\/p>\n<p>32 | David Bollier: \u00bbState Power and Commoning: Transcending a Problematic Relation- ship\u00ab, Workshop-Bericht, Commons Strategies Group und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, 2016, http:\/\/commonsstrategies.org\/state-power-commoning-transcending-problematic-relationship.<\/p>\n<p>33 | Simon Sutterl\u00fcttiund Stefan Meretz: Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, \u00fcber Uto- pie und Transformation neu nachzudenken, Hamburg: VSA Verlag, 2018, S. 76.<\/p>\n<p>34 | Ebd., S. 80.<\/p>\n<p>35 | Joachim Hirsch: Radikaler Reformismus, in: Ulrich Brand, Bettina L\u00f6sch, Benjamin Opratko, Stefan Thimmel (Hrsg.), ABC der Alternativen 2.0, Hamburg: VSA Verlag, 2012, S. 182-183.<\/p>\n<p>36 | Murray Bookchin: \u00bbLibertarian Municipalism: An Overview\u00ab, Epigramm zu Beginn.<\/p>\n<p>37 | Vgl. Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine. Geschichten einer scheiternden Zivilisation, Wien: Promedia Verlag, 2015.<\/p>\n<p>38 | J.K. Gibson-Graham: The End of Capitalism (As We Knew It): A Feminist Critique of Poli- tical Economy, Minneapolis, MN: University of Minnesota Press, 1996\/2006, S. xvi.<\/p>\n<p>39 | Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom t\u00e4tigen Leben, M\u00fcnchen: Piper Taschenbuch, 6. Auflage, 2007, S. 251.<\/p>\n<p>40 | Jose Luis Vivero Pol: \u00bbTransition Towards a Food Commons Regime: Re-commoning Food to Crowd-feed the World\u00ab, Kapitel 9 in Guido Ruivenkamp und Andy Hilton (Hrsg.): Perspectives on Commoning: Autonomist Principles and Practices, London: Zed Books, 2017, https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/316877384_Transition_towards_a_Food_Commons_ Regime_Re-commoning_Food_to_Crowd-feed_the_World.<\/p>\n<p>41 | Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende, a.a.O., S. 118.<\/p>\n<p>42 | James C. Scott untersucht Zomia, eine Region im Hochland von f\u00fcnf s\u00fcdostasiatischen L\u00e4ndern gelegen: Vietnam, Laos, Thailand, Myanmar und China. Sie gilt als \u00bbdie gr\u00f6\u00dfte ver- bleibende Region der Welt, deren V\u00f6lker noch nicht vollst\u00e4ndig in Nationalstaaten eingeglie- dert worden sind\u00ab, S. ix in: The Art of Not Being Governed: An Anarchist History of Upland Southeast Asia, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 2009.<\/p>\n<p>43 | Etwa das Recht auf Zivilgerichtsbarkeit, die Milit\u00e4rgewalt und das Recht, mit den \u00bbUn- gl\u00e4ubigen\u00ab in Indien Krieg zu f\u00fchren und Frieden zu schlie\u00dfen; das Recht, Festungen zu bau- en, Truppen auszuheben und M\u00fcnzen zu schlagen.<\/p>\n<p>44 | James C. Scott: Against the Grain: A Deep History of the Earliest States, New Haven, Connecticut: Yale University Press, 2017.<\/p>\n<p>45 | David Graeber: B\u00fcrokratie: Die Utopie der Regeln, Stuttgart: Klett-Cotta, 2016.<\/p>\n<p>46 | Die Distributed-Ledger-Technik verk\u00f6rpert aber heute auch verschiedene Formen so- zialer und politischer Kontrolle \u00fcber die daraus entstehenden Anwendungen, etwa bei digi- talen W\u00e4hrungen; Beispiele: Holochain (siehe Kapitel 10), Ethereum und Fairchain (https:\/\/ fair-coin.org\/en\/fairchains).<\/p>\n<p>47 | Interview mit Peter Kolbe, Gr\u00fcnder und Vorstand der Stiftung Klimaschutz+, am 9.September 2017.<\/p>\n<p>48 | Mehr Informationen \u00fcber dieses bemerkenswerte Energie-Commons unter: https:\/\/ www.klimaschutzplus.org, zu Solidarstrom Bremen: In Kooperation mit den Stromrebellen der Elektrizit\u00e4tswerke Sch\u00f6nau versorgt der Bremer SolidarStrom alle Freundinnen und Freunde der Energiewende mit 100 Prozent \u00d6kostrom. Ein Anteil des Strompreises, der Son- nencent, flie\u00dft in den Solidarfonds. Dieser investiert in neue Solaranlagen und Energie-Effi- zienz-Projekte in Bremen und Umgebung. Alle Ertr\u00e4ge der Solaranlagen und der Energie-Ef- fizienz-Projekte flie\u00dfen zudem in gemeinn\u00fctzige Projekte zum Aufbau einer Solidarischen \u00d6konomie. An welche Projekte die Ertr\u00e4ge gehen, entscheiden alle Beteiligten, also auch alle Kundinnen und Kunden in einer j\u00e4hrlichen Abstimmung. Auf diese Weise entfaltet der Son- nencent eine \u00fcberregionale Wirkung. Mit Klimaschutz+ wurden bereits Projekte im Senegal, in Kenia, Tansania und anderswo unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>49 | Oberfl\u00e4chlich betrachtet, bilden Zeitbanken die Marktlogik nach (1:1 Tausch), aber in der Praxis nutzen Menschen Zeitbanken weniger als W\u00e4hrung f\u00fcr Transaktionen und mehr als Instrument, um Nachbarn zu helfen und die Gemeinschaft zu st\u00e4rken; sie \u00fcben sanfte gegen-seitigkeit aus.<\/p>\n<p>50 | Michaela Haas: \u00bbDas Wunder von Geel\u00ab, in: S\u00fcddeutsche Magazin, 25. Dezember 2018, \u00bbIn einer belgischen Kleinstadt wird psychisch Kranken auf weltweit einzigartige Weise ge- holfen. Und das seit 700 Jahren, https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/die-loesung-fuer- alles\/das-wunder-von-geel-86565<\/p>\n<p>51 | Vgl.: https:\/\/www.kingofthemeadows.eu\/about-kening-fan-e-greide<\/p>\n<p>52 | David Bollier: \u00bbNew Film Documentary, \u203aSeeing the Forest\u2039,\u00ab Bollier.org, 5. Mai 2015, www. bollier.org\/blog\/new-film-documentary-%E2%80%9Cseeing-forest%E2%80%9D.<\/p>\n<p>53 | David Bollier: \u00bbI Am the River, and the River is Me\u00ab, Bollier.org, 29. Juni 2017, www. bollier.org\/blog\/i-am-river-and-river-me.<\/p>\n<p>54 | Das im August 2014 unterzeichnete Te Awa Tupua-Gesetz: https:\/\/www.parliament.nz\/ en\/pb\/bills-and-laws\/bills-proposed-laws\/document\/00DBHOH_BILL68939_1\/te-awa- tupua-whanganui-river-claims-settlement-bill. Siehe auch David Bollier: \u00bbDer Kartoffelpark in Peru\u00ab, in: Silke Helfrich, David Bollier und Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, a.a.O., S. 119-123, https:\/\/www.transcript-verlag. de\/978-3-8376-3245-3\/die-welt-der-commons\/.<\/p>\n<p>55 | Bei Infrastrukturen, die von Commoners geschaffen und bewirtschaftet werden, ist \u00bbOffenheit\u00ab weniger entscheidend als die F\u00e4higkeit von Commoners, ihre Infrastrukturen in- stand zu halten und gegen Vandalismus, Trittbrettfahrerei sowie Vereinnahmung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>56 | U.S Department of Health and Human Services, National Institutes of Health Public Access Policy, https:\/\/publicaccess.nih.gov.<\/p>\n<p>57 | Open Commons Linz, http:\/\/opencommons.linz.at und www.cityofmediaarts.at\/topic\/ open-commons_linz.<\/p>\n<p>58 | Wikipedia-Eintrag \u00bbFreifunk\u00ab, https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freifunk.<\/p>\n<p>59 | Im Jahr 2013 hat das Institute for Social Banking, ein Zusammenschluss europ\u00e4ischer sozial-ethischer Banken, ein \u00bbLebendiges Manifest f\u00fcr Soziales Banking und Commons\u00ab er- arbeitet: A Living Manifesto for Social Banking and the Commons, https:\/\/www.social-ban king.org\/fileadmin\/isb\/Summer_School_2013\/A_Living_Manifesto_for_Social_Ban king_and_the_Commons-1.pdf).<\/p>\n<p>60 | Mehr dazu auf: http:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/P2P_Lending.<\/p>\n<p>61 | Diese Rechte sind nicht nur von der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte (Artikel 22 bis 28) abgedeckt, sondern auch vom Internationalen Pakt \u00fcber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der 1966 zusammen mit dem Internationalen Pakt \u00fcber b\u00fcrgerliche und politische Rechte als Teil der Internationalen Charta der Menschenrechte verabschiedet wurde.<\/p>\n<p>62 | Diese dritte Generation der Menschenrechte ist, wenngleich schwierig durchzusetzen, f\u00fcr Commons in hohem Ma\u00dfe relevant, da sie Gemeinschafts- und Kollektivrechte, Rechte auf Selbstbestimmung und Kommunikationsrechte enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>63 | Indem moderne Nationalstaaten sich die Rechtstradition der Magna Charta zu eigen machen, tun sie dies auch nominell f\u00fcr die Carta Foresta (Waldcharta), die die Nutzungs- rechte von Commoners an W\u00e4ldern, Weiden, Wild und anderen f\u00fcr sie lebensnotwendigen Elementen der Natur garantierte. Die Carta Foresta wurde 1217, zwei Jahre nach der Magna Charta, ratifiziert und in sie integriert, was zur Folge hatte, dass sie an Sichtbarkeit und sp\u00e4ter auch an Bedeutung verlor.<\/p>\n<p>64 | Allgemein zu Commons im l\u00e4ndlichen Indien, vgl.: http:\/\/fes.org.in\/commons\/.<\/p>\n<h4><em>Kapitel 10<\/em><\/h4>\n<p>1 | Vorverteilung (engl. predistribution) beschreibt die Idee, dass Ungleichheiten zu ver- hindern sind, bevor sie \u00fcberhaupt auftreten, anstatt sie durch traditionelle Steuer- und Ausgabeinstrumente zu bek\u00e4mpfen; vgl. Patrick Diamond: Policy Network: Die Idee der Pre- distribution, 2016: https:\/\/www.fes.de\/mehrgleichheit\/gleichheit16-blog\/beitrag-lesen\/ die-idee-der-predistribution\/.<\/p>\n<p>2 | In der Regel \u00bbGrundeinkommen\u00ab genannt. Die Psychologin, Publizistin und Kuratorin Ad- rienne G\u00f6hler nutzt den Begriff Grundauskommen und weist damit darauf hin, worum es im Kern geht: um ein Einkommen zum Auskommen und die Erm\u00f6glichung eines entschleunigten, angstfreieren Lebens.<\/p>\n<p>3 | Vgl. die Petition der Couchsurfing-Community aus dem Jahr 2011 gegen die neue Rechtsform, https:\/\/www.change.org\/p\/petition-against-the-new-legal-status-of-couch- surfing sowie Christian Fuchs: Soziale Medien und Kritische Theorie, UTB: Stuttgart, 2018, S. 233-234.<\/p>\n<p>4 | Modularit\u00e4t bedeutet, dass Dinge so hergestellt werden, dass ihre Einzelkomponenten einfach ausgetauscht und auch zu anderen Zwecken \u2013 in andere Produkte \u2013 eingesetzt wer- den k\u00f6nnen. Das gilt f\u00fcr die Bauteile von Wiki-H\u00e4usern genauso wie f\u00fcr Komponenten, aus denen gr\u00f6\u00dfere Maschinen bestehen.<\/p>\n<p>5 | https:\/\/wikihouse.cc\/about and https:\/\/medium.com\/wikihouse-stories\/wikihouse-de sign-principles-47a49aec936d.<\/p>\n<p>6 | https:\/\/permacultureprinciples.com\/principles.<\/p>\n<p>7 | https:\/\/terredeliens.org.<\/p>\n<p>8 | James Quilligan: People Sharing Resources | Toward a New Multilateralism of the Global Commons, in: Kosmos, Herbst\/Winter 2009, www.kosmosjournal.org\/kjo2\/bm~doc\/peop le-sharing-resources.pdf.<\/p>\n<p>9 | Abgeleitet von lateinisch opus (Arbeit) und inter (zwischen), bezeichnet der Begriff die F\u00e4higkeit zur Zusammenarbeit von verschiedenen Systemen, Techniken oder Organisatio- nen, wof\u00fcr die Einhaltung gemeinsamer Standards notwendig ist. Das gilt auch f\u00fcr unab- h\u00e4ngige, heterogene Systeme, die m\u00f6glichst nahtlos zusammenarbeiten sollen, um Informa- tionen auszutauschen oder verf\u00fcgbar zu machen, ohne dass dazu gesonderte Absprachen zwischen den Systemen notwendig sind.<\/p>\n<p>10 | https:\/\/blog.p2pfoundation.net\/a-charter-for-how-to-build-effective-data-and-map- ping-commons\/2017\/04\/20.<\/p>\n<p>11 | Etwa eingetragene Vereine (e.V.) im Unterschied zu nicht eingetragenen Vereinen (n.e.V.).<\/p>\n<p>12 | http:\/\/globalcommonstrust.org\/?page_id=20.<\/p>\n<p>13 | https:\/\/www.transition-initiativen.org\/unsere-philosophie-transition-charta.<\/p>\n<p>14 | Isabel Carlisle: \u00bbCommunity Charters\u00ab, Stir magazine, Nr. 9, Fr\u00fchjahr 2015, S. 21-23.<\/p>\n<p>15 | Falkirk Community Charter, https:\/\/faug.org.uk\/community_charter.pdf. Siehe auch www.faug.org.uk\/campaign\/community-charter.<\/p>\n<p>16 | Weitere Informationen \u00fcber Barcelona en Com\u00fa, http:\/\/wiki.p2pfoundation.net\/Bar- celona_en_Com %C3 %BA. Ethikkodex: https:\/\/barcelonaencomu.cat\/sites\/default\/files\/ pdf\/codi-etic-eng.pdf. Schockplan: https:\/\/barcelonaencomu.cat\/sites\/default\/files\/pla- xoc_eng.pdf.<\/p>\n<p>17 | Ebd.<\/p>\n<p>18 | Tim Wu: Der Master Switch: Aufstieg und Niedergang der Informationsimperien, mitp Business: Frechen, 2012.<\/p>\n<p>19 | Fernsehkritiker und ehemaliger Pr\u00e4sident von CBS News, Fred Friendly, zitiert in Tim Wu, ebd., S. 221.<\/p>\n<p>20 | Es gab Angriffe, Diebst\u00e4hle, einzelne Problem, Forks und auch Sicherheitsl\u00fccken, die von den Bitcoin-Entwicklern schnell geschlossen wurden, aber keine F\u00e4lschungen von Bit- coin selbst.<\/p>\n<p>21 | Primavera de Filippi: \u00bbBlockchain Technology Toward a Decentralized Governance of Digital Platforms?\u00ab in: Anna Grear und David Bollier, The Great Awakening, Punctum Books: New York City, 2019.<\/p>\n<p>22 | https:\/\/kryptophren.de\/holochain-hot\/.<\/p>\n<p>23 | Wir erinnern uns: Bei einer Blockchain beinhaltet jeder einzelne Knoten (engl. node) im Netzwerk den gleichen Zustand des Netzwerkes, authentifiziert also jeweils dieselbe Trans- aktion und die darin enthaltenen Informationen. Deswegen ist dieses System mit einem glo- balen Netzwerk oder einem globalen Computer vergleichbar. In diesem \u00bbeinen Computer\u00ab muss zum Beispiel jeder einzelne Bitcoin-Node die Transaktionen von jedem anderen Teil- nehmer im Netzwerk validieren und synchronisieren. Daraus resultiert, dass die Transaktionen pro Sekunde (TPS) begrenzt sind. Die Blockchain hat deshalb mit Skalierungsproblemen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>24 | Dieser Unterschied zwischen Holochain und der klassischen Blockchain erinnert an den Unterschied zwischen dem Federated Wiki (vgl. Kapitel 8) und dem klassischen Wiki, das wir aus der Wikipedia kennen. Mehr Infos unter: https:\/\/www.reddit.com\/r\/holochain\/ comments\/9fsiob\/holochain_explained_simply_vs_blockchain\/.<\/p>\n<p>25 | Und eben dies k\u00f6nnte das Authentifizierungsproblem von Federated Wiki l\u00f6sen.<\/p>\n<p>26 | Spezielle Ger\u00e4te, Holo Ports, machen es einfacher, Computer-Hosting-Kapazit\u00e4ten an Anwendende zu vermieten und so Holo Fuel einzunehmen.<\/p>\n<p>27 | https:\/\/www.solarcommons.org\/.<\/p>\n<p>28 | Trent Lapinski: \u00bbWTF is Holochain: The Revolution Will Be Distributed\u00ab, Hackernoon, 4. April 2018, https:\/\/hackernoon.com\/wtf-is-holochain-35f9dd8e5908.<\/p>\n<p>29 | http:\/\/metacurrency.org\/about.<\/p>\n<p>30 | Alle Zitate aus unserem Interview mit Eric Harris-Braun vom 30. Oktober 2018.<\/p>\n<p>31 | Im Gegensatz zum \u00fcblichen \u00bbInitial Coin Offering\u00ab (ICO).<\/p>\n<p>32 | Englisch: Public Private Partnerships (PPP).<\/p>\n<p>33 | In Deutschland zum Beispiel die Justizvollzugsanstalt H\u00fcnfeld.<\/p>\n<p>34 | Die meisten \u00d6PP-Projekte werden in Gro\u00dfbritannien realisiert, so das 2002 begonne- ne Projekt zu Sanierung und Betrieb der Londoner U-Bahn. Die Stadt sollte innerhalb von 30 Jahren insgesamt 45 Mrd. Euro an Mieten zahlen. Die \u00bbprivaten Partner\u00ab gingen jedoch bereits nach f\u00fcnf Jahren in die Insolvenz. London musste die Verpflichtungen der Investoren \u00fcbernehmen und in Eigenregie von vorn beginnen, Vgl. Werner R\u00fcgemer: \u00bbHeuschrecken\u00abim \u00f6ffentlichen Raum. Public Private Partnership \u2013 Anatomie eines globalen Finanzinstru- ments, Bielefeld 2012, S. 29ff.<\/p>\n<p>35 | Organisationen wie Gemeingut in B\u00fcrgerhand (GIB) in Deutschland, https:\/\/www.ge- meingut.org, We Own It (Gro\u00dfbritannien), https:\/\/weownit.org.uk oder Public Interest (USA), https:\/\/www.inthepublicinterest.org, haben diese Probleme ausf\u00fchrlich dokumentiert.<\/p>\n<p>36 | Vgl. die Liste der St\u00e4dte in der Wikipedia: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_ deutschen_St %C3 %A4dte_mit_einer_Berufsfeuerwehr.<\/p>\n<p>37 | Es gibt insgesamt circa 31.000 Berufsfeuerwehrleute; inklusive der Feuerwehrjugend hat die Freiwillige Feuerwehr demgegen\u00fcber mehr als 1,3 Millionen Mitglieder.<\/p>\n<p>38 | www.lexsoft.de\/cgi-bin\/lexsoft\/justizportal_nrw.cgi?xid=173762,1.<\/p>\n<p>39 | Sie k\u00f6nnen sich jetzt fragen: Bin ich schon Commoner oder noch Freiwillige\/r?.<\/p>\n<p>40 | Vgl.: https:\/\/labgov.city\/co-city-protocol.<\/p>\n<p>41 | Im Englischen: collective governance, enabling state, pooling economies, experimentalism, and technological justice.<\/p>\n<p>42 | Michel Bauwens und Yurek Onzia: \u00bbCommons Transitie Plan voor de stad Gent\u00ab, Com- mons Transition, Juni 2017, https:\/\/cdn8-blog.p2pfoundation.net\/wp-content\/uploads\/ Commons-transitieplan.pdf.<\/p>\n<p>43 | Soma K P und Richa Audichya: \u00bbUnsere Art zu wissen. Frauen sch\u00fctzen Commons in Rajasthan\u00ab, in: Silke Helfrich et al.: Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns,a.a.O., S. 107-113.<\/p>\n<p>44 | DNDi Webseite, http:\/\/dndi.org.<\/p>\n<p>45 | Spring Gombe-G\u00f6tz: Globale Konsequenzen kommerzieller Arzneipolitik, Contribution to Hearing of Die Linke, Deutsche Bundestag, 28. Juni 2017.<\/p>\n<p>46 | Weitere Angaben auf: https:\/\/www.dndi.org\/about-dndi\/business-model.<\/p>\n<p>47 | \u00bb$1 f\u00fcr 1 Leben\u00ab, Dokumentarfilm von (2010) von Fr\u00e9d\u00e9ric Laffont, https:\/\/www.you tube.com\/watch?time_continue=565&amp;v=aSU4y-DFwt8.<\/p>\n<p>48 | Vgl. dazu Christine Godt mit Unterst\u00fctzung von Tina Marschall: Equitable Licencing.<\/p>\n<p>Lizenzpolitik und Vertragsbausteine, hrsg. von Med4all, 2010.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anhang<\/strong><\/p>\n<p>1 | Eine detaillierte Darstellung samt einer ontologischen Begr\u00fcndung findet sich in: Silke Helfrich: Lebensform Commons. Eine musterbasierte und ontologisch begr\u00fcndete Bestimmung, Masterarbeit, Cusanus Hochschule, Institut f\u00fcr \u00d6konomie, 2018.<\/p>\n<p>2 | Christopher Alexander: The Nature of Order, Book 1-4, The Phenomenon of Life, London: Routledge, 2001-2005.<\/p>\n<p>3 | Siehedortinsbesondere:HelmutLeitner:MitMusternarbeiten.EineEinf\u00fchrung,https:\/\/ www.band2.dieweltdercommons.de\/essays\/mit_mustern_arbeiten.html.<\/p>\n<p>4 | Anders ausgedr\u00fcckt: Das Vorgehen muss den in Kapitel zwei formulierten Einsichten angemessen sein und zudem den sogenannten \u00bbmethodologischen Individualismus\u00ab \u00fcber- winden.<\/p>\n<p>5 | Michael Polanyi: Implizites Wissen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1985; Peter Finke: Citizen Science. Das untersch\u00e4tzte Wissen der Laien, M\u00fcnchen: oekom, 2014.<\/p>\n<p>6 | Ein Muster des Commoning kann ein sogenanntes Antimuster des kapitalistischen Wirt- schaftens sein.<\/p>\n<p>7 | In der schematischen Darstellung des Erkenntnisprozesses (s.u.) habe ich den Moment des Versprachlichens als ein \u00bbErfassen und Abstrahieren\u00ab bezeichnet (Erfassen im Sinne Alfred N. Whiteheads).<\/p>\n<p>8 | Neben uns als Autoren noch die Beteiligten an Musterworkshops, Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, Testleserinnen und Testleser.<\/p>\n<p>9 | Es gab keine hypothetischen Fragen wie: Was solltet Ihr tun? Was w\u00fcrdet Ihr tun, wenn&#8230;<\/p>\n<p>10 | Ausnahmen wie: \u00bbHabt Ihr Rituale?\u00ab wurden umgehend pr\u00e4zisiert: \u00bbWelche? Bitte be- schreibe sie.\u00ab<\/p>\n<p>11 | Spezifische Muster sind konkreter, sie sind in den generischen enthalten. Ein Muster kann beides zugleich sein. Zur Veranschaulichung mag diese Wortfolge dienen: | Nadel \u2192Zweig \u2192 Baum \u2192 Wald | Der Zweig ist in Bezug zum Baum spezifisch und im Bezug zur Nadelallgemein. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Mustern.<\/p>\n<p>12 | Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein, Max Jacobson, Ingrid Fiks- fahl-King und Shlomo Angel: Eine Muster-Sprache. St\u00e4dte, Geb\u00e4ude, Konstruktion, Wien: L\u00f6cker (1995, engl: 1977), S. XIV.[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Register&#8220; tab_id=&#8220;register_de&#8220;][vc_column_text]<\/p>\n<h3>Register<\/h3>\n<h4>Commons und Commons-Instrumente, die in diesem Buch beschrieben oder erw\u00e4hnt werden (Instrumente ohne L\u00e4nderangaben)<\/h4>\n<p><strong>Acequias (Mexiko, S\u00fcdwesten der USA)<\/strong>: Traditionelle Bew\u00e4sserungssysteme, S. 170.<br \/>\n<strong>Artabana (Schweiz, Deutschland, \u00d6sterreich, Australien)<\/strong>: Verbund, in dem Tausende Menschen ihre Gesundheitsf\u00fcrsorge gemeinschaftsbasiert verantworten, und eine Art Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaft wegen des Zusammenspiels mit staatlichen Sozialversicherungssystemen, S.151.<br \/>\n<strong>Atelier Paysan (Frankreich)<\/strong>: 2009 gegr\u00fcndetes Open-Hardware-Design-Lab f\u00fcr landwirtschaftliche Ger\u00e4te. Bringt Ingenieure, Handwerker, B\u00e4uerinnen und Bauern und andere zusammen, um konviviale Werkzeuge f\u00fcr die Landwirtschaft herzustellen, S. 172.<br \/>\n<strong>Bangla Pesa (Kenia)<\/strong>: Geh\u00f6rt wie der Lida Pesa zum Sarafu-Kreditsystem, das den Mitgliedern erm\u00f6glicht, jene Leistungen und Verm\u00f6genswerte in Umlauf zu bringen, die im eigenen Wohnviertel erbracht werden und dabei zu verhindern, dass sie nach au\u00dfen abflie\u00dfen, S. 152.<br \/>\n<strong>Bedingungsloses Grundeinkommen (international, Deutschland, Namibia)<\/strong>: Konzept, nach dem grunds\u00e4tzlich alle eine finanzielle Zuwendung erhalten sollen, damit sie ein w\u00fcrdiges und selbstbestimmtes Auskommen haben, ohne dass daf\u00fcr eine Gegenleistung vorausgesetzt wird. Oft wird Grundeinkommen ausschlie\u00dflich mit einer Finanztransferleistung in Verbindung gebracht, die der Staat vollst\u00e4ndig finanziert und kontrolliert. Doch Inspiration f\u00fcr commons-basiertes Bedingungsloses Grundeinkommen gibt es, etwa bei Mein Grundeinkommen oder im weltweit ersten Grundeinkommensprojekt in Namibia, S. 102\/153.<br \/>\n<strong>Bremer Solidarstrom (Deutschland)<\/strong>: Siehe Klimaschutz+.<br \/>\n<strong>Buurtzorg (Niederlande und international)<\/strong>: Organisation zur h\u00e4uslichen Altenpflege, die mit unabh\u00e4ngigen Pflegeteams qualitativ hochwertige Pflege leistet nach dem Motto: \u00bbMenschlichkeit vor B\u00fcrokratie\u00ab. Buurtzorg bedeutet \u00bbNachbarschaftsbetreuung\u00ab, S. 23 (siehe auch Care4me).<br \/>\n<strong>Care4me (Deutschland)<\/strong>: Ambulanter Pflegedienst auf Augenh\u00f6he nach dem Modell von Buurtzorg, S. 24.<br \/>\n<strong>Cecosesola (Venezuela)<\/strong>: Ein \u00bbOmni-commons\u00ab im Bundesstaat Lara, das f\u00fcr Abertausende Menschen eine wichtige Rolle spielt und sich um Lebensmittel, Gesundheitsf\u00fcrsorge, Transport, Beerdigungen und mehr k\u00fcmmert. Kern ist die Kultur des Gemeinsamen und die damit einhergehende pers\u00f6nliche Transformation, S. 176.<br \/>\n<strong>CoBudget<\/strong>: Von Enspiral entwickelte Software, die es einfach macht, individuelle Projekte und Aktivit\u00e4ten vorzuschlagen und bei hohem Selbstbestimmungsgrad gemeinsam \u00fcber die Mittelzuweisungen aus einem Gesamtbudget zu entscheiden, S. 123.<br \/>\n<strong>Commons-Chartas<\/strong>: Was die Verfassung f\u00fcr Nationalstaaten ist, ist eine Charta f\u00fcr Commons. Chartas dienen der Konstituierung von Commons und der Dokumentation ihres \u00bbGeistes\u00ab, S. 295. \u25ba Beispiel: Falkirk Community Charter, Data Commons for a Free, Fair and Sustainable World (Charta f\u00fcr den Aufbau eines Datencommons), S. 297.<br \/>\n<strong>Commons-\u00d6ffentliche Partnerschaften<\/strong>: Das Gegenst\u00fcck zu \u00d6PPs, den \u00d6ffentlich-Private-Partnerschaften, S. 73\/306.<br \/>\n<strong>Community Supported Agriculture (international)<\/strong>: Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, S. 26 (siehe auch Solidarische Landwirtschaft, Teikei).<br \/>\n<strong>Community Supported Industry<\/strong>: Die \u00dcbertragung der Idee Solidarischer Landwirtschaft auf das produzierende Gewerbe, S. 27.<br \/>\n<strong>Creative-Commons-Lizenzen<\/strong>: Eine Reihe von Lizenzen, die es Kulturschaffenden erlauben, das Copyright beziehungsweise Urheberrecht so zu nutzen, dass das Weitergeben und Remixen von Werken legal bleibt, S. 69.<br \/>\n<strong>Crowdfunding<\/strong>: Meist von digitalen Plattformen gest\u00fctzte Praxis unabh\u00e4ngiger, gemeinsamer Finanzierung, S. 73. Siehe auch Goteo.<br \/>\n<strong>Digitale Bibliothek Traditionellen Wissens (TKDL, <em>Traditional Knowledge Digital Library,<\/em> Indien, Internet)<\/strong>: Archiv zur Dokumentation traditioneller indischer Heilmethoden, S. 244.<br \/>\n<strong>DNDI, Drugs for Neglected Diseases Initiatve (weltweit)<\/strong>: 2003 von sieben Partnern \u2013 darunter \u00bb\u00c4rzte ohne Grenzen\u00ab \u2013 gegr\u00fcndet um die Forschung, Entwicklung und Bereitstellung von einfach einzunehmenden Medikamenten gegen vernachl\u00e4ssigte Krankheiten zu f\u00f6rdern. Der Name droht obsolet zu werden, denn DNDI widmet sich inzwischen auch der Krebsforschung, S. 312.<br \/>\n<strong>Encommuns (Frankreich)<\/strong>: Commons-basiertes Netzwerk von Programmierfachleuten, S. 145.<br \/>\n<strong>Enspiral (Neuseeland und weltweit)<\/strong>: Ein Netzwerk von mehreren Hundert Selbst\u00e4ndigen sowie Aktivistinnen und Aktivisten, die unter anderem an Open-Source-Plattformen wie Loomio oder CoBudget arbeiten und mit neuen Formen der Selbstorganisation experimentieren, S. 101.<br \/>\n<strong>FabLabs (international)<\/strong>: FabLab kommt vom Engl. <em>fabrication laboratory <\/em> (Fabrikationslabor) und wird manchmal auch Offene Werkstatt genannt. In FabLabs soll Privatpersonen der Zugang zu modernen Produktionsmitteln und -verfahren erm\u00f6glicht werden, S. 153.<br \/>\n<strong>Fairchain<\/strong>: Auf einem sogenannten Proof-of-Cooperation-Algorithmus beruhendes Blockchain, die es allen erm\u00f6glicht, eigene Projekte zu starten und FairCoin als W\u00e4hrung zu nutzen. Jede neue FairChain hat individuelle Eigenschaften und l\u00e4sst sich leicht an die Anwendungsf\u00e4lle anpassen, S. 364, FN 46.<br \/>\n<strong>Federated Wiki (Internet)<\/strong>: siehe Verbundwiki.<br \/>\n<strong>Freie und Open-Source-Software (FOSS oder FLOSS)<\/strong>: Ein hybrider Begriff, in dem \u00bbFreie Software\u00ab (wobei \u00bbfrei\u00ab nicht \u00bbgratis\u00ab bedeutet, sondern \u00bbliber\u00ab, also frei wie in Freiheit) und \u00bbOpen-Source-Software\u00ab zusammenkommen und beide Philosophien ausdr\u00fccken, S. 127.<br \/>\n<strong>Freifunk (Deutschland)<\/strong>: Freie WLAN-Netze, die von Menschen in Eigenregie aufgebaut und gewartet werden. Alle stellen ihren WLAN-Router f\u00fcr den Datentransfer den je anderen zur Verf\u00fcgung, S. 280.<br \/>\n<strong>GPL, General Public License<\/strong>: Die bekannteste <em>Lizenz<\/em> f\u00fcr \u00bbFreie Software\u00ab, die im Jahr 1989 erstmals verwendet wurde, S. 241. Siehe auch Freie und Open-Source-Software.<br \/>\n<strong>GNU\/Linux<\/strong>: Leistungsf\u00e4higes Betriebssystem, das in Commons-Manier von Programmierfachleuten verschiedener Projekte entwickelt wurde (von hardware-naher Software z.B. Linux Kernel und den GNU-Paketen (etwa shell, compiler wie GCC oder Bibliotheken wie glibc), S. 76.<br \/>\n<strong>Goteo (Spanien, Europa und Lateinamerika)<\/strong>: In Madrid beheimatete Crowdfunding-Plattform, speziell f\u00fcr die Finanzierung und Unterst\u00fctzung von Commons, S. 150.<br \/>\n<strong>Guerrilla Media Collective (Spanien, International)<\/strong>: \u00dcbersetzerinnen, Kommunikationsdesigner, Medienexpertinnen, deren Selbstorganisationsregeln bezahlte Arbeit und Commoning so verkn\u00fcpfen, dass letzteres im Zentrum bleibt, S. 146.<br \/>\n<strong>Hackerspace (weltweit)<\/strong>: Ein physischer, h\u00e4ufig offener, selbstorganisierter Raum, in dem sich Hacker sowie an Wissenschaft, Technologie, digitaler Kunst und vielem anderen Interessierte treffen und austauschen k\u00f6nnen. Bekannt sind die c-base in Berlin oder das RaumZeitLabor in Mannheim, S. 160.<br \/>\n<strong>Haenyeo (S\u00fcdkorea)<\/strong>: Die sogenannten \u00bbSeefrauen\u00ab der Insel Jejudo vor S\u00fcdkorea. Erstklassige Taucherinnen, die selbstbestimmt wirtschaften und Meeresfr\u00fcchte ernten sowie eine Kultur des Gemeinsamen leben. Im Dezember 2016 von der UNESCO auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes gesetzt, S. 122.<br \/>\n<strong>Internet Archive (Internet)<\/strong>: Gemeinn\u00fctziges Internet-Archiv f\u00fcr digitalisierte Texte, Audiodateien, Videos und vieles mehr, gegr\u00fcndet 1996 von Brewster Kahle, S. 349, FN 28.<br \/>\n<strong>Iriaiken (Japan)<\/strong>: Auf der Philosophie des <em>iriai<\/em> beruhende Praxis, das Recht auf Gemeinsames auszu\u00fcben, insbesondere bezogen auf Land, das kein Ackerland ist, S. 249.<br \/>\n<strong>Kartoffelpark (Peru)<\/strong>: Im Cusco-Tal werden circa 7.000 Kartoffelsorten durch Anbau gesch\u00fctzt. Kultiviert werden aber auch weitere einheimische Lebensmittel aus der Andenregion. Den rechtlichen Rahmen bietet ein sog. \u00bbGebiet des indigenen biokulturellen Erbes\u00ab (Indigenous Biocultural Heritage Area), S. 100.<br \/>\n<strong>Kening fan \u2019e Greide (K\u00f6nig der Wiesen, Niederlande und Nachbarl\u00e4nder)<\/strong>: Ein Commons-Verbund, in dem der Erhalt der Biodiversit\u00e4t und des Kulturellen Erbes sowie kulturelle Diversit\u00e4t zusammengedacht werden, um Biodiversit\u00e4t zu sch\u00fctzen, S. 364, FN 51.&lt;<br \/>\n<strong>Klimaschutz+ (Deutschland)<\/strong>: Organisationsplattform f\u00fcr Commoners, die die Wende zu einer dezentralen Energieerzeugung auf Basis Erneuerbarer Energien f\u00f6rdern wollen wie Gerechtigkeit und Frieden, S. 282. Dazu geh\u00f6ren Projekte wie Bremer Solidarstrom, S. 364, FN 48.<br \/>\n<strong>Kosmo-lokale Produktion (Projekte, weltweit)<\/strong>: Projekte, die auf die Strategie setzen, Design und Wissen global gro\u00dfz\u00fcgig zu teilen, aber Dinge lokal zu produzieren: Open Desk, S. 172, OpenSPIM, S. 186; PROTEI, S. 186; Wikispeed, S. 172.<br \/>\n<strong>Lake District Sch\u00e4ferei-Commons (Schottland\/Gro\u00dfbritannien)<\/strong>: Traditionelle und moderne Sch\u00e4ferei im Lake District, die sich hoch gelegene Weiden zunutze macht (die sog. <em>fells<\/em>), S. 139\/174.<br \/>\n<strong>Library Genesis (LibGen, Internet)<\/strong>: Schattenbibliothek und Suchmaschine f\u00fcr B\u00fccher und wissenschaftliche Aufs\u00e4tze. Bietet kostenlosen Zugang zu Literatur an, die sonst nur hinter Bezahlschranken online verf\u00fcgbar ist, S. 349, FN 28.<br \/>\n<strong>Lida Pesa (Kenia)<\/strong>: Geh\u00f6rt wie der Bangla Pesa zum Sarafu-Kreditsystem und ist ein Beispiel f\u00fcr Lokalw\u00e4hrungen, S. 152<br \/>\n<strong>Lokalw\u00e4hrungen (international)<\/strong>: Bangla Pesa and Lida Pesa sind zwei gemeinschaftsverwaltete Lokalw\u00e4hrungen in Kenia und geh\u00f6ren zu den \u00fcber 6.000 Alternativw\u00e4hrungen, die weltweit existieren, S. 152.<br \/>\n<strong>Loomio (Internet)<\/strong>: Software-Plattform von Enspiral, die online Debatten und Entscheidungsfindung einfach macht, S. 123.<br \/>\n<strong>Mein Grundeinkommen (Deutschland)<\/strong>: Vereinsgetragenes und crowdfunding-basiertes Grundeinkommens-Experiment, das bedingungslose Grundeinkommen verlost, S. 102.<br \/>\n<strong>Mietsh\u00e4user Syndikat (Deutschland und Nachbarl\u00e4nder)<\/strong>: Ein Verbund von selbstverwalteten Hausprojekten, in dem es darum geht, Wohnraum und Boden dem Markt zu entziehen, S. 236.<br \/>\n<strong>Minga (Andenl\u00e4nder)<\/strong>: traditionelle Form der gemeinsamen Nutzung von Naturverm\u00f6gen, und\/oder der Gemeinschaftsarbeit in den Anden \u2013 von der Ernte bis zur Stra\u00dfenreparatur, S. 252.<br \/>\n<strong>MST, Movimento Sem Terra, (Brasilien)<\/strong>: Bewegung der Landlosen die \u2013 unter anderem mit Landbesetzungen \u2013 f\u00fcr gerechtere Landverteilung k\u00e4mpft, S. 142.<br \/>\n<strong>Nextcloud (Internet)<\/strong>: Eine beliebte Alternative zu Diensten wie Dropbox oder OneDrive, die es erm\u00f6glicht, dass Daten auf den je eigenen Servern gespeichert werden (sog. Filehosting). Nextcloud beruht auf Open Source und freier Software, S. 148.<br \/>\n<strong>Nidiaci-Gemeinschafts-Garten (Italien)<\/strong>: Er ist weniger ein Garten als vielmehr ein Ort vielf\u00e4ltiger Nutzungen besonders f\u00fcr Kinder, der von der Nachbarschaft im florentinischen Bezirk Oltrarno im Herzen der toskanischen Hauptstadt selbstverwaltet wird, S. 199.<br \/>\n<strong>Oberallmeindkorporationen (Schweiz)<\/strong>: Selbst\u00e4ndige K\u00f6rperschaften des Kantonalen \u00d6ffentlichen Rechts in der Schweiz, mit rund elfhundertj\u00e4hriger Tradition, \u00e4hnlich den Iriaiken in Japan, S. 213.<br \/>\n<strong>Ob\u015fte (Rum\u00e4nien)<\/strong>: Traditionelles Waldmanagement in Selbstverwaltung, S. 213.<br \/>\n<strong>Offene Werkstatt (v.a. Deutschland)<\/strong>: Physische R\u00e4ume, die eine produktive Infrastruktur f\u00fcr Eigeninitiative und selbst\u00e4ndiges Arbeiten bieten zum <em>M\u00f6belbau, Schneidern, Papiersch\u00f6pfen, Schmieden, Schwei\u00dfen, Drechseln, Fr\u00e4sen, Programmieren, Erlernen neuer Produktionsverfahren. <\/em>Hier wird geteilt, was f\u00fcrs Selbermachen (DIY) und Gemeinsammachen (DIT) n\u00f6tig ist: Wissen und Materialien, Werkzeuge, Maschinen. S. 280 (siehe auch FabLab).<br \/>\nstrong&gt;Open Building Institute (international): Aus Open Source Ecology hervorgegangene Institution, die sich theoretisch wie praktisch mit Open-Source- und verteilten Techniken befasst, um kosteng\u00fcnstige, modulare H\u00e4user zu bauen, die \u00f6kologisch und energieeffizient sind, S. 186.<br \/>\n<strong>Open Commons Linz (\u00d6sterreich)<\/strong>: Kommunalpolitische Institution, die sich die \u00bbverantwortungsvolle \u00d6ffnung\u00ab digitaler Inhalte in Linz zur Aufgabe gemacht hat, um Verwaltung, Gesundheit, Mobilit\u00e4t, Bildung, Wohnen, Wirtschaft und mehr zu ver\u00e4ndern, S. 287.<br \/>\n<strong>Open Educational Resources (OER) (international)<\/strong>: Bildungsmaterialien jeglicher Art (Lehrpl\u00e4ne, Kursmaterialien, Lehrb\u00fccher, Streaming-Videos, Multimediaanwendungen, Podcasts) und in jedem Medium, die unter einer offenen Lizenz, z.B. Creative-Commons-Lizenzen, ver\u00f6ffentlicht werden und kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringf\u00fcgigen Einschr\u00e4nkungen erm\u00f6glichen, z.B. etwa Schul-O-Mat, S. 68.<br \/>\n<strong>Open Office (Internet)<\/strong>: Korrekter hei\u00dft es Apache OpenOffice. Freies Office-Paket, das uns erlaubt, auf propriet\u00e4re Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations-, Pr\u00e4sentations-, Zeichenprogramme. Datenprogramme usw. zu verzichten (Libre Office ist eine Abspaltung (<em>fork<\/em>) von Open Office), S. 149.<br \/>\n<strong>Open Olitor (Europa\/international)<\/strong>: OpenSource-Software speziell f\u00fcr Solidarische Landwirtschaften\/Community Supported Agriculture, S. 192.<br \/>\n<strong>Open Source Ecology (USA, international)<\/strong>: Globale Gemeinschaft von T\u00fcftlerinnen und T\u00fcftlern, Bauern, Designern und Ingenieuren, die zahlreiche Fahrzeuge, Maschinen und Ger\u00e4te herstellen, die f\u00fcr ein nachhaltiges Leben gebraucht werden: nicht-propriet\u00e4r, modular und unter Nutzung m\u00f6glichst lokaler Materialien, S. 186.<br \/>\n<strong>Open Source Ecology Deutschland (Deutschland)<\/strong>: Ein Ableger von Open Source Ecology. Motto: \u00bbDurch selbst geschaffene und frei verf\u00fcgbare Produktionsmittel eine nachhaltige Lebensweise und die Entstehung einer Open-Source- \u00d6konomie erm\u00f6glichen\u00ab.<br \/>\n<strong>Open Source Seed Initiative (OSSI) (USA, international)<\/strong>: Landwirte, Z\u00fcchterinnen und andere gehen Selbstverpflichtungen ein, um Saatgut als Commons zu bewahren. OSSI hat unter anderem OSSL inspiriert, S. 247.<br \/>\n<strong>Open Source Seed License (OSS) (Deutschland, Schweiz, int.)<\/strong>: Damit Saatgut f\u00fcr alle frei nutzbar ist, sch\u00fctzt diese Lizenz f\u00fcr \u00bbOpen-Source-Saatgut\u00ab das lizenzierte Saatgut als Commons, S. 360, FN 44.<br \/>\n<strong>OpenSPIM (international)<\/strong>: Das Fluoreszenzmikroskop SPIM ist eine Revolution in der Optik. Und alle, die wollen, k\u00f6nnen es dank OpenSPIM nachbauen, S. 186.<br \/>\n<strong>Park Slope Food Coop (New York, USA)<\/strong>: Gro\u00dfe \u00bbMitarbeitskooperative\u00ab <em>(labor cooperative)<\/em> in Brooklyn, New York, die 1973 gegr\u00fcndet wurde und inzwischen mehr als 17.000 Mitglieder hat. PSFC gelingt es, einen Supermarkt dem Markt zu entziehen, S. 224.<br \/>\n<strong>Peer Production License (international)<\/strong>: Lizenz, die all jenen die freie Nutzung von lizenziertem Material erlaubt, die etwas zu den Commons beitragen. Wer nichts beitr\u00e4gt, zahlt Lizenzgeb\u00fchren, S. 359, FN 20.<br \/>\n<strong>Permakultur (international)<\/strong>: Denkprinzip und Praxis, um zu dauerhaft funktionierenden, lebendigen, naturnahen und nachhaltigen Kreisl\u00e4ufen beizutragen. Einst f\u00fcr die Landwirtschaft entwickelt, greift es inzwischen auf andere Bereiche \u00fcber, S. 105.<br \/>\n<strong>Public Library of Science (international)<\/strong>: Open-Access-Journal, das hochwertige, durch das Peer-Review-Verfahren gegangene wissenschaftliche Forschungsergebnisse kostenlos zur Verf\u00fcgung stellt, S. 179.<br \/>\n<strong>Sarafu-Kreditsystem (Kenia)<\/strong>: Netzwerk von Lokalw\u00e4hrungen, zu denen unter anderen Bangla Pesa und Lida Pesa geh\u00f6ren, S. 152.<br \/>\n<strong>Schul-O-Mat (Internet)<\/strong>: Deutschsprachige OER (<em>Open Educational Resources<\/em>), Schulbuch-Gemeinschaft, die Lehrwerke f\u00fcr den Unterricht produziert, die als PDF oder E-Book heruntergeladen werden k\u00f6nnen, S. 193.<br \/>\n<strong>Sci-Hub (Internet)<\/strong>: Als Reaktion auf die hohen Preise wissenschaftlicher Artikel von kommerziellen Wissenschaftsverlagen entstandene Schattenbibliothek, S. 349, FN 28.<br \/>\n<strong>SolarCommons (international)<\/strong> kann man als allgemeine Bezeichnung f\u00fcr commons-gem\u00e4\u00dfe Nutzung von Solarenergie verstehen. SolarCommons hei\u00dft aber auch eine Organisation, die sich f\u00fcr Solarenergieprojekte in Gemeinschaftshand einsetzt (community trust-owned solar energy projects) und die \u00dcbersch\u00fcsse in arme Nachbarschaften investiert, S. 303.<br \/>\n<strong>Solidarische Landwirtschaft (Deutschland, Europa, international)<\/strong>: Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, bei der sich die Beteiligten das Produktionsrisiko teilen, S. 27 (siehe auch: Community Supported Agriculture, Teikei).<br \/>\n<strong>Soziokratie (international)<\/strong>: Organisationsform, die auf den Erkenntnissen der Systemtheorie beruht und mit der Gruppen verschiedener Gr\u00f6\u00dfe \u2013 von der Familie, \u00fcber Gemeinschaften und Nichtregierungsorganisationen, aber auch Unternehmen und staatliche Institutionen \u2013 konsequent Selbstorganisation umsetzen k\u00f6nnen, S. 133.<br \/>\n<strong>Sozialistische Selbsthilfe M\u00fchlheim (SSM, Deutschland)<\/strong>: Selbstverwaltetes, vielfach ausgezeichnetes Projekt in K\u00f6ln seit 1979, alternatives Lebensmodell, selbstbestimmtes Wirtschaften, Engagement gegen Ausgrenzung und f\u00fcr Menschenw\u00fcrde, S. 170.<br \/>\n<strong>SSOAR (Internet)<\/strong>: Open-Access-Plattform f\u00fcr geisteswissenschaftliche Literatur, S. 349, FN 28.<br \/>\n<strong>Subak (Bali, Indonesien)<\/strong>: Bedeutet so viel wie \u00bbBew\u00e4sserungsgemeinschaft\u00ab, hei\u00dft aber w\u00f6rtlich auf balinesisch \u00bbverbundenes Wasser\u00ab. Organisationsform, die einen rechtlichen und praktischen Rahmen zum Nassreisanbau bietet. Zu einem Subak geh\u00f6ren der Verband der Landbesitzenden, etliche \u2013 vielerorts terrassierte \u2013 Reisfelder (<em>sawah<\/em>) und das Bew\u00e4sserungssystem. Endg\u00fcltig eingef\u00fchrt wurden die Subaks 1022 durch k\u00f6nigliches Edikt, S. 130.<br \/>\n<strong>Teikei (Japan)<\/strong>: Bedeutet \u00bbKooperation\u00ab oder \u00bbGemeinschaftsgesch\u00e4ft\u00ab. Konkret: direkte Partnerschaften zwischen B\u00e4uerinnen und Verbrauchern, die seit den 1970er Jahren im Kontext kleinb\u00e4uerlicher Landwirtschaft und \u00f6kologischen Landbaus in Japan enorme Verbreitung gefunden hat, S. 27.<br \/>\n<strong>Telecommons (Deutschland)<\/strong>: In Gr\u00fcndung befindliches gemeinschaftsgetragenes, solidarisch beitragsfinanziertes und bundesweit vernetzendes Projekt, das die Telekommunikation absichert, S. 153.<br \/>\n<strong>Terre de Liens (Frankreich)<\/strong>: Franz\u00f6sische Organisation, die Mittel sammelt, um f\u00fcr angehende Kleinb\u00e4uerinnen und Kleinbauern Land zu kaufen und dieses Land auf Dauer dem Markt zu entziehen S. 295.<br \/>\n<strong>Transition Town Movement (international)<\/strong>: Oft als \u00bbStadt im Wandel\u00ab-Bewegung bezeichnet; Engagierte aus Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen und dar\u00fcber hinaus gestalten seit 2006 in vielen St\u00e4dten und Gemeinden den bewussten \u00dcbergang in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung u.a. von dem irischen Permakulturisten Rob Hopkins, S. 106.<br \/>\n<strong>Unitierra (Universidad de la Tierra en Oaxaca, Mexico)<\/strong>: Ein \u00bbde-institutionalisierter Lernraum\u00ab von Commoners f\u00fcr Commoners, in dem formale Rollen und Hierarchien abgelehnt werden, S. 120.<br \/>\n<strong>Verbundwiki (international)<\/strong>: Die n\u00e4chste Generation des Wiki. Eine Software, die eine wunderbare digitale Schreibumgebung bietet, in der individuelle Kreativit\u00e4t und die gemeinsame Produktion von Inhalten nahtlos ineinander \u00fcbergehen, S. 230.<br \/>\n<strong>Vipassana (international)<\/strong> ist eine von vielen Meditationstechniken aus der buddhistischen Tradition. Die \u00bbVipassana-Bewegung\u00ab ist eine lose gekn\u00fcpfte Laien- und Ordiniertenbewegung, der Lehrende, Meditierende, Meditationszentren und Gemeinschaften aus aller Welt angeh\u00f6ren, S. 310.<br \/>\n<strong>Vivihouse (\u00d6sterreich, international)<\/strong>: Commons-inspiriertes, offenes Baukastenprinzip, mit dem sich mehrgeschossige, energieeffiziente und flexible Geb\u00e4ude aus \u00f6kologischen Baustoffen planen und realisieren lassen, S. 186 (siehe auch Wikihouse).<br \/>\n<strong>WikiHouse (Gro\u00dfbritannien, international)<\/strong>: Architektinnen, Designer und andere Personen erfinden neu, wie wir geld- und ressourceneffizient bauen, 2018 gibt es 11 Gruppen in verschiedenen L\u00e4ndern, S. 24.<br \/>\n<strong>Wikipedia (Internet)<\/strong>: Kennen alle und bedarf keiner Vorstellung. Ende 2018 hat die freie Online-Enzyklop\u00e4die 72.000 aktiv Beitragende, mehr als 48 Millionen Artikel in aktuell 302 Sprachen, S. 82.<br \/>\n<strong>Zanjera (Philippinen)<\/strong>: Gemeinschaftsbasierte Bew\u00e4sserungssysteme, den Acequias \u00e4hnlich. Sie existieren seit mindestens 400 Jahren, S. 139.<br \/>\n<strong>Zeitbank Helsinki (Finnland)<\/strong>: Zeitbank, die von mehr als 3.000 Mitgliedern genutzt wird, um ihre F\u00e4higkeiten einzubringen und ohne Vermittlung des Marktes Dienstleistungen auszutauschen, S. 121.[\/vc_column_text][vc_column_text el_id=&#8220;notes1&#8243;]<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 370\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Register<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][vc_tta_section title=&#8220;Danksagung&#8220; tab_id=&#8220;Danksagung&#8220;][vc_column_text]<\/p>\n<h2>Danksagung<\/h2>\n<p>Dieses Buch h\u00e4tte ohne unsere Kolleginnen und Freunde, Kritikerinnen und Berater, Testleser und verst\u00e4ndnisvoll die Augen rollende Familienmitglieder unm\u00f6glich entstehen k\u00f6nnen. Eine Art Mikro-Commons musste wachsen, um die notwendige Forschung, die Reflexionen, die Debatten, das Schreiben und die nicht enden wollenden Revisionen zu erm\u00f6glichen, die das Werk schlie\u00dflich bis zum letzten Punkt gebracht haben. Das Sahneh\u00e4ubchen auf dieser Genesis ist es, allen zu danken. Gleichzeitig verursacht eine solche Danksagung einigen Stress, aus Angst wir k\u00f6nnten trotz aller Sorgfalt doch jemanden vergessen.<\/p>\n<p>Die <em>Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung<\/em> war uns von Anfang an best\u00e4ndige Partnerin, auf deren Unterst\u00fctzung wir uns immer verlassen konnten \u2013 in optimistischen Zeiten, aber auch in Momenten, in denen man sich wie festgefahren f\u00fchlte. Insbesondere Barbara Unm\u00fcssig, Vorstand der Stiftung, und Heike L\u00f6schmann, die damalige Leiterin der Abteilung f\u00fcr Internationale Politik, haben uns von Anfang an ermutigt, die Erforschung und Beschreibung der Welt der Commons voranzutreiben und ihr politisches Potenzial auszuloten. Sie waren dabei hartn\u00e4ckig, unersch\u00fctterlich, solidarisch, gro\u00dfartig. Joanna Barelkowska hat uns und die Entstehung dieses Buches seit 2016 geduldig unterst\u00fctzt, ja F\u00fcrsorge walten lassen und uns durch alle Untiefen des Projektes gelotst. J\u00f6rg Haas, heute Referent f\u00fcr Internationale Politik, hat das Projekt engagiert aufgegriffen und damit uns und das Anliegen gest\u00e4rkt. Caroline Schr\u00f6der unterst\u00fctzte den Beginn der Arbeiten zum Grafikdesign, und Bernd Rheinberg sorgte f\u00fcr eine sorgf\u00e4ltige und au\u00dferordentlich hilfreiche Textredaktion des Manuskripts. Danke daf\u00fcr!<\/p>\n<p>David Bollier bedankt sich besonders bei Peter und Jennifer Buffett von der <em>NoVo Foundation<\/em> f\u00fcr ihre unerm\u00fcdliche Unterst\u00fctzung seiner Commons-Arbeit, einschlie\u00dflich dieses Buches. Er dankt au\u00dferdem Susan Witt, der Direktorin des <em>Schumacher Center for a New Economics<\/em>, f\u00fcr ihre Kollegialit\u00e4t und ihren Rat in dem Versuch, Commons neu zu denken.<\/p>\n<p>Silke Helfrich ist besonders den Kolleginnen und Kollegen des <em>Institute of Advanced Studies on Sustainability<\/em> (IASS) in Potsdam verbunden f\u00fcr das vertrauensvolle, ko-kreative Umfeld, das sie 2018 f\u00fcr zwei Monate dort genie\u00dfen konnte. Der Dank richtet sich vor allem an das AMA-Team (<em>A Mindset for the Anthropocene<\/em>): Jessica B\u00f6hme, Man Fang, Carolin Fraude, Zachary Walsh und Thomas Brun. Sie haben einen Raum er\u00f6ffnet, um zu diskutieren, welche Rolle Commons in einer ad\u00e4quaten Reflexion \u00fcber und f\u00fcr das Anthropoz\u00e4n haben, und zudem wertvolle Vorschl\u00e4ge zu Verbesserungen des deutschen Manuskripts eingebracht.<\/p>\n<p>In unserem Versuch, auch neues Terrain auszuloten, haben wir uns auf die Einsichten und Kenntnisse vieler Testleserinnen und Testleser st\u00fctzen k\u00f6nnen \u2013 Akademikerinnen und Aktivisten, die mit den verschiedenen Dimensionen der Commons oder den Schwerpunkten der einzelnen Kapitel besonders vertraut sind. Drei Menschen waren durch ihre Gewissenhaftigkeit und Geduld (mit uns und dem gr\u00f6\u00dften Teil des englischen Manuskripts) eine besondere Unterst\u00fctzung: Joanna Barelkowska, Julia Petzold und Wolfgang Sachs. Danke! Wie auch alle anderen r\u00e4umten sie Fehler aus und ermutigten uns, den einen Gedanken und jenen Wortlaut zu \u00fcberdenken. In \u00e4hnlicher Weise profitierten wir auch von den au\u00dferordentlich wertvollen Kommentaren von Saki Bailey, Adelheid Biesecker, Bruce Caron, Jonathan Dawson, Gustavo Esteva Figueroa, Sheila Foster, Claudia G\u00f3mez-Portugal M., Samar Hassan, Bob Jessop, Alexandros Kioupkiolis, Kris Krois, Miguel Martinez, Silvia Maria D\u00edaz Molina, Janelle Orsi, Jorge Rath, David Rozas, Neera Singh, Johann Steudle (Danke f\u00fcr die Rechtsberatung!), Orsan Senalp, Simon Sutterl\u00fctti, John Thackara, Stacco Troncoso, Carlos Uriona, Ann Marie Utratel, Jon Richter und Andreas Weber.<\/p>\n<p>Einige Felder des Commoning bleiben in der akademischen Literatur zum Thema weithin unbestellt, weswegen wir uns oft an Menschen mit pers\u00f6nlicher Erfahrung in dem einen oder anderen spezifischen Kontext oder Commons gewendet haben. Besonders bedanken wir uns bei Paula Segals f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Rundgang durch die <em>Park Slope Food Coop<\/em>, einschlie\u00dflich der Generalversammlung. Durch Interviews haben wir viel \u00fcber die allt\u00e4glichen Probleme erfahren, mit denen Commoners umgehen. Besonders hilfreich waren die Einblicke, die uns Rainer Kippe \u00fcber SSM in K\u00f6ln er\u00f6ffnet hat; Peter Kolbe \u00fcber <em>Klimaschutz+<\/em>; Amanda Huron, Sara Mewes, Johannes Euler und Jochen Schmidt \u00fcber sehr unterschiedliche Wohnformen und Wohnraum-Commons; Siri und Oscar Kjellberg \u00fcber das \u00d6kodorf <em>Baskem\u00f6lla Ekoby<\/em>; Natalia-Rozalia Avlona \u00fcber das <em>Sarantoporo Community Network<\/em>; Bettina Weber und Tom Hansing \u00fcber <em>Offene Werkst\u00e4tten<\/em>; und Izabela Glowinska und Paul Adrian Schulz \u00fcber <em>Vivihouse<\/em>.<\/p>\n<p>Laura Valentukeviciute und Katrin Kusche haben gro\u00dfz\u00fcgig ihr Wissen \u00fcber \u00d6ffentlich-Private Partnerschaften geteilt und bei der Suche nach Alternativen geholfen. Dina Hestad hat uns Einblick in ihre Erkenntnisse zur Transformationsforschung gew\u00e4hrt! Ferananda Ibarra, Jean Russell und Eric Harris-Braun erkl\u00e4rten uns geduldig und brillant die Holochain-Welt. Ward Cunningham, Jon Richter und die <em>Federated Wiki Community<\/em> \u00f6ffneten unsere Augen f\u00fcr die enormen M\u00f6glichkeiten dieser Plattform. Danke!<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren veranstaltete die <em>Commons Strategies Group<\/em> (deren Mitbegr\u00fcnder wir sind) eine Reihe von <em>Deep-Dive-Workshops<\/em>, die uns mit bemerkenswerten Menschen zusammenbrachten. Ihnen allen sind wir zu Dank verpflichtet, darunter besonders <em>Michel Bauwens<\/em> f\u00fcr die wertvolle Zusammenarbeit und die vielen Gedanken, die wir ausgetauscht haben.<\/p>\n<p>Die Beteiligten der deutschsprachigen <em>Commons Sommerschule <\/em> 2018, insbesondere Heike Pourian und Gunter Kramp, waren die ersten, die auf das gesamte Set der \u00bbMuster des Commoning\u00ab reagieren konnten. Sie gaben uns das Gef\u00fchl, auf dem richtigen Weg zu sein, und \u00fcberzeugten uns, das \u00bbUntersuchungsfeld\u00ab f\u00fcr jedes Muster zu kl\u00e4ren. Sandra Lustig und Julia Petzold gilt besonderer Dank f\u00fcr den geduldigen Feinschliff der deutschen Musternamen.<\/p>\n<p>Wenn die Beteiligten eines Teams, so wie wir, auf zwei unterschiedlichen Kontinenten leben, so ist das trotz moderner Technik auch ein logistisches Problem, bei dessen L\u00f6sung wir oft gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt wurden: Tilman Santarius und seine Familie stellten uns ihr wunderbares Haus in Berlin zur Verf\u00fcgung. Es wurde zum Treibhaus kreativer Diskussionen, die Eingang in dieses Buch gefunden haben. In der N\u00e4he von Florenz arrangierte Jason Nardi einen idyllischen R\u00fcckzugsort, an dem wir ungest\u00f6rt arbeiten konnten. Carlos Uriona und Matthew Glassman vom <em>Double Edge Theatre <\/em> boten Raum zum Durchatmen und Weiterdenken im winterlichen Ashfield, Massachusetts.<\/p>\n<p>Ein kleines Team talentierter Designerinnen und K\u00fcnstlerinnen hat uns mit dem Erscheinungsbild dieses Buches beschenkt. Designstudentinnen des Masterstudiengangs Eco-Social Design der Universit\u00e4t Bozen \u2013 Chiara Rovescala und Federica di Pietro \u2013 haben unter der Leitung von Kris Krois und Lisa Borgenheimer einige Illustrationen zu unseren Mustern entwickelt. Diese inspirierten wiederum die Illustrationen von Merc\u00e8 M. Tarr\u00e9s, aus deren \u00bbWerkstatt\u00ab die Illustrationen stammen, die Sie in diesem Buch sehen k\u00f6nnen. Danke, f\u00fcr diese gro\u00dfartige, kollegiale und lebendige Arbeit! Auch das Coverdesign von Mireia Juan Cuco vermittelt den Geist unseres Buches mit Eleganz und Energie. Stacco Troncoso und Ann Marie Utratel vom <em>Guerrilla Media Collective<\/em>, das auch die spanische \u00dcbersetzung besorgen wird, haben die gesamte Designarbeit betreut. Ihre Pr\u00e4senz hat uns in den letzten Jahren sehr viel bedeutet!<\/p>\n<p>Das Originalmanuskript von <em>Free, Fair and Alive<\/em> wurde in englischer Sprache verfasst und sofort nach Abschluss der einzelnen Kapitel ins Deutsche \u00fcbersetzt. F\u00fcr diese sorgf\u00e4ltige \u00dcbersetzung danken wir Sandra Lustig, die angesichts der vielen neuen Begriffe Beachtliches geleistet hat. Aus der \u00dcbersetzung gewonnene Erkenntnisse flossen oft als Verbesserungen in das englische Manuskript zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist schwierig, einen Verleger zu finden, der die Idee der Commons versteht und bereit ist, \u00fcberhaupt Gespr\u00e4che zu einer Creative-Commons-Lizenz zu f\u00fchren. Beim <em>transcript Verlag<\/em> in Deutschland wie auch bei <em>New Society Publishers<\/em> in British Columbia bedanken wir uns daf\u00fcr, dass sie sich f\u00fcr einen besseren Zugang zu Wissen in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld gewinnen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und der wichtigste Dank gilt unseren Lieben. Silke: \u00bbDanke, lieber Jacques, dass Du w\u00e4hrend der langwierigen Entstehung dieses Buches, beim Vordringen in herausfordernde Gedankenlabyrinthe oder nach ersch\u00f6pfenden Stunden vor meinem Computerbildschirm immer mit Geduld und Ermutigung f\u00fcr mich da warst, um mich wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Du hast mir auch erlaubt zu beobachten, wie wir Menschen \u203aden Commoner in uns selbst\u2039 entdecken.\u00ab David: \u00bbVielen Dank, liebe Ellen, dass Du meine vielen Reisen und den langen Schreibmarathon mitgetragen hast, der dieses Buch hervorgebracht hat!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Silke Helfrich<\/em><br \/>\n<em>Neudenau, Baden-W\u00fcrttemberg, Deutschland<\/em><\/p>\n<p><em>David Bollier<\/em><br \/>\n<em>Amherst, Massachusetts, USA<\/em><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_tta_section][\/vc_tta_tour][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text][\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]<\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row css=&#8220;.vc_custom_1564503587004{padding-top: 20px !important;}&#8220;][vc_column][vc_text_separator title=&#8220;Hineinlesen&#8220; title_align=&#8220;separator_align_left&#8220; align=&#8220;align_right&#8220; color=&#8220;black&#8220; el_class=&#8220;pagetitle&#8220;][vc_column_text el_class=&#8220;pagedescription&#8220;]Frei, Fair und Lebendig wurde im Fr\u00fchling 2019 vom transcript-Verlag ver\u00f6ffentlicht. Die Inhalte des Buches werden wir auch auf dieser Website im Laufe des Jahres 2019-2020 schrittweise serialisieren.[\/vc_column_text][vc_separator color=&#8220;black&#8220;][\/vc_column][\/vc_row][vc_row css=&#8220;.vc_custom_1562018165555{margin-bottom: 50px !important;}&#8220;][vc_column][vc_tta_tour shape=&#8220;square&#8220; spacing=&#8220;30&#8243; gap=&#8220;30&#8243; controls_size=&#8220;md&#8220; active_section=&#8220;1&#8243; el_class=&#8220;readit&#8220;][vc_tta_section title=&#8220;Vorwort &#8211; Einleitung&#8220; tab_id=&#8220;Vorwort&#8220;][vc_column_text] Vorwort Dieses Buch liest&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-2831","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2831","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2831"}],"version-history":[{"count":30,"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2831\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2891,"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2831\/revisions\/2891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freefairandalive.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2831"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}